N I PPO N.
Archiv zur Beschreibung
von
JAPAN
und dessen Neben- und Schutzländern:
Jezo mit den südlichen Kurilen, Sachalin, Korea und den
Liukiu - Inseln
von
Ph. Fr. von Siebold.
Herausgegeben von seinen Söhnen.
ERSTER BAND.
Zweite Aufl.^-e.
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Würzburg
Verlag der k: u. k. Hofbu
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N I P P O N.
ARCHIV ZUR BESCHREIBUNG
VON
JAPAN
UND DESSEN NEBEN- UND SCHUTZLÄNDERN
JEZO MIT DEN SÜDLICHEN KURILEN, SACHALIN, KOREA
UND DEN LIUKIU-INSELN
VON
Ph. Fr. von Siebold.
HERAUSGEGEBEN VON SEINEN SÖHNEN.
ERSTER BAND.
— *3- ZWEITE AUFLAGE.
WÜRZBURG UND LEIPZIG.
VERLAG DER K. U. K. HOFBUCHHANDLUNG VON LEO WOERL.
1897.
Alle Rechte, besonders das Recht der Übersetzung, Vorbehalten.
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I
Erklärung des Titelbildes.
ie Deutung eines Gemäldes anzugeben, welches hier, gleichsam über der Pforte zu einem
noch wenig betretenen Gebiete der Völkerkunde aufgestellt, unserem Blicke entgegentritt,
sei diesem in folgenden Worten ein Führer geboten, der die Aufgabe löse, die der Kunst-
freund an den Künstler stellt, wenn dieser aus fremdem Reiche fremdartige Gebilde ihm
vorführt.
Aus dem Kreise der hier vereinten Sinnbilder mag wohl unseren ersten Blick die Erscheinung
des vielarmigen Waffenträgers auf sich ziehen. Der Name desselben ist Marisiten, und die Mythe
nennt ihn gewaltig, beharrlich, lebhaft flammend.
An entgegengesetzten Enden Asiens finden wir so dasselbe Idol, welches Mittelindien zur Wiege
seines Mythus hat. Dafs dieses Idol aus Indien stamme, bezeugt die auf dem Schilde beigefügte An-
fangssilbe seines Namens in der alten Schrift Devanägarl; auch Gestalt, Gewand und Rüstung deuten
dahin. Die heiligen Bücher stellen es als Sinnbild der Macht auf: «Marisi, son ten», heifst es, «Marisb
der Verehrungswürdige, Allmächtige, ein reinglänzend Feuer schwebt er nieder, dieser Himmelsgott,
unschaubar, unnahbar, eine Flamme unverzehrbar, ein Wasser unversiegbar». Näher bestimmt ihn sein
Träger und Gefährte, der ihm heilige Eber, Sinnbild der Stärke und des kriegerischen Mutes.
Marisi zur Linken erblicken wir den hehren Hö, der als eine glückbedeutende, glückbringende
Erscheinung der Volkssage von China und Nippon angehört. Ein beliebtes Bild dient er allgemein
zur Verzierung von Kunsterzeugnissen, bei Malereien, Bildhauer- und Erzarbeiten. Aber besonders
merkwürdig ist uns dies Vogelbild als Bauzierrat an der Gesichtsseite gewisser Hauskapellen, wo seine
ausgebreiteten Flügel an den ägyptischen Karnies erinnern. In der geflügelten Gestalt, Marisi zur
Rechten, erscheint Tengu; er ist Wächter des Himmels, Götterherold, Beschützer der Kami und ihrer
Mija. Dieses Bild ist dem Sintödienste entnommen, wo es bald unter menschlicher, bald halbmensch-
licher, bald unter Vogelgestalt vorkommt. An den Prachtthoren der Sintötempel, wo es aufgestellt
ist, erscheint Tengu als Wächter gegen böse Geister, den von da ausgehenden Feierzügen wird er als
Führer vorgetragen, und es ziert bei Volksfesten, zu Ehren der alten Landesgötter, seine Larve die
Schutzgöttermasken.
Aus den vielen Nippon’schen Volkssagen sehen wir eine hier hervorgehoben: es ist der Kampf
eines Helden mit dem achtköpfigen Drachen, — eine That, die man oft auf Votivtafeln, in Hallen von
Sintötempeln, mit grellen Farben dargestellt findet, und die noch in den Erzählungen der Priester des
Tempels bei Atsuta fortlebt, der dem Andenken des Helden von Jamato errichtet ist. Nach diesen
zeigte sich jährlich ein achtköpfig Ungeheuer auf Jamato, das verheerend hauste. Nur eine Jungfrau
aus fürstlichem Stamme, ihm zum Opfer dargebracht, vermochte seine Wut zu besänftigen. Endlich
stiefs ein Held Namens Susano-ö auf das feuersprühende Ungeheuer, bekämpfte und vernichtete es.
Er entrifs dem Schweife des Drachen das Schwert, genannt Amano-mura-kumo, welches später Jamato-
take, der Sohn des Mikado Keikö-tenwö (71 v. Chr.), ein Jüngling von ungewöhnlicher Körperstärke
und seltenem Mute, führte. Seine Heldenthaten bewahren die Jahrbücher; sie verewigen seinen Kampf
gegen die Wilden, welche ihn durch Feuer zu vernichten suchten, von dem Helden aber selbst durch
das Feuer vernichtet wurden, welches er mit dem mitgebrachten heiligen Feuersteine angezündet hatte.
Dieses Schwert wird noch heutiges Tages unter den drei Reichskleinodien aufbewahrt. In den un-
gewöhnlichen Thaten dieses Helden wiederholt sich eine Mythe, welche bis dahin in dunklen Bildern
VI
Erklärung des Titelbildes.
der Überlieferung seiner Zeitgenossen vorscbwebte und wie die meisten Volkssagen eine gewisse
historische Berechtigung hat. Der feuersprühende achtköpfige Drache, den er besiegte, war ein Un-
geheuer, dem man die bisherigen Verwüstungen andichtete. Man glaubte in der That an das Dasein
solcher Geschöpfe und hielt sie für Diener der Sonnengottheit, welche durch das Entsenden derselben
die Menschen züchtige. Man suchte die Gottheit selbst durch Opfer zu versöhnen, die man ihren in
Tiergestalt erscheinenden Gehülfen entrichtete, und ein edleres Opfer konnte man wohl nicht dar-
bringen als eine schöne fürstliche Jungfrau.
Diese Fabel erinnert auch an Herkules Kampf mit der lernäischen Hydra, und wenn die
Nippon’sche Volkssage beifügt, dals Kö-kano sarnurö, ein Freund des Helden von Jamato, mit in die
Höhle, den Aufenthalt des Ungeheuers, hinabstieg und mit einer Fackel dem Kämpfenden beistand, so
knüpft sich hier um so leichter jene griechische Mythe an, die einen wälderanzündenden lolaos den
treuen Gefährten des Herkules nennt. Die Felsenmasse, gegen die sich hier des Helden Fufs stemmt,
liefse sich als der Fels auslegen, unter dem Herkules die Hydra begrub.
Umwölkt und in undeutlicher Ferne, wie die Götter und Helden im Sagenkreise der Vorzeit
sich darstellen, so schweben hier diese bildlichen Darstellungen über Nippon. Entnommen dagegen
dem Kreise der Wirklichkeit, treten in hellerem Lichte rundum Schmuckbilder hervor, die als volks-
tümliche Merkmale anspielen auf Künste, Wissenschaften, Landwirtschaft und Industrie.
Auffallend mag zunächst dem Altertumsforscher das vogelähnliche Gefäfs erscheinen — ein Ab-
bild des Tori-kame, das seit uralter Zeit in Menschengröfse vor der Tempelwohnung des Mikado
steht — , ein Zeuge von der bildenden Kunst der entferntesten Vorzeit.
Dem Gefälse gegenüber erscheint, von Priestern des Sintödienstes getragen, eines der fünf gött-
lichen Musikinstrumente, die grofse Trommel (Kaku-tai-ko). Einst war Ama-terasu-no-kami, die himmel-
erleuchtende grofse Gottheit, plötzlich verschwunden, und Nacht lag über dem Götterlande. Von den
Menschen beleidigt, hatte sie sich grollend in eine Höhle verborgen, und nur dem lieblichen Tonspiele
gelang es, sie wieder hervorzurufen, zu besänftigen und mit den Menschen auszusöhnen. — Einen so
erhabenen Ursprung giebt Nippon der Tonkunst.
Der Fächer, vom weichen bildsamen Holze des Lebensbaumes verfertigt und verziert mit immer-
grünen Ranken, war ehemals in Japan ein Prunkstück in fürstlicher Hand. Einfach noch und schmuck-
los sehen wir ihn am Hofe des Kaisers zur Erinnerung an alte Sitten beibehalten, während, in fort-
schreitender Bildung, Prachtliebe sich Seidenzeuge und Goldstoffe zu verschaffen wufste.
Mais, das vermeintliche Geschenk des neuen F estlandes, kennt schon lange der Landmann auf
Nippon. Kürbisse und Melonen, diese allen Weltteilen einheimisch gewordenen Gartenfrüchte, baut
dort der Gärtner seit undenklichen Zeiten. Sinnbildlich mögen diese Naturerzeugnisse, allgemein be-
kannt, den auf Nippon blühenden Land- und Gartenbau andeuten; sie können aber auch als Zeugen
eines Verkehrs gelten, welcher Völker, wenngleich durch weite Meere geschieden, in frühester Zeit
verbunden haben mufste ! —
In dem zierlichen Bogen wird man vielleicht nur eine eigentümliche alte Art dieser Völkerwaffe
zu erkennen glauben. Doch mehr als die Form einer Waffe wird der Sprachforscher daran finden.
Er wird das chinesische Schriftzeichen erkennen, welches den Bogen bedeutet, entlehnt aus der Reihe
jener Zeichen, welche der Kindheit der Schrift angehören; eine Kunst, welche, wie sie in ihrem reiferen
Alter erscheint, im Schmuckbildchen, dem Bogen gegenüber, dargestellt ist.
Lassen wir diese Bilder zurücktreten, so liegt vor uns Nippon, überragt von dem merkwürdigen
Feuerberge Fusi, von der aufgehenden Sonne beleuchtet, — ein friedliches Inselland. Munterer Fleifs
pflügt seine Thäler, bebaut die hohen Bergrücken. Des ungestörten Besitzes sicher, reichen Kunstfleifs
und Gewerbe sich die Hand und beleben mit Segeln die hafenreichen Küsten.
Aus der bis jetzt ununterbrochenen Reihe seiner Herrscher sehen wir im Vordergründe Ten-tsi-
Tenwö ruhen, in der Plrbfolge der neununddreifsigste Mikado, dessen Herrschaft in die zweite Hälfte
des siebenten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung fällt. Nippon dankt diesem Kaiser das Aufblühen der
Künste und Wissenschaften; von ihm wurden zuerst öffentliche Schulen errichtet, und zu Ehren des
chinesischen Welt weisen Confucius Tempel erbaut. Die chinesische Schrift, früher aus Kudara, einer
Landschaft des benachbarten Korea, überbracht, wurde durch ihn allgemein über Japan verbreitet.
Auch die Landessprache suchte dieser Fürst, selbst Dichter, zu veredeln, und sein Verdienst um dieselbe
setzt ihn noch heutzutage an die Spitze der hundert Dichter in der alten Jamatosprache.
Dem Kaiser zur Seite tritt aus der Gruppe geharnischter Krieger das Bild seines Feldherrn, des
Sjögun, hervor. Es ist das Bild des berühmten Helden Josimitsu gewählt, aus dem zwölften Jahr-
VII
Erklärung des Titelbildes.
hundert, um die eigentümliche alte Waffenrüstung der Japaner zu zeigen und zugleich einen Sjögun,
den Beschützer des Mikado, vorzuführen.
Das Bild gegenüber bezieht sich auf das Volk, seine Sitten und Gebräuche. Es stellt einen Auf-
tritt aus der Neujahrsfeier dar, einen Landesherrn, wie er als Hausvater das Glück in sein Haus ein-
ladet und Unheil bannt. Festlich gekleidet, durchschreitet er um Mitternacht das Haus und wirft nach
allen Seiten geröstete Bohnen. «Hinaus», ruft er, «böser Geist, Schätze herein!» Ein japanischer
Maler fafste diesen alten Gebrauch so auf, wie es im Bilde hier wiedergegeben ist. Die Versinnlichung
des bösen Geistes verdient einen Blick, weil es der Teufel ist, wie ihn die Volkslehre des Buddhismus
darstellt. Hartnäckig zögernd läfst ihn der Maler entweichen und Reichtum und Schätze an seine
Stelle treten.
Die kleine Kapelle, welche auf einem pyramidenförmigen Gemäuer hinter dem Vordergründe
emporragt, zeigt uns ein Sintögrabmal aus früherer Zeit. Das aus rohbehauenen Basaltsteinen zusammen-
gefügte Mauerwerk gleicht ganz den bekannten cyklopischen Mauern. Tempel- und Festungsmauern
in Japan sind durchgehends auf diese Art gebaut. Das Säulenthor führt nach dem Grabmale und ist
den Tempeln des Sintödienstes eigen. Von Holz, Stein oder Erz verfertigt, erheben sich diese Ehren-
thore oft zu einem grofsgestaltigen Säulenpaare, und die Baukunst erkennt in ihnen eine eigentümliche
Säulenordnung.
Im Vordergründe dieses Gemäldes sind unter anderen noch einige bemerkenswerte Gegenstände
aufgestellt. Den vergleichenden Altertumsforscher wird das dreifüfsige Gefäfs anziehen. Die krokodil-
ähnliche Verzierung auf dem Deckel, die Schildkrötenköpfe am Fufsknie, überhaupt die ganze Form
wird ihm nicht gleichgültig sein, da er ähnliche Gefäfse auf dem Festlande von Asien und Amerika
vorfindet. In Japan dient dasselbe als Rauchgefäfs am Opfertische des Hausschutzgottes.
Das gekrümmte Juwel (Magatama), Schatz, Schmuck und Geld der alten Bewohner Japans,
liegt neben der chinesischen Münze Hanriö, die unter dem chinesischen Kaiser Zin Schi hoäng-ti
(220 vor Chr.) in China gegossen und von chinesischen Ansiedlern in frühester Zeit nach Japan ge-
bracht worden ist.
Als Tonmafs finden wir hier die alte Panflöte, als Kriegstrompete die Schnecke der Tritonen,
und unter den Kriegs- und Machtzeichen liegt das Beil der römischen Fasces. Der Magnet, der schon
im siebenten Jahrhundert in den japanischen Jahrbüchern als ein Rad, das den Norden anzeigt, an-
geführt ist, erweist sich hier als aufsereuropäische Erfindung.
Die öffentliche Gottesverehrung in Japan zu versinnbildlichen, nimmt auf diesem Titelbilde
Marisiten eine viel zu erhebliche Stelle ein, da dieser erst in späterer Zeit mit der Lehre des Buddha nach
Japan gebracht wurde und daselbst nur als eine Nebengottheit verehrt wird. Tensjö daizin, die
himmelerleuchtende grofse Gottheit, würde ein treffenderes Sinnbild gewesen sein. Merkwürdiger und
wichtiger aber erscheint hier Marisiten dem Altertumsforscher, der in diesem fremdgestalteten Götter-
bilde Ares, Mavors, jene mächtige Gottheit der alten Skythen und Thracier, jenen Schutzgott, der mit
pelasgischen Horden nach Hellas einwanderte, den Kriegsgott Mars, dessen Söhne die Siebenhügelstadt
gründeten, zu erkennen glaubt. Überhaupt bilden die meisten hier dargestellten Gegenstände ergiebigen
Stoff zu Vergleichungen mit den Traditionen anderer Völker, und wenn auch bei ihrer Zusammen-
stellung eine übereinstimmende sinnbildliche Darstellung nicht beabsichtigt worden, läfst sich doch das
Ganze leicht in Zusammenhang fassen und das Titelbild sich auch sinnbildlich auslegen.
Einem göttlichen Krieger verdankt das Reich Dai Nippon seine Entstehung; denn es war Zinmu
Tenwö, der verklärte Beherrscher der Menschen, der die rohen Stämme zu einem Volke vereinigte
und Ahnherr einer tausendjährigen Herrscherreihe wurde. Als Schutzgötter walten die kaiserlichen Vor-
fahren fortwährend über Nippon, dem Sonnenaufgangslande, und wehren Unheil ab mit vielarmiger
Kraft. Hö, der Segen des Himmels, sieht mild auf die friedlichen Inseln hernieder, und Tengu, der
himmlische Wächter, schwingt über dem Götterlande (Sin-koku) das Schwert gegen dessen Feinde.
Kühn und stark vergegenwärtigt Jamato take die Heldenschar, die aus einem Volke hervorgegangen
ist, das sich niemals unter fremde Oberherrschaft gebeugt hat, das unbesiegt geblieben ist, seitdem es
Ein Volk ist.
Seht hier ein glücklich Land , über dem die wohlthätige Morgensonne eines hundertjährigen
Friedens verweilet, — ein Volk, beschirmt von einer durch ihre Tugenden vergötterten Herrscherreihe,
bewahrt durch Wohlstand und Zufriedenheit vor unreifen Neuerungen, — glückliche Bürger, denen
alte Sitten und Gebräuche zu Gesetz und Lebensregel geworden und in unverfälschter Volkstümlich-
keit mit jedem Jahre sich erneuern! So deutet das Bild und setzt ihm die vor mehr als einem Jahr-
VIII
Erklärung des Titelbildes.
hundert gesprochenen Worte unter: «Vigent — concordes cives: Cives diis suis cultum, legibus
morem, superioribus observantiam, paribus officia praestare edocti: Cives morum, artium, virtutum atque
elegantiarum omnium genere prae ceteris mortalibus florentes: Cives intestinis commerciis, fundi uber-
tate, corporum robore, animorum vigore, vitae necessitatibus, patriae suae tranquillitate prosperrimi:
qug seu pristinam licentiam suam considerent, seu remotissimorum temporum historias excutiant, non
reperiunt feliciori statu Patriam, quam ubi summi Principis arbitrio moderata, ab exterarum gentium
communione maxime abstracta et occlusa est !« 1
1 Engelberti Kaempferi Amoenitatum exoticarum politico-physico medicarum fasciculi V. Lem-
goviae 1712. 4. Fase. II, pag. 502.
Vorwort zur zweiten Auflage.
ein Volk hat in der jüngsten Zeit so sehr die Aufmerksamkeit der ganzen
Welt auf sich gelenkt wie das der Japaner. Das plötzliche Auftreten
einer bisher fast unbeachteten, nunmehr einheitlich ausgebildeten Macht
im fernsten Osten war die gröbste Überraschung, welche das zu Ende
gehende 19. Jahrhundert dem alternden Westen bereiten konnte. In
Wirklichkeit war es aber nur die natürliche Entwicklung von längst vorhandenen
Kulturelementen, welche in dem mit jugendlicher Lebenskraft begabten japanischen
Volke bis jetzt geschlummert hatten und nur eines äufseren Anstofses bedurften, um
der Welt ein nie dagewesenes Schauspiel einer nationalen Wiedergeburt zu geben.
Anerkannterweise wirkten hierbei veredelnd und aufklärend die Keime deutscher
Wissenschaft und deutschen Geistes in hervorragender Weise mit, welche schon in
dem ersten Drittel dieses Jahrhunderts deutsche Gelehrte, namentlich Ph. Fr. von
Siebold, dort während eines siebenjährigen Aufenthaltes gesäet, und welche seine
Schüler und deren Nachkommen während zwei Generationen mit bewunderungs-
würdigem Verständnisse im ganzen Reich einführten und verbreiteten. Gerade dieser
Deutsche war es aber auch, welcher Japan noch unberührt von europäischen Ein-
flüssen in seinem eigentümlich jungfräulichen Zustand kennen lernte, erforschen und
beschreiben konnte, ein Vorzug, welcher durch den fortschrittlichen Geist, der jetzt
das Inselreich durchweht, auf immer den späteren Forschungsreisenden entzogen ist.
Darum ist aber auch das Werk Siebolds «Nippon» für Japan ein Beweis seiner
damaligen hohen Gesittung, ein kulturhistorisches Denkmal. Der kaiserliche Hof von
Japan, sowie edle Fürsten und Herren, welche stolz auf die Vergangenheit ihres Vater-
landes zurückblicken, sind es gewesen, welche nicht nur den Gedanken einer neuen
Auflage desselben freudig begrüfsten, sondern auch durch die Bewilligung namhafter
Mittel die Ausstattung des Werkes und die Wiedergabe der künstlerisch vollendeten
Illustrationen des «Nippon» ermöglichten. Was einst deutscher Fleifs und deutscher
Wissensdrang gesammelt und bearbeitet, wird nun durch japanische Hochherzigkeit
und Freigiebigkeit erneuert.
Dem Verfasser, welcher unter dem damaligen, nunmehr längst aufgegebenen
System politischer Abgeschlossenheit in Japan verfolgt, gefangen und von dort ver-
bannt ward, wird nun nach seinem Tode noch die Genugthuung zu teil, dafs sein
Werk mit der Unterstützung des kaiserlichen Hofes, des kaiserlichen Prinzen Taru-
hito Arisugawa und der Mitglieder des hohen japanischen Adels, namentlich der
X
Vorwort zur zweiten Auflage.
Herren Marquis Tokugawa Azujosbi zu Mito in Hitachi, Marquis Kuroda Naga-
shige zu Fukuoka, Marquis Nabeshima Naoshiro zu Hisen, Marquis Ikeda Terutomo
zu Totori in Inaba, Marquis Date Muneki zu Uwajima in Ijo, Graf Tsugaru Inagaki
zu Hirosaki in Mutsu, Graf Omura Jumio zu Omura in Hisen, Graf Ogasawara
Tadajoshi zu Kokura in Busen, Vicomte Matsudaira Shiusei zu Kamejama in Tamba,
Vicomte Morijoshi Nagaoka zu Knmamoto in Higo, aufs neue zur Veröffent-
lichung gelangt.
Die erste Auflage des Nippon, welche im Selbstverlag des Verfassers in Liefe-
rungen erschien, blieb, wie bekannt, leider unvollendet. Es ist das Bestreben der
Herausgeber der zweiten Auflage gewesen, diese Lücken auf Grund der hinterlassenen
Aufzeichnungen auszufüllen und somit das Werk nach dem ursprünglichen Entwürfe
zu vollenden. Diese Arbeit wurde durch den glücklichen Umstand erleichtert, dafs
unter dem hinterlassenen Material die fehlenden Teile in fast vollendeter Ausarbeitung
vorgefunden wurden, sodafs die Herausgeber blofs die letzte Hand anzulegen brauchten.
Gleichzeitig wurde aber die Original-Ausgabe des Nippon einer gründlichen Durchsicht
unterworfen, wobei aufser den von Dr. Hoffmann bearbeiteten Teilen, die Übersicht
der Entdeckungen der Europäer im Seegebiet von Japan, die Skizze der Hofreise,
sowie die Anmerkungen und einige kleinere Abhandlungen in Wegfall kamen. In der
Schreibweise der japanischen Wörter wurde das System des Verfassers beibehalten,
wenn es auch für notwendig erachtet wurde, einige Abweichungen zu adoptieren,
wie z. B. an der Stelle des bisherigen F ein H tritt, also Hizen statt Fizen und Higo
statt Figo geschrieben wird, während L gleichmäfsig durch R ersetzt wird und daher
Harima statt Halima zu lesen ist.
Herr L. Vuijck, Assistent bei dem botanischen Institut in Leiden, hat die Güte
gehabt, die Korrektur der botanischen Namen auf Grundlage der dortigen Herbarien
vorzunehmen.
Treu den Prinzipien und in Übereinstimmung mit dem Zweck des früheren
Werkes wird dasselbe ein wahrhaftes Bild des japanischen Volkes, seiner Regierungs-
form, Geschichte und Religion, zur Zeit seiner gröbsten Originalität geben. Die neue
Auflage bezwTeckt also nicht, Japan zu schildern, w7ie es heute ist, wo seine Einrich-
tungen und das Volksleben mehr und mehr unter den Einflüssen des Westens sich
zersetzen und umbilden, sondern das Werk soll das alte Japan, wie es bis zur Mitte
dieses Jahrhunderts lebte und strebte, dem Leser vor Augen führen und dadurch zu-
gleich ein Meilenstein in der historischen Entwicklung Japans werden. Es wird den
Ausgangspunkt bezeichnen, von welchem nach vielhundertjährigem Stillstände das
Reich wieder unter dem kaiserlichen Scepter vereint, einen grofsartigen Aufschwung
genommen. Vergleiche zwischen einst und jetzt, zwischen den Verhältnissen, wie
sie unser Vater erlebt und beschrieben, und dem heutigen Japan werden den Beweis
liefern, welch weiten Weg dieses Volk in so kurzer Zeit zurückgelegt. Je enger
und rauher die Pfade waren, die es durchwanderte, desto gröfser sind die Erfolge,
den Vaterlandsliebe, Ausdauer und Opferwilligkeit erzielt haben.
Würzburg, November 1896.
Alexander Freiherr von Siebold. Heinrich Freiherr von Siebold.
Philipp Franz von Siebold.
Eine biographische Skizze. 1
hilipp Franz von Siebold, Oberst beim niederländisch -indischen General-
stab, der gründlichste Erforscher Japans, stammt aus einer fränkischen
Gelehrtenfamilie. Er wurde zu Würzburg am 17. Februar 1796 als Sohn
des Professors der Medizin und Chirurgie Johann Georg Christoph von
Siebold geboren, der mit Apollonia, geb. Lotz, vermählt war.
Sein Grofsvater war der bekannte Karl Kaspar von Siebold, den seine Zeit-
genossen «Chirurgus inter germanos princeps» nannten und welcher der Stifter einer
Äskulapenfamilie wurde, die, über ganz Deutschland verbreitet, der medizinischen
Wissenschaft die gröbsten Dienste geleistet hat.
Seine erste Erziehung genofs Philipp Franz von Siebold, dessen Vater schon im
Jahre 1798 gestorben war, unter der Obhut seines Oheims, des Domkapitulars Lotz
in Würzburg. Er studierte seit 1815 auf der Universität seiner Vaterstadt, wo er
neben der Medizin sich mit Naturwissenschaften, Länder- und Völkerkunde beschäf-
tigte und 1820 die medizinische Doktorwürde erlangte. Er war der Schüler Döl-
lingers, des Freundes seines Vaters geworden, in dessen Hause er mit Oken, Nees von
Esenbeck, d’ Alton, Pander, Cretschmar, Gärtner, Sömmering und vielen andern Natur-
forschern bekannt wurde. Im Umgang mit diesen Männern wurde seine Vorliebe für
die Naturwissenschaften genährt und der Wunsch, aufsereuropäische Länder zu be-
suchen, geweckt.
Als flotter Student gehörte er dem Corps Moenania an, dem er zeitweise als
Senior Vorstand und stets die wärmste Anhänglichkeit bewahrte. Er verstand es je-
doch, ernstes Studium mit dem frischen fröhlichen studentischen Treiben zu vereinen,
und seine späteren Leistungen auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, der Geo-
graphie und Ethnographie geben einen glänzenden Beweis dafür, dafs er seinen Uni-
versitätsstudien mit grolser Pflichttreue nachgekommen. Wir besitzen aus dem Jahre
1818 ein Schreiben von ihm an seinen Onkel Adam Elias von Siebold, in welchem
1 Vergleiche: Denkwürdigkeiten aus dem Leben und Wirken von Ph. Fr. von Siebold zur Feier
seines hundertjährigen Geburtstags, zusammengestellt von seinem ältesten Sohne Alexander Freiherrn
von Siebold. Würzburg 1896. Verlag von Leo Woerl.
XIV
Philipp Franz von Siebold.
Bestimmung näher; denn ich gedenke im nächsten Sommer zu promovieren. Dafs
ich fleifsig studiere, und meine Herren Professoren mit mir zufrieden sind, wird Ihnen
mein Herr Oheim-Dechant geschrieben haben. Man wird täglich klüger, und so sind
auch die jugendlichen Sprünge aus meinem Kopfe.»
In demselben Schreiben erwähnt er, dafs er seit i1/ 2 Jahren bei Hofrat Döllinger
wohne; «ein Mann, unter dessen Leitung ich mich sicher zu Ihrem (seines Onkels)
Wohlgefallen ausbilden werde».
Der Schlufs des Schreibens ist charakteristisch: «Ich will schliefsen mit dem
wiederholten Versprechen, dafs ich dem Namen v. Siebold Ehre machen, und wenn’s
der Himmel will, in Würzburg aufrecht erhalten werde».
Wie wenig ahnte er damals, dafs statt in Würzburg sein Stern ihm im fernen
Osten Asiens aufgehen werde, aber das Versprechen, dem Namen Ehre zu machen,
hat er getreu gehalten!
Nachdem von Siebold den Doktorgrad erlangt hatte, folgte er im Jahre 1822 mit
Erlaubnis Seiner Majestät des Königs von Bayern einem Rufe nach dem Haag,
wo er durch Vermittlung Haarbauers, eines Schülers seines Vaters, Leibarzts des
Königs der Niederlanden Wilhelm I., am 21. Juli 1822 durch kgl. Erlafs zum
Chirurgyn -Major in der niederländisch-indischen Armee ernannt wurde. Es wurde ihm
gleichzeitig in Aussicht gestellt, in den Kolonien mit Naturforschung beauftragt zu
werden. Nachdem von Siebold noch auf kurze Zeit Paris, Frankfurt und Bonn besucht
und sich mit den dortigen Gelehrten — - Cuvier, Nees, Abel Remusat, W. v. Schlegel,
Cretschmär u. a. — über die Ziele seiner Forschungen beraten und in literarischen
Verkehr gesetzt hatte, begab er sich über den Haag nach Rotterdam und schiffte sich
am 23. an Bord der bereits auf der Rhede liegenden «jongen Adriane» nach Batavia
ein. Dieselbe war ein gut ausgerüstetes Fregattenschiff von 400 Tonnen, befehligt
von Kapitän Bonn, einem tüchtigen Seemann. Die Schiffsequipage belief sich auf
29 Köpfe, und aufserdem waren noch 100 Soldaten, 4 Offiziere und einige Frauen
und Kinder an Bord.
Schon während dieser Reise, welche um das Kap der guten Hoffnung ging,
machte von Siebold, wie die zurückgelassenen Notizen beweisen, naturwissenschaftliche
Studien, die er nach seiner Ankunft auf Java auf das eifrigste fortsetzte. Seine An-
kunft daselbst erfolgte Anfang April 1823, und er wurde durch Beschlufs des General-
gouverneurs vom 18. April dem 5. Artillerie -Regiment zu Weltefreden zugeteilt.
Es bot sich ihm aber dort, nach kaum einmonatlichem Aufenthalt, die seltene Gelegen-
heit, das bis dahin fast ganz unerforschte Japan kennen zu lernen. Es wurde ihm von
dem Generalgouverneur Baron van der Capellen angeboten, die neue nach Japan ab-
gehende holländische Mission zu begleiten und dort in der Eigenschaft als Arzt bei
der Faktorei auf Dezima zu bleiben und sich im Aufträge der Regierung mit wissen-
schaftlichen, namentlich aber mit naturwissenschaftlichen Studien zu beschäftigen. Der
damalige Zeitpunkt war für die Entwicklung der handelspolitischen Interessen Nieder-
lands von grofser Bedeutung. Als Holland nämlich seine Besitzungen in Ostindien
nach Schlufs der napoleonischen Kriege wieder erhalten, bestrebte sich die nieder-
ländische Regierung auf lobenswerte Weise, mit den neuen Staats- und Handelsein-
richtungen in den Kolonien auch etwas für die Pflege der Wissenschaften und die
Kenntnis der Länder zu thun, welche zu den niederländischen Kolonien gehören. Der
Generalgouverneur hatte bereits eine Reihe von neuen Niederlassungen, Pflanzungen
Philipp Franz von Siebold.
XV
und andere nützliche Einrichtungen auf Java gegründet und war bestrebt, die natur-
wissenschaftlichen und ethnographischen Verhältnisse der verschiedenen Schutzgebiete
sowie der Völker kennen zu lernen, mit welchen Niederland damals im Handelsver-
kehr stand. Besonders Japan hatte die Aufmerksamkeit der niederländisch -indischen
Regierung auf sich gezogen. Dasselbe war für sämtliche europäische Staaten mit
Ausnahme von Holland bis dahin verschlossen geblieben, und wenn auch der Handel
nicht mehr dieselben Vorteile einbrachte wie in früheren Jahren, so hoffte man den-
noch aus dem noch bestehenden Monopol einen gröfseren Nutzen zu ziehen. Bei
dem Entwurf zur Verbesserung der Handelsbeziehungen mit Japan war die nieder-
ländische Regierung zugleich auf Einrichtungen bedacht, die der Wissenschaft dort
förderlich sein könnten. Man wufste, dafs einzelne Japaner europäische Wissenschaften
schätzten, dafs das Volk überhaupt wifsbegierig und mit den Niederländern auf Dezima
in gutem Einvernehmen stand. Medizin, Naturgeschichte und Mathematik waren bei
den Japanern von jeher beliebt und ob es nun aus wissenschaftlichem oder einem
andern Eiteresse geschah, so waren gebildete Personen bei der niederländischen Fak-
torei denselben stets willkommen gewesen, und Ärzte besonders wurden gut auf-
genommen. Man glaubte daher, durch die Sendung eines Arztes und Naturforschers
auch die handelspolitischen Absichten zu unterstützen. Mit Freuden nahm von Siebold
einen Ruf an, der so ganz seinen Wünschen entsprach und dem Ziele, das er sich
bei seiner Reise nach Ostindien vorgesteckt, so nahe brachte. Nachdem er noch von
seinem Gönner, dem Generalgouverneur Baron van der Capellen, auf seinem Land-
sitze zu Beutenzorg Abschied genommen hatte, besorgte er sich eine Anzahl der
nötigsten physikalischen und mathematischen Instrumente, wobei es von Interesse ist
zu bemerken, dafs sich darunter eine grofse Elektrisiermaschine, eine Luftpumpe und
ein galvanischer Apparat befanden, womit er die Aufmerksamkeit der Japaner zu er-
wecken hoffte.
Die nach Japan bestimmten Fahrzeuge lagen auf der Rhede von Batavia bereit.
Es waren dies «de drie gezusters» und die «Onderneming» und die Abreise war auf
den 28. Juni festgesetzt. Der Gesandte und Vorstand des niederländischen Handels,
Oberst de Stürler, begab sich an Bord des ersten dieser zwei Schiffe, und sein Stab,
zu dem Siebold gehörte, schiffte sich mit ihm ein.
Das Reisejournal Siebolds enthält über diese Reise interessante Notizen, welche
gleichzeitig einen Einblick in sein innerstes Seelenleben gestatten. «Seit 9 Monaten»,
heifst es an einer Stelle, «habe ich Europa verlassen, 5 Monate auf dem weiten Ozean
zugebracht, glücklich das Land meiner Bestimmung erreicht; als Neuling in einem
tropischen Klima ward ich von einer schweren Krankheit heimgesucht und befand mich
als Militärarzt öfters mifsvergnügt. Unerwartet sehe ich mich nun diesen Verhältnissen
entrückt; dem Ziele, das ich mir bei meiner Reise nach Ostindien vorgesteckt, näher
gebracht, stand ich im Begriffe, nach einem so merkwürdigen Lande, einem der
fernsten, die Europäer besuchen, hinzusteuern, aber leider nicht nach einem Lande,
wo diese als freie Männer leben, nein, nach einem Lande, wo die Staatsklugheit einer
asiatischen Nation uns abgeschlossen hält von allem freien Verkehr mit Land und Volk.
Doch die Beispiele von Enthusiasmus und Ausdauer, welche uns die Geschichte
aus dem Leben der Naturforscher und Reisenden aufbewahrt, halten meinen Mut auf-
recht, und wenn die reiche aufgeregte Einbildungskraft eines jungen Reisenden sich
vorhält, wie diese jede Mühseligkeit ertrugen und Gefahren sich hingaben, dann fühlte
XVI
Philipp Franz von Siebold.
er sich unwiderstehlich angetrieben, dem Orte entgegenzueilen , wo dem Verehrer
und Beförderer der Wissenschaft ein Opferherd lodert, um auch da seine geringen
Gaben niederzulegen. »
Mit diesem Vorsatze verliefs Siebold Batavia und trat die mühselige Reise mit
den langsam segelnden, von allerlei tropischem Ungeziefer wimmelnden Schiffen bei
schlechtem Trinkwasser und noch schlechterer Kost an.
Die gefahrvolle Reise erreichte am 5. August ihren Höhepunkt, als die Schiffe
an der Küste von Japan in einen Cyklon, der in den dortigen Gewässern Taifun ge-
nannt wird, geriet. Die Beschreibung dieses Sturmes, welcher das Schiff in die gröfste
Gefahr brachte, finden wir im Reisejournal in packenden Zügen niedergeschrieben. 1
Glücklicherweise widerstand das kräftig gebaute Schiff dem Anprall der Elemente
und führte seine Reisenden am 11. August 1823 nach dem Hafen von Nagasaki.
So war Siebold glücklich am Ziel seiner Wünsche angelangt, und er begab sich
sofort an die Arbeit, welche nicht nur durch das Mifstrauen der Japaner und die
despotische Strenge, mit welcher die Niederländer fast von allem Verkehr mit den
Eingeborenen abgeschnitten waren, sondern auch durch die kleinlichen Intriguen und
Eifersüchteleien seiner europäischen Schicksalsgenossen auf Dezima erschwert wurde.
Die dortigen japanischen Dolmetscher, welchen die holländische Sprache fast ge-
läufiger war als Siebold, hatten bald Verdacht geschöpft, dafs er kein National-
holländer sei. Bei der etwas mangelhaften Kenntnis der Geographie jedoch wurde
den Beamten erklärt, dafs der Unterschied einfach darin bestände, dafs Siebold kein
Niederdeutscher oder Niederländer sei, sondern ein Hochdeutscher, und zum Über-
setzen dieses Begriffs bediente man sich des eigentümlichen Ausdrucks Jama Hol-
landa, d. i. «Bergholländer oder wilder Holländer».
Über Siebolds Thätigkeit in Japan besitzen wir eine interessante Urkunde in
dem Schreiben, welches er am 18. November 1823 an seinen Onkel Adam Elias
von Siebold richtete. — Er schreibt u. a. : «Ich bin glücklich auf Japan angekommen
und verlebe in meiner rastlosen Thätigkeit im Felde der gesamten Natur- und Heil-
kunde die angenehmsten Tage meines Lebens. Das merkwürdigste Land der Welt
zu untersuchen ward mir demnach zu teil. — — Im nächsten Jahre werde ich
Ihnen eine interessante Abhandlung über den Zustand der Medizin, Chirurgie und
Geburtshülfe in Japan mitteilen und dieselben jährlich fortsetzen. Ich erwarte einen
Zeichner aus Europa, der mir dabei von Nutzen sein wird. Ich habe eine Disser-
tation geschrieben «de Historiae naturalis in Japonia statu» etc. Ich habe 25 bis jetzt
in keinem Schreiben über Japan als daselbst einheimisch bemerkten Tiere beschrieben.
— — — Ich habe noch viele zoologische Entdeckungen und bei weitem mehr bo-
tanische (gemacht). — — — Jch halte hier wöchentlich Vorlesungen in hollän-
discher Sprache über Natur- und Heilkunde. Unter sechs Jahren verlasse ich Japan
(nicht) und auf keinen Fall eher, als bis ich eine ausführliche Beschreibung von
Japan, ein Museum Japonicum und eine Flora geliefert habe, und dann glaube ich,
in Europa unserem Namen Ehre zu machen.» Als Postscriptum erwähnt er be-
scheiden: «Ich habe die Vaccine auf Japan eingeführt». — Diese für Japan uner-
mefsliche Wohlthat wird auch durch sein Tagebuch der Reise nach Jedo im Jahre
1826 bestätigt, wo er verschiedene Impfversuche anstellte und die Leibärzte des
Sjögun mit diesem Verfahren bekannt machte.
1 Vergleiche Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823. Nippon, 2. Auflage. Seite 34.
Philipp Franz von Siebold.
XVII
So befand sich Siebold inmitten einer ihm zusagenden Thätigkeit, und seine Be-
ziehungen zu den japanischen Gelehrten und Ärzten waren die denkbar besten.
Selbst die strengen Regierungsbeamten drückten ein Auge zu und gestatteten ihm nach
und nach täglich den Ausgang von Dezima, wo die übrigen Mitglieder der Faktorei
inklusive ihres Vorstands wie Staatsgefangene streng bewacht, nur ein- oder zwei-
mal des Jahres die Insel verlassen durften und zwar nur unter amtlicher japa-
nischer Aufsicht. Siebold erwarb später ein heute noch im Besitz der Fa-
milie verbliebenes Landhaus zu Narutaki, selbstverständlich unter einem japanischen
Namen, und dort versammelten sich seine Schüler; aus allen Landesteilen strömten
Kranke hin, und dort kamen alle Wifs- und Lernbegierigen zusammen, um den frem-
den «Meester», wie sie ihn nannten, zu sehen und zu hören. Es war eine geistige
Mission im wahren Sinne des Wortes. In der Chirurgie hatte er sich besonders
der Augenheilkunde gewidmet und darin Erfolge erzielt. Die den japanischen Ärzten
ganz unbekannten Staaroperationen, wodurch manchem Erblindeten das Augenlicht
wiedergegeben wurde, stempelten Siebold in den Augen des Volkes zu einem wahren
«Wunderdoktor», im besten Sinne des Wortes. — Heute noch zirkulieren im Volks-
munde die fabelhaftesten Legenden über Kuren, die er vollbracht, und über die Zahl
der Menschenleben, die er durch seine Geschicklichkeit gerettet hätte. Da viele
seiner Schüler selbst ältere Mediziner waren, welche bereits einen Kreis von eigenen
Schülern besafsen, so schwollen die Anhänger der neuen wissenschaftlichen oder, wie
sie es nannten, der holländischen Schule (im Gegensätze zur chinesischen Schule, die
von ihnen heftig bekämpft wmrde) schneeballähnlich an, und die Wurzeln dieser Ver-
einigung drangen bis in die entferntesten Provinzen und Schutzländer Japans. So
war es auch nur möglich, dals sich die während eines siebenjährigen Aufenthalts ge-
säte Saat verbreiten und in den Boden eindringen konnte. Bis in die jüngste Zeit
findet man, selbst in den höchsten Regierungskreisen, noch Männer, welche von
Schülern Siebolds ihren ersten Begriff über europäisches Wesen und abendländische
Wissenschaft erhielten, und diesen Männern verdankt Japan seinen überraschenden Um-
schwung und Fortschritt. Siebold besafs aber auch in seiner vielseitigen Bildung die
Elemente, welche die wdfsbegierigen Japaner anzog, und in seinem leutseligen
Wesen, verbunden mit einer sorgsamen Rücksicht auf alles, was dem Japaner heilig
und hehr ist, Eigenschaften, welche ihm den Erfolg sichern mufsten. Von Anfang
an hatte er sich zum Prinzip gemacht, keinerlei Entgelt für seine Krankenbehandlung
anzunehmen, während er selbst mit Geschenken aller Art freigiebig vorging. Die
von Natur generös angelegten Japaner konnten und wollten nun hierin nicht Zurück-
bleiben und überhäuften ihn mit Geschenken, die aber immer einen ethnographischen
Wert oder wissenschaftliches Interesse haben mufsten, um Annahme zu finden. Wäh-
rend nun die damalige Regierung auf das strengste den Verkauf von allen die Ver-
waltung, Topographie oder Geschichte des Landes betreffenden Werken an Aus-
länder untersagt, auch alle auf Religion, Kriegskunst und das Hof leben bezüglichen
Gegenstände als sekret erklärt hatte, eine Verordnung, welche soweit ging, dafs die
Ausfuhr von Kultusgegenständen, Waffen, Münzen, Karten und der meisten Bücher
(mit Ausnahme solcher ganz unschädlichen Inhalts) verboten wurde, und dafs selbst
bei kleinen Modellen und bei Spielsachen die Miniatur waffen bei der Ausfuhr abge-
nommen werden mufsten, gelang es Siebold, in dieser Hinsicht eine aufserordentlich
reichhaltige Sammlung zusammenzustellen. Mancher geheime Wunsch des «Meesters»
v. Sieb old, Nippon I. 2. Aufl.
II
XVIII
Philipp Franz von Siebold.
wurde von den dankbaren Schülern und Patienten verraten, und die «Dissertationen«,
welche die auf ein Doktor-Zeugnis aspirierenden Studenten machen mufsten und zu
denen Siebold das Thema angab, enthielten meistens wissenschaftliche Beiträge zur
Kenntnis des Landes, seiner Gesetze, Geschichte, Sitten und Gebräuche (in holländischer
Sprache), welche sonst von den amtlichen Spionen der sogenannten Ometskes kaum
durchgelassen worden wären. Endlich folgte 1826 die Gesandtschaftsreise nach Jedo
an den Hof des Sjögun, der damals von Ausländern als sog. weltlicher Kaiser, als
der (de facto) Regent des Landes anerkannt war. Siebold, begleitet von einer Anzahl
seiner ergebensten Schüler und eines vorzüglichen Malers, wurde es vergönnt, diese
interessante Reise mitzumachen.
Am 15. Februar verliefs die Gesandtschaft Nagasaki, reiste über Simonoseki und
Osaka nach Kioto, der alten Kaiserstadt, und traf nach einer langen Reise zu Land
und Wasser in Jedo ein, wo die Audienz bei dem Sjögun nach dem hergebrachten
japanischen Ceremoniell stattfand, nämlich so, dals die Niederländer auf den
Knieen liegend, sich vor dem Fürsten verbeugen mufsten, der dann geruhte,
die mitgebrachten Geschenke, nach japanischer Auffassung ein Tribut, huldvollst
entgegenzunehmen. Der Aufenthalt in Jedo war zwar kurz, doch genügte er,
um mit den Leibärzten des Sjögun Freundschaft zu schliefsen und die Bekanntschaft
verschiedener Gelehrter zu machen, unter welchen die des Hofastronomen Takahasi
Sakasajemon später für diesen wie für Siebold selbst verhängnisvoll werden sollte.
Seitens seiner Schüler war bei der Regierung der Gedanke angeregt worden, Siebold
in Jedo nach Abreise des Gesandten zu behalten, und obwohl die niederländische
Regierung bereits vertraulich ihre Zustimmung gegeben hatte, scheiterte die Sache
im letzten Moment an der Opposition der Arzte der chinesischen Schule und an dem
Mangel an Verständnis des Gesandten, der überdies noch die Taktlosigkeit beging,
sich mit den höheren Staatsbeamten über eine Frage von untergeordneter Bedeutung
zu Überwerfen. Unberechenbar wären einerseits die Folgen gewesen, welche zu
damaligen Zeiten ein dauernder Aufenthalt Siebolds in Jedo gehabt hätte, andererseits
wäre er vielleicht ein Opfer seines Forscherstrebens geworden, wenn die Katastrophe,
welche später durch Entdeckung seiner kartographischen Arbeiten in Nagasaki, einer
entfernten Provinzstadt, ausgebrochen, in der Hauptstadt selbst unter den Augen des
Sjögun zur Entscheidung gekommen wäre.
Auf der Hin- und Rückreise hatte er im geheimen bei den wichtigsten geo-
graphischen Punkten die Längen- und Breitenmessungen vorgenommen und eine
hydrographische Aufnahme der Meerenge von Simonoseki, der japanischen Dardanellen,
mit Hilfe seiner Schüler veranstaltet. Die Beobachtungen mittelst Sextant und
Chronometer wurden den Beamten als notwendig zur Regulierung der Reiseuhren
erklärt und die magnetischen Instrumente im Hutfutter mitgeführt. Die gröbsten
Schwierigkeiten boten die Lotungen der Meerestiefen und die Höhenmessungen, wobei
die Messung des Fusijama durch einen seiner Schüler als sehr gravierend bei dem
später gegen Siebold wegen Landesverrats eröffneten Verfahren bezeichnet wurde.
Heutige Reisende machen sich keine Idee von den Schwierigkeiten, welche damals
Forscher in Japan zu überwinden hatten, von welchen nicht die geringste der Mangel
an geigneten Instrumenten war, so dafs Siebold sich z. B. erst seinen Höhenbarometer
konstruieren mufste, was ihm endlich nach vieler Schwierigkeit gelang, wie in einer
Stelle seines Tagebuchs erwähnt wird.
Philipp Franz von Siebold.
XIX
Nach seiner Rückkehr nach Nagasaki ging Sieb old mit erneutem Eifer ans
Werk. Eine grofse Freude bereitete ihm der bereits 1825 auf Dezima angelegte
botanische Garten, wo er die von der Reise mitgebrachten Pflanzen kultivierte und
dabei namentlich auch die Gebirgsflora genau kennen lernte. In diese Zeit fallen
wahrscheinlich die ersten Sendungen von Theesamen nach Java, wo dieser zuerst in
dem Garten von Buitenzorg angesät und später in den indischen Kolonien verbreitet,
für den niederländischen Staat eine neue Quelle des Reichtums wurde.1 Da die Ver-
schickung der sehr ölreichen Samenkörner bei den ersten Versuchen nicht geglückt
war, versuchte Siebold dieselben in einer Umhüllung von eisenhaltigem Lehm zu
verpacken, wodurch die Theenüsse fast luftdicht abgeschlossen wurden und infolge-
dessen nicht austrockneten. Der landwirtschaftliche Kommissär in Batavia berichtete
u. a. im Juni 1827, dafs aus dem von Siebold gesandten Theesamen bereits 2000
bis 3000 junge Pflanzen im besten Wachstum sich befänden. Von diesem Garten
in Dezima, welcher im Jahre 1830 bereits über 1400 Species von Pflanzen enthielt,
sind die meisten von Siebold nach Java und Holland eingeführten Pflanzen ausgegangen;
derselbe hätte wahrlich ein besseres Los verdient, als später einfach von der Faktorei-
Verwaltung ausgerottet und zu Bauplätzen verwertet zu werden.2 Die botanischen
und naturhistorischen Sammlungen, welche von Siebold während seines Aufenthaltes
machte, standen kaum gegen die ethnographischen und literarischen zurück. Eigens
angestellte Jäger durchstreiften die Wälder, und von ihm instruierte Assistenten prä-
parierten die Bälge und Skelette der zoologischen Beute. Japan war aber auch da-
mals eine wahre Fundgrube für den Naturforscher und Siebold behauptete später,
dafs man sich dort nur zu bücken brauchte, um ungezählte Schätze vom Boden
aufzulesen. *
Seine geographischen Forschungen hatten zu der wichtigen Entdeckung geführt,
dafs die Insel Sachalin oder, wie sie die Japaner nennen, Krafto nicht mit dem
Festlande Asiens zusammenhing, wie die Entdeckungsreisenden bis dahin angenommen
hatten, und die von ihm in Jedo in der Bibliothek des Sjöguns aufgefundenen Karten
des Amurgebietes und der nördlichen an Japan grenzenden Länder waren derart, dafs
sie eine vollständige Umwälzung in den geographischen Begriffen über die Kon-
figuration des nordöstlichen Asiens verursachen mufsten. Zu diesen Arbeiten hatten
die Aufnahmen der japanischen Geographen und Entdeckungsreisenden Mogami
Tokunai und Mamia Rinzo, sowie des obenerwähnten Hofastronomen Takahasi Sakusa-
jemon nicht wenig beigetragen. Schon waren die interessantesten Karten und Auf-
nahmen in Händen Siebolds, und er selbst mit Hilfe eingeborener Dolmetscher be-
1 An lebenden Pflanzen wurden bis 1829 ca. 500 Species und 800 Pflanzen teils abgeschickt,
teils von v. Siebold selbst auf seiner Heimreise mitgenommen.
2 Nach einem Bericht v. S. an die niederländische Regierung hatte er von 1823 — 1828
folgende naturhistorische Gegenstände gesammelt und abgesandt:
Säugetiere
3 5 verschiedene
Arten
= 187 Präparate,
V ögel
188 »
»
— 827 Bälge.
Reptilien
28 »
»
= 166 Stück.
Fische
2 30 »
= 540 Stück.
Aulserdem Sammlungen von Mollusken, Krustaceen, Insekten u. s. w. Die botanische Ausbeute
belief sich auf 2000 Species und ca. 12000 Nummern seines Herbariums. Aus diesen Baustoffen sind
die Werke Fauna Japonica mit Mammalia, Aves, Pisces, Reptilia und Crustacea entstanden und die
Flora Japonica in 2 Vol.
II*
XX
Philipp Franz von Siebold.
schäftigt, die Tagebücher und Notizen der Reisenden zu übersetzen, als durch eine
Verräterei, deren Urheber nie nachgewiesen wurde, die Forschungen Siebolds der
Regierung zu Jedo denunziert wurden.
Es trafen auf einmal mehrere unglückliche Zufalle zusammen. Die natur-
historischen Sammlungen waren glücklich an Bord gebracht — sie umfafsten nicht
weniger wie 89 Kisten — , aber die ethnographischen wertvollen Sammlungen litten
erst durch einen fürchterlichen Cyklon, der plötzlich ausbrach, und nachher durch
die gegen Siebold eingeleitete Untersuchung. Er schreibt darüber unter dem
20. Februar 1829:
«Meine Abreise von hier nach Batavia, im Anfänge dieses Winters festgesetzt,
wurde durch verschiedene ungünstige Ereignisse verschoben und endlich wiederum
für dieses Jahr gänzlich vereitelt. Ein am 18. September 1828 hier stattgefundener
fürchterlicher Taifun, desgleichen seit Menschengedenken noch keiner in diesem Lande
gewesen, warf das Schiff «Cornelius Houtman», das im Hafen von Nagasaki kaum
einige hundert Faden von Dezima vor Anker lag, auf den Strand, wovon es erst im
Monate Dezember mit vielen Anstrengungen und Kostenaufwande abgekommen und
ausgebessert worden ist. Unser Dezima und die Landschaften des südwestlichen
Japans wurden schrecklich verwüstet, und viele tausend Fahrzeuge und Menschen
verunglückten. Ganze Dörfer stürzten zusammen und die Anzahl dadurch verun-
glückter Bewohner ist ansehnlich. Auch das ganze obere Stockwerk meines Hauses
wurde ein Raub des wütenden Orkans, der mir eben so viel Zeit liefs, mit meinen
Leuten in den unteren Vorplatz zu flüchten, wo wir zwischen einigen grofsen Holz-
kisten gelagert, jeden Augenblick den Einsturz des Hauses erwarteten. Auf den
Strafsen war auch keine Rettung zu suchen; denn hier war man einem Hagel
von Dachziegeln und anderen Baumaterialien ausgesetzt. Dieser Orkan dauerte von
etwa 12 Uhr mitternachts bis gegen 5 Uhr morgens, wo der anbrechende Tag
die rund um uns stattgefundenen Verwüstungen im hellen Lichte zeigte. Ein grofser
Teil der Mauern unseres Dezima und mehrere Wohnungen und Packhäuser waren
eingestürzt, und fitst die meisten Dächer, Anlagen und Gärten, unter welchen auch
meinen botanischen Garten ein unglückliches Los traf, zeigten die Spuren einer
fürchterlichen Verwüstung. Die ganze Landschaft, welche eben in der üppigsten
Vegetation, in welche sie der Herbst, hier zu Lande ein sich wiederholender Frühling,
gekleidet, prangte, — erschien jetzt als eine dürre Wüste, und die so bewunderte
Kultur dieser Gefilde trug kaum noch Spuren arbeitsamer Landleute. Die See war
durch den Orkan so tief aufgewühlt, dafs bis zu einer Höhe von 1200 Fufs die um-
liegenden grünen Gebirge von dem dahingewehten Seewasser wie gebrüht erschienen,
ein Umstand, der mit einem Phänomen, einer feurigen Lufterscheinung nämlich, von
welcher der Horizont die ganze Nacht über fürchterlich leuchtete, in einem sehr
natürlichen Zusammenhänge stand und zu erklären ist aus den die Phosphorescenz
der See begründenden Geschöpfen, die himmelhoch empor geweht wurden. Die
Heftigkeit des Windes war so grofs, dafs ich, der es wagte, durch meinen Garten
nach der Wohnung meines Freundes de Villeneuve, wo ich Licht zu bemerken und
eine Laterne zu erhalten glaubte, auf Händen und Füfsen zu kriechen und mich an
den entwurzelten Bäumen festzuhalten genötigt war. Kurz vor der Verwüstung meines
oberen Stockwerkes, wo sich meine meteorologischen Instrumente befanden, bemerkte
ich den folgenden Stand derselben: Barometer 28' 1", Thermometer 77 0 Fahr., Hygro-
Philipp Franz von Siebold.
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meter 97 0 (das Hygrometer nach Sausure verfertigt). Wind: Orkan SO. — Am
Morgen des Tags zuvor war der Standpunkt derselben: Barometer ^29' 73 ", Thermo-
meter 76° Fahr., Hygrometer 89°. Wind: mäfsig O. Himmel: heiter.»
Bewunderungswürdig mufs jedem die Ruhe und der wissenschaftliche Eifer des
Naturforschers erscheinen, der im Moment, wo sein Haus nahe dem Einsturze ist,
nicht unterlassen kann, die für die Meteorologie wichtigen Beobachtungen zu regi-
strieren! —
Ober die gegen ihn eingeleitete Untersuchung schreibt von Siebold so schonend
wie möglich seiner Mutter in demselben Briefe:
«Ich habe manchen Verlust bei diesen unglücklichen Ereignissen erlitten, doch
meine Sammlungen, die bereits gröfstenteils eingepackt waren, sind ziemlich gut er-
halten. Ich will hier auch noch kürzlich berühren, dafs bereits im Frühjahr 1828
am 26. März ein heftiges Erdbeben stattgefunden hat, welches mich, der bei gewöhn-
lichen Erdstöfsen nicht einmal die Feder aus der Hand legt, über Hals und Kopf
aus meinem Hause zu flüchten nötigte. Doch dies alles beugte meinen Mut
noch nicht, als noch ein anderes Unglück über mich gekommen. Durch einen
Verrat nämlich wurde am Hofe des Kaisers (Sjöguns) bekannt, dafs ich von
dem kaiserlichen Bibliothekar und Astronomen eine Kopie der kaiserl. Landkarten
des Reiches erhalten habe,' eine Angelegenheit im Auge einer so kleingeistigen Re-
gierung und Verfassung vom gröfsten Gewicht. Es findet daher eine strenge Unter-
suchung statt — wobei die meisten meiner braven japanischen Freunde in strenger
Gefangenschaft sich befinden und auch mir seit zwei Monaten ein Hausarrest auf-
gelegt ist und befohlen, bis zur Beendigung der Untersuchung in Japan zu bleiben.
Seit diesem verhängnisvollen Tage wurde ich unabgebrochen von dem japanischen
Statthalter von Nagasaki verhört und zu einem Geständnisse der Angabe derjenigen
Japaner, welche mich seither in meinen wissenschaftlichen Untersuchungen unterstützt
haben, genötigt. Doch diese Angabe der Namen meiner Freunde, welche mir oft
ganz anspruchslos so viele grofse Dienste seit meinem Hiersein geleistet haben, blieb
bis heute in mir verschlossen und wird es bleiben.» —
Wie plötzlich die Gefahr über Siebold hereingebrochen und mit welcher Stand-
haftigkeit er derselben die Spitze bot und bei der gröfsten Gefahr mit zähem
Widerstand darauf bedacht war, die für die Wissenschaft errungenen Entdeckungen
zu retten, dabei auch in mannhafter Entschlossenheit bereit war, jedes Opfer zur
Rettung seiner Freunde zu bringen, geht aus folgendem Auszug aus seinem Tage-
buche hervor, welches jene tragischen Ereignisse mit scharfen Zügen beschreibt:
Dezima, den 16. Dezember 1828.
Mein gelehrter Freund Josiwo Tsujiro, Unterdolmetscher bei der Faktorei
Dezima, kommt, wie gewöhnlich, vormittags zu mir, um bei Übersetzungen aus
japanischen Büchern behilflich zu sein. Heute begann er einige handschriftliche Mit-
teilungen über Jezo und die Kurilen, welche mir der verdienstliche japanische Reisende
Mogami Tokunai zu Jedo mitgeteilt hatte, frei aus dem Japanischen in holländischer
Sprache zu diktieren. Er war jedoch dabei sehr zerstreut und schien mir sehr übel
aufgelegt zu sein, was mir so sehr auffiel, dafs ich ihn über die Ursache seines un-
gewöhnlichen Mifsmutes fragte. Ich hatte ihm das Versprechen gegeben, ihm, wenn
ich Japan verlassen würde, meinen Taschenchronometer zum Andenken zu geben; da
nun unsere Abreise nahe war und ich mein Versprechen noch nicht erfüllt hatte,
XXII
Philipp Franz von Siebold.
glaubte ich darin den Grund seines Unwillens zu erkennen und sagte ihm freundlich,
indem ich die Lade meines Schreibtisches öffnete: «Sehen Sie, da liegt Ihr Chronometer,
Sie müssen mir ihn, da ich noch keine gute Uhr habe, noch ein paar Tage lassen».
Meine freundlichen Worte machten auf ihn sichtbar einen rührenden Eindruck,
und es ging in seiner Seele eine bemerkbare Erschütterung, ein Kampf mit sich selbst
vor — und nach diesem Stillschweigen warf er das Buch, welches er auf dem Stuhle
zurückgelehnt vor sich hielt, auf den Schreibtisch hin und sprang auf mit den Worten:
«Jetzt werde ich der schlechteste Japaner, der seinem Kaiser dient». Und ich er-
widerte ganz ruhig: «Und ich glaube, Sie sind verrückt geworden»; «Nein», war
seine Antwort, die er bestimmt und mit Ernst aussprach, und nach einer Pause sagte
er: «Die Sache mit den Karten ist verraten, ich komme soeben — nachdem ich den
Bluteid geleistet — vom Stadthause, wohin mich der Gouverneur rufen liefs. Man
kennt den ganzen Hergang, weifs, welchen Anteil ich dabei habe, dafs ich Ihr Ver-
treter und der Freund des Hofastronomen Takahasi Sakusajemon bin. Ich wurde
verhaftet und nur nach geleistetem Eid entlassen, um wenigstens die Karten, die ich
Ihnen selbst von Jedo mitgebracht habe, herbeizubringen und auszukundschaften, ob
und wo Sie die übrigen Karten und andere verbotene Stücke und dergl. bewahrt
hätten. Ich hatte selbst den Auftrag, einige verbotene Bücher, die als gravierende
Beweismittel hätten dienen können, mitzubringen.»
Dies war eine wichtige Enthüllung, und kein Augenblick zur Rettung meiner
Freunde und meiner literarischen Schätze zu verlieren. Wir beschlossen, um Zeit
zu gewinnen, dafs Tsujiro nachmittags einige der japanischen Karten, die ich in duplo
besafs, dem Gouverneur einstweilen überbringen und versprechen solle, morgen
auch vielleicht der übrigen Karten habhaft zu werden. Zugleich versprach ich, ihm
am folgenden Tage auch die grofse Karte von Jezo und Sachalin, worauf man be-
sonderen Wert zu legen schien, und die mir Tsujiro selbst vom Hofastronomen
Takahasi überbracht hatte, verabfolgen zu lassen. Er meinte, dafs alsdann eine
weitere Untersuchung unterbleiben würde. Mittlerweile trat mein treuer Begleiter
auf allen meinen Exkursionen in der Umgebung von Nagasaki und mein intimster
Vertrauter Inabe Isiguro ins Zimmer. Vor ihm gab es kein Geheimnis. Der Vorfall
überraschte ihn nicht weniger als uns, und ihm drohte die gleiche Gefahr. Er war
tief erschüttert und zu Thränen gerührt, der wvackere gutmütige Mann. Ich versprach
beiden, selbst unter Aufopferung meines eigenen Lebens, für ihre Rettung das Mög-
lichste zu thun, und gebot Vorsicht und Verschwiegenheit. Sie gingen, und nun
war ich allein; denn ich wagte augenblicklich nicht, den Vorfall, dessen Folgen nicht
zu berechnen waren, irgend einem meiner europäischen Bekannten anzuvertrauen,
noch weniger eine Anzeige davon beim Direktor der Faktorei zu machen. Die
dringendste Aufgabe war jetzt, die Karte von Jezo und den Kurilen, unstreitig das
wertvollste geographische Dokument, welches ich von dem Hoiastronomen erhalten
hatte, für die Wissenschaft zu retten. Nachmittags schlofs ich mich in mein Arbeits-
zimmer ein und vollendete, ununterbrochen die Nacht hindurch bis zum Morgen
arbeitend, eine getreue Kopie dieser Karte nebst Textübersetzung, eine gleich müh-
same und anstrengende Arbeit, w7ie ich sie nie in so kurzer Zeit zu stände gebracht
habe, eine glücklich gelungene Probe von festem Willen und zäher Ausdauer. In
reger Thätigkeit w;ar eine Nacht zugebracht, die unter den obwaltenden Umständen
doch nur eine schlaflose, eine sorgen- und kummervolle gewesen wäre.
Philipp Franz von Siebold.
XXIII
Am nächsten Tage, dem 17. Dezember, kam Tsujiro gegen 10 Uhr und sagte,
dafs er die Karten abgegeben habe und angehalten worden sei, auch die Karte von
Jezo, die er mir von Jedo mitgebracht, unverzüglich abzuliefern, und dafs man am
nächsten Morgen eine Haussuchung bei mir vornehmen werde; er riet mir zu-
gleich, ich solle retten, was ich könne. Er vertraute mir auch an, dafs er nun seiner
Verhaftung entgegensehe. Ich übergab ihm die Originalkarte, und er verliefs mich
tief ergriffen. Mein Freund Isiguro kam nicht, auch kein anderer japanischer Bekannter
und keiner meiner Schüler fand sich ein. In einer solch schauderhaften Einsamkeit
mufste ich überlegen, was in meiner Lage zu thun wäre. Mein Entschlufs war kurz:
Alles, was zu meiner Beschreibung vom Reiche Nippon unumgänglich nötig war, wie
Handschriften, Karten und Bücher, wollte ich in einer grofsen Blechkiste verpacken
und so gut wie möglich verbergen, und zugleich dem Direktor der Faktorei, Herrn
G. E. Maylan, über den Vorfall berichten.
Mit der Kopie der Karte von jezo begab ich mich zu diesem und eröffnete
ihm, was mir am folgenden Tage bevorstand. Zugleich überreichte ich ihm die Karte,
in einer Rolle versiegelt, mit der Bitte, dieses wertvolle Dokument in das Archiv der
Faktorei niederzulegen, sowohl um es zu retten, als auch im Notfälle den Beweis zu
liefern, dafs meine Handlungsweise durch die Wichtigkeit der gemachten geographischen
Entdeckung zu entschuldigen war.» —
Dies war der Anfang der von der japanischen Regierung gegen Siebold ein-
geleiteten Untersuchung, welche bald sehr ernste Folgen hatte. Die meisten seiner
Schüler wurden gefangen genommen, die Gelehrten, mit denen er in Jedo korrespon-
diert hatte, verhört, und bei Siebold wiederholte Haussuchung gehalten, wobei eine
Anzahl von verbotenen gottesdienstlichen und anderen wertvollen Gegenständen kon-
fisziert wurde. Die Dienstboten wurden sämtlich gefänglich eingezogen und mittels
der landesüblichen Tortur auf das fürchterlichste gequält.
Die niederländischen Behörden, denen der Vorfall äufserst ungelegen kam,
hüteten sich zu intervenieren und überliefsen Siebold seinem Schicksale. Über den
Verlauf der Untersuchung finden wir in den Unterlassenen Briefen Siebolds ausführ-
liche Notizen. — Am 28. Januar 1829 wurde ihm eröffnet, dafs er das Land nicht
verlassen dürfe. Am nächsten Tage wairde er vor den Gouverneur von Nagasaki
geführt und einem strengen Verhör unterworfen, wobei er alles aufbot, seine Freunde,
namentlich den kaiserlichen Astronomen Takahasi Sakusajemon, zu retten. Diese Ver-
höre wiederholten sich von Zeit zu Zeit und zugleich fanden wiederholte Durch-
suchungen seiner Wohnung statt, wobei mancher wertvolle Gegenstand, dessen Besitz
vielleicht nicht einmal gegen die gesetzlichen Bestimmungen versciefs, weggenommen
wurde. Die Voruntersuchung schien die japanischen Behörden auf den Gedanken ge-
bracht zu haben, dafs ein schweres Staatsverbrechen, vielleicht der Plan, das Land an
einen auswärtigen Feind zu verraten, zu Grunde liege.
Am 22. Februar bemerkte man, dafs die Insel Dezima durchWachtboote beob-
achtet wurde; einige Tage darauf wurden die Wachen an den Thoren verdoppelt,
und die Magazine auf der Insel, worin auch ein Teil der Sammlungen Siebolds auf-
bewahrt war, wurden ebenfalls auf das genaueste durchsucht, und nach und nach der
wertvollste Teil seiner Sammlungen, auch viele seiner literarischen Schätze und Notizen
konfisziert. Gleichzeitig kamen wiederholt Hiobsposten von Schülern und Freunden,
welche durch die Untersuchung in das gröfste Unglück gestürzt worden waren.
XXIV
Philipp Franz von Siebold.
Siebold verwendete einen grofsen Teil seiner Ersparnisse dazu, um die Not der Ge-
fangenen zu lindern und ihre Familien zu unterstützen. Er hatte beinahe die Hoff-
nung verloren, je sein Vaterland wieder zu sehen; denn in seiner Erinnerung tauchte
jenes blutige Drama auf, welches vor Jahren auf Dezima sich abgespielt hatte, als
einige des Schleichhandels verdächtige Japaner am Fufse des niederländischen Flaggen-
mastes in Gegenwart der Niederländer zur Warnung gegen die Übertretung der japa-
nischen Verordnungen hingerichtet worden waren.
So zog sich die Untersuchung durch Monate hin, und erst im Juni 1829 wurden
einige seiner Diener aus dem Gefängnisse entlassen, während seine Lieblingsschüler
dort zurückbehalten wurden. Nachdem aber die fortgeführte Untersuchung keine
neuen belastenden Beweise für den angeblichen Landesverrat geliefert hatte, und bei
den Japanern selbst sich nach und nach Stimmen erhoben, welche in Anbetracht der
vielen Dienste, welche Siebold als Arzt und als Gelehrter dem Lande geleistet hatte,
um Gnade für ihn baten, wurde er am 22. Oktober wiederum vor den Gouverneur
geführt, welcher ihm namens der Regierung mitteilte, dafs er für ewig aus dem Lande
verbannt sei und dasselbe bei der nächsten Gelegenheit verlassen müsse.
Was während dieser Zeit hinter den Coulissen gespielt hat, und wieviel blutige
Opfer die Untersuchung unter seinen japanischen Freunden gefordert, ist Siebold nie
bekannt geworden. Der Hofastronom Takahasi scheint jedenfalls dabei ein trauriges
Ende genommen zu haben, obgleich bestimmte Nachrichten fehlen. Viele von Siebolds
Freunden schmachteten lange Jahre im Gefängnis. Merkwürdigerweise waren es aber
gerade die Landesfürsten, welche im Gegensätze zu der Regierung des Sjögun sich
der Verfolgten annahmen. Viele seiner Anhänger fanden ein Asyl bei den Daimios,
namentlich bei den Fürsten von Satzuma und Uwasima, wo sie später Schulen und
Lehranstalten nach europäischem Muster gründeten. Siebold verliefs am 30. Dezember
Dezima und begab sich an Bord des niederländischen Schiffes zur Rückkehr nach
Batavia. Tief gerührt war er, als am 31. früh ein kleines Fischerboot bei seinem
Schiffe anlegte, und einer seiner besten Freunde, als Fischer verkleidet, ihm Lebewohl
wünschte. Heimlich landete Siebold noch einmal beim Fischerdorfe Kosedo, w7o er
einige seiner wieder freigelassenen Schüler antraf und mit schwerem Herzen sich von
ihnen verabschiedete.
Am 2. Januar 1830 verliefs er Japan und kam schon am 28. Januar auf der Rhede
von Batavia an. Hier gelang es ihm, sich bei dem Generalgouverneur vollständig zu
rechtfertigen, und es wurde ihm gestattet, mit den Überresten seiner Sammlungen
und seinen geretteten Manuskripten nach den Niederlanden zurückzukehren.
Am 5. März verliefs er Batavia und traf am 7. Juli in Vlissingen ein.
Als die Nachricht von seiner Gefangenschaft in Europa eingetroffen w7ar, galt er
seinen Freunden als verloren, und bei der Annahme der japanischen Behörden, dafs
er im Aufträge einer fremden Regierung gehandelt habe, wäre es auch kein Wunder
gewesen, wenn er seine allzu eifrige Wifsbegierde mit seinem Leben hätte bezahlen
müssen.
Tief gerührt w7ard Siebold durch die Mitteilung, die er aber erst nach seiner
Rückkehr erhielt, dafs König Ludwdg I. von Bayern, als er von Siebolds Verhaftung
Nachricht erhalten hatte, auf diplomatischem Wege sich an die niederländische Re-
gierung gewendet und dieselbe ersucht hätte, alle zur Verfügung stehenden Mittel an-
zuwenden, um seinen Unterthanen der japanischen Gefangenschaft zu entreifsen.
Philipp Franz von Siebold.
XXV
Der Empfang, welcher ihm in Holland zu teil wurde, entschädigte ihn jedoch
vielfach für die erlittenen Qualen, und die niederländische Regierung gab ihm nicht
nur unbegrenzten Urlaub zur Herausgabe seiner wissenschaftlichen Werke und zur
Ordnung seiner Sammlungen, sondern unterstützte ihn auch auf jede mögliche Weise
und überhäufte ihn, nachdem die Resultate seiner Forschungen nach und nach in die
Öffentlichkeit gedrungen waren, mit hohen Ehren. Erst nachdem er einen Teil
seiner wissenschaftlichen Arbeiten vollendet, kehrte er auf kurze Zeit zum Besuche
seiner Verwandten nach Bayern zurück, wo er am Hofe zu München gleichfalls eine
ausgezeichnete Aufnahme fand.
Nachdem er die Aufstellung seiner Sammlungen vollendet hatte, widmete Sie-
bold sich ganz der literarischen Thätigkeit: der Herausgabe seiner Werke über Japan.
An der Spitze steht das Nippon-Archiv zur Beschreibung von Japan in neun Abtei-
lungen. Ferner nennen wir als seine Hauptwerke die Fauna und Flora Japonica, so-
wie seinen Atlas des Japanischen Reichs. Auf seiner Villa bei Feyden, wo er sich
neben dem neubegründeten Jardin d’Acclimatation ein Heim geschaffen hatte, ent-
wickelte sich, wie einst auf der Villa bei Nagasaki, ein reges wissenschaftliches Feben.
Seine Mitarbeiter bei der Flora Dr. J. G. Zuccarini und hei der Fauna die Herren
C. J. Temminck und H. Schlegel, sowie H. de Haan unterstützten ihn bei der Heraus-
gabe seiner Prachtwerke, während für den chinesisch-japanischen Teil der Chinese
Ko-tsching-dschang und Dr. Hoffmann engagiert waren. Da die Werke im Selbst-
verläge herauskamen, erforderten sie aufserordentliche Opfer seinerseits, welche nur
teilweise durch Subskription seitens der verschiedenen Regierungen und gelehrten
Körperschaften gedeckt wurden, während für Privatleute meistens der Preis für die
grofsen Fachwerke unerschwinglich war. ' In der wissenschaftlichen Welt machten be-
sonders seine geographischen Entdeckungen viel Aufsehen, und Siebolds Karten, welche
nach japanischen Original-Aufnahmen ausgearbeitet waren, waren bis auf die neueste
Zeit mustergültig und bildeten sogar die Grundlage für die englischen Admiralitäts-
karten. Auch Siebolds Mitteilungen über die Neben- und Schutzländer Japans, näm-
lich Jezo, die südlichen Kurilen und Sachalin, sowie Korea und die Fiukiu- Inseln
eröffneten den Ethnographen fast gänzlich unbekannte Gebiete. Die philologische Ab-
teilung seiner Werke, welche er mit Hülfe des Chinesen Ko-tsching-dschang heraus-
gab, waren wertvolle Beiträge zur Kenntnis der japanisch-chinesischen Ideographie
und enthielten die ersten Angaben über koreanische Schrift und Sprache, wobei
namentlich das Werk «Tsian dsü wen» sive mille literae ideographicae; Opus Sinicum
cum interpretatione Kooraiana in peninsula Koorai impressum für die Sprachforschung
einen aufserordentlich wuchtigen Beitrag abgab.
Nebenbei war Siebold auch politisch aufserordentlich thätig, und in seiner Stellung
als Adviseur für japanische Angelegenheiten arbeitete er mit Ausdauer an der Eröff-
nung Japans für den Weltverkehr. Sein Ideal wäre es gewesen, die niederländische
Regierung zu einer energischen und liberalen Politik hinzudrängen und durch Hollands
Einflufs die unabweisbar gewordenen Veränderungen in den Beziehungen Japans zu
den Westmächten ohne zu grofse Erschütterung zu stände zu bringen, eine Politik,
die bei der niederländischen Regierung nicht immer genügend gewürdigt wurde. Als
später die amerikanische Expedition unter Kommodore Perry sozusagen unter dem
Druck der Geschützmündungen die Eröffnung von Japan im März 1854 durchsetzte,
war es allerdings Hollands Verdienst gewesen, die Japaner auf das unvermeidliche
XXVI
Philipp Franz von Siebold.
Schicksal vorbereitet und dadurch einen Konflikt vermieden zu haben, aber den Ruhm
der Eröffnung Japans mufste leider Holland nun mit anderen mehr energischen
Mächten teilen. Es war übrigens ein nicht hoch genug anzuerkennender Schritt, den
der König der Niederlande unternahm, als er an den de facto Regenten von Japan
einen Brief schrieb, um ihm anzuraten, das Land dem Fremdenverkehr zu eröffnen.
Das vom 15. Februar 1844 datierte Schreiben dürfte wohl von Siebold redigiert
worden sein und enthielt folgende bedeutsame Sätze : «Wir haben dem Lauf der Zeit
eine ernste Aufmerksamkeit gewidmet. Der Verkehr der Völker auf Erden nimmt
mit raschen Schritten zu; eine unwiderstehliche Kraft zieht dieselben gegenseitig an.
Durch die Erfindung von Dampfschiffen werden die Entfernungen immer geringer.
Das Volk, welches bei dieser allgemeinen Annäherung sich ausschliefsen will, wird
mit vielen in Feindschaft geraten. Es ist uns bekannt, dafs die Gesetze, welche die
durchlauchtigsten Vorfahren Ew. Majestät dem Reiche Nippon gegeben, den Verkehr
mit fremden Völkern beschränken. Doch der Weise1 sagt: „Wenn die Weisheit auf
dem Throne sitzt, dann thut sie sich hervor durch Erhaltung des Friedens“. — Wenn
alte Gesetze durch strenge Handhabung Anlafs zur Friedensstörung geben, dann ge-
bietet es die Vernunft dieselben zu mildern. Dies, grofsmächtiger Kaiser, ist denn
auch unser freundschaftlicher Rat; mildert die Strenge des Gesetzes gegen den Ver-
kehr mit Fremden, damit das glückliche Japan nicht durch Kriege verwüstet werde.»
Im Jahre 1845 hatte er sich mit Helene Ida von Gagern vermählt und seine
junge Frau nach seiner Besitzung Nippon bei Leyden heimgeführt. Nur kurz dauerte
der Aufenthalt in Holland, dessen feuchtes Klima auf die Dauer der Gesundheit Sie-
bolds nicht zuträglich war. Er richtete wieder seine Blicke nach Deutschland und
entdeckte am Rhein in dem alten Kloster St. Martin bei Boppard einen ihm zu-
sagenden Ruhesitz, wo er ungestört seine Studien fortsetzen und seine Werke vollenden
konnte. Hier genofs er auch im Spätherbst seines Lebens an der Seite seiner gemüts-
vollen edlen Gattin das glücklichste Familienleben, das leider nur zu oft für ihn durch
Reisen nach Holland und den verschiedensten Hauptstädten Europas, w7o er ein gern
gesehener Gast war, unterbrochen wurde. Von den aus dieser Ehe entsprossenen
Kindern haben zwei Söhne ebenfalls ihre Laufbahn nach Japan verlegt, wo sie während
eines langjährigen Aufenthalts auf politischem und diplomatischem Gebiete thätig waren.
Die beiden Töchter verblieben im Vaterlande, wo die ältere mit dem Reichsfreiherrn
Max. von Ulm -Erbach und die jüngere mit dem Königl. Württemb. General der In-
fanterie Gustav von Brandenstein vermählt ist. — Später verlegte Siebold seinen Wohnsitz
nach Bonn, wohin ihn das rege wissenschaftliche Leben und die literarischen Hilfsmittel
der Universität zogen.
Im Jahre 1853 wurde Siebold nach Rufsland gerufen, um, wie der Minister des
Äufsern sich ausdrückte, Auskunft über Fragen zu geben, die aufser ihm niemand
beantworten konnte. Es handelte sich um die Regulierung wichtiger Grenzfragen mit
China im Amurgebiet, die der Generalgouverneur von Ostsibirien, Graf Murawiew,
der später wegen seiner Erfolge den Titel Amurski erhielt, für die Befestigung der
Macht Rufslands in Ostasien und sein Vordringen bis an den stillen Ozean im Auge
hatte. Diesem Staatsmann gelang es nur, mit seinen Ansichten in St. Petersburg
durchzudringen, als Siebold auf Grund seiner geographischen Forschungen den Nach-
1 Confucius.
Philipp Franz von Siebold.
XXVII
weis geliefert hatte, dafs die Pläne Murawiews nicht nur ausführbar, sondern auch
China gegenüber diplomatisch vertretbar wären. Diese Vorarbeiten führten bekannt-
lich zur Anlegung von Forts am Amur und zum Vertrage von Aigun, wobei China
an Rufsland das ganze linke Amurgebiet abtrat und Rufsland einen enormen Gebiets-
zuwachs erhielt, auf dem heute seine Machtstellung in Ostasien begründet ist. Da
die Interessen Hollands in keiner Weise mit denen Rufslands kollidierten, durfte
Siebold es wagen, ohne spezielle Erlaubnis seiner Regierung den Russen die Frucht
seiner Erfahrung zur Verfügung zu stellen, und in einem Schreiben an den Prinzen
Heinrich der Niederlande, seinen Gönner, erklärt er auch diesen immerhin verant-
wortlichen Schritt in vollständig befriedigender Weise. In seinem Schreiben vom
9. März 1853 aus St. Petersburg erwähnt er: «Als ich Ew. Kgl. Hoheit bei Anlafs
des neuen Jahrs mir gestattete, meine Glückwünsche darzubringen, hatte ich keine
Ahnung, dafs ich bald darauf nach St. Petersburg eine Reise unternehmen würde.
Gerade zu Neujahr empfing ich vom Minister des Äufsern eine halbamtliche Auf-
forderung nach St. Petersburg zu kommen. „Afin de recevoir de ma bouche des
renseignements sur une question qu’aucun autre Europeen etait ä meine de donnerV
Ich nahm diese Einladung an mit der Absicht, dem Ziele näher zu kommen, welches
ich mir vorgesteckt habe, welches Ew. Kgl. Hoheit nicht unbekannt ist, nämlich auf
friedlichem Wege Japan dem Weltverkehr zu eröffnen, unter Aufrechterhaltung der
alten Vorrechte und der bevorzugten Stellung Hollands in den japanischen Gewässern.
Leider hat man in Holland meinen grofsartigen Plan, so sehr derselbe auch
seitens Ew. Kgl. Hoheit unterstützt wurde, nicht verstanden, während dieser doch auf
einer festen Grundlage beruht, auf welcher ich dreifsig Jahre hindurch mit Ausdauer
und Einsicht vorgearbeitet habe.» — —
Siebolds Hoffnung beruhte darauf, durch Rufsland vom Norden aus freund-
schaftliche Beziehungen mit Japan anknüpfen zu lassen, und auf diese Weise Japan
dem Weltverkehr zu erschliefsen und so auch etwaige Gewaltmafsregeln, welche Amerika,
England oder Frankreich gegen Japan unternehmen könnten, unmöglich zu machen.
Der Krimkrieg und der Tod des Kaisers Nikolaus waren Ursache, dafs Rufs-
land auf Jahre hinaus seiner Expansions -Politik entsagen mufste; inzwischen kam ihm
Amerika im Jahre 1854 zuvor, Japan wurde dem Weltverkehr erschlossen, und die
Schranken fielen. Bei dieser Gelegenheit gelang es der Niederländischen Regierung
ebenfalls, einen günstigen Vertrag mit dem Taikun (oder Sjögun) abzuschliefsen, und
durch einen Austausch von diplomatischen Noten wurde auch das Verbannungsurteil
gegen von Siebold aufgehoben.
Jetzt erwachte wieder bei dem 63 jährigen Manne frische Jugendkraft, und nichts
konnte ihn zurückhalten, sein geliebtes Japan noch einmal zu besuchen. Doch da
bei der Regierung Bedenken gegen seine sofortige Verwendung in diplomatischer
Eigenschaft obwalteten, mufste er vorerst in einer handelspolitischen Stellung hinziehen,
und die Niederländische Handelsmaatfchappy bot dazu die Hand, indem sie ihm die
Stellung eines Adviseurs bei ihrer dort neu zu errichtenden Handels-Agentur über-
trug. I111 April 1859 verliefs er Bonn, wo seine Familie zurückblieb, und nahm seinen
damals nur 1 3 1 /s jährigen ältesten Sohn Alexander mit in das Land seiner Hoffnungen.
Rührend war der Abschied von seinen Freunden und Gönnern, und manch warmer
Segenswunsch begleitete ihn über den Ozean. Der Nestor der deutschen Gelehrten,
Alex, von Humboldt, schrieb ihm unter dem Datum vom 10. April 1859 also:
XXVIII
Philipp Franz von Siebold.
J’ai ete infiniment touche en lisant la lettre d’adieu et de conge que si pres de
votre nouveau depart pour le Japon vous avez publiee sous la date du 22 mars, le
28 mars de cette annee dans l’Echo Universel des Pays-Bas No. 2456. C’est au
plus ancien des voyageurs a exprimer publiquement combien il admire, mon eher
et illustre confrere, une resolution noblement inspiree par ce meme devouement pour
les Sciences, qui pendant un demi siede a porte, par votre rare activite et la variete
de vos connaissances, des fruits si eminents.
II n’y a pas une partie de la Geographie physique, qui n’ait profite de vos
immenses travaux sur EArchipel du Japon. Nos jardins botaniques sont ornes des
plantes que vous avez introduites. Vous allez sur les lieux meines continuer et
perfectionner ces magnifiques travaux. Puisse votre sante si chere ä tous ceux qui
prennent de Pinteret au progres des Sciences physiques resister a des nouvelles
fatigues, et seconder une si noble entreprise — tel est le voeu que je vous adresse
comme un de vos plus anciens et affectueux amis et admirateurs.
Berlin, 10. avril 1859.
A. de Humboldt.
Anfangs April 1859 verliefs er Bonn und fuhr über Paris nach Marseille, wo er
sich an Bord des englischen Postdampfers «Tiger)) einschiffte und über Alexandrien,
Suez, Aden, Point de Galle nach Singapore fuhr, von wo er einen Abstecher nach
Batavia machte, um sich beim Generalgouverneur zu melden und mit den Direk-
toren der Handelsmaatschappy Rücksprache über die verschiedenen Handelsfragen
zu nehmen.
Später fuhr er nach Buitenzorg, der Residenz des Generalgouverneurs, dessen
Gast er einige Tage auf diesem in prachtvoller Höhe gelegenen tropischen Paradiese
war. Nach Singapore zurückgekehrt, fuhr er auf einem Segelschiffe unter russischer
Flagge, «Lucy und Harriet», unter Kapitän von Huntein, nach Shanghai, von wo
er nach kurzem Aufenthalte mit einem englischen Dampfschiffe nach Nagasaki
hinüberfuhr, wo er in der Nacht des 4. August ankam.
Bald verbreitete sich das Gerücht von der Ankunft des alten «Meesters», und
von allen Seiten strömten ehemalige Schüler, Freunde und Anhänger herbei. Es gab
rührende Scenen des Wiedersehens, aber auch traurige Erinnerungen, als v. Siebold
nach der Schar seiner Freunde frug, deren Zahl durch die Zeit und Verfolgung
stark gelichtet war.
Einige Tage darauf empfing der japanische Gouverneur Okabe Suruga no Kami
Siebold im Regierungspalais, wo er einst als Gefangener hatte niederknieen müssen.
Es entwickelte sich sofort eine freundschaftliche Annäherung, welche zu der Erlaub-
nis führte, in einem Tempel Hon-ren-si sein Absteigquartier zu nehmen, welches aber
später in die Villa zu Narutaki verlegt wurde.
Siebold nahm seine unterbrochenen Studien und Forschungen wieder auf, als
ob er dieselben nicht dreifsig Jahre, sondern nur wenige Monate unterbrochen hätte;
die Zahl älterer und jüngerer Schüler wuchs von Tag zu Tag, und aufs neue drang
sein erspriefsliches Wirken in immer weitere Kreise. Selbst seine ärztliche Thätig-
keit, die so lange in Europa gefeiert hatte, mufste er wieder ausüben und auch in
dieser Hinsicht hatte er Erfolg und Befriedigung.
Politisch umwölkte sich der Horizont mehr und mehr. Die vom Sjögun, der
in den Verträgen irrtümlich Taikun genannt und (de facto) als Regent des Landes
Philipp Franz von Siebold.
XXIX
betrachtet wurde, mit den Westmächten abgeschlossenen Verträge waren von dem
eigentlichen Staatsoberhaupte, dem Mikado, nicht ratifiziert worden, und eine Koalition
der feudalen Reichsgrofsen hatte sich gebildet, welche die Zulassung der Ausländer
seitens des Sjögun als verfassungswidrig erklärten und auf diesen Grund hin den-
selben zu stürzen entschlossen waren. Schon waren Unruhen in verschiedenen
Provinzen ausgebrochen — der erste Minister des Sjögun, Ii Kamono Kami, war
kurz vor Siebolds Ankunft durch Verschwörer auf offener Strafse ermordet worden,
und das ganze Staatsgebäude des Sjögunats, welches durch Usurpation entstanden
und durch ein wunderbar angelegtes System machiavellistischer Staatskunst sich
Jahrhunderte durch erhalten hatte, schien ins Wanken geraten zu sein. Banden
von sogenannten Ronins, junge Männer aus dem Militäradel, welche bei Auf-
opferung ihres- eigenen Lebens vor keiner That zurückschreckten, um die Regie-
rung einzuschüchtern, gefährdeten das Leben der Staatsbeamten sowie der Fremden.
Fast täglich drangen Gerüchte von politischen Morden in Siebolds Einsamkeit, und
schliefslich auch die Nachricht, dafs das prachtvolle Schlofs der Sjöguns in Jedo ein
Raub der Flammen geworden sei. Wenige Mitglieder der Regierung waren noch im
stände, die Situation zu übersehen; man brauchte Gewalt gegen Gewalt, die Gefäng-
nisse zu Jedo waren angefüllt, und selbst bis in seinen höchsten Kreisen wurde der
Feudaladel, welcher der Opposition angehörte, durch Hausarrest und Degradation
heimgesucht, während viele Karos und Samurais, d. i. Staatsräte und Militärs, auf Be-
fehl der Jedo-Regierung mittelst des noch allgemein üblichen Hara Kiri (Leibauf-
schlitzen) ins Jenseits befördert wurden.
Der amerikanische Legationssekretär Heusken, mehrere russische Offiziere, zwei
holländische Schiffskapitäne, sowie andere Europäer waren in Jokohama bereits als
Opfer politischer Morde gefallen. Die Haltung der Vertragsmächte wurde immer
drohender, und sie verlangten nicht nur Sicherheit für das Leben ihrer Staats-
angehörigen, sondern auch die strikte Ausführung der Verträge, welche die ge-
ängstigte Regierung des Sjögun unter dem Druck der Opposition einzuschränken
und zu umgehen suchte. Unter diesen Umständen wurde Siebold im Anfänge des
Jahres 1 8 6 1 im Namen des Sjögun nach Jedo berufen.
Es hiefs zwar ausdrücklich, dafs dies zum Zwecke wissenschaftlichen Unterrichts
geschehe, aber es liefs sich leicht durchschauen, dafs auch politische Fragen, nament-
lich die Erholung von Rat in den verwickelten europäischen Beziehungen, als Beweg-
grund gedient hatten. Siebold entschlofs sich sofort, den Ruf anzunehmen, und
wenige Wochen darauf befand er sich in Jokohama, dem neueröffneten Hafen, von
dem er, sobald sein Quartier in der Hauptstadt fertig war, dorthin übersiedelte. Das
Palais zu Akabane, wro kurz vor ihm die preufsische aufserordentliche Gesandtschaft
unter Graf Eulenburg gewohnt hatte, ward ihm zum Quartier angewiesen. Der
herrschenden Unsicherheit wegen war eine Abteilung der Leibgarde des Sjögun zum
Schutze des Palais beordert, und auf seinen Spaziergängen begleitete ihn stets eine
Anzahl derselben auf Schritt und Tritt.
Siebold war erst wenige Wochen in Jedo, als der erste Schlag gegen die
Europäer geführt wurde, In der Nacht vom 4. Juli wrurde die englische Gesandt-
schaft von einer Bande Ronins überfallen. Der Gesandte Sir Rutherford Alcock war
eben von einer Landreise zurückgekehrt und verbrachte die erste Nacht in der Haupt-
stadt, als er und die Herren seiner Mission plötzlich um Mitternacht durch dumpfe
Philipp Franz von Siebold.
Schläge erweckt wurden. Bald war die Thüre des Gesandtschaftspalais erbrochen,
und die Mordbande mit dem Schwert in der Hand stürzte auf die plötzlich aus dem
Schlafe geweckten Engländer. Fast gänzlich unbewaffnet, hatten sie es einer gütigen
Vorsehung zu danken, dafs sie nicht alle abgeschlachtet wurden. Nur der Sekretär,
Mr. Oliphant, wurde schwer und der Konsul Morrison leicht verwundet, und nach-
dem die japanischen Wachen sich von der ersten Bestürzung erholt hatten, kam es
zu einem mörderischen Kampfe mit den Angreifern, von denen fünf auf dem Platze
blieben; aber auch die Wachen selbst hatten schwere Verluste zu beklagen, da sie
im Dunkel der Nacht nicht Freund und Feind hatten unterscheiden können und sich
selbst gegenseitig bekämpft hatten.
Kaum hatte Siebold diese Nachricht erhalten, als er sofort auf den Schauplatz
eilen und seine Dienste als Chirurg dem Gesandten zur Verfügung stellen wollte.
Aber seine Eskorte liefs ihn nicht aus dem Palais heraus, und erst gegen Morgen
durfte er zu den Engländern eilen. Die Gesandtschaft bot einen schauderhaften An-
blick; überall Blutspuren und Zerstörung, die Betten durchwühlt, Thüren und Fenster
zerschlagen, Zeichen eines fürchterlichen Kampfes mit der blanken Waffe. Im Vor-
hofe lagen die verwundeten Ronins, welche grofse Augen machten, als ein fremder
Arzt sie untersuchte, und in den Wachträumen die armen Wachen, manche mit
fürchterlichen Säbelhieben, die ganze Glieder vom Körper getrennt hatten.
Siebold eilte zum Staatsrat, welcher ihn beinahe flehentlich beschwor, seinen
Einflufs bei den europäischen Staatsmännern geltend zu machen, um einen Krieg mit
England zu vermeiden. Er befand sich auf diese Weise plötzlich im diplomatischen
Fahrwasser, welches aber leider so getrübt war, dafs keine Kunst mehr die Regie-
rung des Sjögun zu retten vermochte.
Inzwischen hatte die eigentümliche Stellung, die Siebold in Jedo nun bekleidete,
Bedenken beim niederländischen diplomatischen Agenten erweckt. Er forderte Sie-
bold in einem Schreiben auf, sofort Jedo zu verlassen, da er ihn sonst des nieder-
ländischen Schutzes für verlustig erklären müsse. Antwort Siebolds war, dafs er sich
unter den Schutz der japanischen Regierung stellen würde — - darauf diplomatische
Schritte bei der japanischen Regierung und Ersuchen, Sieb old wegzuschicken. Lange
zögerte die Regierung, aber endlich gab sie dem Drängen nach und ersuchte ihn, in
Anbetracht der möglichen Verwicklungen mit der holländischen Regierung Jedo zu
verlassen. Gleichzeitig aber kam ein Schreiben des Generalgouverneurs von Indien,
der ihn amtlich aufforderte, nach Java als Adviseur für japanische Angelegenheiten,
bei einer bedeutenden Gehaltszulage, sich einzufinden, mit der Aussicht, von dort aus
später bald als diplomatischer Vertreter Niederlands nach Japan zurückzukehren.
Siebold, der einerseits die Unmöglichkeit einsah, unter den verwickelten Verhältnissen
der Regierung des Sjögun weiter nützen zu können und andererseits es auch als
seine Pflicht erkannte, seiner Regierung sich auf Befehl zur Verfügung zu stellen,
reiste sehr bald darauf von Jedo ab, um sich in Java beim Generalgouverneur
zu melden.
In Java angekommen, fand er, dafs man ihn absichtlich oder unabsichtlich ge-
täuscht hatte. Nicht nur war von seiner Ernennung zu einem diplomatischen Posten
keine Rede mehr, sondern die ganze Leitung der japanischen Beziehungen war in-
zwischen vom Kolonialamt auf das Ministerium des Äufsern übergegangen, so dafs
der ihm in Aussicht gestellte Posten überhaupt nicht mehr existierte.
Philipp Franz von Siebold.
XXXI
Es blieb ihm nichts übrig als nach Holland zurückzukehren, wo er tief gekränkt
mit der Regierung eine höchst peinliche Auseinandersetzung hatte, die in der Ein-
reichung eines Entlassungsgesuches ihr Ende fand. So kehrte er nach seiner Vater-
stadt Würzburg zurück und stellte dort zuerst seine prachtvolle ethnographische Samm-
lung auf, die er später dem bayerischen Staat abtrat, welcher sie unter den Arkaden
zu München aufstellen liefs.
Nebenbei beschäftigte sich Siebold mit der weiteren Herausgabe seiner Werke,
unterhielt durch Vermittlung seines Sohnes eine rege Korrespondenz mit Japan und
fand Gelegenheit, bei den Grofsmächten für die friedliche Entwicklung der politischen
Verwicklungen zu wirken und bei mancher bisher unbekannt gebliebenen Gelegen-
heit diplomatisch in die ostasiatischen Angelegenheiten einzugreifen; wie z. B. bei
Anlafs der aufserordentlichen japanischen Gesandtschaft in Paris. Während dieser
Zeit beschäftigten seinen Geist zwei Pläne, welche, zur Ausführung gelangt, gewils
einen grofsen Einflufs auf die Gestaltung der Dinge in Japan gehabt hätten. Der
erste war die Einführung des deutschen Militärsystems in Japan durch die Engagie-
rung einer Anzahl bayerischer Offiziere und Unteroffiziere als Instrukteure im japani-
schen Dienst, eine Aufgabe, welche leider damals Frankreich sich aneignete und zur
Vermehrung seines politischen Einflusses ausbeutete, und das zweite Projekt war die
Gründung einer grofsartigen Handelsgesellschaft, verbunden mit einer Schule für
Handelswissenschaften in Nagasaki.
Auf das eingehendste verfolgte Siebold die Entwicklung der neuen Ära in
Japan. Er war der erste und wahrscheinlich der einzige Europäer, welcher die Trag-
weite der damaligen politischen Bewegung erkannte und darauf hinwies, dafs es sich
um nichts weniger als um die Restauration des Mikado handelte. Er hielt dafür, dafs
es Sache der Mächte sei, beizeiten durch die Anerkennung des legitimen Souverains
einen blutigen Bürgerkrieg zu verhindern, da aber Frankreich sich auf Seite des
Sjögun gestellt hatte, Amerika ihm Waffen und Schiffe lieferte, England und fast
sämtliche andere Vertragsmächte eine Flotte gegen den Fürsten von Suwo und Nagato
(Choshiu), den Vorkämpfer des Mikado, ausgerüstet hatten, und im Begriffe waren,
die Forts von Simonoseki zu bombardieren, schien es Siebold die höchste Zeit, dafs
die einzig neutral gebliebene Macht, Rufsland, interveniere. In einem Schreiben vom
8. Oktober 1863 an den Generaladjutanten des Kaisers Ignatiew, sowie in einer ausführ-
lichen Denkschrift legte er seine Ansichten mit bewunderungswürdiger Klarheit dar,
deutete die kommenden Ereignisse an und zeichnete die Rolle vor, welche Rufsland
als Friedensstifter in Ostasien zu spielen hätte. Leider ohne Erfolg; denn auch in
St. Petersburg hatte man die Motive der japanischen Umwälzung nicht erkannt und
legte keinen Wert darauf, den politischen Ereignissen vorzugreifen. Aber als Beweis
diplomatischen Scharfsinnes und einer richtigen Erkenntnis der politischen Thatsachen
bleibt die Denkschrift auch für die japanische Geschichte eine wichtige Urkunde.
Keiner der an Ort und Stelle anwesenden Diplomaten oder der leitenden Staats-
männer Europas hatten den Endzweck der schon seit Jahrzehnten in Japan gährenden
Bewegung zu erkennen vermocht, welche Siebold in § 1 seiner Denkschrift kurz und
bündig erklärt: «II s’opere au Japon une revolution, la restauration de Fanden Empire
et le retour au pouvoir du Mikado actuel. Par la mediation unanime de toutes les
puissances qui ont fait des traites avec le Japon cette restauration aurait pu etre amenee
en paix et mise a profit tant pour leurs interets politiques que commerciaux.» Im
XXXII
Philipp Franz von Siebold
Jahre 1863 hatten sogar nur wenige Japaner, die Führer der Bewegung ausgeschlossen,
erkannt, um was es sich eigentlich handelte, so dafs es den europäischen Diplomaten
nicht verargt werden kann, wenn sie damals noch mit Blindheit geschlagen waren.
Diese Pläne sollten Sieb old zum dritten Male nach Japan führen, wenn ihn nicht
inmitten der Vorbereitungen zu dieser Reise der Tod in München am 18. Oktober 1866
seinen grofsartigen und weitsichtigen Plänen entrissen hätte. Es war ihm gestattet,
in seinem Vaterlande seine letzten Tage zu verleben und sein letztes Werk, die Auf-
stellung seiner ethnographischen Sammlungen, war also ein Werk, welches demselben
zu gut kam.
Wo die Früchte unermüdlicher wissenfchaftlicher Arbeit und hervorragende
literarische Werke sprechenden Beweis für die Leistungen eines Forschers liefern, be-
darf es keiner weiteren Lobpreisung. Auch legen die Monumente von Stein und Erz,
welche Freunde und Verehrer dem Gelehrten in Europa und Japan errichtet, Zeugnis
ab für die übereinstimmende Anerkennung durch die Nachwelt. Erst vor kurzem gab
die gleichzeitig hier wie dort stattgefundene Centenarfeier der Geburt Siebolds Ver-
anlassung, die geistige Gemeinschaft zu erkennen, welche heute den Westen mit dem
Osten verbindet. Diese geschaffen zu haben, dürfte das Hauptverdienst Siebolds sein.
Welche Bedeutung seine Wirksamkeit auch für die Lösung der universalgeschichtlichen
Aufgabe, der Vermittlung der Kultur unter den verschiedenen Völkern und Welt-
teilen gehabt hat, ist so treffend durch Prof. Dr. Henner, Vorsitzenden des historischen
Vereins für Unterfranken und Aschaffenburg, in seiner Rede am 25. Februar d. J.
hervorgehoben worden, dafs wir nicht unterlassen wollen, folgendes daraus zum
Schlüsse anzuführen:
«Der Erdteil Asien galt von jeher als die Wiege der Menschheit und zugleich
als der Ausgangspunkt aller höheren Kultur. Von dort aus wurde sie dann nach
unserem Europa verpflanzt, und von hier ergossen sich die Ströme dieses Kultur-
lebens wieder nach anderen neu entdeckten Welten. Allein wie alles das in ewigem
Kreisläufe sich bewegt, so hat es fast den Anschein, als ob jene alte ehrwürdige Wiege
der Menschheit, Asien, jahrhundertelang wie in einem Zauberschlaf befangen, nun-
mehr in eine neue Phase der Kulturentwicklung treten will, und zwar ist es der
äufserste östliche Vorposten dieser gewaltigen Ländermasse, das japanische Inselreich,
welches zum Träger und Führer dieses erneuten Aufschwungs berufen erscheint.
Dieses Reich Japan nun, das auch jahrhundertelang gegen alles Fremde streng sich
abgeschlossen hatte, endlich wdeder neuen Kultureinflüssen von aufsen her zugängig
und dadurch eben zur Lösung einer solchen Aufgabe von ganz unabsehbarer Tragweite
fähig gemacht zu haben, das war in erster Linie das unsterbliche Verdienst Siebolds;
gleichwie er dann wieder vor dem staunenden Europa das farbenreiche Bild jener
wunderbaren Inselwelt entrollte. Er hat uns die entzückende Flora Japans erschlossen
und dafür diesem Lande die Blüten europäischen Geisteslebens vermittelt. Wie waren
doch unlängst die Augen der ganzen Welt mit gespanntester Aufmerksamkeit auf
jenen gewaltigen Ringkampf gerichtet, der sich im östlichen Asien zwischen China
und Japan entsponnen hatte; wie da das verhältnismäfsig kleine Japan das Reich der
Mitte, das Riesenreich China im ersten kühnen Ansturm niederwarf! Das wvar eben
die Frucht jener inneren Kulturarbeit der letzten Menschenalter; und keine Übertrei-
bung ist es darum, wenn ich sage: jeder neue Sieg, den Japan damals errang, war
zugleich auch ein Triumph des Namens Siebold. »
Philipp Franz von Siebold.
XXXIII
Dafs Siebold der intellektuelle Urheber des in Japan stattgehabten phänomenalen
Aufschwungs gewesen ist, haben auch seine japanischen Verehrer auf dem Gedenk-
stein zu Nagasaki für die Nachwelt in einer Inschrift verewigt. Auf diesem, einem
mächtigen Monolithen, haben die letzten Überlebenden seiner Schüler, die hervorragendsten
Staatsmänner des Reichs und Mitglieder des hohen Adels die Worte eingegraben:
«Dafs in den Jahren des Cyklus Kaje und Ansei die Partei, welche die Europäer
aus dem Lande zu vertreiben und das Reich aufs neue abzuschliefsen trachtete,
nicht den Sieg davongetragen und ein glückliches und friedliches Einvernehmen mit
Europa zu stände kam, ist einzig und allein das Verdienst der Männer, welche Kenner
und Vertreter der europäischen Wissenschaft waren; folglich ruht der Ruhm der
grofsen That, der Einführung der Civilisation im heutigen Japan, auf Siebold, dessen
Andenken dieser Stein gewidmet ist».
i 1
\
v. Sieb old, Nippon I. 2. Aufl.
III
XXXIV
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Erklärung des Titelbildes V
Vorrede zur zweiten Auflage IX
Ph. Fr. v. Siebold (eine biographische Skizze) XIII
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Reisen.
1) Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823 1
Mit einer «Skizze einer geographisch-statistischen Beschreibung von Banka)) und einem An-
hang: «Eroberung der Insel Formosa (Taiwan) durch den Chinesen Koksenia im Jahre 1662».
2) Reise nach dem Hofe des Sjögun im Jahre 1826 48
Einleitung zur Reise nach Jedo im Jahre 1826 48
Reise von Nagasaki bis Kokura 68
Überfahrt von Kokura nach Simonoseki und Aufenthalt daselbst 105
Reise von Simonoseki nach Muro und Aufenthalt daselbst • 130
Landreise von Muro nach Osaka 146
Aufenthalt zu Osaka und Kioto (Miako) 157
Reise von Kioto bis Jedo 164
Aufenthalt zu Jedo 182
Rückreise von Jedo bis Kioto 206
Aufenthalt zu Kioto und Rückreise nach Osaka 213
Aufenthalt zu Osaka 218
Rückreise von Osaka nach Nagasaki - . 224
Geographische Übersicht und Entdeckungsgeschichte von Japan.
3) Name, Lage, Gröfse und Einteilung des Japanischen Reiches 232
4) Entdeckung von Japan durch die Europäer und deren Beziehungen zu diesem Reiche bis zum
Beginne des XIX. Jahrhunderts 235
5) Entdeckungsgeschichte von Japan. Nach Fernan Mendez Pintos Erzählungen und Nachrichten
der Japaner 241
6) Beschreibung der Faktoreien der Niederländer in Japan, Hirado (Firato) und Dezima .... 245
7) Verkehr der Japaner mit ihren Nachbarn, den Chinesen, Koreanern und einigen andern Völkern 252
8) Geschichtliche Übersicht der geographischen Forschungen der Japaner über ihr eigenes Land
und dessen Neben- und Schutzlä'nder 255
9) Bemerkungen zu den Karten des Japanischen Reiches 277
Abteilung II. Volk und Staat.
1) Über die Abstammung der Japaner 281
2) Erörterung des Schiefstehens der Augen bei den Japanern und einigen anderen Völkerschaften 299
3) Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst 303
4) Geschichte der Entwicklung der Volkskultur und Begründung des Sjögunats 361
5) Beiträge zur Kenntnis der japanischen Rechtspflege 415
XXXV
Verzeichnis der Abbildungen.
Titelbild.
Portrait des Verfassers aus dem Jahre 1866.
Ansicht des Hafens von Nagasaki.
Plan von Dezima, der letzten niederländischen
Faktorei.
Tragsessel und Reisegepäck.
Zug der niederländischen Gesandtschaft.
Japanische Seeschiffe und Ruderboote.
Der grofse Kampherbaum bei Sonogi.
Die Kapelle des Pferdepatrons zu Woda.
Ansicht der Strafse van der Capellen.
Das Denkmal Josibe-se.
Ansicht von Simonoseki von Takesaki aus.
Portrait von Isibasi Sakusajemon, Präsidenten des
Dolmetscher-Kollegiums in Nagasaki.
Kostüme des Adels am Hofe des Mikado.
Damen am Hofe des Mikado.
Der Tempel Nisi-hon-gwanji in Kioto.
Ansicht des Biwa-Sees.
Die Jahaki-Brücke.
Krater des Fusijama.
Ansicht der Landstrafse im Hakone-Gebirge.
Portrait der Gemahlin des Sjögun.
Portrait des Sjögun.
Kostüme des Adels am Hofe des Sjögun.
Aussicht von der Brücke Jetai auf den Hafen und
die Stadt Jedo.
Höherer Offizier in Feuerwehr- Ausrüstung.
Der Strudel Naruto.
Abbildung der portugiesischen Entdecker Japans.
Ansicht von Hirado, der ersten niederländ. Faktorei.
Das Japanische Reich mit seinen Neben- und Schutz-
ländern (nach einem japanischen Kupferstich).
Vergleichende Tabelle der Augen bei den ver-
schiedenen Rassen.
Abbildung Komakis, eines japanischen Jünglings.
Abbildung Simoris, eines japanischen Mädchens.
Abbildung eines japanischen Knaben.
Abbildung eines kleinen japanischen Mädchens.
Portrait von Ko-tsching-dschan, einem chinesischen
Literaten.
Bogen und Pfeile.
Japanische Bogenschützen.
Die Kaiserin Zingo kogo und ihr Feldherr Takenoutsi.
Rüstungen, namentlich Schuppenpanzer und Helme.
Rüstungen und Details derselben.
Säbel, Schwerter und Dolche.
Waffenbeschläge und Ornamente.
Altere Kriegsmaschinen.
Streitwagen und Belagerungsmaschinen.
Lanzen und Speere.
Schiefsgewehr und grobes Geschütz.
Flaggen und Standarten.
Verschiedene Kriegsabzeichen.
Schilde, Leitern und anderes Kriegsgerät.
Pfeilspitzen aus der Steinzeit.
Waffen aus der ältesten Zeit.
Verschiedene Formen von Steinwaffen.
Genealogische Tafel der Sjögune.
Strafen und Hinrichtungen.
Beilagen :
Grofse Karte des Japanischen Reiches.
Tabelle der politischen Einteilung des Japanischen Reichs zur Zeit des Sjögunats.
HI*
Abteilung I.
Geographische Forschungen und Reisen.
Reisen.
i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823.
Niederland seine Besitzungen in Ostindien wiedererhalten, bestrebte
sich die Regierung, mit den neuen Staats- und Handelseinrichtungen in
den Kolonien auch Kunst und Wissenschaft eifrig zu fördern; unter
dem Schutze und der Pflege des General -Gouverneurs van der Capellen
erblühten diese gleichzeitig mit den neuen Niederlassungen, Pflanzungen
und vielen andern nützlichen Einrichtungen.
Professor Reinward, Dr. Kühl und van Hasselt, später auch Dr. Blume
durchforschten die Sunda- und die Gewürzinseln; ersterer war mit einer reichen Aus-
beute nach den Niederlanden zurückgekehrt, Kuhn als Opfer seiner Anstrengungen
gefallen, und die beiden letzteren beschäftigten sich noch auf Java mit naturwissen-
schaftlichen Forschungen, als Japan die Aufmerksamkeit der Niederländisch-Indischen
Regierung auf sich zog.
Seit vielen Jahren waren von dort keine bedeutenden Nachrichten mehr ein-
gegangen. — In den vorhergehenden Kriegen hatte die niederländische Schiffahrt
eine Störung erlitten, und andern Nationen war jenes Reich unzugänglich geblieben.
Carl Peter Thunberg, Arzt bei der niederländischen Gesandtschaft am Hofe zu
Jedo (1775—76), war seit E. Kaempfer der einzige, welcher das Innere jenes Landes
bereist und über dessen Naturerzeugnisse wertvolle Nachrichten mitgeteilt hatte.
Isaak Titsingh, Oberhaupt des niederländischen Handels daselbst (1780 — 84), hatte
interessante Notizen über Japan und einige benachbarte Länder gesammelt und eine
ansehnliche Sammlung ethnographischer Gegenstände, darunter einige brauchbare
naturhistorische Abbildungen, mit nach Europa gebracht; viele jedoch von seinen
wertvollen wissenschaftlichen Schriften und ein grofser Teil seiner Sammlung gingen
durch seinen frühzeitigen Tod im Auslande (starb zu Paris 1812) verloren.
v. Siebold, Nippon I. 2. Aufl.
1
Abteilung 1. Geographische Forschungen und Reisen.
1
Tilesius und von Langsdorff, welche mit von Krusenstern die Reise um die
Erde machten (1803 — 1806), befanden sich unter zu eingeschränkten Verhältnissen
in Japan, als dafs sie durch Nachforschungen die Naturwissenschaften bedeutend hätten
bereichern können, und Golownin konnte als Gefangener blofs eine Geschichte seiner
Abenteuer und einige zufällige Beobachtungen auf seiner unfreiwilligen Reise mitteilen.
Aus diesen spärlichen Quellen flössen in den letzten fünfzig Jahren die Nach-
richten über Japan. Es liefs sich daraus ermessen, mit welchen Hindernissen und
Schwierigkeiten wissenschaftliche Untersuchungen in Japan verknüpft sind, und aus
dem, was Kaempfer, Thunberg und Titsingh geleistet, konnte man entnehmen, dafs
noch vieles, hauptsächlich in den einzelnen Zweigen der Naturwissenschaften und der
Länder- und Völkerkunde, zu erforschen bliebe.
Bei dem Entwürfe zur Verbesserung des Handels, mit Japan war das Nieder-
ländisch-Indische Gouvernement zugleich auf Einrichtungen bedacht, die der Wissen-
schaft dort förderlich sein könnten. Doch war man zu wenig mit der Stimmung der
japanischen Regierung für dergleichen Unternehmungen bekannt, um danach die Mafs-
regeln zu entwerfen. Man wufste, dafs einzelne Japaner europäische Wissenschaften
schätzten, dafs sie überhaupt wifsbegierig und mit den Niederländern auf Dezima
gegenwärtig in gutem Verständnisse seien. Für Medizin, Naturgeschichte und Mathematik
hatte dieses gebildete Volk von jeher Vorliebe, und es waren, ob es nun aus wissen-
schaftlichem oder einem andern Interesse geschah, wissenschaftlich gebildete Personen
bei der niederländischen Faktorei den Japanern stets willkommen. Ärzte besonders
wurden gut aufgenommen. Letzteren verschaffte die Ausübung ihrer Kunst die Er-
laubnis und Gelegenheit, mit den Einwohnern in nähere Berührung zu kommen, und
zu Nagasaki und auf der Reise nach Jedo sah man sie Vorrechte geniefsen, die, bei
einer so grofsen Beschränkung der Ausländer im Reiche, als eine aufserordentliche
Begünstigung angesehen werden mufsten.
Bei der Faktorei auf Dezima waren Verbesserungen des Handels und zweck-
mäfsigere Einrichtungen nötig geworden. Man konnte jedoch nicht unmittelbar an
Erweiterung der Handelsvorrechte und an Erlangung gröfserer Privilegien für die Kauf-
leute denken, und das Augenmerk der Niederländisch-Indischen Regierung ging vorerst
dahin, den Zustand des Handels mit Japan, die Nation selbst, ihre Staatsverfassung
und die Maximen ihrer Politik, das Land und dessen Erzeugnisse näher kennen
zu lernen.
Auch bezweckte man, bei Volk und Regierung die gute Meinung von den er-
probten niederländischen Freunden aufs neue zu bestärken und sich durch gute Auswahl
der Handelsartikel und pünktliche Führung der Handelsgeschäfte zu empfehlen. Durch
freundliches Einverständnis der Beamten der Faktorei mit den zunächststehenden Ja-
panern sollten auch deutlichere Begriffe von europäischer Kultur, von Kunst und
Wissenschaft verbreitet werden. Bei einem solchen Verfahren liefs sich der Beseitigung
mancher Hindernisse im Handel entgegenfehen, und man konnte hoffen, die japanische
Regierung für etwaige Anträge geneigt zu machen, und die Härte des Gesetzes über
den auswärtigen Verkehr zu erweichen. Johan Wilhelm de Sturler, Colonel und
Chef der Militärverwaltung — ein Staatsmann von ausgezeichneter Bildung — , wurde
zum Oberhaupt des niederländischen Handels in Japan ernannt.
Da die medizinischen und naturhistorischen Wissenschaften, die in Japan noch
zurückgeblieben sind, dort eine äufserst günstige Aufnahme finden, und man eben
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan Im Jahre 1823.
3
deshalb dem Arzte der niederländischen Faktorei mehr Freiheit vergönnt und ihm
Gelegenheit gegeben sah, zur Ausführung obigen Planes mitzuwirken, fo glaubte man
durch die Sendung eines Arztes, der auch Naturforscher war, die politischen Absichten
zu unterstützen und zugleich nützliche Ergebnisse für die naturhistorischen und ethno-
graphischen Wissenschaften zu erzwecken.
Dies war der Beweggrund für die Niederländisch-Indische Regierung, mir den
Antrag zu stellen, als Arzt und Naturforscher Colonel de Sturler bei einem so aus-
sichtsvollen Unternehmen zu begleiten. Mit Freuden nahm ich einen Ruf an, der so ganz
meinen Wünschen entsprach und mich dem Ziele, das ich mir bei meiner Reise nach
Ostindien vorgesteckt, so nahe brachte. Ich begab mich vom Hauptquartier zu
Weltevreden nach Buitenzorg, dem Landsitze des Generalgouverneurs Baron van
der Capellen, wo ich, diesem hohen Gönner der Wissenschaften näher bekannt ge-
worden, einen Entwurf der in Japan anzustellenden Untersuchungen und der zur Aus-
führung derselben erforderlichen Mittel vorlegte.
In dem gemäfsigten Klima des Hochlandes von Java erlangte ich bald wieder
meine Kräfte, die durch eine kurz vorher überstandene Krankheit sehr gesunken waren,
und lebte in meinem neuen Berufe von neuem auf, mit täglich steigender Lust dem
Zeitpunkt unserer Abreise entgegensehend.
Am 20. Mai 1823 kehrte ich von Buitenzorg nach Batavia zurück. Die Re-
gierung hatte mich bevollmächtigt, die nötigen Bedürfnisse für die Reise und für die
in Japan anzustellenden Untersuchungen in Batavia anzuschaffen, und es glückte mir,
an einem von Europa so weit entfernten Orte die nötigsten physikalischen und mathe-
matischen Instrumente und Bücher zu erwerben. Eine gröfsere Elektrisiermaschine,
eine Luftpumpe und ein galvanischer Apparat wurden mitgenommen, um die Aufmerk-
samkeit der wifsbegierigen Japaner zu wecken und sie mit diesen Instrumenten und
ihren Wirkungen näher bekannt zu machen.
Angenehm ist mir die Erwähnung der Teilnahme, die man zu Batavia für meine
bevorstehende Reise allgemein an den Tag legte. Die Hülfe und Unterstützung bei
meiner Ausrüstung und die Herzlichkeit der Glückwünsche liefsen mich eine günstige
Stimmung für mein Unternehmen erkennen und, während mein Mut und Eifer sich
erhöhten, mit angenehmen Hoffnungen der Zukunft entgegenfehen.
Die nach Japan bestimmten Fahrzeuge, de drie Gezusters unter Kapitän A. Jaco-
metti und de Onderneming unter Kapitän H. M. Lelfs, lagen bereits ausgerüstet auf
der Rhede von Batavia. Gewöhnlich wird die Seereise von Batavia nach Japan im
Monat Juni angetreten, wo die SW.-Mousson und die in der chinesischen und japa-
nischen See herrschenden SW. -Winde die Fahrt begünstigen; man geht gegen das
erste Mondsviertel unter Segel, um auch des Nachts bei Mondschein in die Strafse
Banka einlaufen zu können. Der Benützung dieses Zeitpunktes standen diesmal amt-
liche Hindernisse entgegen, und von einem Tage auf den andern verschoben, wurde
endlich die Abreise auf den 28. Juni festgesetzt. Colonel de Sturler hatte das
Dreimastschiff de drie Gezusters gewählt, und wir begaben uns am Abend des
27. an Bord.
Eine zahlreiche Gesellchaft war uns gefolgt; doch der sich allmählich erhebende
Landwind nötigte sie, nach Batavia zurückzueilen. Unser Ankerplatz auf der Rhede
war beinahe eine geographische Meile vom Lande entfernt, und die Untiefen und die
bei frischem Winde hohe Brandung machten das Landen für die Boote gefährlich. I11
4
Abteilung L Geographische Forschungen und Reisen.
gemessenem Ruderschlage wogten diese dahin, und ein wechselseitiges Lebewohl unter-
brach die Stille des Abends.
Erschöpft durch die bisherigen Mühen bei der Ausrüstung zur Reise nach einem
Lande, wo man oft jahrelang von den nötigsten europäischen Bedürfnissen entblöfst sein
kann, fand ich an Bord, bei der labenden Kühle der Abendluft, die langentbehrte
Ruhe des Körpers wieder. Aber gerade dieser Übergang von Thätigkeit zur Mufse,
dieser eigene Zustand von Sorglosigkeit, worin man sich mit einem Male an Bord
eines Schiffes versetzt findet, indem man dem regelmäfsigen Gange des täglichen
Einerlei oder dem blinden Ungefähr überlassen, abgeschnitten von allen äufsern Be-
ziehungen, kaum mehr das Recht behält, sich seiner früheren Selbständigkeit und seines
freien Willens zu erinnern, gerade dieser erzwungene Müfsiggang führt unwillkürlich
zu tieferem Nachdenken, und die Seele, schwankend zwischen Hoffnung und Eurcht,
beschäftigt sich mit den mannigfaltigsten Bildern der Zukunft.
Seit neun Monaten hatte ich Europa verlassen und, nachdem ich fünf Monate auf
dem weiten Ozean zugebracht, glücklich das Land meiner Bestimmung erreicht; als
Neuling in einem tropischen Klima ward ich von einer schweren Krankheit heimge-
sucht und empfand auch in meiner Stellung als Militärarzt öfters Mifsvergnügen. Un-
erwartet sah ich mich nun diesen Verhältnissen entrückt. Dem Ziele, das ich mir
bei meiner Reise nach Ostindien vorgesteckt, näher gebracht, stand ich im Begriffe,
nach einem so merkwürdigen Lande, einem der fernsten, die Europäer besuchen, hin-
zusteuern. — Aber leider nicht nach einem Lande, wo diese als freie Männer leben,
nein, nach einem Lande, wo die Staatsklugheit einer asiatischen Nation uns abge-
schlossen hält von allem freien Verkehre mit Land und Volk! Hier höre ich einen
in Reisen so ausdauernden Kämpfer ausrufen: « Quid non mortalia pectora cogis auri
sacra fames!» — hier einen Thunberg sich hart über die Strenge der Gesetze be-
klagen; ich sehe einen Langsdorff Trost bei einem «philosophischen Glase Punsch»
suchen, und selbst einen kaiserlich russischen Gesandten auf eine seine Würde ver-
letzende Weise beschränkt. Doch die Beispiele von Enthusiasmus und Ausdauer,
welche uns die Geschichte aus dem Leben der Naturforscher und Reisenden aufbewahrt,
hielten meinen Mut aufrecht, und wenn die ohnehin aufgeregte Einbildungskraft eines
jungen Reisenden sich vorhält, wie diese jede Mühseligkeit ertrugen und Gefahren
sich hingaben, dann fühlt er sich unwiderstehlich angetrieben, dem Orte entgegen-
zueilen, wo dem Verehrer und Beförderer der Wissenschaft ein Opferherd lodert, um
auch da seine geringen Gaben niederzulegen!
[28. Juni.] Mit grauendem Morgen wurden die Anker gelichtet, und um 5 Uhr
gingen die beiden Schiffe unter Segel, begrübst von den auf der Rhede liegenden
Fahrzeugen. Das Knarren der Ankerwinden, ein greller Metallschall, wechselnd mit
dem taktmäfsigen Geschrei der Matrosen während des Beisetzens der Segel, das da-
zwischentönende Kommando des Schiffskapitäns, wiederholt durch die Steuerleute, diese
Bewegung und allgemeine Thätigkeit auf dem Schiffe macht auf den müfsigen Passagier
einen eigenartigen Eindruck, und die Dämmerung des Morgens auf der Rhede von
Batavia, das Entschleiern einer so schönen Landschaft rund umher stimmt auf eine
wunderbare Weise das Gemüt. Das allmähliche Erwachen der Thätigkeit auf den
übrigen Fahrzeugen, das Läuten der Schiffsglocken, der Schall des Tung-lo zum
Morgengebete auf den chinesischen Schiffen: alles dies ruft Empfindungen hervor, für
welche die Sprache keinen Ausdruck findet.
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823.
5
Überhaupt ist der Augenblick der Abreise zu Schiffe ein Zeitpunkt, der sich dem
Gedächtnisse des Reisenden mit unverwischbaren Zügen einprägt, sowie, bei einer
glücklichen Zurückkunft, mit dem Fallen der Anker ein augenblickliches Vergessen
aller Leiden eines oft jahrelangen Schiffslebens sich einzustellen pflegt.
Gegen 10 Uhr überfiel uns ein heftiger Windstofs, dem eine Windstille folgte.
Plötzlich und mit Heftigkeit sich erhebende Winde sind im indischen Ozean häufig,
und in der Nähe des Landes und besonders zur Zeit der NO.-Mousson und bei Nacht
von schweren Gewittern begleitet. Oft kündigen sich diese Fallwinde nur durch
unbedeutende Gewitterwölkchen an, dem erfahrenen Seemann ein warnendes Zeichen,
die Segel zu vermindern. Die Windstille hielt an, und aus Besorgnis, vom Strome
zu weit westlich getrieben zu werden, gingen wir auf 17 Faden SW. von dem
Inselchen Edam zu Anker. Die rund um uns gelegenen kleinen Inseln Alkmar, Enk-
huyzen, Leyden, Hoorn, Amsterdam und Edam gewährten bei dem heitern Abend
einen ergötzenden Anblick.
[29. Juni.] Die nach Japan bestimmten Schiffe haben den Verhaltungsbefehl,
beisammen zu bleiben — eine Anordnung, die in so gefahrvollen Meeren, wie das chi-
nesische und japanische, viel Gutes hat — , nur wird infolge der Ungleichheit im Segeln
zweier Fahrzeuge die Reise aufgehalten, und bei Stürmen laufen sie bisweilen Gefahr,
einander zu übersegeln. Unser Schiff — es hatte den Oberbefehl — gab um 4 Uhr
morgens durch einen Kanonenschufs das Signal zum Lichten der Anker. Gegen Mittag
hatten wir die Tausend Eilande (Pulo Seribu) SW. von uns in Sicht, von denen man im
Vorbeisegeln dreifsig unterscheiden konnte. (Das nördlichste 50 35' s. B.) Im
Hintergründe war hohes Land von Java sichtbar — das Gebirg Golgotha im Distrikte
Bantam. Abends erblickten wir das Eiland de Noorder Wächter und hohes Land von
Sumatra. Wir blieben die Nacht über unter Segel.
[30. Juni.] Das hohe Land von Java und von Sumatra ist verschwunden; wir
befinden uns mittags auf 40 30' s. B. und 1060 23' ö. L., und unsere Aufmerksamkeit
ist auf das baldige Erscheinen des Eilandes Lucipara und der Insel Banka gerichtet.
[1. Juli.] Gegen 7 Uhr erblickten wir NO. von uns Land, welches wir für
Lucipara hielten, aber bald als hohes Land der Insel Banka erkannten. Kurz darauf
konnten wir auch Lucipara NW. zu W. auf einen Abstand von vier Seemeilen unter-
scheiden, und am nordwestlichen Horizont kam die niedrige Küste von Sumatra zum
Vorschein. Lucipara ist ein von S. nach N. etwa eine Seemeile lang sich erstreckendes
Eiland, durch einen Hügel auf der einen und eine Anhöhe auf der andern Seite er-
kennbar, mit Gebüsch bewachsen und von einem breiten Riff umgeben. Es liegt
unter 30 13' s. B. und 106 0 10' ö. L. und ist unbewohnt. Die am Eingänge der
Strafse von Banka befindlichen Untiefen, Bänke und Klippen machen das Einlaufen in
die Strafse bei Nacht und ohne Mondschein gefährlich; wir gingen daher in einem
Abstande von 3/ 4 Meile, Lucipara in ONO., vor Anker.
[2. Juli.] Wir segeln längs der Küste von Sumatra in die Strafse Banka und
setzen unsern Kurs nahe am Strande auf 5 — 7 Faden Tiefe fort. Der Strand von
Sumatra, welchen wir in einer Entfernung von 1/2 deutschen Meile entlang liefen, ist
ganz niedrig und üppig mit Bäumen und Gebüsch bewachsen. Auffallend ist die
Gleichheit der Waldung, die längs dem Strande hinzieht und von ferne wie eine gerade
zugeschnittene Hecke aussieht. Vom Maste aus konnte man die Klippen an der Küste
von Banka erkennen; auch sah man von da aus einen grofsen Teil des Umfangs der
6
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Schermers droogte. Zur Vermeidung dieser Bank steuert man NNW. in gerader Linie
mit der ersten Spitze von Sumatra nach der Lalary- Spitze von Banka auf den Berg
Permisang zu. Es ging hier eine starke Strömung im Fahrwasser, die uns innerhalb
einer Stunde eine gute deutsche Meile weit in die Strafse hineintrieb. Die See hatte
stellenweise eine auffallend gelbe Farbe, was aus einer oder der andern Lokalursache,
aus der Art und Tiefe des Grundes u. dgl. zu erklären ist. Häufig zogen Fische
vorbei, und an wasserklaren Stellen der Untiefen konnte man ungemein grofse Schwert-
fische (Xiphias) und Meeradler (Myliobates) wahrnehmen. Gegen Abend erreichten
wir die Permisang -Spitze von Banka und gingen zwischen dieser und der zweiten
Spitze von Sumatra, auf fünf Faden, vor Anker.
[3. Juli.] Kaum waren wir an der Permisang-Spitze und der zweiten Spitze von
Sumatra vorbeigesegelt, als uns ein Windstofs aus NW. überfiel, und zugleich am
nördlichen Horizont eine Wasserhose erschien, die uns einige Minuten lang ein fürch-
terlich schönes Schauspiel gewährte*). In der Ferne zeigte sich das Gebirge Maras,
welches im Norden von Banka die Klabat-Bai begrenzt, und bald kamen an der West-
küste von Banka die Inselgruppen Nanka und Mudong zum Vorschein. Erstere be-
steht aus vier, letztere aus drei Eilanden. Westlicher Wind nötigte uns, über Steuer-
bord zu wenden. Nachmittags sahen wir den Berg Benombing und gingen des Abends
wieder vor Anker.
[4. Juli.] Mit Tagesanbruch gehen wir unter Segel und erblicken nach einigen
Stunden die Bank und Klippe Karang Bram, welche wir in einer Entfernung von
einer geographischen Meile passieren. Es safs darauf das Wrack einer Brigg, die vor
kurzem da gestrandet. Wir segelten an der vierten Spitze von Sumatra vorüber, wo
wir die Mündung des Flusses von Palembang unterscheiden konnten. Dieser beträcht-
liche Strom von Sumatra, welcher in dem Gebirge, das Palembang in W. und SW.
von Benkulen scheidet, entspringt und mehrere bedeutende Flüsse aufnimmt, wird von
seinem Ursprung bis zur Stadt Palembang Musie genannt. Bei Palembang (20 58' s. B.
und 105 0 ö. L.) erstreckt sich seine Breite auf 1200 Fufs, bei einer Tiefe von 5 bis
7 Faden. Er soll bis nahe an seinen Ursprung hin schiffbar sein und hat Ebbe und
Flut bis auf eine Tagreise oberhalb der Stadt. Die Flut findet nur von Mitte Mai
bis Mitte November statt, und während der übrigen Zeit wird nur Ebbe bemerkt.
*) Diese Erscheinung ging zu schnell vorüber, als dafs sie sich, bei ohnehin bedecktem Horizont,
genauer hätte beobachten lassen und es sich nicht unterscheiden liefs, ob es eine Wasser- oder eine Wind-
hose gewesen. Da ich indes früher auf der Reise von Holland nach Batavia beide Erscheinungen
näher zu beobachten Gelegenheit gehabt, will ich einiges davon hier berühren. Die Wasserhosen sind
bekannt, weniger die Wftidhosen - — Wirbelwinde. Es war am 24. Dezember 1822, auf der Höhe des
Vorgebirges der guten Hoffnung, welches wir am 22. passiert hatten, wo wir das Phänomen der
letztem zu sehen bekamen. Der seit einigen Tagen stehende NO. -Wind war plötzlich umgesprungen,
und es erhob sich ein Sturm aus Westen, mit dem zugleich am NO. -Horizont mehrere Wirbelwinde
aufstiegen. Sie wälzten heulend und brausend aus der See aufsprudelnde schraubenförmig sich drehende
Wassersäulen fort, an deren Spitze neblichte Dämpfe ausströmten. Es waren etwa acht dieser Wasser-
säulen in NO. zu sehen, sie drehten sich gerade auf uns zu, und die nächste trieb unter heftigem
Heulen etwa 1j 4 Meile vor uns vorbei, als eine andere, unter Steigerung des Sturmes zum Orkan, sich plötz-
lich auf uns zudrehte, und noch drei ihr folgten. Sie näherten sich mit unbeschreiblichem Brausen; eine
sprudelte kurz vor dem Bugspriet hinweg und zerteilte sich, und unser Schiff wurde in diesem Augen-
blicke mit solcher Gewalt auf die Seite geworfen, dafs das Schiffsvolk gröfstenteils zu Boden fiel. Aufser
diesem Windstofse war keine andere Erscheinung — Blitz, Donner, Schwefelgeruch u. dgl., was an-
dere beobachtet haben wollen, wahrzunehmen.
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823.
7
Bei Palembang steigt die Flut 10 — 16 Fufs; für gröfsere Schiffe ist es daher ratsam,
mit dieser Flut in den Flufs einzusegeln. Der Musie teilt sich unterhalb Palembang
in drei Arme, deren Hauptarm bis zu seiner Mündung (20 15' s. B.) den Namen
Sunsang führt. Er kann von Kriegsschiffen befahren werden, nur ist zur Zeit der
Ebbe die Mündung seicht. Der westliche Nebenarm heifst Pontian und bei seiner
Mündung, wo er sich mit dem Lalang vereinigt und um vieles breiter als der Sun-
sang ist, nimmt er den Namen Banjer assem, d. i. Salzwasser, an. Ein Nebenarm
des Pontian vereinigt sich wieder mit dem Sunsang nahe an dessen Mündung. Der
östliche Nebenarm des Musie ist schwächer und wird Upang genannt; er kann, sowie
der Pontian, mit gröfseren Schiffen nicht befahren werden und führt daher auf den
englischen Karten den Namen False Entrance.
Wir waren auf der Höhe von Müntok und fuhren bei einer Tiefe von 5 bis
6 Faden über die Bank, welche sich von O. nach W. vor der Rhede dieses Ortes
ausdehnt, und liefsen gegen Abend vor dem Fort von Müntok die Anker killen.
Colonel de Sturler begab sich sogleich mit dem Schiffskapitän ans Land, um die
Ladung von Zinn, die hier eingenommen werden sollte, zu beschleunigen.
Es war ein herrlicher Abend, und die frische, wohlduftende Landluft, welche die
Rhede durchstrich, erquickte uns. Vom Verdeck aus konnten wir die schöne Aus-
sicht so recht geniefsen. Der Ort Müntok, am Fufse des Menombing stufenweise sich
erhebend, hat eine äufserst anmutige Lage: Gebüsche mit lebhaftem Farbengemische
umgeben die einzelnen Wohnungen, und längs den Anhöhen und über die jähen Vor-
berge des Menombing ziehen üppige Waldungen hin, mit einzelnen hervorragenden
Palmen das Gemälde der Tropenlandschaft bezeichnend. Freundlich erschienen die
Wohnungen, und hell blinkten die roten Dächer des Forts, von der Abendsonne be-
leuchtet, während ferne Hügel sanft in den unbewölkten Horizont verflossen. Alles
dies liefs uns einem genufsreichen Aufenthalte auf Banka entgegensehen und hielt die
Lust, ans Land zu gehen, mit schönen Hoffnungen rege.
[5. Juli.] Ein heiterer Morgen begünstigte mein Vorhaben, und ich begab mich
ans Land. Bei niederem Stande der See ist das Landen mit Booten äufserst unbequem.
Sie bleiben über hundert Schritte vom Strande auf Untiefen sitzen, und man ist ge-
nötigt, sich auf den festen Schultern eines Matrosen oder auf einem Tragsessel durch
Malaien ans Land bringen zu lassen. Der Strand, der sich dicht an Müntok hinzieht,
ist morastig. Der Ort selbst, wir wollen ihn das Städtchen Müntok nennen, lehnt
sich an eine sanfte Erhebung, die zu der Anhöhe führt, worauf das Fort liegt, und
ist von Chinesen und Malaien bewohnt.
Gleich nach meiner Ankunft suchte ich Stabsarzt Fritze auf, und traf ihn eben
im Krankenhause beschäftigt. Das Spital zu Müntok hat eine sehr gesunde Lage:
es ist auf einer Hügelfläche errichtet und wird vom Land- und Seewinde durchstrichen.
Die Krankensäle sind von Holz, das Gebäude ist einstöckig, jedoch geräumig und
trocken, und es herrscht eine auffallende Ordnung und Reinlichkeit darin. Es kann
über hundert Kranke fassen, indessen beläuft sich gewöhnlich die Zahl nicht über
sechzig. Die am häufigsten vorkommenden Krankheiten sind Dysenterien, Leber-
affektionen, Fufsgeschwüre und eine eigene Art Flechten (Herpes) und, als Folgen der
erwähnten Unterleibskrankheiten, hydropische und phthisische Leiden. Dr. Fritze
zeigte mir einige kurz vor meiner Ankunft amputierte Malaien. Die Amputation des
einen war durch Beinfrafs der Fufszehen und des Schienbeines indiziert, — eine Folge
8
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
vernachlässigter Fufsgeschwüre. Der Stumpf war bereits gut geheilt, und da die Ab-
lösung am 12. Juni geschehen, so mag dieser Fall als ein Beweis für die Meinung
dienen, dafs Wunden bei indischen Völkern schneller als bei uns heilen. Aufserdem
beobachtete ich noch einige Formen von Syphilis und Augenentzündungen.
Mittags besuchte ich in Gesellschaft des Residenten de la Fontaine das Fort.
Man äufserte, es sei im Verhältnis zu seiner kleinen Besatzung noch zu ausgedehnt,
obgleich es bereits auf ein Drittel seiner ursprünglichen Gröfse zurückgeführt
worden. Die neu errichtete Kaserne gefiel mir sehr. In Tropenländern können
dergleichen Gebäude nicht geräumig genug angelegt werden, auch müssen für den
Luftzug zweckmäfsige Einrichtungen angebracht werden, um während der drückenden
Hitze des Tages und der oft kühlen Nächte den Soldaten einen zuträglichen Aufent-
halt zu gewähren.
Auf den andern Tag bereits ward unsere Abreise anberaumt, und so konnte
ich das Merkwürdigste von Banka, seine Zinngruben, nicht besuchen. Crawefurd und
Horsfield haben darüber einige Nachrichten mitgeteilt, auch hat später Diard dieselben
besucht und seine Bemerkungen darüber der holländischen Regierung vorgelegt.
Einen sehr ausführlichen Bericht über die Zinngruben von Banka habe ich der Güte
des Generalgouverneurs Baron van der Capellen zu verdanken. Er wurde auf Befehl
desselben von dem Residenten auf Banka, Colonel de la Fontaine, erstattet und
verdiente seines interessanten Inhalts wegen in seinem ganzen Umfange bekannt ge-
macht zu werden; doch der Raum eines Reisetagbuches erlaubt mir nur einen Auszug
davon aufzunehmen. Der Bericht enthält im allgemeinen einen geschichtlichen Über-
blick des Betriebes der Zinnbergwerke auf Banka, von der Entdeckung der ersten
Gruben bis auf die neueste Zeit (1823). Mit richtiger Beurteilung sind die früheren
Thatsachen aufgefafst, und auf eigene Erfahrung gegründete Vorschläge zur Ver-
besserung des Bergbaues und der Verwaltung gemacht. Es folgt eine Beschreibung
der neun Grubenbezirke und ihrer wichtigsten Gruben, des Grubenbaues, der Zube-
reitung der Erze und der Hüttenarbeit, und den Schlufs machen einige nützliche Mit-
teilungen über Dienst und Pflicht der Grubenaufseher und der Bergleute, über deren
Unterhalt, Lebensweise und Sitten. Eine ausführliche Beschreibung der einzelnen
Gruben des Bezirkes von Müntok, mit besonderer Berücksichtigung der Mächtigkeit
und des jährlichen Ertrages, erhöht den statistischen Wert dieser Abhandlung.
Indem wir das Interessanteste daraus mitteilen, entschuldigen wir mit den bereits
erwähnten Gründen das Abgebrochene der Darstellungsweise.
De la Fontaine stimmt der Sage bei, dafs man um das Jahr 1710 nach
einem Brande zufällig durch Vorgefundenes geschmolzenes Zinn auf das Dasein dieses
Metalles aufmerksam gemacht worden sei. Der Sultan von Palembang liefs hierauf
den Bergbau auf Banka betreiben, und unter seinem Schutze liefsen sich viele chine-
sische Familien nieder, durch die der Bergbau über die ganze Insel verbreitet und
unter der Aufsicht eines Beamten des Sultans betrieben wurde. Anfangs hatten die
chinesischen Bergleute unter gewissen Privilegien die Gruben in Pacht, bis der Sultan,
den Vorteil einsehend, den Grubenbau auf eigene Rechnung betreiben liefs und die
Aufsicht darüber besondern Agenten anvertraute. Diese Agenten, man nannte sie
Tikos, standen in grofsem Ansehen; sie vertraten die Person des Sultans und ver-
fügten über Habe und Leben der Chinesen, denen nicht einmal das Recht zustand,
eine Klage vor den Sultan zu bringen. Sie hatten gewöhnlich ihren Sitz auf Palem-
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823.
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bang und liefsen ihr Amt auf Banka durch ihre Bevollmächtigten versehen, die
von den Chinesen Kongsi (Kung-dsü — Herr) genannt wurden. Die Eingebornen
von Banka, bekannt unter dem Namen Orang gunong (Bergbewohner), standen
unter dem Befehle eines besondern Beamten des Sultans, welcher den Titel
D jerang führte.
Während der Oberherrschaft des Sultans von Palembang über Banka hatte die
Verwaltung der Zinngruben folgende Einrichtung. In der Nähe der Gruben befand
sich eine befestigte Anlage, welche dem Kongsi und einem grofsen Teile der chine-
sischen Bergleute zum Wohnplatze diente und die Magazine für Lebensmittel, Geräte
und Werkzeuge enthielt. Die auf den Küsten von Banka hausenden Seeräuber veran-
lafsten solche Mafsregeln. Die Bergleute und Hüttenarbeiter erhielten monatlich Vor-
schüsse an Geld und Lebensmitteln, wodurch sie oft in bedeutende Schulden gerieten,
wofür die Gesamtzahl der Arbeitsleute einer Grube, gleichsam als eine Gilde, gut stand.
Mit dem chinesichen Neujahre wurde Abrechnung gehalten und nach Verhältnis des Er-
trages des gewonnenen Zinnes jedem Arbeiter sein Anteil zuerkannt. Am Schlüsse der
Abrechnung blieb der gröfste Teil der Arbeiter in Schulden, während die Kongsi und
ihre Bevollmächtige!', die Tikos, welche gewöhnlich auch die Lieferung der Lebensmittel,
Geräte und dgl. besorgten, bedeutende Vorteile genossen. Häufig trieben die Kongsi
auch Schleichhandel mit dem Zinne und überliefsen dann den dazu behülflichen Ar-
beitern notwendigerweise einige Vorteile. Bei kleineren Gruben liefs man sich nur
mit einem Häuptling der Arbeitsleute in Vorschubs- und Lieferungsgeschäfte ein und
rechnete auch allein mit diesem ab. Die Preise des Zinns waren in den ver-
schiedenen Gruben nicht gleich angesetzt, und man mufs sich in der That ver-
wundern, wie bei einer so willkürlichen Anordnung noch eine einheitliche Ver-
waltung möglich war.
Bei Aufsuchung neuer Gruben ward den Bergleuten zur Ermunterung eine be-
sondere Belohnung, Tyap genannt, ausgesetzt, und die Kongsi nahmen, im Lalle eines
ungünstigen Ausschlages, den Verlust auf sich.
Die Zinngruben im Bezirke von Müntok, namentlich die von Rangam, Belu und
Klabat, und die in den Bezirken Blinju, Sun-ge'i Liat, Tampillang, Pankal Pinang, Ma-
rawang und Jebus, welche unter dem Sultan von Palembang zuerst eröffnet worden
waren, sollen eine ungeheure Menge Zinn geliefert haben. Etwa vierzig Jahre nach
ihrer Entdeckung (1750) wird ihr Ertrag auf 66000 Pikol und dreifsig Jahre später
noch auf 30000 Pikol angegeben. Bei dem Vertrage, den die Vereinigte Nieder-
ländisch-Ostindische Compagnie im Jahre 1777 mit dem Sultan von Palembang abschlofs,
machte sich dieser verbindlich, jährlich 25 000 Pikol Zinn zu liefern; als die Engländer
von der Insel Besitz nahmen (17. Mai 1812), ergaben die Minen nur noch 10000
Pikol. Vielerlei Ursachen mögen diesen Verfall des Bergbaues herbeigeführt haben;
ein Hauptgrund war wohl die Erschöpfung ergiebiger Gruben; schlechte Verwaltung
und Gesetzlosigkeit, Mifsbrauch von Privilegien und Verträgen, Mangel genügenden
Schutzes gegen Einfälle der Seeräuber kamen hinzu.
Bei der Besitznahme von Banka führte das englische Gouvernement ein neues
Verwaltungssystem ein und setzte besondere Inspektoren über die Grubenbezirke. Die
Anwerbung von 1587 Chinesen von Canton und die kräftige, thätige Verwaltung des
Grubenbaues bewirkten einen von Jahr zu Jahr steigenden Ertrag desselben. Nach
der Angabe des Majors Court belief sich derselbe
l
IO
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
im
Jahre
1813
auf
7
299
Pikol
81/*
Cattis
)>
»
1814
»
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149
»
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»
1815
»
25
190
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40
»
»
1816
26
670
»
76'h
» ,
somit in vier Jahren auf 78309 Pikol 6D/4 Cattis.
Nach Abtretung der Insel Banka an das Niederländisch-Indische Gouvernement
(2. Dezember 1816) brachten die Zinngruben, deren Verwaltung dieselbe wie unter
den Engländern blieb, bis zum Aufstande des Sultans von Palembang (1820 — 21), eine
gleich ansehnliche Ausbeute. Infolge des Krieges wurde der Bergbau in einigen Be-
zirken gelähmt und somit der Ertrag vermindert. Im Jahre 1822 belief sich übrigens
derselbe wieder auf 3323487 Pfund oder 26587 Pikol, und im Jahre 1823 auf
3382317 Pfund oder 27058 Pikol.
Das Zinnerz kommt auf der Insel Banka fast überall vor, und nicht unpassend
nennt sie Radermacher einen Berg von Zinnsand. Allenthalben sind reiche Lager-
stätten entdeckt und Gruben eröffnet. Das englische Gouvernement teilte Banka bei
der Besitznahme in sieben Minendistrikte, welche Einteilung bis heute blieb. Sie
sind: 1. Müntok, 2. Jebus, 3. Blinju, 4. Sungei-Liat, 5. Marawang, 6. Pankal-Pinang
und 7. Toboaly. Colonel de la Fontaine legte dem Generalgouverneur einen Plan
der Insel nach dieser Einteilung vor, mit Angabe der Sitze der Bezirksverwaltung und
der Lage der vorzüglichsten Gruben, die er bei seiner Inspektionsreise 1823 be-
sucht hatte.
Das Zinnerz (etain oxyde) kommt auf Banka als spatiges (Zinnstein, etain oxyde
cristallise), selten als faseriges Zinnerz (komisch Zinnerz, etain oxyde concretionne)
vor und zwar in Diluvial-Ablagerungen. Die Zinnsteine werden in den Gruben von
Jebus und Klabat als braune, schwärzliche Krystalle von der Gröfse eines kleinen
Enteneies gefunden. Am häufigsten findet sich das Zinnerz als Zinnsand (etain oxyde
granulaire); die Körner sind oft sehr klein, und da die Gangmasse aus einer feinen,
verschiedenfarbigen Erde besteht, wird sie von den niederländischen Grubenaufsehern
schlechthin Zinnerde (tinaarde, etain oxyde terreux) genannt. Man unterscheidet weifse,
graue, gelbe, rötliche und schwärzliche Zinnerde. Die Erzlager finden sich am häufigsten
in Thälern, wo sie meist in horizontalen Schichten nach dem Zuge der Thalsohle
streichen. In hügelichten Strecken wird, nach Mafsgabe der Vertiefung oder Erhöhung
des Terrains, ein Fallen derselben bemerkt. Die Lager kommen gewöhnlich nicht
tiefer als 25 engl. Fufs vor, und die Ablagerung der diluvianischen Gebilde trifft man
in folgenden Verhältnissen an: Unter einer meistens nicht über i1/ 2 Fufs mächtigen
Lage von Dammerde folgt ein schwarzer Thon, 8 Fufs mächtig, darunter ein grauer
Thon mit Sand untermengt, dessen Stärke gegen 4 Fufs beträgt, und nach diesem
halb durchscheinender grober Sand, der auf einem an 6 Fufs mächtigen, reinen weifsen
Thon ruht. Diese Folge der Lagerung ist bisweilen einigen, wiewohl nicht wesent-
lichen Änderungen unterworfen. Unter dieser letzten Ablagerung findet sich das Erz-
lager. Die Gangart ist zusammengesetzt und das Zinnerz mit Sand, Thonerde, Bruch-
stücken von Granit und andern primitiven Felsenarten vermengt. Besteht die Gangart
aus einer gelblichen Erde, so wird das Erz für sehr ergiebig gehalten, erfordert aber
beim Schmelzen einen hohen Grad Hitze; von geringerer Güte ist das Erz, welches
mit einer weifsen, kalkartigen Erde vorkommt. Ein feines Zinnerz liefert die Gangart
batu alus — eine schwärzliche Thonerde — , das beste und reinste wird in Gangmassen
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823.
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mit roter Erde gefunden. Ist das Erzlager von einer roten, gelben oder weifsen Erde
überlagert, und finden sich darunter kleine Bruchstücke von Bergkry stall, dann läfst
sich auf vieles und gutes Erz schliefsen, und die chinesischen Bergleute nennen diese
Gangmasse eine lebende. Das Auf hören eines Erzlagers wird durch eine Schicht reinen,
weifsen, zerreiblichen Thones angezeigt.
Das Zinnerz auf Banka wird durch Waschen gewonnen, und die Seifenwerke
daselbst werden, wie überhaupt der Bergbau in Ostindien, durch die Chinesen betrieben.
Diese besitzen darin einige Geschicklichkeit, wissen die Lagerstätten des Zinnerzes
aufzufinden, die Gruben mit Vorteil zu betreiben, das Erz zu fördern und aufzu-
bereiten und mit vielem Scharfsinne Wasserleitungen anzubringen. Sie sind Chinesen,
und darum bis auf den heutigen Tag bei ihrer alten, einmal angenommenen Ver-
fahrungsweise geblieben; auch haben sie die üble Gewohnheit, die Grube zu verlassen,
sobald sie zu tief und das Fördern des Erzes zu mühsam wird. Es ist dies ein
grofser Nachteil für den Bergbau auf Banka, da ohnehin schon eine grofse Anzahl
Gruben erschöpft ist.
Am vorteilhaftesten ist die Eröffnung der Gruben in den Thälern; denn die
Erzlager sind hier am mächtigsten, und die Wasserleitungen, welche zur Förderung
und Aufbereitung unumgänglich nötig sind, können am leichtesten angelegt und unter-
halten werden. Wasser ist eines der Hauptbedürfnisse beim Betriebe der Gruben, und
der Mangel daran oft mehrere Monate hindurch die einzige Ursache ihres Verfalles.
Wegen Wassermangels können die meisten Gruben blofs ein, höchstens zwei Drittel
des Jahres betrieben werden.
Die Lagerstätte des Zinnerzes sucht man mittelst eines 20 — 22 Fufs langen Berg-
bohrers zu entdecken, wobei man zugleich deren Beschaffenheit, Mächtigkeit und
Tiefe erforscht. Man gräbt hierauf, in Abständen von 5 — 6 Lachter, einige Gruben
von etwa 12 Fufs Tiefe und 3 Fufs Durchmesser, in welche ein Bergknappe hinab-
steigt und mit dem Bohrer die Erzschicht näher untersucht. Die weifse Thonerde,
auf welcher die Sohle des Erzlagers ruht, dient als untrügliches Zeichen seiner
Mächtigkeit.
Zeigt sich die untersuchte Stelle zur Anlegung einer Grube ergiebig genug, so
fällt man Holz — die Berge und Thäler der Insel sind dicht mit Waldungen bedeckt
— schafft das für Bau und Wasserleitung brauchbare beiseite und verbrennt das
übrige zu Kohlen. Mittlerweile wurde das Zimmerzeug und Bergbaugerät herbei-
gebracht, und die Bergleute bauen sich Wohnhütten, deren Wände sie mit Baumrinde,
die Dächer mit Schilf (allang-allang) bekleiden. Hierauf schreitet man zur Anlegung
der Wasserbehälter und Wasserleitungen. Die Unentbehrlichkeit des Wassers, sowohl
zum Waschen und Schlämmen der Erze, als für den Bedarf tieferer Gruben (barit kolon),
machte die Chinesen in dergleichen Anlagen erfinderisch. Die Lage der Teiche, worin
sie Bäche, Quellen und Regen auffangen, und der Fall des Wassers ist durchgehends
vortrefflich gewählt; nur ist die Bauart derselben nicht haltbar genug. Vom Wasser-
behälter führen zwei Leitungen das nötige Wasser zum Treiben eines Rades bei
der Grube und zur Waschung. Das unnütze Gestein oder der taube Berg wird,
bei Eröffnung der ersten Grube, mittelst einer Haue aufgeräumt und in Körben von
Rohtang (bonkie), deren die Bergleute je zwei an einem Stocke auf den Schultern
tragen, zu Tage gefördert. Es ist dies eine langsame und sehr ermüdende Arbeit,
die immer beschwerlicher wird, je tiefer man kommt. Zwei Baumstämme mit treppen-
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Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
artigen Einschnitten dienen als Stiegen, die eine zum Auf-, die andere zum Absteigen,
und es herrscht ungestörte Ordnung und Thätigkeit. So arbeitet man bis auf das
Dach des Erzlagers hinein, worauf man auf dieselbe Weise die aus feiner Thonerde,
Sand und Bruchstücken von Gestein zusammengesetzte Gangart zu Tage bringt und in
der Nähe des bandhar — der Wasserleitung zum Waschen und Schlämmen — niederlegt.
Häufig findet Einsturz der Gruben statt, was meistens eine Folge der zu senk-
rechten Lage der Wände und der schwachen Verzimmerung ist.
Bei anhaltendem Regen verursacht das Wasser, welches durch Ritze und Spalten
in die Gruben dringt, grofse Beschwerden und bedarf zu seiner Entfernung besonderer
Anstalten. Man bedient sich hierzu einer höchst einfachen, aber haltbaren Maschine.
Ei der Nähe der Grube befindlich, besteht sie aus einem überschlägigen Wasserrade
von mittlerer Gröfse, über dessen Wellbaum eine Schnur mit Brettchen läuft, die genau
in eine viereckige oder runde hölzerne Röhre passen. Unter dem Wasser in diese
hineingezogen, führt jedes Brettchen beim Durchgang eine Masse Wasser mit herauf,
das dann durch die Mündung oben abläuft. Nach Umständen werden zwei und
mehrere dergleichen Schöpfmühlen bei einer Grube angebracht.
Die Gruben werden nach der Tiefe, in welcher das Erzlager sich findet, benannt
und heifsen kolon, kulit oder kulit-kolon, d. i. tiefe, oberflächliche oder halbtiefe, nach
welchem Verhältnisse sich auch ihr Betrieb (barit) richtet.
Die Förderung des Zinnerzes geschieht demnach in Tagwerken und im all-
gemeinen nach der eben angegebenen Weise; doch bringt die Art der Grube, je
nachdem sie barit kolon oder kulit ist, der weitere Betrieb eines aufgefundenen Erz-
lagers auf einem und demselben Felde, durch EröfFnung einer zweiten und folgenden
Grube, und der gröfsere oder kleinere Umfang einer geöffneten Grube einige Abän-
derung in die erwähnte Methode. De la Fontaines Mitteilungen hierüber scheinen
mir, so kunstlos auch der Bergbau auf Banka betrieben wird, ein zu wichtiger Beitrag
für die Bembaukunde zu sein, um nicht das Wesentlichste davon anzuführen.
Wir haben uns bereits bekannt gemacht mit dem Betriebe einer ersten Grube,
und zwar eines barit kolon auf einer neuentdeckten und nach Fällung und Wegschaffung
des Holzes bestimmten Markscheidung. Der Umfang einer solchen Grube richtet sich
nach der Zahl der Arbeiter, welche man dabei verwenden will. Eine Grube für 20
Bergleute beträgt gewöhnlich 70 — 80 Fufs in der Länge und 30 — 35 in der Breite, und
nach diesem Verhältnisse ist der Umfang gröfserer oder kleinerer Gruben bemessen.
Ei der ersten Kolon-Grube geschieht die Förderung der Erze durch Handarbeit; bei der
Eröffnung einer zweiten und folgenden jedoch, neben der verlassenen oder erschöpften,
bedient man sich des Wassers, um einen Teil der über den Erzlagern befindlichen
Schichten unnützer Gesteine, Sand und Erde wegzuschaffen. Zu diesem Zweck legt
man an einer erhabenen Stelle einen Wasserbehälter an, von dem aus ein Graben über
die zu betreibende Stelle, 5 — 6 Fufs tief, nach der alten Grube geführt wird. Das
mit reifsender Gewalt herabströmende Wasser nimmt den Abraum mit sich fort, den
die längs des Grabens an der zu fördernden Stelle mit Ablösen beschäftigten Arbeiter
hineinwerfen, während andere die in den Kanal gefallenen gröfseren Stücke mit Hauen
zerschlagen. Bei der alten Grube verschafft man dem einströmenden Wasser an einer
geeigneten Stelle Abflufs. Durch dies einfache Verfahren läfst sich in einem Tage
mehr tauber Berg wegräumen, als sonst bei gleicher Zahl Arbeiter in zehn Tagen.
Doch kann man auf diese Weise nur bis auf eine Tiefe von 6—7 Fufs die Grube
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823.
13
leeren, und man mufs alsdann wieder zur ersterwähnten Förderung durch Hand-
arbeit schreiten.
Nicht immer findet sich das Erzlager in der oben bestimmten Tiefe, und zuweilen
sind zwei Ablagerungen vorhanden, wo dann die zweite durchgehends die mächtigere
ist. Bei den mehr nach oben gelegenen Erzlagern, den sogenannten barit kulit, ge-
schieht die Wegschaffung der Ablagerung über denselben wie bei barit kolon; aber
die Gangmasse selbst wird auf eine vorteilhaftere Weise gewonnen; denn das Fördern
und Aufbereiten wird zugleich bewerkstelligt, indem der erwähnte Kanal bei der Weg-
schwemmung des tauben Berges zugleich zur Schlämmung des Erzes dient. Eine
mehr horizontale Verlängerung desselben mindert dann seinen Fall und verhindert da-
durch die Mitfortfüh-rung des Erzes. Der reichlichere Gewinn des Erzes bei geringerem
Kostenaufwand giebt so den Kulit-Gruben den Vorzug vor den Kolon-Gruben; vier
bis sechs Bergleute können bei ersteren mehr ausrichten als zwölf bis zwanzig
bei letzteren.
Die Kulit-kolon-Gruben sind durch diese Benennung schon bestimmt; man ver-
steht darunter die Gruben, wo die Erzlager in mittlerer Tiefe sich finden. Sie werden
auf ähnliche Weise wie die Kolon-Gruben gebaut.
Aufser diesen drei Arten des Grubenbaues, womit sich ausschliefslich die Chinesen
beschäftigen, ist noch eine eigene Verfahrungsart zu erwähnen, deren sich die Ein-
gebornen von Banka, die Orang gunong, zur Gewinnung des Zinnerzes in den Ge-
birgen bedienen. Sie graben drei Schächte, etwa drei Lachter tief und drei Fufs im
Durchmesser, einen neben dem andern; in den einen fährt ein Mann hinein und sucht
durch einen horizontalen Gang (Stollen) die drei Schächte zu verbinden; diese Stollen
werden verzimmert, doch so nachlässig und schwach, dafs häufig Arbeiter darin be-
graben werden. Die erzhaltige Gangart wird in Körben zu Tage gefördert und in
einem Bache in der Nähe weiter aufbereitet. Dieser Grubenbau, man nennt ihn ralen,
beschäftigt viele Hände und liefert wenig Erz. Da er jedoch bei der Aufförderung
kein Wasser nötig hat, so kann er das ganze Jahr hindurch betrieben werden. Die
Orang gunong finden teilweise durch diesen Betrieb ihren Unterhalt, weswegen man
ihn bis jetzt noch duldet; denn er benachteiligt die Grubendistrikte ungemein, und
die chinesischen Bergleute klagen, dafs man das Fleisch verzehrt und ihnen die Knochen
übrig gelassen habe. Zur Regenzeit gewinnen auch die Bankanen und die Malaien,
welche im Gebirge wohnen, Zinnerz aus den Bergbächen, indem sie dieselben eindämmen
und an dem neuen Ausflusse das Erz in Sieben von Bambus oder von Rotang auf-
fangen, es reinigen und schmelzen. Sie nennen dies sekon. Die Bergbäche sind zur
Regenzeit reich an Erz; man glaube jedoch nicht, dafs sie es aus Gängen im Innern
der Berge mit sich führen; durch ungemeine Anschwellungen in dieser Jahreszeit
treten sie aus ihrem Bette, verwüsten Landstriche und reifsen so das Erz aus seiner
Lagerstätte mit sich fort.
Wir kommen nun zur Aufbereitung und Schmelzung des Erzes. Der bandhar,
dessen wir bereits erwähnt, ist ein aus starken Brettern abschüssig gebauter Wasser-
trog, von 4 1/-2 Fufs Breite, während seine Länge von der Gröfse oder Mächtigkeit
einer Grube abhängt. Ein Kanal setzt ihn mit der Wasserleitung in Verbindung, und
im allgemeinen gleicht diese Einrichtung den bei unserem Hüttenbau üblichen Schlämm-
gruben. Die Chinesen wissen dem bandhar einen solchen Fall zu geben, dafs Sand,
Erde und die leichtern fremdartigen Teile, welche der Gangmasse beigemengt sind,
14 Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
vom einströmenden Wasser weggeschlämmt werden, während die Erzteile sich nieder-
schlagen, und hierauf beruht ihr ganzes Verfahren beim Scheiden des Erzes. Die
Gangmasse wird in den bandhar geschüttet und von mehreren Arbeitern so lange
umgerührt, zerstofsen und aufgeschaufelt, bis die fremdartigen Stoffe abgesondert und
durch den Strom weggeführt sind, und das Erz hinlänglich gereinigt erscheint. Häufig
finden sich in der Gangmasse Bruchstücke von Quarz und andern tauben Gesteinen,
die ihrer Schwere wegen sich nicht wegschwemmen lassen; man siebt daher die Gang-
masse in einem Siebe, das halb unter Wasser im bandhar angebracht ist, und sondert
die gröberen Überbleibsel aus. Gewöhnlich häuft man das geschiedene Erz so lange
im bandhar an, bis eine hinlängliche Menge zum Schmelzen vorhanden ist. Da das
Schmelzen immer zur Nachtzeit geschieht, rechnet man nach Nachtwerken, und der
bandhar ist danach abgeteilt. Ein Nachtwerk, 4V2 Fufs im Viereck, fafst gewöhnlich,
wenn es iQ Eufs mit Erz gefüllt ist, 40 — 42 Pikol Erz, welches geschmolzen etwa
die Hälfte an Zinn liefert.
Die Schmelzöfen werden aus fettem Lehm verfertigt. An einem beliebigen Orte
wird eine Masse dieser Erde zu einem 7 — 9 Fufs langen, 4 — 6 breiten und 4x/2 — 5
Fufs hohen, viereckigen Block geformt, durch einen geübten Arbeiter mit einem eigenen
Werkzeuge von oben ein Loch hineingebohrt und der Block zu einem Schmelzofen
ausgehöhlt. Das Bohrloch dient zum Einbringen der Holzkohlen und des Erzes ; am
Fufse des Ofens ist eine Öffnung angebracht, woraus das geschmolzene Zinn in
ein Becken abfliefst, und weiter nach oben ein Zugloch. An der erhabensten Seiten-
wand ist ein Blasbalg in wagrechter Lage, dessen Konstruktion, äufserst einfach, auf
der Theorie der Luftpumpe beruht. Ein dicker, ausgehöhlter Baumstamm dient als
Cylinder, und an beiden Enden sind mit Handgriffen versehene Pumpstangen, wodurch
zwei Arbeiter die Maschine in Betrieb setzen. In der Nähe des Ofens sind zwei
Gruben gegraben und mit Lehm ausgeschlagen, wovon die eine für die Formen der
Zinnblöcke, die andere als Wasserbehälter zum Abkühlen der beim Schmelzen nötigen
Werkzeuge dient. Die ganze Werkstätte schützt ein Dach. Ist der Ofen mit Kohlen
gefüllt und einige Stunden hindurch gehörig erhitzt, so wird nach und nach das Erz
hineingeschüttet, wobei man auf das richtige Verhältnis der Erzmasse zu den Kohlen
acht giebt und die Hitze nicht zu hoch steigen läfst. Die Formen, in welche man
das flüssige Metall mittelst eiserner Schöpflöffel aus dem Becken giefst, müssen mit
Sorgfalt verfertigt, und die dazu verwendete Thonerde gut von Sand u. dgl. gereinigt
sein, weil sie sonst zerspringen, und der Zinnblock sich darin festsetzt. Bei einem
Ofen sind gewöhnlich neun Arbeiter beschäftigt. Die Zinnschlacke, Asche und was
sonst beim Schmelzen vom Erze zurückbleibt, wird mit Hämmern zerschlagen, mehr-
mals gewaschen und aufs neue geschmolzen. Die Ausbeute dieser Überreste beträgt
noch Q3 des beim ersten Gusse gewonnenen Zinnes. Das bei uns gebräuchliche
Pochen des Erzes kennen sie nicht.
Die zum Schmelzen nötigen Kohlen werden gewöhnlich aus dem Holze, das sich
an dem Orte der Grube oder in deren unmittelbarer Nähe vorfindet, auf ähnliche
Weise wie in unseren Kohlenbrennereien gewonnen.
Die Mitteilungen de la Fontaines über die Verwaltung der Gruben, über
Dienst und Pflicht der Aufseher übergehen wir, da sie zunächst die Regierung von
Niederländisch -Indien angehen, und wollen scbliefslich noch einen flüchtigen Blick
auf die Bergleute selbst, ihre Lebensart, Sitten und Gebräuche werfen. Da es auf
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823.
15
Banka gröfstenteils Chinesen sind, so können wir uns dabei eine Vorstellung machen,
wie sich dies Volk weit und breit durch Ostindien forthilft und Kolonisten liefert,
deren Arbeitsamkeit und Emsigkeit in Handel und Gewerbe bewundernswert ist,
soviel auch ihre Selbstsucht, ihr Eigennutz und Wucher, überhaupt der sinnliche
Charakter dieser Nation zu tadeln übrig läfst.
Die Arbeitsleute einer Grube bilden gleichsam eine Familie unter dem Vorsitze
eines Oberhauptes. Jeder, der nicht in der Grube arbeitet, hat sein besonderes Ge-
schäft, der eine ist Koch, der andre Gärtner, der sorgt für das Geflügel, dieser kauft
ein, jener fällt Holz. Mit Anbruch des Tages wird das Signal zur Arbeit gegeben —
gewöhnlich thut dies der Koch, der sich einer eigenen Trommel dazu bedient. Man
frühstückt und geht an die Arbeit; wer zu spät kommt, mufs eine Geldbufse erlegen.
In der Grube halten zwrei Mann die Nachtwache und sind verpflichtet, durch
Trommelschlag ihre sämtlichen Genoflen bei Unglücksfällen zu Hülfe zu rufen,
namentlich bei Beschädigung des Räderwerkes, Einsturz der Gruben oder Diebstahl.
Von 5x/2 Uhr morgens wird gewöhnlich bis 11 Uhr gearbeitet, dann anderthalb
Stunden geruht und die Arbeit bis 3 Uhr nachmittags wieder aufgenommen, worauf
man etwas geniefst und bis zu Sonnenuntergang fortarbeitet. Ich führe absichtlich
diese Tagesordnung an, zum Beweise der Arbeitsamkeit dieser Leute unter einem
heifsen Himmelsstrich, fast unter der Linie, und auf einer Insel, die ihres ungesunden
Klimas wegen, namentlich in den sumpfigen Niederungen und an den durch Fällung
der Wälder urbar gemachten Stellen, berüchtigt ist. Allgemein herrscht Ordnung und
Ruhe, und bei einer Anzahl von 60 — 80 Arbeitern fallen verhältnismäfsig wenig
Streitigkeiten vor. Dies gute Einverständnis hängt viel vom Häuptlinge ab, w7ozu man
stets einen verständigen und thätigen Mann zu wählen pflegt.
Die unverheirateten Männer bewohnen eine gemeinschaftliche Wohnung, eine
Kaserne, aus unbehauenem Holze, die Wände mit Baumrinde, das Dach mit Schilf
bekleidet. Die Verheirateten wohnen getrennt in ähnlich gebauten Hütten. Bei einer
jeden Grube ist ein besonderes Gebäude errichtet und mit möglichster Sorgfalt aus-
geschmückt und unterhalten, oft mit feinen Matten belegt und mit bemalten Tapeten
behängt. Es dient als Tempel, Rathaus, Zeughaus und Speisesaal; man nennt es
kung-schi.
An einem Altäre ist das Bildnis des Laodsü aufgestellt, meistens eine Gemälde-
rolle, worauf dieser Religionsstifter in grellen Farben abgebildet ist; ein ewiges Licht
und Rauchkerzchen werden davor unterhalten. Am Eingang dieser Halle ist ein hei-
liger Baum gepflanzt, worunter man die Opfer niederlegt.
Die Nahrung der chinesischen Bergleute ist einfach: Reis, gesalzene und ge-
trocknete Fische und Gemüse sind die gewöhnliche Speise; Wildbret von Schweinen
und Hirschen, welche sich zahlreich in den Wäldern finden, wird häufig genossen.
Beliebt ist das tsiu, ein aus Reis abgezogenes, geistiges Getränk. Verheiratete führen
ihre eigene Wirtschaft, die Ehelosen essen an einem gemeinschaftlichen Tische. Reis,
Salz, Ol, Tabak, Eisen, Stahl, Kattun und andere Zeuge u. dgl. werden den Bergleuten
aus den Gouvernementsmagazinen von den Grubenaufsehern auf Kredit geliefert und
können daher als die vorzüglichsten Artikel der Einfuhr betrachtet werden. Der Reis
wird ihnen zu fl. 6.18, das Salz zu fl. 4 und das Ol zu fl. 33 der Pikol angerechnet.
Von den zahlreichen chinesischen Jahresfesten werden einige der vorzüglichsten
gefeiert. Das Neujahrsfest (sin nien), welches gewöhnlich in den Februar fällt, und
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
1 6
das sogenannte Laternenfest (fang schui tang) im Oktober zum Andenken der Ver-
storbenen werden festlich begangen. Essen, Trinken und Spiel sind dabei die Haupt-
sache, und man macht grofsen Aufwand. Aufserd em finden noch Gelegenheitsfeste
statt, wie bei Eröffnung einer neuen Grube, bei Hochzeiten und bei der Heimkehr
eines Chinesen nach seinem Vaterlande.
[6. Juli.] In dem liebenswürdigen Familienkreise des Stabsarztes Fritze hatte
ich den gestrigen Abend angenehm zugebracht, und durch seine Mitteilungen über
Banka, dessen Erzeugnisse und Bewohner konnte ich in meinem Tagebuche manche
Lücke ausfüllen, welche sonst wegen des so kurzen Aufenthaltes offen geblieben wäre.
Über Banka sind einzelne gute und wichtige Nachrichten bekannt geworden,
doch aus zu verschiedenartigen Quellen geflossen, als dafs man sie zu einem brauch-
baren Ganzen vereinigen könnte, ohne sie durch eigene Erfahrung an Ort und Stelle
geprüft oder durch urkundliche Belege vervollständigt zu haben. Hauptsächlich fehlt
es bis jetzt an bewährten statistischen Berichten. Aufser der oben erwähnten Abhand-
lung de la Fontaines habe ich Baron van der Capellen noch die Mitteilung eines
andern Berichtes, mit Karten und Plänen ausgestattet, zu verdanken. Von dem
Königl. Niederländischen Ministerium der Kolonien wurde mir auch eine brauch-
bare chorographische Karte dieser Insel, aufgenommen im Jahre 1819, zur Verfügung
gestellt; eine neuere Land- und Seekarte erhielt ich von Lieutenant Colonel de Sturs,
und einen Plan der Strafse Banka von Herrn Verkerk Pistorius. Diese Materialien zu-
sammen machten mir es möglich, die bisher über Banka bekannt gemachten Nach-
richten näher zu prüfen und in Verbindung mit meinen eigenen Beobachtungen zu-
sammenzustellen.
Skizze einer geographisch -statistischen Beschreibung von Banka.
Lage, Gröfse. Banka liegt im Osten von Sumatra, von 105° iT bis 1060 52'
ö. L. von Greenwich und i° 28' 30" (Tanjong Munkoda) bis 3° 6' (SW. - Spitze,
auf den niederl. Seekarten genannt vuile hoek) s. B. Die Insel erstreckt sich gegen
NW., ziemlich gleichlaufend mit der niedrigen Küste von Sumatra, von der sie
durch die 8 bis 18 Seemeilen breite Strafse Banka geschieden ist. Banka ist etwa
30 geographische Meilen lang, 9 bis 15 breit und hat einen Flächeninhalt von 367,01
geographischen Quadratmeilen.
Physische Beschaffenheit. Das Land ist hügelig, mit einzelnen hohen Bergen;
die höchsten aus primitiven Felsenarten, vornehmlich granitischen Gesteinen bestehend;
in den niedrigeren ruhen auf dem Granit häufig Lager von Roteisenstein. Das an-
geschwemmte Land längs den Küsten und in den zahlreichen Thälern erscheint in
Ablagerungen mit Bruchstücken von Granit, Quarz, Bergkrystall, Roteisenstein, Sand
und Thonerde von verschiedener Farbe; der Boden ist rauh, hart und sandig und an
einzelnen Stellen in den Niederungen mit einer schwärzlichen Erde — ausgetrocknetem
Schlamme — bedeckt. Das Gestade, welches sich in sanft abgerundeten Hügeln
hinzieht, ist hoch, senkt sich gegen die Westseite, und der Strand ist stellenweise,
besonders zwischen dem Sungei Mündoo und Sungei Banka Kotta, morastig. Die
Thäler, welche nach allen Richtungen die Hügel durchziehen, breiten sich im Innern
der Insel — in den Bezirken Toboaly und Koba im Süden, und in den Bezirken
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823.
Müntok und Blinju im Norden — zu beträchtlichen Tiefebenen aus und werden von
zahlreichen Wasserrinnen durchzogen, welche in der Regenzeit mächtig anschwellend
als reifsende Waldbäche in die See- stürzen und Sand und Gerolle mit sich führen,
wodurch ihre Mündungen verseichten; die wenigsten sind daher schiffbar. Ein üppiger
Pflanzenwuchs, dichte, immergrüne Waldungen bedecken die Berge und Hügel, welche
von der See aus einen reizenden Anblick gewähren und eine angenehme Abwechse-
lung gegen die einförmige, niedrige Küste von Sumatra bieten.
Berge, Vorgebirge. Die vorzüglichsten Berge auf Banka sind: der Gunong
Maras, der im Norden der Insel (unter i° 53' s. B. und 105° 52' ö. L.) die Bai
von Klabat begrenzt und dessen Seehöhe auf 3000 Fufs angegeben wird. Im Süden
zeigt sich das St. Paul-Gebirg (Gunong Pajang) fernhin dem Seefahrer, und auf der
Westküste dienen die Berge Gunong Banka, Permisang und Menombing bei der
Durchfahrt der Strafse als Wegweiser. Letzterer, unter 105° 14' ö. L. und 20 o'
s. B., ist für die Seefahrer ein wichtiger Punkt; sein Gipfel ist weithin sichtbar. Auf
der Ostküste bildet das Brekat-Gebirg, die Berge Mankol, Marawang und das Hügel-
land von Rogo und Bukit Belong die bedeutendsten Erhebungen. Mit Ausnahme des
Maras übersteigen die Gebirge Bankas nicht eine Höhe von 1500 Fufs über dem
Meere. Von vulkanischen Ausbrüchen findet sich auf der Insel keine Spur, obgleich
dieselbe nicht frei von Erdbeben ist. Der Ausbruch des Gunong Tombora auf der
weitentlegenen Insel Sumbawa verkündigte sich hier durch fernem Kanonendonner
ähnliche Schläge.
Die merkwürdigsten Vorgebirge und Landspitzen sind das Vorgebirg Tanjong
Dapur — - vuile hoek nach niederl. Seekarten — unter 30 6' s. B., die südlichste
Spitze von Banka, erkennbar durch das nahe dabei liegende Inselchen Pulo Dapur;
das Tanjong Prekat — ein hohes Land, die östlichste Spitze der Insel unter 2° 35'
s. B. und 1060 25' ö. L., das Tanjong Rijah unter i° 55' s. B. und 1060 14' ö. L.
und Tanjong Tuan unter 1 0 38' s. B., beide auf der Ostküste gelegen. Die nördlichste
Spitze der Insel ist Tanjong Munkodo unter i° 28' 30" s. B.; Tanjong Piniosa und
Tanjong Malalu bilden den Eingang in die Bai von Klabat. Ferner sind zu bemerken
Tanjong Gunting unter i° 43b Tanjong Ular und Tanjong Bersiap, die westlichste Spitze
unter 20 2' s. B. und 105° 1 iy ö. L. Das Tanjong Kalian unter 20 5' s. B. und 1050 12' ö. L.
und Tanjong Pangon (Latavy point nach engl. Seekarten) unter 2° 47' s. B. und
105° 54' ö. L. sind bei der Durchfahrt der Strafse Banka die wichtigsten Punkte
der W.-Küste dieser Insel.
Gewässer. Banka ist reich an Quellen und Wasserrinnen, welche längs den
Senkungen der Hügel in die Thäler herabfliefsen, sich zu Waldbächen vereinigen,
aber meistens in den Versandungen der Küste verloren gehen. Auf der Westküste
sind blofs die beiden Flüsse Sungei Mündo und Sungei Banka Kotta schiffbar; die übrigen
Bäche sind nach kurzem Laufe an ihren Mündungen versandet. Der gröfste Flufs
ist der Sungei Warawang auf der Ostküste, der aus mehreren Bächen entsteht, wo-
von einige in den Gebirgen Maras und Mankol entspringen. Aufserdem verdienen
noch der Sungei Jebus im Norden der Insel und der Sungei Antun und Laijang,
welche sich in die Bai von Klabat ergiefsen, erwähnt zu werden. Seen kommen auf Banka
nicht vor, wohl aber Sümpfe, welche sich zur Regenzeit in den Tiefebenen ausbreiten.
Baien und Buchten. Die Bai von Klabat, sowie die von Jebus, Sungei Liat,
Marawang und Pankal Pinang bilden gute Häfen, und die Buchten an den Mündungen
v. Sieb old, Nippon I. 2. Aufl.
2
i8
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
mehrerer Bäche dienen bei hoher See und zur Regenzeit, wo sie ziemlich breit und
tief sind, Seeräubern und Schmugglern als Hinterhalt.
Das Klima dieser Insel, obwohl sie beinahe unter dem Äquator liegt, ist noch
ziemlich gemäfsigt. Die Nächte sind sehr kühl, und am Tage steigt das Thermo-
meter nicht über 88° Fahrh. Die Land- und Seewinde, welche regelmäfsig wechseln,
sind für die Mannschaften der auf den Rheden und in den Baien liegenden Schiffe
erquickend. Regen fällt häufig, ausgenommen die Monate Mai bis August — die Zeit
des SO.-Mousson, wo Hitze und Trockenheit herrschen. Während des NW.-
Mousson, von November bis Februar, finden heftige Regen und schwere Gewitter
statt, und Wetterleuchten wird fast jeden Abend wahrgenommen. Beim Wechsel der
Moussons ist die Witterung unbeständig: auf dem Lande wechselt Trockenheit mit
Regen, auf der See Stille mit Stürmen. Im allgemeinen ist das Klima gesund; nur
Müntok und die morastigen Gegenden auf der Westseite hält man für ungesund.
Produkte. Aufser dem Zinn, dem wichtigsten Erzeugnisse Bankas, findet sich
noch Eisen, und zwar in den Bezirken Pankal Pinang, Pako, Banka Kotta und am
Berge Permisang, doch werden die Gruben, die unter der Regierung des Sultans von
Palembang viel und gutes Eisen geliefert haben sollen, gegenwärtig nicht betrieben.
Silber wurde vor kurzem im Bezirke Müntok entdeckt, und Gold kommt in geringer
Menge in der Gegend von Pankal Pinang vor. Die Diamanten, welche nach Rader-
macher bei Sunge'i Puti gefunden wurden, waren wahrscheinlich Bergkrystalle, die von
ausgezeichneter Schönheit in der Gangmasse der Zinngruben Vorkommen.
Die Insel ist fast gänzlich von Wald bedeckt und liefert vortreffliche Holz-
arten, nur die Gewürzinseln und das Innere von Sumatra mögen Banka hierin über-
treffen. Ebenholz (kaju arrang), Adlerholz (kaju guru), Sassafras (medang sahang)
und Rotang werden in Überflufs gefunden. Aus dem Merantee, einem bei 60 Fufs
hohen und 5 Fufs dicken Baume, werden Bretter gesägt, und das Holz des Mengrawan
batu zum Häuserbau verwendet. Aus der Frucht des Menyalin wird Zucker, aus der
des Penaga Öl bereitet; der an 120 Fufs hohe Tjing-al-itam liefert Harz (dammar
mata kutsing), und mit der Rinde des Sama und Tingie färben die Eingeborenen
Kattun und ihre Fischnetze. Letzterer giebt eine dauerhafte schwarze Farbe.
De la Fontaine führt in seinem Berichte 57 Arten Nutzholz an, worunter
mehrere Bäume von 100 — 120 Fufs Höhe und 4 — 5 Fufs Dicke. Es befinden sich
darunter gutes Zimmerholz und vortreffliche Holzarten zu Hausgeräten. Holzkohlen,
ein grofser Bedarf für die Bergwerkszwecke auf der Insel, sind von vorzüglicher Güte.
Einige Bäume und Sträucher tragen schmackhafte Früchte, man findet Kokosnüsse,
Pompelmus und Ananas. Der Kaffeebaum kommt bei Müntok gut fort, und in
früheren Zeiten wurde Pfeffer, Baumwolle (kapas), Gambir, Tabak und Zuckerrohr
angebaut. Mit Ausnahme von diesem, welches zu hoch aufschiefst und weniger saft-
reich als auf Java ist, könnte die Kultur obiger Gewächse mit Vorteil betrieben
werden. Eine merkwürdige Erscheinung ist es, dafs bei der Üppigkeit der Vegetation,
welche sich in den Wäldern zeigt, der Land- und Gartenbau nur kärglich lohnt. Der
Reisbau, so kümmerlich und unzweckmäfsig er auch von den Eingeborenen betrieben
wird, ist jetzt noch der einzige Zweig des Landbaues. Da man aber jährlich durch
Fällung und Niederbrennung des Holzes frische Felder zum Anbau des Bergreises
anlegen mufs, um eine nur etwas erträgliche Ernte zu gewinnen, so werden dadurch
die Waldungen sehr beschädigt; die Anlegung von Feldern zum Anbau des Wasser-
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823.
19
reises ist nicht anzuraten, weil dadurch das für den Grubenbau nötige Wasser zu
sehr vermindert werden würde. Eine zweite Ernte auf einem und demselben Berg-
reisfeld ist fast unmöglich; die Ursache davon soll im Boden liegen, der zu wenig
Dammerde und zu viel Gestein und Erzteile enthält und sich an unbeschatteten Stellen
zu viel erhitzt und daher austrocknet. Von den Chinesen werden hie und da Yams-
wurzeln, Bataten, Cadjangbohnen und Betel angebaut. Erdäpfel geraten schlecht,
und unsere Getreide- und Gemüsearten wachsen kaum einige Hand hoch über die Erde
und verderben alsbald.
Von Säugetieren finden sich auf Banka wenige Spezies: Hirsche kommen zahl-
reich in den Waldungen vor; seltener sind Schweine, das Zwergreh, eine Art Tiger-
katze, einige Eichhörnchen und das Schuppentier. Grofse Fledermäuse sieht man
häufig in der Strafse Banka von einer Küste zur andern flattern. Die Vögel, über
die mir wenig bekannt wurde, soll Banka mit dem benachbarten Sumatra gemein
haben. Auf der SO. -Küste werden efsbare Vogelnester gefunden. Es kommt
eine kleine Art Schlangen vor, die sehr giftig ist, und eine gröfsere, wahrscheinlich
ein Schlinger, deren Galle von den Chinesen als Arzneimittel hoch geschätzt wird.
Aufserordentlich fischreich sind die Küsten der Insel: die gemeinsten Fische
sind der Ikan pirang, der Rusip und Platyang. Der erste kommt in solcher Menge
vor, dafs der monatliche Fang im Bezirke Müntok auf drei Millionen Stück berechnet
wird. Der Trepang und verschiedene seltene Fische werden in der Klabat-Bai
gefangen und das bekannte Seegras Agar-Agar längs dem Strande aufgesucht. Rind-
vieh- und Pferdezucht kennt der Bankane nicht; blofs die dortigen Europäer halten
zu ihrem Vergnügen und Gebrauche Pferde, Rinder und Büffel, und diese kommen
gut fort; nicht so die Schafe und Ziegen, die bald nach ihrer Ankunft an Auszehrung
sterben. Man hat Versuche gemacht, das Rindvieh frei in den Waldungen laufen zu
lassen, aber durch die Nachstellungen der Orang gunong wurde es wieder ausgerottet.
Schweine und Hunde, welche letztere von den Bankanen für unrein gehalten werden,
werden hie und da gegessen. Man hält Hühner, Enten, selten Gänse. Unter dem
Geflügel herrscht zu Zeiten eine auffallende Sterblichkeit, und ohne Einfuhr von
Palembang würde man daran Mangel haben. Honig und Wachs suchen die Orang
gunong in den Wäldern auf, müssen es aber für einen geringen Preis ihren Häupt-
lingen abgeben.
Einwohner. Die Bevölkerung von Banka besteht: 1. aus den Eingeborenen —
Orang gunong, auch Orang darat genannt — , 2. aus handeltreibenden Chinesen und
Malaien und 3. aus chinesischen Bergleuten. Noch könnte man eine 4. Klasse, die
Orang laut, Seeleute und Küstenbewohner, im Gegensätze der Bergbewohner, und als
5. die Sklaven annehmen. Die ganze Bevölkerung kann man auf 22000 Seelen
berechnen, obgleich sich die Zahl der Köpfe bei der Volkszählung im Jahre 1823 nur
auf 17861 belief.
In früherer Zeit war Bankas Bevölkerung stärker und belief sich nach zuver-
lässigen Berichten in der blühenden Periode des Bergbaues auf sechzig- bis siebzig-
tausend Seelen. Die Ursache einer so auffallenden Verminderung war ein Aufstand vor
etwa dreifsig Jahren im Kampong Müntok gegen den Sultan von Palembang. Reiche
Kaufleute und Malaien, Kolonisten von Palembang, zwar gering an Zahl, doch mächtig
durch Reichtum und Einflufs, führten mit den übrigen Bewohnern von Banka und mit
Palembang Krieg. Sie riefen den Sultan von Lingga zu Hülfe, und die zahlreichen
20
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Fahrzeuge der berüchtigten Lingganen übten nun Raub und Verwüstung längs den
Küsten Bankas und führten die Bewohner als Sklaven mit sich fort. Nach Wieder-
herstellung der Ruhe entwichen die Aufrührer mit ihrem Anhänge, um der Rache
ihres Herrn zu entgehen, von Müntok nach Lingga und andern Orten. Auf Lingga
leben bis heute noch viele Hunderte dieser Flüchtlinge, denen der dortige Sultan die
Rückkehr verweigert Audi die Blattern haben früher grofse Verheerung unter den
Einwohnern von Banka angerichtet.
Die Orang gunong sollen von Java stammen. Sie sind kleiner und feiner ge-
baut als die Javanen, auch etwas dunkler von Farbe; in ihrem Bau prägt sich übrigens
viel Ebenmafs aus, und auf der Ostküste trifft man einen hübschen Schlag Männer
und Frauen. Sie sprechen die Sundasprache in derselben Mundart, die auf Palembang
üblich ist. Der Bankane lebt, im Vergleiche mit dem Javanen, noch in einem Zu-
stande von Wildheit, in roher Einfalt, ist schüchtern, unterwürfig, friedliebend, genüg-
sam, sorglos und frei von den auf den Sundainseln herrschenden Untugenden des
Spieles und der Opiumberauschung. Blofs bei den Häuptlingen stellen sich zuweilen
diese üblen Gewohnheiten unter der Maske einer Sittenverfeinerung ein, indem sie
die Laster der Grofsen von Palembang nachahmen.
Die Orang gunong führen keine sefshafte Lebensweise, doch überschreiten sie
die Grenzen des Bezirkes nicht, dem sie angehören. Ihre Betriebsweise des Reisbaues
veranlafst dies unstäte Leben. Zur Saatzeit suchen sie in den Waldungen ein taug-
liches Feld zur Anlegung eines Bergreisfeldes, schlagen da ihre Wohnungen, Hütten
von Baumstämmen, Rinde und Schilf auf, füllen und verbrennen das Gehölze und besäen
die gewonnene Stelle. Die eingeheimste Ernte wird sorglos und gastfrei in einigen
Monaten verzehrt, und dann leben sie, wenn keine andern Mittel vorhanden, von
Wurzeln, Früchten und Kräutern, bis sie wieder ein frisches Feld aufsuchen und
sich da mit neuen Hoffnungen niederlassen. Diejenigen, welche durch irgend ein
Gewerbe noch etwas zu verdienen wissen, kaufen sich Reis und andere Bedürf-
nisse. Trockenheit vereitelt oft die Ernte, und die Unbemittelten müssen sich kümmer-
lich nähren.
Die Bergbewohner stehen unter Häuptlingen, die aus ihrer Mitte hervorgehen.
Man unterscheidet folgende Rangstufen, die erblich vom Vater auf den Sohn über-
gehen: Depati, Krio, Batin und Lillinggan. Die drei ersten standen zur Zeit der
Herrschaft des Sultans von Palembang unter diesem oder seinem Stellvertreter in
Müntok; die letzten, ähnlich den Mandors auf Java, sind blofs Gerichtsdiener im Dienste
der ersteren.
Die Oberhäupter sind wenig gesittet, herrschen noch immer, wie zu Zeiten des
Sultans, sehr eigenmächtig und stehen blofs dem Namen nach unter dem Befehle des
niederländischen Residenten. Sie sind kleine unabhängige Fürsten unter dem Schutze
des Niederländisch-Indischen Gouvernements. Das Recht der Leibesstrafe steht ihnen
über ihre Unterthanen nicht zu, wrohl aber das einer Geldbufse. Dieses, der Tiban
(ein Wucher mit Lebensmitteln und andern Bedürfnissen) und der Frondienst sind
die Quellen ihrer Bereicherung. Selten liefern sie Verbrecher, ausgenommen Mörder,
dem niederländischen Residenten aus, da sie selbst dieselben vorteilhafter mit einer
Geldbufse bestrafen.
Die Bergbewohner gelten zwar für Anhänger des Islam, haben jedoch keine
gottesdienstlichen Feierlichkeiten und auch keine Priester. Der Älteste und Erfahrenste
2 I
Reisen, i. Reise von- Batavia nach Japan im Jahre 1823.
eines Kampong vertritt die Stelle der letztem unter dem Namen Ketip. Sie sind
äufserst abergläubisch und fürchten böse Geister. Wenn z. B. bei Fällung eines Baumes
einer oder der andere erkrankt, halten sie den Baum für besessen und lassen sich auf
keine Weise zur Wiederaufnahme der Arbeit bewegen. Heiraten werden nach einem
einfachen Gebrauche geschlossen: diejenigen, welche sich gefallen, fragen den Häupt-
ling um die Heiratserlaubnis, stofsen in Gegenwart von Zeugen die Köpfe aneinander,
bringen den Tag mit Essen und Vergnügungen zu und sind Mann und Frau. Das
Herkommen, dafs die Braut vom Bräutigam eine Mitgift erhält, besteht hier wie auf
Java; dieselbe ist aber unbedeutend.
In früheren Zeiten wurde ein Teil der Hinterlassenschaft eines Orang gunong,
mochte es Gold oder Geld sein, mit der Leiche begraben; jetzt ist diese Sitte wegen
häufiger Plünderung der Gräber aufgegeben worden.
Aufser den chinesischen Bergleuten, deren wir bereits ausführlich erwähnten,
haben sich auf Banka auch Gewerbe und Kleinhandel treibende Chinesen und Malaien,
die von Fischfang leben, niedergelassen und wohnen sämtlich in Kampongs.
Die Chinesen haben ihren heimatlichen Fleifs auf diese Insel verpflanzt. Für
den Bergbau sind sie unentbehrlich geworden, und Industrie und Handel, so
unbedeutend der letztere auch ist, hat man ihrer Betriebsamkeit und dem dieser
Nation eigenen Handelsgeiste zu danken. Sie leben mäfsig und sparsam und mit
einzelnen Ausnahmen in Dürftigkeit. Überhaupt herrscht bei den Bewohnern, Chinesen
wie Malaien, wenig Wohlstand; der gröfste Teil ist arm, und dennoch kennt man
keine Bettler — ein Umstand, der sich aus einer lobenswerten wechselseitigen Unter-
stützung erklären läfst. Die Orang laut, aus einer Vermischung verschiedener rna-
laischer Stämme der benachbarten Inseln entstanden, wohnten und hausten ehedem
längs den Küsten, wo sie Fischfang und Seeraub trieben. Gegenwärtig hat das Nieder-
ländisch-Indische Gouvernement sie in Dienst genommen und den Distrikten von Jebus,
Blinju und Tampillang zugeteilt, wo man sie gegen Seeräuberei und Schmuggelhandel
kreuzen läfst. Ihre Zahl wird auf 139 Köpfe angegeben. Sklaven befanden sich 1823
nur 166 in Müntok. Banka ist ein Verbannungsort für Sträflinge, deren Zahl sich auf
235 belief, von denen 53 zu Ketten verurteilt waren. Noch ist eine Klasse un-
glücklicher Menschen zu erwähnen, solcher nämlich, welche wegen Zahlungs-
unfähigkeit als Unterpfand in Sklavenstand gehalten werden; es sind meistens Palem-
banger und sie werden auf Banka blofs von den Malaien gehalten. Die Zahl der Euro-
päer beschränkt sich auf die niederländischen Beamten und die Besatzung und beläuft
sich gewöhnlich auf 500 bis 600 Köpfe.
Produktion, K u n s t f 1 e i fs und H a n d e 1. Der Bergbau kann als der vor-
züglichste Erwerbszweig der Bevölkerung von Banka angesehen werden; ihm folgen
Fischfang und Holzschlag. Landbau und Viehzucht verdienen kaum erwähnt zu werden.
Gewerbe beschäftigen viele Hände, namentlich die Zahl der Schmiede und Zimmer-
leute ist grofs. Der Kunstfleifs erzeugt wenige Produkte und beschränkt sich einzig
auf Müntok, wo die Frauen einige Seiden- und Baumwollenzeuge weben, Gold sticken
und andere Handarbeiten verfertigen. Die bedeutendsten Artikel der Einfuhr sind
Reis, Öl, Salz und Eisen. Der Hauptartikel der Ausfuhr, das Zinn, ist Monopol der
Niederländisch-Indischen Regierung, und dessen Stapelplatz Batavia; nach einem Ver-
trage liefern die chinesischen Bergleute den Pikol Zinn für 6 Piaster an die Gruben-
inspektoren, nur in einigen Distrikten werden 8 Piaster dafür gezahlt. Der Kleinhandel
22
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
ist unbedeutend, und was der Fischfang einträgt, wird für den Ankauf der Lebensbe-
dürfnisse verbraucht, welche von Palembang, Lingga, Java u. a. O. herbeigebracht
werden. Geld ist wenig vorhanden, so grofse Summen auch das Niederländische
Gouvernement in Umlauf bringt. Teils geht es für die Einfuhr der täglichen
Bedürfnisse aus dem Lande, teils legen es die sparsamen Chinesen zurück und senden
es nach ihrem Vaterlande; da ferner die Orang gunong gerne Silbermünzen als
Kleinodien behalten, und aus Besorgnis, ihrer beraubt zu werden, sie in den Wäldern
vergraben, so bleiben bedeutende Summen tot liegen oder gehen verloren. Alle in
Ostindien gangbaren Münzen sind es auch auf Banka. Die Piaster sind sehr beliebt,
gelten fl. 2,6 Ind. Cour, und werden oft mit einem Aufgeld von 15 — 25 p. c.
eingewechselt. Noch hat man zinnerne Scheidemünzen, nach Art der chinesischen
Kupferpfennige durchbohrt, deren 60 einen Gulden gelten. Die Pächter der Spiel-
banken haben das Recht sie zu schlagen und müssen sie auch einwechseln; sie sind
nur in dem Bezirke, wo sie geprägt wurden, gangbar.
Bei der Erwägung der unermefslichen Schätze, welche Banka enthält, und die
seit mehr als einem Jahrhunderte eine reiche Quelle des Wohlstandes für Eingeborne
und Ansiedler abgeben mufsten, wird man sich durch das unerfreuliche Gemälde,
welches ich soeben von dem häuslichen Wohlstände der Bevölkerung, von dem
Handel und der Kultur des Landes aufstellte, nicht wenig betroffen fühlen. Unwill-
kürlich wird sich die Frage nach der Ursache einer so allgemeinen Dürftigkeit auf-
drängen, und man wird diese wohl dem Systeme des Monopols zuschreiben, wovon
man ohnehin in der Staatswirtschaft der Kolonien einen so ungünstigen Eindruck erhält.
Die Niederländisch-Indische Regierung hat den Alleinhandel des Zinnes von Banka,
den früher der Sultan von Palembang und nach ihm (1812) die Briten getrieben, seit 1816
ebenfalls beibehalten. Die Natur und der Charakter der Eingebornen und der Ansiedler,
die Lage und Beschaffenheit der Insel und das eigene Interesse liefsen die Regierung
diese Mafsregel ergreifen und, nach einer Reihe von Erfahrungen, für unabänderlich
erklären. Landbau und Viehzucht, Gewerbe und Kunstfleifs können nicht genug Frei-
heit und Vorrechte erhalten, aber Fischfang, Jagd und Fällen der Holzbestände müssen
schon von Staats wegen Beschränkungen erleiden, sollen sie eine fortwährende Quelle des
Staatsreichtums abgeben. So müssen die Schätze, welche die Natur im Boden eines Landes
niedergelegt hat, von Staats wegen um so mehr gesichert werden, je offener sie zu
Tage liegen und je leichter sie die Beute unzubefriedigender Habsucht werden können.
Dies ist der Fall mit den Zinngruben auf Banka, und wer kann die Folgen berechnen,
wenn man einer so volkreichen Ansiedlung von Glücksuchern — den ebenso emsigen
als gewinnsüchtigen Chinesen — unter begünstigenden Vorrechten einen unbeschränkten
Betrieb des Bergbaues überliefse?
Dafs es den Wohlstand der Einwohner begünstigen würde, Müntok zum Stapel-
platz des Zinnes zu machen und somit den Handel zu beleben, davon hat sich die
Regierung überzeugt und geeignete Mafsregeln getroffen. Auch sind durch de la
Fontaine zweckmäfsige Vorschläge zur Begünstigung des Fischfanges, der Waldkultur
und der Landwirtschaft gemacht worden. Eine weitere Ausdehnung der Reiskultur
wurde für ungeeignet erklärt und auf die des Kaffees, Pfeffers und Gambirs
hingewiesen, mit welchem Erfolge, ist mir unbekannt.
Geschichte, Name. Schon im ersten Jahrhundert der Schiffahrt der
Europäer nach Ostindien zog Banka die Aufmerksamkeit derselben auf sich, jedoch
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823.
23
nicht durch verlockende Erzeugnisse oder Schätze, denn damals war es nur von den
Orang gunong bewohnt, denen der Reichtum an Metall ein wertloses Gestein war,
sondern weil man zwischen dieser Insel und Sumatra einen Weg nach Malakka, Siam,
China und Japan gefunden hatte. Das Inselchen Lucipara und der Berg Memombing
waren die Wegweiser für portugiesische und holländische Schiffe. Jedoch die durch
Klippen und Untiefen an sich gefährliche Strafse wurde es damals noch mehr, da sie
den erbitterten Nebenbuhlern des ostindischen Handels zum Hinterhalt diente, um
einander aufzulauern.
Linschoten bezeichnet auf seiner allgemeinen Karte von Ostindien Banka mit
dem Namen Chinabata, in seiner Reisebeschreibung nennt er es Banka; auch Wter-
wyck nennt es Sinapate. Der Name Banka scheint übrigens schon damals allgemein
angenommen gewesen zu sein. Im Jahre 1668 nahm die V. N. O. Kompagnie die
damals von einem Sultan beherrschten Inseln Banka und Bileton unter ihren Schutz.
Einige Jahre darauf kamen beide an den Sultan von Palembang. Seit 1710, wo das
Zinn entdeckt wurde, siedelten sich auf Banka Chinesen an, welche der Sultan zuerst
von der Insel Siantin (?) aus dem Gebiete von Dschahor berief, und von dieser Zeit
an spielte Banka eine nicht unbedeutende Rolle. 1777 wufste die Kompagnie sich
den Alleinhandel des Zinnes durch einen Vertrag mit dem Sultan von Palembang zu
verschaffen. Der damals regierende Sultan war durch den Beistand der Niederländer
auf den Thron gelangt; ein Nachfolger aus dieser Linie war jedoch undankbar genug,
18 11 auf verräterische Weise den niederländischen Residenten zu Palembang samt
allen Niederländern im Fort ermorden zu lassen. Die Briten rächten den Gräuel, er-
oberten Palembang und setzten den Bruder des Sultans auf den Thron, der in einem
Vertrage vom 20. Mai 1812 mit dem Oberst Gillespie Banka und Billeton an die
Briten abtrat. Es erhielt nun den Namen Herzog von Yorks Insel. 1816 wurde es
den Niederländern zurückgegeben.
Einteilung, Topographie. Banka ist gegenwärtig in neun Grubenbe-
zirke geteilt: 1. Müntok, 2. Jebus, 3. Blinju, 4. Sunge'i Liat, 5. Marawang, 6. Pankal
Pinang, 7. Toboaly, 8. Kotta Waringie und 9. Koba. Bei den Eingebornen und der
inländischen Regierung jedoch gilt noch die frühere, unter dem Sultan von Palem-
bang eingeführte Einteilung in Depati und Batin oder in Gebiete von kleinen Fürsten
und Häuptlingen.
Das Städtchen Müntok, von den Briten unrichtig Minto, Muntow genannt, ist
der Hauptort der Insel, Sitz des Niederl. Residenten und Hauptquartier der Besatzung.
Es liegt auf der NW. -Spitze der Insel, am Fufse des Menombing, und lehnt sich
an einen Vorberg, von einem kleinen Bache durchflossen und einem Fort beherrscht.
Dieses und die Wohnung des Residenten, der Beamten und Offiziere, sowie das
Krankenhaus liegen sehr anmutig auf einer Hügelfläche, die Wohnung des Hafen-
meisters und die Gouvernements-Magazine sind am Strande, wo sich auch ein Bazar
(Markt) und mehrere Kramläden befinden. Müntok ist von Chinesen und Malaien
bewohnt. Die ersteren nähren sich von Gewerben und Kleinhandel, letztere gröfsten-
teils von Fischfang. 1823 zählte die Bevölkerung 2676 Köpfe, darunter 549 Chi-
nesen, 1961 Malaien und 166 Sklaven. Der Handel ist hier noch am lebhaftesten,
beschränkt sich jedoch auf die täglichen Lebensmittel, auf Krämerwaren und Bedürfnisse
für den Bergbau; am bedeutendsten ist der Fischhandel. Es bestehen hier Schulen
für Malaien und Chinesen, auch haben sich einige Priester arabischer Abkunft nieder-
24
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
gelassen. Das unweit Müntok am Tanjong Kaliang von den Briten angelegte Fort
Nugent wurde seiner ungesunden Lage wegen verlassen; auch Müntok hat in der letztenZeit
durch verheerende Epidemien einen üblen Ruf bekommen. Das Fort Nugent, eine
geographische Meile westlich von Müntok auf der Spitze Kalian, 1822 von den Eng-
ländern angelegt, wurde bereits kurz nach seiner Erbauung, der grofsen Sterblichkeit
wegen, welche unter der Besatzung einrifs , verlassen. Wie man mir erzählte , soll
diese Sterblichkeit nach der Fällung des umliegenden Gehölzes entstanden sein. Auch
Müntok ist sehr ungesund und war einigemal beinahe ausgestorben. Kurz nach
unserer Abreise raffte eine Epidemie den verdienstvollen Colonel de la Fontaine mit
Gemahlin und Kindern dahin. Seine Wohnung, geräumig und luftig, auf einer
Anhöhe von 200 Fufs über der Meeresfläche erbaut, hielt ich doch damals für
gesund, und die schönen Anlagen, welche sich eine Stunde weit längs dem Vorberge
des Menombing hinzogen, schienen mir sie zu einem angenehmen Aufenthaltsorte
einer so würdigen und lieben Familie zu machen. — Auf einem Spaziergange in der
Umgebung von Müntok fiel mir die Wärme nicht sehr lästig, und auf der Rhede
stand das Thermometer auf 84° Fahr. — Nach Müntok ist Banka Kotta im Bezirke von
Koba auf der Südwestküste der Insel am Flusse gleichen Namens der ansehnlichste
Handelsort. Die zahlreiche Bevölkerung in der Umgegend und der Flufs Banka Kotta,
welcher tief ins Innere des Landes für kleine Fahrzeuge schiffbar ist, begünstigen
den Verkehr. Aufserdem verdienen noch die Hauptorte der Bezirke, Sitze der Gruben-
aufseher, bemerkt zu werden, welche dieselben Namen wie die Bezirke führen. Die
Ortschaften sowie die meisten Wohnungen der Malaien liegen, der häufigen Streif-
züge der Seeräuber wegen, tief landeinwärts. Rund um Banka liegen eine Menge
Eilande, deren viele nur unbedeutende Felsen sind. Bemerkenswert sind Pulo Lepor
(die SO. -Spitze, Entrance point, unter 30 2' s. B. und 1060 54' ö. L.), Dapur
und die Gruppen Mudong und Nanka. Nach Erasmus Gower, Befehlshaber des
Schiffes Lion, worauf sich Lord Macartney befand, liegt die Rhede der südlichsten
Insel der Nankagruppe unter 20 22' s. B. und 105° 40' ö. L.; nach Horsburgh
liegen die Nankainseln unter 20 25' s. B. und 105 0 40' ö. L. Man kann sich
da mit Brennholz versehen und gemächlich gutes Wasser einnehmen; auch ist Luci-
para (unter 30 13' s. B. und 1060 10' ö. L.), der Leuchtturm unserer Seefahrer, zu
erwähnen.
[6. Juli.] In Gesellschaft des Herrn Fritze hatte ich am Morgen einen Spazier-
gang in Müntoks Umgebungen gemacht. Wir standen eben im Begriffe, einen Ritt
längs der neuen Strafse nach Rangang zu machen, um die dortigen Zinngruben zu
besuchen, als uns um 10 Uhr ein Signalschufs an Bord rief. Die Herren de la Fon-
taine, Stabsarzt Fritze und mehrere Offiziere und Beamten begleiteten uns an den
Strand, wo man eifrigst Anstalten traf zum Empfange des Viceadmirals Melville
Carnee, der mit Sr. M. Fregatte Euridice am vorigen Abend auf der Rhede ange-
kommen war. Auf dem sonst so öden Strande herrschte diesmal rege Thätigkeit.
Von der Euridice landeten Schaluppen, unsere Boote waren mit Einnehmen von
Wasser und Lebensmitteln beschäftigt, Malaien durchwateten die Untiefe mit Sänften
und Lasten, und in steifem Gepränge nahete bald der Aufzug des Vizeadmirals,
während hier das Schiffsvolk in einzelnen Gruppen traulichen Abschied nahm von
Landsleuten, deren Bekanntschaft es kaum erst gemacht hatte. Diese Scenen ver-
25
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823.
breiteten ein malerisches Leben über den Strand, auf dem ich mit meinem Freunde
Fritze einherwandelte. Fs waren Augenblicke, die einen tiefen Eindruck auf mich
machten, mir unvergefslich blieben; denn hier schlofs ich Freundschaft mit einem
Manne, dessen biederen Charakter und wissenschaftliche Bildung ganz Niederländisch
Indien schätzt, eine Freundschaft, die, in Glück und Unglück erprobt, bis auf den
heutigen Tag fortbestand. Fritze war es, der mich bei meiner Zurückkunft auf Java
(1830) von meinen dortigen Bekannten zuerst besuchte, der meine durch traurige
Schicksale zerrüttete Gesundheit pflegte und herstellte und meine baldige Rückkehr
aus Indien durch seinen Einflufs bethätigte. — Mein warmes Andenken sei ihm einst-
weilen Dank!
Ungern verliefs ich so bald die Insel, welche mir einen so angenehmen Aul-
enthalt gewährte und so viel Merkwürdiges darbot, und ich würde die Beschleunigung
meiner Abreise noch heute auf das tiefste bedauern, hätten mich nicht die Mit-
teilungen wertvoller Materialien vom Ministerium der Kolonien und vorzüglich von
Baron van der Capellen in den Stand gesetzt, meine abgebrochenen Beobachtungen
zu einem geographisch-statistischen Gemälde dieser Insel auszuarbeiten.
Wir waren nun wieder an Bord, wohin uns die Willkür des Kapitäns gerufen
hatte, und verloren müfsig den Tag auf der Rhede, den wir in so nützlicher Weise
bei der vorgehabten Exkursion hätten verbringen können.
Seereisen auf einem Kauffahrteischiffe gleichen den Landreisen auf Dampf- und
Eilwägen. Beide Fuhrwerke bezwecken, viele Passagiere und Güter mit möglichster
Schnelligkeit von einem Orte zum andern zu bringen, und die meisten Schiffer,
welche wir erfahrene Seeleute nennen, sind auch in ihrer Art ähnlich den im
Dienste ergrauten Postführern. Beide verstehen ihren Dienst, und ihre vorzüglichsten
Eigenschaften bestehen in Pünktlichkeit und Ortskenntnis. Inseln, Vorgebirge, Häfen
sind dem einen, was dem andern Wegweiser, Schlagbäume und Posthäuser. Merk-
würdigkeiten werden von beiden als alltägliche Erscheinungen nicht mehr bemerkt.
— Genug, um sich in die Lage eines Reisenden zu denken, der unter solchen Ver-
hältnissen sich einen wissenschaftlichen Wirkungskreis zu eröffnen sucht!
Bei der alten V. N. O. Kompagnie hatte man besondere Instruktionen — Weg-
weiser für die Fahrt in den indischen Gewässern — , welche den Schiffsoberhäuptern
als strenge Richtschnur mitgegeben wurden. Über die Fahrt nach Japan sind noch
dergleichen im Comptoir auf Dezima vorhanden. Sie sind gut abgefafst und ent-
halten einzelne nützliche Mitteilungen. In neuerer Zeit haben sich in dieser Beziehung
vor allen Kapt. Voorman und Oberst Bezemer, welcher im Jahre 1826 Japan be-
suchte, sehr verdient gemacht. Mit ihren Anweisungen vereinigte Verkerk Pistorius,
dessen freundschaftlicher Beistand bei meinen mathematischen Arbeiten über Japan
bereits an einem andern Orte erwähnt wurde, seine eigenen Beobachtungen auf einer
siebenmaligen Reise, und ich hoffe, durch die Mitteilung einer gründlichen Anweisung zur
Fahrt nach Japan, von einem so erfahrenen Seemanne bearbeitet, einen wuchtigen
Beitrag für die Schiffahrt zu liefern.
[7. Juli.] Wir verlassen morgens die Rhede. Zur Vermeidung der Klippe
Friederik Henderik segeln wir auf 6 — 7 Faden längs der Küste von Banka an der
Spitze Kalian vorbei.
[8. Juli] segeln wir zwischen Pulo Tuju (d. i. die sieben Inseln) und Pulo Taija
hindurch.
2 6
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
[9. Juli.] Mit Tagesanbruch bekommen wir in einem Abstande von 25 Seemeilen
die Bergspitzen von Pulo Lingga zu Gesicht und passieren abends unter 105° 24' ö. L.
die Linie. Der im S. von Lingga befindliche Berg zeichnet sich durch seinen jäh
emporsteigenden Gipfel aus, der sich in zwei Spitzen teilt, die von ferne wie Pyra-
miden aussehen. Auf englischen Seekarten heifst er Asses Ears Peak. Die Insel
Lingga ist in ethnographischer Hinsicht äufserst merkwürdig, da ihre früheste Be-
völkerung, von dem ursprünglich auf Sumatra einheimischen malaischen Volksstamme
ausgegangen, Typus, Sprache, Sitten und Gebräuche dieser später über den ganzen
indischen Archipel verbreiteten Rasse bis auf den heutigen Tag am reinsten bewahrt
hat. Die vielen kleinen Inseln bei Lingga und Bintan dienen Seeräubern als Hinter-
halt. Schwachbemannte Segel mögen auf dieser Höhe auf ihrer Hut sein.
[10. Juli.] Heute segelten wir an der Doggersbank vorbei und befanden uns
mittags unter o° 45' n. B. und 105° 38' ö. L. Eingetretene Stille hemmt unsern Lauf.
So unangenehm und langweilig dem Seemann Stillen sind, da er, der Unthätig-
keit abhold, sich nur nach räumendem Winde sehnt, so willkommen und günstig sind
sie dem Beobachter der Natur. Mannigfaltige Gegenstände, die früher der Lauf der
Wellen verschlang, erscheinen nun auf der Fläche der See und beschäftigen seine
Aufmerksamkeit. So sieht er mächtige Fischzüge die See durchziehen, verfolgt von
Scharen gefräfsiger Möven, Seeschwaiben, Sturmvögel und Alcatraces. Dort wogen
in m eilen weiter Entfernung Cetaceen und unterbrechen durch aufsprudelnde Wasser-
strahlen den bei der Ruhe der Wellen gleichsam erweiterten Horizont; hier treiben
auf dem Wasserspiegel Quallen, Holothurien und farbenreiche Mollusken. Am
Ruder des Schiffes lauert der Hai, und ihm zur Seite zeigt sich sein Lootse.
Raubgierige Doraden jagen den über die Oberfläche der See flüchtenden fliegenden
Fischen nach; die augurischen Tropikvögel schwirren um die Masten, und die schnell-
flieeende Fregatte verliert sich in die endlose Ferne. Diese Naturscenen wechseln
mit jedem Tage, verschieden nach Jahreszeit und Himmelsstrich. In majestätischer
Stille geht am scharfbegrenzten Gesichtskreise die Sonne auf und nieder und rötet
das Gewölke, welches, oft die einzige Erscheinung zwischen Himmel und Wasser,
stundenlang das Auge beschäftigt und mit alpenartigen Gebilden die Einbildung täuscht.
[11. Juli.] Es herrscht Windstille, kein erfrischend Lüftchen weht. Die See er-
scheint spiegelglatt, und doch ist sie nicht ruhig; sie wogt nur langsamer, in gröfseren
Flächen, die, vom Bord aus betrachtet, zu einer Ebene zusammenfhefsen, während das
Schiff selbst in abgemessenen Zwischenräumen schwerfällig schwankt.
[12. Juli.] Anhaltende Windstille. Vortreffliche Witterung. Die Hitze lästiger;
das Thermometer zeigt im Schatten 84° — 86° Fahrh., das Barometer, seit der Fahrt
in der Strafse Banka ohne bemerkenswerte Veränderung, steht durchgehends auf
29" 9"'. — Die frischen, heiteren Morgen und die kühlen Abende entschädigen uns
für die schwülen Mittagsstunden, und nachts sich einstellende Brisen fördern etwas
den Lauf des Schiffes.
Während der Windstille hatte ich Gelegenheit, Seeschlangen, welche auf dieser
Höhe häufig Vorkommen, zu beobachten und einiger derselben habhaft zu werden.
Oft lagen sie unbeweglich auf dem Spiegel der See, streckten dann den Kopf empor,
bewegten den Schwanz, schwammen einige Sekunden in wellenförmiger Bewegung
auf der Oberfläche hin, verschwanden in die Liefe und kamen an einer andern Stelle
wieder zum Vorschein. Gewöhnlich schwimmen sie nicht schnell, Die hier unter
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823.
27
i° 29' n. B. und 1050 31' ö. L. sehr häufig vorkommende Seeschlange ist Hydro-
phis Pelamys, die eine Gröfse von i1/2 bis 2 Fufs erreicht. Vom Boote aus gelang
es mir, eine derselben mit einem Netze aus dem Wasser zu heben, und an Bord der
Onderneming wurde eine schöne, gelbgefleckte Varietät derselben mit einem Schöpf-
eimer gefangen. Diese Varietät ist hier äufserst selten. Unter den vielen Pelamys,
welche ich deutlich vom Schiffe aus unterscheiden konnte, bemerkte ich blofs eine
einzige derartige. An der Westküste von Borneo soll sie häufiger Vorkommen, und an Bord
unseres Schiffes war eine ganz ähnliche Art in Arak bewahrt, die man kurz vorher
auf der Rhede von Pontiana gefangen hatte. Die Pelamys gehört zu den Giftschlangen.
Ihrem Elemente entrissen, im Boote oder auf dem Decke, waren die Gefangenen un-
behülflich und liefsen sich von den Matrosen mit Händen greifen, ohne sie zu ver-
letzen. — Fischzüge (eine grofse Art Scomber), Seeschwalben und Doraden beschäf-
tigten unsere Aufmerksamkeit.
[13. Juli.] Mittags unter 2° 48' 11. B. und 1040 50' ö. L. Gegen Abend be-
kamen wir in NO. die südliche von den Anambasgruppen (South Anambas) und in
N. die Sattelinsel (Saddle island) zu Gesicht, am folgenden Morgen Pulo Domar,
die mittlere und die nördliche Anambasgruppe (Middle-, North-Anambas) und die
Inseln Pulo Aor, Pisang und Timoan. — Das hohe Land der drei letzteren ist auf
7 — 8 geogr. Meilen sichtbar. Aor und Pisang sind leicht zu erkennen, ersteres an
zwei spitzen, letzteres an zwei stumpfen Berggipfeln, und das ausgedehnte Gestade
des nordwestlich liegenden Timoan kennzeichnet sie noch deutlicher.
Flauer SW. -Wind wechselt mit leichten Brisen und Gewitterschauern. Der Wind
wird allmählich ständig und frischer. Wir steuern NNO. und NO., um Pulo Condore
zu Gesicht zu bekommen, und machen 6 Seemeilen die Stunde.
[17. Juli.] Unter 6° 46' n. B., 105° 23' ö. L. Es zeigt sich eine grofse
Schildkröte, Chelonia viridis. — Später beobachtete ich diese Chelonia unter 290
n. B., und von japanischen Fischern wird sie zuweilen an den Küsten von Kiushiu
bis zum 330 n. B. gefangen.
[18. Juli.] Am Morgen erblicken wir endlich Pulo Condore im nordwestlichen
Gesichtskreise, in einer Entfernung von 24 Seemeilen, und begegnen einem chinesischen
Fahrzeug. Diese Fahrzeuge, bekannt unter dem Namen Dschonken (eigentlich
heifsen sie yang-tschuan , was im südchinesischen Dialekt wie yong-schon, auch
shong-schon lautet und Seeschiff bedeutet), sind plump und roh gezimmert und
kommen an Gröfse unsern Kauffahrern von 250 — 300 Lasten nahe. Galerie und
Spiegel sind sehr hoch, und da sie, bei flachem Kiele, keinen bedeutenden Tief-
gang haben, scheinen sie selbst gröfser als unsere Kauffahrer, wiewohl sie kaum die
Hälfte der Ladung fiissen. Aufser dem geräumigen Verdecke, einer Art Galerie und
der Kajüte, welche zugleich als Tempel dient, bieten sie für Reisende wenig Gemäch-
lichkeit, zumal oft an drei- bis achthundert chinesische Glücksucher darauf von ihrem
Vaterlande nach Java hinübergebracht werden. Sie sind schlecht unterhalten, und es
herrscht grofse Unreinlichkeit auf ihnen. Sie führen zwei schwere, dicke Masten, die
aus mehreren Stücken mittelst eiserner Ringe zusammengesetzt sind. Eben so plump
sind die Segel von Bambusmatten. Die Kabeltaue sind von Rohtang, die dünneren
aus dem netzförmigen Gewebe der Blattstiele der Besenpalme (Chamaerops excelsa)
und die Anker von Holz. Diese chinesischen Handelsschiffe führen, gleich den unsern,
ihre eigenen Namen und sind mit einer Equipage von 90 — 100 Köpfen bemannt.
28
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Auf weiteren Reisen dienen ihnen Portugiesen von Macao als Steuerleute; sonst haben
sie ihre eigenen, die den Kurs des Schiffes blofs mit dem Kompas und nach den ihnen be-
kannten Küsten und Inseln bestimmen. Man hört häufig von Verunglückung der Dschonken
in den indischen Gewässern, und da sie das einmal beigesetzte grofse Segel nicht leicht ein-
nehmen und nur langsam vermindern können, schlagen sie bei Fallwinden leicht um.
Pulo Condore ist eigentlich eine Gruppe von kleinen Inseln, deren gröfste etwa
2 geogr. Meilen lang und H/2 breit ist. Ein 1800 Fufs hoher Pik macht sie leicht
kenntlich und läfst ihre geographische Lage mit keiner andern Insel verwechseln. Sie
liegt nach Horsbourgh unter 8° 40' n. B. und 1060 42' ö. L. — Wir steuern nun
westlich nach Pulo Sapatu, welches wir am
[19. Juli] mit Tagesanbruch entdeckten. Diesen malaischen Namen erhielt die
Insel von der Ähnlichkeit ihres von ferne gesehenen Landes mit einem chinesischen
Schuhe. Sie liegt nach Horsbourgh unter io° o' n. B. und 109° 2' 30" ö. L.
Wir trafen hier eine Menge Seevögel, worunter ein Albatros, und zwar von der
Art, welche als die chinesische beschrieben wird (Diomedea fuliginosa, Lath.). Er war
von der Gröfse einer Gans. — Über die Arten und Varietäten dieser Riesen unter
den Seevögeln, welche uns bereits die Seefahrer des sechzehnten Jahrhunderts unter
dem spanischen Namen Alcatraz beschrieben, ist man noch nicht einig. Auf
meinen Seereisen, wo ich diese merkwürdigen Seevögel unter verschiedenen Himmels-
strichen beobachtete und mehrere derselben schofs und untersuchte, wurden mir die
folgenden bekannt.
Die Diomedea chlororyncos, Lath., die gemeinste von allen. Ich traf sie in
Menge im Atlantischen Ozean unter 28° n. B. und io° w. L. von Greenw., und in
der Südsee unter 40° n. B. bis zu den Inseln St. Paul und Amsterdam, auf welcher
Höhe sie in Gesellschaft mit der Diomedea melanophrys, Temrn., vorkam. Letztere
steht der D. chlororyncos sehr nahe, unterscheidet sich übrigens von ihr durch einen
schwarzen Streifen über dem Auge. Auf der erwähnten Insel wurde sie von Boie
und Maklot erlegt.
Seltener scheint in neuerer Zeit die Diomedea exulans, Lath., zu werden. Dieser
Riesen- Alcatraz, den die Seeleute, seiner auffallenden Gröfse und seines Erscheinens
am Kap wegen, den kapischen Hammel (Mouton du Cap) nennen, erschien uns am
Kap und folgte uns bis auf einige Grade östlich von den Inseln St. Paul und Amster-
dam. Er unterscheidet sich schon im Fluge durch seine Gröfse, seinen weifsen
Schnabel und seine weifsen Füfse von den übrigen Arten. Seine Farbe wechselt und
scheint nach Geschlecht und Alter verschieden zu sein. Ich bemerkte zwei Varietäten.
Von der einen erlegte ich einen, der mit ausgebreiteten Flügeln 10 Pariser Fufs mafs.
Die erste Abart, die eigentliche D. exulans, zeichnet sich durch ihr weifses Gefieder
aus; nur die Weibchen sind auf dem Rücken graubraun. Die andere Abart, welche
allem Anscheine nach die Diomedea spadicea, Lath., ist, kommt an Gröfse der
D. exulans gleich. Ihr blendend weifser Kopf und weifser Schnabel bei schwärzlich
braunem Rücken, schmutzig grauem Bauche und aufsen schwärzlichen, innen weifs-
lichen Flügeln lassen sie nicht verkennen; möglich, dafs es eine eigene Art ist.
Die Diomodea fuliginosa, Lath., beobachtete ich einigemal in der chinesischen,
selten in der Südsee. In Japan erhielt ich ein auf der Küste von Satsuma geschossenes
Individuum dieser Art. Bei mäfsiger Gröfse ist sie durch den schwarzen Schnabel und
die schwarzen Füfse vom Schiff aus leicht kenntlich.
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823.
29
Als eine sehr merkwürdige Varietät der D. brachyura erkannte Temminck
einen Alcatraz, dessen ich im Jahre 1826, während meiner Reise nach Jedo, an der
Ostküste Nippons habhaft wurde. Temminck hält ihn für ein sehr altes Individuum
der D. brachyura.
Der Alcatraz folgt oft Wochen lang einem Schiffe , verläfst es auf einige Tage
und sucht es wieder auf. Einen weifsköpfigen Alcatraz, dem ich einmal eine Schwung-
feder durchschossen hatte, die dann herabhängend ihn von den übrigen unterschied,
sahen wir in der Südsee mehrere Wochen lang uns folgen. Der Hunger treibt diese
gefräfsigen Vögel dazu. Aufser einigen kleinen Sepien fand ich meistenteils Schiffs-
abfälle in ihrem Magen. Das Vorkommen von Weichtieren in demselben ist jedoch
kein Beweis, dafs sie keine Fische fressen; auf dem grofsen Ozean kommen sie eben
nicht oft dazu, diese zu erbeuten.
[20. Juli.] Mittags unter ii° 59' n. B. und 1120 ö. L. Der Wind bleibt
ständig — - wir haben den SW. -Passat. Ganz nahe bei unserem Schiffe ein grofses
Seetier; es folgt uns eine Zeit lang, ist an 20 Fuls lang, dunkelgrau und, der grofsen
Rückenfinne nach zu urteilen, ein Nordkaper. Man kann die Fuftlöcher — zwei
länglichrunde Öffnungen auf dem Kopfe — deutlich erkennen. Es schöpft in Zwischen-
räumen unter starkem Brausen Luft; die ausgespritzten Wasserstrahlen sind jedoch
unbedeutend.
[21. Juli.] Heute besucht uns eine Hausschwalbe, und auf dem grofsen Maste
wird eine Art Sula gefangen.
[22. Juli.] Es läuft eine sehr hohe See — ein Zeichen, dafs wir auf der Maccles-
field-Bank sind; unsere Mittagsbeobachtungen bestätigen es ( 1 6° 18' n. B., 1130
17' ö. L.). D ie Entdeckung dieser Bank schreibt sich das englische Schiff Macclesfield
im Jahre 1701 zu. Aber bereits früher war sie den Holländern unter dem Namen
de Rooyaart (rote Erde) bekannt, ein nicht unpassender Name, da der Korallenfels,
welcher sie bildet, von schöner, rosenroter Farbe ist. Nach Horsbourgh breitet sich
diese Bank von 150 17' bis 160 21' n. B. und etwa 70 Seemeilen von O. nach W.
aus. Gröfstenteils steht 25 — 50 — 80 Faden Wasser, und nur an einigen Stellen ist
sie, doch nicht unter 8 Faden, untief. Als Korallengrund wird sie mit der Zeit noch
gefährlich werden.
[24. Juli.] Aus Besorgnis, auf die Praters-Klippe zu laufen, hatte man bereits
gestern abend die Segel gemindert. Mit Tagesanbruch erschreckte uns nicht wenig
der Ruf: Brandung in NNW.! — wir waren kaum noch einige Seemeilen von dieser
gefährlichen Klippe entfernt. Ein Kanonenschufs warnte die Onderneming, welche
vorausgesegelt; wir hielten NO. an und kamen glücklich vorbei. Vom Decke aus
konnte man eine grofse Strecke dieses Korallenriffs übersehen. Kapt. Rofs, welcher
dasselbe besuchte, hat die NO. -Spitze auf 20° 47' n. B. und 1160 53' 45" ö. L. und
die NW. -Spitze auf 20° 45' n. B. und 1160 42' 15' ö. L. und seinen Ankerplatz
auf der W. -Seite auf 20° 43' n. B. und 1160 41' 45" ö. L. bestimmt.
[25. Juli.] Seit einigen Tagen ist der Gesichtskreis mit Nebel bedeckt, und es
erheben sich starke Stofswinde.
Von Juni bis August herrschen in der chinesischen See, in der Strafse von For-
mosa und im Japanischen Golf steife SW. -Winde und schwere, im W. und SW. auf-
kommende Gewitter mit Platzregen. Sie wachsen oft zu fürchterlichen Orkanen an,
welche uns unter dem Namen Typhon bekannt sind. Es sind die Täi füng, d. h.
3o
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
grofse Winde — Stürme, nach dem Ausdrucke der chinesischen Seeleute, wie bereits
Linschoten erwähnt.
Am Mittag unter 220 41' n. B. Wir halten auf die Küste von China an, um
Land zu entdecken und unsere Lage zu berichtigen. Gegen Abend sahen wir hohes
Land. Man befürchtete Sturm, und das Fallen des Barometers auf 29" 2'" bestärkte
unsere Mutmafsung. Es wurden die nötigen Vorkehrungen getroffen, und um der
Küste von China nicht zu nahe zu kommen, östlich gesteuert. Wir führen die Nacht
über kleine Segel; den Kurs N., NO., O. zu N.; loten 24 — 25 Faden und bekommen
um Mitternacht die Langgosa-Inseln in N. 1/ 2 W. zu Gesicht, in einer Entfernung von
13 Seemeilen. Das Inselpaar Langgosa erstreckt sich von SO. nach NW.; die süd-
östliche Insel ist die gröfsere, die nordwestliche ein kleiner, runder Hügel. Beide
liegen etwa 12 Seemeilen von der chinesischen Küste, die gröfsere unter 230 31' n. B.
und 1 1 70 44' ö. L. In einem Abstande von 10 Meilen findet man gewöhnlich auf
22 Faden groben, weifsen Sandgrund mit Bruchstückchen gelblicher und weifser Muscheln.
[26. Juli.] Gegen Morgen nehmen wir den Kurs NW., um Land zu entdecken,
sehen chinesische Fahrzeuge und gegen Abend Land — die Küste von China. Passieren
die Onosainseln — zwei niedrige Eilande.
[27. Juli.] Mit Tagesanbruch hohes Land in SO. zu O. in einer Entfernung
von 24 Seemeilen. Es ist die NW. -Spitze von Formosa. — Traurige Gefühle er-
griffen uns beim Anblicke der Gestade dieser Insel, deren Naturschönheit und angenehme
Lage den Namen Illia fermosa rechtfertigen, den sie von ihren Entdeckern erhielt.
Welche Fruchtbarkeit verrät die vulkanische Formation der mit üppigen Waldungen
bedeckten Hügel und Berge! Welch vorteilhafte Umrisse zeigt uns das Gemälde
ihrer Bewohner und Erzeugnisse aus dem ersten Jahrhundert der Entdeckung! Und
eine solche Besitzung, eben so schön als wichtig, ging für uns verloren, um einem
chinesischen Piraten zur letzten Freistatt zu dienen! Beklagenswert ist das damalige
o o
Zusammentreffen von Mifsgriffen, Arglist und Ränken, und unverantwortlich der Verlust.
Nicht unpassend hat unter dem Titel Verwaerloosde Formosa ein niederländischer
Schriftsteller die Geschichte davon überliefert.
Die Nachrichten ausgenommen, welche uns früher die Niederländer, sodann die
französischen Missionäre, welche 1714 diese Insel bereisten, Malte Brün nach nieder-
ländischen und J. Klaproth nach chinesischen Quellen mitgeteilt haben, wissen wir
wenig von dieser Insel. Unbesucht liegt ein Feld, das für Naturwissenschaften, für
Länder- und Völkerkunde nicht unwichtige Beiträge liefern könnte! — Einen kurzen,
geschichtlichen Blick auf diese Insel, insbesondere auf ihre Eroberung durch den
Chinesen Koksenjah, geben wir im Anhang.
[28. Juli.] Morgens bekamen wir die Nordspitze von Formosa zu Gesicht; doch
bei dem schnellen Laufe unseres Schiffes verschwanden die hohen Gestade dieser Insel
bald wieder hinter dem umwölkten Gesichtskreis. Fischzüge, Sturmvögel, Alcatraze
und Wasserschlangen beschäftigten den Tag über unsere Aufmerksamkeit; wir sahen
häufig Schmetterlinge vorbeifliegen, um so auffallender, da wir wenigstens zwölf
geographische Meilen vom Lande entfernt waren. — Weit zahlreicher, doch nicht so
unterhaltend war die Fauna, die wir selbst an Bord hatten. Unser Schiff, das sich
einige Jahre in Ostindien herumgetrieben, hatte sie, bei den vielfältigen Ladungen,
besonders mit dem Brennholze und Zucker, als unangenehme Zugabe mit aufgenommen.
Nicht selten besuchten Skorpione, Tausendfüfser und anderes dergleichen Ungeziefer
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823.
3 1
unsere Schlafstätten, und zu einer wahren Plage waren uns die Schaben (Blatta
orientalis), von denen das Schih' zu tausenden wimmelte. Ihr ekelhafter Geruch, der
sich allen von ihnen berührten Gegenständen mitteilt, macht diese Gäste ganz uner-
träglich. Durch nichts liefsen sie sich vertreiben, und selbst das stärkste Cajeputöl
blieb wirkungslos. Das einzige Mittel zu ihrer Verminderung fand man noch darin, sie
in Porzellangefäfsen zu fangen, die man zur Hälfte mit Wasser gefüllt und am Rande
mit in Rotwein aufgelöstem Zucker bestrichen hatte. Überall waren dergleichen
Fallen aufgestellt !
[29. Juli.] Es gelingt dem Steuermann mit einer Harpune eine über vier Fufs
lange Wasserschlange zu durchbohren — ein merkwürdiger Zufall. Bereits seit einigen
Tagen hatten wir diese grofse Art Wasserschlangen bemerkt. Die erlegte war eine
Hydrophis striata. Aufser dieser Art und der oben erwähnten Pelamys kommt in
der Chinesischen See noch die Hydrophis colubrina (Platurus fasciatus) vor, am
häufigsten an den Küsten der Liukiuinseln, wo man sie Fingt und getrocknet als
ein berühmtes Arzneimittel nach China und Japan versendet.
Mittags unter 28° 6‘ n. B. und 1240 5' ö. L. — Ein schwüler Abend. Die
Luft ist feucht bei heiterm Himmel, und über der See ein Geruch, wie er sich beim
Trocknen der Wäsche verbreitet. Das Thermometer auf 84° Fahrh.; das Barometer
ohne V eränderung.
[30. Juli.] Es geht ein starker Strom, der uns, wie aus den Mittagsbeobach-
tungen hervorging, in 24 Stunden um 34' nach Norden und i° 36' nach Osten vor-
ausgesetzt hatte. Wir befinden uns mittags unter 28° 30' n. B. und 1240 48' ö. L.
— - Das Barometer fällt auf 29" 2'"; der Wind weht frisch aus OSO. — Wir be-
fürchten Sturm.
[1. August.] Heftige Windstöfse aus OSO. Gegen Abend steife Kühle; es
läuft eine hohe See; die Wellen werden immer kürzer und bilden rund um das
Schiff gleichsam eine Brandung, die ein lästiges Stampfen verursacht. Wind und
Strom sind sich entgegen ; daher diese Erscheinung. — Diese gefährliche See bleibt
stehen bis zum
[4. August], wo wir am Abend in Nordost Land entdeckten, welches wir für
die sogenannten Meaximainseln hielten.
Bereits Jan Huygen van Linschoten, der verdienstvolle Seefahrer des 16. Jahr-
hunderts, beschrieb uns diese unter dem Namen Meaxuma und Puloma. Er bestimmte
die Lage auf ungefähr 10 — 12 Meilen SSW. von den Gotöinseln, auf 310 40' n. B.,
und giebt davon folgende Beschreibung:
«Een hoogh steyl afghebiekt land: maer niet te groot, hebbende opt opperste
van dien twee mammen, ende alsmen daer by ghenaeckt, soo salmen terstont een
ander lanckwerpender lant sien, wesende vlack ende effen boven op, hebbende van
tusschen beyde twee groote met veel cleyne clippen by een ligghen, in Fitsoen als
Orghelen».
Vergleicht man damit die Ansicht, welche ich selbst davon aufgenommen habe,
so lassen sich die bezeichneten Inseln nicht verkennen. Die beiden erwähnten orgel-
förmigen Felsen veranlafsten später englische Seefahrer, der Gruppe den Namen Asses
Ears (Eselsohren) beizulegen, unter welcher Benennung sie auch auf Arrowsmiths
Karte aufgenommen wuirde. Bei den Niederländern behielt sie den Namen Meaxuma,
häufiger Maxima, und wurde unter verschiedenen Breitenbestimmungen in den Karten
32
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
der alten V. N. O. Kompagnie aufgeführt, meistenteils zwischen 31° 48' bis 310 57'
n. B. — Kapitän G. Herklots, welcher im Jahre 1806 mit dem Schiffe Visurgus von
Batavia nach Japan segelte und Gelegenheit fand, diese Inseln genauer kennen zu
lernen, bestimmte die nördlichste und gröbste derselben auf 3 2° o' n. B. und 1 45 0
28' 24" Länge östlich vom Pik auf Teneriffa, oder 128° 44' 21" ö. L. von Green-
wich. Nach den englischen Karten liegen die Asses Ears unter 32° 2' 30" n. B. und
128° 36' 30'-' L. östl. v. Gr.; und nach den Beobachtungen an Bord der drie Ge-
zusters liegt die südlichste der Meaximainseln unter 310 58' n. B. und 128° 43' L.
östl. v. Gr. Die ganze Gruppe besteht aus vier Eilanden, wovon das gröbste und
nördlichste Taka, das südlichste Kusakaki und die beiden kleineren Osima und Mesima
heifsen. Vom letzteren mag sich wohl die Benennung Meaxima herleiten lassen; wir
wollen daher diese Inselgruppe fortan die Mesimagruppe nennen. Osima will sagen
Mannsinsel, Mesima Fraueninsel. Herklots und Broughton wollen fünf Inseln gesehen
haben. Admiral von Krusenstern hielt die Kosikigruppe für die Mesimainseln; eine
Verwechslung, die zu einigen Irrtümern Anlafs gab, welche nun durch die hier mit-
geteilte Erörterung gehoben werden.
In Hinsicht auf die in S., SW. und SO. von Japan liegenden Inseln herrscht
noch eine grenzenlose Verwirrung, die sich jedoch durch Vergleichung der japanischen
Karten mit den Reisehandbüchern früherer niederländischer Seefahrer gröfstenteils auf-
klären läfst. Bezüglich der an der S. und SW.-Küste von Japan im Fahrwasser liegenden
Inseln will ich vorläufig bemerken, dafs die sogenannten Pinaclesinseln und die später
von Broughton und Colnet gesehene Inselgruppe dieselbe ist, welche uns Linschoten
unter dem Namen As seze Yrmas, die sieben Geschwister, beschrieben hat, und welche
auf den neuen japanischen Karten als Nana sima, d. i. die sieben Inseln, bezeichnet
sind. Diese nebst einigen mehr südlich und westlich gelegenen Eilanden wwrden wir
unter der Benennung Linschoten-Archipel näher kennen lernen.
[5. August.] Mit Tagesanbruch wird in SO. von uns ein Wrack entdeckt; wir
halten darauf an und erkennen ein Fahrzeug ohne Mast und Segel, vor zwei Ankern
treibend. Anfangs hielten wir es für eine chinesische Dschonke, entdeckten jedoch
bald aus einer Notflagge, die es führte, dafs es ein japanisches Fahrzeug sei. Aufser
Stand, auch nur das kleinste Segel zu führen, wurde es bei dem anhaltend wehenden
ONO. -Winde immer weiter vom Lande weggetrieben. Wir drehten bei und setzten,
ungeachtet des steifen Windes und der hohen See, eine Schaluppe aus, um den Un-
glücklichen in ihrer verzweiflungsvollen Lage unsere Hülfe anzubieten. Kapitän Jaco-
metti führte selbst das Boot, und es gelang ihm unter grofser Anstrengung das Wrack
zu erreichen. Die Japaner empfingen die ihnen bekannten Holländer als ihre Retter,
und die Unmöglichkeit einsehend, mit ihrem mastlosen, lecken Fahrzeuge noch Land
zu erreichen, entschlossen sie sich, auf unser Schiff überzugehen.
Es könnte auffallend erscheinen, wie die Japaner unter solchen Umständen sich
noch besinnen konnten, die angebotene Rettung anzunehmen. Wenn wir jedoch den
Charakter der Japaner, ihre Gesetze und die Verantwortlichkeit, welche Beamte und
Offiziere tragen, näher kennen gelernt haben werden, so wird es uns sogar wundern,
dafs ein japanischer Schiffer, sein Fahrzeug verlassend, bei Fremdlingen Aufnahme suchte.
Die Onderneming war indessen näher gekommen, und der wackere Kapitän
Lells eilte gleichfalls mit einem Boote zu Hülfe. Man verteilte das japanische Schiffs-
volk, welches sich auf 24 Köpfe belief, in die beiden Boote, nahm einige Lebens-
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1825.
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mittel, als Reis, eingesalzenes Schweinefleisch, Sake, Tabak nebst Waffen und Gepäck
an Bord und verliefs das Wrack, nachdem man auf dringendes Bitten des japanischen
Schiffers ein Loch in dessen Boden gehauen hatte; denn für die Japaner hätte es
keine Entschuldigung gegeben, wenn je ihr verlassenes Schiff an den Küsten ihres
Landes gestrandet wäre. — Es mufste sinken, um den Schritt, den die Unglücklichen
zu ihrer Rettung wagten, nur einigermafsen zu entschuldigen. —
In gespannter Erwartung standen wir auf dem Verdecke, die Blicke auf unsere
braven Seeleute gerichtet, die mit der hochlaufenden See zu kämpfen hatten. Bald
schwankte die Schaluppe an unserer Seite. Neugierig sahen wir auf die fremden Gäste,
die nun der Reihe nach auf dem Verdeck erschienen. Sie grüfsten sehr höflich,
standen erstaunt und bewunderten als Seeleute zuerst das Fahrzeug, welches dem
Sturme, dem sie erlagen, getrotzt. Es waren die ersten Japaner, die wir sahen, und
ihr gewandtes Auftreten und gebildetes Benehmen erregte unser Erstaunen. Ihr Anzug,
ihre Waflen und anderen Geräte, kurz alles, was von ihnen an Bord kam, beschäftigte
unsere Aufmerksamkeit, und bald waren wir mit ihnen in Gebärdesprache verwickelt.
Sie waren zwar beruhigt, und der unerwartete Wechsel ihres Zustandes schien ihnen
zu behagen; doch die Schreckbilder überstandener Gefahr und die Spuren tagelanger
Anstrengung sprachen noch deutlich aus ihren Gesichtszügen. Ihre ganze Haltung, der
vernachlässigte Anzug, alles trug das Gepräge der verzweiflungsvollen Lage, wTorin diese
Seeleute gewesen. Sie wufsten sich jedoch bald in ihr Los zu finden, liefsen sich ihren
Saketrank und Tabak vortrefflich schmecken und plauderten mit lebhafter Bewegung.
Nun breiteten sie ihre mitgebrachten Matten auf das Verdeck, jeder holte seinen Reise-
koffer hervor, und es begann eine für uns merkwürdige Scene, eine japanische Toilette.
Vor allem mufsten wir ihre Geschicklichkeit im Selbstrasieren der Haupthaare bewundern.
— Der Japaner schert Bart und Scheitel, und unterläfst dies nur im Unglücke, wie bei
Sterbefällen, Krankheiten, in Gefangenschaft u. s. w. Bei dem eigentümlichen Kopf-
putze geben ihm die frischgewachsenen, struppigen Scheitelhaare ein wildes Aussehen,
was bei einigen Individuen hier jedoch mehr ins Drollige ging, da sie sich das Zöpf-
chen abgeschnitten hatten, um es nach glücklich bestandener Gefahr dem Schutzgotte
der Seefahrer zu opfern — ein japanisches Seemannsgelübde. Reinlich gekleidet spa-
zierten sie nun auf dem Verdecke umher und schienen in eine neue Welt versetzt.
Die Gegenstände, die sie umgaben, weckten ihre Neugier und boten ihnen Stoff zur
Unterhaltung.
Die vorläufige Bekanntschaft mit Japanern mufste uns recht angenehm sein, und
die zufällige Rettung einer so zahlreichen Schiffsequipage wTar für uns ein nicht un-
wichtiges Ereignis, da es uns bei der japanischen Regierung zur Empfehlung dienen
konnte.
Wir suchten uns nun über das Schicksal unserer Gäste näher zu erkundigen und er-
fuhren, dafs sie aus Satsuma, der südlichsten Landschaft der Insel Kiusiu, waren, und
im Dienste ihres Fürsten mit einer Ladung Reis, Zucker und andern Kaufmannsgütern
von den Liukiuinseln zurückkehren wollten, durch Gegenwind aber zu weit westlich
von den Küsten von Satsuma getrieben, im Sturm, der sie vor einigen Tagen über-
fallen, Mast, Segel und Anker verloren, und so in die gefährliche Lage geraten waren,
in der wir sie trafen. Es war der Sturm, von dem wdr vom 1. bis 4. August deut-
liche Spuren gefühlt hatten.
Wir befanden uns mittags unter 310 20 ' n. B. und 128° 24' ö. L.
v. Sieb old, Nippon I. 2. Anfl.
3
34
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Einem plötzlichen Fallen des Barometers folgte bald eine grofse Veränderung in der
Atmosphäre, indem sich der Gesichtskreis mit dichtem Gewölke überzog, und ein
frischer NO. -Wind immer steifer wurde. Unsere Seeleute machten sich auf den Sturm
gefafst. Man legte SO. bei und barg schleunig die Segel, was die heftigen Windstöfse,
welche Segel und Tauwerk zerrissen, kaum mehr zuliefsen. Der Wind wurde immer
heftiger; - — es wehte ein fliegender Sturm. Die Nähe des Landes und starke Strömung
machten unsere Lage in einer wenig bekannten See bedenklich. Wir waren genötigt,
das Vormars- und das Focksegel fest zu machen und das Schiff vor dem Sturmbesan-
segel treiben zu lassen.
Der Sturm hatte übrigens seine Höhe noch nicht erreicht; das Barometer hei
von 29" 5"' bis auf 28" 2'". Jetzt heulte der Wind fürchterlich, die See lief hoch,
und da die Wellen kurz waren, verursachten sie ein gefährliches Stampfen und Schlagen
mit gewaltigem Anprall gegen die Seiten des Schiffes. Die Nacht brach ein, und
mit ihr wurde der Sturm noch heftiger. Es war nicht mehr möglich, freien Fufses
auf dem Verdecke zu stehen; die Stimmen verloren sich auf einige Schritte, und das
Sprachrohr gab nur unverständliche Laute. Nur die weifsen Gipfel liefsen noch die
Wogen vom Gewölke unterscheiden. Die Schiffsjungen und jüngeren Matrosen mufsten
vom Verdecke abtreten, die stärksten und herzhaftesten bleiben. Gegen 11 Uhr wütete
ein Orkan, ein oben erwähnter Taifun, von Platzregen begleitet, der wie Hagel auf
die Mannschaft herabfiel und unerträglich wurde. Unaufhörlich schlug die See über
das Verdeck hin; die Boote, Wasserfässer und was auch noch so gut darauf befestigt
war, rissen los, und die Verschanzung am Steuerbord wurde zertrümmert. Das Schiff
blieb oft minutenlang bis an die grofse Lucke unter Wasser. Es waren Augenblicke,
wo man zweifelte, ob es, mit seinem Vorsteven in die See gesunken, sich wdeder er-
heben werde. Die Masten krächzten fürchterlich, und der ganze Rumpf erbebte mit
ihnen. Nun wurden die Beile herbeigeholt, und man hielt sich jeden Augenblick
bereit, die Masten zu kappen, fest überzeugt, dafs mit stehenden Masten das Schiff
nicht lange mehr einem solchen Orkan widerstehen werde. Zu unserer gröbsten Ver-
wunderung stand in den Pumpen nicht mehr als 16 Zoll Wasser.
Im Innern des Schiffes hatten wTir mit dem Orkan nicht weniger zu kämpfen
als unsere braven Steuerleute und Matrosen auf dem Verdecke, wto sie mit bewun-
derungswürdiger Ausdauer der Wut zweier Elemente trotzten. Die Lage war, wto
man sich auch befand, verzweifelt. In der Kajüte und in den Kabinen wrar zwar alle
Vorsorge für Befestigung der Geräte u. dgl. getroffen, doch vergebens. Bei dem
schrecklichen Schwanken, Steigen und Fallen des Schiffes rifs alles los; Stühle, Bänke,
Tische, Kisten und Koffer rollten durcheinander, und nichts gewährte mehr einen festen
Haltpunkt. Abgemattet durch das beständige Herumwerfen, der frischen Luft beraubt,
ohne Licht, waren wir in der Kajüte gelagert. Jeder suchte bald hier bald dort einen
festen Haltpunkt zum Ruhplatz, von dem er wieder unversehens mit einem losgerissenen
Geräte, aus einem Eck ins andere, seinen Reisegefährten auf den Leib rollte.
Taumelig vom Schwanken schlummerte man unwillkürlich minutenlang, träumte von
Verunglückung und Rettung, bis man wieder durch den Anschlag der Wellen, durch
das Ächzen und Knarren des Rumpfes aufgeschreckt, nur im Gedanken an den bald
erscheinenden Tag Hoffnung und Trost suchte. In solcher Lage befanden wir uns,
als der Kapitän verstört in die Kajüte trat und stumm gegen unsere Fragen mit
augenscheinlicher Resignation sich auf die gemeinschaftliche Ruhestätte niederwarf.
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823.
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Dies Benehmen eines Mannes, den wir als einen wackeren Seemann kannten, mufste
uns peinlich berühren. Wir ahnten von nun an das Schlimmste, und es verschwand
die geringe Hoffnung, die wir noch hatten. In dergleichen Fällen ist Ungewifsheit
eine wahre Marter: ich raffte mich auf und wand mich die Treppe empor, wo
mir beim Öffnen der Thüre der Orkan entgegenwütete. — Alles brauste. Man
ward augenblicklich betäubt, und es verging einem, in Wahrheit gesagt, Hören und
Sehen. Man mufste alle Kraft zusammennehmen, um sich nur aufrecht und fest zu
halten. — Es war eine schwarze Nacht, der Gesichtskreis enge, und fürchterlich leuch-
teten Feuerstreifen und die weifsen Gipfel der Wogen, die mit gewaltigem Anschlag
sich brechend über das kahle Verdeck hinzischten. Das Steuerruder hatte man längst
festgebunden. Alles war verwüstet und öde, und diese Leere auf dem Verdecke und
in den Masten, die blofs noch das stehende Tauwerk und ein kleines Sturmsegel
führten, machten den denkbar traurigsten Eindruck. Ein Drittel des Verdecks war
beständig unter Wasser. Grofse Sturzseen schlugen darüber weg, und das Schiff schien
zeitweise unter den Wellen begraben. Auf Augenblicke traten Windstillen ein,
um so fürchterlicher, da der Orkan dann noch wütender mit plötzlichen Windstöfsen
in sie hereinstürzte. Dies machte den Aufenthalt auf dem Decke gefährlich, und ich
verliefs es auf wiederholtes Anraten der Steuerleute. Der Gedanke, bei Verunglückung
des Schiffes mit den vielen Menschen, die sich in der Kajüte befanden, einen gemein-
samen Todeskampf kämpfen zu müssen, war mir unerträglich. Ich suchte in meine
Schlafstätte zu kommen, befestigte mich, so gut ich konnte, auf dem Ruhebette und
ergab mich unter lebhaften Erinnerungen an alles, was mir Liebes und Wertes im
Vaterlande zurückgeblieben, dem Schicksale. Erschöpft fiel ich alsbald in Schlaf, aus
dem mich der Ruf vom anbrechenden Tag erweckte.
[6. August.] Es brauste noch immer der Sturm; doch waren die Stofswinde
seltener und minder heftig geworden. Das Barometer war auf 29" T" gestiegen.
Einen schauerlich schönen Anblick gewährte die himmelhohe See bei der Morgen-
dämmerung. Aller Aufmerksamkeit war nun auf das Sichtbarwerden der Onderneming
gespannt, und wir erblickten sie auf einmal ganz nahe vor uns, kaum eine Seemeile
entfernt. Sie erschien wie auf dem Gipfel eines schäumenden Berges schwebend,
und ich sage nicht zuviel, wenn ich versichere, in dieser Stellung augenblicklich den
Kiel des Schiffes und gleich darauf kaum mehr die Spitze der Masten gesehen zu
haben. Wir waren über das Schicksal der Onderneming beruhigt. Der Wind be-
gann sich zu mindern, während das Barometer auf 29" 3"' stieg. Die See lief aufser-
ordentlich hohl, wir liefsen daher das Schiff noch vor dem SSO. -Wind, welcher
stehender wurde, treiben, drehten gegen Mittag bei und suchten die Mesimagruppe
wieder auf.
Unterdessen kommen unsere Reisegenossen auf dem Verdecke zusammen, auch
unsere Japaner finden sich ein. Bald ist die Neugier befriedigt, und jeder sucht sich
ein Plätzchen, um in Ruhe die frische Luft zu geniefsen, während das rastlos thätige
Schiffsvolk sich mit den dringendsten Ausbesserungen beschäftigt.
Die Strapazen des Schiffsvolkes bei dergleichen Unfällen auf See sind nicht zu
beschreiben, und oft ist es unbegreiflich, wie Menschen sie aushalten können. Auf
einigen mir wohlbekannten Gesichtern hatte die anhaltende Anstrengung eine solche
Veränderung hervorgebracht — so verzerrte Züge von Verzweiflung und Erschöpfung
zurückgelassen, dafs ich sie auf den ersten Anblick kaum wieder erkannte.
3^
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Das Wetter heiterte sich auf; das Barometer zeigte 29" 5'". Des Nachts Ge-
witterschauer und häufiges Wetterleuchten.
[7. August.] Mit Tagesanbruch Land in Sicht — die Mesimagruppe, deren
gröbste Insel wir auf einem Abstande von 16 Seemeilen SW. zu W. x/2 W. peilten.
Der Wind wehte frisch aus SSO., und wir entdeckten abends schon hohes Land von
Japan und erkannten bald Kap Nomo ONO. in einer Entfernung von 24 Seemeilen.
Schwere Gewitterschauer, welche die Nacht über sich einstellten, machten uns
wegen der Nähe des Landes besorgt; wir hielten davon ab und lavierten mit
kleinen Segeln.
[8. August.] Wir peilten Kap Nomo SO. zu O. und bemerkten, dafs uns die
Strömung während der Nacht zu weit nördlich gebracht hatte, um bei flauem SW.-
Winde die Bai von Nagasaki einlaufen zu können. Wie die Mesimagruppe zum
Aufsuchen der SW. -Küste von Japan, so ist Kap Nomo zum Einlaufen in die Bai
von Nagasaki der wichtigste Orientierungspunkt. Dieses Kap (Nomosaki) bildet mit
einer gerade im Norden gegenüberliegenden Spitze, dem Osaki, die Bai, worin
mehrere Klippen, Felsen und Eilande und am östlichen Ende der Hafen und die Stadt
Nagasaki liegen. Nomosaki, unter 320 35' n. B. und 1290 43' ö. L. von Greenw.,
ist ein etwa 487 Meter hohes Vorgebirge auf einer südwestlich sich erstreckenden,
schmalen, bergigen Landzunge und kenntlich durch seine schroffen Felsenwände,
seine abgerundete Krone und einen tiefen Sattel, womit es in die Anhöhen der Land-
zunge übergeht. Das dicht daran liegende Inselchen Kawasima und die nordwestlich
hervorragenden Felsen — die Japaner nennen sie Mitsu-se, die Niederländer «de hen
met de kuikens» — kennzeichnen es noch mehr. Der höchste Gipfel der vielen Hügel
und Berge dieser Landzunge ist der Ivawara jama (Ziegelberg), welcher sich 632
Meter über die Meeresfläche erhebt. Das Gestade des westlichen Teiles der Insel
Kiusiu bildet mit dem Hochlande der Gotögruppe einen Halbkreis, der den ganzen
westlichen, nördlichen und östlichen Horizont einnimmt.
Wir genossen vom Schiffe aus eine köstliche Aussicht. Lebhaft grüne Hügel
und bebaute Bergrücken schmücken den Vordergrund, hinter dem sich in scharfen
Umrissen bläuliche Gebirgsgipfel erheben. Dunkle Felsen unterbrechen hin und wieder
den Spiegel der See, und von der Morgensonne beleuchtet, schimmern die schroffen
Felsenwände der nahen Küste in vielfachem Farbenwechsel. Die stufenweis bebauten
Vorberge der nächsten Inseln, blinkend weifse Häuser und einzelne Tempeldächer,
die grofsartig zwischen Cedern hervorragen, und zahlreiche Wohnungen und Hütten
längs dem Strande und in den Buchten gewähren einen wahrhaft entzückenden Anblick.
Wir liefsen dabei die Gelegenheit nicht unbenutzt, von unsern Japanern einige Er-
klärungen zu erhalten, die uns denn auch, so gut als möglich, das Merkwürdigste
zeigten. Auffallend war es uns, dafs die schönen, weifsen Häuser, welche wir für
Wohnungen der Vornehmen hielten, Magazine sind, deren Mauern man zur Ver-
wahrung gegen Brand mit einem aus Muschelkalk bereiteten Mörtel bekleidet. Segel-
fahrzeuge und Fischerkähne belebten den Eingang in die Bai. Auf den Zuruf unserer
japanischen Gäste kamen mehrere Fischer heran und boten uns ihre Beute mit einer
Leutseligkeit und Freigebigkeit an, die uns von seiten dieser gewöhnlichen Leute
überraschte. Sie waren äufserst freundlich, und man konnte es ihnen ansehen, dafs
es ihnen Freude machte, ihre geretteten Landsleute und uns mit Fischen zu beschenken.
Sie weigerten sich, Geld und andere Geschenke von Wert anzunehmen, und baten
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823.
37
sich nur einige leere Weinflaschen aus. Die gemeinen grünen Weinflaschen sind in
Japan sehr gesucht. Ich will Seefahrer darauf aufmerksam machen, da sie noch das
zweckmäfsigste Tauschmittel mit japanischen Fischern, die man auf See trifft, abgeben.
Geld und andere europäische Waren würden solchen Leuten als Schleichgüter Vor-
kommen und sie eher abschrecken als anlocken.
Die Fischerfahrzeuge gefielen uns. Sie kamen uns einfach und zweckmäfsig vor
und zeichneten sich besonders durch ihre Reinlichkeit aus. Sie sind, wie die japa-
nischen Fahrzeuge überhaupt, von Cedern- und Kampherholz, selten von Tannen- oder
Fichtenholz gebaut, die Bretter und Balken mit hölzernen und kupfernen Nägeln und
Klammern zusammengefügt und die Seiten und der Schnabel mit kupfernen Beschlägen
verziert, die, durch das Seewasser grün angelaufen, von dem geschabten, weifsen
Flolze gut abstechen. Man teert in Japan die Schiffe nicht. Das Hinterteil ist ab-
gestumpft, und die Seitenwände laufen nach vorn in einen sehr spitzen Schnabel aus,
welcher die Wellen durchschneidet und den Kahn im Gleichgewichte haltend, den
mangelnden Kiel ersetzt. Am Hinterteile ist, wie gewöhnlich, das Ruder angebracht
und dreht sich in einem starken Querbalken von Kampherholz. Etwa einen Fufs über
dem Boden befindet sich ein zweiter Boden, der mit Matten belegt und sehr reinlich
gehalten wird. Die Fischer bedienen sich nach Umständen der Riemen oder der
Segel. Erstere sind von Eichenholz, lang und schmal und aus zwei Stücken zusammen-
gesetzt, und man rudert, indem man sie fortwährend unter Wasser hält, auf eine
Weise, die das Fahrzeug ungemein schnell vorwärts bringt. Auf gröfseren Fahrzeugen
braucht man mehrere Riemen zu beiden Seiten, bei kleineren blofs einen am Hinter-
teile, welcher zugleich die Stelle des Steuerruders vertritt. Der Mast, der nach Belieben
weggenommen werden kann, steht in der Mitte und führt ein Segel von Baumwollen-
stoff, am häufigsten von Strohmatten. Der Anker ist einfach von Holz und wird mit
einem Steine beschwert. Bezüglich der Art und Weise des Fischfangs und der dabei
benützten Geräte will ich hier vorläufig bemerken, dafs man sich bei einem Volke,
welches sein vorzüglichstes Nahrungsmittel seit Jahrhunderten aus dem Meere schöpft,
den Fischfang als einen zu hoher Vollkommenheit gebrachten Gewerbszweig denken darf.
Die Fischer selbst gingen, mit Ausnahme einer Schambinde, gröfstenteils nackt,
den Kopf mit einem Tuch umwunden oder mit einem Strohhut bedeckt. Einige trugen
kurze Kittel von farbigem Kattun. Eine eigene Art Mäntel vom Gewebe der Besen-
palme hielten sie bereit, um sich bei Regen und Sturm damit zu schützen. Es waren
meistenteils starke und untersetzte Leute von weizengelber Farbe, die an den der
Sonne am meisten ausgesetzten Stellen ins Kupferrote überging. Nicht alle hatten
dieselbe Hautfarbe, und die weifseren, die sonst wohl mehr bekleidet gehen, liefsen
sich als Leute besseren Standes erkennen.
Zu unserem Vergnügen und zum Verdrusse der Seeleute hielt die Windstille an.
Mit dem Abende kamen immer mehr Fischer an die Seite unseres Schiffes, und wir
unterhielten uns mit ihnen bis in die Nacht, sahen sie mit Netzen, Angeln und Stech-
gabeln fischen, und da sie während der Nacht bei hellem Feuer, welches auf eigenen
Rösten an den Seiten der Boote angesteckt wird, den Fischfang trieben, so gewährten uns
die vielen Feuerflammen über und in dem Spiegel der See ein herrliches Schauspiel.
Auf einigen hohen Bergen der Küste wurden Wachfeuer unterhalten und kamen uns bei
der Strömung der See als Feuerwarten zu statten. Wir wollten vor Anker gehen, mufsten
jedoch, da wir nicht weniger als 80 bis 90 Faden loteten, lavierend unter Segel bleiben.
f
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
38
[9. August.] Bereits am frühen Morgen kamen einige Fahrzeuge mit japanischen
Offizieren an unser Schiff und brachten Papiere vom Oberhaupte des niederländischen
Handels auf Dezima. Sie enhielten einige allgemeine Fragen über den Namen des
Schiffes und des Kapitäns, über Anzahl und Verhältnisse des Personals an Bord u. dgl.
Wir liefsen alsbald unsere Geheimflagge, welche wir, nebst besonderen Verhaltungs-
befehlen beim Anlaufen der japanischen Küste, zu Batavia erhalten hatten, wehen und
salutierten die niederländische Flagge auf der Insel Iwö sima (ilha dos cavallos). Die
Flagge wird auf der Anhöhe dieser Insel in der Absicht aufgesteckt, um uns dieses
Eiland und somit den Eingang in die Bai anzuzeigen.
Endlich gelang es uns, die Nordspitze dieses Eilandes zu umsegeln, worauf
mehrere japanische Offiziere und Dolmetscher an Bord kamen, um die offiziellen
Papiere und einige von der Equipage als Geiseln in Empfang zu nehmen. Sie mel-
deten uns, dafs bald ein vornehmer japanischer Offizier, ein sogenannter «Opperban-
jost», und einige niederländische Abgeordnete der Faktorei an Bord kommen würden.
Seit dem Vorfälle mit dem englischen Kriegsschiffe Phaedon unter Kapitän Pellew
im Jahre 1808, welcher unter holländischer Flagge einsegelte und die an Bord ge-
kommenen Holländer gefangen genommen hatte, braucht die japanische Regierung die
Vorsicht, ehe der erwähnte Offizier und die niederländischen Abgeordneten sich auf
das Schiff begeben, einige Personen der Equipage als Geiseln abzufordern und nach
Dezima bringen zu lassen. Auch müssen seit der Zeit die holländischen Schiffe erst
eine Weile auf der Rhede bei der Insel Takaboko (Papenberg) angesichts der
fürstlichen Wachen vor Anker gehen.
Bei dem SO. -Winde konnten wir unmöglich weiter in die Bai einsegeln. Wir
erhielten daher Bugsierfahrzeuge, wohl mehr als sechzig der eben beschriebenen
Fischerboote. Doch schwere Ruckwinde nötigten uns wieder vor Anker zu gehen.
Es kamen nun mehrere bedeckte Fahrzeuge zum Vorschein und legten sich um uns
vor Anker; es waren sogenannte Wachtschiffe. Es sind kleine, unbedeutende Fahr-
zeuge, welche wohl zur Beobachtung, aber nicht zu Schutz und Wehr dienen können.
Sie führten eigentümliche Flaggen — länglich viereckige Standarten an Bambusstangen,
mit Wappen und Aufschriften in chinesischer Schrift. Am Abende wurden sie mit
vielfarbigen Laternen beleuchtet, und eine ähnliche Beleuchtung sahen wir auch an
mehreren Stellen der Bai, da nämlich, wo sich Wachen und Batterien befanden.
Leider machten heftige Windstöfse und Regengüsse diesem schönen Schauspiele bald
ein Ende.
[10. August.] Gegen Mittag kam der erwartete «Gobanjosi», d. h. Kommissär
der Hafenwache, den wir mit vieler Höflichkeit empfingen und in der Kajüte
bewirteten. Ihn begleiteten einige Dolmetscher, die mich nicht wenig in Verlegenheit
setzten, da sie die holländische Sprache geläufiger als ich sprachen und einige bedenk-
liche Fragen mein Vaterland betreffend an mich richteten. Unglücklicherweise war
einige Jahre zuvor ein belgifcher Arzt, weil man ihn in Japan nicht verstehen konnte,
auf Befehl der japanischen Regierung von der niederländischen Faktorei abgewiesen
worden. Auch dem schwedischen Naturforscher Thunberg hatte man, wie bekannt,
anfänglich grofse Schwierigkeiten gemacht. Indes eine glückliche Übersetzung des
Wortes Hochdeutfcher mit Jamahollanda, i. e. Bergholländer, hatte mich für die Japaner
bald nationalisiert.
Nach kurzer Unterredung mit Colonel de Sturler und dem Schiffskapitän liefs
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823.
39
der Gobanjosi die schiffbrüchigen Japaner vor sich kommen und leitete eine Unter-
suchung mit einem förmlichen, schriftlichen Verhör ein.
Man verbuchte darauf aufs neue mit einigen Hundert Bugsierfahrzeugen uns
weiter zu bringen, doch des heftigen Gegenwindes wegen vergebens; wir gingen auf
29 Faden wieder vor Anker. Wir peilten Takaboko O. z. S. in einem Abffande von
zwei Seemeilen. Es versammelten {ich nun immer mehr Fahrzeuge um uns, und bald
kamen auch die niederländischen Abgeordneten mit einer Empfehlung vom Oberhaupte
und die Lieferanten, die sogenannten Comparadores, mit köstlichen Früchten und Ge-
müsen an Bord. Wir brachten den Nachmittag recht angenehm zu, und alles umher,
neu und fremd, gab uns reichlichen Stoff zur Unterhaltung. Am Abend genossen wir
ein herrliches Schaufpiel, wovon wir tags zuvor nur das Vorspiel gehabt hatten. Ein
stiller Sommerabend begünstigte die Beleuchtung, von welcher ringsum die Landschaft
und die von Lahrzeugen wimmelnde Bai erglänzten.
Die niederländifchen Schiffe werden, bis sie im Hafen vor Nagasaki vor
Anker liegen, als Schiffe fremder Nationen, auf Kriegsfufs behandelt. Die ganze
Besatzung der Bai ist unter den Waffen, und die Wachen, Batterien und eine Menge
kleiner Kriegsschiffe sind mit Flaggen, Waffen und Kriegszeichen geschmückt und
werden die Nacht über beleuchtet. Diese Mafsregeln dauern bei ungünstigem Winde
oft mehrere Tage und verursachen der japanischen Regierung ansehnliche Kosten.
Es ist daher ganz unnötig, wenn unsere Schiffskapitäne beim Einbugsieren in den
Hafen die Japaner zur Eile auffordern; es liegt von selbst im Interesse diefer, die
holländischen Schiffe so schleunig als möglich an den Ort ihrer Bestimmung zu
bringen.
Bereits einige Monate vor der Ankunft der niederländischen Schiffe werden auf
Kap Nomo, auf dem Berge bei dem Fischerdorfe Kosedo und auf einer Anhöhe nahe
bei Nagasaki Wachen aufgestellt, die mit Fernrohren nach fremden Segeln ausspähen.
Schon ihr Name Tömibansjo (fernhin sehende Wache) bezeichnet ihren Zweck. Sie
stehen untereinander in Verbindung und geben sich mit Flaggen und Kanonenschüssen
Signale. Kaum zeigt sich ein fremdes Fahrzeug auf der Höhe von Kap Nomo, so trifft
schon auf Dezima die Nachricht davon ein. Auch auf hohen Berggipfeln hat man
Vorkehrungen getroffen, um bei aufserordentlichen Ereignissen durch Feuer Zeichen
zu geben. Eine zu solchem Zwecke gebaute Feuerstätte sah ich auf dem Berge Hok-
wa-san in der Umgebung von Nagasaki.
Die zahlreichen Batterien auf den Inseln und längs den Küsten der Bai be-
streichen meistens den Eingang in die innere Bai, der selbst noch auf beiden Seiten
durch starke Batterien und eine ansehnliche Besatzung, die sogenannten kaiserlichen
Wachen verteidigt wird. Die Einfahrt ist sehr eng, und man hält seit 1808 eine
Kette bereit, um sie im Notfall zu sperren. Diese Vorkehrung ist wenig bekannt und
wird geheim gehalten, doch hörte ich, dafs die Kette im Schiffsmagazin Ofunakura
bei Nagasaki auf bewahrt würde.
Nagasaki ist eine der fünf Städte, welche unmittelbar unter der Regierung des
Sjögun stehen — die übrigen sind Jedo, Miako, Osaka und Sakai; gleichwohl wird
die Bewachung der Bai und des Hafens den Fürsten von Hizen und Tsikuzen an-
vertraut, welche, im Oberbefehle jährlich abwechselnd, eine Anzahl kleiner Kriegs-
fahrzeuge und etwa tausend Mann Besatzung an Ort und Stelle unterhalten. Die
Stadt Nagasaki steht mit ihrem Gebiete unter einem Rentmeister und einem Bürger-
Ansicht des Hafens von Nagasaki
40
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823.
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meister, welche dem Statthalter des Sjögun untergeben sind. Die in Fig. 1 gegebene
Ansicht, des Hafens und der Bai von Nagasaki und der in Fig. 2 vorliegende Plan
von Dezima werden den Lefer vorläufig mit der Topographie diefer Gegenden näher
bekannt machen.
Den ersten Plan der Stadt und Bai Nagasaki hat uns E. Kaempfer, und zwar
nach einer japanifchen Karte mitgeteilt, von der in neuerer Zeit (1802, 1821), unter
dem Titel Hizen Nagasaki su bessere Auflagen zu Nagasaki erschienen sind. Auch
die französischen Missionäre in China haben nach den Mitteilungen chinesischer See-
leute die Skizze eines Planes von diesem Hafen und der Stadt geliefert — ober-
flächliche Umrisse ohne hydrographischen Wert. Eine sehr brauchbare Karte des
Eingangs in die Bai wurde nach einem Manuskript der N. V. O. -Kompagnie im Jahre
Fig. 2. Plan von der niederländischen Faktorei Dezima im Jahre 1828.
1794 zu London herausgegeben. Schade, dafs Admiral von Krusenstern während
seines Aufenthaltes in Japan mit dieser und der erwähnten japanischen Karte nicht
bekannt war, sonst würde der Plan, den uns dieser grofse Seefahrer mitgeteilt, bei
weitem richtiger und vollkommener geworden sein. Nichts ist für Ausländer in Japan
mit mehr Schwierigkeiten verbunden als Arbeiten dieser Art. Das Schicksal, welches
mich ihretwegen traf, mag dies bewähren, und zugleich die Spärlichkeit geographi-
scher und hydrographischer Mitteilungen über Japan von seiten der Niederländer ent-
schuldigen.
Die in meinem Atlas gegebenen Pläne der Bai von Nagasaki und der Umgebung
sind das Resultat meiner vieljährigen im geheimen gemachten Beobachtungen auf
meinen Exkursionen in dieser Gegend, wobei mir meine Freunde Verkork Pistorius
und Manuel behülflich waren.
[11. August.] Die Onderneming, welche wir seit der Umseglung des Cap Nomo
aus dem Gesicht verloren hatten, holt uns ein und legt sich dicht neben uns vor
42
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Anker. — Der anhaltend ungünstige Wind vereitelt alle Bemühungen der Japaner,
uns in den Hafen zu bringen. Am Abend und die Nacht hindurch wird die Bai
wieder beleuchtet, während Kriegsmusik und der taktmäfsige Gesang der Ruderer auf
den sich ablösenden Wachtschiffen die feierliche Stille unterbrechen.
Endlich machte es eine Windstille möglich, mit festgemachten Segeln uns in den
Hafen bugsieren zu lassen. Wir erreichen alsbald den Eingang bei den erwähnten
Wachen, wo wir sofort im Hintergründe der Bai die Stadt Nagasaki erblicken;
vor ihr das künstlich geschaffene Inselchen Dezima mit der hochflatternden nieder-
ländischen Flagge. Eine Menge Fahrzeuge, worunter chinesische Dschonken her-
vorragen, beleben den Hafen, und längs den Vorbergen um die Stadt erheben sich
zahlreiche grofsartige Tempelgebäude. — Wir begrüfsen nun nach vorgeschriebenem
Gebrauche mit einem Salut die Wachen, welche mit wappenreichen Schanzkleidern,
Fahnen und Waffen prangen. Die Bai wird immer lebhafter, je näher wir der Stadt
kommen, und bietet dem Auge auf beiden Seiten die mannigfaltigsten Ansichten dar.
Die Windstille und ein heiterer Himmel vereinigen sich, die Landschaft im schönsten
Glanze zu zeigen. Welch’ einladende Ufer mit ihren freundlichen Wohnungen! Welch’
fruchtbare Hügel, welch’ hehre Tempelhaine! Diese lebhaft grünen Berggipfel, wie
malerisch erscheinen sie in ihrer vulkanischen Gestaltung! Mit welcher Üppigkeit
ragen an den Abhängen immergrüne Eichen, Cedern und Lorbeerbäume empor!
Welche Thätigkeit, welchen Fleifs verkündet hier die durch Menschenhand gleichsam
gezähmte Natur! Es zeugen dafür jene schroffen Felsenwände, an denen, stufenweis
den jähen Vorbergen abgewonnen, Getreidefelder und Gemüsegärten angelegt sind; es
zeugen dafür die Gestade, deren cyklopische Mauern der Willkür eines feindlichen
Elements feste Grenzen setzen.
Schon sehen wir die Mauern von Dezima und erkennen die Glasfenster und
grünen Jalousien. Wir sind am Ziele — der Anker fällt. Kanonenschüsse verkünden
der Stadt die Ankunft der niederländifchen Schiffe.
Bereits früher Athen wir ein grofses Thor an der SW.- Seite Dezimas sich öffnen
und Vorbereitungen zu unserem Empfange sich entwickeln. Jetzt zeigte sich ein fest-
licher Zug, der uns die Ankunft des Oberhauptes des niederländischen Handels, des Ritters
J. Cock Blomhoff verkündete, und bald hatten wir die Ehre, diesen Herrn in Begleitung
eines Sekretärs und anderer niederländischer und japanischer Beamten der Faktorei an
Bord zu empfangen.
Die steifen Höflichkeitsbezeugungen dieser Herren unter sich und gegen vor-
nehme Japaner und die altmodische Tracht, worin uns unsere Landsleute entgegen-
traten — gestickte Sammtröcke und schwarze Mäntel, Federhüte, Stahldegen und
ein spanisches Rohr mit grofsem, goldenen Knopfe — - machten auf uns eben nicht
den günstigsten Eindruck. Doch seit einigen Tagen durch den Umgang mit japani-
schen Beamten der Faktorei und mit niederländischen Abgeordneten einigermafsen
mit dem auf Dezima herrschenden Ton bekannt geworden, fanden wir uns in das
Ceremoniell des XVII. Jahrhunderts und schickten uns zum glänzenden Einzug in
Dezima an.
Per varios casus, per tot discrimina rerum
Tendinitis in Latium.
Visg'il.
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823.
43
A n h a n g.
Eroberung der Insel Formosa (Taiwan) durch den Chinesen Koksenia
im Jahre 1662.
Koksenia, der ursprünglich den Namen Tsching tsching kung führte, war der Sohn
eines chinesischen Kaufmanns Tsching dschi lung aus Fukian, seine Mutter ein japa-
nisches Freudenmädchen aus Hirado, wo sein Vater sich früher aufgehalten hatte.
Während die Mandschu China unterjochten, verlegte sich Tsching dschi lung (sonst
Equan oder Yquan genannt), nachdem er durch Handel reich geworden, auf Freibeuterei,
wurde von seinem Kaiser zum Befehlshaber eines Geschwaders gegen die Mandschu
ernannt, und suchte später selbst zu Lande deren Fortschritte zu hemmen, bis er durch List
in die Gewalt seiner Feinde geriet. Dadurch erbitterter, trat Tsching tsching kung, der
seinen Vater auf allen Feldzügen begleitet hatte, als Streiter gegen die fremde Ober-
herrschaft auf und nahm den Namen Koksenia, eigentlich Kue sing ye, das wäre:
Herr von Landesfamilien, an. Er suchte auch Japan in. den Streit zu ziehen;
doch sein Anerbieten (1658) fand dort kein Gehör. Nach dem Untergang der
Dynastie Ming behauptete er sich noch als hartnäckiger Gegner der Mandschu, bis er
durch Übermacht vom festen Lande vertrieben, auf seine Flotte beschränkt wurde.
Er hielt sich zwar noch auf Hia men und erkämpfte manche Vorteile; doch die Be-
denklichkeit seiner Lage zwang ihn endlich, einen Zufluchtsort aufserhalb Chinas zu
suchen, und Taiwan wurde nun sein Ziel.
Hier hatte seit 1624 die Niederländische Ostindische Compagnie festen Fufs
gefafst und an der Westseite Formosas auf einer Düneninsel, die mit dem Lande
einen geräumigen Hafen bildet, das Fort Zeelandia erbaut. Eine Stadt gleichen
Namens, meist von eingewanderten Chinesen bewohnt, erhob sich daneben, und
einige Festungswerke sicherten die wichtigsten Punkte umher. Mehrere Dörfer ent-
standen, und die Eingeborenen fügten sich willig dem Verkehr mit den Europäern,
von denen sie Bildung und selbst das Christentum annahmen. Ein blühender Handel,
begünstigt durch die Lage und Erzeugnisse dieser schönen Insel, verbreitete reges
Leben, Kultur und Wohlstand. So war Formosa eine der bedeutendsten Besitzungen
der Compagnie geworden. Es eignete sich aber auch zu einem Vereinigungs-
punkt der niederländischen Seemacht, um dem Handel der Spanier und Portugiesen
auf Makao leichter Schranken zu setzen, während es durch seine geographische Lage
zur Verbindung von Ostindien mit den Küsten des nordöstlichen Asiens — mit China
und Japan — wie geschaffen schien. Selbst dem noch schlummernden Handel im grofsen
Ozean und längs den nordwestlichen Küsten von Amerika öffnete sein Besitz hoffnungs-
reiche Aussichten.
Koksenias Absicht auf Formosa blieb den Niederländern nicht lange verborgen,
und von vielen Seiten liefen Warnungen ein. Bereits im Jahre 1646 machte man
von Japan aus auf Koksenias Plan aufmerksam, und ein Jesuit brachte aus China 1652
die Bestätigung dieses Gerüchtes nach Batavia. Der Aufstand der Chinesen auf For-
mosa in demselben Jahre zeigte den Niederländern, dafs sie von seiten dieser
zahlreichen Ansiedelung nichts weniger als Beistand zu erwarten hätten. 1854 — 55
wiederholten sich die Gerüchte von China her, und Koksenia verbot 1656 seinen
Landsleuten bereits die Fahrt nach Taiwan. Die Warnungen der Regierung von
44
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Batavia (1657), die Versicherung vieler aus China geflüchteten Einwohner, dafs Koksenia,
bei einem schlimmen Ausgang seiner Unternehmungen auf dem Festlande, die Eroberung
I aiwans beschlossen habe, die plötzliche Auswanderung vieler Chinesen von Formosa,
als Koksenias Absichten endlich ruchbar wurden: alles dies liefs den Gouverneur und
den Rat von Taiwan am baldigen Erscheinen dieses Feindes nicht mehr zweifeln. Man
traf Anstalten zur Gegenwehr und verlangte Unterstützung von Batavia. Doch auch
Koksenia wurde von diesen Rüstungen unterrichtet und suchte nun durch klug be-
rechneten Aufschub die Niederländer wieder einzuschläfern. Mit friedliebender Maske
täuschte er den Rat von Taiwan, und gerade derjenige, dem ihre Beschützung auf-
getragen war, machte die bedrohte Niederlassung noch wehrloser. Van der Lahn
war’s, der im Juli 1660 mit einer Flotte von Batavia auslief, um Formosa gegen den
drohenden Überfall zu decken. Um die Ausrüstung der Flotte nicht vergebens unter-
nommen zu haben, hatte ihm die Compagnie, im Falle das Gerücht wegen Koksenia
sich nicht bestätigen sollte, die Eroberung der reichen portugiesischen Besitzung Makao
aufgetragen. Die Aussicht auf ein so glänzendes Unternehmen, das ihm persönlich auch
reicheren Gewinn versprach, liefs van der Lahn keine Gefahr für Formosa sehen, und
da der verdienstvolle Gouverneur Coyett und der Rat von Taiwan auf sein Verlangen,
die Flotte nach Makao zu entlassen, nicht eingehen wollten, kehrte er, entzweit mit
ihnen, nach Batavia zurück und bot zu Coyetts Sturz alle Künste der Verläumdung
auf. Er fand Gehör, der Beschuldigte blieb unverteidigt, und auf Batavia wurden alle
für Formosa getroffenen Vorsichtsmafsregeln als unnötig widerrufen. — Koksenia war
inzwischen bereits auf Formosa gelandet. —
Am 31. April 1661 mit Tagesanbruch zeigte sich seine Flotte vor Taiwan, lief
zwischen Zeelandia und Provintia in den geräumigen Hafen ein, und während ein
Teil der Schiffe, zwischen den beiden Forts ankernd, deren Verbindung aufhob,
setzte der andere, unter dem Beistand der ansässigen Chinesen, die Kriegshaufen ans
Land. Es war das Werk von zwei Stunden. Die Besatzung von Zeelandia suchte wohl
dem weitern Vordringen der Feinde durch mutige Ausfälle Schranken zu setzen, mufste
jedoch der Übermacht eines Heeres von zwanzigtaufend geübten Kriegern weichen.
Das niederländische Schiff' Hector wurde im Kampfe mit den feindlichen Dschonken in
die Luft gesprengt, und die drei noch übrigen Fahrzeuge bahnten sich unter Wundern
von Tapferkeit den Weg in die offene See, den besten Teil der niederländischen
Streitkräfte mit sich fortführend. Die ersten Versuche der Gegemvehr zu Wasser
und zu Land waren mifsglückt; Koksenia, der aus der chinesischen Ansiedelung einen
Zuwachs von etwa 25000 Mann erhalten, sah sich noch an demselben Tage als
Herrn des Landes, da auch die eingeschüchterten Eingebornen sich willig dem Be-
fehle des Siegers fügten. Er forderte Zeelandia und Provintia zur Übergabe auf. Die
Niederländer boten ihm eine Ablösungssumme, wogegen er Formosa wdeder räumen
sollte: aber Koksenias politische Lage machten ihm, wie er erklärte, den ungeteilten
Besitz seiner neuen Freistätte zur Notwendigkeit. Nicht die Bereicherung mit den
Schätzen der Compagnie war sein Zweck. Er gestand den Niederländern freien
Abzug zu und bot ihnen selbst seine Dschonken zur Überführung ihrer Güter und
Kriegsgeräte nach Batavia an. Doch seine Vorschläge wurden zurückgewiesen , und
die Niederländer beschlossen, das Eigentum ihrer Herren und Meister treu zu behaupten.
Doch das Fort Provintia, von Kriegs- und Lebensmitteln entblöfst, ergab sich bereits am
4. Mai, und Koksenia wendete jetzt seine ganze Macht gegen Zeelandia. Ein Teil seines
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823.
45
Heeres landete an der südlichen Spitze der grofsen Düneninsel, während eine Abteilung
der Flotte an der Ostseite des Forts vor Anker ging. • Die Stadt wurde verlassen;
alles flüchtete ins Fort.
Ein schneller Angriff in den ersten Stunden der Überraschung hätte sofort zu
Koksenias Vorteil entscheiden können: doch einen Tag um den andern zögernd, liefs
er seinen Gegnern Zeit, alle ihnen zu Gebot stehenden Verteidigungsmittel ins Werk
zu setzen. Endlich ani\ 25. Mai eröffneten die Chinesen aus sechsundzwanzig Kanonen,
die sie in der Nacht vorher ohne Schanzen auf freiem Felde aufgestellt, das Feuer
und bestürmten das Fort. Doch ein heftiger Kugelregen wies sie zurück und streckte
gliederweise die ohne Deckung Kämpfenden nieder. Ein Ausfall der Niederländer
vollendete ihre Verwirrung, und es erfolgte eine allgemeine Flucht. Doch konnte das
Häuflein der Besatzung diesen Vorteil nicht weiter verfolgen und mufste, in Gefahr
vom Fort abgeschnitten zu werden, sich mit der Zerstörung der verlassenen feindlichen
Geschütze begnügen. Ein zweiter späterer Ausfall hatte gleichen Erfolg.
Solche Gegenwehr hatte Koksenia von der geringen Besatzung nicht erwartet.
Von seinem Heere war ein bedeutender Teil gefallen, und seine Streitkräfte schienen
ihm zur Feststellung seiner Herrschaft auf Formosa nötiger, als dafs er sie ferner vor
den Wällen eines Forts aufopfern sollte, welches er auch durch Hunger zur Übergabe
zwingen konnte. Er begann am 1. Juni mit der Einfchliefsung von Zeelandia.
Inzwischen hatten Coyetts Feinde in Batavia ihre Ränke durchgesetzt, die
Verleumdungen van der Lahns, Clenks und Verburghs Glauben gefunden, und
am 21. Juni 1661 war der Advokat-Fiskal H. Clenk unter Segel gegangen, um Coyett
seines Postens zu entsetzen. Zwei Tage später kam die Yacht Maria, eines von den
drei Schiffen, welche bei dem Seegefechte vor Taiwan durch die Dschonken ent-
kommen waren, nach Batavia und überbrachte die unerwartete Botschaft von dem
Überfalle Formosas. Die Ränke wurden jetzt entlarvt, Coyetts Absetzung widerrufen,
und ein anderer Advokat und Justizrat, J. Caeuw, zu Zeelandias Entsatz abgeschickt.
Doch sein Vorgänger behielt raschen Vorsprung und erschien am 30. Juli auf der
Höhe von Taiwan mit fliegenden Wimpeln: als er zu seiner Überraschung die feind-
lichen Dschonken im Hafen und auf dem Kastell die Kriegsflagge erblickte. Er
sandte an Coyett das Schreiben der Ungnade seiner Regierung, kündigte sich selbst
als dessen Nachfolger an, steuerte aber trotz den wiederholten, dringenden Auf-
forderungen zum Antritte seines Amtes nach dem sichern Japan, wo er sich mit
empörender Schamlosigkeit als Landvogt von Taiwan ankündigte und mit Ehren über-
häufen liefs.
Die unter Caeuw ausgesandte Hülfsflotte langte am 12. August auf der Rhede
von Taiwan an. Ihr Erscheinen brachte den Belagerten neue Hoffnung und ver-
breitete Schrecken im Lager der Feinde: doch Wind und Wellen verhinderten die
Landung, und Caeuw suchte wieder die offene See auf. Auch er verschwand. Die
Erscheinung der niederländischen Flotte machte Koksenia nicht wenig bestürzt, da er
sich nun von Batavia aus bedroht sah; doch ein Sturm warf ein Schiff dieser
Flotte an den Strand von Formosa und verriet dem chinesischen Heere, dafs
der Zustand der zu seinem Verderben ausgerüsteten Flotte diesmal minder furcht-
bar war.
Caeuw kehrte am 10. September nach Formosa zurück und ging unter den
Kanonen von Zeelandia vor Anker. Die Niederländer unternahmen einen Angriff zu
46
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Wasser und zu Land. Gegenwind vereitelte ersteren, und auch der Versuch, den
Feind aus seinen Verschanzungen auf Baxemboy zu vertreiben, schlug fehl. Dieser
heldenmütige Widerstand, so wenig Vorteil er übrigens den Belagerten brachte, ver-
breitete Mutlosigkeit und Mifsvergnügen im chinesischen Heere, und Koksenias Lage
war ebenso bedenklich und unsicher, als die der Belagerten bedrängt und elend; da
boten die in China siegreichen Mandschu den Niederländern unerwarteten Beistand
an. Neue Hoffnung hob den Mut der auf Zeelandia Ausdauernden, während der
trotzige Belagerer mit finsterer Stirne auf sein gegen ihn bewaffnetes Vaterland
hinüberblickte.
Das Anerbieten einer so mächtigen Hülfe von aufsen war wohl niemanden er-
wünschter als dem Advokaten und Justizrat Caeuw, dessen sehnlichster Wunsch es
war, einen so unerfreulichen Schauplatz zu verlassen. Bereits früher hatte er seine
Rückkehr nach Batavia in Vorschlag gebracht, um von dort aus den Belagerten durch
Fürsprache zu nützen, und wenige Tage vorher selbst um die Ehre angehalten,
die Frauen und Kinder der Niederländer dahin zu führen. Jetzt trug er sich als
Gesandter an den mandschuischen Statthalter von Fukian an und fand den Rat will-
fährig. Die Rettung seiner Landsleute, die Ehre seiner Nation, die Wohlfahrt des
Handels seiner Compagnie wurden ihm anvertraut, und er verliefs mit fünf Segeln
die unheimliche Rhede von Taiwan. Für den Fall eines Sturmes waren ihm die
Pescadores zum Verweilen angewiesen; kaum in offene See gekommen, eilte er den
Pescadores zu und verweilte dort. Den Aufforderungen und Beschwörungen seiner
Offiziere setzt er geheime Instruktionen entgegen, findet endlich für nötig, die Anker
zu lichten und steuert nach den Niederlassungen seiner Landsleute in — Siam, wo er
stolz unter allen Zeichen des Sieges auftritt, und als diese, besser unterrichtet, ihn auf
seine Pflicht hinweisen, kehrt er nach Batavia zurück, wo er mit einem Kriegsrapport
seine Thaten krönt.
Während Caeuw bei den Pescadores verweilte, waren drei seiner Schiffe wiegen
erlittener Beschädigung nach Formosa zurückgekehrt, die nach ihrer Ausbesserung
wieder nach den Pescadores zurückeilten. Caeuw war verschwunden und hatte die
Nachricht von seiner Abfahrt nach Batavia hinterlassen. Diese Botschaft benahm den
Belagerten die letzte Hoffnung. Sie sahen die niederländische Compagnie durch Ränke
hintergangen, sich selbst von den eignen Landsleuten verraten: kein Wunder, wenn
Krankheit und Elend den tapferen Sinn der Verlassenen zu tiefer Mutlosigkeit herab-
stimmten. Überläufer machten endlich Koksenia mit dem Zustande der Besatzung und
den Schwächen der Festungswerke bekannt; er eröffnete drei Batterien gegen das Fort,
erstürmte die Redoute Utrecht und beherrschte von da aus Zeelandia. Noch dachte
der hochherzige Coyett an Widerstand, entschlossen an der Spitze der Seinen sich
bis aufs äufserste zu halten; doch die Erwägung ihrer Ohnmacht, ohne Aussicht auf
Entsatz, überzeugte die Niederländer, dafs ihnen, auch wenn sie einen nächsten Sturm
noch abgewiesen, fernere Gegenwehr unmöglich sei. Verleumdet, verraten, ver-
lassen übergab endlich Coyett in einer ehrenvollen Kapitulation am i. Februar 1662
Zeelandia dem Eroberer und zog mit dem Rest der Seinen nach Batavia — einem
traurigen Lose entgegen. Nach zweijähriger Haft wurde er, der Ehre und Habe be-
raubt, auf eine der Bandainseln verbannt, bis endlich nach zwölf Jahren seine Kinder
und Freunde in Holland durch Verwendung bei dem Prinzen von Oranien seine Be-
freiung erlangten.
Reisen, i. Reise von Batavia nach Japan im Jahre 1823.
47
Nach dem Abzug der Niederländer war Koksenia unumschränkter Herr von
Formosa. Er gründete an der Stelle des heutigen Taiwan fu die Hauptstadt seines
neuen Reiches, das er Tung ning, östliche Ruhe, nannte, und nahm seine Residenz
in dem wiederhergestellten Zeelandia, das nun den Namen Ngan ping tsching erhielt.
Er starb im ersten Jahre von Khang hi (1662). Sein Sohn und Nachfolger Tsching
King Ma'i nahm zugleich Besitz von den Pescadores. Eine im Jahre 1664 gegen
Taiwan ausgesandte Expedition von seiten Chinas mifslang. In den Jahren 1674,
1678 unternahm Tsching King Ma'i verheerende Einfälle in China. Er starb 1681
und hinterliefs einen minderjährigen Sohn, Tsching Khe Schang. Als Yao, mand-
schuischer Statthalter von Fukian, den Chinesen auf Formosa Amnestie und Wieder-
einsetzung in ihre früheren Verhältnisse in China anbot, kehrte ein grofser Teil der-
selben in die Heimat zurück. Yao sandte hierauf eine Flotte gegen Formosa, die
Pescadores wurden genommen, und Tsching Khe Schang, um einem Angriffe zuvor-
zukommen, unterwarf sich der in China herrschenden Dynastie. Er wurde in die
Nähe von Peking versetzt mit dem Titel eines Wang (Fürsten). Seitdem ist Taiwan
der Provinz Fukian einverleibt.
48
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
2. Reise nach dem Hofe des Sjögun im Jahre 1826.
Einleitung1 zur Reise nach Jede im Jahre 1826.
Übersicht. Vorbereitung zur Reise. — Plan zu einer Verlängerung des Aufenthaltes in Jedo. —
Begünstigung von seiten der Niederl. -Indischen Regierung. — Gutes Verständnis mit Japanern, ungünstige
Stimmung des Gesandten. — Personal der niederländischen Gesandtschaft. — Schilderung der japa-
nischen Dolmetscher und anderer Begleiter. — Bediente. — Ausrüstung mit Reisegerätschaften und
Instrumenten. — Vorrechte der niederländischen Gesandten. — Unpassender Gebrauch japanischer
Insignien für einen europäischen Gesandten. — Art der Reisebeförderung; Beschreibung der Sänften,
Reisekoffer, Packpferde und Packochsen, Sänften und Lastträger. — Chausseen und Poststrafsen. —
Meilenzeiger, Meilen. — Reisebücher, Wegweiser. — Postwesen, Taxordnung für Träger und Pferde. —
Brief- und Eilposten. — Feuer- und Raketensignale. — Gasthöfe und Herbergen. — Bäder. — Thee-
häuser u. s. w. — Grenzwachen. — Brücken. — Schiffahrt und Schiffahrtskunde, Schiffbau, Schiffs-
werften, Seehäfen. — Flufsschiffahrt. — Kanäle. •— Dämme.
on der Reise nach Jedo, welche auf das Jahr 1826 anberaumt war, liefsen
sich bei meiner Sendung nach Japan interessante Ergebnisse für die Natur-
wissenschaften wie für die Länder- und Völkerkunde erwarten; um so
mehr, da mir ein mehr als zweijähriger Aufenthalt auf Dezima Zeit
und Gelegenheit zu all den Vorbereitungen geboten hatte, die zur Lösung
einer solchen Aufgabe nötig waren. Es galt aus der bevorstehenden Reise jeden nur
möglichen Vorteil zu ziehen, und mein ganzes Streben ging nun dahin, mich im voraus
mit allem, was das Interesse eines Reisenden in Anspruch nimmt, bekannt zu machen.
Von der Geographie des Landes, von der Sprache der Einwohner, von ihren
Sitten und Gebräuchen hatte ich mir Kenntnis durch den Umgang mit gebildeten
Japanern verschafft. Wenn auch meine eigenen Exkursionen vorerst nur über einen
kleinen Teil von Kiusiu — über die Umgegend von Nagasaki sich erstreckten, so
machten mich doch mit den Naturerzeugnissen der entferntesten Provinzen kundige
Ärzte bekannt, die, um meinen Unterricht 'in den Natur- und Heilwissenschaften zu
geniefsen, aus allen Gegenden des Reiches herbeikamen und ihren Lehrer mit Na-
turalien und mit Abbildungen naturhistorischer Gegenstände und Büchern beschenkten.
Meine Schüler beeiferten sich, Sammlungen von lebenden und getrockneten Pflanzen,
Tiere und Mineralien aus allen Teilen des Reiches herbeizuschaffen, und Hunderte
von Kranken, die der Ruf des neu angekommenen Arztes nach Nagasaki lockte,
suchten sich durch Überreichung seltener oder in ihren Augen merkwürdiger Natur-
erzeugnisse der thätigen Hülfe desselben zu versichern. — Zum Sammeln der
Seetiere bot der Hafen von Nagasaki eine Gelegenheit, wie man sie kaum besser
wünschen kann. Was sich nur immer an Fischen, Krabben u. dgl. auf den Fisch-
märkten vorfand, wurde Gegenstand meiner Beobachtung und der Untersuchung
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
49
meiner wifsbe gierigen Schüler. Auch einige Jäger hatte ich in Dienst genommen,
um Vögel und Säugetiere für mich zu erlegen, und andere Leute wurden zum Aul-
suchen der Insekten abgerichtet. Auf Dezima legte ich einen botanischen Garten aq,
der infolge meiner vielseitigen Verbindungen bald an tausend Arten japanischer und
chinesischer Gewächse zählte. So kam ich zur Kenntnis der Fauna und der Flora der
japanischen Inseln, und selbst von Jezo und den Kurilen erhielt ich durch einen vor-
nehmen Japaner, den ich von einer gefährlichen Krankheit geheilt hatte, eine be-
deutende Sammlung naturhistorischer und ethnographischer Gegenstände.
Die über das Land und dessen Erzeugnisse erlangten Kenntnisse, sowie meine
Erfahrungen über den Kulturzustand des Volkes, über Handel und Gewerbe, Staats-
und bürgerliche Einrichtungen u. s. w. nach allen Seiten zu erweitern, war jetzt der
Hauptzweck der bevorstehenden Reise nach Jedo. Da jedoch die Beschränkungen auf
derselben meinen Forschungen nicht die Ausdehnung und Freiheit versprachen, die
ich in ihrem Interesse wünschen mufste, so fafste ich den Plan, nach Ablauf unserer
Gesandtschaft noch einige Zeit, und zwar auf Staatskosten in Jedo zu bleiben, unter
dem Vorwände, den kaiserlichen Ärzten Unterricht in der Natur- und Heilkunde zu
erteilen, um dann unter günstigeren Verhältnissen später das Innere des Reiches zu
bereisen. Der Einflufs des Statthalters von Nagasaki und einiger hoher Gönner in
Jedo, sowie der günstige Ruf, der mir als Arzt und Naturforscher vorausgegangen,
liefsen mich um so zuverlässiger erwarten, die Regierung in Jedo werde auf diesen
Plan eingehen, als die Vorteile, die den Japanern daraus zuflossen, von zu hoher Wich-
tigkeit für sie* selbst waren.
Die Niederländisch-Indische Regierung, der ich dieses Vorhaben mitteilte, willigte
nicht nur ein und erteilte mir Verhaltungsbefehle, worin die Gegenstände meiner
besonderen Forschungen näher bezeichnet waren, sondern ermächtigte selbst den
Vorsteher der Faktorei und Gesandten Job. Willem de Sturler, die Kosten meines
etwaigen Aufenthaltes in Jedo und meiner weiteren Reisen aus der Indischen Kasse
zu bestreiten. Auch ersuchte sie den Gesandten, mich in diesem Plane sowohl als in
meinen wissenschaftlichen Unternehmungen überhaupt durch seinen Einflufs kräftig zu
unterstützen.
Einer ähnlichen grofsmütigen Entschliefsung der Niederländisch -Indischen Re-
gierung hatte ich die Bewilligung meines Gesuches um einen Gehülfen und einen
Zeichner zu verdanken. Die Herren Heinrich Bürger und Karl Hubert de Villeneuve
wurden nach Japan gesendet. • Herrn Bürger, früher Apotheker bei unsern Hospitälern
auf Java, übertrug ich nun die Fächer der Physik, Chemie und Mineralogie, die er
mit besonderer Vorliebe betrieb, während Herr de Villeneuve, der zugleich als Be-
amter bei der Faktorei angestellt war, sich mit Zeichnen beschäftigte. Beide Herren
haben sich im Verlaufe meiner Forschungen rühmlichst bewährt.
Die niederländischen Schiffe — es dürfen jährlich, wie bekannt, nur zwei zum
Handel kommen — waren im Dezember 1825 mit ihrer Rückladung nach Batavia
abgegangen, und Dezima und seinen Bewohnern die eintönige Ruhe wiedergegeben,
die zur Handelszeit, gewöhnlich von August bis Dezember, noch durch mancherlei
Arbeiten und Geschäfte unterbrochen wird, als wir mit den Anstalten zu unserer
Hofreise begannen. Die Verhältnisse, unter denen diese Reise gemacht wird, sind
eigentümlicher Art. Einerseits werden die Niederländer als Fremdlinge beschränkt
und stehen unter einer Aufsicht, die ängstlich jeden Schritt bewacht; andererseits aber
v. Siebold, Nippon I. 2, Aufl.
4
5°
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
hängt auch vieles von unserem- Benehmen, besonders von dem Einverständnisse mit
unsern Führern ab. Manches liefse sich zu unserem Vorteile ändern und auch die
unserer Freiheit gesetzten Schranken könnten überwunden werden, wenn auch nicht
auf offiziellem Wege, doch unter der Hand — an der «Binnenkant», wie es unsere
japanische Dolmetscher im Gegensatz von «Buitenkant» nennen.
Mit unsern japanischen Reisegefährten war ich gut bekannt und mit einigen
selbst befreundet; kleine Gefälligkeiten, die ich ihnen gerade jetzt, wo sie sich auch zur
Reise zu rüsten hatten, erwies, machten sie noch entgegenkommender, und ich täuschte
mich nicht, wenn ich mir von ihrer Dienstwilligkeit vieles für die bevorstehende Reise
versprach. Auch mit dem Kuinin, dem Führer der Mission, der bereits im August
von Jedo nach Nagasaki gekommen war, suchten mich meine japanischen Freunde
bekannt zu machen, und als sie ihn bei mit einführten, bot ich alles auf, auch sein
Interesse für meine Person und mein wissenschaftliches Unternehmen zu erwecken.
Von seiten der Japaner also, unter deren Geleite wir die Reise machten, fand ich
Anlafs, mir das Beste zu versprechen — Erweiterung der beschränkten Verhältnisse,
Gelegenheiten zu naturhistorischen und anderweitigen Forschungen und, soviel sie ver-
mochten, selbst eine hülfreiche Hand.
Nicht so waren die Erwartungen, die ich mir von seiten unsers Gesandten, des
Colonels de Sturler machen konnte; denn, ich mufs es mit Wehmut gestehen, gerade
der Mann, der auf Java so warmen Anteil an meiner Mission genommen und sie
mit so viel Eifer unterstützt hatte, zeigte sich jetzt, in Japan selbst, nicht blofs gleich-
gültig oder kalt gegen alles, was mein Unternehmen betraf, sondern suchte es geradezu
durch eine Kette von Hindernissen zu lähmen oder doch zu erschweren. Ob die
Ursache dieser ungünstigen Stimmung in den Anordnungen unserer Regierung zu suchen
war, die meinen Wirkungskreis erweiternd und mir mehr Selbständigkeit in meinen
wissenschaftlichen Forschungen gebend , vielleicht seinem Interesse zu nahe traten,
wenn nicht seine eigenen Pläne durchkreuzten, oder ob Kränklichkeit und Mifsmut
über den minder günstigen Ausschlag seiner zur Verbesserung des Handels gemachten
Vorschläge diese Veränderung hervorrief, vermag ich nicht zu entscheiden. Wie dem
auch sei: es bleibt ihm dennoch das Verdienst unbenommen, welches er zuerst um
meine Sendung und Ausrüstung zu einer Untersuchung Japans hatte, und dieses er-
kenne ich hier mit Dankbarkeit an. Hätte Herr de Sturler das schöne Ziel seiner
eigenen Bestimmung, die Absichten, welche die Regierung damit verband, unver-
rückt im Auge behalten und mit Ausdauer verfolgt, so würde sein Aufenthalt in
Japan, seine Mission an den Hof zu Jedo, wie auch seine übrigen Schritte zur
Förderung des Handels und Erlangung gröfserer Freiheiten, mit dem Erfolge gekrönt
worden sein, den sie unstreitig verdienten; sie hätten in der Geschichte des nieder-
ländischen Handels mit diesem Fände eine glänzende Epoche gebildet.
Aus dem Vorausgegangenen haben wir ersehen, dafs das Personal der Hofreise
unsererseits nur aus drei Mitgliedern bestand, aus dem Vorsteher der Faktorei als
Gesandten, aus einem Sekretär und dem Arzte. Es wäre sehr zu wünschen gewesen,
dafs mich sowohl Herr Bürger als de Villeneuve hätten begleiten dürfen; aber für
diesmal war es unmöglich; und nur mit vielen Umständen brachte ich es noch dahin,
dafs es Herrn Bürger gestattet wurde, die Reise unter dem Titel eines Sekretärs mit-
zumachen. Uber den Personenstand der japanischen Begleiter erlaube ich mir nun
noch einige Bemerkungen einffiefsen zu lassen. Wenn die Umrisse, worin ich meinen
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
5 1
Lesern die Dolmetscher vorstelle, welche im Verlaufe unserer Reise unter verschiedenen
Verhältnissen auftreten werden, nicht sonderlich viel Einnehmendes an sich tragen, so
will ich im voraus bemerken, dafs man Leute einer Klasse, die seit Generationen im
Umgang mit Europäern manches Gute, aber bei weitem mehr Schlechtes übernommen
haben, nicht mit den eigentlichen Japanern verwechseln darf, wie diese, aufserhalb
des Verkehrs mit Fremden, ihrer Landesart gemäfs erzogen und gebildet dastehen —
ein Unterschied, den wir immer ins Auge hissen müssen, wenn von Dolmetschern
und solchen Japanern, die mit uns auf Dezirna verkehren, die Rede ist.
Als Oberdolmetscher, welcher eine Hauptrolle auf dieser Reise spielt, die Kasse
führt und gemeinschaftlich mit dem Kuinin die politischen und diplomatischen Ange-
legenheiten betreibt, folgte uns Sujenaga Sinsajemon, ein hoher Fünfziger, von guter
Erziehung und einiger wissenschaftlicher Bildung. Er war sehr erfahren in den
Handelsgeschäften mit den Niederländern, mehr noch in den damit verbundenen
Mifsbräuchen, gewandt im japanischen Geschäftsgänge, klag, ja selbst pfiffig, dabei
höflich bis zur Schmeichelei, hatte elegante Formen und war äufserlich nett; übrigens
sparsam ohne karg zu sein und eitel ohne Anmafsung. Sinsajemon hatte die Dol-
metscherbahn, wie die meisten seiner Kollegen auf Dezirna, als Knabe betreten, sich
an ausländische Sitten gewöhnt und sprach und schrieb ein gutes Dolmetscherhol-
ländisch. Zur Zeit der russischen Gesandtschaft unter von Resanoff und von Krusenstern
1804—1805, und besonders bei dem Vorfälle mit Lord Pellew 1809, hatte er seiner
Regierung gute Dienste geleistet, stand daher bei den Statthaltern von Nagasaki in
Ansehen und lebte in recht guten häuslichen Verhältnissen. Er war von kleiner
Gestalt und hager, hatte eine etwas gebogene Nase, ungewöhnlich grofse Augen
und ein spitzes Kinn. Seine scharf gezeichneten Gesichtszüge traten um so auf-
fallender hervor, da sich auch bei dem ernstesten Gespräche sein Mund zu jenem
Lächeln verzog, wmdurch sich gewöhnlich erkünstelte Freundlichkeit äufsert. Seine
gelbliche Gesichtsfarbe spielte ins Erdfahle, und der geschorne Scheitel war zur
glänzenden Glatze geworden, auf der das nach oben gerichtete Zöpfchen dünn und
steifgesalbt ruhte.
Der Unterdolmetscher hiefs Iwase Jasiro. Er war ein angehender Sechziger
und glich in Gestalt und Manieren viel unseren Sinsajemon. Eine stark gebogene
Nase, kleine, mit schlaffen Lidern bedeckte Augen, ein langes Kinn, der Mund gleich-
sam durch eine Lähmung des linken Lachmuskels zu einem beständigen Lachen ver-
zerrt, grofse Ohren und eine Anschwellung des Kehlkopfes machen die charakteri-
stischen Züge seiner Gesichtsbildung aus. Er kannte seinen Dienst, hatte viel Dienst-
eifer und hielt streng am alten Herkommen. Er war kriechend höflich, dabei schlau bis
zur List, die er hinter der Maske der Redlichkeit verbarg, machte die tiefsten Bücklinge
und beschleunigte seinen Schritt im Dienst- und Komplimenteneifer bis zum Trabe.
Iwase Jasitsiro, sein Sohn, hatte viel Ähnlichkeit mit dem Vater, nur dafs dieser
schwach aus Krankheit und Alter und jener ein abgelebter Jüngling war. Er war
übrigens, was man sagt, ein guter Mensch, der seinem Vater im Komplimentenmachen
wenig nachgab und auf alles mit dem Jaworte «He» beantwortete. Er wufste zu leben
und war kein Verächter des weiblichen Geschlechts, in dessen Gesellschaft er immer
noch launige Einfälle hatte. Gegen uns zeigte er sich sehr dienstfertig und liels sich
im täglichen Leben gut verwenden. Er reiste diesmal auf seines Vaters Kosten, um
dessen Handelsgeschäfte zu besorgen.
52
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Als Privatdolmetscher des Gesandten begleitete uns ein gewisser Nomura Hatsutaro,
unstreitig einer der talentvollsten und geschicktesten unter den damals mit uns in Be-
rührung stehenden Japanern. Er befafs gründliche Kenntnisse in seiner Muttersprache,
wie auch im Chinesischen und Holländischen, kannte sein Land, dessen Verfassung,
Sitten und Gebräuche und war sehr gesprächig und munter. Sein Vater war Ober-
dolmetscher, aber aufser Dienst; und da der Sohn, so lang der Vater lebt und vom
Staate Besoldung bezieht, unentgeltlich dienen mufs, so hatte Hatsutaro ein geringes Ein-
kommen, wiewohl er dessen um so mehr bedurfte, da er ein ziemlich lockerer Geselle
war. Kredit hatte er wenig, Schulden viel; kleine Handelsspekulationen mit einzelnen
niederländischen Beamten verschafften ihm noch einige Existenzmittel. Er selbst kannte
den Wert des Geldes nicht, und für Geld that er doch alles. Mit seiner Anstellung bei
uns war er sehr zufrieden und liefs sich zu allem gebrauchen, wenn er nur seinen
Vorteil dabei sah. Er war von grofser, hagerer Statur, blatternarbig, hatte ein breites,
rundes Gesicht, eingedrückte Nase, ein krankhaft verkürztes Kinn und grofsen Mund
mit aufgeworfener Oberlippe, wobei die hervorstehenden Zähne die Häfslichkeit seiner
Gesichtsbildung vollendeten.
Die angesehenste Person des japanischen Geleites ist der Kuinin, auch Goban
sjo si genannt, und auf Dezima unter dem Namen Opperbanjoost bekannt. Unter seinem
Befehle stehen drei Offiziere niedern Ranges, nämlich ein Funaban oder Schiffswächter,
so genannt, weil er, wenn die holländischen Schiffe in der Bai von Nagasaki vor
Anker liegen, die Wache hat, und zwei Tsjo si, d. h. Strafsenmeister, welche eigentlich
die Dienste unserer Polizeidiener versehen. Letztere sind den Bewohnern Dezimas
l
unter dem Namen Banjoosten bekannt, während dort für die genannten Schiffswächter
der Titel Onderbanjoost gebräuchlich ist. Der Statthalter von Nagasaki hat gewöhnlich
zehn Kuinin, meistens Polizeioffiziere aus-Jedo, in seinem Dienste und läfst die amt-
lichen Geschäfte durch sie versehen. Sie werden nicht vom Staate bezahlt, und die
Besoldung, die sie von ihrer Behörde beziehen, ist ganz gering, um so reichlicher
aber sind die Nebeneinkünfte, die sie — per fas et nefas — geniefsen. Während der
Handelszeit versehen sie abwechselnd den Dienst auf Dezima; und da sie in wichtigen
Angelegenheiten die Person des Statthalters vertreten, so haben sie viel Einffufs auf
unsere persönliche Freiheit sowie auf den Handel. Über die Ein- und Ausfuhr haben
sie gleiche Vollmacht wie unsere Obermautbeamten und somit den Schlüssel zum
Schleichhandel in Händen, den sie denn auch, im Einverständnis mit dem Sekretär
des Statthalters und den sogenannten Herren Oberbürgermeistern (Matsi tosi jori), nicht
wenig begünstigen. Ein solcher Beamter des Statthalters war der Kuinin, der uns auf
dieser Reise folgte. Seine Behörde erteilt ihm strenge Verhaltungsbefehle, für deren
Vollziehung verantwortlich, er ein Tagebuch führen und bei der Zurückkunft seinem
Vorgesetzten vorlegen mufs. Auch die übrigen uns begleitenden Offiziere sowie die
Dolmetscher sind verpflichtet, Tagebücher zur gegenseitigen Kontrolle anzulegen.
Sie führen daher, als Muster und um ja im alten Geleise zu bleiben, die Journale
* von früheren Hofreisen mit sich, die, in zweifelhaften Fällen zu Rate gezogen, Auf-
schlufs geben.
Unsern Kuinin — sein Name war Kawasaki Genso — lernten wir als einen ein-
sichtsvollen, wackern Mann kennen, und die untergeordneten Offiziere benahmen sich
nach seinem Beispiele. Aufser den genannten Dolmetschern und Offizieren folgten
uns vier Schreiber (Hfsja), zwei Trofsmeister (Saisjo), ein Aufseher der Träger, sieben
Reisen.
2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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Bediente und zwei Köche in unserm Dienste und einunddreifsig Bediente und ein Koch
im Dienste der japanischen Beamten: also zusammen ein Geleit von 57 Japanern.
Unsere Bedienten waren treue und zuverlässige Leute. Sie hatten von Jugend
auf auf Dezima gedient, und die älteren von ihnen, die mehrmals unter früheren
Vorstehern diese Reise mitgemacht hatten, besafsen einen bewunderungswürdigen Takt
im Reisen und waren mit allem, was den Dienst und das Ceremoniell angeht, sehr
bekannt; auch sprachen und schrieben sie ein verständliches Holländisch.
Zum Beistände bei meinen Untersuchungen nahm ich noch einige Personen mit,
an deren Spitze ich Ko Riosai anführe, den ich seit zwei Jahren unter meine eifrigsten
Schüler zählte. Er war ein junger Arzt aus Awa auf der Insel Sikoku und beflifs sich
vorzüglich der Augenheilkunde. Was mich jedoch zu seiner Wahl bestimmte, waren
seine ebenso gründlichen als ausgebreiteten Kennntisse in der japanischen Pflanzen-
kunde, seine Gewandtheit in der chinesischen und holländischen Sprache und seine
Anhänglichkeit und Treue. Er leistete mir grofse Dienste, und ich habe ihm viele
und wichtige Mitteilungen zu verdanken. Als Maler folgte mir Tojoske, ein sehr
geschickter Künstler aus Nagasaki, der besonders im Pflanzenzeichnen eine ungemeine
Fertigkeit besafs und auch in Porträt- und Landschaftsmalerei angefangen hatte, der
europäischen Weise zu folgen. Hunderte seiner Zeichnungen sprechen in meinem
Werke für seine Verdienste, Zum Pflanzentrocknen, zum Bereiten der Tierfelle
u. dgl. benützte ich Benoske und Komaki, zwei meiner Diener, die ich zu der-
gleichen Arbeiten ausgebildet hatte. Aufser diesen Leuten folgte mir noch ein
Gärtner und drei meiner Schüler — die Ärzte Kesaku, Sjögen und Keitaro, welche,
da sie keine Erlaubnis erhalten konnten, mich als Gehülfen zu begleiten, unter dem
Namen von Bedienten der erwähnten Dolmetscher die Reise mitmachten. Sie waren
arm, und ich unterstützte sie nach Mafsgabe ihrer Dienste. Gern hätte ich einige
Jäger mitgenommen, da ich deren mehrere in der Gegend von Nagasaki im geheimen
im Dienst hatte; aber Jagen und Schiefsen ist uns auf der Reise streng verboten.
Was nun unsere Ausrüstung zur Reise angeht, waren wir mit allem, was zu den
Bequemlichkeiten und Bedürfnissen des häuslichen und geselligen Lebens gehört,
reichlich versehen. Unser Gesandter liefs moderne Möbel, prachtvolles Tafelservice,
Silber und Krystallgläser mitnehmen; und auch wir, Herr Bürger und ich, waren mit
Luxusartikeln und vorzüglich solchen Gegenständen, die sich zu Geschenken eigneten,
versehen und gut für unsere Zwecke ausgerüstet. Aufser einem Barometer und Torri-
cellischen Glasröhren zu Höhenmessungen, Hygrometer und Thermometer führten
wir einen Chronometer von Hatton und Harri g, London, einen Sextant, ebenfalls in
London verfertigt und mit einem Nonius versehen, worauf man 15 Sekunden ablesen
konnte, einen künstlichen Horizont und Bussolen 11. dgl., wrie auch einen elektrischen und
galvanischen Apparat und mehrere zusammengesetzte Mikroskope mit uns, letztere nebst
einem kleinen Fortepiano blofs in der Absicht, japanische Gelehrte und Anhänger euro-
päischer Künste und Wissenschaften damit bekannt zu machen. Dazu kam noch eine gut
eingerichtete, tragbare Apotheke und die gebräuchlichsten chirurgischen Instrumente.
Bei einem so gebildeten Volke wie die Japaner, bei denen man so viel auf
Förmlichkeit und äufsern Glanz sieht, ist es unstreitig notwendig, dafs eine Gesandt-
schaft mit Würde und europäischer Pracht auftrete und so nicht allein ihre Nation
repräsentiere, sondern auch deren Sittenverfeinerung und Fortschritte vergegenwärtige,
um so mehr, wenn aufser ihrer Nation keiner andern der Zutritt im Reiche gestattet
54
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
ist. Aber gerade das Zusammentreffen zweier zivilisierter Nationen, die einander mehr
aus politischem als kommerziellem Interesse entgegenkommen, macht bei dem auf-
fallenden Gegensätze ihrer Sitten und Gebräuche die Stellung und jeden Schritt des
Abgeordneten um so bedenklicher. Seine Handlungen, sobald sie auf Volkstümlich-
keit und Nationalcharakter Bezug haben, kann er nicht vorsichtig genug erwägen,
nicht klug genug gestalten, ehe sie einer öffentlichen Kritik ausgesetzt werden.
Ehe ich die Gesandtschaft von Dezima scheiden lasse, scheint es mir nötig,
einige allgemeine Betrachtungen über die verschiedenen Arten in Japan zu reisen, über
Strafsen und Brückenbau, Gasthöfe, Bedienung, Reisegeräte, Insignien u. s. w. voraus-
zuschicken, um meine Leser mit Gegenständen bekannt zu machen, deren im Verlauf
der Reise häufig Erwähnung geschieht.
Wohl in keinem asiatischen Lande ist das Reisen so an der Tagesordnung wie
in Japan. Die fortwährenden Züge der Landesfürsten aus ihren Provinzen nach Jedo
und zurück, der lebhafte Binnenhandel, zu dessen Stapelplatz Osaka aus allen Land-
schaften des Reiches Käufer und Verkäufer strömen, und endlich noch die religiösen
Wallfahrten, die so ungemein im Schwünge sind: alles das verursacht ein Leben und
Treiben in diesem abgeschlossenen Inselreiche, als ob es dadurch sich zu entschädigen
suchte für seine sonstige Ruhe und Isoliertheit. Indessen hat wohl nichts so viel zur Er-
leichterung des Reisens in Japan beigetragen als gerade jene politische Einrichtung, welche
die Landesfürsten verpflichtet, die eine Hälfte des Jahres in Jedo, die andere in ihrer
Provinz zuzubringen. Da ihre Ankunft in der Hauptstadt, ihre erste Aufwartung so-
wie ihre Abschiedsaudienz bei Hofe und selbst die Abreise für jeden so genau fest-
gesetzt sind, dafs sie einen eigenen Artikel im Staatsalmänach abgeben, so mufsten
alle die Einrichtungen ins Leben treten, die jetzt dem Reisenden eine Sicherheit und
Bequemlichkeit verschaffen, wie man sie in andern asiatischen Ländern wohl vergebens
suchen dürfte.
Was die Züge dieser Grofsen angeht, werden wir auf unserer Reise Gelegen-
heit haben, mehrere näher kennen zu lernen. Unser Zug gleicht im allgemeinen
denen der Landesfürsten; wie denn auch unsere Gesandten gleiche Auszeichnungen
und Vorrechte mit ihnen geniefsen. Nur ist der Gebrauch sonderbar, den sie davon
machen; sei es, weil sie nicht gern die einmal bestehenden alten Gebräuche ab-
schaffen wollen, oder sich einbilden, allgemein bekannte Auszeichnungen verschafften
ihnen mehr Ehre beim Volke als etwaige europäische, deren Bedeutung dem ge-
meinen Haufen fremd ist. Kurz, unser Zug wird eine Nachahmung der fürstlichen
Aufzüge, wenngleich die dortigen Insignien fürstlicher Würde — Piken, Bögen,
Pfeile, Schiefsgewehre, ein Harnischkoffer, Feldhut und Handpferd mit kostbarem
Sattel und Zeug — uns abgehen. Die niederländischen Gesandten greifen zwar zu
einem Ersätze und lassen sich einen grofsen Sonnenschirm in Sammetfutterale, einen
Stahldegen, ein spanisches Rohr mit goldenem Knopfe, zwei kostbar gestickte Pan-
toffeln und einen Schreibschrank nebst einer Theemaschine und einigen andern Reise-
gerätschaften feierlich nachtragen; ob aber dieses entsprechende Abzeichen für den
Gesandten einer europäischen Nation sind, darüber mag der Leser selbst urteilen.
Die Sänften und Träger spielen in Japan dieselbe Rolle wie Kutschen und
Pferde bei uns, deren Stelle sie denn auch, da das Terrain keine andere Einrichtung
zuläfst, ganz vertreten. Nur in einigen ebenen Landstrichen bedient man sich zum
Fortschaffen der Lasten plumper Wägen, übrigens werden alle Frachten durch Träger,
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
55
iMMMMm
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
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Lastpferde oder Lastochsen verführt. Der Sanften giebt es mehrere Arten, die nach
Rang und Stand unterschieden werden. Obenan stehen die sogenannten Norimonos,
d. h. wörtlich Fahrzeuge. Sie vertreten die Stelle unserer Staatswagen und blofs
der Adel, Staatsbeamte, Priester, Ärzte und vornehme Damen dürfen sich, altem
Herkommen gemäfs, ihrer bedienen. Die Abbildung einer solchen Staatssänfte be-
findet sich auf Fig. 3 a und b. Sie ist ein viereckiges, aus Flechtwerk und lackiertem
Holze verfertigtes tragbares Häuschen mit einem lackierten Holzdache, über das ein
langer, mehr oder weniger gebogener Tragstock läuft und durch ein metallnes Be-
schlag gehalten wird. An der linken Seite, wo das Dach sich aufschlagen läfst, ist
eine Schiebthüre, welche, sowie die Seite gegenüber, ein Fenster hat, das durch einen
mit Papier oder Seide überzogenen Rahmen geschlossen und von aufsen durch zierlich
aus Bambus verfertigte Jalousien verhängt werden kann. Ein ähnliches Fenster ist
häufig auch nach vorne angebracht. In diesem Kasten sitzt der Reisende auf dem
flachen Boden, auf untergelegten Polstern, Matten, Bären- oder Tigerfellen, wobei
sich der Japaner, von Jugend auf an das Sitzen mit unterschlagenen Beinen gewöhnt,
ganz behaglich befindet; auch unter uns können kleinere Personen sich noch da-
rein finden, da sie Raum genug zum Ausstrecken .ihrer Füfse haben; aber für
gröfsere, die darin tagelang aufrecht sitzen müssen in einer Lage, wobei die ausge-
streckten Beine mit dem Rücken einen rechten Winkel bilden, wird eine solche Sänfte
zur wahren Folterbank. Im Innern sind, wie in unsern Reise wagen, mehrere Be-
quemlichkeiten angebracht, worunter eine Tabaksgerätschaft und ein Speisekästchen,
zwei Bedürfnisse, die nach japanischer Sitte nicht fehlen dürfen. Die Weise, wie
die Japaner ihre Sänften tragen, scheint für die Sicherheit des Reisenden gut be-
rechnet; denn die Erhebung über den Boden ist so gering, dafs das Ausgleiten oder
der Fall eines Trägers nicht leicht Gefahr bringen kann. Für ein Norimono sind zwei
Träger nötig, indes kann ihre Anzahl nach Umständen bis auf acht vermehrt werden.
Von' ihrem Gange hängt, wie bei Reitpferden, die Annehmlichkeit der Bewegung ab.
Die plumpen Bauern längs der Strafse durch Kiusiu stiefsen uns wie ihre steifen
Lastpferde, und wir wurden zu Lande seekrank vom Schaukeln und Stofsen, während
die geübten Träger auf der grofsen Landstrafse von Kioto bis Jedo unsere Nori-
monos so stet und sanft trugen, dafs man darin lesen, schreiben und schlafen konnte.
An den Höfen der Fürsten sind die Norimonos, besonders die der Frauen, prächtig
gearbeitet. Feines Flechtwerk aus Bambus, schwarz- und goldlackiertes Holzwerk,
silberne und vergoldete Beschläge bilden ihren Schmuck, und die Anzahl der Träger, sei
es, dafs sie wirklich tragen oder zur Abwechslung nebenher gehen, bezeichnet den Rang.
Auf dieselbe Weise gebaut, nur kleiner und weniger kostbar sind die Sänften
zweiten Ranges, die sogenannten Kemon kago. Offiziere und Beamten bedienen sich
ihrer, und die Länge des Tragstockes und seine stärkere oder geringere Biegung dient
als Unterscheidungszeichen ihres Ranges. Man braucht zwei, selten vier Träger dazu.
Die Kagos sind aus Flechtwerk und leichtem Holze verfertigte Tragsessel, und die
Sjuk’kagos blofse Körbe, aus Bambus, Weiden oder andern biegsamen Holzarten ge-
flochten und mit Henkeln versehen, durch welche ein einfacher runder Tragstock ge-
steckt wird. Der Reisende sitzt frei darin, wie in einer Wagschale, hat wenig Ge-
mächlichkeit und ist der Witterung ausgesetzt.
Die gröfseren Reisekoffer Tab. 3 c — ihr Name ist Naga motsi d. h. lange Behälter
— sind länglich viereckige, hölzerne, selten aus Flechtwerk verfertigte Kisten, welche
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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Zug der niederländischen Gesandtschaft.
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Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
mittelst eines Gestelles am Boden und eines über den Deckel laufenden Stockes, der
durch eiserne Henkel und mit Stricken befestigt wird, tragbar gemacht sind. Bei fest-
lichen Aufzügen benützt man dergleichen kostbar lackiert, mit vergoldeten Beschlägen
und dem Wappen des Eigentümers. Man trägt darin durchgängig die Geschenke
und namentlich den Brautschatz.
Kleinere, länglich viereckige Reisekoffer, die ein Träger paarweis an einem Stocke
auf seinen Schultern trägt, heifsen Rjö kake, d. i. Doppelhänger Fig. 3 d. Sie bestehen aus
Flechtwerk und leichtem Holze und sind lackiert. Sorgfältiger gearbeitet, lackiert und
beschlagen sind die Koffer Hasami bako Fig. 3 e, welche blofs einzeln an einem Stocke
vornehmen Beamten und höheren Personen vor- oder naclmetivmen werden. Wir
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führen sie nicht auf der Reise, aber wohl wenn wir bei Hofe oder bei dem Statt-
halter von Nagasaki unsere Aufwartung machen. In den angeführten Koffern pflegt
man hauptsächlich solche Gegenstände unterzubringen, auf deren Transport man gröfsere
Sorgfalt verwendet haben will; anderes Gepäck, das eine rauhere Behandlung verträgt,
wird in Bambus- oder Weidenkörbe gepackt Fig. 3 f ? die man mit Matten oder einem in
Öl oder Fohe getränkten Papiere (abura kami, sibi kami) umwindet und auf Fastpferde
oder Ochsen ladet, woher auch ihre Benennung Dani, d. i. Gepäck für Fasttiere.
Zum Bergen der gleichfalls aus geöltem Papiere oder aus Stroh verfertigten Regen-
mäntel, der Faternen und anderer leichten Reisegeräte führt man mit dem genannten
Papiere überzogene Bambuskörbe mit sich. Sie heifsen Kappa kago, Regenkleider-
körbe, und sind mit einem Deckel versehen, worauf man gewöhnlich den Strohhut,
welchen man gegen Regen und Sonnenschein braucht, befestigt.
Vornehme Japaner nehmen auf Reisen ein eigenes Gerät mit sich, das aus zwei
an einem Tragstocke befestigten Kästchen besteht und zur Bereitung des beliebten
Theetrankes dient. Es heifst Tcha-bento und verdient seiner Einfachheit und Zweck-
mäfsigkeit wegen unsere Aufmerksamkeit. Bereits E. Kämpfer hat uns eine sehr um-
ständliche Beschreibung davon gegeben. Die Führung des Tcha-bento ist ein Vor-
recht der Standespersonen; und in dieser Bedeutung prunkt es, nebst dem erwähnten
Schranke, im Gefolge des Gesandten. Ein nützlicheres Gerät begleitet die Sänfte des
Arztes — seine Reiseapotheke. Was man noch an Gepäck mitführt, wird entweder
in gröfsere, längliche Pakete, in Form der Nagamotsi verpackt und wie diese von
Trägern getragen oder als Dani auf Pferde oder Ochsen geladen. Auf Pferde, die
blofs mit zwei Dani bepackt sind, legt man gewöhnlich noch Betten und Decken,
worauf sich der Reisende, wie auf Polstern und Matten, setzt und unbekümmert
die Feitung des Pferdes einem Knechte überläfst, der es am Zaume führt. Die zu
diesem Dienste gesattelten Pferde heifsen Kara-siri, leere Rücken. Unsere Bedienten
folgen uns meistens auf diese Weise; übrigens pflegen Krämer und überhaupt Ge-
schäftsleute mit Gepäck auf solchen Pferden zu reisen. Noch eine besondere Art, zu
Pferde zu reisen, will ich, ihrer Eigentümlichkeit wegen, nicht übergehen. Ein
Pferd trägt nämlich, gleich unsern Eseln, zwei Körbe, in deren jedem eine Person
sitzt, während eine dritte auf dem Sattel Platz nimmt und das Pferd lenkt. Eine solche
Reisegesellschaft nennt man Sampokosin. Es sind meistens Eandleute, welche so ihre
Pilgerfahrten machen.
Pferde und Ochsen sind die einzigen Fasttiere, deren man sich in Ermanglung
des Fuhrwesens für den lebhaften Binnenhandel bedient. Auf den Heerstrafsen nimmt
man zum Fasttragen blofs Hengste und Stiere; zum landwirtschaftlichen Gebrauche,
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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zum Pflügen, Holz- und Getreidetragen aber auch Kühe und Stuten. Der Tragsattel
besteht aus zwei Sattelbögen, die durch einige Latten verbunden sind. Für Ochsen
werden diese Sattelgerippe aus Eichen- oder Buchenholz roh verfertigt; für Pferde
aber rot angestrichen und mit Messing beschlagen. Diese Sättel ruhen auf zwei mit
Haaren ausgestopften Polstern von Binsenmatten und werden bei Pferden durch einen
Brustriemen, Bauchgurt und Schwanzriemen, bei Ochsen durch Strohseile, welche als
Bauchgurt, Brust- und Hinterriemen dienen, befestigt; jedoch so locker, dafs der be-
ladene Sattel mehr durch das Gleichgewicht der Last und den steten Gang des Tieres
als durch Riemen und Stricke gehalten wird. Dafs durch diese Einrichtung weniger
Reibung statthat und die Lasttiere zwangloser gehen, unterliegt keinem Zweifel. Die
Pferde haben Halfter und Trense, die Ochsen ein Strohseil mehrmals um den Hals
gewunden und einen Ring durch die Nase, der durch einen zu beiden Seiten über
die Wangen laufenden Strick mit dem Halsband in Verbindung steht. Am Nasenringe,
der aus einer Ranke des Dolichos hirsutus geflochten, ist das Leitseil befestigt. Das
Geschirr wird überdies, wie bei unsern Fuhrmannspferden, mit Schellen und klirren-
den Metallplatten behängen, die Last aber mit Stricken, die durch die Latten des
Sattels laufen, festgeschnürt. Die Führer thun das so geschickt, dafs auf einen Zug
die ganze Ladung losgeht, was beim Stürzen schwerbeladener Tiere seinen Vorteil
haben mag.
Der Gebrauch der Hufeisen besteht in Japan nicht. Man bekleidet die Hufe
der Pferde und Ochsen mit Schuhen von Reisstroh, die überall längs den Strafsen
neben ähnlichen Socken für Reisende zum Kauf hängen. Für ein Terrain wie das
von Japan, wo oft nur schmale Stege und selbst Treppen über die Gebirge führen,
ist diese Hufbekleidung nicht unzweckmäfsig; vor Ausgleiten gesichert, erklimmen die
Lasttiere damit die steilsten Höhen, und schonen dabei auf scharfem Gestein die Hufe.
Pferde und Ochsen leitet ein Führer an der Trense oder am Nasenringe, wobei er
sie durch Zuruf, selten mit Schlägen antreibt.
Der Träger haben wir bereits an einigen Stellen erwähnt und sie als Last- und
Sänftenträger kennen gelernt. Ihre Abhärtung, Ausdauer und Gewandtheit, sowie
auf der andern Seite ihre Mäfsigkeit verdienen Bewunderung und Lob. Zum Last-
tragen geben sich kräftige Männer aus der geringeren Volksklasse her; zum Tragen
der Sänften gehört aber schon ziemliche Übung, ein leichter Gang und eine kräftige
Brust, da diese Leute an manchen Tagen 10 — 15 Ri (circa 40 — 60 Kilometer) zurück-
legen müssen, während der Lastträger mit jeder Station wechselt. Sie traben auf
ebenen Wegen in kleinen abgemessenen Schritten fort, deren sie gewöhnlich hundert
in einer Minute machen. Der gemeine Lastträger kleidet sich sehr dürftig. Er trägt an
den Füßen meistens Strohschuhe (Sori) und eine Art Gamaschen (Kjafu) von Baum-
wollenzeug, Stroh oder Baumbast, und führt einen langen Stock, worauf er beim Aus-
ruhen die Last absetzt. Die Sänftenträger vornehmer Personen sind gleichförmig ge-
kleidet; sie tragen Strohschuhe, Gamaschen, Strohhüte und ein Oberkleid von schwarzem
oder dunkelblauem Baumwollenstoff; um die Hüfte eine farbige Binde, unter die sie das
Hinterteil des Kleides aufschürzen. Auf Brust, Rücken und Ärmeln führen sie das
Wappen ihres Herrn. Es ist auffallend, dafs die sonst so abgehärteten Japaner sich
so empfindlich gegen Nässe zeigen, dafs man auch bei dem wärmsten Sommerregen
ganze Züge in Regenmäntel von geöltem Papiere oder Stroh gehüllt sieht. Hin und
wieder mochte es Bedürfnis sein; nun aber ist es zu einer so allgemeinen Sitte ge-
<30
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
worden, dafs man es für unschicklich aufnehmen würde, wenn ein vornehmer Herr
sein Gefolge auch bei einem unbedeutenden Regenschauer ohne die geölten Mäntel
gehen liefse.
Chausseen und Nebenstrafsen wurden durch den lebhaften Handelsverkehr der
Provinzen unter sich und durch die Wechselzüge der Grofsen nach Jedo und zurück
schon in früher Zeit hervorgerufen, während die Reiseart mit Lasttieren und Trägern
eine Reihe zweckmäfsiger Einrichtungen nötig machte. Bereits im Jahre 250 unserer
Zeitrechnung erwähnen die japanischen Jahrbücher der Anlegung von Poststrafsen in
den Landschaften des Reiches. Es war jene Periode, wo die Heldin Jingu ihre Völker
gegen Sinra führte. In den Jahren Wado (708 — 714), wo mehrere Veränderungen
in der Einteilung des Reiches stattfanden, wurde die Strafse durch Sinano und Mino
angelegt, die gegenwärtig den Namen Kisodsi führt. Seitdem wurden die Landschaften
der drei grofsen Inseln zur besseren Verbindung durch zahlreiche Wege und Strafsen
nach allen Richtungen durchschnitten. Da die Wege blofs für Fufsgänger und Last-
tiere, also nicht für schwere Eracht- und Postwägen dienen müssen, wie bei uns, so
hat man bei ihrer Anlegung mit weit weniger Schwierigkeiten zu kämpfen, und auch
der Unterhalt ist nicht so kostspielig. Der Boden wird geebnet, einige Zoll hoch mit
kleinen Steinen, Geschiebe oder Kies belegt, dann festgestampft und dem Fufsgänger
durch Bestreuen mit Sand zuträglich gemacht. In Gebirgen, wo an steilen Ab-
hängen sich keine Strafse anbringen läfst, hilft man sich mit Treppen, deren Stufen
niedrig aber breit sind, so dafs Lasttiere und Träger mit voller Sicherheit auf- und
absteigen. Die Strafsen, in der Regel breit, sind, wo das Terrain es erlaubt, zu
beiden Seiten mit schattenreichen Bäumen, als Tannen, Cypressen, Thujen u. dgh, be-
setzt, auch nach Erfordernis mit Wassergräben, Dämmen und Wasserleitungen ver-
sehen. Sie werden auf Kosten der Landesfürsten, durch deren Gebiet sie führen,
unterhalten und stehen unter der Aufsicht der Rentmeister (Odaikwan) und der
Ortsvorsteher (Soja). Wegen des häufigen Zusammentreffens grofser Züge hat man
ordnungshalber die Regel angenommen, dafs jeder sich auf die linke Wegseite
hält und den andern rechts passieren läfst, was man auch auf grofsen Brücken
beobachtet.
Die japanischen Meilenzeiger bestehen meistens aus zwei zu beiden Seiten des
Weges aufgeworfenen Hügelchen, worauf eine Tanne oder orientalische Celtis gepflanzt
ist. Man heilst sie Itsi-ri dsuka, das ist Hügelchen einer Meile. Kleinere Abstände
werden nach Strafsen (Matsi oder Tsjö) auf Steinen angegeben, wfle auch die Mark-
scheiden und Wegweiser.
Die japanische Meile (Ri oder Li) besteht aus 36 Strafsen; 28,20 Ri gehen, nach
Angabe der Hofastronomen zu Jedo, auf einen Äquatorgrad. Die japanischen Ri, die man
nicht mit den chinesichen und koreanischen verwechseln darf, sind also etwas
gröfser als die französischen lieues de poste von 2000 Toisen (28,54 einen Grad).*)
In einigen Landschaften hat man noch die alten Meilen zu 50 Strafsen, deren wir einige
auf unserer Reise zurücklegen werden. Sonderbar ist der Gebrauch, dafs Strecken,
welche von der als unrein ausgestofsenen Klasse Jeta bewohnt werden, auch wenn
sie stundenlang sind, nicht zur Entfernung eines Ortes vom andern gezählt werden,
aber auch nicht für den Transport in Berechnung kommen. Die Ortsentfernungen
*) Von dem kaiserlich japanischen statistischen Bureau wird jetzt die Ri zu 3,9273
und die Strafse (Tsjö) zu 1,0909 Hektometer gerechnet. Anmerkung zur 2. Aufl.
Kilometer
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
6l
auf der grofsen Insel Nippon werden sämtlich von der grofsen Brücke in Jedo, der
sogenannten Nipponbasi, an gerechnet.
Ein notwendiger Reisebedarf sind in Japan die verschiedenartigen Wegkarten
und die Reisebücher. Man bedient sich ihrer weit häufiger und allgemeiner als in
Europa. Sie sind zwecknaäfeig abgefafst sowohl für Land- als Seereisen und enthalten
nebst den Reisekarten und Meilenweisern eine gedrängte Übersicht der für einen
japanischen Reisenden wissenswürdigsten Punkte, als: Angaben des Reisebedarfs, Pferde-
und Trägertaxen, Formeln der Pässe, die Namen der berühmtesten Berge und Wall-
fahrtsorte, Regeln der Wetterkunde, Tabellen der Ebbe und Flut, chronologische
Übersichtstafeln u. dgl. ; selbst ein Abrifs der gebräuchlichsten Mafsstäbe und sogar
eine aus aufstellbaren Papierstreifen verfertigte Sonnenuhr ist darin angebracht.
Wir wenden uns nun zu einem andern Gegenstände, der gleichfalls unsere Auf-
merksamkeit verdient, nämlich zu dem Postwesen und den Grenzwachen. Die Ge-
schichte erwähnt die Einführung beider Anstalten unter der Regierung des Mikado
Kötoku im Jahre 646 unserer Zeitrechnung , gleichzeitig mit anderen wichtigen
Staatseinrichtungen. Sämtliche Landschaften des Reiches erhielten damals eigene
Provinzialbeamte, und die Notwendigkeit einer engeren Verbindung mit der Haupt-
stadt scheint den Anlafs zur Errichtung regelmäfsiger Poststationen gegeben zu haben.
Gegenwärtig befinden sich längs den besuchtesten Strafsen durch das ganze Reich
Posthäuser, die zum Einstellen und Wechseln der Lasttiere und Träger eingerichtet
und durchgängig mit einer geräumigen Halle versehen sind. Sie heifsen Jeki-ten, Post-
stationen, oder auch Muma-dsuki, Pferdestationen. Da der Unterhalt der Menschen und
Pferde, deren ein einziger Zug eines Grofsen oft Hunderte erfordert, für einen einzigen
Unternehmer zu schwierig ist, so wird das Lasttragen und Unterhalten der Lasttiere ein
Erwerbszweig des ganzen Ortes, wo sich das Posthaus befindet, und das letztere ist
blofs das Lokal, wo unter amtlicher Aufsicht und mit Sicherheit und Pünktlichkeit dem
Reisenden die nötige Hülfe verschafft und der Verkehr durchs Land geleitet wird.
Wie das Gewicht der Lasten, so finden wir auch den Preis für Lasttiere und
Träger nach einer obrigkeitlichen Taxordnung mit Rücksicht auf örtliche Umstände
festgesetzt. Die volle Last (Itsi-dä) eines Packpferdes (Koma) wird zu 36 Kuanme,
das Gepäck für ein schwer bepacktes Reitpferd (Norikake) zu 10 — 18, für ein Kara-
siri oder leicht bepacktes Reitpferd zu 3 — 6, und die Last für einen Träger (Ninzoku)
zu 5 Kuanme angenommen, wTobei der Frachtlohn (Datsin) sich nach dem Verhält-
nisse richtet, dafs ein Lastträger die Hälfte und ein Karasiri zwei Drittel des für ein
Lastpferd angesetzten Normalpreises kostet. Das Gewicht Kuanme beträgt 1750 g,
oder 7Ü2 alte niederl. Pfund, oder 61j4 jap. Kin; letzteres ist bei den Niederländern
unter dem Namen Katje bekannt. Da die Taxe nach dem Terrain angeschlagen wird
und in gebirgigen Strecken, wfie auch in der Nähe der Hauptstädte sich bedeutend
steigert, so läfst sich für die Meile kein allgemein fester Preis annehmen. Nach einem
japanischen Reisebuche neuester Zeit werden von Nagasaki bis Jagami — eine Ent-
fernung von 3 Ri — 166 Mon, von da 4 Ri weiter bis Isahaja 206, und für 1 Ri
von Todoroki bis Dajiro 41 Mon für ein Lastpferd bezahlt. Die Gesamtausgabe für
die 57 Ri von Nagasaki bis Kokura wird auf 2 Tail 3 Monme 39 Mon angegeben.
Der niederländischen Gesandtschaft im Jahre 1826 berechnete man für ein Pferd
nebst Führer von Nagasaki bis Kokura 3 Tail 2 Pun (fl. 6,4 Cent), von Hiogo
bis Osaka 4 Monme 3 Pun 7 Rin (fl. 0.86) und von Kioto bis Jedo 8 Tail
6 2
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen
6 Monme 6 Pun (fl. 17.12). Die Entfernung der beiden letztgenannten Städte be-
trägt 125 Ri, wonach sich für 1 Ri oder französische lieue de poste im Durchschnitt
gegen 13 Cent oder 9 Kr. rh. als der Preis für die Miete eines Lastpferdes mit einem
Führer ergiebt. Aus der Vergleichung eines Reisetaschenbuches von 1752 mit einem
von 1804 geht hervor, dafs in den genannten früheren Jahren der Frachtlohn von
Station zu Station um 22 Mon tiefer stand.
Die Brief- und Eilposten haben ihren Centralpunkt in Osaka, als der ersten
Handelsstadt des Reiches, von wo aus sie namentlich nach den beiden Hauptstädten
Kioto und Jedo, nach den Residenzen der Landesfürsten, und endlich nach Nagasaki,
als dem Handelsplatz für Fremde, lebhaft verkehren. Sie gehen regelmäfsig den 7.,
17. und 27. jedes Monats von Osaka nach Nagasaki und den 8., 18. und 28. nach
Kioto und Jedo. Nach Kioto findet sich bei der geringen Entfernung aufserdem
auch täglich Gelegenheit. Nach Nagasaki gehen diese Posten in sieben Tagen, und
zwar zu See in einem kleinen, gutsegelnden und mit vielen Ruderern besetzten Fahr-
zeuge bis Simonoseki und Kokura, von wo aus die Briefe durch Läufer bis an
den Ort ihrer Bestimmung gebracht werden. Der Läufer trägt das mit Wachs-
tuch überzogene Briefpäckchen an einem Stocke befestigt und läuft laut rufend die
nächste Station an, wo es einem andern übergeben und ohne niedergelegt zu werden
weitergebracht wird. Bei wichtigen Papieren werden aus Vorsorge für Unfälle zwei
solcher Boten genommen. Ihr japanischer Name ist Hikijaku vom chinesischen
Hikeo, d. i. geflügelte Füfse. Aufser diesen regelmäfsigen Posten können jederzeit
Eilposten abgefertigt werden, deren Kosten nach Verhältnis der Jahreszeit und
Witterung verschieden sind. Von Osaka bis Nagasaki zahlt man 100 bis 200
Gulden. Die Handelsgeschäfte in Osaka und namentlich der Handel mit Reis
und getrockneten Fischen, welcher ganz so wie unser Effektenhandel betrieben wird,
sind es, was die Eilposten vorzüglich beschäftigt.
Hier wären noch jene Einrichtungen zu erwähnen, welche, nach Art der Tele-
graphen, zur schnellen Verbreitung einer wichtigen Nachricht dienen. Es sind die
Feuerherde (Hö kwa dai), welche sich auf den höchsten Bergen im ganzen Reiche
befinden und auf denen bei Ereignissen von höchster Wichtigkeit für den Staat, wTie
Landung einer fremden Macht, Feuersignale gegeben werden. Bei weniger wuchtigen
Vorfällen bedient man sich der Raketen, wrelche in der chinesischen und japanischen
Kriegskunst seit ältester Zeit bekannt sind.
In den Ortschaften, wo sich Posthäuser befinden, sind Gasthöfe und Herbergen
mit verschiedenen Einrichtungen zur Bequemlichkeit und zum Vergnügen der Reisenden.
Die Wirtshäuser ersten Ranges sind die Tatsi oder nach allgemeinerem Ausdrucke
Honjin. Fürsten und andere vornehme Reisende kehren darin ein, während Leute
geringeren Standes die Jadojas oder Nachtherbergen aufsuchen. Auf der Reise
werden wir beide näher kennen lernen. Unsere Gesandtschaft bezieht die Honjin;
sind diese aber besetzt, so übernachtet sie auf Kiusiu in buddhistischen Tempeln
und längs des Tokaido in Jadojas.
Bäder, und zwar sehr heifse, sind ein allgemeines Bedürfnis; die Reisenden, be-
sonders die Träger, bedienen sich ihrer täglich. In jedem Wirtshause befinden sich
Badestuben für vornehme und geringe Gäste, und meistens sind noch öffentliche Bade-
häuser in der Nähe. Die Theehäuser (Tchaja) und die Bordelle (Zjorö-ja) sind bis
tief in die Nacht geöffnet, und schöne Zitherspielerinnen (Gbsja) und Freudenmädchen
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
63
(Zjorö), an einigen Orten auch niedliche Putzhändlerinnen wissen die Reisenden zu
unterhalten.
Die Grenzwachen, Seki oder Kwanmon, sind meistens an solchen Punkten er-
richtet, wo Strafsen aus einer Landschaft in die andere führen. Die drei Hauptposten
der Art, die sogenannten San kwan, waren in früherer Zeit der Pals Seta oder Afu-
saka in Omi, Fuha in Mino und Suzuga in Ise, und von der letztgenannten Grenz-
wache aus hatte man eine Einteilung des Reiches in ein östliches und westliches, in
Kwantö und Kwansai angenommen. Gegenwärtig gelten die Pafswachen Hakone,
Arai, Fukasimi, Matsudo, Nagagawa und das an der westlichen Seite des Einganges
in die Bai von Jedo liegende Uragawa als die Schlüssel zur Hauptstadt Jedo.
Das gebirgige Terrain des Landes mit den vielen reifsenden Strömen, sodann
auch der Umstand, dafs so volkreiche Städte wie Jedo und Osaka an den Mün-
dungen grofser Flüsse sich ausbreiten und nach allen Richtungen von Kanälen durch-
schnitten sind, läfst an sich schon auf eine bedeutende Anzahl grofser Brücken
schliefsen, und es darf uns also nicht auffallen, wenn die Gesamtzahl grofser Brücken
durchs ganze Reich auf 239 angegeben wird. Osaka allein hat deren 79, Jedo 75.
Nach ihrer Bauart lassen sich die Brücken einteilen in :
Steinerne (Isi-basi), die meistens in einem einzigen Bogen über schmale Flufs-
arme und über Bäche gesprengt sind, jedoch aufser Nagasaki, wo die breiteste 13 Ken
(fast 25 Meter) beträgt, selten Vorkommen.
Hölzerne Brücken aus Cedern (Cupressus japonica), Ulmen (Ulmus kejaki) und
Thujen (Thuja binoki). Sie ruhen auf hölzernen Pfeilern, die eine steinerne Grund-
lage haben, und führen über die breitesten Flüsse. Die gröfste ist die zu Okasaki,
welche 397 Meter lang ist.
Faufbrücken, die gewöhnlich zur Regenzeit über angeschwollene Waldbäche,
meistens an deren Mündung in die See, geschlagen werden. Säcke, aus Bambus ge-
flochten und mit Steinen gefüllt, werden dabei zu Brückenköpfen aufgeschichtet, und
starke Holzböcke ins Flufsbett gesetzt, über die Bretter und Baumäste gelegt und mit
Sandsäcken beschwert werden.
Hängebrücken nach indischer Art und natürliche Felsenbrücken finden sich im
hohen Gebirge einiger Fandschaften. Hohe Felsen werden auf dem Wege nach dem
Krater des Fusiberges auch mittelst eiserner Ketten bestiegen, und in der Landschaft
Hida hat man die Verbindung zweier Felsen durch ein gespanntes Seil bewerkstelligt,
an dem sich ein beweglicher Korb befindet. Schlag- oder Zugbrücken (Hiki-basi)
kommen blofs in Festungswerken vor. In einigen Landschaften Nippons befinden
sich auch Schiffbrücken (Funa-basi). Die bei Tojama in Jettsiu über den dort an 763
Meter breiten Kantsu gawa besteht aus 52 Kähnen, die an einer eisernen Kette be-
festigt und mit Brettern belegt sind. Ähnliche sind bei Fukui in Jetsizen und zu
Sano in Kötsuke.
Den Anfang des Brückenbaues setzen die japanischen Geschichtsbücher in das
vierzehnte Jahr des Mikado Nintoku (326 unserer Zeitrechnung). Im Jahre 612
erwähnen sie eines Einwanderers aus Haksai, der sich auf den Bau der Brücken
verstand und mehrere Fandschaften damit versah. Unter seiner Leitung sollen
an 180 gröfsere und kleinere zu stände gekommen sein, worunter die Kake-basi von
Kiso und die Hamanano-basi in Tötomi namhaft o;emacht werden. Auch dem
buddhistischen Priester Tosco, der gegen Ende des siebenten Jahrhunderts eine Reise
4
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
nach China unternommen hatte, wird die Erbauung mehrerer Brücken, worunter die
zu Ucisi in der Landschaft Jamasiro, zugeschrieben.
Die Schiffahrt und Schiffahrtsk unde können in einem Lande, wo der Seehandel
blofs auf die Befahrung der eigenen Küsten beschränkt ist, und zwar durch Gesetze,
die sogar für die Bauart der Schiffe eine allgemeine Regel festsetzen, nur wenig Lort-
schritte gemacht haben. Dessenungeachtet finden wir diese Küstenfahrt auf einer
gleichen Stufe der Vollkommenheit wie den inländischen Handel, den sie, zumal in
einem so buchten- und hafenreichen Lande, bei weitem mehr begünstigt als den Trans-
port zu Lande, der denn auch nur da besteht, wo keine Verbindung zu Wasser
stattfindet.
Bereits in den Sagen der Vorzeit wird der Gebrauch der Schiffe erwähnt. Auch
baute der erste Mikado Zinmu (667 v. Chr.) Kriegsfahrzeuge, womit er seinen Er-
oberungszug gegen die Hauptinsel unternahm. Mehr allgemein und in das Leben des
Volkes eingreifend scheint die Schiffahrt jedoch erst unter dem Mikado Suzin ge-
worden zu sein, indem dieser 81 v. Chr. einen Befehl ergehen liefs, zur Erleichterung
des Verkehrs der Küstenbewohner durchs ganze Reich Barken zu bauen. Gegen
Ende des zweiten Jahrhunderts war die japanische Llotte bedeutend genug, zahlreiche
Heerhaufen nach der Halbinsel Korea überführen zu können.
Allem Anschein nach waren die früheren japanischen Lahrzeuge eine Nachahmung
der koreanischen, womit .die Japaner, nach Angabe ihrer Jahrbücher, 43 v. Chr. be-
kannt wurden. Auch die Abbildungen japanischer Schiffe aus früherer Zeit, wie man
sie in Tempeln auf Votivbildern findet, sprechen für diese Ansicht. Es hat sich
übrigens eine eigentümliche Bauart ausgebildet, welche bis auf den heutigen Tag
weniges von der chinesischen und nichts von der europäischen Schiffbaukunde über-
nommen hat, so gute Gelegenheit auch die Japaner seit Jahrhunderten hatten, beide
kennen zu lernen.
Die japanischen Schiffe (Lig. 5) sind von Gedern-, Tannen- und Kampherholz
gebaut, selten werden Lichten, Ulmen oder andere Holzarten dazu genommen, Das
Eigentümliche ihrer Bauart macht ein kaum merklicher Kiel, der Mangel an Rippen,
t
offene Spiegel und das in einen Schnabel auslaufende Vorderteil aus. Der Mast ist
aus mehreren Stücken zusammengesetzt und führt ein einziges grofses Segel,
Nägel und Beschläge sind von Kupfer, und den Rumpf schützt man durch Brennen
vor Würmern, da man die Anwendung des Teers nicht kennt. Das Tauwerk ist
von Hanf oder von den Lasern der Lächerpalme, Chamaerops excelsa, auch häufig
von Reisstroh, während man zu den Segeln Kattun und auf kleineren Schiffen auch
blofs Binsenmatten nimmt.
Die Anker, die von Eisen und vierarmig sind, gleichen den holländischen
Dreggen. Auf leichten Lahrzeugen bedient man sich statt der Anker blofs hölzerner
Haken, die mit einem Steine beschwert werden. Die Kauffahrteischiffe sind 8 bis
18 Ken (cirka 14 bis 32 Meter) lang und verhältnismäfsig bis zu 4 Ken breit, und
können an 150 Tonnen Ladung einnehmen. Die vorzüglichsten Schiffswerften sind
zu Osaka, Sakai und Hiogo.
Die Küsten sind reich an Seehäfen, worunter Nagasaki, Simonoseki, Hiogo,
Sakai, Jedo, Isinomaki und Aomori — die beiden letzten im nördlichen Teile Nip-
pons, im Bezirke Tsugaru — für gröfsere Schiffe die vorzüglichsten sind. Am meisten
besucht wird der Hafen von Osaka, in den jedoch seiner Untiefe wegen nur kleinere
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826
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Fig. 5. Japanische Seeschiffe und Ruderboote.
2. Auf],
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Nippon I
5
66
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Kauffahrer einlaufen können. In den Seehäfen befinden sich Bureaux (Ton ja), wo
die Geschäfte für Schiffahrt betrieben, Hafengeld und andere Abgaben entrichtet, wie
auch Frachten und Frachtbriefe besorgt werden. Auch fehlt es, wenigstens in den
bedeutenderen, nicht an Wachthäusern und Hafenmeistern, die ein wachsames Auge
auf die Ein- und Ausfuhr haben.
Von gleich hoher Wichtigkeit für den Handel und Verkehr ist die Schiffahrt auf
den Flüssen und Landseen. Der Flufs Jodo gawa, der seinen Ursprung aus dem
grofsen Landsee in Omi nimmt und den Mittelpunkt des Handels, Osaka, in Ver-
bindung bringt mit den Landschaften Omi, Jamasiro, Kawatsi, ja selbst mit Tanba
und Ika, vermittelt im Herzen Nippons den lebhaftesten Handel. So auch der Sumida
gawa und der Naka gawa, die als vielarmige Strafsen der Zufuhr für das volkreiche
Jedo dienen, während andere Flüsse, wie der Oi gawa, Seto gawa, Abe gawa, zwar
nicht durch Schiffahrt, aber doch durch ihren lebhaften Verkehr auf ihren Fähren er-
giebige Erwerbsquellen abgeben.
Die Flufsfahrzeuge sind, je nachdem es die Natur des Flusses oder ihre Be-
stimmung mit sich bringt, verschieden in ihrer Bauart, stimmen jedoch im allgemeinen
darin überein, dafs sie, bei Mangel des Schnabels, einen flachen Boden haben, mit
dem die Seitenwände unter einem rechten Winkel zusammenlaufen. Sie sind plumper
und, mit Ausnahme der Lustfahrzeuge und Jachten, nicht so zierlich wie die Seefahr-
zeuge, deren Reinlichkeit man auch an ihnen vermifst. Die Fahrzeuge werden im
allgemeinen eingeteilt in:
1. Kriegsfahrzeuge,' Jukusa fune, mit zwei Verdecken und einem Hüttendeck am
Hinterteil, oder blofs mit einem Verdeck und ohne Hüttendeck.
2. Wachschiffe, Ban fune, kleine, auf dem Vorderteile mit einer Hütte ver-
fehene Barken, die zur Bewachung der Häfen und Baien dienen und mitunter Mi
okuri genannt werden, und dann solche, welche auf die offene See fahren können
und von ihrer Ähnlichkeit mit den Walfischfängern, wie diese, Kudsira fune, Wal-
fischschiffe heifsen.
3. Kauffahrteischiffe, Akinai fune. (Fig. 5, 1, 2, 3.) Man unterscheidet sie
in Nord- und Südfahrzeuge. Die ersteren, auf -welchen man nach dem nördlichen
Japan und nach Jezo Handel treibt, sind gröfser und mit einem höheren Spiegel ver-
sehen; unter den letzteren begreift man die sogenannten Sakai fune, deren Verschan-
zung zur Seite Öffnungen hat, und die Inaka fune, woran diese fehlen. Beide Arten
sind am Spiegel offen und haben ein Zwischendeck und eine Hütte auf dem Verdeck.
4. Holzschifte, Isawa fune, kleine, niedere Fahrzeuge zum Transport des Brenn-
holzes und anderer Güter. Sie haben nur einen Raum für die Ladung und eine Stroh-
hütte auf dem Verdeck.
5. Fischerfahrzeuge, worunter die Walfischfänger (Kudsira fune), Thunfisch-
Finger (Katsuwo fune) und die gewöhnlichen Fischerbarken (Tsuri fune) (Fig. 5, 4)
begriffen werden. Zum Versande lebender Fische hat man noch besondere Fahr-
zeuge nach Art der Isawa fune, worin der mittlere Teil des Raumes durch eine
vergitterte Öffnung am Boden mit dem Wasser in Verbindung steht. Sie heifsen
Ikisu fune.
6. Lustfahrzeuge, Asobi fune, in Baien und auf Flüssen.
7. Fahrzeuge auf Landseen und Flüssen, Kawa fune, die sich in Lastschiffe
(Tsumi fune) und in Fähren (Watasi fune) unterscheiden.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
6'
Schliefslich glauben wir noch der Kanäle erwähnen zu müssen, die man teils
für die Schiffahrt, teils zum Schutze des Landbaues angelegt hat. Unter den
ersteren zeichnet sich der Kanal Ondoseto in der Landschaft Aki aus, der das jetzige
Eiland Kurabasi 110 sima von der Insel Nippon scheidet und so eine gerade Strafse
nach der Handelsstadt Hirosima bildet. Unter den letzteren sind die eingedeichten
Bette zu verstehen, welche reifsende Flüsse durch fruchtbare Ebenen leiten.
Die Gegend um Hiogo, welcher Ort gleichsam der See abgewonnen ist, bietet
dem Reisenden häufig Beispiele dieser Art dar, wo hundertjähriger Fleifs den Ver-
wüstungen der Bergflüsse .Schranken gesetzt hat.
Betrachten wir nun den Reisenden selbst, so finden wir ihn nach dem Zweck
seiner Reise, nach der Art und Weise, wie er reist, und seinem Stande gernäfs aus-
gerüstet, in allem aber sich streng an seine Landessitte haltend. Gewisse Vorberei-
tungen finden bei Reisen unter Leuten höheren wie niederen Standes statt, und es
wird niemand eine Reise antreten, ohne vorher die Tempel seiner Heimat besucht
und sich und die Seinen dem Schutze der Gottheit anempfohlen zu haben. Bei einem
Abschiedsschmause versammelt der Abreisende noch einmal Verwandte und Freunde
um sich und erhält von jedem ein Reisegeschenk, Mijage, zur Erinnerung an den
ehrwürdigen Brauch jener alten Zeit, wo man dem in die Fremde Ziehenden
Produkte der Heimat mitgab, um sie auswärts gegen andere zu vertauschen; woher
auch noch die heutige Sitte stammt, dafs der Reisende mit passenden Gegengeschenken
heimkehrt.
Von der Art zu reisen selbst gilt wohl für kein Land so sehr als für Japan der
Ausspruch, dafs, je geringer einer von Geburt und Stand, desto freier und unab-
hängiger er auf Reisen sich befindet. Der Vornehme in Japan sieht sich so streng
an Herkommen und Etikette gebunden, dafs sein freier Wille gar nicht mehr in
Betracht kommt. Kleidung, Gefolge, Reisegerät, Insignien, Wege, Tagreisen, Mittags-
mahl, Nachtlager, sogar die Ruheplätze und Belustigungsorte sind im voraus nach
Mafsgabe seines Standes bestimmt. Die jährlichen Llof- und Heimreisen der Landes-
fürsten sind also für diese eben so umständliche als kostspielige Unternehmungen. Man hat
zwar in neuerer Zeit bezüglich des Gefolges beträchtliche Einschränkungen getroffen;
aber der äufsere Prunk wurde, wie ihn die verjährte Etikette vorschreibt, noch un-
verändert beibehalten.
Eigentliche Reisekleider tragen nur Fufsgänger und Reiter; alles, was in Sänften
reist, bleibt standesgemäfs gekleidet. Die Reisekleidung, Nöfuk oder Feldkleid genannt,
besteht in einer Hose (Momohiki), Gamaschen (Kjafu), einem kurzen Oberkleide
(Hanten), einem hinten geschlitzten Mantel (Busuki), einem Strohhut, selten einem
lackierten Hut (Kasa) und den mehrerwähnten Strohschuhen (Söri). Dabei trägt der
Reisende aus dem Bürgerstande einen Säbel, der aus dem Adel- oder Militärstand
aber deren zwei von ungleicher Länge. Es ist das zugleich das allgemeine Abzeichen
des Militärs und der Polizeidiener, und es gehen so bewaffnet die uns begleitenden
Banjösi und die Soldaten, welche uns in einigen Landschaften von den Fürsten, deren
Gebiet wir durchziehen, als Ehrenwache beigesellt werden.
Nach diesen allgemeinen Betrachtungen, die dem Leser die Übersicht des Ganzen
wie auch die Würdigung mancher Einzelheiten im Verlaufe der Reise erleichtern
o ö
werden, wollen wir wieder nach Dezima zurückkehren, wo wir die Gesandtschaft
reisefertig finden. Das Gepäck wird zum Teil in die Barke geladen, die es über See
68
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
nach Simonoseki bringt, zum Teil wird es bereit gehalten, am nächsten Tage über
Land zu folgen.
Einige Offiziere verfügen sich, altem Herkommen gemäfs, noch in unsere Woh-
nungen, um die Sachen, die wir mitzunehmen gedenken, zu untersuchen, ob sich etwa
verbotene Güter darunter befinden. Es geschieht solches jedoch nur oberflächlich, und
man begnügt sich, ein Siegel darauf zu legen, welches auf der ersten Station wieder
abgenommen wird.
Mit Anbruch des 15. Februars 1826 erwarteten wir die japanischen Reise-
gefährten, die uns von Dezima abholen mufsten. Herr Bürger und ich konnten uns
Glück wünschen, dafs uns, als Deutschen, das seltene Los zu teil ward, ein so merk-
würdiges Land zu bereisen. Wir waren gut vorbereitet und mit Enthusiasmus für
unsere Sache beseelt; und wenn ich je mit Mut und ernsten Vorsätzen zu einem
Unternehmen mich durchdrungen fühlte, so war es jetzt, wo der anbrechende Tag
mir das Innere eines Landes aufzuschliefsen versprach, welches mich ein besonderer
Drang unter den von der Heimat entferntesten hatte aufsuchen lassen.
Reise von Nagasaki bis Kokura.
Übersicht. Abreise von Dezima. — Abschied von den japanischen Freunden im Tempel
Ifukusi. — Sige Dennosin , ein alter Bekannter Thunbergs. — Winterflor der Landschaft. — Be-
merkungen über das Klima der japanischen Inseln. — Der Berg Nagasaki töge. Aussicht auf den
Vulkan Wunzen. Beschreibung dieses Feuerberges und seines Ausbruches im Jahre 1792. — Erd-
beben. — Die heifsen Quellen auf Kiusiu. — Das Dorf Jagami. Gastfreundliche Aufnahme in einem
Buddhatempel. Die buddhistische Sekte Ikko sju; Priester, Tempel und Gottesdienst derselben. —
Ankunft und Übernachten in Isahaja. Der Golf von Simabara. — Theebau. — Die Stadt Omura.
Perlenfischerei daselbst. Perlenmuscheln und Perlen. — Der Riesenhuflattig. — Über Kinderblattern.
— Die Bai von Omura. — Der alte Kampherbaum bei Ninose. — Uresino, seine Heilquelle und
Badeanstalt. Geologische Bemerkungen. — Die Heilquelle zu Tsukasaki. - — Porzellanerde. — Der
heilige Baum zu Woda. — Über Lanzasschrift, die heilige Schrift der Buddhisten. — Steinkohlen-
gruben bei Wukumoto. — Fruchtbare Ebenen mit Reisfeldern bei Saga, der Hauptstadt der Landschaft
Hizen. — Der Kanal Sentono futsi. — Der Hülfsgott Dsizö. — Der Flecken Kansaki. Ausgebreitete
fruchtbare Ebene im Flufsgebiete des Tsikugo gawa. Gewinnung einer zweimaligen Ernte von Reis-
feldern. Der Wachsbaum; Lichter von Baumwachs. — Fege-, Getreide- und Stampfmühlen. — Geo-
graphische Lage von Todoroki. — Lehngüter des Fürsten der Insel Tsusima im Gebiete von Hizen.
— Der japanische Senf. — Die japanische Flufsotter. — Eine seltsame Naturaliensammlung zu Jamaije.
— Das Gebirg Hija-midsutöge. — Schilderung der Vegetation auf den japanischen Inseln in den
vier Jahreszeiten. Von der Umgestaltung des Urbildes der Landschaft durch Landbau und Anpflanzung
ausländischer Gewächse. — Gebrauch der Strohschuhe für Menschen und Tiere. — Fasanen. — Ein
Kretin. Gesichtsbildung der Bewohner des Innern von Kiusiu. Fruchtbare Ebene am Flusse Asija
gawa. Wilde Enten, Gänse, Kraniche, sinnreiche Weise sie zu fangen. — Künstlich angelegte Seen
zur Bewässerung der Reisfelder. — Die Stadt Kokura.
[15. Februar.] Unsere japanischen Begleiter erschienen mit einem zahlreichen
Gefolge auf Dezima, wo sich bereits in aller Frühe Träger und Knechte mit Pack-
pferden eingefunden hatten. Freunde und Bekannte aus der Stadt versammelten sich,
um von uns Abschied zu nehmen und uns mit einer geringfügigen, aber herzlich
gemeinten Gabe — dem herkömmlichen Mijage — zu beschenken. Wer nur Erlaubnis
erhalten konnte, kam in die Faktorei, und eine Menge Volkes drängte sich aus Neu-
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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gierde und freundschaftlichem Interesse nach der Jedostrafse, wo der Eingang derselben
liegt. Der Zug brach endlich auf. Träger und Pferde bildeten den Vortrab. Wir folgten
und gingen, stattlich gekleidet, unter dem Geleit unserer Landsleute und vieler japanischen
Beamten und Offiziere hinter den Sänften einher, die uns feierlich vorangetragen wurden.
Nach einer kurzen Strecke auf dem Hafenplatz O-hato angekommen, nahmen wir
Abschied von unsern zurückbleibenden Landsleuten, bestiegen die Sänften und zogen
mitten durch die Stadt nach dem Tempel Ifukusi. Unsere Abreise nach dem Hofe
ist ein Festtag für die Bewohner von Nagasaki. Die Strafsen, durch die wir kamen
(es sind die Strafsen Soto-ura, O-mura, Hon-ko-sen, Sakura, Kutsu-san und Sin-
daiku), und ihre Häuser waren mit Zuschauern angefüllt, die uns höflich begrüfsten
und Glückwünsche zuriefen. Bei dem Tempel Ifukusi machte der Zug Halt, und wir
begaben uns mit unsern Begleitern in eine Halle desselben; diese, um sich dem
Schutze des himmlischen Geistes, Tenzin, anzuempfehlen; wir, um unsere Reise-
gefährten und die Freunde, welche uns bis hierher das Geleit gegeben, nach Landes-
sitte mit Sake zu bewirten. Dieses allgemein beliebte Getränk ist kein gebranntes
Wasser, wofür man es gewöhnlich hält, sondern ein aus Reis gebrautes Bier. Man
trinkt es warm, aus flachen Schalen von lackiertem Holz oder Porzellan, welche man
sich wechselseitig unter steifen Höflichkeitsbezeigungen zureicht und mit besondern
Zuspeisen begleitet. Diese, die sogenannten Sakana, bestehen in getrockneten oder
gesalzenen Fischen und Früchten, in Rettichen und andern Wurzeln, Champignons, Ge-
bäck und Eierspeisen, die in kleine Stückchen geschnitten und in zierlicher Ordnung
auf lackierten oder porzellanenen Schüsseln aufgetragen werden. Belustigungen jeder
Art beginnen oder enden meistens mit Sakegelagen.
Unter unsern japanischen Freunden befand sich ein gewisser Sige Dennozin,
Sohn jenes Sige Setsujemon, welcher im Jahre 1776 Thunberg auf der Reise nach
Jedo begleitet hatte. Dennozin erinnerte sich noch lebhaft des berühmten Natur-
forschers. Öfters zeigte er mir in seinem Garten den durch Thunberg aus dem
Hakone- Gebirge mitgebrachten Wacholderbaum, den er, damals ein Jüngling,
hatte pflanzen helfen, und bewahrte mit einer rührenden Anhänglichkeit an den Freund
und Lehrer seines Vaters eine Sammlung durch Thunberg bestimmter Pflanzen als
einen Familienschatz. Er bekleidete ein ansehnliches Amt bei unserer Faktorei, so
wenig empfehlend auch sein Titel Metsuke — Spion — in unsern Ohren klingen mag.
Die Liebhaberei für Pflanzenkunde hatte er von seinem Vater geerbt, und auf meinen
botanischen Exkursionen um Nagasaki war dieser ehrwürdige Mann häufig mein Ge-
fährte. Auch durch seinen amtlichen Einflufs erwies er mir grofse Dienste, und ich
zähle ihn unter die Braven, welche mir während des letzten, traurigen Jahres meines
dortigen Aufenthaltes Beweise von Freundschaft gegeben, die, wenn man sie mit der
Zeit vernehmen wird, auf den japanischen Nationalcharakter das vorteilhafteste Licht
werfen. — Wir tranken recht herzlich Abschied und zogen durch ein Spalier ange-
sehener Leute, welche uns bis hierher gefolgt waren, durch die ländliche Vorstadt
Sakura-baba und längs eines anmutigen Thaies weiter.
Die Landschaft war noch im Winterkleide. Nur einzelne blühende Pflaumen-
bäume (Prunus Mume) und Mispeln1 und die mit Rübensaat bestellten, sich all-
mählich färbenden Felder verkündeten das herannahende Frühjahr, während immer-
1 Mespilus japonica Thunb. (Bifa).
7°
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
grüne Eichen1, Lorbeeren2, Stechpalmen3, wilde Kamelien4, aus entlaubtem
Gebüsche hervorragende Pomeranzenbäume5, noch mit Früchten beladen, einzeln-
stehende Palmen6 und Bambusbüsche7 das Wintergemälde eines gemäfsigten,
mehr südlichen Erdstriches bezeichneten. — Es hatte nachts gefroren und etwas ge-
schneit; aber am Mittag stieg das Thermometer auf 57° Fahrenheit — eine unge-
wöhnlich hohe Temperatur für diese Jahreszeit. Nach einem Durchschnitt von drei
Jahren war am 15. Februar die Temperatur dieser Gegend morgens 41°, mittags
50°, nachts 47°.
Wenn wir unter einem Himmelsstrich von 32° n. B. von Frost, Eis und Schnee
sprechen, wollen wir auf die geographische Lage der japanischen Inseln aufmerksam
machen und auf eine bereits häufig gemachte und neuerdings von Alexander von Hum-
boldt bestätigte Beobachtung hinweisen, dafs nämlich im Vergleiche mit dem westlichen
Europa der asiatische Kontinent sowohl im Osten wie im Innern unter denselben Breite-
graden um vieles kälter ist, auch abgesehen von einer gröfseren oder geringeren Erhebung
über die Meeresfläche. Aber Japan, kann man mir entgegnen, müfste doch, da, wie
bekannt, ein Inselklima milder ist, gerade wärmer sein als die unter derselben Paral-
lele liegenden Länder vom Festlande des westlichen Europas und Asiens? Dies wäre
auch thatsächlich der Fall, wenn nicht das in einem so hohen Grade kalte Festland
von Asien, im Westen und Norden die japanischen und kurilischen Inseln umgebend,
seinen mächtigen Einflufs auf diese ausübte. Die Nähe dieses Festlandes und die zu
gewissen Jahreszeiten von daher wehenden N.- und NW. -Winde bilden die Ursache,
welche die Temperatur dieser Inseln so auffallend herabstimmt, vornehmlich auf der
westlichen und nordwestlichen Seite. Da sinkt am Seestrande unter 32° n. B. das
Thermometer auf 30° bis 29° Fahrh. Wasser gefriert einige Linien dick, und
es fällt Schnee, der einige Tage lang liegen bleibt; unter 36° gefrieren Teiche (der
See Suwa in Sinano) und unter 38° bis 40° n. B. Flüsse, so dafs man darüber gehen
kann. Auf der Insel Tsusima (34° 12' n. B., 1290 15' ö. L. Gr.) gedeiht kein Reis-
bau mehr, bei Mats mae auf Jezo (41° 38' n. B., 140° 2 6' ö. L.) bringt Weizen nur
eine spärliche Ernte, und auf Kap Soja endlich (45° 2T n. B., 142° 49' ö. L.) ziehen sich
die rohen, abgehärteten Aino in Höhlenwohnungen zurück, um sich der Strenge des
Winters zu erwehren. Dagegen erfreuen sich eines milderen Klimas die südöstlichen
und östlichen Küsten, geschützt durch hohe Bergketten, die in nördlicher und nord-
östlicher Richtung die drei grofsen Inseln Kiusiu, Sikoku und Nippon durchziehen.
Da kommen von 31° bis 34° n. Br. schon Palmen, Musen, Scitamineen, Myrten,
Melastomen, Bignonien u. dgl. Südpflanzen fort, und an einigen Stellen gedeiht das
Zuckerrohr und liefert Reis eine zweimalige Ernte im Jahre; ja die Gegend um Sendai
auf der Ostküste von Nippon (38° 16' n. B., 140° 56' ö. L.) ist so fruchtbar an
Reis, dafs diese Landschaft, obgleich die nördlichste, die Vorratskammer von Jedo,
1 Quercus glauca Thunb. (Ara kasi), Q_. acuta Thunb. (Aka kasi).
2 Persea indica Spr. (Inu gusu), Tetranthera glauca Wall. (Siro tamu), T. japonica Spr. (Hama
bifa), Cinnamomum pedanculatum Ne es (Jabu nikkei).
3 Ilex latifolia Thunb. (Tarajo I. integra), Thunb. (Motsinold), I. rotunda Thunb. (Tori raotsi), I. Siroki,
4 Camellia japonica L. (Tsubaki), C. Sasan kua Thunb.
5 Citrus Daidai ( = C. Aurantium, L.).
6 Chamserops excelsa Thunb. (Sjurö), Cycas revoluta Thunb. (Sotets).
7 Bambusa Matake, B. Möso, Ludolfia glaucescens Willd. (Kin mei tsiku).
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
71
der volkreichsten Stadt Japans, genannt wird. Dieser Unterschied der Temperatur
auf der West- und Ostküste Japans zeigt sich am auffallendsten während der kälteren
Jahreszeit, in den Monaten Januar und Februar. Wir finden da, z. B. auf Dezima
(320 45' n. B., 1290 5T ö. L.) 450 Fahrh. und zu Jedo (350 4T n. B., 1 3 90 42°
ö. L.) 56° Fahrh.; also unter einem beinahe 30 mehr nördlich, aber 90 5' östlicher
gelegenen Erdstrich eine um ii° höhere Temperatur. Aber während dieser zwei
Wintermonate, aus deren Beobachtung diese Resultate gezogen sind, waren auch die
dem asiatischen Festlande zugekehrten Küsten 37 Tage lang einem kalten W.-,
NW.- und N.-Wind ausgesetzt. Aus diesem Umstande läfst sich nun auch die
Erscheinung erklären, dafs auf der Westküste von Nippon unter dem 36.° dasWeifse
Gebirg (Siro-jama) schon auf einer Seehöhe von etwa 2500 Metern mit ewigem
Schnee bedeckt ist, während, kaum einen Grad südlicher, auf der Südostküste der
Eusiberg mit seinem 3793 Meter hohen Gipfel monatelang unbeschneit emporragt.
In der heifsesten Jahreszeit, im Juli und August, wo die S.- und SO. -Winde
vorherrschen, hebt sich dieses Mifsverhältnis der Temperatur zu der geographischen
Breite der Orte, und auf Dezima ist der mittlere Thermometerstand 79° und zu Jedo
76° Fahrh. Auf den S.- und SO. -Küsten, die jetzt von den Winden bestrichen werden,
steht das Thermometer selten höher als 85°; an den S.- und SW.- Küsten von Kiusiu
jedoch, besonders in den vor Winden geschützten Baien, oft auf 90 0 bis 98°, ja zu-
weilen auf ioo° Fahrh.
Soviel im allgemeinen über das Klima der japanischen Inseln, um unsere Leser
vorläufig damit bekannt zu machen.
Eine Tannenallee führt an den Fufs des steilen Nagasakitöge, auf dessen Koppe,
Sintöge, eine Herberge liegt, die wir bald erreichten. Die Gebirge der Umgegend von
Nagasaki, wie überhaupt der SW. -Teil von Kiusiu, sind vulkanischer Formation. Am
Fufse des genannten Berges beobachtete Herr Bürger Porphyrschiefer, auf dem Gipfel
Basaltkuppen von porphyrartiger Struktur und mit Hornblende gemengt.
Das Gehölz dieser Gegend bilden Eichen1 und Lorbeerarten, Cypressen, Lebens-
bäume2, Ahorne3, Myrten4, Stechpalmen, Aralien5, Reben6 und Himbeersträuche7, die
Eurya8, Deutzia9, Ligustrum10, Viburnum11 und mehrere Elaeagnusarten12 bis auf eine
Seehöhe von 300 bis 350 Meter, wo sich dann Kiefern, Heidelbeeren, Andromeden
und Azaleen darunter mengen13.
Auf der andern Seite des Passes öffnet sich auf dem Hinabwege bald eine weite
1 Aufser den schon erwähnten noch Quercus Konara und Q. Nara, Q_. serrata Thunb. (Kanugi).
2 Cupressus japonica Thunb. (Sugi), Thuja Hinoki.
3 Acer septemlobum Thunb. (Monhzi).
4 Myrtus laevis Thunb. (Kuroki).
5 Aralia pentaphylla Thunb. (Ukogi), A. japonica Thunb. (Jatste), A. sinensis L. (Dara), A. Mitste.
6 Vitis flexuosa Thunb . (Jebitsuru), V. Jamabudö, Cissus Tsuta.
7 Rubus palmatus Thunb. (Ko -itsigo), R. molucanus L. (Fuju-itsigo), R. trifidus Thunb. (Kadsi-itsigo) etc.
8 Eurya japonica Thunb. (Hisa-kaki), E. montana Sieb, et Zuec.
9 Deutzia scabra Thunb., D. crenata (Utsuki).
10 Ligustrum japonicum Thunb. (Nezumi rnotsi), L. Ibota.
11 Viburnum macrophylhim Thunb. (Haksati bok), V. dilatatum Thunb. (Gamazumi).
12 Elaeagnus pungens Thunb. (Natsu-gumi), E. glabra Thunb. (Jama-gumi).
13 Pinus silvestris L. ?, Vaccinium ciliatum 'Thunb. (Hana-kirinoki) , V. bracteatum Thunb.
(Wakurawa), V. Jairtpm Thunb. (Iwa-nasi) Andromeda Dödan, Azalea japonica A. Gray (Jama-tsutsuzi).
72
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Aussicht. Rechts zeigt sich der Golf von Simabara, an dessen Strand die anmutigen
Fischerdörfer Hirni und Aha sich befinden, und im Hintergrund der Vulkan Wunzen;
links dehnt sich, von fruchtbaren Hügeln umgeben, die Bai von Omura aus, und
in gerader Richtung vorwärts erhebt sich das Tara-Gebirg, dem sich die Berge O-
i-jama, Kamiki-jama und Kunimi-jama anschliefsen und in doppelter Kette die Land-
schaft Hizen in NW.-Richtung durchziehen. Man konnte das Inselchen Makisima,
welches Aha gegenüber liegt, deutlich sehen. Die Insel hat eine längliche, eiförmige
Gestalt, einige Buchten liegen an der SW. -Seite, und sie erstreckt sich etwa eine Seemeile
lang, von Süden nach Norden. Später (1827) fand ich Gelegenheit, die Lage derselben
vom Berge Mitsjama bei Nagasaki genauer zu bestimmen, wobei sich folgende
Kompafsobservationen ergaben: Die S. -Spitze von Makisima S. 37 0 O., die N. -Spitze
S. 470 O.
Der Wunzendake (der Name bedeutet Pik der heifsen Quellen) war noch bis
zur Hälfte mit Schnee bedeckt und sein Gipfel umwölkt. Dieser noch thätige Feuer-
berg auf der Halbinsel, welche den östlichen Teil von Hizen, den Distrikt Takaku,
bildet und Simabara, Inselgefilde, heilst, liegt beinahe in der Mitte derselben, etwas
nordöstlich, und erhebt sich 1253 Meter über die Meeresfläche. Nur durch eine
niedrige, zwischen Sonogi und Aitsu kaum 1 Ri breite Landenge mit dem Hizen’schen
Distrikte Sonogi zusammenhängend, erstreckt sich diese Halbinsel in nierenförmiger
Gestalt von 32 0 33' bis 320 51' n. B. und von 130° 12' bis 30' ö. L. von Greenw.
und ist etwa 2^4 deutsche Meilen lang und D/4 breit. Die Japaner geben ihre Länge
zu 13 und ihre Breite zu 8 Ri an, verstehen aber darunter die Länge des Weges,
welcher unter Krümmungen über Berg und Thal hinzieht und die entgegengesetzten
Punkte verbindet. Von der erwähnten Landenge an erhebt sich das Land in sanfter
Steigung zu mehreren kegelförmigen Bergspitzen, aus deren Mitte der Wunzendake in
Form einer abgestumpften Pyramide hervorragt. Von der Anhöhe bei dem Fischer-
dorfe Hirni auf der Ostseite des Passes konnte man in der Richtung S. 18 0 O. deut-
lich drei solcher Berggipfel zur Linken und vier zur Rechten unterscheiden, welche,
mit Ausnahme des südlichsten, der platt ist, ganz das Gepräge vulkanischen Ursprungs
an sich tragen. Seit einem fürchterlichen Ausbruch im Jahre 1792 ist der Wunzen-
dake den Bewohnern dieser Gegend ein Schreckbild geworden. Sein schroffes,
wüstes Aussehen, der eingestürzte weite Krater, aus dem fortwährend Rauch und
Dampf ausströmen, die sich zu nebelichten Wolken ansammeln, verkünden weithin,
dafs einst grofse Verheerungen aus diesem Feuerschlunde hervorgegangen und neue
mit jedem Tage zu befürchten sind. Und diese Besorgnis erscheint um so be-
gründeter, wenn man dem Küstenlande, das in zerrissenen Formen diesen Feuerherd
umgiebt, genähert, eingestürzte Bergmassen aus der See hervorragen und neue Krater
da gebildet sieht, wo nicht Landmasse genug vorhanden war, um dem Ausbruche des
im Innern kochenden vulkanischen Fluidums Widerstand zu leisten, und alsbald die
zahlreichen siedheifsen Quellen gewahr wird, die sich rund um den Abhang des Ge-
birges ergiefsen. Die Gefahr neuer Zerstörung wird um so drohender durch die
fortwährenden Erderschütterungen, die oft zu heftigen Erdbeben sich steigern und
von Ausbrüchen alter und neuer Krater begleitet werden.
Erst zu Ende des vorigen Jahrhunderts hat sich, soviel wir geschichtlich wissen,
der Wunzendake thätig gezeigt. Aber ohne Zweifel war er es bereits ein Jahrtaufend
früher; denn unter der Regierung des Mikado Monmu, im Jahre 701, wurde dem
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
73
Geiste dieses Berges eine Kapelle am Seestrande erbaut, worin ihm die Bewohner
der Umgegend die Erstlinge ihrer Ernten zum Opfer brachten. Im Sinne des alten
Kamidienstes konnte eine solche Verehrung nur die Versöhnung des zürnenden Berg-
geistes zum Zwecke haben, was sonach auf vorgeschichtliche Ausbrüche und Ver-
heerungen hindeutet. Doch wir haben den Beweis einer früheren Thätigkeit dieses
Vulkans nicht blofs in den Sagen der Vorzeit oder in den Annalen der neueren
Geschichte zu suchen; ihn liefert die ganze Formation der Halbinsel, und die Ge-
staltung des bei weitem gröfseren Teiles von Kiusiu, mit den zahlreichen, teils er-
loschenen, teils thätigen Vulkanen, wo jährlich noch aus alten und neuen Essen
Ausbrüche stattfinden, spricht dafür. Der Wunzendake ist nur eine der intermittieren-
den Quellen des unterirdischen Feuerstromes, der von den molukkifchen Inseln aus
durch die Philippinen, durch Liukiu und das japanische Inselmeer hinzieht, sich längs
den Kurilen bis nach Kamtschatka erstreckt und in des Nordens ewigem Eise erlischt.
Von dem geschichtlich beglaubigten ersten Ausbruch des Wunzendake im Jahre
1792 läfst sich folgendes berichten. Es war am 18. des ersten Monats des vierten
Kwansei-Jahres (1792), um 5 Uhr nachmittags, als auf einmal der Gipfel des Wunzen
einsank, und Dämpfe und Rauch zum Vorschein kamen. Bald darauf, am 6. des
folgenden Monats, fand ein Ausbruch des am östlichen Hange gelegenen Berges
Bi'wonokubi, etwa ein halb Ri von seinem Gipfel statt. Am 2. des dritten Monats
erfolgte ein heftiges Erdbeben, welches auf ganz Kiusiu gefühlt wurde und Simabara
mit solchen Stöfsen erschütterte, dafs man sich nicht auf seinen Füfsen halten konnte.
Schrecken und Bestürzung waren allgemein. Ein Erdftofs folgte dem andern, und
unaufhörlich warf der Vulkan Steine, Asche und Lava aus, welche meilenweit die
Umgegend verheerten. Am 1. des vierten Monats, um Mittag, erfolgte aufs neue ein
Erdstofs, der sich immer heftiger wiederholte. Die Häuser stürzten ein, und unge-
heuere Felsenmassen, vom Berge herabrollend, zerschmetterten alles, was ihnen im
Wege lag. Unter der Erde und in der Luft liefs sich dem Kanonendonner ähnliches
Krachen hören, als plötzlich, während einer eben eingetretenen Ruhe, da man die
Gefahr vorüber glaubte, ein gewaltsamer Ausbruch des Mjöken-jama am nördlichen
Abhang des Wunzendake erfolgte. Ein grofser Teil dieses Berges sprang in die
Luft, mächtige Felsenmassen stürzten in die See und kochendes Wasser drang ge-
waltsam aus den Spalten des geborstenen Berges und strömte der See zu, die gleich-
zeitig den niederen Strand überschwemmte. Das Zusammentreffen beider Wasser
bewirkte, merkwürdig genug, eine Erscheinung, welche die erste Bestürzung noch
vergröfserte. Es bildeten sich Wasserwirbel, ähnlich den Wasserhosen, welche alles,
worüber sie wegzogen, von Grund aus vernichteten. Die Zerstörung, welche das
Erdbeben und der Ausbruch des Wunzendake mit seinen Nebenessen in diesem Jahre
auf Simabara und der gegenüberliegenden Küste von Higo angerichtet, soll nicht zu
beschreiben gewesen sein. In der Stadt Simabara und ihren Umgebungen waren alle
Gebäude eingestürzt, nur das Castell, dessen Mauern, nach Art der cyklopischen, aus
kolossalen Steinblöcken bestanden, hatte der allgemeinen Zerstörung getrotzt. Die
Küste von Higo war durch die Verheerung so verändert, dafs man sie kaum wieder
erkennen konnte. Dreiundfünfzigtaufend Menfchen follen an jenem Tage verunglückt
fein. Nach folchen Vorfällen mufste der Japaner in Erdbeben und vulkanischen Aus-
brüchen die fürchterlichste der sieben Plagen seines Landes erkennen.
Auch auf Dezima verspürt man fitst jährlich Schwankungen des Bodens. Am
74
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
io. Oktober 1825 schreckte uns ein Erdstofs aus unserer nächtlichen Ruhe, und wiederholte
Erderschütterungen erfolgten am 23. und 24. desselben Monats. Am heftigsten indessen
war das Erdbeben, welches am Abend des 26. Mai 1828 statthatte. Der erfte Stofs,
der wohl eine Minute anhielt, war so heftig, dafs man den Einsturz der Häuser be-
fürchtete, wie denn wirklich die Mauer um Dezima, die übrigens ziemlich schwach
war, an mehreren Stellen zusammenbrach. Die aufgescheuchten Vögel, Raben und
Sperlinge, flatterten im Finftern herum, und ihr Geschrei tönte um so schauerlicher,
da in der ganzen Natur eine Todesstille herrschte; ich habe diese nebst trockener
Luft und heiterem Himmel jedesmal während eines Erdbebens in Japan bemerkt.
Der morastige Kanal, welcher Dezima von der Stadt scheidet, und der Strand gaben
einen ungewöhnlich übeln Geruch von sich, der indessen nicht als Entwickelung unter-
irdischer Gase, sondern als Folge der durch die Erschütterung in grofser Menge frei-
gewordenen Sumpfausdünstung anzunehmen ist. Unbedeutende Erderschütterungen
fühlte man noch die Nacht hindurch. Am heftigsten soll dieses Erdbeben auf der
Insel Amakusa, etwa 8 deutsche Meilen südöstlich von uns, gewesen sein, und wir
erfuhren, dafs man in der Nähe dieser Insel in der See ein einem feuerspeienden
Berge ähnliches Phänomen beobachtet habe. Zu gleicher Zeit stürzte auf der Insel
Takarasima, etwa 40 deutsche Meilen SW. von Nagasaki, eine Steinkohlengrube ein,
und auf dem Kap Nomo, etwa 4 deutsche Meilen von uns, rollte ein steinerner Götze
von einem Hügel ins Thal hinab. Auch der Wunzendake zeigte Bewegungen. Den
ganzen Sommer über hielten leichte Erschütterungen an, wiederholte Eruptionen des
Wunzen fanden statt, und es erfolgten heftige Ausbrüche des Feuerberges Aso in der
Landschaft Higo (320 48' n. B., 1 3 1 0 30' ö. L. v. Gr.) und des Mitake auf dem Insel-
chen Sakurasima in der Landschaft Satsuma (310 36' n. B., 13 1° 40' ö. L. v. Gr.).
Selbst auf Nippon, und zwar in der Stadt Jedo und deren Umgegend, also in der Nähe
des erloschenen Vulkans Fusi und des noch thätigen Asama-jama (in der Parallele des
350 und 370 n. B. und unter 1 3 9 0 30' ö. L. v. Gr.) wurden starke Erdstöfse gefühlt.
Wir können sonach in einer Ausdehnung von mehr als 8 Länge- und 7 Breitegraden eine
gleichzeitige Äufserung vulkanischer Thätigkeit nachweisen, welche, wenn uns alle
Ereignisse längs der oben bezeichneten Reihe von Feuerbehältern bekannt wären, sich
wohl noch weiter verfolgen liefse. Dafs auf Kamtschatka im Jahre 1828 ein Ausbruch
des Awatscha statthatte, mag hier Erwähnung finden. Nach einer Bemerkung, die
mir glaubwürdige Japaner mitteilten, treten vulkanische Ausbrüche meistenteils um
die Zeit der Springflut ein, und auf Erdbeben und Eruptionen folgt jederzeit eine
Überschwemmung durch ungewöhnlich hohe Flut. Auch will man bei Erdbeben ein
dumpfes unterirdisches Getöse, ähnlich dem Heulen des Sturmes, bemerkt haben.
Schwefelige und salpeterige Dämpfe wird man bei gewöhnlichen Erderschütterungen
nicht gewahr. Dafs man auch auf den Schiffen Erdbeben fühlt, ist auch in Japan eine
ausgemachte Sache. Die japanischen Wetterpropheten wollen nach der Tageszeit, wo
das Erdbeben eintritt, atmosphärische Veränderungen mit Zuverlässigkeit Voraussagen;
so soll z. B. ein Erdbeben um 12 Uhr mittags oder um Mitternacht Seuchen, um
2 und 6 Uhr nach Mitternacht Sturm, um 4 und 8 Uhr morgens und abends trockene
Witterung verkünden. Der einfältige Landmann glaubt lest daran, während er die
Ursache der Erschütterung einem riesigen Walfisch zuschreibt, der so gewaltig gegen
die Küste anschlage. Was übrigens die Ansichten der wissenschaftlich gebildeten
Japaner von dergleichen Naturerscheinungen angeht, erkennen sie, nach der chinesi-
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826
75
sehen Naturphilosophie, darin einen Kampf der ätherischen Stoffe mit den irdischen,
und erst in neuerer Zeit hat unsere wissenschaftliche Theorie bei ihnen Eingang
gefunden.
Aus den erwähnten Mitteilungen meiner Schüler will ich hier noch einiges über
die Lage und das Vorkommen der vorzüglichsten heifsen Quellen des Wunzen und
einiger andern Vulkane auf Kiusiu folgen lassen, und dazu die Resultate der Unter-
suchungen, welche Herr Bürger über die Eigenschaften und Bestandteile der Mineral-
wässer angestellt hat, anführen.
Die heifse Quelle Ko-dsigoku, d. h. die kleine Hölle, am südlichen Abhang des
Wunzendake, auf einer Seehöhe von 538 Meter, sprudelt an einer Stelle von beiläufig
20 [J Ken (1 Ken = 1,8182 Meter) in mehreren Strahlen, mit Geräusch und Blasen
werfend, aus dem felsigen Boden hervor, und stürzt sich, ohne irgend ein Becken zu
bilden, in einzelnen Rinnen den Abhang des Berges hinab. Dafs das hervorsprudelnde
Wasser den Siedpunkt hat, beweist der von meinen Schülern angestellte Versuch, Eier
in wenig Minuten darin hart zu kochen. An der Quelle sieht das Wasser gelblich
aus, was von dem Niederschlag von Eisenoxydhydrat, womit die Steine bedeckt sind,
herrührt. Das Gras umher war dürr und hatte ein verbranntes Aussehen. Die
Farbe des an der Quelle geschöpften und einige Tage in Porzellankrügen auf be-
wahrten Wassers war vom gewöhnlichen reinen nicht verschieden und krystallhell,
der Geruch eisenhaltig, der Geschmack herb, zusammenziehend, tintenartig; das speci-
fische Gewicht 1,010. Aus den mit Reagentien angestellten Versuchen ging hervor,
dafs in diesem Wasser kohlensaures Eisenoxydul, Schwefelsäure und ein wenig Salz-
säure enthalten ist; es gehört sonach zu den Stahlwässern.
Am nördlichen Abhang des Wunzendake entspringt die Quelle O-dsigoku (die
grofse Hölle) auf einer Seehöhe von 562 Meter. Die Stelle ihres Ursprungs ist be-
deutend gröfser als die der ebenerwähnten südlichen Quelle, und mehrere hundert
Strahlen siedheifsen Wassers kommen aus dem felsigen Boden zum Vorschein. Die
im Wasser liegenden Steine sind ebenfalls mit Eisenoxydhydrat belegt; auch findet
man hin und wieder einen Ansatz von Schwefel. Die Pflanzen und Gebüsche in der
Nähe sehen schwarz, wie verbrannt, aus. Das Wasser ist weifs, durchscheinend, der
Geruch eisenartig, der Geschmack stark zusammenziehend, säuerlich tintenartig, das
specifische Gewicht 1,015. Ei diesem Wasser ist, wie aus einer qualitativen Analyse
hervorging, das Eisen durch Schwefelsäure aufgelöst enthalten, und vorwaltendes
schwefelsaures Eisenoxydul macht in Verbindung mit andern gewöhnlichen schwefel-
sauren und etwas salzsauren Salzen dessen Bestandteile aus. Es gehört daher als
Eisenwasser zu den Vitriol- oder Alaunwässern. — Berüchtigt wurden diese beiden
Höllen in den Tagen der Christenverfolgung, wo sie zur Marterbank der im Glauben
beharrenden Japaner dienen mufsten.
Am Fufse des Wunzendake, dicht am östlichen Strande von Simabara, befindet
sich noch eine durch ihre Heilkraft berühmte Quelle, welche nach dem nahe gelegenen
Fischerdorfe Wobama- genannt wird. Sie ist eine einzelne Quelle und hat das Eigen-
tümliche, dafs sie zur Zeit der Flut von der See bedeckt wird. Ohne Geräusch und
Aufwallung quillt sie aus dem steinigen Boden und wird von da in eine nahe Bade-
anstalt geleitet. Ihre Temperatur ist etwa 90 0 Fahrh. (25,78° R.), die Farbe klar
und durchsichtig wie reines Wasser. Sie hat keinen Geruch, wohl aber stark salzigen
Geschmack, Das specifische Gewicht ist 1,035. Nach der Untersuchung des Herrn
76
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Bürger ist diese Quelle eine salinische, da sie nur schwefelsaure und salzsaure Salze
aufgelöst enthält.
Von den heifsen Quellen des Vulkans Aso in der Landschaft Higo sind uns
nachfolgende bekannt geworden:
Die Quelle von Totsino-ki d. h. unter den Kastanienbäumen. Sie entspringt
am westlichen Abhang dieses Vulkans, quillt ruhig, nur spärlich Blasen werfend, aus
dem felsigen Boden und sammelt sich in einem Behälter, aus dem sie zu einer nahen
Badeanstalt geleitet wird. Die Temperatur des hervorquellenden Wassers, welches
vollkommen klar, geschmack- und geruchlos ist, steht nicht viel höher als die er-
wähnte Bädertemperatur von etwa 90 0 Fahrh. Die Fassung des einige Fufs tiefen
Behälters ist dick mit kohlensaurem Kalk bedeckt, und das Wasser enthält, wie sich
aus der Analyse ergab, vorzüglich schwefelsaure und Spuren von salzsauren Salzen.
Die Quelle Dsigoku oder die Hölle, eine sehr heifse Quelle am westlichen Ab-
hang des Aso-jama, entspringt unweit der vorigen an einer felsigen Stelle von etwa
10 Ken Umfang, wo sie in mehreren Strahlen, siedheifs und eine Menge Blasen
werfend, hervorsprudelt. Sie soll in ihrer äufseren Erscheinung, sowie in ihren phy-
sischen Eigenschaften mit der Quelle O-dsigoku am Wunzen übereinstimmen, wie
denn auch die Analyse ähnliche Bestandteile des Wassers, nämlich schwefelsaures
Eisenoxydul in Verbindung mit schwefelsauren und einer geringen Quantität salzsaurer
Salze, aufweist.
Die Quelle Taruki-tama, d. h. Krystall vom (Dorfe) Taruki, befindet sich am
südlichen Abhang des Aso, in der Nähe des Dorfes Taruki, wohin sie in eine Bade-
anstalt geleitet wird. Sie kommt ohne Geräusch und Blasen zum Vorschein, hat die
gewöhnliche Bädertemperatur und einen säuerlich tintenartigen Geschmack, enthält
schwefelsaures Eisenoxydul und etwas Schwefel- und salzsaure Salze, und ist also
ebenfalls ein Stahlwasser.
Die Quelle zu Juno-tani. Sie entspringt am Fufse des Vulkans Aso, im Dorfe
Juno-tani, d. h. dem Thale der warmen Quelle, ist siedheifs, von tintenartigem
Geschmack und enthält schwefelsaures Eisenoxydul in den gewöhnlichen Verbin-
dungen der beschriebenen Quellen des Aso. Die im Dorfe errichtete Badeanstalt
wird häufig besucht.
In der Nähe dieses Feuerberges, in den nicht weit voneinander gelegenen Ort-
schaften Jamaja, Tsimura und Hirajama befinden sich noch mehrere Heilquellen,
welche Schwefel- und salzsaure Salze enthalten. Auch das Bad O barna am Strande
von Higo, welches blofs lauwarm und ein gewöhnliches Quellwasser ist, das etwas
Erdsalze aufgelöst enthält, wird zur Sommerzeit häufig besucht.
Vom Vulkan Kirisima entstehen zwei warme Quellen: Die Heilquelle des
Dorfes Iwotani (Schwefelthal), am südöstlichen Fufse des Kirisima, die in der Nähe
eines Bergbaches, wahrscheinlich eines Armes des Iwagawa, siedheifs mit Brausen
hervorbricht, einen eisenartigen Geruch, zusammenziehenden Nachgeschmack und ähn-
liche Bestandteile wie die Stahlwässer des Aso hat, und in deren Umgebung sich viel
Eisenvitriol absetzt, und die Quelle Dönoju (Tempelbad) am Abhang des Kirisima,
an einer mit Bambus bewachsenen Stelle. Sie ist lauwarm und zeigt blofs schwache
Spuren von Schwefel- und salzsauren Salzen. Mehrere ihrer Heilkräfte wegen be-
rühmte warme Quellen befinden sich noch am Fufse des Feuerberges Mitake auf dem
Inselchen Sakura sima im Süden der Landschaft Satsuma, desgleichen in der Land-
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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schaft Bungo, in der Nähe des noch thätigen Tsurumi-jama und des erloschenen Juno-
jama. Die Heilquellen von Uresino und Take wo in Hizen werden wir, da wir sie
in kurzem selbst besuchen, an Ort und Stelle näher beschreiben.
Es war ein stiller, heiterer Wintertag. Um die schöne Aussicht freier zu ge-
niefsen, legten wir eine grofse Strecke des Weges zu Fufs zurück. Unsere Begleiter,
die beiden Unterbanjosten und einige Dolmetscher, sahen es ungern, da sie, anstands-
halber uns Gesellschaft leistend, auf die Gemächlichkeit ihrer Sänften verzichten
mufsten. Man konnte ihnen ansehen, dafs sie recht müde wurden. Als wir Jagami,
wo unser Mittagsmahl angesagt war, vor uns hatten, ersuchten sie uns höflich, unsere
Sänften zu besteigen, mit der Bemerkung, ein Einzug zu Fufs schicke sich nicht für
Herren unseres Standes. Schon vor dem Dorfe kam uns der Wirt oder, wie ihn die
Dolmetscher nannten, der Hospes entgegen und empfing uns unter einer Menge von
Bücklingen und Höflichkeitsbezeigungen, welche letztere sich indessen blofs auf die
oftmalig wiederholte Silbe He! und ein zischendes Atemholen beschränkten, worauf
er in geschäftigem Trabe dem Zuge vorauseilte, um uns an der Pforte eines Buddha-
tempels, den man in Ermanglung eines anständigen Gasthauses zu unserm Empfang
eingerichtet hatte, aufs neue zu bewillkommen. Bereits unterwegs hatten wir bemerkt,
dafs die Landstrafse erst kürzlich ausgebessert worden war; im Dorfe fanden wir
den Weg gekehrt und nach dem Tempel hin frisch mit Sand bestreut, und kleine
zugespitzte Sandhaufen waren zu beiden Seiten des Tempelthores errichtet. Wir
traten in ein geräumiges Seitenzimmer des Tempels, das mit neuen Matten belegt
war, und waren nicht unangenehm überrascht durch eine ganz nach europäischem
Geschmack gedeckte Tafel, Stühle und andere uns wohlbekannte Geräte, die mit
den Quartiermachern der Gesandtschaft gewöhnlich vorausgehen. Wir fanden uns wie
zu Hause. Es liefsen darauf die Priester sich anmelden und sandten nach Landessitte
ein kleines Geschenk, zierliches Zuckergebäck, das auf eigentümlichen, einfach aus
Cedernholz verfertigten Täfelchen (Kasi bon) vorgesetzt wurde.
Die Priester dieses Tempels waren von der Sekte Ikko-sju. Sie hatten, wie alle
Buddhapriester, kahlgeschorne Köpfe und trugen schwarze Röcke mit langen weiten
Ärmeln, um die Hüften mit einem Stricke gegürtet. Ihre Sekte, die auch Sjödo sin-
sju d. i. neue Sekte des Sjödo liehst, ist die aufgeklärteste, beliebteste und zahlreichste
in Japan. Ihr Stifter, der Bonze Sinran, war ein Japaner aus einer angesehenen Familie
(geb. 1174, gest. 1264), der sich früher zum Glauben der Sekte Tendai bekannt
hatte. Die Priester der Sekte Ikko-sju, wie auch die Jama-busi oder Bergpilger,
sind die einzigen der buddhistischen Sekten, denen das Heiraten und der Genufs des
Fleisches erlaubt ist.
Die innere Einrichtung der Ikko-sju Tempel ist sehr einfach. Mehrere, gewöhn-
lich drei bis fünf an einander stofsende Säle, durch Schiebthüren verschliefsbar und
mit Binsenmatten belegt, bilden eine Halle, worin, dem Eingang gegenüber, oft auch
auf der linken Seite, der zierlich geschnitzte Altar steht, dessen Platz aufser der Zeit
des Gottesdienstes durch ein Gitter verschlossen wird wie in katholischen Kirchen
der Chor. Auf dem Altar steht eine Art Tabernakel, Butsdan oder Gottessitz ge-
nannt, worin hinter einem Vorhänge auf einem vergoldeten, die heilige Lotusblume
vorstehenden Fufsgestell ein vergoldetes Bild des himmlischen Amida thront. Zu beiden
Seiten stehen kleine Epitaphien, Ihai genannt, die in Goldschrift den Namen des Stifters
des Tempels oder sonst um die Religion verdienter Personen tragen, und auf eigen-
7§
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
tümlichen rot lackierten Opfertischen von geschmackvollem Schnitzwerk werden dem
Amidabilde Opfer vorgesetzt. Sie bestehen meistens in vegetabilischen Efswaren, be-
sonders in Reis und Reiskuchen, aber auch in Rauchkerzchen und Blumen. Zu den
Seiten des Hauptaltars befinden sich gewöhnlich zwei Nebenaltäre, die hier sehr ein-
fach waren. Links — die Ehrenseite bei den Japanern — hing das Bildnis des
heiligen Sinran, und ein kleiner Opfertisch mit einer Vase blühender Pflaumen nebst
mehreren Opferschalen voll Reis und anderen Opfergaben standen davor. Rechts
befand sich ein kleineres Butsdan, worin man, wie ich vernahm, ein kostbares Ihai
mit dem Namen eines verstorbenen Kaisers bewahrt, das nur am Jahrestage seines
Hinscheidens dem Volke zur Verehrung gezeigt wird.
Aufserdem bemerkte man gottesdienstliche Bücher (kiö), Schellen (rei) und
andere Schall Werkzeuge (do-bats) auf den gepolsterten Matten, auf denen die Priester
ihr Gebet verrichten, und ein Ewiglicht brannte im Chore. Mit Ausnahme des Bild-
nisses des himmlischen Arnida war keine Spur des Bilderdienstes, in den der niedere
Buddhakultus entartet ist, zu sehen; auch von aufsen trug das Gotteshaus keines der
symbolischen Zerrbilder, die bei andern Sekten so häufig sind. Schlicht und einfach
ist der Kultus dieser Sekte, deren Stifter das grofse Verdienst hat, die durch tausend-
jährigen Mifsbrauch und durch Betrug entstellte Lehre des Buddha gereinigt, und
dem einzigen Gott, wenn auch unter dem uns heidnisch klingenden Namen Amida
— - der Aufnehmende, Helfende, Rettende — , in Japan Tempel errichtet zu haben,
wo nicht verstockte Mönche durch sinnbetäubende Symbole, mystische Ceremonien
und eine Reihe mannigfaltig gestalteter Götzen zum Volke sprechen, sondern
wo ein Weltgeistlicher, bekannt mit den Pflichten des Bürgers und Familien-
vaters, als Freund und Lehrer in die Mitte seiner Brüder tritt und ihr Fürsprecher
bei Gott wird, dem er unter seinem Dache einen irdischen Ruheplatz gebaut, dem
unter seiner Obhut ein gemeinschaftlicher Opferherd lodert. — Die Sekte Ikko-sju
ist daher auch die einzige des Buddhakultus, w7elche unter dem aufgeklärten Teile der
Nation Achtung genieist, die einzige, merkwürdig genug, welche trotz den Bemühungen
anderer Mönche auch bei den Ainos auf Jezo Eingang gefunden hat. Denkt man sich
den Charakter dieser einfachen Naturmenschen in ihrer unverfälschten Urwüchsigkeit,
unter ihrer patriarchalischen Verfassung lebend, so kann man es nur der Glaubens-
lehre selbst zuschreiben, dafs sie da einen so günstigen Eindruck machte.
Unser Gesandter dankte den Priestern lür ihre Gastfreundschaft und überreichte
ihnen, weil es so herkömmlich, ein kleines Geschenk. Wir hatten uns in Gesellschaft eines
der Dolmetscher das Mittagsmahl munden lassen und setzten nun die Reise nach Isa-
haja fort. Bei unserm Einzug in Jagami hatten sich die Bewohner des Dorfes ver-
sammelt, um die nach dem Hofe ziehenden Holländer zu sehen, und der Zulauf
wurde immer stärker. Die Volksmasse bildete jedoch ein Spalier, durch das wir un-
gehindert fortzogen, nicht wenig erbaut durch ihr stummes Anstaunen und bescheidenes
Benehmen. Gut unterhaltene Alleen und Wege führten längs Reisfeldern und Hügeln
über die Landenge, die im Westen durch die Bai von Omura, im Osten durch die
von Isahaja und im Süden durch die Bucht von Eunatsu gebildet wird, nach Isahaja, wo
wir unter Laternenschein gegen acht Uhr ankamen und gleichfalls in einem Tempel
der erwähnten Buddhasekte untergebracht wurden. Bald nach unserer Ankunft erhielten
wir einen Besuch vom Kuinin und dem Oberdolmetscher, die uns zur ersten Tagreise
Glück wünschten und den Reiseplan für den folgenden Tag besprachen.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
79
Die eben genannten Baien gehören zu dem grofsen Golf von Simabara, dessen
wir bereits öfters erwähnt haben. Die niederländischen Seefahrer zu Anfang des
17. Jahrhunderts bezeichn eten mit diesem Namen den grofsen Meerbusen, der auf
der Westküste von Kiusiu tief ins Land einbiegt und, begrenzt von den Landschaften
Higo, Tsikugo und Hizen, ein weites Becken bildet, das die Halbinsel Simabara, die
Inseln Amakusa, Kami- und Simo-togi, Ojano und Nagasima und noch viele andere
kleine Eilande und Felsen aufnimmt. Die durch die Christenverfolgung in traurigem An-
denken stehende, durch ihren hoben Vulkan, den Wunzendake, weit von der See aus er-
kennbare Halbinsel Simabara gab diesem Golf ihren Namen. Passender würde man den-
selben, da er bei weitem die gröfste Bucht an der Küste von Kiusiu ist, Golf von Kiusiu
nennen, hätte diesen Namen nicht bereits die Bai von Nagasaki erhalten. Einige
Geographen nannten vorzugsweise die Bucht, welche die Westküste von Simabara
mit der Südküste von Hizen bildet, Bai von Simabara und gaben der im Norden von
Simabara sich ausbreitenden Bucht den Namen Bai von Arima, ebenfalls nach einem
auf der Nordostküste von Simabara gelegenen Orte, der bei der erwähnten Christen-
verfolgung zerstört worden ist. Der Name Arima findet sich nicht mehr auf japa-
nischen Originalkarten, und wir wollen ihn, indem wir die ganze Bucht als Golf von
Simabara bezeichnen, hiermit der Vergessenheit übergeben. Um in diesem ausge-
breiteten Meerbusen sich leichter zurechtfinden zu können, glaubte ich, den verschie-
denen kleineren Buchten, welche zu Häfen und Rheden dienen oder zu den Mündungen
bedeutender Flüsse führen, die besonderen Namen geben zu müssen, die man auf der
Karte von Kiusiu verzeichnet finden wird. Es sind die landesüblichen, an die ich mich
streng gehalten habe. Zu den vorzüglichsten dieser Buchten gehören im Norden die
Bucht von Saga, im Osten die von Kumamoto, die Bai von Jatsiro, im Westen die
Bai von Isahaja und die Buchten von Mogi, von Funatsu und Wobama. In die nörd-
lichen und östlichen Buchten des Golfes können gröfsere Schiffe nur durch die Strafse
gelangen, welche vom Kap Hajasaki auf Simabara und vom Kap Tamase-saki der
Insel Amakusa gebildet ward. Im Jahre 1638 am 23. Februar passierte das holländische
Schiff de Rijp, geführt von Nikolaas Koekebakker, diesen Kanal — ■ wohl das einzige
europäische Schiff, das ihn je befuhr, aber leider von den Japanern zur Belagerung
der in der Festung von Simabara eingeschlossenen Christen geprefst.
[16. Febr.] Wir brachen um 7 Uhr auf, setzten über Jeisjo-gawa, ein Flüfs-
chen, das im Taragebirg entspringt und sich bei Isahaja in die See ergiefst, und zogen
den Strand entlang auf einem sehr anmutigen Wege nach der Stadt Omura. Zwischen
Isahaja und dem Weiler Susuda wird viel Thee gebaut, und ganze Felder sind regel-
rnäfsig mit dessen Stauden bepflanzt. Um Nagasaki findet sich zwar auch der Thee-
strauch häufig, aber nicht in förmlichen Pflanzungen, sondern hier und da in einzelnen
Büschen über die Felder zerstreut, oder längs den Rainen in Hecken gezogen.
An der Markunn des Gebietes von Omura erschienen zwTei Offiziere, um die
Gesandtschaft zu begrüfsen und den Zug wreiter zu begleiten. Sie waren im Feldkleide
(Nofuku), trugen zwei Säbel und schwarzlackierte, mit dem Wappen des Fürsten ver-
zierte Kriegshüte (Kassa).
Da wir noch vor dem Mittag in Omura eintrafen, nahmen wir Sonnenhöhe
und stellten Fängenbeobachtungen mit dem Chronometer an.
Die Stadt und Festung Omura liegt nach unsern Beobachtungen unter 32 0
55' 27" n. B. und 130° F ö. F. von Gr een w., unweit der nach ihr benannten Bai.
8o
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Sie ist in 40 Strafsen verteilt und zählt 20 000 Einwohner. Der Fürst Kadsusanos’ke,
welcher ein jährliches Einkommen von 27970 Kok, etwa 335400 Gulden, bezieht,
hält hier sein Hoflager. Der Ort ist besonders wegen der Perlenfischereien berühmt,
wovon der Fürst alleiniger Inhaber ist. Der vorzüglichste Fundort der Perlenmuscheln
in der Bai von Omura soll Utsiumi sein, wo sie in einer Tiefe von 2 — 20 Faden,
angewachsen an Felsen und Gestein, Vorkommen und durch Taucher gefischt werden,
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welche frei oder an einem Seile von einem Boote aus sich in die See stürzen und
mit bewundernswürdiger Fertigkeit die Muscheln aus der Tiefe holen. Man sagt, je
tiefer sie säfsen, um so gröfser seien ihre Perlen. Die Muschel, welche in Japan die
echten Perlen liefert, wird am häufigsten in der Bai von Omura, in der von Owari
und an den Küsten der Fandschaften Ise und Satsuma gefunden und heilst Sode-kai,
Ärmelmuschel, von der eigentümlichen Verlängerung, welche sich am Schlosse befindet.
Auch wird sie von einem Orte in Owari, wro man sie wahrscheinlich zuerst entdeckte
oder fischte, Akoja-kai, Muschel von Akoja, genannt. Sie gehört zur Gattung Mele-
agrina und kommt der M. albina sehr nahe, hat übrigens eine mehr gewölbte Schale
und niemals über drei Zoll im Durchmesser. Sie gleicht sehr viel der kleinen Abart
von M. albina, welche bei den Sundainseln vorkommt und auf den Gesellschaftsinseln
bei Otahiti von Lesson und Garnot gesammelt wurde. Man irrt sich, wrenn man
diese Perlenmuscheln, w7eil sie so klein sind, für junge Individuen hält; in Japan
werden sie niemals gröfser gefunden.
Die Japaner bezeichnen die Perlen im allgemeinen mit dem Namen Kai-no tama,
d. i. Muscheledelsteine, und nennen die im Handel vorkommende beste Art Sin-zju
(chin. Dschin-dschü), was echte Perle bedeutet. Sie unterscheiden zwei Sorten der
echten Perlen, die Gintama oder Silber-Edelsteine — weifse Perlen, und die Kintama
d. i. Gold-Edelsteine — goldgelbe ins Rosenfarbige spielende, w7elche seltener und
wirklich von ausnehmender Schönheit der Farbe und des Glanzes sind, und von der
Gröfse einer kleinen Erbse mit 2 Koban, ungefähr fl. 24, bezahlt werden.
Aufser diesen kommen noch mehrere andere Perlensorten vor, da man in Japan
auch aus verschiedenen anderen Muscheln dergleichen gewinnt, wie aus der Haliotis
tubifera (Awabi), der Venus Hamaguri, Venus Sizimi und einer Art Pinna (Ikai),
deren Perlen meistens ins Grünliche spielen und klein sind. Die Sin-zju sind übrigens
auch in Japan offizinell und werden von chinesischen und japanischen Ärzten bei
Augenleiden, Ohrenschmerzen, Krämpfen und anderen Krankheiten empfohlen.
Die Muscheln speist man roh und gesotten. Ein Aufseher der Perlenfischerei
des Fürsten überraschte uns beim Nachtisch mit einer Schüssel frischer Muscheln,
welche wir roh und gebraten kosteten und schmackhaft fanden. Herr Bürger hatte
dabei das schmerzliche Glück, auf eine Perle von der Gröfse eines Hirsekorns zu
beifsen. Der Aufseher schien sehr erfahren in der Perlenfischerei und versicherte uns,
dafs sich die Perlen meistens zwischen der Membrane und den Muskeln des Mantels
des Tieres, d. i. in dem Teile, womit das Tier an den Schalen festsitzt (die Japaner
nennen ihn Kai-no liasira, Stütze oder Stamm der Muschelschale), fänden, wovon ich
mich auch kürzlich überzeugt habe. Die schönen runden Perlen finden sich
immer an dieser Stelle des Mantels, auch sind die Fischer dieser Sache so gewifs,
dafs sie nur da die Perlen suchen.
In dem niedlichen Hausgarten unseres Wirtes war ein Huflattich, Tussilago, ge-
pflanzt, dessen gröfse glänzende Blätter, die im Winter ausdauern, diese Art zu einer
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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schönen Zierpflanze machen. Ich sandte eine Pflanze davon für den botanischen
Garten nach Dezima, wo sie im Spätherbste blühte. In unserer Flora wird sie als
Tussilago gigantea prangen. Später teilte mir einer meiner Freunde, der Arzt Wuda-
gawa Joan zu Jedo, ein Blatt dieses Riesenhuflattichs mit, das 1 Meter im Durchschnitt
mafs. Gröfser noch sollen sie in der Landschaft Dewa bei Akita werden, und der
japanische Maler Hokusai liefert in seinem Bilderbuche eine Skizze, wie Landleute
unter den grofsen Blättern dieser Pflanze sich vor dem Regen schützen.
Von Omura führt die Strafse Tsiwata längs der Bai am steilen Abhange
einer Hügelreihe bis zum Gohori gawa (Bezirksbache) nahe bei seiner Mündung in
die Bai; er ist ein Waldbach, der, untief, aber bisweilen sehr reifsend, hier in zwei
Armen sich in die See ergiefst. Grofse Basaltsteine sind quer durch das Bett gelegt,
über welche die Träger und Lasttiere hinschreiten; sein linkes Ufer ist durch starke
cyklopische Mauern und mehrere Reihen aus Bambus geflochtener und mit Steinen ge-
füllter Säcke geschützt. Wir genossen eine herrliche Aussicht auf die Bai von Omura und
zogen längs einer meilenlangen Allee von Kirschbäumen — sie führt den Namen Hökon-
hara — durch zwei Dörfer, Jekusiura, wo viele Papiermacher wohnen, und Matsubara, das
durch seine Eisenhämmer berühmt ist und Gewehre, Messer und andere Eisen waren
liefert. Vor einem dieser Dörfer waren mehrere Strohseile, wie man mir sagte, von
den Bergpilgern Jamabusi zur Abwehr ansteckender Krankheiten gezogen. Der religiöse
Gebrauch solcher Schutzseile, Jaku joke-no sime genannt, ist nicht selten; sie waren hier
gegen die Blattern gespannt, welche in der Nachbarschaft herrschten. Im Distrikt Omura
bestehen gegen Ansteckungen dieser Krankheit äufserst strenge Maisregeln, wodurch
derselbe oft ein Jahrzehnt von ihren Verheerungen verschont bleibt. Sobald diese
Seuche in den umliegenden Distrikten um sich greift, wird hier eine strenge Quaran-
täne eingeführt, und, im Falle die Blattern in einer Ortschaft ausbrechen, alles, was
damit behaftet ist, in eine entlegene Gebirgsgegend geschafft und da bis zur voll-
kommenen Heilung verpflegt. Dieser Verbannung zu entgehen, wandern oft ganze
Familien mit ihren Kranken in benachbarte Gebiete aus, um da Obdach und bessere
Pflege zu suchen. Auf einem Spaziergang bei Nagasaki begegnete ich einmal einem
Zuge solcher Rekonvalescenten, die wieder in ihre Heimat zurückkehrten. Es befinden
sich mehrere bejahrte Leute darunter, die auch diese Krankheit gehabt hatten. Sie
sahen alle leidend und kummervoll aus und hatten den gröbsten Teil ihrer Familien
verloren. Abgelegene Inseln, unter andern die Gotöinseln im SW. von Kiusiu, bleiben
oft lang von dieser Seuche verschont. Fafst sie aber an solchen Orten einmal festen
Fufs, dann ist die Verheerung um so schrecklicher, und ich erinnere mich, dafs wir
das von Fischern bewohnte Inselchen Takasima, am Eingang der Bai von Nagasaki,
bis auf einige Greise ganz ausgestorben fanden. Die Blattern, Höso, sind erst gegen die
Mitte des achten Jahrhunderts nach Japan gekommen, wo sie bald durchs ganze Reich
sich verbreiteten und ungeheure Verheerung anrichteten. Nach einer Stelle des japa-
nischen Werkes Wa-sisi brachten Leute, die sich von Kiusiu nach Siraki (oder Sinra, einer
der vier alten Staaten auf der koreanischen Halbinsel) begeben hatten, im Jahre 735 diese
Seuche vom asiatischen Festlande mit herüber. In Städten und Dörfern wird jetzt
allgemein die Vorsich tsmafsregel beobachtet, durch einen an der Thüre ausgesteckten
Bambuswedel anzuzeigen, ■ dafs Blatternkranke im Hause liegen.
Wir übernachteten zu Sonogi, einem Hafenorte an der Omura’schen Bai, von
wo man eine weite Aussicht auf den grofsen Goll geniefst, den die Niederländer, die
v. Sieb old, Nippon I. 2. Aufl. 6
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Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
ehemals (1661) auf ihren Zügen nach dem Hofe gewöhnlich darüber setzten, zuerst die
Bai von Omura genannt haben. Dieser Golf breitet sich in südöstlicher Richtung im
Herzen der Landschaft Hizen aus, ist ungefähr 6 Ri lang und von der Fähre Tokitsu
bis Omura 4 Ri breit und steht im Nordwesten mit der See in Verbindung durch die
Strafse Hariwo-seto, die, kaum V2 Ri breit, durch die Vorgebirge Susaki und Kabuto
saki des Distriktes Sonogi gebildet wird. Vulkanische Gebirge, die sich 350 bis 600
Meter über die Meeresfläche erheben, schliefsen dieses Becken ein, und mehrere kleine
Eilande erheben sich im Südwesten. Die Küste Usino-ura auf einer gröfseren Insel liegt,
gleichsam als Schutzwehr gegen die mit der Flut gewaltsam eindringende See, inner-
halb der erwähnten Strafse. Fruchtbare Reisfelder — angeschwemmtes Land, von
zahlreichen Wasserrinnen und Bergbächen bewässert, säumen, abwechselnd mit Schilf,
Arundo nitida (Josi take), Erianthus Kacmpferi (Masubo suzuki) den Strand, und
Dörfer, Weiler und Fischerwohnungen beleben die Buchten, und zahlreiche Fahrzeuge
pflügen den ruhigen Wasserspiegel. Die Schiffahrt, besonders von Tokitsu nach Sonogi,
ist äufserst lebhaft und begünstigt den Handel von Nagasaki ins Innere von Kiusiu
ungemein. Schade, dafs die Bai, gegen den Strand hin untief, nicht mit gröfseren
Schiffen befahren werden kann.
[17. Febr.] Von Sonogi schlängelt sich der Weg durch ein Thal nach Ninose,
einem Weiler, der seit mehr als einem Jahrhundert berühmt ist wegen eines unge-
heuren Kampherbaumes. Bereits Kämpfer erwähnt diesen im Jahre 1691 und schätzt
seinen Umfang auf sechs Faden. Eine genaue Messung schien mir der Mühe wert,
und meine wackeren Schüler halfen mir den Stamm dicht über der Erde messen.
Sein Umfang betrug 16,884 Meter, was einen Durchschnitt von 5,374 Meter und einen
Flächeninhalt von 22,675 [_] Meter giebt. Er ist ausgehöhlt, wie er es schon zu
Kämpfers Zeit war, und von der südöstlichen Seite ganz offen. Nur ein etwa 8 Fufs
hohes, abgestorbenes Wurzelstück steht noch vor dem Eingang in die Höhlung, welche,
da 8 japanische Matten darin ausgebreitet nebeneinanderliegen können, einen Flächen-
inhalt von 14,577 Q Meter hat. Die Angabe also, dafs fünfzehn Menschen darin stehen
können, ist nicht übertrieben. Die Höhlung zieht sich hoch in den Stamm hinauf,
der indessen noch sehr gesunde, starke Äste und eine weitausgebreitete, dichtbelaubte
Krone hat. Es ift der echte Kampherbaum, Cinnamomum Camphora, wovon in den
südlichen Landschaften Japans der Kampher gewonnen ward. Ein armer alter Mann,
der sich in der Nähe eine Hütte gebaut hatte und durch Erzählungen von diesem
Wunderbaume sich Almosen verdient, belehrte uns, dafs der Baum aus dem Wander-
stabe des in Japan gefeierten Weltweisen Kobodaisi entsprossen sei. Wollen wir diese
Sage auch nicht ganz verbürgen, so ist es doch nicht allein wahrscheinlich, dafs dieser
Riesenbaum aus so alter Zeit, dem achten Jahrhundert, stammt (denn der genannte
Schriftsteller war 774 geboren), sondern es wird selbst annehmbar, wenn wir berück-
sichtigen, dafs er schon vor. mehr als 135 Jahren zu folcher Gröfse gelangt und hohl
wie jetzt war. Die Kampherbäume erreichen ein sehr hohes Alter und wachsen zu
ungeheuerem Umfange des Stammes und der Krone, welch letztere, von fern gesehen,
viel von der Gestalt unserer ehrwürdigen deutschen Eichen hat. Auch einige andere
Bäume Japans sind durch ihre Gröfse in besonderen Ruf gekommen, wie die grofse
Tanne Jatatsi-no matsu in der Landschaft Kai, und die ungeheure Salisburia Ginko in
Kadsusa, die über 10 Fufs im Durchmesser haben soll. Auch die japanische Ceder
(Cupressus japonica) erreicht eine aufserordentliche Dicke; ich sah welche von mehr
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
als 5 Fufs Diameter. Eine treue Abbildung des alten Riesenbaumes von Sonogi folgt
in Fig. 6. Der Stamm war rundum, so weit man an ihn hinaufreichen konnte, mit
Zettelchen voll von Namen, Sprüchen und anderen Inschriften behängen, wozu wir noch
eines in holländischer Sprache fügten. Einer meiner Schüler fchrieb auf Japanisch den
gemessenen Umfang darauf und machte so dem Märchen ein Ende, dafs der Baum
unmefsbar sei, das heilst nicht wegen seiner Dicke, sondern wegen des Abhangs, der
auf der nördlichen und nordöstlichen Seite den Zugang erschwert.
Wir setzten unsere Reise nach Uresino fort und besuchten nach dem Mittagsmahle
seine berühmte Heilquelle. Sie befindet sich am Eufse eines Berges auf einem Gips-
lager und sprudelt in einem darin ausgehauenen, etwa 6 Fufs langen, 2 Fufs tiefen Bassin,
Fig. 6. Der grofse Kampherbaum bei Sonogi.
siedheifs und Blasen werfend, hervor. Auf dem Boden bemerkt man aufwallenden Sand,
worin sich beständig Blasen entwickeln, und die Fassung ist mit einer Decke kohlen-
sauren Kalkes belegt. Das in die Badeanstalt zu leitende Wasser sammelt sich
in einem kleineren, tieferen Behälter an der Seite des Bassin, und das überflüssige
läuft durch einen Abgufs in einen vorbeifliefsenden Bach ab. Die Farbe des Wassers
ist von der des reinen, gewöhnlichen nicht verschieden, vollkommen klar und durch-
sichtig; der Geruch ist schwach, schwefelicht (nicht schwefelwasserstoffartig), der
Geschmack süfslich, das spezifische Gewicht 0,995. Die Temperatur des hervor-
quillenden Wassers ist 74 bis 75° R., und Eier waren in einigen Minuten hart ge-
sotten. Herr Bürger, der diese Quelle chemisch untersuchte, erhielt folgende Resul-
tate: «Kalkwasser verursachte keine Trübung; essigsaures Blei machte es stark opalisieren;
sclwvefelsaures Eisenoxydul bewirkte eine grünliche Farbe; konzentrierte Säuren brachten
keine Luftblasen; Gallustinktur und eisenblausaures Kali keine Veränderung hervor;
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Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
salzsaurer Baryt veranlafste einen starken weifsen Niederschlag und salpetersaures Silber
machte dasselbe opalisieren». Es geht daraus hervor, dafs in diesem Wasser haupt-
sächlich schwefelsaure und etwas salzsaure Salze aufgelöst enthalten sind. Merk-
würdig ist das Vorkommen natürlichen Schwefels in Gipslagern unweit der Quelle.
Die Quelle selbst wie die ganze Badeanstalt und eine beträchtliche Strecke des Baches
waren mit Dampf bedeckt, und alles Laub in der Nähe, namentlich ein grofser Kampher-
baum, gelb gefärbt. In dem Bache, nicht weit vom Einflüsse des heifsen Wassers,
findet sich häufig eine Art Abramis, von den Japanern Hae oder Hai genannt. Weiter
abwärts, etwa 12 bis 16 Meter, wurden folgende Fische gefangen: Cyprinus auratus
(Kin funa), C. auratus, Var. (Kuro funa), C. Siro funa, C. Gobio (Sjö'-toku); Leuciscus
Abura-hae, L. Siro-hae; Cobitis fossilis, Var. (Do sjö); Silurus glanis? (Namadsu)
und Periophthalmus Donbo.
Den Eingeborenen ist es verboten hier zu fischen, da die Fische dem Schutz-
patron der Heilquelle geweiht sind.
Die Badeanstalt ist sehr einfach. Sie besteht aus drei einstöckigen, mit Schindeln
gedeckten Hallen, wovon die zwei gröfseren drei, die kleinere eine Badestube ent-
halten. I11 drei dieser Stuben sind zwei Bäder, in den übrigen nur eins angebracht.
Die Bäder sind ausgemauerte Behälter, sechs Tufs lang und halb so breit, in die man
nach Belieben heifses und kaltes Wasser lassen kann. Gewöhnlich werden sie blofs
mit heifsem gefüllt, das man bis auf die gewünschte Temperatur sich abkühlen läfst.
Am Eingang in die Anstalt steht ein Häuschen für Aufseher und Wächter, und im
Vorhofe ein Gartenhäuschen für die Badegäste. Den Gebrauch der Bäder von Uresino
empfehlen die japanischen Arzte in chronischen Hautkrankheiten und als Nachkur der
Blattern und Masern, bei Schwäche in den Organen der Bewegung — Lähmung, bei
Gicht, Rheumatismus u. dgk, und der niedere Preis von 5 bis 10 Mon für ein Bad
(500 Mon gehen etwa auf einen Gulden) macht es auch dem wenig Bemittelten leicht,
sich ihrer zu bedienen.
Die Umgegend von Uresino trägt, wie die ganze Strecke, die wir zum Teil
schon durchzogen, in starken Zügen das Gepräge vulkanischer Bildung. Kegelförmig
gestaltete Berge begrenzen rundum den Horizont und ragen wie hohe Dome hier und
dort in der Ferne empor, und allenthalben liegen abnorme Felsgebilde zu Tage, die
als ältere und neuere vulkanische Formationen noch deutliche Spuren ihres früher
.flüssigen Zustandes und der gewaltsamen Empordrängung aus der Tiefe zeigen.
Einige Stunden weiter von Uresino liegt der Badeort Tsukasaki, zu dem der
Weg über drei hohe Berge, die man die drei Steigen, San-saka, nennt, führt. Die
heifse Quelle bei Tsukasaki, die auch unter dem Namen Bad von Takewo bekannt
ist und am Fulse des Berges dieses Namens liegt, zeigte im allgemeinen ähnliche
physische und chemische Eigenschaften wie die zu Uresino; nur war ihre Temperatur
blofs 40° R. Das Bassin ist gröfser, und die Badestuben sind bequemer einge-
richtet. Unser Gesandter und wir erhielten die Erlaubnis, im Bade der Fürsten von
Hizen zu baden. Man bediente sich hölzerner Badewannen, in die das Wasser vom
Brunnen getragen wurde. Die Reinlichkeit, welche da herrschte, war zu bewundern
und ging so weit, dafs man das ohnehin #krystallhelle Wasser vorher durch feine
Haarsiebe seihte. Tsukasaki ist ein hübsches Städtchen und wird von vielen Bade-
gästen besucht, da die Heilquelle, welche in ähnlichen Leiden wie die zu Uresino
gebraucht wird, weit wirksamer sein soll. Unterwegs bemerkten wir häufigen Thee-
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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bau und viele Töpferarbeiten. Die Plantagen von Uresino sind durchs ganze Reich
berühmt und liefern einen vorzüglichen grünen Thee. Man bereitet ihn nämlich hier
vorzugsweise durch Wasserdämpfe, wodurch er seine grüne Farbe behält.
Die Porzellanerde, welche man hier wie überhaupt in der Landschaft Hizen
findet, ist von ausgezeichneter Güte. Es ist dieselbe, welche im 16. und 17. Jahr-
hundert das noch heutzutage in Europa beliebte alte japanische Porzellan lieferte. Die
damals blühenden Fabriken sind jedoch gröfstenteils verfallen, da sie gemäfs einem
zwischen der alten Vereinigten Niederländisch-Ostindischen Compagnie und der japa-
nischen Regierung zu Nagasaki bestehenden Kontrakt ihre Waren zu den in früheren
Zeiten festgesetzten Preisen fortliefern mufsten, die später zu gering waren, um gute
Waren dafür liefern zu können. Dafs die Porzellanerde, woraus die feinen Geschirre
gemacht wurden, nicht mehr gefunden werde, ist eine Erdichtung.
[18. Februar.] Wir brachen um 6 Uhr morgens auf und zogen längs weit aus-
gebreiteten Reisfeldern — sie waren stellenweise mit einige Linien dickem Eise be-
deckt — nach dem Dörfchen Takahasi und über Kitakata nach Woda. Wir sahen
heute mehr Vögel als auf den vorhergehenden Tagereisen, w7o wir blofs einige
Finken, Bachstelzen, Amseln, Raben und Sperlinge bemerkt hatten.1 Es waren dies-
mal meistenteils wilde Gänse, Enten und Kraniche, die in der Ebene sich nieder-
gelassen hatten, um auf den unter Wasser stehenden Reisfeldern Nahrung zu suchen.
Auf der Landstrafse überraschte uns die heimische Elster (Kasasai)2, welche sonst in
Japan selten ist. Man nennt sie auch Tsjözen karasu oder koreanische Raben, da sie
gewöhnlich vom asiatischen Festlande aus über Korea nach Japan zieht.
Herr Bürger und ich waren mit einem Banjoosten, dem Dolmetscher Jasitsiro und
einigen meiner Schüler dem Zuge bis nach Woda vorausgegangen, um mit Mufse einen
berühmten geheiligten Baum zu besichtigen. Es ist ein grofser Kampherbaum, welcher
am Eingänge des Dorfes steht und eine weit ausgebreitete, dichtbelaubte Krone hat.
Der Stamm ist bis an die Äste durch eine angebaute hölzerne Kapelle bedeckt, die, dem
gemischten Baustile des Rjö-bu-sintö3 angehörend, reich mit Schnitzwerk versehen
ist und ein ausgeschweiftes Schindeldach hat. Das Tempelchen steht auf Pfosten, die eine
cyklopische Mauerunterlage haben, und eine Steintreppe führt an der Seite ins Innere,
wo man eine dreiköpfige, vielarmige Götterfigur in den Stamm des Baumes einge-
hauen sieht. Vor ihm stehen die gewöhnlichen Opfergeräte, Blumen, Räuchergefäfse
und eine Lampe auf einem einfachen hölzernen Tischchen. Der Batö kwanwon oder
pferdeköpfige Schutzheilige, denn diesen soll das Bild vorstellen, sitzt mit gekreuzten
Beinen auf einer Lotusblume, und aus dem aufrechtstehenden Kopfhaare, gerade auf
dem Scheitel, ragt ein Pferdekopf hervor, der übrigens so unkenntlich ist, dafs er dem
sonst so scharfsehenden Kämpfer als ein Kalbskopf vorkam. Eine Abbildung des Ab-
gottes und des Baumes ist Eig. 7 gegeben. Im Werke Butsu-sjö tsu-wi = Gallerie der
Götterbilder wird derselbe unter den sieben Schutzheiligen angeführt. Er heifst dort
auch Batö kwanwon und ist, wenn auch in der Zahl seiner Arme und in den Symbolen,
1 Unter diesen erkannten wir unsere europäischen Arten als: Fringilla montifringilla (Aosi),
F. montana (Nosuzume), Embriza aureola (Kawarahiwa), Turdus varius (Tsugumi), Motacilla lugu-
bris (Sekiro-sekirei), Corvus corax (Hasibuto-karau), C. frugilegus (Sado-karasu).
2 Garrulus pica (Kasasai).
3 Unter Rjö-bu sintö versteht man die durch Verbindung des Beddhismus mit dem Sintoismus
entstandene Glaubenslehre. Note zur 2. Auflage.
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Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
die sie halten, einige Abweichungen Vorkommen, ohne Zweifel derselbe, den wir in
dem Baume vorfanden. Das genannte Pantheon sagt von ihm: «Der gute Einflufs
und die Nützlichkeit dieses Verehrungswürdigen ist unermefslich, indem er, der Be-
deutung seines Namens nach, namentlich auf der Pferde Wasser und Gras bedacht
ist, und was er übrigens w-eifs, dem nichts gleich ist», und die Mönche legen den
leichtgläubigen Landleuten den Sinn dieser Stelle so eindringlich aus, dafs sie in dem
Pferdeköpfigen den Patron ihrer Pferde erkennen und von allen Seiten her wallfahren,
um für sich und ihre Tiere eine gedruckte Zusicherung seines Beistandes zu holen.
Dieser Hülfs- oder Ablafszettel, welcher nach japanischer Lesart «Batö kwan se won
bu mon bin san sju san» lautet, scheint übrigens seinem Inhalte nach — die Worte
Fig. 7. Die Kapelle des Pferdepatrons zu Woda.
bedeuten: «Das Gesamte vom pferdeköpfigen Schutzpatron, mit gehörigen Abteilungen
in 33 Heften abgefafst» — nur der Titel eines auf den Heiligen bezüglichen Buches
zu sein, der den unwissenden Landleuten gleichsam als Prospektus der Litteratur,
woraus die Mönche heilsamen Rat für ihre Hülfsbedürftigen schöpfen, in die Hand
gegeben wird.
Über dieser Lormel in chinesischer Schrift, welche unter den Buddhisten in Japan
die allgemeine ist, stehen in einem monstranzähnlichen Schilde einige Buchstaben
der alten Pan- oder Landsasschrift, aus welchen ich die Silben ha ja won ka ja ent-
zifferte. Auch auf der Mitte des Zettels steht ein roter Stempel mit dem Landsa-
buchstaben A. Diese alte Schrift der Buddhisten, welche bei den Ghinesen Fandsü,
bei den Tibetanern Hlajik, bei den Mongolen Estrün Ussük heilst und bei den beiden
letzteren Völkern den bestimmteren Namen Landsa oder Landsha hat (Lanka der
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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alte Name von Ceylon), führt in Japan den Namen Sittan. Sie kam mit dem
Buddhakultus dahin und ist noch bei einigen Sekten, namentlich den Singon und
Tendai, wie bei den Schamanen (Schramani) in China, Tibet und der Mongolei ge-
bräuchlich. Selten sind gottesdienstliche Bücher ganz in dieser Schrift abgefafst; nur
einzelne Wörter, Sprüche und Götternamen werden damit bezeichnet und dienen den
Mönchen beim gemeinen Haufen als mystische Aushängschilde tiefer Gottesgelehrtheit.
Die ursprüngliche Form dieser Schrift hat durch vielfältiges Abschreiben von Chinesen,
Tibetanern, Mongolen und Japanern eine bemerkenswerte Veränderung erlitten; ebenso
ihre Aussprache durch Umschreibung mit chinesischen, tibetanischen, mongolischen und
japanischen Schriftzeichen. Man glaubte daher in der Landsaschrift eine vom Dewana-
gari ganz verschiedene und in den von den Tibetanern und Chinesen mit ihren
Schriftzeichen umschriebenen Wörtern einen eigentümlichen Dialekt der Sanskrit-
sprache zu entdecken, welcher sich aus der frühesten Zeit der Trennung der Bud-
dhisten von den Brahmanen herschreibe. Eugene Burnouf hat jedoch die Identität der
Fansprache mit dem Sanskrit bereits nachgewiesen, und bei Vergleichung eines Alpha-
bets der japanischen Sittanbuchstaben mit dem der Fan- oder Landsaschrift der chine-
sischen und tibetanischen Schamanen, welches I. J. Schmidt nach einem chinesischen
Originale mitgeteilt hat, läfst sich die Ähnlichkeit in den Grundzügen dieser Schrift-
arten nicht verkennen, und die Identität der chinesich -tibetanischen und japanischen
Landsaschrift mit dem Dewanagari um so weniger bezweifeln, als das tibetanische
Hlajik und das mongolische Estrün Ussük eine wörtliche Übersetzung des Wortes
Dewanagari (Schrift der reinen Geister) ist, und auch in japanisch-chinesischen Wörter-
büchern Sittan mit ((Buchstabenschrift aus Hindustan» erklärt wird. Unser japa-
nisches Sittan hat jedoch das Eigene, dafs bei ihm die am Dewanagari und dem
chinesisch-tibetanischen Landsa scharf bezeichneten Köpfe in den mehrzügigen Buch-
staben zusammenfliefsen und zwar so, dafs man bei vielen Buchstaben die Köpfe
kaum mehr bemerkt, während sie bei einigen gar nicht Vorkommen. Die Weise, wie
das Sittan von den Japanern geschrieben wird, nämlich in senkrechten Kolumnen von
der Rechten zur Linken, mag zur Verschmelzung der Köpfe mit den Schriftzügen
beigetragen haben.
Man mufs sich jedoch an dieser Schreibweise nicht stofsen. Die Japaner sagen
selbst von ihrem Sittan, dafs die Buchstaben ursprüglich horizontal, von der Rechten
zur Linken, geschrieben wurden; auch hat man Beispiele, dafs die Chinesen waag-
rechte tatarische Schriften senkrecht schreiben. Das Sittansvllabar besteht aus 50 Buch-
staben, gerade wde das Landsa und das Dewanagari. Die Erfindung dieser Schrift
wird dem Buddhisaw^a Rjumjo (Lung meng), dem XIV. Patriarchen des Buddhisten
und Stifter der Sekte Singon (Dsching jan) in Hindustan (starb 212 v. Chr.) zuge-
schrieben. Diese Sekte kam ums Jahr 648 aus Süd-Indien nach China und von da
717 nach Japan und verdankte hier ihre Ausbreitung vorzüglich dem um Religions-
lehre und andere Wissenschaften verdienten Oberpriester Kobodaisi (geboren 775
n. Chr.). I11 dieser Zeit läfst sich die Einführung des Sittan in Japan nachweisen.
Kobodaisi war der Schöpfer des japanischen Syllabars Hirakana, bei dessen Einrichtung
er sich an die Fanbuchstaben gehalten haben soll, gleichwie der tibetanische Schrift-
gelehrte Tongmi Ssambhoda, welcher im Jahre 632 zur Erlernung des Dewanagari
aus Tibet nach Indien gesendet wurde, nach dem Typus der Landsaschrift für sein
Vaterland eine Schrift bildete, welche jetzt unter dem Namen Wudshan, ((Buchstaben
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Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
mit einem Kopie», im Gegensätze des nach dem indischen Bharula geformten Wumin,
«ohne Kopf», als die allgemein gebräuchliche bekannt ist.
Bezüglich des oben erwähnten Schutzheiligen Ba tö kwan won bemerke ich
noch, dafs im dritten Heft des buddhistischen Pantheon, p. 13, noch ein anderes Bild
vorkommt, welches vielarmig, mit ähnlichen symbolischen Geräten als Bogen, Pfeil,
Schwert und Scepter dargestellt ist, aber nur einen Kopf hat, auf dessen Scheitel
gleichfalls ein Pferdekopf aus den aufstrebenden Haaren hervorragt. Es w7ird unter
den «neun Glanzgestirnen» als H6 jao sing oder das «feurig glänzende Gestirn» ange-
führt. Es ist dies die chinesische Benennung des Planeten Mars, in welchem man im
Sinne der Buddhisten, den Jaksibuts (chin. Jo szi fu) oder heilkundigen Gott verehrt.1
Bei Wukumoto besuchten wir eine Steinkohlengrube. Die Kohlen wurden
durch einen Schacht zu Tage gefördert, der als eine 120 Stufen tiefe Treppe sanft
abwärts führt. Es waren Blätterkohlen (Houille feuilletee), welche in dünnen Schichten
mit Schieferthon ab wechselten. Bis auf etwa sechzig Treppen abwärts, denn tiefer
erlaubten uns unsere japanischen Begleiter nicht hinabzusteigen, war die Mächtigkeit
der Schichten unbeträchtlich und betrug nur einige Zoll; tiefer sollen sie jedoch eine
Stärke von mehreren Fufs haben, was man auch aus den gewonnenen Kohlen ent-
nehmen konnte. An mehreren Stellen waren kleine viereckige Schächte zur Wasser-
lösung getrieben, welche zwar langsam, aber auf eine sehr einfache Weise vor sich
geht, indem das Wasser durch einen an einem Hebel befestigten Eimer, wie bei unsern
Ziehbrunnen, aus der Grube geschafft wird. Da die Kohlen von starkem bituminösen
Gehalt sind, werden sie gewöhnlich zu Koks ausgebrannt, was gleich am Fundorte
und in freien Meilern geschieht.
Vor uns im Osten und Nordosten breitet sich eine unabsehbare Ebene mit
Reisfeldern aus; von Nordwest bis Südwest begrenzen die Berge Ten-san, Funa-
jama, Hiagu-dake, Kurofige-jama und das mit Schnee bedeckte Taragebirge den
Gesichtskreis, und im Süden ragt noch immer der Wunzen mit seinem weifsen
Gipfel empor.
Die Landleute waren mit Pflügen der Reisfelder und Ableitung des Wassers
beschäftigt. Man pflügt hier mit Pferden, was in der Gegend von Nagasaki seltener
geschieht, da man dort wegen des bergigen Terrains mehr den Handpflug (Tsudsu-
suki) benützt. Um das Wasser von niederen Reisfeldern in höhere zu schaffen, bedient
man sich eines tragbaren Rades (Midsu-kuruma) mit einer äufserst einlachen Vor-
richtung — ein in der That nützliches Gerät, das wir später noch näher kennen
lernen werden.
Wir kamen über eine grofse steinerne Brücke, die Takabasi des Flusses Taka-
gawa, zogen rechts an der Festung Oki vorbei und hielten Mittag in einem Tempel
zu Usitsu, einem freundlichen Dorfe unweit der See. Der Weg führt bei Rjuwö
an einer Anhöhe vorbei, auf der ein Teich zur Bewässerung der Reisfelder ange-
legt ist. Dergleichen Teiche (Midsu-tame) findet man überall in Landstrichen, wo
viel Reisbau ist. Sie sind gewöhnlich an den Abhängen der Gebirgszüge, auf einer
Seehöhe von 100 bis 250 Meter, an platten, reichlich von Quellen genährten Stellen
angebracht und mit Dämmen und Schleusen versehen. Von den Schleusen führen
Wasserleitungen zu den Reisfeldern, die um so leichter bewässert werden können, da
Im Nippon Pantheon, Tab. IX, Fig. 5, ist eine Abbildung davon gegeben.
1
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
89
sie stufenweise längs den Thälern hinabziehen und in den Ebenen sich ausbreiten.
Solche Wasserbehälter stehen durchgängig unter amtlicher Aufsicht und werden sorg-
fältig unterhalten. Nur mit Erlaubnis der Ortsvorsteher (Soja) darf das benötigte
Wasser abgelassen werden, und ein Pegel (Midsu-hakari) an der Öffnung der
Schleuse dient zur Abmessung des Bedarfs. In einem so volkreichen Lande wie Japan,
wo der Reis die Hauptnahrung bildet, sind dergleichen Mafsregeln nötig, um bei
eintretender Trockenheit dem Mifswachs vorzubeugen. Die Ebene, welche wir heute
durchzogen, ist reichlich von Bächen und Flüssen durchschnitten, welche jedoch nicht
mehr der raschen Bahn, wie die Natur sie angewiesen, folgten, sondern langsam in
den Betten hinrieselten, auf welche eine tausendjährige Kultur sie eingeschränkt hatte.
Wir erreichten nun Saga, die Hauptstadt des Fürstentums Hizen, unter 330 15' n.B.
und 130° 18' ö. L. v. Greenw. Diese grofse, volkreiche Stadt, wohl die ansehnlichste
auf Kiusiu, ist mit ihren Vorstädten 21/2 Ri lang und etwa 1 Ri breit; ihre zahl-
reichen Strafsen durchkreuzen sich regelmäfsig nach den vier Weltgegenden. Die
Hauptstrafse, durch die wir zogen, ist breit und gut unterhalten; die Häuser, teils
Kaufläden, teils von Gewerbsleuten bewohnt, sind jedoch niedrig und unansehnlich.
Mehrere Bäche und Kanäle durchschneiden die Stadt, worunter der grofse Kanal Sen-
dö-no-futsi, d. h. Kanal der Schiffer, welcher von hier aus an 12 deutsche Meilen weit
bis Fukuoka geführt, den Golf von Simabara mit der Nordsee verbindet und den
Binnenhandel von Kiusiu, der in Saga seinen Hauptstapelplatz hat, sehr begünstigt.
Auf der Brücke, welche über diesen Kanal führt, steht eine kolossale eherne Bildsäule
eines Dsizö oder Schutzheiligen, der den Namen Fö kwö wö (Fang kwang wäng),
«Glanz verbreitender König», führt, und, nach dem buddhistischen Pantheon, trame wo
furasi go kok zjö-ziu-sesime tamaü» «Regen fallen und die fünf Getreidearten gedeihen
läfst». — Ein nicht unpassendes Bild für die Brücke eines Kanales, auf dem die
Früchte des Landbaues einer so ausgebreiteten Ebene der Hauptstadt zugeführt
werden.
Der regierende Fürst von Hizen residiert hier in einem Schlosse, das die Stadt
beherrscht. Er stammt aus der alten Familie Nabesima und führt den Titel Matsu-
daira Hizen-no kami. Sein jährliches Einkommen beläuft sich auf etwa 357000 Kokn,
etwa 4284000 Gulden.
Unser Zug durch die Stadt dauerte über eine Stunde. Die Strafsen waren ge-
drängt voll von Zuschauern, unter denen man sehr viele Leute mit zwei Säbeln —
Soldaten und Beamte des Fürsten — bemerkte. Es herrschte übrigens grofse Ordnung,
und die Kreuzwege waren durch Strohseile abgesperrt, hinter welchen die Neugierigen
dichte Spaliere bildeten. An beiden Thoren waren die Wachen ausgerückt und salutierten
mit einem tiefen Bückling, was auf uns, die wir an unsere Truppen unter Gewehr
dachten, einen nicht gerade vorteilhaften Eindruck machte. Die japanischen Krieger
ersetzen indessen den Mangel militärischer Haltung dadurch, dafs sie während der
Dienstaktion ein martialisch-grimmiges Gesicht annehmen, und ihre geharnischten Ritter
tragen sogar statt des Visirs Larven von fürchterlichem Aussehen, die wohl mehr
als der dahinter versteckte Held dem Gegner Schrecken einflöfsen, dem Inhaber aber,
auf ähnliche Art wie in den altgriechischen Schauspielen, unwandelbar den gesetz-
mäfsigen Typus der Tapferkeit verleihen.
Mit einbrechendem Abend durchzogen wir die fruchtbare Ebene von Sakaibara
bis Kansaki, wo wir wieder in einem Tempel der Sekte Ikkosju übernachteten.
9°
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
[19. Februar ] Kansaki ist ein freundlicher Ort von etwa tausend Häusern, in
acht Strafsen geteilt. Er ist ein Ri lang, und diese beträchtliche Länge bei verhält-
nismälsig kleiner Häuserzahl erklärt sich dadurch, dafs diese nur eine doppelte Reihe
bilden, eine Bauart, die allen Dörfern und Flecken eigen ist und sie von Städten,
deren Straften sich durchkreuzen, unterscheidet. Bei unserer Abreise verbreitete sich
das Gerücht, dafs unserm Oberdolmetscher Sinsajemon nächtlicherweile seine Kasse
gestohlen worden sei. Dieses Ereignis machte auf uns einen um so unangenehmeren
Eindruck, da es unsern Zahlmeister betraf, und somit auf dessen Generosität, von der
wir uns manche Bequemlichkeit auf der Reise versprochen hatten, jetzt nicht mehr
zu rechnen war. Öffentlich wurde nichts Näheres über diesen Diebstahl bekannt.
Sinsajemon gestand mir jedoch im Vertrauen, dafs ihm wirklich eine bedeutende Summe
entwendet worden. Seinen Verlust liefs er uns übrigens auf keine Weise fühlen, und
wenn dessen nicht weiter erwähnt wurde, so möchte ich es der Besorgnis zuschreiben,
der Vorfall werde, wenn ruchbar geworden, dem Bestohlenen nur als Nachlässigkeit
ausgelegt werden und ihm am Ende noch eine Strafe zuziehen. — Das ist wenigstens
die japanische bureaukratische Auffassung. — Wir genossen einen herrlichen Morgen bei
einer Temperatur von 48° Fahrh., und es folgte ein schöner Frühlingstag. Zur Rechten
breiteten sich fruchtbare Reisfelder bis an die Ufer des Tsikugogawa aus, der eine natür-
liche Grenze von Hizen und Tsikugo bildet. Er entspringt in den Gebirgen des west-
lichen Teiles von Bungo, durchfliefst, von zahlreichen Bächen genährt, Tsikugo und
ergiefst sich zwischen den Städten Saga und Janagawa unter etwa 33 0 10' n. B. in zwei
Mündungen in den Golf von Simabara. Er ist der gröbste Flufs auf Kiusiu, und
sein Gebiet, welches sich links an das des Janagawa, rechts an das des Kasagawa
bei Saga anschliefst, bildet die ausgebreitetste Tiefebene von Kiusiu und, wenn man
die Ebenen des Jodogawa-Gebietes in der Landschaft Sets, des Sinanogawa in Jetsigo
und des Kisogawa in Owari auf Nippon ausnimmt, wohl selbst von ganz Japans.
Auch soll diese Gegend die fruchtbarste im ganzen Reiche sein, und nach Kämpfers
Urteil würde sie selbst den Vorzug vor dem fruchtbaren Medien verdienen, wenn
Viehzucht und Obstbau hier in gleichem Mafse wfie der Landbau blühten. — Im
Norden ziehen sich die Grenzgebirge von Hizen und Tsikuzen hin, und im Südosten
zeigen sich in weiter Ferne die Spitzen der Bergkette, welche Tsikugo von Bungo und
Higo scheidet. Die Gipfel der höheren Berge waren mit Schnee bedeckt, was unter
einer Breite von etwa 32 — 340 auf eine Höhe von etwa 1200 — 1500 Meter
schliefsen läfst.
Von den Reisfeldern gewinnt man hier eine zweimalige Ernte. Man häuft im
Spätherbst die Erde zu drei Fufs breiten Beeten auf und besät sie in quer laufenden
Zeilen mit Frühgerste, oft auch mit Weizen. Die so besäten Beete erheben sich als
üppige Rasenbänke aus dem überschwemmten Felde und gewähren dem Auge einen
wohlthätigen Ruhepunkt. Die Frühgerste, welche sehr häufig in Japan gebaut wird,
ist eine Art mit nackten Körnern, teils mit zwei-, teils mit sechszeiligen Ähren.1 Sie
reift bereits zu Anfang Juni, und das umgestürzte und durch die Stoppeln und Grün-
düngung mit Nährstoffen bereicherte Land wird dann sogleich mit Reis bepflanzt und
bringt sofort eine zweite Ernte. — An Abhängen und sanften Anhöhen trifft man
hier häufig den Wachsbaum. Es ist das bekannte Rhus succedaneum (Hasenoki),
1 Hordeum hexastichon var. spica flavescente, seminibus nudis. Hordeum vulgare var. spica
purpurascente, seminibus nudis. Sie heifst daher auch Hadaka mugi, d. i. nackte Gerste.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
91
aus dessen Früchten ein Fett geprefst wird, welches, gehörig zubereitet, an Güte dem
Wachse der Bienen nahekommt und allgemein im Lande zu Kerzen verwendet wird.
Bei dem so häufigen Gebrauche der Wachskerzen, denn Talglichter fehlen gänzlich,
macht dieses Baumwachs einen bedeutenden Handelsartikel aus. In neuerer Zeit
wurde es auch ein Artikel der Ausfuhr nach Java und Europa, und der geringe Preis
— etwa 70 Gulden der Zentner — machte es sehr gesucht, zumal die Kaufleute es
für animalisches Wachs hielten. Man erkannte es jedoch bald als ein Pflanzenfett,
das zu Lichtern in der Art, wie wir sie haben, verwendet, viel Qualm von sich gab, und
seitdem ist weniger Nachfrage danach. Die Japaner haben diesen Mifsstand durch die
Struktur ihrer Kerzen beseitigt. Sie nehmen zum Dochte nicht einen aus Baumwollen-
faden gedrehten dichten Körper, sondern einen hohlen Cylinder aus Papier, den sie
mit dem Mark der Binse Juncus effusus (jap. Wi) umwinden, und mit roher Seide,
die sich leicht anhängt, befestigen. Der Qualm zieht sich in den Cylinder und wird
so beim Brennen auf eine ähnliche Weise wie bei den Astrallampen verzehrt. Der
Wachsbaum gedeiht am besten in den südlichen und südöstlichen Landstrichen und
wird gleich unsern Obstbäumen hier und da auf den Feldern in angemessenen Zwischen-
räumen angepflanzt. Er hat, abgesehen von den gefiederten Blättern, welche der
Familie der Terebinthaceen eigen sind, den Habitus und etwa die Gröfse unsers wilden
Apfelbaumes. I111 Spätherbst verliert er seine Blätter, und die Landleute behängen
dann seine Äste dicht mit grofsen Rettichen, die sie zum Einsalzen welken lassen, wo-
durch dergleichen Bäume eine drollige Figur erhalten und von unserm unkundigen
Schiffsvolke nicht selten für Rettichbäume gehalten werden.
Mittlerweile langten wir im Weiler Kokeno an, der durch eine Art Nudeln, aus
Buchweizen bereitet, bei den Reisenden berühmt geworden ist. Es sind dies die Soba-
kiri oder Buchweizenschnitzel, eine sehr nahrhafte Speise, die mit einer Sauce von Söju,
Senf, spanischem Pfeffer und Zwiebeln einen angenehmen Geschmack hat. Die Land-
leute bedienen sich für ihr Getreide hier allgemein einer Art Fegemühle, die ganz nach
Art der unsrigen eingerichtet ist, und ich erinnere mich, gehört zu haben, dafs dieses
nützliche landwirtschaftliche Gerät durch die Niederländer eingeführt worden. Man
nennt es Kometosi, d. i. Gerstensieb, auch Momi-kuruma, Fegemühle. — Wir be-
sahen hier auch eine Getreidemühle, die äufserst einfach gebaut war. Sie besteht aus
einem Schöpfrad, am Ende des Wellbaumes mit einem Kammrad versehen, welches
in ein hölzernes Getriebe, das den Läufer oder obern Mühlstein bekränzt, eingreift
und ihn dreht. Das Getreide wird auf den Läufer, der einen erhabenen Rand hat,
aufgeschüttet, läuft dann durch ein darin befindliches Loch auf den Bodenstein, wird
zwischen beiden Steinen zerrieben und sammelt sich als Schrot in einem Kasten, der
den Bodenstein rund umgiebt. Das Schrot wird hierauf in einem eigenen Kasten ge-
beutelt, und die noch Mehl enthaltende Kleie nochmals gemahlen. Das Gerinne ist
ebenfalls einfach: eine hölzerne Rinne leitet das Wasser auf das oberschlächtiue Rad,
dessen Schöpfer sich füllen und dasselbe bewegen. Das Mühlgebäude ist mit einem
Strohdache gedeckt, und das Mahlwerk steht offen darin. Windmühlen hat man in
Japan nicht, wohl aber Hand- und Rofsmühlen.
Hizen ist berühmt wegen der feinen Porzellanerde, welche daselbst gegraben und
verarbeitet wird. Überall auf den Strafsen sieht man Töpfer mit dem Trocknen ihrer
Geschirre beschäftigt. Sehr einfach und sinnreich sind die Stampfmühlen, worin das
Kaolin (verwitterter Feldspat), ein ziemlich hartes Gestein, feingestolsen wird. Ein
92
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
20 — 25 Fufs langer Baumstamm ist an seinem etwa zwei Fufs dicken unteren Ende
trogförmig ausgehauen und am oberen Ende mit einem Stampfer versehen, der hammer-
förmig, von Holz, und unten mit Eisen beschlagen ist. Der Baum hat an seinem Schwer-
punkt, etwa in der Mitte, eine Axe, worauf er sich, wie eine Baumschaukel, auf und nieder
bewegen läfst. Füllt sich der Trog mit Wasser, so sinkt er, und der am entgegengesetzten
Ende angebrachte Hammer hebt sich so lange in die Höhe, bis der Trog, der durch das ein-
fliefsende Wasser das Übergewicht bekommt, sich entleert und schnell aufwippt, wodurch
der Hammer mit seiner vollen Schwerkraft in einen aus Basalt oder Granit gehauenen
Mörser fällt und die darin befindliche Porzellanerde zermalmt. —
Bei Metabara führt der Weg durch ein anmutiges Tannenwäldchen, welches in
der Ferne aus den flachen noch unbesäten Reisfeldern wie eine Oase im Sandmeere
hervortrat. F11 Dorfe Nakabara, wo wir Halt machten, sah ich ganze Hecken von
Weigela japonica (Mumesaki utsugi), — wohl einer der schönsten Sträucher im Lande.
Auch wuchs da häufig eine Art Hollunder, Sambucus pubescens (Kuzunoki), der un-
serm S. racemosa sehr ähnlich ist. Die jüngeren Blätter der Kampherbäume hatten
vom seitherigen Froste gelitten. Es scheint, dafs dieser Baum den mehr südlichen
Landstrichen angehört. Unweit Tatsiarai zeigte man uns einen Berg, den Tatsiaraitöge, wo
in alter Zeit Räuber gehaust, von denen man uns gräfsliche Geschichten erzählte. Gegen
Mittag erreichten wir Todoroki und nahmen Sonnenhöhe. Eine astronomische Bestimmung
dieses Fleckens ist um so wichtiger, da in seiner Nähe die Grenzen der drei Fürstentümer
Hizen, Tsikuzen und Tsikugo zusammenstofsen. Nach unseren Beobachtungen liegt Todo-
roki unter 330 2T n. B. Herr Bürger und ich waren dem Zuge vorangeeilt, um unge-
störter unsere Beobachtungen anstellen zu können. Doch kaum hatten wir unsere
Sextanten zum Vorschein gebracht, als einige Polizeidiener auf uns zukamen und sich
nach unserem Vorhaben erkundigten. Wir halfen uns diesmal mit der glücklich ge-
fundenen Ausrede, dafs unser Gesandter zur pünktlichen Einhaltung des Reiseplans
uns aufgetragen habe, mittels astronomischer Instrumente jeden Mittag seine Reiseuhr
zu richten. Unsere Beschäftigung erregte die Neugier des Volkes, das uns immer
dichter einschlofs. Es herrschte eine feierliche Stille, und auf den Gesichtern wech-
selten Staunen und Ehrfurcht. Sahen wir doch beständig mit blofsen und bewaffneten
Augen nach der Sonne, dem Gestirne, dessen schöpferische Kraft vergöttert wird, und
später nach ihrem Widerscheine in einem künstlichen Horizont, einem Spiegel, wie
er als Sinnbild der Reinheit auf dem Altar der Sonnengottheit steht. Unser Nori-
mono kam mit dem Chronometer leider zu spät nach, um auch die Länge dieses
Ortes zu bestimmen. Da uns jedoch aus den Mitteilungen der Hofastronomen zu
Jedo die Länge der Städte Saga und Janagawa bekannt ist, und in den japanischen
Wegweisern die Entfernungen der Ortschaften genau angegeben sind, so läfst sich die
Länge von Todoroki auf 130° 30' ansetzen. Die Landschaft wird hier bergiger und
in NW. zieht eine hohe Gebirgskette hin, der Köngen jama, Harijama, Josigawa
take, Sakomorijama, welche die Grenze von Hizen und Tsikuzen bilden.
Von Uresino bis Usitsu bemerkte Herr Bürger Thon und Mergelschiefer, von
Usitsu bis Kansaki Thonflötze mit Steinkohlenlagern in dünnen Schichten, mit Thon-
schiefer wechselnd; von Kansaki bis hierher und weiter bis Dasiro kommt häufig
Feldspat vor, und die Porzellanerde bildet ganze Stücke des Gebirges. Es ist die-
selbe, welche auf der Insel Amakusa in Granitfelsen bricht und ihrer Güte wegen sehr
geschätzt wird.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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Nachdem wir noch ein Ri zurückgelegt, kamen wir zu Dasiro, dem Grenzorte
der Fürstentümer Hizen und Tsikuzen, an. Kaempfer berichtet, dafs das Gebiet dieses
Ortes zu seiner Zeit der Fürst von Tsusima zu Lehen erhalten habe. Das verhält sich
auch wirklich so. Der Bezirk Kii, wozu Dasiro mit 21 Dörfern gehört, wie noch einige
andere Ländereien auf Kiusiu, wurden damals als Domänen eingezogen und dem Fürsten
von Tsusima zu Lehen gegeben, da ihm bei der neuen Reichsverfassung ein jähr-
liches Einkommen von 100,000 Kok zuerkannt war, welche Rente die unfruchtbare
Insel Tsusima, auf der nur wenig Weizen, Hirse und Buchweizen gebaut wird und
kein Reifs gedeiht, nicht aufbringen konnte. Die japanische Politik hat daher diesem
Fürsten nebst dem Alleinhandel mit Korea noch Ländereien auf Kiusiu angewiesen,
um sich der Treue des Inhabers eines Platzes zu versichern, der durch seine Lage
und Verbindung mit Korea gleichsam einen Wachturm gegen etwaige kriegerische
Unternehmungen vom asiatischen Festlande her bildet.
An der Grenzscheide wurde unsere Gesandtschaft von einigen Offizieren des
Fürsten von Tsikuzen bewillkommt, welche uns ferner das Geleit gaben. Das Land
ist hier ebener und sehr fleifsig angebaut. Bei Haruda viel Rübsamen- und Senfbau.
Der japanische Senf ist von vorzüglicher Güte, und sein Geschmack hat viel ' vom
englischen und russischen; möglich, dafs letzterer auch von derselben Pflanzenart,
nämlich Sinapis sinesis (Karasi), gewonnen wird, was insofern wahrscheinlich ist,
als er, wie viele andere Sämereien, aus China über Kiachta in Rufsland eingeführt
worden sein kann.
Seit unserer Abreise von Dezima war mir, aufser ein paar Wieseln und Hasen,
kein wildes Säugetier zu Gesicht gekommen. Heute überraschte mich eine Flufsotter, die
sich dicht vor mir in einen Bach stürzte. Die japanische Flufsotter [Kawa-uso] ist unsere
gemeine Fischotter (Lutra vulgaris, Erxl.), von gleicher Gestalt und Gröfse, nur mit
dem Unterschiede, dafs sie auf dem Rücken dunkler braun ist, und am Bauche, an
der Brust und Kehle die Haare ins Grauliche spielen. Unser japanisches Tier wird
übrigens nicht so dunkelbraun wie die Flufsotter in Kanada (Lutra canadensis,
F. Cuv.), und bildet so eine offenbare Übergangsform der europäischen Art in jene,
welche der nördlichen Halbkugel der neuen Welt angehört. — Der Kawa-uso be-
wohnt die Ufer der Flüsse und Seen und steigt von da in kleinere Bäche. Zuweilen
hält er sich auch an der Seeküste bei den Mündungen grofser Flüsse auf. Er nährt
sich von Fischen, selten von Krabben, ranzt im Januar und wirft ein oder zwei,
selten mehr Junge. Die Fischotterbälge sind ein Artikel der Ausfuhr nach China,
und die chinesischen Kaufleute bezahlen sie mit 4 bis 6 Gulden. Auch die Japaner
verstehen, wie die sibirischen Völker und die Pelzjäger auf den Kurilen und Aleuten,
die Bälge auf eine Weise abzustreifen, dafs nichts daran verschnitten wird, indem sie
vom Maule aus die Haut über den Kopf bis zur Schwanzspitze abziehen. Der Balg
wird mit einer Mischung von Asche, Alaun und Salz gefüllt und an der Luft getrocknet.
Zu Jamaije, wo wir übernachteten, bekamen wir bald die Kuriositäten dieses Ortes
zu sehen, vor allem eine abenteuerliche Mineraliensammlung, die aus verschiedenen, in
den Augen der Japaner seltenen Fossilien bestand, welche in der Umgegend und auf
dem benachbarten Berge Homandake gesammelt worden waren. Sie enthielt unter
andern ungeheure Stücke gemeinen Quarzes, Bergkrystalle und stalaktitische Formen
von weifsem ins Rötliche spielenden Kieselschiefer mit eingesprengtem Roteisenstein
und ein grofses Stück Holzstein, an welchem' sich die Textur und Absonderungs-
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Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
flächen gut erhalten hatten. Auch mehrere Versteinerungen zeigte man uns, wo-
runter einige sogenannte Riukotsu oder Knochenstücke von einem Drachen der Vorwelt
und einen Stein, den man für eine Schildkröte ausgab. Erstere waren Elefantenknochen,
letzterer ein zweifelhaftes Fossil, das durch häufiges Begiefsen ganz verwittert und
unkenntlich geworden war. Denn die in bizarren Gruppen nach japanischem Ge-
schmacke zusammengestellten Gesteine waren eingemauert und bildeten an der Seite des
Zimmers einen Felsenhügel, den man kurz vor der Besichtigung mit einigen Eimern
Wasser begofs, um die Seltenheiten, vom Staube gereinigt, in vollerem Glanze zu zeigen.
Jamaije — der Name bedeutet Berghäuser — liegt 6 Ri östlich von Fukuoka,
der Haupt- und Residenzstadt des Fürstentums Tsikuzen. Die Wohnung, in der wir
übernachteten, war ein dem Fürsten gehörendes Fandhaus, welcher es auf seiner jähr-
lichen Reise nach dem Hofe zu Jedo, sowie auf der Rückkehr, bezieht. Unser
Gesandter bewohnte die Appartements des Fürsten, zwei Zimmer, deren Reinlich-
keit und Nettigkeit fast übertrieben erschien. Das eine Zimmer vertrat die Stelle
eines Antichambre unserer Grofsen und stand durch Schiebthüren mit dem andern,
das zum Wohn- und Schlafraum diente, in Verbindung. Die Wandgesimse und
das Deckengetäfel waren von ausgesuchtem Cedernholze gearbeitet und fein geschliffen,
die Wände äufserst glatt aus Muschelkalk aufgeführt, in dem einen Zimmer pfirsich-
blütfarben, im andern ockergelb. Beide Gemächer wurden durch sechs Schiebthüren
getrennt, die nach aufsen mit geblümtem, nach innen mit Goldpapier überzogen
waren. Sie hatten schwarzlackierte Ränder und statt unserer Schlösser runde Be-
schläge von vergoldeter Bronze. Diese Thüren konnten weggenommen und beide
Zimmer vereinigt werden. Den Fufsboden bedeckten feine gepolsterte, mit damastenen
Rändern besetzte Binsenmatten, und der des Wohnzimmers war etwa einen Fufs
höher. Eine einen halben Fufs dick gepolsterte Matte lag in der Mitte des-
selben und diente dem Fürsten zum Sitze. Die Fenster beider Zimmer waren dem
Fufsboden gleich und nach Landessitte leicht von Holz gearbeitet, die Rahmen braun
lackiert und statt der Glastafeln mit weifsem Papier bespannt. Sie gingen in ein
kleines, geschmackvoll angelegtes Hausgärtchen, in dessen Hintergründe eine kleine
Kapelle (Mi ja) und zwei steinerne Laternen aus dem Gebüsche hervorragten. In
einem Ecke des Antichambre befand sich ein kleines, mit SclmitzwTerk verziertes Ge-
mach, mit einer Thüre nach der Zimmerseite und vergitterten Fensteröffnungen.
Es hatte Ähnlichkeit mit einem Chor in den Kirchen der Nonnenklöster, indem
man wohl hinaus, aber nicht hinein sehen konnte, oder auch mit einem Beichtstühle;
denn in dem kleinen Raume wairde einem sehr enge ums Herz. Dieses eigentümliche
Gemach war für den dienstthuenden Kammerherrn bestimmt, der da ungestört
und ungesehen auf die Winke seines Herrn lauern kann. — Unweit Jamaije ist der
berühmte Wallfahrtsort Dai-sai-fu, dem Ten-man-gu geweiht. Mehrere aus dem Ge-
folge begaben sich noch am Abend unserer Ankunft dahin, um ihre Andacht zu
verrichten.
1 20. Februar.] Ein sehr beschwerlicher Bergweg führt von Jamaije ins Ge-
birge, welches hier unter dem Namen Ikedajama, Hömandake von 300 bis zu
700 Meter, dem Hijamidsu töge (Berg des kalten Wassers) sich erhebt. Am Fufse
des Hömandake wechselt Gneis mit Gips und bildet das Grundgebirg, durch welches
Granit, der in mächtigen Blöcken an den Abhängen der engen Thalsolen hervorragt,
emporsteigt. Der Granit ist von einer sehr schönen, grobkörnigen Art.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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An den gegen Süden und Südost gelegenen Vorbergen hatte die wohlthätige
Sonne bereits einzelne Frühlingsherolde der japanischen Flora hervorgelockt; Veilchen,
Cinerarien, Anemonen, Löwenzahn1, Arum ringens (Musasi afumi), Perdicium tomen-
tosum (Sen-bon-jari) und unsere Luzula2 fingen an zu blühen.
Auf den japanischen Inseln durchläuft, wie bei uns, die Vegetation eine vierfache
Periode, und die Landschaft erscheint jedesmal in einem der Jahreszeit entsprechenden
Gewände. Aber der Wechsel der Jahreszeiten unterscheidet sich dort von dem eines
nördlichen Himmelsstriches dadurch, dafs der Übergang des Sommers in den Herbst
und dieses in den Winter nicht so scharf bezeichnet ist, als der vom Winter zum
Frühling. Denn die unter rauhem Nordwind und Schneegestöber eingeschlummerte
Vegetation erwacht plötzlich, und in wenig Wochen kleidet die Landschaft sich in
ein reizendes Frühlingsgewand. Die erwähnten Frühlingsherolde gesellen sich nun
[Februar | zu den bereits früher [Januar ] in Gärten blühenden Aprikosen (Anzu), Ca-
mellien3, Mispeln und Cornelkirschen; es folgen im März Kerrien, Weigela, Corylopsis4,
Seidelbast, Jasmin, Primeln und Loniceren5, der frühzeitige Stachyurus0, die ameri-
kanische Cercis (Hana zuwo), Hamamelis, Calycanthus und Astragalus7 und zahlreiche
Arten und Spielarten von Pflaumen, Kirschen und Pfirsichen8 und schmücken, durch-
webt von zarten und bunten Blättern der Ahorne9, Haine, Gärten und Hecken. Die
immergrünen Lorbeer-, Stechpalmen-, Myrten- und Eichenarten erneuern im April ihre
Blätter, und zahlreiche Kätzchenbäume vertauschen ihre Blüten gegen Laub. Die
Wälder prangen im mannigfaltigen Gemische dunkeln und hellen Grünes mit hartem
und sanftem Laube, und blühende Azaleen, Deutzien, Euryen, Hydrangeen10, Mag-
nolien und Paeonien11, Viburnum-, Evonymus-, Crataegus- und Rubusarten12 und
die prachtvolle Paulownia13 erheitern den Blick düsterer Cedern und Lebensbäume,
1 Viola Patrinii PC. (Sumire), V. japonica Langsd. (Komarae suiiie), Cineraria japonica Thunb.
(Sawawo guruma), Anemone cernua Thunb. (Sjak masaiko), Taraxacum sinense Dec. (Tanbö).
2 Luzula L. (Suge).
3 Camellia japonica L. (Tsubaki), C Saasan kwa; Erioboihrya japonica Lin dl. (Bifa); Cornus
mascula L. Var. jap. (San sju ju).
4 Kerria japonica Dec. (Jama buki), K. tetrapetala (Siro jamabuki); Diervilla japonica Dec.
(Mumesaki utsugi), D. Coraeensis Dec. (flore albo Siro utsugi, flore rubro Beni utsugi), D. versicolor
(Tani utsugi), D. Hakone (Hakone utsugi); Corylopsis spicata Sieb, et Zucc. (Awo momi).
5 Daphne odora Thunb. (Dsin tsjö ke), D. Gen kwa, D. papyracea Wall. (Mits mata). Jasminum
fruticans L. (Obai), Primula sinensis Lour. (Kakko so), P. cortusioides L. (Sakura so) ; Lonicera chinensis
Wats. (Nintö); Xylostium japonicum Sieb. (Kin gin bok) ; Caprifolium uniflorum?
6 Stachyurus praecox Sieb, et Zucc. (Kifusi).
7 Hamamelis Mansak. Chimonanthus fragrans Lindl. (Robai), Astragalus (Mure suzume).
8 Prunus Mume, Cerasus Sakura, C. Jama sakura, C. Ito sakura, C. Hikan sakura; Amygdalus
persica (Momo).
9 Acer septemlobum Thunb. (Momizi), A. japonicum Thunb. (Mei gets momizi), A. dissectum Thunb.
10 Azalea indica L. (Tsudsusi), A. Jodogawa, A. japonica (Jama tsudsusi). Deutzia crenata Sieb, et Zucc.,
D. scabra Thunb. (Utsugi), D. gracilis Sieb, et Zucc. (Hirne utsugi). Eurya japonica Thunb. (Fisa kaki),
E. multiflora Sieb., E. littoralis Sieb, et Zucc. (Iso fisakaki). Hydrangea virens Thunb. (Jama dösin),
H. hirta Sieb. (Jama asisai), H. paniculata Sieb. (Norino ki), H. Thunbergi (Ama tsja), PI. acuminata.
11 Magnolia obovata Thunb. (Mokren), M. Hönoki, M. Ivobus DC., Paeonia albiflora Pall. (Jama sjakjak).
12 Viburnum plicatum Thunb. (Temari), V. macrophyllum Thunb. (Hak san bok), V. dilatatum
'Thunb. (Gama zumi). Evonymus Thunbergianus BL, E. Sieboldianus Bl. (Nisiki gi), E. Tsuri bann.
Crataegus glabra Thunb. (Kana me), C. laevis Thunb. (Kama tsuka), C Sansasi. Rubus palmatus Thunb.
(Koitsigo), R. triphyllus Thunb. (Nawa sira itsigo), R. trifidus Thunb. (Gadsi itsigo).
13 Paulownia imperialis Siebold et Zuccarini (Kiri noki).
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Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
des Taxus und Podocarpus1 und anderer Nadelhölzer und verbergen die noch laub-
losen Terebinthaceen 2 und den durch tausend Hände entblätterten Theestrauch. Im
jungen Grün steigen dann [Mai] hoffnungsvoll die jungen Cerealien3 auf den Hügel-
feldern empor, und der frühreifende Rübsamen, der noch vor kurzem das frisch-
gepflügte’ Ackerland mit goldenem Saum umzog, senkt verbleichend seine schweren
Stengel. Die Arbeitsamkeit des Landmannes wetteifert mit der Zeugungskraft der
Natur. Durch bewundernswürdigen Fleifs der vulkanischen Zerstörung abgewTonnen,
ziehen sich an den Hängen der Berge stufenweise Felder hinan, die sorgfältig unter-
haltenen Gärten gleichen — ein Werk tausendjähriger Kultur, das den Reisenden in
Erstaunen setzt.
Allmählich wird das Laub der Bäume dichter im Juni, es überschattet die ver-
blühenden Sträuche, und das in immer dunklern Abstufungen sich erhebende Grün
verkündet die Ankunft des Sommers. Eine brütende Wärme treibt nun im Juli aus
dem Wurzelstocke des Bambusrohres riesenhafte Sprossen hervor, welche zur Seite
der Mutterpflanze so üppig aufwachsen, dafs sie diese, die kaum von den Stürmen
des Herbstes und Frösten des Winters sich erholt hat, bald an Gröfse übertreffen; wie
unter einem Tropenklima breiten einzelnstehende Palmen und Musen ihre Blätter
aus, als wollten sie den Menschen, dem sie aus wärmeren Ländern hierher gefolgt,
durch ein schattenreiches Dach beschützen, und Orangen, Osmanthus, Tuberosen,
Orchideen4 und andere gewürzhaft riechende Pflanzen blühen, ihre ermatteten Pfleger
mit Wohlgerüchen zu erquicken. Prächtige Liliengewächse und in Purpur prangende
Gelosien und Amarante5 schmücken die Gärten, und Lippen- und Larvenblumen6,
Winden und Malven zieren das Feld, und der heilige Lotus erhebt seine
schwimmenden Blätter und bedeckt sumpfige Stellen mit schönen Blumen.7 Die ganze
Natur schmachtet jetzt bei einer Hitze von oft mehr als 95 — ioo° Fahrh. (28 — 30°
R.). Die edleren Gewächse ringen mit rankendem und kriechendem Unkraut:
zahlreiche Arten von Polygonum, Achyranthes, Phyllanthus; Cissus, Chenopodium,
Commelina8, und üppige Gräser — Arten von Cyperus, Panicum, Cynosurus — ver-
1 Cupressus japonica Thunb. (Sugi), Thuja Hino ki, Taxus Inu kaja, Podocarpus macrophylla
Wall (Maki).
2 Rhus succedanea L. (Hazenoki), R. Fusino ki. Xanthoxylum horridum Dec. (Fuju san sjö),
F. Inu sansjö.
3 Triticum vulgare L. (Ko mugi). Hordeum hexastichon L. (Oho mugi), H. vulgare L (Mugi),,
H. Fadaka mugi.
4 Citrus Daidai Bieb., C. nobilis Lour. (Mikan), C. japonica Thunb. (Kinkan). Osmanthus fragrans
Lour. (Mok sei), O. aquifolium Sieb, et Zucc. (Hirahi). Epidendron ensatum A. Rieh, et Gal. (Ran),
Dendrobium moniliforme Siu. (Sekkok).
5 Lilium longiflorum Thunb. (Liukiu juri), L. speciosum Thunh. (Kanoko juri). Celosia cristata
L. (Keitö). Amarantus tricolor L. (Momizi-sö), A. purpureus Otto (Ha keitö).
6 Salvia japonica Thunb. (Koma todome), Nepeta japonica Willd. (Dankik); Mentha Hakka Sieb.,
Lamium garganicum L. (Wodorisö), Stachys Seiran, Leonurus Sibirica L. (Mehasiki), Clinopodium
vulgare L. (Kuruma bana), Ocymum Jamahakka, Prunella vulgaris L. (Utsubo kusa), Pedicularis Taburiso.
7 Ipomaea japonica R. S. (Hirugaho). Gossypiutn indicum Laut. (Wata). Hibiscus manihot L.
(Tororo). Nelumbium speciosum Willd. (Hasu).
8 Polygonum barbatum L. (Ketade), P. sagittatum L. (Mizo-soba), P. Inu tade, P. multiflorum Lam.
(Itadori). Achyranthes aspera L. (Inoko dsutsi), Phyllanthus niruri L. (Tsja bukuro). Cissus penta-
phylla Willd. (Tsuta), C. labrusca (Kanebu). Chenopodium album L. (Siroza). Commelina polygama
Roth. (Tsuju gusa).
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
97
drängen die verblühten edleren Kräuter und Staudengewächse längs trockenen Rainen
und den Ufern versiegter Quellbäche und wuchern im Ackerfelde.
Die mit Ungeduld erwartete Regenzeit tritt ein. Sie benutzend, jätet und ver-
pflanzt der Landmann, säet Hirse und gewinnt dem weniger fruchtbaren Boden noch
eine zweite Ernte ab. Gerste und Weizen wurden bereits im Juni geerntet und an ihrer
Stelle Reis, Bataten, das efsbare Arum und Solanum, Tabak, das Färberpolygonum1 u. dgl.
gepflanzt. In den Thälern reift der Reis, und an den sonnigen Hängen der Hügel bringen
Kürbisse und Melonen2 saftige Früchte, und die Hülsengewächse3 trockene Schoten.
Wohl einen Monat und darüber bis zum August erscheint im äufseren Pflanzenleben
keine auffallende Veränderung; blofs hie und da zeigt sich noch eine spätblühende Staude
oder ein Baum — Clerodendron, Hibiscus, Bignonia, Lagerstroemia4, und Arten von
Patrinia, Eupatorium, Prenanthes5, und einzelne blühende Kräuter der früher erwähnten
Gattungen sehen mit mattem Grün aus dem gelben Grase hervor. Baumfrüchte und
Samen reifen, die Reisfelder erbleichen, und wo im Frühling Veilchen und Ane-
monen blühten, zeigen sich jetzt im September Strahlblumen, Glocken, Gentianen und
einzelne Schirmpflanzen6.
Die Blätter der frühzeitigen Amygdaleen fangen im Oktober an zu welken, die
der Dattelpflaume 7 fallen, und die lichteren Zweige prangen mit rotgelben Früchten.
Einige frühblühende Staudengewächse, die mehrerwähnte Forsythia, Deutzia, Kerria,
Rosen und Jasmin bringen jetzt noch zum zweiten Male einzelne Blüten und zieren,
mit den beliebten Spielarten von Chrysanthemum, Herbstanemone, Riesenhuflattich und
Astern8 die Gärten. Einige Gattungen Gräser, wie Erianthus, Andropogon, Anthe-
steria9, entwickeln, was merkwürdig ist, im Spätherbst noch Blüten, und zwar noch
auf einer Seehöhe von oft mehr als 600 bis 800 Meter, wto sie die Gipfel der Berge
mit üppigem Grün kleiden. Auch die zahlreichen Spielarten von Pomeranzen, Cedern
und einigen andern Nadelhölzern erneuern in dieser Jahreszeit, oft noch bei ziemlich
kühlen Nordwestwinden, ihre Blätter, als geschehe es, um in dem frisch angelegten
1 Oryza sativa L. (Kome), Caladium esculentum Vent. (Imo), Batatas edulis Chois. (Liukiu imo),
Solanum esculentum Dunal. (Nasubi), Nicotiana sinensis Fisch. (Tabako), Polygonum sinense L. (Awi).
2 Cucumis sativus L. (Kiuri), C. Conomon Thunb. (Siro uri), Lagenaria hispida Sering. (To gwa),
C. Citrullus L. (Sui kwa), Cucurbita Pepo L. (Böbura).
3 Phaseolus Adsuki, Soja hispida Mönch. (Daidsu), Lablab vulgaris Sani (In gen mame), Canavalia
incurva Dec. (Nata mame), Dolichos umbellatus Thunb. (Sazaki).
4 Clerodendron trichotomum Thunb. (Kusagi), C. squamatum Wahl. (Tö kiri). Hibiscus mutabilis
Thunb. (Fujü), H. Syriacus L. (Mukuge). Bignonia grandiflora Jacq. (Nösen kadsura). Lagerstroemia
japonica (Saru suberi).
5 Patrinia villosa Juss. (Wotoko mesi), P. rupestris Juss. (Womina mesi). Eupatorium japonicum (Fudsi
bakama), E. japonicum Thunb. (Hijo dori hana). Prenanthes debilis Thunb. (Tsuru nigana), P. Nigana.
6 Adenophora verticillata Tisch. (Tsuri kane ninsin), Wahlenbergia marginata Dec. f. (Hirne);
Gentiana Sasarindö, Ophelia japonica Griseb. (Senburi), Serratula tinctoria L. (Mijako azami), Bidens
pilosa L. (Kitsneno ja), Artemisia Mo gsa Dec., A. Jomogi, A. japonica (Wotoko jomogi), Carpesium
cernuum (Gan ku bi so), Tussilago japonicum (Tsuba buki), Inula japonica Thunb. (Wokurma),
Solidago virgaurea L. (Akino kirinsö), Aster scaber Thunb. (Sira jamagiku), Daucus gingidium L.
(Ja'bu ninzin), Peucedanum japonicum Thunb. (Botan böfü).
7 Diospyros Kaki L. f.
8 Chrysanthemum indicum L. (Kiku), Chr. Jama giku. Anemone japonica Sieb, et Zucc. (Kifune kiku).
Aster indicus L. (Jomena), A. hispidus Thunb. (Jama siro giku), A. Kon giku.
9 Erianthus japonicus Beauv. (Tokiwa), E. repens Beauv . ? (Kaja). Andropogon crinitum Thunb.
(Tsjözen gari jasu). Anthesteria Harguens Willd. (Wogaru kaja).
v. Siebold, Nippon I, 2. Aufl.
7
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Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Kleide den Winter besser zu ertragen. Vor dem mächtigen Einflufs der Sonne ge-
schützt, entwickeln nun die Pflanzen mit Knollenwurzeln um so kräftiger ihre der
Erde ungehörigen Teile, die Wurzeln; weifse und gelbe Rüben, Rettige und Erdäpfel
gedeihen jetzt am besten.
Das sich rötende Laub der Wachsbäume und Ahorne verkündet endlich die
sinkenden Kräfte der Natur. Ein grofser Teil Bäume und Sträuche verliert die Blätter,
die Stengel perennierender Staudengewächse verdorren. [November.] Nur einzelne
Chrysanthemen, Kamelien, Thee, Tazetten und Rosen1 blühen noch in Gärten und
auf dem Felde. Aus liebten Gehölzen blicken die roten und schwarzen Beeren der
Lorbeerbäume und Stechpalmen und einzelne Apfelsinen hervor, und Leber- und Laub-
moose blühen an schroffen Felsen, an den Stämmen entlaubter Bäume. — Schon
wochenlang sind die Gipfel hoher Berge mit Schnee bedeckt; es herrscht ein kalter
Nordwestwind; es friert, schneit, hagelt. — Aber nur kurze Zeit dauert der Winterschlaf
höherer Gewächse. Schon zu Anfang Januar regen sich einige Bäume und Kräuter, und
man sieht ein gesegnetes Jahr angekündigt, wenn bereits am Neujahrstage ein blühender
Zweig des Prunus Mume oder ein Adonis2 den Altar der Hausgötter schmückt.
Ein mehr als tausendjähriger Verkehr mit dem benachbarten asiatischen Fest-
lande, vorzüglich mit China, Korea und den mehr südlich gelegenen Liukiuinseln,
hat die japanische Flora mit vielen auswärtigen Nutz- und Zierpflanzen bereichert,
und das Bild einer bewohnten Landschaft trägt unverkennbar ein fremdes, durch
Kunst veredeltes Gepräge. Wo wir jetzt an den Abhängen der Hügel stufenartige
Beete mit Cerealien und Gemüsen emporsteigen sehen, da wucherte früher hohes
Gras — Arten von Erianthus, Ischaemum, Anthesteria, Cenchrus, Imperata und An-
dropogon3, durchflochten von rankenden Zweigen des Similax, Dolichos, Celastrus,
der Clematis, Kadsura und Lonicera4, der Dioscorea- und Asclepiasarten5 6. Wo jetzt
die Theestaude die mit Rübsamen, Tabak, Färberpolygonum, Saflor, Mohn, Sesamum,
Hanf und Baumwolle3 bestellten Felder umzäunt, wuchsen einst, in buntem Ge-
mische, Elaeagnus, Viburnum, Spiraea, Hydrangeen, Euryen, Callicarpa, Rhamnus,
Rubus, Crataegus, Lespedeza, Lycium und Styraxarten 7. Wo der Reis stundenweite
1 Rosa semperflorens Curt. (Sikizaki ibara).
2 Adonis volgensis? Steven (Fukzju so).
3 Ischaemum Karu kaja, Pennisetum compressum R. Br. (Tsikara siba), Saccharum Thunbergii Retz
(Tsi gaja).
4 Smilax pseudochina L. (Siwo de), S. Saru tori iwa bara. Dolichos hirsutus Thunb. (Kuzu).
Celastrus articulatus Thunb. (Tsuru mume modoki), C. punctatus Thunb. Clematis paniculata Thunb.
(sen nin so), C. japonica Thunb. (Botan tsuri), Kadsura japonica Thunb. (Sane kadsura).
5 Dioscorea septemloba Thunb (Tokoro), D. japonica Thunb. (Jama imo). Asclepias japonica
Funa wara so), A. Suzuzaiko, A. Ijo kadsura.
6 Ervsimum perfoliatum Crantz (Abura na). Carthamus tinctorius L. (Kure nai). Papaver
somniferum L. (Kesi) Sesamum orientale L. (Goma). Cannabis sativa Thunb. var. indica? Gossypium
indicum Lam. (Wata).
7 Elaeagnus pungens Thunb. (Natsugumi), E. crispa Thunb. (Nawa siro gumi), E. glabra Thunb.
(Jama gumi). Viburnum cuspidatum Thunb. (Jama demari), V. erosum Thunb. (Kobano guma sumi),
V. dilatatum Thunb. (Gama sumi) und die bereits früher angeführten Arten. Spiraea chamaedrifolia
L. (Iwa kasa), S. japonica Sieb. (Suzu kake). Hydrangea virens Thunb ., H. acuminata, H. hirta Sieb.,
H. serrata Dcc. Callicarpa japonica Thunb. (Mimura saki), C. lanata L. (Jabu mura saki) Rhamnus
Sonoki. Rubus idaeus L. (Kusa itsigo) und die vorerwähnten Rubus- und Crataegusarten. Lespedeza
villosa Pen 's. (Goma hagi). L. sericea Benth. (Medo hagi), L. heterocarpa (Hagi), L. striata Hook.
(Jabuzugusa) Serissa foetida Commerz. (Hak tsö). Styraxj aponicum Sieb, et Zucc. (Tsisanoki), S. scabrum.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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Ebenen mit einfarbigem Grün überzieht, standen Sümpfe, bedeckt mit Nelumbium
und Euryale, Potamogeton, Pontederia, Alisma, Trapa und andern Hydrocharideen 1,
während Schilf und Riedgräserarten — Sparganium, Typha, Zizania, Erianthus, Eeer-
sia und Kyllinga2 — die einsamen Ufer säumten; oder Flüsse und Bergbäche breiteten,
noch frei waltend, ihre Betten aus, an deren Ufern Arten von Bambus3, Ficus, Croton,
Boehmeria und Procris4 üppig sprofsten. Auf dem angeschwemmten Boden wucherten
Commelinen, Chenopodien, Polygoneen, Solanum, Fumarien und Ranunkeln, und
Panzeria, Saururus, Veronica, Houttuynia, Hydrocotyle 5 6, und Arten von Sedum, Astra-
galus, Hypericum, Potentilla, Ruellia, Carpesium, Fuphorbia, Prenanthes, Artemisia
und andere Strahlblumen0 bedeckten Anger und Hügel. Aus den Wildnissen um
Tempel und Klöster schuf der ordnende Geist bezaubernde Haine, die er mit bunten
Azaleen, Kamelien, Paeonien und prachtvollen Lilien und Orchideen7 schmückte; und
am öden Strande, von armen Fischern gepflegt, wuchsen süfse Kastanien und efsbare
Eicheln zu Wäldchen auf, die Hütten ihrer Pflanzer freundlich beschattend. — Erst
durch die kulturelle Thätigkeit mehrerer Geschlechter haben die japanischen Land-
schaften ihren nunmehrigen Charakter erhalten. Apfelsinen, Granatäpfel, Pfirsiche,
Aprikosen, Äpfel, Birnen und Quitten, wie noch manche mit dem Attribute Japonica
bezeichnete Pflanze8 sind fremden Ursprungs, und man kann annehmen, dafs von
etwa fünfhundert Nutz- und Zierpflanzen mehr als die Hälfte eingeführt ist.
Je tiefer wir ins Gebirge kamen, um so beschwerlicher wurden die Wege durch
anhaltenden Regen. Menschen und Tiere waren zu bedauern, wiewohl die Gewandt-
1 Euryale ferox Salisb. (Onibasu). Potamogeton Gansisai. Pontederia vaginalis L. Alisma Sen dai tak
sja. Trapa natans L. (Hizi). Limnobium Spongia Rieh. (Totsi kagami) Sagittaria sagittifolia L (Kuwai).
2 Arundo nitida H. B. (Josi take). Cyperus Kaja tsuri und mehrere noch unbestimmte Arten.
Sparganeum Osaka katsuri. Typha angustifolia L. (Gatna). Zizania clavulosa Michx, Leersia hispida
(Naruko hije), Kyllinga monocephala L., K triceps L. f.
3 Bambusa Ma take, B. Me take, B. Si wo tsiku, B. Ja take, B. Moso, B. Ha tsiku und
viele andere.
4 Ficus erecta Thunb. (Inu biwa), F. stipulata Thunb. (Itabi); F. Mokkö bok. Rottlera japonica
Spr. (Akame gasiwa). Boehmeria frutescens Thunb. (Jabumawo). B. spicata Thunb. (Aku so).
Procris Janagi itsigo
5 Aufser den früher genannten noch Chenopodium virgatum Tlmnb. (Hama aka so), Schoberia
maritima Meyer (Mats na). Solanum nigrum L. (Inuhödsuki). Corydalis racemosa Pers. (Kike man),
C. japonica (Murasaki ke man), C. decumbens Pers. (Ten go sak) Ranunculus japonicus Thunb. (Kin
pö ke), R. ternatus Thunb. (Tagarasi), R. gregarius? Brot. (Kitsneno botan). Panzeria siberica Hort.
(Mehasiki). Saururus cernuus L. (Kata siro). Veronica arvensis L. (Inu fuguri), V. anagallis L.
(Kawa dsisja). Houttuynia cordata Tlmnb. (Doku dami). Hydrocotyle (Tsubo gusa), H. Tsidome gusu.
6 Sedum telephioides Michx, S. japonicum (Mitsu urusi), S. Man nen so. Astragalus lotoides
Lam. (Kenge bana). Hypericum erectum Thunb. (Woto giri so), H. japonicum Thunb. Potentilla
grandiflora L. (Kizi musiro), P. Kawa saiko. Ruellia japonica Thunb. (Kitsneno goma), Carpesium
abrotanoides L. (Jabu tabako). Fuphorbia helioscopia L. (Todai gusa), E. thymifolia L. (Nisiki so).
Gnaphalium japonicum Thunb. (Tsidi ko gusa), Helichrysum arenarium Mönch. (Motsihana). Conyza
japonica Less. (Tama dsiwö), Erigeron scandens Thunb.} (Zju bun so), und aufser den erwähnten
Wermutarten noch Artemisia capillaris Sieb. (Kawara jomogi), Myriogyne minuta Less. (Hana firiso).
7 Nebst den oben schon genannten noch Camellia serrata (Noko kiri tsubaki), C. lanceolata
Seem. (Hosoba tsubaki). Paeonia Moutan Sims. (Botan).
8 Ich will hier nur folgende anführen: Berberis Miccia Haniilt., Filium japonicum Thunb.,
Rhodea jap., Eriobotrya jap. Lind/., Cydonia jap Pers., Clerodendron fragrans Willd., Sinapis jap. Thunb.,
Citrus jap., Senecio jap., Cornus jap. Thunb., Chelidonium jap. Thunb , Kerria jap. Dec., Aconitum
uncinatum L.
100
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
heit und Sicherheit bewundernswert ist, womit sie die schmalen, steilen, schlüpfrigen
Steige erklimmen. Ohne die früher erwähnte Fufsbekleidung würde es ihnen unmög-
lich sein, auf solchen Wegen Lasten fortzuschaffen. Die Strohschuhe sind daher in
diesem Lande ein Bedürfnis, das durch lederne Schuhe und Hufeisen nicht zu er-
setzen ist. Meine Schüler und Bedienten erklommen die jähsten Hänge, um Flechten
und Moose zu sammeln, und hingen oft festen Fufses an schroffen Felsen, wie eine
indische Anolis.
Wir rasteten in der Herberge auf dem Rücken des Hijamidsu töge und nahmen
Erfrischungen ein. Nach altem Herkommen bewillkommne der Wirt die Gesandt-
schaft mit einem Geschenke, bestehend in einigen zierlich auf eine kleine Tafel von
Cedernholz gelegten Fasanen und Eiern, und lud uns zu einem Sakegelage ein. Wir
trafen hier auch unsere japanischen Offiziere und Dolmetscher, und der Wirt und die
Wirtin mit ihren Töchtern, festlich geputzt, bedienten uns mit ungemeiner Gastfreund-
lichkeit. Bei dergleichen Schmäusen spielen eigentlich die wichtigste Rolle die Herren
Dolmetscher; denn der Faden der Unterhaltung spinnt sich durch ihre Vermittlung;
und da ihr Hauptstreben dahin geht, sich bei ihrem Herrn Oberbanjösten auf Kosten
ihrer Gäste zu insinuieren, so bieten sie alle ihre Gewandtheit auf, uns zu Höflich-
keiten gegen diesen Herrn zu bewegen, die nicht selten die Würde einer Gesandt-
schaft verletzen. Ich kann nicht umhin, auf diesen Zug der Dolmetscher hier aufmerk-
sam zu machen, da er, wenn nicht zur teilweisen Entschuldigung, doch zur Beleuch-
tung eines früheren Vorfalles dienen kann, über den Admiral von Krusenstern und
von Langsdorf ihre Mifsbilligung scharf ausgedrückt haben. Ich meine jenen Auftritt,
als der Vorsteher des niederländischen Handels bei dem russischen Gesandten an
Bord der Nadesta einen Besuch abstattete und, auf einen sehr unhöflichen Wink eines
Dolmetschers hin, sich erst nach dem Sitze des an Bord anwesenden Oberbanjösten
verfügte und tief verbeugte, ehe er dem Gesandten seine Aufwartung machte. - —
Einmal an Bord konnte unter den gegebenen Umständen der Vorsteher, es war
Herr H. Doeff, nicht anders handeln, ohne bei den Japanern Anstofs zu erregen.
Aber bekannt mit dem Geiste seiner Umgebung, hätte er sich zuvor mit den Japanern
über das Ceremoniell bei dieser Aufwartung verständigen sollen; und sicher würde
man von ihrer Seite nichts verlangt haben, was der Würde des Vertreters der nieder-
ländischen Nation nicht entsprochen hätte. Die sogenannten Oberbanjösten sind, ich
will es nochmals wiederholen, die grofsen Herren nicht, wofür man sie auf Dezima
gelten läfst. Nur geschäftiger Diensteifer und der Dolmetscher kriechende Schmeichelei
bestrebt sich, besonders Fremden gegenüber, einen Nimbus der Hoheit um sie zu
verbreiten, auf den sie selbst wohl niemals Anspruch machen würden. Unser Ober-
banjöst Kawasaki Gensö aber war ein sehr bescheidener Mann, und gegen uns äufserst
zuvorkommend. Er bewies mir selbst die Aufmerksamkeit, den Wirt zu beauftragen, die
selteneren Gewächse des Gebirges für mich bis zu unserer Wiederkehr sammeln zu lassen.
Wir stiegen den nordöstlichen Abhang des Gebirges hinab und wurden zu Utsi-
no, einem Dorfe am Fufse des Gebirges, auf ähnliche Weise wie oben in der Her-
berge beschenkt und bewirtet. — Aufser wilden Kamelien, einigen Kätzchenbäumen,
Euryen und mehreren Arten Sassafras1 blühten im Gebirge der Acorus gramineus
(Seki sjö) an Quellbächen, und an feuchten Felsenwänden eine Art Chrysosplenium,
1 Corylus americana Michx. (Fasi bami), Ainus Harinoki- Sieb., Salix Kawa janagi Sieb., Sassa-
fras praecox? (Awa buki), S. glauca (Mura datsi). Lindera umbellata Thunb.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
IOI
Mercurialis, Sium, Arum, eine Draba und Cardamine1. Die wilden Kamelien waren
oft 20 bis 25 Puls hoch, und ihr Stamm 6 bis 8 Zoll dick; sie machten stellenweise
Partien des Waldes aus, und ihre vielen dunkelroten Blüten gewährten gerade um
diese Jahreszeit einen überaus schönen Anblick. Die Blüten sind einfach und nur
halb geöffnet.
Als wir an einem jungen Schlage vorübergingen, überraschte uns ein Fasan, der
mit einem Geräusch wie unsere Birkhühner aufflog. Ob es der Jamadori oder ein Kisi
war, konnten wir nicht unterscheiden. Beide sollen sich übrigens häufig in diesem
Gebirge vorfinden. Herr Temminck, den ich unter die Mitarbeiter meiner Fauna
japonica zähle, hat in seinem grofsen ornithologischen Werke diese Vögel, welche
ich bereits im Jahre 1826 von Japan aus ans Reichsmuseum gesendet, ersteren unter
dem Namen Phasianus versicolor, letzteren als Ph. Sömmeringii abgebildet und be-
schrieben. Der Jamadori, d. h. Bergvogel, lebt nur tief im Gebirge, was schon sein
Name sagt, und ist seltener als der Kisi; sein langer Schwanz, wie sein einfarbiges
rotbraunes und goldschillerndes Gefieder unterscheidet den Hahn der ersteren Species
von dem der letzteren, der in Gestalt und Farbe unserem gemeinen Fasane gleicht.
Beide Arten wählen junge lichte Schläge zu ihrem Frühlingsaufenthalt. Die Henne
zieht sich jedoch nach der Balzzeit in dichtes Gehölz zurück, wo sie unter dem Ge-
sträuch, am liebsten an mit Moos und Farren bewachsenen Stellen, ihr Nest baut
und bis zu 15 Eier legt. Zur Abendzeit hört man die Hähne, welche, abgesondert
von den brütenden Hennen, auf Saatfeldern Nahrung suchen, häufig balzen. Nicht
unpassend sagt daher ein japanischer Dichter:
Haruno no asaru Kisi, sono tsuma koini,
Onoga arigawo hitoni sire tsutsu.
«Im Frühlingsgefilde Nahrung suchend verrät der Kisi, aus Liebe zu seinem
Weibchen, seinen Aufenthalt den Menschen.»
Im Frühjahr und Sommer bieten ihnen Getreide und Sämereien reichliche Nah-
rung, im Herbst und Winter nähren sie sich von Beeren und Baumknospen. Um
diese Jahreszeit fand ich die Magen beider Arten gröfstenteils mit den Beeren der japa-
nischen Eurya gefüllt, durch deren blaues Pigment die innere Magenhaut ganz gefärbt
war. Gold- und Silberfasane sind in Japan nicht einheimisch und werden, wie bei
uns, nur zum Vergnügen gehalten; sie vermehren sieb aber gut und sind in Menge
zu haben. Ihr Vaterland ist wohl China.
Zu Nagawo — einem Dorfe zwischen Utsino und Iidsuka, am Fufse eines
nordöftlichen Zweiges des Hijamidsu töge — fiel mir die sonderbare Gesichtsbildung
eines achtzehnjährigen Japaners, Namens Otosjuro, auf. Seine Nase war so klein
und seine Stirn trat so stark hervor, dafs, wenn man vom Kinn aus eine Linie zur
Stirne zog, die Nasenspitze dahinter zurückblieb. Er hatte ein einfältig kindisches,
aber gutmütiges Benehmen, eine unentschiedene Knabenstimme, nur einzelne Milch-
haare an der Stelle des Bartes, der Augenbrauen u. s. w. und war, bis auf zwei
Backenzähne der oberen Kinnlade, zahnlos. Der Junge war von gesunden Eltern
gezeugt und befand sich wohl, obgleich er ein sehr schwächliches Aussehen hatte.
Es liefs sich in dieser krankhaften Verunstaltung ein dem Kretinismus ähnlicher Zu-
stand erkennen. Die Bewohner dieser Gegend, welche das innerste Hochland von
1 Chrysosplenium Iwabotan, Mercurialis perennis L. Var. jap. (Jama awi), Sium decumbens
Thunb. (Kusa ninzin), Arum ringens Thunb., Draba muralis L., Cardamine scutata Thunb. (Tagarasi).
102
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Kiusiu bildet, sind übrigens ein rüstiger Menschenschlag, der sich durch eine plattere,
breitere Gesichtsbildung, eine kleinere, breitere Nase, gröfseren Mund und dickere
Lippen von den Bewohnern der südlichen Küsten dieser Insel unterscheidet. Das
weibliche Geschlecht ist sehr anmutig. Die jungen Mädchen haben eine feine weifse
Haut, lebhaftes Rot auf den Wangen, und ein sehr volles Gesicht. Ihre Nase ist an
der Wurzel tiefer eingedrückt, der Abstand der inneren Augenwinkel gröfser, und die
Jochbeine stehen mehr hervor, wodurch jene eigentümliche Stellung der Augen, ihr
fcheinbares Schiefstehen, auffallender wird, als ich es bei anderen Japanern beob-
achtet habe.
Bei Iidsuka endigt das Gebirge, und es öffnet fich eine weite Ebene mit frucht-
baren Reisfeldern, bewässert von den Bächen Nagawogawa, Setogawa und Musuje-
gawa. Diese Bäche, 3 bis 9 Meter breit, entspringen in dem eben von uns durch-
zogenen Gebirge und vereinigen sich in der Bergkette, welche Tsikuzen von Buzen
scheidet, unweit Nogata mit dem Sakaigawa zu einem an 90 Meter breiten Flusse,
der dann den Namen Nogatagawa führt, und ergiefsen sich bei Kap Asija unter
dem Namen Asijagawa in die See. Ich mufs hier bemerken, dafs ein und derselbe
Bach oder Flufs von seinem Ursprung bis zur Mündung oft in ganz kurzen Abständen
verschiedene Namen erhält, gewöhnlich von den Ortschaften, an denen er vorbeifliefst;
ein Umstand, den man bei der Beschreibung grofser Flüsse wohl zu berücksichtigen
hat. — Zu Iidsuka, einem Flecken von etwa zweihundert Häusern am rechten Ufer
des Nagawogawa, hielten wir Mittag, setzten hierauf bei Nogata über den Flufs
dieses Namens und kamen gegen Mitternacht in Kojanose an.
[21. Febr.] In Kojanose brachte man Steinkohlen zur Feuerung, und wir er-
fuhren, dafs diese im Sumijakijama, oder «Kohlenbrenner- Gebirge», welches sich
am rechten Ufer des Nogatagawa hinzieht, gefunden werden. Wir hatten da am
vorhergehenden Abend an mehreren Stellen Rauch aufsteigen sehen. Anhaltendes
Regenwetter nötigte mich heute in meinem Norimono zu bleiben, was mir um so
ungelegener kam, da ich immer die gröbste Strecke des Weges mit meinen Schülern
gern zu Fufs zurücklegte. Die Landschaft von Kojanose ist eben. Die Felder waren
mit Frühgerfte (Hordeum hexastichon, Var. sem. nudis) besäet, auf ähnlichen Beeten
wie bei Kansaki. Scharen wilder Gänse, Enten und Raben besuchten die Saat, und
hie und da hatten sich Züge von Kranichen niedergelassen. Um diese Jahreszeit thun
diese Zugvögel der Saat viel Schaden, weswegen auch allenthalben auf den Feldern
Vogelscheuchen angebracht sind, die, sehr einfach, aus viereckigen Brettchen, an denen
hölzerne Schägel befestigt sind, bestehen. An gespannten Seilen aufgehängt, werden
sie vom Winde, oft auch von Menschen bewegt. Man heifst sie Naruko (Klappern),
Tori-odosi Vogelscheuchen, auch Kangasi. So leer auch sonst während des Sommers
die dichtbewohnten Landstriche an Standvögeln sind, so häufig finden sich im Früh-
jahre Zugvögel ein, und die Jagd auf Federwild ist um diese Zeit sehr ergiebig, be-
sonders an Enten, Gänsen und Kranichen, wovon auch die meiden in Europa bekannten
Arten hier Vorkommen.1 Die Jagd mit Falken und Feuergewehren ist in den meisten
Landschaften den Bauern verboten. Sie stellen daher mit Garnen, Schlingen und
1 Die Stockente (Anas boschas), die Quackente (A. clangula), die Pfeifente (A. penelope), die
Kriechente (A. crecca); die Löffelente (A. clypeata), die Schneegans (Anser hyperboreus), die Blafsen-
gans (A. albifrons).
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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Leimruthen den lästigen Gästen nach. Eine äufserst einfache und sinnreiche Art,
wilde Enten und Gänse auf Saatfeldern zu fangen, zog hier meine Aufmerksamkeit
auf sich. An 4 bis 6 Fufs hohen Pfählen sind in sehr spitz zulaufenden Winkeln
Leinen gespannt, die bei der geringsten Berührung von der Spitze des Pfahles ab-
springen. Berührt nun das Federwild, das man gewöhnlich noch durch Lockvögel
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herbeizieht, beim Einfallen oder plötzlichen Aufsteigen, zufällig die mit Vogelleim
bestrichene Leine, so löst sich diese und klebt sich ans Gefieder. Der Vogel, im
Fluge gestört, verliert das Gleichgewicht, fällt zu Boden und verwickelt sich bald so,
dafs er leicht eine Beute des herbeigeeilten Jägers wird. Auf diese Weise wird auch
den schlausten Zugvögeln mit Erfolg nachgestellt, und nicht selten geraten Kraniche,
Löffelgänse, Ibis u. dgl. in Gefangenschaft. Man nennt dieses die Entenjagd mit hohen
Leinen (Takanawa).
Der Fleifs und die Gefchickliehkeit, womit Reisfelder und Wasserleitungen an-
gelegt waren, lenkte auch hier unsere Bewunderung auf sich. Man war eben be-
schäftigt, den Damm eines Teiches, wie wir einen früher schon beschrieben haben,
auszubessern. Er. wurde reget, mäfsig und breit von Letten aufgeführt und mit Farren,
Weiden und anderen Sträuchen bepflanzt, was ihn dauerhaft machte und ein hübsches
Aussehen gab.
Von Tsjanobara kann man die See und bei heiterem Himmel das hohe Land
der Landschaft Nagato auf Nippon sehen. Der Weg führt von hier über Isisaka
bergan nach Kurosaki, wo man eine herrliche Aussicht auf die Insel Kukinosima
hat. Sie ist eigentlich ein hohes Vorgebirge, welches im Osten durch eine tiefe Bucht
der See, Fukano-umi und im Westen durch einen Arm des erwähnten Asijagawa,
gleichsam durch einen Kanal, vom Festlande abgeschnitten wird. Beim Dorfe Kii-
midsu, an der Grenze von Tsikuzen und Buzen, empfingen uns einige Offiziere des
Fürsten von Buzen und gaben uns wie gewöhnlich das Geleit. Die Grenzscheide ist
durch zwei an beiden Seiten der Strafse errichtete Steine angezeigt. Noch eine kurze
Strecke, und wir erreichten Haramats; die Vorstadt von Kokura, gröfstenteils von
Soldaten und Bedienten des Fürsten bewohnt- Die Häuser hatten ein recht freund-
liches Aussehen; sie waren klein und durchgehends mit niedlichen Gärtchen und leben-
den Zäunen von Bambus, Epheu und Cypressen umgeben.
Ein massives Thor führt in die Stadt Kokura, welche durch einen Wassergraben
und eine mit Schiefsscharten versehene Mauer von der Vorstadt geschieden ist.
Innerhalb des Thores standen Posten und in einem offenen, mit Waffen und
militärischen Insignien verzierten Wachhause safsen in steifer Haltung die Befehls-
haber. Die Strafse war mit Zuschauern gefüllt; es herrschte grofse Ordnung, an-
ständiges Benehmen und eine Stille, die eher einem Leichenbegängnis als dem Ein-
züge eines fremden Gesandten entsprach. Wir zogen über eine grofse hölzerne Brücke
auf einen freien Platz und stiegen unweit davon an der Herberge aus, wo wir vom
Wirte und einigen anderen Personen aufs höflichste empfangen wurden.
Gleich nach unserer Ankunft liefs sich der fürstliche Botschafter anmelden, und
da unser Gesandter ihn noch nicht empfangen konnte, genossen Herr Bürger und ich
die Ehre den Besuch zu empfangen. Wir fanden uns aber nicht wenig getäuscht, als wir
in der erwarteten hohen Person weiter nichts als den Thorwächter des Schlosses, und
noch dazu einen recht einfältigen Menschen vor uns sahen, der uns aufser der Meldung,
dafs der Fürst gegenwärtig nicht im Lande, sondern am Hofe zu Jedo sei, nichts
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Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Erhebliches mitzuteilen wufste. Unsere Dolmetscher suchten sich dessenungeachtet
seiner Protektion zu empfehlen und liefsen ihn unsere verschiedenen Liqueure und
Weine kosten. Er fand sie überaus köstlich und zollte unserer Lebensweise einen
an Begeisterung grenzenden Beifall. Er verliefs uns mit dem Versprechen, die Frei-
gebigkeit der Holländer — bei seinem Hofe zu melden, und unser Gesandter beschenkte
ihn dem Herkommen gemäfs noch mit einer langen irdenen Tabakspfeife und etwas
Rauchtabak, womit er äufserst zufrieden seinen Rückweg antrat.
[22. Febr.] Meine Schüler und Bedienten, die ich beauftragt hatte, sich in der
Stadt nach Naturalien umzusehen, brachten Kraniche, wilde Enten, eine Eule, Finken
und Meisen, Fische, efsbare Muscheln u. dgh, welche sie auf den Märkten und bei
Fischern und Wildhändlern aufgebracht hatten. Es fand sich darunter der gemeine
Kranich (Grus cinerea), der Riesenkranich (Grus leucogeranos, Grus gigantea, Vieill.)
und eine mir damals noch unbekannte Art, von den Japanern Kurotsuru, schwarzer
Kranich, genannt. Die Kraniche sind in Japan sehr verehrt und häufig auf Gemälden,
Vasen und gottesdienstlichen Geräten als Sinnbild des Glückes abgebildet. Die Kranich-
jagd ist eigentlich dem Sjögun und fürstlichen Personen Vorbehalten, und wird von
diesen in besonderen Gehegen mit Falken oder Bogen ausgeübt. Dafs der Sjögun
jährlich einen höchst eigenhändig erlegten Kranich dem Mikado feierlich zum Ge-
schenke schickt, ist ein altes Herkommen, von Geschichtsschreibern wie von Dichtern
verewigt. Das Jagdverbot wird übrigens in den weit vom Hofe abgelegenen Land-
schaften nicht so ganz streng befolgt. Die Kraniche sind ein sehr gesuchtes Wild-
bret, und man bereitet davon bei grofsen Gastmählern eine Suppe und speist das ge-
sottene Fleisch — ein thranig schmeckendes Gericht, welches dem europäischen
Gaumen nicht behagt , wie sehr es auch von den Eingeborenen für eine aus-
gesuchte Leckerspeise gehalten wird. Die Kraniche werden daher sehr teuer, das
Stück mit 12 bis 20 Gulden bezahlt. Man kann sich daher leicht denken, wie ange-
nehm ich unsere Herrn Oberbanjösten und die Dolmetscher überraschte, als ich ihnen
meine abgestreiften, mageren Vögel zum Geschenke gab. Unter den übrigen Vögeln
waren die seltene, schöne Fächerente (Anas galericulata), die uralische Eule (Strix
uralensis) und der gehaubte Steifsfufs (Podiceps cristatus). Aufser der efsbaren
Venusmuschel (Hamaguri) brachte man hier eine Art Messerscheide, Made kai ge-
nannt, zu Markte.
Gegen Mittag machten wir einen Spaziergang durch die Stadt und stellten auf
der Brücke, über die wir tags zuvor gekommen waren, einige Kompafsobservationen
an, um die Lage der Insel Hikusima und einiger kleinen Eilande und Felsen,
welche sich im Westen der Kiusiu von Nippon scheidenden Strafse ausbreiten, fest-
zustellen. Von der Brücke aus hatten wir eine freie Aussicht auf die erwähnte Strafse.
Vor uns zur Rechten in N. und NNO. hatten wir die Insel Hikusima, hinter der
das Hochland von Nagato auf Nippon hervorragte. Zur Linken in NNW. erhob sich
die Inselgruppe Rokuren und in NW. die Inselchen Osima, Mesima, welche auch
Futdsima, d. i. die Zwillingsinseln genannt werden. Der Flufs, über den die Brücke
führt, fliefst hier bei seiner Mündung von S. nach N. Die Einwohner von Kokura
nennen ihn Harimotogawa und Murasakigawa; auf den japanischen Karten hat er
jedoch die Namen Kamogawa (Entenflufs) und Siwagawa, welchen letzteren ich bei-
behalten, da er auf den neuesten, von den Hofastronomen zu Jedo verfertigten Karten
vorkommt. An seiner Mündung ist dieser Flufs sehr untief und hat stellenweise kaum
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
105
einen Faden Wasser; daher wurde von seinem linken Ufer aus vor kurzem ein etliche
hundert Schritte langer Damm in die See hineingeführt, um die Ausströmung zu
verlängern und dadurch die Versandung, welche sich zu einer ausgebreiteten Bank
anhäufte, wegzuräumen.
Wir wünschten auf unserem Spaziergange auch das Schlofs des Fürsten, welches
jenseits des Flusses liegt, zu besichtigen und schlugen den Weg dahin ein. Doch
kaum bekamen wir dessen weifse Mauern und hohe Türme in Sicht, als einige
Offiziere uns entgegen eilten und unsere Begleiter, die beiden Tsjösi, ersuchten um-
zukehren. Wir durchzogen noch einige Strafsen dieses Stadtteiles, bis unsere
Aufseher aus Gemächlichkeit oder Besorgnis bei dem sich mehrenden Zulauf es für
gut hielten, uns nach der Herberge zurückzuführen.
Kokura, die Hauptstadt von Buzen und Sitz des regierenden Fürsten dieser Land-
schaft, breitet sich zu beiden Seiten des kleinen Flusses Siwagawa längs einer Bucht
am westlichen Eingänge der Strafse aus, welche Kiusiu von Nippon scheidet, und die
wir unter dem Namen Strafse van der Capellen bald näher kennen lernen werden.
Der auf dem linken Flufsufer gelegene Teil bildet mit dem Schlosse die eigentliche
alte Stadt, welche durch einen Graben, Wall und Mauern von der Vorstadt Hara-
mats geschieden ist und ein längliches Viereck bildet. Das Schlofs, dessen Türme im
Süden der alten Stadt aus einem Walde hoher Bäume hervorragen, ist auf ebenem
Boden erbaut, und liegt nach der Angabe der mehrerwähnten japanischen Astronomen
unter 330 53' 30" n. B. und 130° 50' ö. L. v. Gr. Es soll gut befestigt sein, wie
es sich von einem so wichtigen militärischen Punkte wie Kokura nicht anders er-
warten läfst. Auch die Stadt ist an der Seeseite durch hohe cyklopische Mauern und
Dämme, auf denen die Häuser stehen, geschützt, und selbst der in die See auslau-
fende Damm mag an manchen Stellen in der Absicht, den Hafen und den westlichen
Eingang in die Strafse zu verteidigen, angelegt worden sein. Die alte Stadt wird
durch die bereits erwähnte, etwa hundert Schritte lange Brücke mit dem am rechten
Ufer gelegenen, bei weitem gröfseren Stadtteile verbunden, welcher, mit Einschlufs
der Vorstadt Nagahama, über 1 Ri weit längs dem Strande hinzieht und über 72 Ri
breit ist. Zu Kämpfers Zeit war der Wohlstand Kokuras in Verfall. Jetzt befindet
sich die Stadt wieder in blühendem Zustande; inländischer Handel, Gewerbe und
Landbau verschaffen den Einwohnern — ihre Zahl wird auf 16000 angegeben — ein
gutes Fortkommen. In den Vorstädten jedoch, wo die Soldatenfamilien, Bedienten
und Trabanten des Fürsten wohnen, scheint dies nicht der Fall zu sein; die vielen
Kranken, die von daher meine Hülfe in Anspruch nahmen, verrieten durch die Art
ihrer Leiden — meistens chronische Haut- und Augenkrankheiten — eingewurzelte
Syphilis und von alten Unterleibs- und Brustleiden herrührende Kachexien, dafs die
netten Wohnungen, die wir bei unserem Einzug bewundert hatten, nur Armut und
Elend bergen.
Der regierende Fürst, aus dem Hause Ogasawara, hat ein jährliches Einkommen
von 150000 Kok Reis, ungefähr 1,800000 Gulden.
Überfahrt von Kokura nach Simonoseki und Aufenthalt daselbst.
Übersicht. Abreise von Kokura. — Blick auf das Städtchen Dairi. — Fahrt durch die
Strafse van der Capellen. — Hydrographische Untersuchungen. — Das Felsendenkmal Josibese. —
Ankunft und Empfang zu Simonoseki. — Doktor Kosai. — Begrüfsungsgeschenke in Naturalien; Heike-
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Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Krabben, Krebsaugen , Keulenschwämme. Meridian und Polhöhe von Simonoseki. — Tempel des
Amida. Aussicht. — Die historischen Denkmäler des Hauses Heike. — Überfahrt nach Kap Hajatomo.
— Peilungen. — Holländische Soiree bei Bürgermeister van den Berg; sein Kuriositäten-Kabinet.
Ärztliche Konsultationen. — Der Kuinin und seine Wifsbegierde. — Ausflug nach Danoura. — Der
Japaner und die freie Natur. — Dissertationen und Diplome. — Ausflug nach Takesaki und Imaura,
hydrographische Bestimmungen. — Mitteilungen über den Walfischfang. — Die Hofreisebarke. —
Der Leibarzt von Futsiu. — Anempfehlung neuer Medikamente und des Kaffees. — Der Abschied
von Simonoseki. — Ritter J. C. Blomhoff und der Fürst von Nakatsu. Blick auf Simonoseki. —
Beschreibung der Stadt.
Die Versandungen an der Mündung des Siwagawa gestatten blofs kleinen Fahr-
zeugen, und auch diesen nur bei hohem Wasser, bei Kokura ein- und auszulaufen.
Fleute, den 22. Februar, trat nach 12 Uhr die Flut ein. Wir verliefsen daher gegen
Mittag unsere Herberge und zogen mit unserm Gefolge und von einigen Offizieren
des regierenden Fürsten und unserem Wirte begleitet, nach dem Hafen, wo einige
kleine Fahrzeuge für uns bereit lagen.
Bei günstiger Witterung setzt man in gerader Richtung von Kokura nach
Simonoseki über, eine Entfernung von 3 Ri, welche man in einigen Stunden zurück-
legt. Bei stürmischem Wetter zieht man die kürzere und leichtere Überfahrt vom
Städchen Dairi aus, das 2 Ri östlich von Kokura dicht am Strande liegt, vor. Es
führt eine Tannenallee dahin durch die Fischerdörfer Akasagamura und Sinmatsi —
ein sehr angenehmer Spaziergang. Auch Cock Blomhoff machte ihn 1818, stieg
bei Dairi in einem Lusthause des Fürsten von Kokura ab und unterhielt sich dort
mit seinen Reisegefährten bei einer Schale Sake.
Das Städtchen Dairi hat seinen Namen, der eigentlich den Mikado -Palast be-
zeichnet, einem historischen Ereignis zu verdanken, das sich im Jahre 1185 zugetragen
und die Gegend von Kokura und Simonoseki berühmt gemacht hat. Deshalb be-
suchten auch gewöhnlich die niederländischen Gesandten Dairi und benutzten die
Gelegenheit, ihre japanische Begleitung an einem so hoch gefeierten Orte zu bewirten.
Der Japaner ist Enthusiast für sein Vaterland und stolz auf die Grofsthaten seiner
Ahnen; der gebildete wie der gemeine Mann hat eine unbegrenzte Anhänglichkeit an
die alte Dynastie der Mikados und hält viel auf den alten Kultus, die alten Sitten und
Gebräuche. Der Fremde empfiehlt sich daher ungemein, wenn er der Volkstümlichkeit
der Japaner schmeichelt, ihre Religion, ihre Sitten und Gebräuche in Ehren hält und den
Sagen der Vorzeit, den Lobpreisungen ihrer vergötterten Helden geneigtes Gehör widmet.
Diese schwache Seite des Japaners kannten die alten Niederländer sehr gut und
wufsten sie auszunützen. Auch wurden die Handelsbegünstigungen, welche in neuerer
Zeit H. Doeft und J. C. Blomhoff erwirkten, auf diesem einfachen Wege erlangt. — Unser
Gesandter, Colonel de Sturler, handelte nach andern Maximen; Diesmal hatten unsere
japanischen Reisegefährten eine trockene Überfahrt.
Bereits vor unserer Abreise von Dezima hatte ich nach japanischen Karten und
Wegweisern eine Skizze des Kanals, welcher Kiusiu von Nippon scheidet, entworfen,
in der Absicht, diese bis jetzt so wenig bekannte, für die Geographie und Seefahrt
gleich wichtige Strafse bei unserer Durchfahrt zu untersuchen. Dies war nun meine
heutige Aufgabe. Der Gefälligkeit unserer japanischen Begleitung, der Mithülfe meiner
Freunde zu Simonoseki und namentlich meinem unvergefslichen Gönner, dem Hof-
astronomen Takahasi Sakusajemon, habe ich es zu verdanken, dafs ich einige hydro-
graphische Beobachtungen und einen ausführlichen Plan dieser StrafsQ mitteilen kann.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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Ansicht der Strafse van der Capellen.
io8
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Es sind dies die ersten Nachrichten, welche wir von dieser seit mehr als zwei Jahr-
hunderten von Europäern besuchten Stelle der japanischen Inseln erhalten. Die An-
sicht der Strafse ist auf Tab. io mitgeteilt.
Herr Bürger und ich hatten uns zu den Dolmetschern und Offizieren gesellt,
welche auf dem Vorderteil des Schiffes Platz genommen hatten. Erstere wufsten nur
zu gut, was wir mit unseren Beobachtungen mittels des Kompasses und Senkbleies
beabsichtigten, stellten sich aber gegen den Kuinin, der sich von Amts wegen nach
unserer Beschäftigung erkundigte, recht unwissend und legten solche als eine unschäd-
liche Neugierde unsererseits aus. Auch der Kuinin begriff, was wir verrichteten,
begnügte sich jedoch mit diesem Bescheide, wodurch er einer weiteren Untersuchung
überhoben wurde.
Auskundschaftung des Landes, Nachforschung über Staats- und Kirchenverfassung,
Kriegswesen und andere politische Verhältnisse und Einrichtungen sind Fremdlingen
aufs strengste untersagt, und die schärfsten Gesetze verbieten den Unterthanen, ihnen
darüber Mitteilungen zu machen oder gar auf irgend eine Weise bei ihren Nach-
forschungen behülf lieh zu sein. Unsere japanischen Begleiter auf der Reise nach dem
Hofe werden zur genauen Beobachtung solcher Verordnungen eidlich verpflichtet, und
strenge genommen dürfen und können sie uns keinen Schritt über die Schranken des
buchstäblichen Gesetzes erlauben, ohne ihre eigene Existenz aufs Spiel zu setzen.
Diese Leute jedoch, welche durch die Berührung mit gebildeten Europäern den Kreis
ihrer politischen Ansichten erweitert haben und nur zu gut die Engherzigkeit solcher
Vorkehrungen von seiten ihrer Regierung einsehen lernten, halten sich in den meisten
Fällen blofs an die Form des Gesetzes und sehen uns, wo es nur immer möglich ist,
durch die Finger. Ohne eine solche Nachsicht wäre dem Fremden auf Japan jede
wissenschaftliche Forschung rein unmöglich, denn streng genommen ist ihm jede
Berührung mit Land und Volk untersagt. Unser Kuinin hatte indessen seine Pflicht gethan,
und die Erklärung seiner Kollegen konnte ihm genügen und zur Beruhigung dienen.
Mittlerweile waren wir über die Bank gerudert, welche sich vor der Mündung
des Siwagawa in einem Halbkreise ausbreitet. Das Senklot zeigte stellenweise nur
i Faden Wasser; weiter in den Kanal hinein segelnd, fanden wir 3, 5, 7 und 8 Faden.
Jetzt wTaren wir ungefähr in der Mitte der Durchfahrt zwischen Kokura und der
Insel Hikusima und bekamen die SO. -Spitze von Simonoseki zu Gesicht, wrelche wir
mit der SO. -Spitze (Kap Kibune) von Hikusima N. 220 O. peilten; im Westen
hatten wir die Nordspitze der unterhalb Kokura gelegenen Insel Kukinosima. Längs
dem Kap Kibune bemerkten wir Klippen, und vor uns lag in einer Entfernung von
einer halben Seemeile der Felsen Josibese mit einer Gedächtnissäule, wrelche den
Namen Josibe verewigt. So hiefs ein Schiffer, welcher den berühmten Taiko Hidejosi1
auf der Überfahrt hier in Lebensgefahr brachte und der verdienten Strafe dadurch
entging, dafs er sich durch Leibaufschlitzen das Leben nahm. Diese freiwillige
Todesart, kühn und unmittelbar nach vollbrachter Missethat ausgeführt, sühnt im Auge
der Japaner die schwersten Verbrechen und bringt dem Thäter Ruhm statt Schande.
1 Taiko Hidejosi. Eigentlicher Name Hidejosi (Taiko ist eine Rangbezeichnung) ; er gehört zu
den militärischen Regenten Japans, welche die Stellung des legitimen Kaisers (Mikado) zu einem
Schatten herabdrückten (1594—1634). Von niedriger Herkunft gelang es ihm bis zur Würde eines
Kwanbaku oder Reichskanzlers emporzusteigen; er veranlafste den bekannten Feldzug gegen Korea und
dessen Schutzmacht China. Note z. 2. Aufl.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826. 109
Ein Windstofs brachte uns dem Felsen näher. Eine Menge Seevögel, meist
Möven und Seeraben, umschwärmten das Felsendenkmal, das eben von einer dunkeln
Wolke beschattet, aus der schäumenden Brandung hervorragte. Ein schauerlicher
Anblick, besonders wenn man daran die Sage knüpft, dafs sich hier zeitweise der
Geist des hochherzigen Seemanns zeige.
Das Denkmal an sich ist äufserst einfach. Man sieht eine auf der Mitte des
schroflen Felsen ruhende, etwa 2,50 Meter hohe, viereckige Säule, mit einem vier-
seitigen, pyramidenförmigen Aufsatz, ohne Inschrift (Abbildung Fig. 9). Ruder-
schiffe, überhaupt kleine Fahrzeuge lassen den Josibese rechts liegen und halten auf
Fig. 9. Das Denkmal Josibese.
das niedrige, dicht mit Gebüsch bewachsene Inselchen Funasima (auch Ganriusima
genannt) an. Auf dieser Durchfahrt hat man nicht über 3 Faden Wasser, und bei
Funasima steht kaum 1 Faden. Zwischen Josibese und dem Strande bei Dairi ist der
Kanal tiefer, 6 bis 8 Faden. Gröfsere Fahrzeuge ziehen diesen Weg vor und lassen
sich mit dem Strome, der bei der Ebbe NNO. und bei der Flut in entgegengesetzter
Richtung geht, durchtreiben. Unterhalb des Josibese, zwischen dem Städtchen Dairi
und dem Kap Kibune, ist der Kanal am engsten und nicht über eine Seemeile
breit. Wir wollen ihn den Südkanal nennen, denn die Strafse hat, wie wir später
erfahren werden, noch einen zweiten Ausgang, der von der Nordspitze von Hikusima
und dem Kap Wotohana unterhalb Simonoseki gebildet wird. Dieser, der Nord-
kanal, führt auf den japanischen Karten den Namen Kosedo, d. i. kleiner Kanal;
er
I IO
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
ist kaum eine Strafse (etwa 1 14 Meter) breit und blofs für kleine Schiffe paffierbar.
Auch geht da ein reifsender Strom, und die Durchfahrt ist um so gefährlicher, da
Hsidie Küste von kuima voller Klippen ist.
Sobald man an dem Inselchen Funasima vorbeigerudert ist, erweitert sich der Ge-
sichtskreis, und die Küste von Buzen vereinigt sich gleichsam mit der von Nagato und
Hikusima zu einem herrlichen Panorama. Im Norden breitet sich die freundliche Hafen-
stadt Simonoseki mit ihren tempelreichen Hügeln aus, und in NO., wo das Vor-
gebirge Hajatomo den Eingang der Strafse zeigt, schimmern die rotbemalten Dächer
der Kamihalle Mekarino jasiro. Den östlichen Strand, der sich stufenweise bis zu
dem Dairijama erhebt, schmücken niedliche Dörfer und einzelne Fischerwohnungen,
und im Westen unterbricht die felsige, zerrissene Küste von Hikusima, im Hinter-
gründe von blauen Gebirgen der Landschaft Nagato begrenzt, den Gesichtskreis.
Ringsum tragen terrassenförmig angebaute Flächen der Hügel und Bergabhänge das
Gepräge alter Kultur, und weifs und blau gestreifte Segel und zahlreiche Fischerkähne
beleben den Spiegel des weiten Seebeckens. Das «Kasin josi», der muntere Refrain
einer japanischen Barkarole, ertönt nahe und fern, und auch unsere Seeleute stimmen
mit ein. Jetzt erschallt das dumpfe Geläute des sich im NO. z. N. zeigenden Amida-
Tempels — es schlägt die vierte japanische Stunde, 2 Uhr nachmittags. Noch einige
Ruderschläge, und es öffnet sich der Eingang der Strafse, den zwei kleine Eilande,
Mansju und Kansju, gleichsam als Piloten anzeigen. — Mehr als zwei Jahrhunderte
blieb diese Strafse unbeachtet von den Niederländern, welche sie auf jeder Reise nach
Jedo befahren haben. Doch von nun an soll sie ihnen ein Denkmal werden, und
Jahrhunderte möge an diesem schroffen Felsen der Ruf widerhallen: «Hier die Strafse
van der Capellen!»1
Aller Aufmerksamkeit war nun auf die vor uns liegende Hafenstadt Simonoseki,
Fig. 10, gerichtet. Gruppen von Masten zeigten den Ankerplatz der japanischen
Fahrzeuge, während der Gesandtschaft die bei einer hohen Treppe auf dem Kai auf-
gepflanzte niederländische Flagge den Ort verkündete, wo der Bürgermeister mit
anderen Freunden der Niederländer sie erwartete, um sie gastfreundlich in seine Be-
hausung einzuladen.
Während ihres Aufenthaltes zu Simonoseki wird die Gesandtschaft in der Woh-
nung eines der beiden Bürgermeister beherbergt, die sich wechselweise in diese Ehre
teilen. Diesmal wohnten wir bei Sahosama, dessen geräumiges Hotel sich in der
Strafse Nabe matsi, dicht an dem Kai, wo wir ausgestiegen, befindet. Wir wurden
von dem Hausherrn und seiner Familie sehr freundschaftlich aufgenommen und anständig
logiert. Bald nach unserer Ankunft liels sich bei dem Gesandten der andere Bürger-
meister anmelden — ein enthusiastischer Anhänger der Niederländer, der sich als
solchen gleich durch seine Visitenkarte ankündigte; denn sie führte die Aufschrift:
van den Berg.
[23. Febr.] Bereits in der Frühe besuchten mich einige meiner Schüler, darunter
der Arzt Kosai. Dieser junge Mann, welcher sich seit einiger Zeit auf die holländische
Sprache und das Studium der Medizin nach der europäischen Schule verlegte, hatte,
um sich unter der Leitung einiger meiner tüchtigsten Schüler, namentlich des Arztes
1 Also genannt zu Ehren des General-Gouverneurs von Niederl. Indien Baron van der Capellen,
unter dessen Verwaltung' Ph. Fr. von Siebold zur Erforschung von Japan entsandt wurde. Note z. 2. Aufl.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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Ansicht von Simonoseki von Takesaki aus.
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Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Minato Tsjöan aus Jedo und Mima Zunzö aus der Landschaft Awa und des gelehrten
Dolmetschers Josiwo Gonoske auszubilden, im vorigen Jahre sich zu Nagasaki auf-
gehalten und dadurch nicht unbedeutende medizinische Kenntnisse gesammelt.
Seit kurzem in seine Vaterstadt zurückgekehrt, fand er liier an den Freunden der
Niederländer, den Herren van den Berg und van Dalen (so taufte heute Colonel de
Sturler unseren Hospes Sahosama) eine tüchtige Stütze und hatte gegenwärtig die
ausgebreitetste Praxis in der Stadt. Kösai und meine übrigen Schüler brachten mir nach
Landessitte Begrüfsungsgeschenke, welche in einigen ihnen merkwürdig erscheinenden
Naturalien und sonstigen Erzeugnissen ihres Landes bestanden. Darunter befanden sich
eine seltene wilde Ente (Anas tadorna), Seekrabben (Dorippe callida, sima und quadri-
dens), Seepferdchen und Seenadeln und eine neue Art Flufskrebse (Astacus Japonicus),
nebst vielen getrockneten Pflanzen, Keulenschwämmen und Mineralien. Alle diese
Naturerzeugnisse waren in den Augen meiner japanischen Freunde grofse Seltenheiten.
Die Dorippearten hält das Volk für Metamorphosen jener Helden des Stammes Heike,
wrelche während eines Seetreffens bei Danoura im Jahre 1185 hier in den Wellen ihr
Grab gefunden; sie heifsen daher auch Heike gani, oder Heike-Krabben. Es gehört
wirklich nicht viel Phantasie dazu, in den symmetrischen Erhabenheiten und Eindrücken
des Rückenschildes dieser Tiere menschliche Gesichtszüge zu erkennen. (Vergl. Fauna
Japonica, Crustacea, Tab. XXXI, Fig. 1, 2, 3.) Krebsaugen sind ein bedeutender
Artikel der Einfuhr in Japan, und sie stehen oft hoch im Preise. Zu meiner Zeit
schwankte der Preis für das japanische Pfund (Kin) zwischen 12 bis 27 Gulden. Die
Entdeckung eines Flufskrebses, der dieses kostbare Mittel liefert, war also eine Sache
von grofser Wichtigkeit für meine Schüler. Diese Crustacee kommt übrigens dort zu
selten vor, um das entdeckte Surrogat in hinreichender Menge zu liefern; häufiger
soll es sich in den Flüssen von Jezo, also im Norden des japanischen Reiches finden.
Auch in den Keulenschwämmen glaubten meine Freunde ein Wunder der Natur zu
sehen; sie wachsen nämlich auf toten, in Fäulnis übergegangenen Larven von Insekten,
besonders von Cicaden und Raupen und fassen so fest darauf Wurzel, dafs die aus-
getrocknete Larve gleichsam mit dem Schwamme verwachsen zu sein scheint. Sie
sind unter dem Namen Kaso totsiu, d. i. im Sommer Pflanze, im Winter Insekt,
bekannt, und man hält sie für ein Mittelding zwischen Pflanze und Insekt.
Mein Gegengeschenk bestand heute in einer guten Dosis Geduld, womit ich die
Krankengeschichten anhörte, welche einige meiner Schüler niedergeschrieben hatten
und nun in Beisein der Patienten ablasen.
Gegen Abend kam mein japanischer Maler Tojoske von Takesaki zurück, wohin
ich ihn gesendet hatte, um eine Ansicht vom westlichen Teile der Stadt Simonoseki
aufzunehmen. Das sehr gut gelungene Bild ist auf Fig. 10 mitgeteilt. Ich selbst
benutzte einen günstigen Augenblick und machte vom Thore unseres Gasthauses, .
welches nach dem Hafen geht, einige Kompafsobservationen und fand das oben er-
wähnte Städtchen Dairi S. 90 W. und die Ostspitze von Funasima S. 21 °W. Diese
beiden Kompafsstriche führe ich absichtlich an, w^eil sie bei der Überfahrt zur Be-
stimmung des Kurses dienen können.
[24. Februar.] Günstiges Wetter zu Observationen. Wir nehmen morgens
Längeobservationen mittels des Chronometers und mittags die Sonnenhöhe. Eine
Reihe von 29 Observationen, welche wir heute und die fünf folgenden Tage machten,
liefs uns den Meridian der Stadt Simonoseki auf 130° 52' 15" ö. L. und deren Pol-
Reise’n. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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höhe zu 330 56' 30'' n. B. bestimmen. Nach den Beobachtungen der Japaner liegt
Kokura unter 33 0 53' 30" nördlicher Breite und 130° 50' östlich von Greenw. Die
Entfernung der beiden Orte beträgt demnach 5' 15", was mit der gewöhnlichen
japanischen Angabe auf 3 Ri übereinstimmt; es gehen nämlich 2 8 1 / 5 Ri auf einen
Grad zu 15 deutschen Meilen.
Für den Nachmittag wurde ein Spaziergang in Gesellschaft unsers Gastherrn nach
dem berühmten Tempel des Amida besprochen, und wir erhielten von unserem Kuinin
die Erlaubnis, von dort nach dem Kap Hajatomo, dem nördlichsten Punkte von Kiusiu,
überzusetzen, jedoch unter der ausdrücklichen Bedingung, dafs nichts davon in dem
Tagebuche des Gesandten erwähnt werde; denn es sei gegen seine (des Kuinin)
Instruktion, wenn er die ihm anvertrauten Niederländer ohne Anfrage und besondere
Erlaubnis auf das vom Wege abgelegene fremde Gebiet eines Fürsten bringe. Diese
Gefälligkeit hat später unserem Kuinin grofse Unannehmlichkeiten verursacht. Unser
Besuch zu Hajatomo erregte Aufsehen und wurde vom Fürsten von Buzen so übel auf-
genommen, dafs, wie wir fpäter erfuhren, unser braver Gastherr, weil er als Magistratsherr
(Tosijori) und wichtigste Amtsperson zu Simonoseki uns dahin begleitet hatte, mit einem
Jahre Hausarrest bestraft worden ist.
Unser Gesandter war mit seinem Gefolge und Herrn Bürger nach dem Tempel-
hof vorausgegangen, während ich absichtlich mit dem Maler Tojoske und einigen
Schülern und Vertrauten zurückblieb, um Beobachtungen zur Bestimmung der wich-
tigsten Punkte des Planes der Strafse van der Capellen anzustellen. Dazu bot sich
auf der grofsen Steintreppe, w7elche zum Tempelhofe führt, und von wro man eine
freie Aussicht auf die Strafse und die Bai hat, die schönste Gelegenheit.
Der Amidä-Tempel nebst einigen anderen Kapellen und dem Kloster liegt auf
einer Anhöhe am östlichen Ende der Stadt, und man gelangt dahin durch eine
meistens von Fischern und Landleuten bewohnte Strafse, welche Amida-matsi heifst.
Zwei breite steinerne Treppen und eine schmale Stiege führen zum geräumigen
Tempelhof, worin der dem Amida geweihte Haupttempel, einfach von Holz erbaut
und mit einem Strohdache gedeckt, die Kapelle des Mikado Antok und einige andere
Mijas [Sinto-Tempel], das Kloster, ein Glockenhaus, Laternen und Denkmäler stehen,
überschattet von alten, hohen Tannen und Fichten, Lorbeerbäumen, süfsen Kastanien
und immergrünen Eichen. Ein anmutiges Wäldchen schliefst sich dem Tempelhain
an und zieht sich die im Hintergründe desselben gelegene Anhöhe hinan.
Vom Tempelhofe aus geniefst man eine herrliche Aussicht auf die von Fahr-
zeugen belebte Bai und die Gestade des Fürstentums Buzen, das mit dem Bezirke
Kiku die Nordspitze der Insel Kiusiu ausmacht. Die mit Klippen und Felsen besäte
Küste zieht von Dairi an in NO. -Richtung hin. Beim Dorfe Monsi oder Monsu
liegt die tiefe Bucht gleichen Namens. Die Landzunge läuft in das Vorgebirg Haja-
tomo aus, welches mit dem gegenüber liegenden Kap Majeta den Eingang in die
Strafse van der Capellen bildet. Es war gerade Flut, und die Ostsee stürzte mit
reifsendem Strome herein, sich in SSW. -Richtung in den ruhigen Spiegel der Bai
verlierend. Kap Hajatomo peilten wir N. 83° O. und Dairi S. 150 W. Die Gegend
zwischen Dairi und Monsi, nicht mit Unrecht Kusawara, die Kräuterau genannt, ist
in der That eine reizende Landschaft. Uns gegenüber breitet sich das Dorf Monsi
im Hintergründe der Bucht aus, und am Fufse des Vorgebirges erhebt sich auf cy-
klopischen Felsenmauern die Kamihalle Mekarino jasiro, von alten Cedern und immer-
v. Sieb old, Nippon I. 2. Aufl. 8
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
1 T4
grünen Eichen beschattet. Auf unserer Seite hatten wir zur Linken die Fischerdörfer
Danoura und Majetamura, welche sich längs dem Strande hinziehen, und zur Rechten
die Stadt mit ihren vielen mit Tempeln und Tempelhainen geschmückten Hügeln.
Einer dieser Hügel, der Kamejama, bildet einen bedeutenden Vorsprung gerade an
der Mündung des Mimosusogawa und gewährt kleinen Fahrzeugen einen sicheren
Ankerplatz. Auf diesem Hügel steht der Kamihof des Hatsiman Daimjözin, und am
Fufse desselben, dicht an der See, ein Wachthaus (Bansjo), wo Reisende und Schiffer,
wenn sie kommen und gehen, ihre Pässe vorzeigen müssen. Es beherrscht dieser
Punkt die ganze Stadt, das Flüfschen und die Bai.
Wir suchten nun unseren Gesandten auf und kamen noch zur rechten Zeit, um
die Heiligtümer und denkwürdigen Schätze des Tempels, welche in einem eigenen
Gebäude auf bewahrt werden, mit ihm zu besichtigen. Nachdem wir den Haupttempel,
worin man Amida verehrt, und die Kapelle Tsinzjuno mija, worin Pilger ihr Gebet
zum Hatsiman Mjözin verrichten, besucht hatten, führte man uns in die Kapelle, die
dem Mikado Antoku heilig ist. Ein junger sehr gesprächiger Priester enthüllte hier
die Bildsäule des siebenjährigen Antoku, welche, mit zwei anderen Statuen in Hof-
tracht zur Seite, hinter dem Vorhang auf einem Altäre stand. Er zündete Lampen
und Räucherwerk an und las uns nun das tragische Ende des Hauses Heike vor. In
dem Successionskriege der Häuser Heike und Gensi wurden nämlich die Anhänger
Heikes, welche die Sache des Antoku verteidigten, zu Itsinotani in der Landschaft
Setsu von Minamoto Jositsune geschlagen und von Jasima, wo sie sich befestigt hatten,
vertrieben, zogen sie sich mit dem jungen Mikado bis in die Gegend von Kokura,
wo jetzt das Städtchen Dairi liegt, zurück. Hier und zu Akamagaseki, so hiefs ehe-
mals Simonoseki, legten sie Befestigungen an, aber vom siegreichen Jositsune verfolgt,
sahen sie sich endlich genötigt, bei dem Dorfe Danoura dem Feinde die Spitze zu
bieten. Die Schlacht ging für sie verloren, und dem Fahrzeuge, worauf sich Antoku
mit seiner Pflegmutter Nijeno ama befand, ward die Flucht abgeschnitten, und die
Rettung des jungen Mikado war unmöglich. In diesem verzweiflungsvollen Augen-
blicke sprang die heldhafte Nijeno ama, mit dem Prinzen in ihren Armen, in die See
unter dem Ausruf: «Durchs Meer will ich dich an einen Hof bringen, wto man ewige
Freuden geniefst». Ihr folgten die treuen Diener, und alle ertranken mit ihrem Ober-
herrn. Die Leichen des Mikado und seiner Getreuen wurden im Tempelhofe des
Amida bestattet. Antoku war der 81. Mikado, und die Schlacht bei Danoura fand
am 24. des dritten Monats im ersten Jahre Bundsi (1185) statt.
Diese denkwürdige Heldengeschichte illustrierte unser Cicerone mit den Ab-
bildungen der Helden, welche man rechts und links auf die Tapeten der Tempel-
wände lebensgrofs und mit grellen Farben, nach altjapanischer Schule gemalt sah.
Es waren ihrer sieben auf jeder Wand. Hierauf wurde unser Gesandter in einen Saal
rechts vom Tempel des Antoku geleitet, der gleichfalls mit altertümlichen kostbaren
Tapeten ausgeschmückt war, worauf die Geschichte Antokus in sieben Scenen, ganz
im Stile der bereits erwähnten Bilder, gemalt ist. Das erste Bild stellte Antokus Geburt
dar, das zweite die Schlacht im Bergpafs Itsinotani, das dritte die Ansicht des Dairi
oder Mikadopalastes auf Jasima, das vierte ein Schiff der Heikepartei, das fünfte die
Seeschlacht bei Danoura auf der Höhe der Inselchen Kansju und Mansju, das sechste
eine Ansicht der Stadt und Feste Akamagaseki mit dem berühmten Kamihofe des
Hatsiman auf dem Kamenojama und das siebente die letzte Scene des Kampfes und
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
1 15
das Ertrinken bei Simonoseki. Nach Auslegung dieser merkwürdigen Geschichtsbilder
wurden die Reliquien und Seltenheiten, welche man hier bewahrt, vorgezeigt. An
und für sich und in Bezug auf alte Sitten und die Geschichte und frühere Bildung
der Japaner sind sie zu wichtig, um ihrer nicht mit einigen Worten zu erwähnen.
Mit ängstlicher Sorge in lackierten Kästchen bewahrt, und mit rotem, schwarzem und
purpurnem Seidenzeuge umwickelt, wurden sie feierlich enthüllt und zur Bewunderung
und Verehrung ausgestellt.
Die Stiftungsurkunden (Inrinsi) des Tempels von einem Mikado. Ein Gedicht
auf den Mikado Antoku vom berühmten Taiko Hidejosi. Das Heike monogatari, ein
Epos auf den Kampf und Sturz des Hauses Heike, und ein aus 32 Büchern bestehendes
Werk, worin die auf Befehl des Sjögun zu Kamakura erlassenen Beschlüsse einge-
tragen sind. Es führt den Titel Kamakura mi kjö sio. Eine Urkunde vom Sjögun
Asikaga Takautsi und Handschriften von andern berühmten Männern. Auf Seide ge-
malte Götterbilder, worunter Amida, Sjaka Niorai und der K wanwon mit elf Gesichtern,
nebst andern Heiligen. Ein aus der See wieder aufgefundener Säbel des Mikado Antoku.
Ein Säbel von Noritsune, Fürsten von Noto, gleichfalls im Meere gefunden. Schnüre
vom Kriegsmantel des erwähnten Takautsi und eine Trinkschale, ein Trinkglas und
eine Krystallkugel des Helden Taiko Hidejosi.
Unsere Japaner, welche die Heiligtümer und Reliquien ihrer Mikados und
Kriegshelden mit tiefer Ehrfurcht begrübst, besehen und bewundert hatten, wviren
sichtbar ergriffen. Wurde doch mit dem Sturze des Antoku und der Erhebung Jori-
tomos zum Sjögun die Macht ihrer vergötterten Mikados w?ohl auf immer vernichtet,
und die Regierung des Reiches bis auf den heutigen Tag der Gewalt der Oberfeld-
herren — der Sjögunherrschaft - — - überlassen, die sich sowohl unter Religions- und
Bürgerkriegen, als auch in der nachfolgenden zweihundertjährigen Friedenszeit gleich
mächtig zu erhalten und das alte Mikadohaus in einen politischen Schlummer einzu-
wiegen wufste.1 * *
Wir besuchten nun den Oberpriester des Tempelhofes, der uns in einem ge-
räumigen Saale des Klostergebäudes empfing und mit Thee und Tabak bewirtete.
Er war ein guter Fünfziger, von kleiner Statur, rundem blatternarbigem Gesichte,
freundlich, wrie alle Mönche, aber offenherzig und gemütlich. Die Priester dieses
Tempelhofes gehören zur buddhistischen Sekte Sjöto, und ihre Revenüen betragen
jährlich 70 Koku, ungefähr 800 Gulden, als stiftungsgemäfs vom Staate ausgesetztes
Einkommen, aber die milden Gaben von Pilgern und Reisenden und andere fromme
Beiträge belaufen sich viel höher. Auch unser Gesandter brachte ein Opfer, er gab
einen Itsibu, d. i. drei Gulden, auf ein Papierchen geklebt und sauber eingewdckelt.
Einige kleine Kähne erwarteten uns am Seestrande, und wir setzten nach Haja-
tomo über. Es ging ein schneller Strom, jetzt NNO.; denn es begann zu ebben, und
in wenig Minuten w7aren wir am jenseitigen Ufer. Der Strand war mit Seetangen,
Seesternen, Seeigeln, Krabben und Muscheln besät, unter letzteren die sehr schmackhafte
Steckmuschel, welche Inogai heifst. Herrn Bürger und meinen Schülern überliefs ich’s
heute Naturalien zu sammeln und benützte die günstige Gelegenheit, durch eine Reihe
von Kompafsobservationen die wichtigsten Punkte des Eingangs der Strafse zu be-
1 Selbstverständlich vor 1868 geschrieben, wo nach dein Sturze des Sjögunats die Restauration
der kaiserlichen Dynastie erfolgte, durch welche Japan seiner jetzigen Entwickelung entgegengeführt
wurde. (Note zur 2. Aufl.)
Abteilung 1. Geographische Forschungen und Reisen.
1 16
stimmen. Am Pulse des Kamihofes, auf einem Blocke Kieselschiefer, wurde die
Skizze des Planes der Einfahrt in die Strafse entworfen, welche den in ganz Ostindien
gefeierten Namen eines van der Capellen führen sollte. Von hier aus peilte ich die
SO. -Spitze der Insel Hikusima, nämlich Kap Kibune, S. 37 0 W. und die Landspitze
oberhalb des Städtchens Dairi S. 29 0 W. und bestimmte so die engste Stelle des
südwestlichen Eingangs in die Strafse. Nun eilten wir längs dem mit Kieselschiefer
und Trachytblöcken verschanzten Strand nach der Nordspitze des Kaps Hajatomo, wo
sich eine freie Aussicht in die Bucht öffnet, welche sich zwischen dem Kap Motojama
und Kap Kusisaki ausbreitet und die Inselchen Mansju und Kansju umschliefst. Von
hier aus peilten wir das Dorf Danoura auf Nippon N. 56° W. • — Kap Kusisaki
N. 45° O. — das Inselchen Kansju (das kleinere und westliche) N. 51° O. — das
Inselchen Mansju N. 59 0 O. und die Spitze oberhalb des Dorfes Tanoura (auf Kiusiu)
lag gerade im Osten und bildete so mit dem Kap Hajatomo, wo wir unsere Instrumente
aufgestellt hatten, den nördlichsten Teil der Insel Kiusiu. Nachdem wir unsere Aufgabe
vollendet hatten, besuchten wir die Kamihalle des Mekarino Mjözin, wurden vom Ober-
priester mit geweihtem Reis, als einem Talisman gegen Unfälle auf Reisen, beschenkt,
und gingen längs dem Strande nach Monsi oder Monsu, wo wir uns wieder nach
Simonoseki übersetzen liefsen.
Beim ersten Bürgermeister, einem eifrigen Freunde der Niederländer, waren wir
zu Abend eingeladen. Van den Berg (so hatte ihn der frühere Gesandte Doeff ge-
tauft) empfing uns in einem ganz nach europäischem Geschmacke möblierten Zimmer
und bewirtete uns nicht allein auf holländische Art, sondern erschien, um uns wo-
möglich ganz in unsere Heimat zu versetzen, sogar selbst in holländischer Tracht.
Er präsentierte sich in einem roten Sammetrock mit goldnen Tressen, einer gold-
gestickten Weste, kurzen Beinkleidern, seidenen Strümpfen, Pantoffeln, einem Hute
und trug sogar einen Stock mit grofsem, vergoldetem Knopfe — das Reichsscepter
unserer Oberhäupter auf Dezima. Dies ganze Kostüm hatte übrigens noch das histo-
rische Interesse, dafs es ein Geschenk seines Freundes Doeff und derselbe Anzug war,
worin dieser am Hofe zu Jedo seine Aufwartung gemacht hatte. Die Gesellschaft
Find diesmal im engeren Familienkreise statt, zu welchem aufser einigen Dolmetschern
auch mehrere meiner vertrauten Schüler zugelassen waren. Unsere japanische Ehren-
wache, oder Aufseher, wie wir sie auch nennen könnten, da sie uns überallhin
begleiteten, benahm sich bei Gelegenheiten, wo irgend ein Anstois gegen ihre In-
struktion stattfinden konnte, ungemein bescheiden und klug. Sie vermieden Augen-
zeugen von Handlungen zu sein, die sie den ihrer Aufsicht anvertrauten Niederländern
nicht wohl gestatten, aber auch nicht geradezu verbieten konnten. Unser Kuinin war
also heute zu Hause geblieben und liels sich durch den Funaban und die beiden
Tsjösi vertreten, recht wackere Leute, die sich im Vorzimmer den Sake und die Zu-
gerichte trefflich schmecken und uns ungestört unser holländisches Lustspiel aufführen
liefsen. Van den Berg spielte die Rolle seines Paten vortrefflich und gab mitunter
auch einen derben Matrosenspafs zum besten; er fühlte sich heute recht glücklich.
Seine hübsche Frau und einige andere japanische Damen unterhielten die Gesell-
schaft, und Mädchen in geschmackvoller, reicher Kleidung bedienten die fremden Gäste.
Zitherspielerinnen, Tänzerinnen und Gaukler traten später auf, und die holländische
Soiree endigte als eine japanische Lustpartie. Bald war ich der Freund und Vertraute
unseres Gastherrn geworden; ich mufste nun auch Zeuge seines Geschmackes an
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
1 17
holländischen Sachen werden und sein Raritätenkabinett besehen. In einem kleinen
Kämmerchen, wohin keine Thüre, sondern ein Loch zum Durchkriechen führte, war
ein Mischmasch von europäischen Gegenständen aufgehäuft. Möbel, Kleidungsstücke,
Thee- und Tafelservice, Taschenuhren, Pendulen, Bücher, Zeichnungen, Handschriften,
Degen und andere Waffen waren zu sehen, und sogar eine Zipfelperücke aus der
Blütezeit des niederländischen Handels hing da. So brachten wir den Abend recht
angenehm zu.
[25. Februar.] In aller Frühe kamen meine Schüler und andere Ärzte aus der
Gegend mit ihren Kranken und fragten mich um Rat und Hülfe. Es waren, wie ge-
wöhnlich, chronische, vernachlässigte und unheilbare Krankheiten, und die umständ-
lichen Konsultationen kosteten viel Zeit und Geduld. Ich that alles meinen Schülern zu-
liebe, deren guter Ruf darunter gelitten hätte, wenn ihre Patienten, die sie auf mich
vertröstet und oft aus entfernten Orten herbeigebracht hatten, rat- und hülflos wieder
von dannen gezogen wären. So rnufste ich oft gegen meinen Willen den Charlatan
spielen.
Ein heiterer Himmel begünstigte die Längenbeobachtungen, welche wir, Herr
Bürger und ich, fast täglich hier anstellten.
Gegen Mittag besuchte uns unser Kuinin unter dem Vorwände, unsere Instru-
mente und Naturalien besichtigen zu wollen — doch wahrscheinlich aus Dienstpflicht
oder Besorgnis; denn die vielen Fremden, welche den holländischen Arzt besuchten,
waren seiner Aufmerksamkeit nicht entgangen, aber auch mir nicht die Absicht seines
Besuches. Es wurden also, als man seine Visite ansagte, die etwa anstöfsigen Sachen
aus dem Wege geräumt (und es waren deren viele), und an ihre Stelle setzte ich
gelehrtes Spielzeug, Mikroskope und andere physikalische Instrumente.
Vor unserer Abreise, noch auf Dezirna, hatte ich dem Kuinin, der nicht ohne
naturhistorische Kenntnisse war, die Naturaliensammlung und andere Merkwürdig-
keiten, welche ein Europäer in Japan sammeln darf, gezeigt und ihn in mein Interesse
gezogen. Die den Japanern eigene Wifsbegierde und ihre Passion für Naturselten-
heiten kam mir jedesmal zu statten, wenn ich einen geheimen Zweck zu erreichen
strebte. Fleute liefs ich den Kuinin Moos- und Farrenblüten u. dgl. unter dem Mi-
kroskop sehen, was seine Neugierde und Teilnahme an meinen Untersuchungen, die
ihm ganz unschuldig vorkamen, aufs neue erweckte, und er versprach mir, mich bei
denselben nach besten Kräften zu unterstützen. So wurde denn auch mein Gesuch,
nachmittags mit Herrn Bürger und einigen Japanern eine naturhistorische Exkursion
nach Danoura zu machen, bewilligt. Die weitere Aufnahme der Strafse war meine Ab-
sicht. Van den Berg, sein Söhnchen, der Maler Tojoske und meine vertrauten Schüler
Rjösai und Kösai begleiteten uns. In einer kleinen Fischerhütte vor dem Dorfe fanden
wir freundliche Aufnahme, Erfrischungen und die Instrumente, welche wir voraus ge-
schickt hatten. Unser Maler entwarf eine Skizze der Ansicht der Strafse mit der
Fischerhütte im Vordergründe, während wir uns mit Kompafsobservationen beschäf-
tigten und einige wichtige Mitteilungen unseres erfahrenen van den Berg über diese
Strafse niederschrieben. Die Breite der Strafse zwischen hier und Kap Hajatomo,
welches S. 6i° O. gegenüber liegt, wird von den Japanern auf 14 Tsjö angegeben,
was nach unserer Rechnung 1603,56 Meter beträgt. Die Tiefe soll hier zwischen
15 und 20 Ken oder Faden wechseln, wovon wir uns später auch überzeugten. Der
Strom, namentlich der Flutstrom, ist oberhalb Danoura am reifsendsten und geht nächst
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
1 18
dem Strande dieses Dorfes, was sich durch den schroffen Vorsprung des Kaps Haja-
tomo, an welchem sich die hereinströmende Ostsee bricht und nach dem entsm^en-
gesetzten Strande geleitet wird, erklären läfst. Auf einer sehr ausführlichen japanischen
Seekarte (einem Wegweiser zur See von Osaka nach Nagasaki) ist zwischen Kap
Kusisaki und Kap Majeta eine Klippe bemerkt, an welcher schon Fahrzeuge verunglückt
sind. Wir haben sie nicht in unserer Karte aufgenommen, wTollen aber darauf auf-
merksam machen. Dem Wegweiser zufolge läfst man die Klippe bei der Durchfahrt
nach Simonoseki an Steuerbord liefen.
Die Japaner nennen die Strafse nach den dortigen Kamihöfen teils Hajatomono
seto, teils Mckarino seto (seto bedeutet Meerenge); der älteste Name ist Anado (Loch-
thüre), woher auch Anadono kuni, der älteste Name der Provinz Nagäto. Historischen
Quellen zufolge hat diese Meerenge vor Zingus Expedition nach der Halbinsel Korea
(200 n. Chr.) noch nicht bestanden. Erst in späterer Zeit hat die See die Fortsetzung
von Kap Hajatomo, wrodurch Kiusiu mit Nippon zusammenhing, durchbrochen, wo-
durch das Dorf Monsi mit dem Kamihofe, das ehemals als Barriere noch zu Nippon
gehörte, der Insel Kiusiu zufiel.
Der Japaner hängt sehr an Vergnügungen in freier Natur, welche auch im Winter-
kleide noch Reize genug hat, seine lebhafte Phantasie zu begeistern. Dabei läfst er
auf seinen Ausflügen keine Gelegenheit unbenutzt, die Freuden der Natur durch reli-
giöse Erbauung und geschichtliche Erinnerungen zu erhöhen. Da unsere Arbeit voll-
bracht war, so liefsen wir uns vor der anmutigen Fischerhütte zur Seite eines Berg-
baches nieder. Es war Frühlings Anfang. Hier und da blühte schon die beliebte
Baimo- und Mume- Pflaume, und die wilden Kamelien öffneten bereits ihre dicken
Blumenknospen. Uns gegenüber, jenseits der schnellströmenden Meerenge, erhob sich
das schroffe Vorgebirge mit der Kamihalle, uns zur Rechten, auf dem Felsenvorsprung,
ragten die Ruinen der Burg Akamagaseki, die Kapelle des Kamejama Hatsiman und
dicht dabei der Amidatempel empor. Inmitten so erhebender Naturscenen und von
solchen Denkmälern umringt, kann der gemütliche Japaner nicht verweilen, ohne den
Freund bei einer Schale Sake zu begrüfsen und seinen Gefühlen für Natur, Vaterland
und Freundschaft Äufserung zu geben. Wir tauschten mit unserem biederen van den
Berg und anderen Vertrauten ein Gläschen Madeira mit einer Schale Sake unter trau-
lichen und belehrenden Gesprächen. Der Sohn meines Freundes, ein liebenswürdiger
Knabe von fünf Jahren, schmiegte sich an meine Seite und teilte die Aufmerksamkeit
seines Vaters, der in seiner Begeisterung endlich den Wunsch äufserte, ich möchte
seinem einzigen Sohne meinen Namen zum Beinamen geben. Es wurde auf die Ge-
sundheit meines kleinen Adoptivsohnes getrunken, den ich in meine Arme schlofs.
Unsere Stimmung war fröhlich und herzlich, und wir zogen unter Anstimmung eines
deutschen Liedes nach der Stadt zurück. Wir sprachen hier bei Kosai vor, um eine
Mineraliensammlung zu besehen. Auch hier werteten unser Freunde und Kranke,
unter erstem der Bruder eines sehr reichen Kaufmanns, Kamaja aus Nagato, welcher
mich im vorigen Jahre auf Dezima konsultiert und zu Nagasaki unter meiner Behandlung
einige Zeit zugebracht hatte. Er liefs sich durch seinen Bruder zu einem Besuch für den
nächsten Tag anmelden in der Absicht, mir für seine Wiederherstellung Dank zu sagen.
Kamaja war einer der reichen Kaufleute, deren es namentlich zu Osaka und zu
Jedo viele giebt. Wie er mir selbst sagte, hatte er stündlich ein Koku (oder einen
Koban) Einkünfte, also ungefähr eine Tonne Goldes im Jahre. Wohl als Bürger ge-
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
1 19
achtet, aber ohne alles öffentliche Ansehen, würde der japanische Kaufmann selbst
dem, der die Scholle baut, nachstehen und als Krämer den Übergang zur ehrlosen
Volksklasse machen, wäre ihm nicht Gelegenheit gegeben, sich, sei es vom Sjogun
oder von seinem Landesfürsten, einen Titel und damit die Erlaubnis, ein Seitengewehr
zu tragen, gegen eine geringe Taxe zu erkaufen. Wir wollen hier erinnern, dafs
wohl der Landwirt, aber nicht der Kaufmann berechtigt ist, ein Seitengewehr zu
tragen. Letzterer steckt an die Ehrenseite seines Gürtels gewöhnlich blofs einen
Fächer. Erst mit dem Titel, woran sich ein Jahrgehalt, gleich unbedeutend wie die
Taxe, knüpft, erhalten die Geldmänner ein Ansehen, übernehmen nun aber auch die
wichtige Verbindlichkeit, dem Staate im Falle der Not Geld vorzuschiefsen. Sie
werden dadurch die Hofbankiers des Sjogun und der Landesfürsten, In Osaka und Jedo
werden jährlich Listen dieser reichen Ehrenmänner in Druck herausgegeben, welche
das Eigentümliche haben, dafs die Namen der reichsten mit den gröbsten Buch-
staben obenan stehen, während die minder bemittelten in fitst unlesbarer Kursiv-
schrift die Liste schliefsen. Die japanischen Rothschilde figurieren in zolllangen Buch-
staben.
[26. Februar.] Aus Nagato und der angrenzenden Landschaft Suwö besuchen
mich Schüler und Bekannte und bringen Freunde und Kranke, Geschenke und Natur-
seltenheiten mit. Das Zusammentreffen mit den fähigsten meiner Schüler war ganz
unserer Verabredung gemäfs. Sie hatten bei ihrer Entlassung von ihrem holländi-
schen Meister ein stattliches Doktor -Diplom erhalten mit der Bedingung, in ihrer
Heimat eine Dissertatio inauguralis zu schreiben und sie ihm auf seiner Reise nach
Jedo einzuhändigen. Das Thema ward ihnen angewiesen und bestand jedesmal in
einem noch wenig bekannten, wissenswerten Gegenstand aus dem Gebiete der Länder-
und Völkerkunde oder der Naturgeschichte mit Bezug auf Japan und seine Neben-
und Schutzländer. Unter den heute empfangenen Arbeiten stehen obenan:
Geographisch-statistische Beschreibung der Fürstentümer Nagato und Suwö von
Kawano Kosaki. Über die Seesalzbereitung von Sugijama Soriu. Von den gebräuch-
lichsten Färbestoffen und vom Färben der Zeuge von Bunkjö. Von den Walfischen
und dem Walfischfang von Takano Tsjöje. Beschreibung merkwürdiger Krankheiten
in Japan. Verzeichnis der allgemeinsten Arzneimittel u. s. w.
Die Anhänglichkeit und der Eifer, womit diese wackern Leute meine Aufträge
besorgt hatten, rührten mich. In einer kurzen Rede ermunterte ich sie zur weiteren
Beförderung meiner naturhistorischen und anderweitigen Forschungen, sowie zur Aus-
breitung europäischer Wissenschaften in ihrem Lande und versprach ihnen meine
thätige Mitwirkung und Unterstützung.
Wie gesagt, jeder von den Ärzten hatte aus seinem Lande Kranke mitgebracht,
und ihre Zahl war so grofs, dafs, um keinen Anstofs zu erregen, das Los über die
Ordnung der Konsultationen und Operationen entscheiden mufste. Schauderhafte Fälle
von Syphilis, Lepra, veralteten und vernachlässigten Krebsgeschwüren und Fisteln,
Augenkrankheiten und Kachexien aller Art waren an der Tagesordnung, und mehrere
Operationen wurden mit Erfolg zur Belehrung meiner Schüler und zum Erstaunen der
Anwesenden v o r g e n o m m e n .
< Wir haben uns schon einige Male unserer Schüler gerühmt und von ihnen mit
Lob gesprochen. Häufig werden wir mit ihnen noch auf dieser Reise Zusammen-
treffen und Gelegenheit haben, ihrer Anhänglichkeit und treuen Dienste zu erwähnen.
ÜAi luaad-
Fig. ii. Porträt des Präsidenten des Dolmetscher-Kollegiums in Nagasaki Isibasi Sakusajemon.
Den Lesern, die unsere Stellung und die Verhältnisse auf Dezima nicht kennen und
von unserer Verbindung mit Ärzten und andern japanischen Gelehrten und Freunden
europäischer Wissenschaften sich keine deutliche Vorstellung machen können, sind
wir einige nähere Aufklärung schuldig. Gleich nach unserer Ankunft auf Dezima in
1823 wurden wir durch die Vermittlung des mehrgenannten «Opperhoofd» J. Cock
Blomhoff mit den vorzüglichsten, damals zu Nagasaki anwesenden Ärzten bekannt
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
1 2 I
gemacht, unter denen sich auch Minato Tsjöan, ein vornehmer Arzt aus Jedo, und der
junge Mima Zunsö aus Awa, ferner Hira'i Kaisö aus Mikawa, Oka Kenkai und viele
andere fremde Ärzte und Gelehrte befanden, welche der Ruf des aus Holland neu
angekommenen Arztes und Naturforschers nach Nagasaki gezogen hatte.
Durch eine ungewöhnliche Begünstigung von seiten des kaiserlichen Statthalters,
Fudsiwara Takahasi, des Herrn von Jetsizen, erhielten diese wilsbegierigen Leute die
Erlaubnis, bei uns auf Dezima Unterricht zu nehmen, und es wurde uns gestattet,
mit ihnen zu Nagasaki Kranke zu besuchen und in der Umgegend der Stadt Arznei-
kräuter zu sammeln. So ward der Weg zu unseren ausgebreiteten Forschungen und
Verbindungen mit Japanern geöffnet. Josiwo Gonoske, Inabe Itsiguro, Isibasi Saku-
sajemon, Narabajasi Tetsnoske, Sige Tokisiro, Namura Sansiro und einige andere
tüchtige Dolmetscher erteilten diesen Leuten Unterricht in der holländischen Sprache,
die für sie der Schlüssel zu gründlichen Studien ward. Siehe das Porträt des Vorstehers
des Dolmetscher-Kollegiums Isibasi Sakusajemon Fig. 11. Der würdige Greis Sige
Dennozin, noch ein alter Bekannter Thunbergs, und Sugavara Sekisiro, der erste Bürger-
meister der Stadt, wurden die Beschützer europäischer Wissenschaften und begünstigten
unsern Verkehr mit japanischen Gelehrten. Einige glückliche Kuren und Operationen
befestigten den Ruf des Meisters, und die Zahl seiner Schüler wuchs mit jedem Tage.
Zu diesen gehörten auch manche talentvolle junge Leute aus fernen Landschaften, die
aber zu arm waren, um in Nagasaki leben zu können. Überzeugt, dafs von ihnen
viel für unsere naturhistorischen und anderweitigen Forschungen zu erwarten stand,
nahmen wir daher einige der tüchtigsten, deren Namen wir noch mit Stillschweigen
übergehen müssen, im Geheimen in unsern Dienst und gewährten ihnen auf unserm
Landgütchen, einer romantisch gelegenen Villa im Thale Narutaki, in der Nachbar-
schaft des alten Dennozin eine Wohnstätte. Bald ward Narutaki der Sammelplatz
japanischer Freunde europäischer Wissenschaft, und Zunzö und Kenkai die ersten
Lehrer des durch uns gestifteten Athenäums. Von diesem kleinen Punkte breitete
sich allmählich ein neuer Lichtstrahl wissenschaftlicher Bildung und mit ihm unsere
Verbindung über das japanische Reich aus. Die wir von nun an unsere Schüler
nennen dürfen, haben hier den ersten Grundstein zu ihrer europäischen Bildung gelegt
und vieles zu unsern Forschungen beigetragen.
[27. Februar.] Wir erhielten die Erlaubnis zu einem Spaziergang nach Takcsaki
(so heilst der westliche Teil der Stadt) und in die Umgegend. Die Süd westspitze
von Nagato, Kap Wotohana, die Meerenge Kosedo, die Insel Hikusima und die
Rokuren-Gruppe zu untersuchen war heute unsere Aufgabe. In kleiner Gesellschaft
durchzogen wir die Strafsen Nisinabe -matsi, Irije, Nisihosoje und Buzen-matsi
und ruhten bei einem Zollhause auf dem Kai von Takesaki aus, wo wir die Aus-
sicht auf die vor uns sich ausbreitende Insel Hikusima, auf das Inselchen Eunasima
und auf die Küste von Buzen hatten. Es lagen hier kleine Handelsschiffe vor
Anker, und auf dem Kai war man mit Ein- und Ausladen beschäftigt. In Fig. 10
ist diese Ansicht mitgeteilt. Es ist der Stapelplatz des Handels von Simonoseki.
Unsere Ankunft erregte Aufsehen, und bei dem Andrange der neugierigen Volks-
masse war es nicht rätlich hier Observationen anzustellen, auch Tojoske nahm diesmal
keinen Abrifs der Gegend auf. Wir zogen nach Imaura, wo wir in einem Fiseber-
hause am Strande einkehrten, um unsere japanischen Offiziere, die uns weiter zu begleiten
Anstand nahmen, bei einem Gläschen Wein und Sake in eine günstigere Stimmung
122
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
zu versetzen. Das Dorf Imaura gehört nämlich nicht mehr zum Gebiete von Simo-
noseki, und wir befanden uns in einem ähnlichen Falle wie bei unserem Abstecher
*
nach Hajatomo. Das Verbot, Fremde aufzunehmen, ist der gesamten japanischen Be-
völkerung mit so furchtbarem Nachdruck eingeprägt, dafs es, wie sich aus allem,
was wir davon erfahren haben, einsehen läfst, einem Ausländer nicht möglich wäre,
nur einen Tag auf japanischem Boden zu verweilen, ohne entdeckt zu werden.
Wir rieten unsern Aufsehern, sich aus dem Spiele zu ziehen und unsere Zu-
rückkunft von Woto hier abzuwarten, wozu sie sich auch verstanden. Sobald wir
ihnen aus dem Gesichte waren, machten wir uns an die Arbeit und bestimmten durch
eine Reihe von Peilungen die noch ganz unbekannte Ostküste von Hikusima und be-
richtigten viele andere Punkte des Wasserbeckens, welches sich hier einem Landsee
gleich ausbreitet. Einige der wichtigsten Peilungen w7ollen wir hier anführen.
Das Inselchen Funasima S. 20 0 O. Das Städtchen Dairi mit der Ostspitze von
Hikusima S. 10 0 O. Die Nordostspitze (Kap Amanoko) von Hikusima S. 350 W.
Die Stadt Kokura konnten wir wegen der vorliegenden Insel Hikusima nicht sehen,
aber unsere Japaner zeigten uns die Gegend genau, sie lag demnach S. 160 W. vor
uns. Nun eilten wir nach Woto und bestiegen die im Südwesten des Dorfes gelegene
Spitze (Kap Woto-hana), wo sich eine weite Aussicht in die See Genkai nada er-
öffnet. Es war hier eine grofse Lücke in den japanischen Karten. (Wir kannten da-
mals weder die amtliche Karte von Japan, noch den obenerwähnten Seewegweiser.)
Die Insel Hikusima, welche auf diesen Karten weiter von der Küste von Nippon als
von Kiusiu entfernt liegt, sahen wir blofs durch eine enge, kaum 1 Tsjö
(114,54 Meter)1 breite Strafse vom Kap Woto-hana geschieden und in eine lange
schmale Landzunge in Nordwestrichtung auslaufend, sich gleichsam an die Ilokuren-
gruppe anschliefsen. Wir hatten hier diese Gruppe und die Nord west- und Nord-
ostküste von Hikusima in Vogelperspektive vor uns, und Tojoske zeichnete einen
Plan, der seiner Fertigkeit und Kunst Ehre machte. Hinsichtlich der Bestimmung der
wichtigsten Punkte haben wir Nachstehendes aufgezeichnet. Die Nordspitze von Hi-
kusima peilten wir O. 68° S., die äufserste Spitze der Landzunge, wahrscheinlich das
Inselchen Takenokousima, welches mit der Landspitze zusammenlief, N. 86° W., die
Südspitze der Rokuren-Insel, eigentlich Kamino motsure genannt, N. 590 W., das Insel-
chen Mumasima (auch Komotsura genannt) N. 73 0 W. Auf der Westküste von
Nagato hatten wir das Kap Takehisa N. 40 O. und Kap Murotsu N. 90 O., und wir
konnten die Dörfer gleichen Namens deutlich erkennen. Bei ersterem ergiefst sich
der Bach Takehisa-gawa, und bei Murotsu der Asaraki-gawa in die See. Die Rokuren-
gruppe besteht aus sechs Inselchen: 1. Kamino Motsure mit dem Dorfe Hatoura,
2. Komotsure oder Mumasima, 3. Kanasakisima, 4. Wakurasima, 5. Amakosima und
6. Katasima, die vier letzten sind unbewohnt. Auf der entgegengesetzten Nordküste
von Tsikuzen reichte unsere Aussicht bis Kap Kanesaki; Kap Asija hatten wir im
S. 87° W., und die Strafse Wakamatsu (man nennt sie auch Fukano umi) peilten
wir S. 61 0 W. Auf der Höhe von Kap Asija liegen zwei kleine Inseln neben-
einander, welche die Zwillingsinseln oder auch Mann und Frau heifsen. , Die nörd-
lichste derselben, Wosima, die Mann-Insel, peilten wir N. 690 W. und die andere,
Mesima, die Frau-Insel, N. 73 0 W. Auch erkannten wir noch w7eiter nördlich eine
1 Nach den neuesten Bestimmungen des Kaiserl. Japan. Stat. Bureau ist ein Tsjo, jetzt tchö
geschrieben, 109,09 Meter.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
125
Insel, welche wir N. 33 0 W. peilten, und die, nach Angabe unserer Begleiter, Aino-
sima sein soll. Die kleine Meeresstrafse Kosedo erstreckt sich von O. nach W.
und wird vom Kap Wotohana und der Nordspitze von Hikusima gebildet. Dieselbe ist,
wie gesagt, nur ungefähr 114 Meter breit und blofs für kleine Handelsschiffe befahrbar.
Der Strom darin ist reifsend, und die Durchfahrt um so gefährlicher, da sich an der
Inselseite, gerade dem Kap Wotohana gegenüber, Klippen befinden.
Zu Imaura trafen wir unsere Offiziere, welche sich auf unsere Kosten ein Gutes
angethan hatten, und kamen mit dem Abend von unserer hydrographischen Exkursion
nach Simonoseki zurück.
Hier warteten unser viele Kranke, darunter ein Pächter des Walfischfanges von
Hirado, dem der obenerwähnte Arzt Takano Tsjöje die Abhandlung von den Wal-
fischen gröfstenteils verdankt und den er in der Absicht mitgebracht hatte, um uns
aus dem Schatze seiner Erfahrungen einige nähere Mitteilungen darüber zu machen.
Der ergiebigste Walfischfang ist angeblich bei der Insel Hirado, bei den Gotö-
und Measima-Gruppen und bei der Insel Iki, somit zwischen der Parallele des 3 1 0
bis 340 n. Br. und dem 128° bis 130° ö. L. v. Greenw. Die günstigste Zeit dazu
ist von Dezember bis Anfang April. Auf diese Monate wird daher auch der Walfisch-
fang, welcher ein Regale des Fürsten von Hirado ist, verpachtet, und zwar an zwei
Compagnien. Im verflossenen Jahre belief sich der Pacht für den Winterfang auf
pooooTail oder etwa fl. 180000. Für die aufser der Pachtzeit gefangenen Walfische
wird eine Taxe bezahlt, welche sich nach der Gröfse der Tiere richtet; für Walfische
von 4 Hiro 2 Sjak (6,666 Meter) Länge und darüber 100 Tail oder 200 Gulden;
für kleinere verhältnismäfsig weniger. Zu bemerken ist, dafs man die Länge dieser
Tiere blofs vom Luftloch bis zur Schwanzflosse berechnet.
Die japanischen Walfischfänger unterscheiden mehrere Arten von Walfischen, worauf
sie sämtlich Jagd machen. Drei davon, nämlich der Sato kuzira, der Nagasu kuzira und
Noso kuzira, sind jedoch nichts anderes als Spielarten und in verschiedenem Alter
stehende Species des sogenannten Rohrqual vom Kap der guten Hoffnung (Balaenoptera
antarctica), während der Sebi kuzira und der Kokuzira ältere und jüngere Individuen
des Südseewalfisches (Balaena antarctica), der Makko kuzira der bekannte Pottfisch
(Physeter) und der sehr seltene Iwasi kuzira wahrscheinlich unser Walfisch (Balac-
noptera arctica) sind. Am häufigsten kommt der Sebi in der japanischen See vor,
und dieser ist auch seines für den japanischen Gaumen schmackhaften Fleisches wegen
am beliebtesten. Wie bekannt, wird Walfischfleisch allgemein in Japan gegessen, über-
haupt alles vom Walfisch zur Speise und zu Zwecken benutzt, an die man in
Europa noch nicht gedacht hat. Ein grofser Sebi wird daher auch mit 3600 bis
4000 Tail — 7000 bis 8000 fl. — bezahlt, und da im Durchschnitt jährlich an 250
bis 300 Walfische gefangen werden, so läfst sich daraus auf die Wichtigkeit dieses
Betriebs in Japan schliefsen. Man kann ihn, sehr mäfsig berechnet, auf eine Million
Gulden schätzen. Der Pächter versicherte uns selbst, Sebi kuzira von 20 Hiro (30,3
Meter) gesehen zu haben und Augenzeuge gewesen zu sein, wie man bei Iki an einem
Tage 7 bis 10 Tiere, meistens Sebi kuzira, gefangen habe.
Der Walfischfang in Japan wird somit in einer ganz andern Absicht, aber auch
auf andere Weise als bei uns betrieben. Schiffe in der Art, wie unsere Walfischfänger
ausgerüstet, dafs sie alles, was zum Fange, zum Thransieden und zur sonstigen Ver-
wertung der Walfische erfordert wird, in sich vereinigen und einzeln auf den Fang
124
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
ausgehen, giebt es in Japan nicht. Hier zieht man in Gesellschaft, gewöhnlich mit
25 kleinen und 8 gröfseren Fahrzeugen, auf den Fang aus. Die kleinen Fahrzeuge,
welche Kuzirafune heifsen und aus offenen, 5—6 Ken (9 — 11 Meter) langen Booten
bestehen, welche mit 8 Rudern versehen und mit 11 bis 13 Leuten bemannt sind,
dienen zur eigentlichen Jagd. Man geht damit, sobald ein Walfisch in Sicht kommt,
auf diesen los und wirft die Harpune. Die gröfseren Schiffe, welche nach Art der
Kauffahrteischiffe, deren wir oben unter dem Namen Sakaifune erwähnten, gebaut
sind (gewöhnlich nimmt man hiezu auch Holzschiffe, Isawafune), dienen zum Trans-
port der ungeheuren Walfischnetze, womit man das verwundete Tier umstrickt oder
ihm die Flucht ahschneidet. Ein solches Netz, aus Reisstroh, seltener vom Gewebe
der Besenpalme (Chamaerops excelsa) verfertigt, ist oft zehn Dsjo 1 (38,18 Meter)
tief und 300 Meter lang, so dafs dies allein eine Schiffsfracht ausmacht. Der ge-
fangene und getötete Walfisch wird mit Netzen umwunden, oft bis zum Fischerdorf
selbst ans Land geschleppt und an einer eigens dazu eingerichteten Stelle des Landungs-
platzes ausgehauen. Fleisch, Speck und andere efsbare Teile werden von Fischhändlern
aufgekauft und in frischem Zustande nach allen Häfen von Japan verführt. Nur was
nicht efsbar ist, wird, wie auch die ungeniefsbaren Meerschweine, Delphine u. dgl. zu
Thran verwendet.
Am gesuchtesten ist das Fleisch des Sebi und des Kokuzira (Balaena antarctica).
Wir haben oft davon gegessen. Es schmeckt wfie zähes Bullen- oder Büffelfleisch und
O O
wird sowohl frisch, als eingesalzen verspeist; letzteres ist schmackhafter. Eingesalzen
und in dünne Scheibchen geschnitten, ist der Speck ein japanischer Leckerbissen und
schmeckt wie gesalzene Oliven. Auch die Eingeweide, Finnen und Barten werden
verspeist; letztere fein geraspelt zu Salat. Aus den Speckabfällen und den zerstofsenen
Knochen wird Thran gesotten, den man, seiner hellen Flamme wegen, dem Rüböl
vorzieht; und endlich werden die ausgebratenen Teile noch von armen Menschen gegessen
und die Knochen als Dünger benutzt. Der gesalzene Speck wird gegen chronische
Durchfälle und als ein magen- und milzstärkendes Mittel gerühmt. Pulverisierte
Barten werden als Stipticum und der Thran gegen Flechten empfohlen. Auch
giefst man Thran in die Reisfelder, wenn der Wurm (Inago) ins Getreide kommt.
Aus den Sehnen verfertigt man Saiten für die Fachbögen (tö kju) zum Fachen der
Baumwolle.
[28. Februar.] Der Gesandte läfst uns sagen, dafs die Hofreisebarke endlich
segelfertig und die Abfahrt von hier auf morgen mittag anberaumt sei. So angenehm
und nützlich uns der seitherige Aufenthalt dahier gewesen, so verdriefslich und lang-
weilig mufste er für Colonel de Sturler sein, der zwei alte Übel, worüber seine beiden
Vorgänger Hendrik Doeff und Jan Cock Blomhoft sich schon oft beklagt hatten, aufs
neue zu bekämpfen hatte, einmal die Hofreisebarke, das andere Mal unsere Verpflegung,
zwrei Übelstände, wovon einer den andern verschlimmerte. Die Barke wird nämlich
jederzeit zu klein und unbequem befunden, und der Gesandte dringt daher auf Ver-
besserung, was natürlich Aufenthalt verursacht. So gehen die drei gastfreien Tage
herum, und wir fangen dann an, unsern Wirten und den Einwohnern der Stadt, die
uns verpflegen müssen, zur Last zu fallen.
1 Nach der Berechnung des kaiserl. Statist. Amts wird jetzt der Dsjo [jio geschrieben] zu
3,0303 Meter berechnet. Note zur 2. Aufl.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
12 5
• Nachdem wir die Naturalien geordnet und eine Sammlung von Nutz- und
Zierpflanzen beim Kunstgärtner Hakia Isabro für den Garten von Dezima angekauft
und nach Nagasaki abgeschickt hatten, begaben wir uns, Herr Bürger und ich, im
Auftrag des Gesandten an Bord der Barke, um die Kajüte und die Einrichtung der
Schlafzimmerchen zu besichtigen und unser Gutachten darüber abzugeben.
Die Hofreisebarke ist ein gewöhnliches Kauffahrteischiff, Akinaifune, welches für
Rechnung der niederländischen Faktorei gemietet und für die Hofreise eingerichtet
wird. Während der drei Zwischenjahre, wo die Hofreise blofs von japanischen Be-
amten gemacht wird, dient sie, oder eine ähnliche, auch diesen, und nach dem Ablauf
jeder Reise darf der Eigentümer das Fahrzeug zum Küstenhandel verwenden. Diese Hof-
reisebarke ist nun ein Anlafs zu ewigem Hader: bald ist sie zu klein und zu unbequem, bald
zu alt und zu schlecht; es geht eben mit ihr, wie mit allen Dingen, welche man ge-
meinschaftlich zu verschiedenen Zwecken benutzt. Diesmal war sie nicht un geräumig
aber zu unbequem für 60 bis 70 Menschen, die sie aufnehmen sollte, wobei noch
Raum für eine anständige W ohnung des Gesandtschaftspersonals und für die vornehmen
Japaner gefunden werden mufste. Die Barke war 15 Ken (1 Ken = 1,8182 Meter)
lang und ungefähr 4 Ken breit. Die Kajüte und das Schlafzimmerchen des Gesandten
waren ziemlich geräumig und sehr niedlich eingerichtet, aber unsere Bequemlichkeit
war nicht berücksichtigt, und die japanischen Beamten — die Dolmetscher und Offi-
ziere — behalfen sich mit Kämmerchen, welche kaum Platz für einen Sitz boten. Die
Kajüte befindet sich auf japanischen Fahrzeugen im Vorderteile des Schiffes (es ist dies
der Ehrenplatz), während das Hinterteil, welches offen ist, zur Küche und zu anderen
ökonomischen Zwecken verwendet wird. Auf dem Verdeck war eine Strohhütte an-
gebracht, wrnrin Matrosen, Bediente und andere untergeordnete Reisegefährten, unter
ihnen der Maler Tojoske und einige unserer Schüler, ihr Unterkommen suchten. Es
herrschte auf dem Schiffe ein ganz aristokratischer Ton: ein jeder machte seine Rechte
und Ansprüche geltend und suchte nach Rang und Titel einen Sitzplatz im Zwischen-
deck zu erhalten. An einen bequemen Schlafplatz konnten die geringeren Leute über-
haupt nicht denken.
Am Abend erhielten der Gesandte und wir einen Besuch von dem Leibarzt des
Fürsten von Futsiu, demselben, welcher 1822 Herrn Cock Blomhoff besucht
hatte. Damals war in seiner Gesellschaft eine junge schöne Favoritin des Fürsten mit
einigen andern Damen, deren Liebenswürdigkeit Blomhoff' und seine Gefährten nicht
genug rühmen konnten. Diesmal brachte er einige sieche Höflinge mit und schenkte
uns einen Hasen (Lepus brachyurus) und Zwerghühner. Futsiu (auch Tsjöfu ge-
nannt) liegt zwei Ri von hier. Es ist eine Stadt von zehn Strafsen (matsi) und die
Residenz des Fürsten Möri Motojosi, eines Verwandten des regierenden Fürsten von
Nagato und Suwö.
Wir beschenkten den Archiater mit einigen neuen Medikamenten und einem
Büchlein, worin die von uns in Japan aufgefundenen, in der europäischen Schule ge-
bräuchlichen Medizinalpflanzen, oder deren Surrogate, und einige neueingeführte Heil-
mittel verzeichnet und beschrieben sind. Das Büchlein, welches den Titel führt Jak
bin-wö-siu-roku, Bündiges Verzeichnis der Medikamente, w;ar von unserm Schüler Ko
Rosai aus Awa ins Japanische übersetzt, mit einer Vorrede begleitet und für unsere
Rechnung zu Osaka gedruckt worden. Wir haben davon mehrere hundert Exem-
plare ausgeteilt in der Absicht, die Aufmerksamkeit der Ärzte sowohl auf wirksame
126
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
auch in Japan einheimische Medizinalpflanzen, als auf einige bis dahin wenig oder gar
nicht bekannte fremde Arzeneimittel zu lenken und letztere in den Handel zu bringen.
Es befand sich darunter z. B. die Rinde der Alyxia Reinwardti, welche man auf Java
als Mittel gegen Fieber und Durchfälle anwendet, und die wohl einen guten Ausfuhr-
artikel abgeben könnte, ferner Fingerhut (Digitalis), Squilla, Belladonna und Hyosciamus,
welche Arzeneimittel vor uns auf Japan noch unbekannt waren. Aber auch Arrak, Caja-
putiöl und Kaffee waren in unserm Traktätchen nicht vergessen; auf die Heilkräfte des
Kaffees machten w7ir besonders aufmerksam.
Es ist in der That zu verwundern, dafs bei den Japanern, welche nur warme
Getränke gebrauchen und geselliges Zusammenleben so sehr lieben, der Kaffee noch
nicht in Aufnahme gekommen ist, obgleich sie seit länger als zwei Jahrhunderten mit
den ersten Kaffeehändlern der Welt verkehren. Und doch trinken dieselben in unserer
Gesellschaft gerne Kaffee, und einige Pikol reichen im Jahre nicht hin, die Nachfrage
um geröstete Kaffeebohnen seitens unserer Bekannten zu Nagasaki zu befriedigen. Es
lohnte sich der Mühe, einer so grofsen Bevölkerung die kleine Untugend des Kaffee-
trinkens beizubringen, und nach unserem Ermessen gehört dieses nicht ins Gebiet
des Unmöglichen, wenn man nur den rechten Weg einschlägt und planmäfsig dabei
zu Werke geht. Das beste Mittel wäre die Anpreisung, dafs der Kaffee das Leben
verlängert — und in einem Lande wie Japan kann derselbe füglich auch als Ge-
sundheitsmittel empfohlen werden. Dabei kommen aber zwei Umstände, welche ihm
den Eingang erschweren werden, in Betracht: einmal der den Japanern gleichsam an-
geborne Abscheu vor Milch, sodann das Brennen der Kaffeebohnen. Milch trinken
verstöfst gegen ein buddhistisches Gebot; denn Milch hält man für weifses Blut, Blut
vergiefsen aber und gar Blut trinken für Sünde. Dann geschieht es oft, dafs aus Un-
kunde die Kaffeebohnen verbrannt werden, und mit dem Geschmacke des angepriesenen
Getränkes dann auch seine Reputation verloren geht. Doch dafür möchte es Rat und
Mittel geben. Wir haben einstweilen den Kaffee anempfohlen, es müfste nur die
Niederländisch-Indische Regierung jährlich einige tausend Pfund Kaffee hinsenden, ge-
brannt, gemahlen und in hübsche Büchsen oder Flaschen verpackt und mit einer Eti-
kette versehen, welche zweckmäfsige Vorschriften über Zubereitung und Gebrauch ent-
hielte. Hoc erat in votis!
[i. März.] Auf heute ist unsere Abreise von hier festgesetzt. Mit frühem
Morgen kommen unsere Schüler und Bekannten, Abschied zu nehmen. Zu dem früh-
zeitigen Besuche veranlafste sie diesmal auch etwas persönliches Interesse. Hatten sie
ihren Meister und Freund nach Landessitte mit Geschenken bewillkommt, so war nun
an ihm die Reihe, beim Abschiede Gegengeschenke zu geben. Darauf waren wir
denn auch ganz vorbereitet, und jeder erhielt eine ebenso anständige wie nützliche
Gabe. Arzeneien, Medizinflaschen, holländische Bücher und chirurgische Instrumente
wurden unter die Ärzte verteilt, und Bijouterien, Glaswaren, Stückchen vom sogenannten
Goldleder u. dgl. unter die übrigen Bekannten, wobei wir die liebenswürdigen Familien
der beiden Gastherren sowie unser Patchen gut bedachten; ferner wurde jedem von
den Verfassern der obenerwähnten Abhandlungen ein besonderes Geschenk feierlich
überreicht, und den neuen Kandidaten, die sich um ein Diplom bewarben, mehrere
Themata zur Bearbeitung aufgegeben. Dergleichen Handlungen bestrebten wir uns
stets mit Würde und Feierlichkeit zu begehen und dabei ein kräftiges Wort für Herz
und Geist zu sprechen. Kösai erhielt geheime Aufträge auch von uns, unter andern
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
127
den, ein Geldgeschenk dem Oberpriester des Amidatempels zu überbringen, um von
diesem die Erlaubnis zu erwirken, ein Votivbild zum Andenken des Generalgouverneurs
von Niederländisch-Indien, Baron van der Capellen, dessen gefeierten Namen wir der
Strafse beigelegt batten, aufzunehmen.1 2 Bereits tags zuvor batten wir an Herrn de
Villeneuve nach Dezima geschrieben und ihm eine Skizze des Bildes zugeschickt
mit dem Aufträge, dafür zu sorgen, dafs es bei unserer Rückreise in Simonoseki
bereitliege. Das Dokument oder angebliche Votivbild, auf Pergament geschrieben
und mit dem Wappen des Barons van der Capellen versehen, sollte folgende Inschrift
enthalten :
Hier de Straat van der Capellen.
Transitus Illius nomen, mandata videndi
Hane terram nobis qui dedit alma, ferat.
Amidazi, den 24 Februarij 1826.
Het Gesandschap naar het Keiner lijk
Hof de Jedo.
Van den Berg war gleichfalls ins Geheimnis gezogen worden und versprach
uns seine Fürsprache bei dem Bonzen. Auch er bewahrte in seinem Hause inter-
essante Dokumente von seinen Freunden, den Holländern, worunter auch ein von
Cock Blomhoff auf den Fürsten von Nakatsu verfafstes Gedicht, nebst einem von
dem Fürsten höchsteigenhändig in holländischer Sprache geschriebenen Epigramm.
Wir haben dieses hohen Gönners der Holländer bereits erwähnt. Das Gedicht
Cock Blomhoffs verdient der Vergessenheit entzogen zu werden; denn es zeugt
von dem Sinne eines japanischen Fürsten für europäische Wissenschaft und von der
lobenswerten Anregung dazu von seiten Blomhoffs, der auf seinen beiden Reisen
als Gesandter nach dem Hofe des Sjögun, 1818 und 1822, unverlöschliche Spuren
vornehmer Gesinnung und der Freigebigkeit zur Ehre der Nation, die er vertrat,
zurückgelassen hat. Wir lassen das Gedicht im Originale mit einer nach Form und
Inhalt möglichst treuen Übersetzung folgen.
Opdragt aan Z. H. Frederik Hendrik,
Vorst van Nakatsu, door den ondergeteekenden op zijne doorreize
als Gezant aan het Keizerlijk Hof.
2Hoe trof mijn hart die schoone zuivere taal!
Als ik, mijn vriend! Uw Fand ten tweede maal
1 Moderne Geographen haben leider diesen Namen nicht beibehalten. Die Strafse wird jetzt
meistens Strafse von Simonoseki genannt. Anmerk. z. 2. Auf].
2 Übersetzung: Wie traf mein Herz die schöne reine Sprache,
Als ich, mein Freund, Dein Land zum zweitenmale
Betrat. In Vers gefafst, von Deiner Hand geschrieben,
Zeigt sie, wie Du, mein Fürst, in Hollands Sprach’ erfahren,
Wie Dir Vergnügen bringt, was man bei mir zu Lande
Gewöhnlich trägt und thut; sie zeigt Geschmack und ein Gefühl so schön!
Dafs seines gleichen kaum wo anders mag bestehn.
Fahr, bitt’ ich, hierin fort, mit allen sonst’gen Freunden!
Dafs nichts die Sucht nach dem, was Hollands Brauch ist, Dir entraubt,
Dies hofft, dies wünscht stets das holländ’sche Oberhaupt
u. s. w.
128
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Betrad; geuit in digtmaat, door Uw eigen hand geschreven,
Bewijst, hoe gij mijn Vorst, in ’t Hollands zijt bedreven.
Hoe gij vermaäk schept in al ’t geen mijn Landaart is gewoon
Te dragen en te doen, toont aan Uw simaak en een gevoel zoo schoon!
Daar weinig voorbeelden, ergens van zijn te vinden,
Gaat, bid ik, hierin voort, met d’overige vrienden,
Dat niets die zugt, voor al wat Hollands is, in Uw verdooft,
Dit hoopt, dit wenscht gestaag! bet Hollandsch Opperhoofd
Simonoseki den 28 Februarij 1822. J. Cock Blomhoff,
Ridder van de Orde van den Nederlandschen Leeuw.
Kurz, bündig und treffend ist das Epigramm, worin der Fürst seine gute Ge-
sinnung gegen die Holländer ausspricht.
Ik ben een van de menschen
Die den bloei van Hollands Handel wenschen.
Prins Frederik Hendrik,
Vorst van Nakatsu.
Gegen Mittag waren wir reisefertig, nahmen noch einmal die Sonnenhöhe und
begaben uns in Begleitung der beiden Gastherren, unserer Schüler und Bekannten an
Bord der Barke, welche dicht vor der Treppe unseres Gasthofes, da w7o die hollän-
dische Flagge wehte, vor Anker lag.
Wir wollen noch einen Blick auf die Stadt werfen, ehe wir die Anker lichten.
Simonoseki, d. i. die untere Barriere, ehemals Akamaga-seki, d. i. Barriere der roten
Strecke, liegt auf der südlichsten Spitze der grofsen Insel Nippon im Fürstentum Nagato
und in dessen Bezirke Tojöra unter 33° 36' 30'" n. B. und 130° 52' 15" ö. L. von
Greenw. Eine niedrige Hügelreihe, deren Nordbegrenzung ähnliche Übergangs-Schiefer-
gebirge wie auf der Route von Itsuka nach Kokura bilden, zieht sich bis in die Stadt
hinein, welche durch das Flüfschen Mimosuso-gawa gleichsam in zwei Bezirke, in die
alte und die neue Stadt, geteilt wird. Eine cyklopische Mauer, welche sich längs dem
Strande hinzieht, bildet den Kai, zu dem zahlreiche Steintreppen führen. Ähnliche
Mauern erheben sich terrassenweise an den Hügeln, auf welchen die massiven, ge-
schweiften Tempeldächer und die zierlichen rotbemalten Kamikapellen unter alten
immergrünen Bäumen hervorragen und einen imposanten Anblick gewähren. Von
der See bespült, breitet sich die Stadt, die im Osten gelegenen Tempelhöfe und die
Vorstadt Takesaki und das Dorf Imaura mitgerechnet, über zwei Ri lang aus und
wird vom Ost- bis zum Westende von einer Hauptstrafse durchschnitten, von der
aus mehrere Nebengassen und Wege nach den Tempeln und Kamihöfen und ins
Freie führen. Die Hauptstrafse ist in zehn Quartiere (matsi) verteilt, welche nach-
stehende Namen führen: Amidazi-matsi, die Amidatempelstrafse, Sotohama-matsi, Na-
kano-matsi, Akama-matsi, die beiden Nabe-matsi, die östliche und die westliche die
Irije-matsi, die östliche und westliche Hojose-matsi und die Buzenda-matsi, welche
nach Takesaki und Imaüra führt. Über den Mimosuso-gawa führt eine Steinbrücke,
Nisinobasi, die Westbrücke genannt, und im Westende der Stadt führen noch zwei
andere Brücken über die mit Gerolle bedeckten Bette zweier Wildbäche, die sich bei
dem Vorsprunge K wanwon saki und Irijehana in die See stürzen. Die Bucht von Kwan-
wonsaki und namentlich die von Irijehana sind gute Ankerplätze, ebenso die Bucht
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
129
oberhalb Kamajama. Unter den kleinern Strafsen sind zu bemerken Inari-matsi, welche
nach der Fuchskapelle und den Häusern der Freudenmädchen, die Ura- und Tanaka-
matsi, welche nach dem Komödienhause (Sibai), und die Wözi- und Sanbjakme-matsi,
welche nach dem Tempel gleichen Namens führt. Mit Ausnahme der beiden Stadt-
enden, wo viele mit Stroh gedeckte Fischer- und Bauernhütten stehen, sieht man zu
beiden Seiten der Hauptstrafse hübsche Wohnungen und viele Kaufläden und Thee-
häuser. Auch sind einige ansehnliche Gebäude, die Gasthöfe und Wohnungen der
beiden Bürgermeister, das Janagawa-jasiki und andere Comptoirs von Fürsten und
Kaufleuten bemerkenswert. Aber die Zierde der Stadt sind die herrlichen Tempel
und Kamihallen, wovon wir leider! nur wenige besuchten.
Die vorzüglichsten Tempel und Kamihöfe sind, und zwar im Ostende und in
der alten Stadt: 1. Amidazi, der Tempel des Amida; 2. Kokurakuzi, der Tempel der
höchsten Wonne; 3. Zinguzi mit der Kapelle des Hatsiman, dem Mikado Wözin,
seinem Vater Tsiuai und seiner Mutter Zingu geweiht; 4. die Inari -Kapelle, und
5. Kjöhozi, der Tempel der hl. Satzungen. Im Westende: Dairikuzi, der Tempel
des grofsen Ufers, Jukokzi, Kwömjözi, Tempel zum glänzenden Lichte, den man
gewöhnlich Sanbjakme, d. i. dreihundert Augen, nennt; der Tempel des ewigen Heils
(Jeifukzi), der Töközi und Fukuzenzi.
Simonoseki ist einer der blühendsten kleineren Seehäfen in Japan und der Haupt-
sitz des Binnenhandels der Fürstentümer Nagato und Suwö mit der Insel Kiusiu, ein
sehr besuchter und lebhafter Ort. Einer zuverlässigen Notiz zufolge, die wir von
unsern dortigen Freunden erhielten, zählte die Stadt (1826) 1890 Häuser, und die
Zahl der gesamten Bevölkerung belief sich auf 5 140 Personen, worunter 2860 männ-
lichen und 2340 weiblichen Geschlechts. Das Mifsverhältnis in der Zahl der weib-
lichen zur männlichen Bevölkerung läfst sich durch die Menge Freudenmädchen, die
hier zu Hause sind und bei der Schätzung nicht in Anschlag kommen, erklären. Diese
Geschöpfe stehen, wie ungereimt es auch in unsern Ohren klingen mag, hier in be-
sonderem Ansehen. Man schreibt nämlich die Entstehung der öffentlichen Häuser in
Japan jener unglücklichen Schlacht bei Danoura zu, nach welcher die zu Dairi und
Akamagaseki zurückgebliebenen Hofdamen und Edelfräulein aus dem Heike-Geschlechte
sich auf keine andere Weise zu retten und ihren Lebensunterhalt zu gewinnen wufsten,
als sich den Siegern auf Diskretion zu übergeben. Daher geniefsen auch die Freuden-
mädchen zu Simonoseki bis auf den heutigen Tag das Vorrecht, sich Jarö, d. i. so-
viel als schönes Fräulein, nennen zu dürfen. — Der Handel ist hier sehr lebhaft, nament-
lich der Kleinhandel mit Lebensmitteln und Reisebedürfnissen; denn man kann im
Durchschnitte auf 150 gröfsere und kleinere Fahrzeuge rechnen, welche täglich bei
gutem Wind und Wetter hier einlaufen.
Die beiden sehr fruchtbaren Länder Nagato und Suwö liefern Reis, Weizen und
Buchweizen von vorzüglicher Güte, und im Städtchen selbst werden allgemein gesuchte
Böttcher- und Steinarbeiten verfertigt. Die hölzernen Gefäfse, als Gelten, Schachteln
u. dgl. werden vom schönen Holze des Sonnenbaumes, Hinoki (Retinospora obtusa)
verfertigt und werden nach allen Landschaften, selbst bis nach Batavia verschickt. Aus
einem quarzigen Thonschiefer, der in dem nahen Thonschiefergebirge gebrochen wird
und so stark von Eisenoxyd imprägniert ist, dafs er eine braunrote Farbe hat, ver-
fertigt man, nach Art der chinesischen Specksteinarbeiten, Tuschsteine, Reibschalen
und viele andere kleine Geräte und Kunstsachen, welche allgemein in Japan beliebt
v. Siebold, Nippon I. 2. Aufl.
9
130
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
und in unsern Sammlungen als Muster der Geschicklichkeit und des Fleifses japanischer
Bildhauer in hohem Grade bewundert werden. Die Preise solcher Arbeiten sind übrigens
verhältnismäfsig sehr hoch, und man bezahlt Steine zum Anreiben der Tusche mit
einem und sogar mehreren Kobans.
Reise von Simonoseki nach Muro und Aufenthalt daselbst.
Überblick. Charakter des Inselmeeres zwischen Nippon, Kiusiu und Sikoku. — Ankunft in
Jasirosima. — Kap Usinokubi; Landung; ein fossiler Elefantenzahn. — Mammutschädel. — Vegetation.
— Aussicht. — Das Zeichen zur Abfahrt. — Meerenge von Okamuro-seto. — Mibara. — Das See-
becken Misima-nada. — Kap Abtutö. — Berg Konpira. — Temperatur. — Kosima, seine Vegetation;
die Salinen zu Fimi. — Der Sepienfang. — Wissenschaft und Bugsierboote. — Ankunft zu Muro. —
Das Hotel. — Der Hafen ; die Bucht von Oura für europäische Schiffe geeignet. — Aussicht vom
Kap Jamane. — Die Jesima-Gruppe. — Das Städtchen Muro. — Theehäuser; der Kamihof Muro
Mjözin jasiro; der buddhistische Turm; das Blumenorakel. — Bellevue. — Charakterzüge des Volkes.
— Die Industriezweige von Muro.
[2. März.] Gegen 8 Uhr gehen wir bei Westwind unter Segel und passieren,
vom Strome begünstigt, in schneller Fahrt die Strafse van der Capellen. Auf der Höhe
von Mansju, gegenüber Tanoura auf Kiusiu, steuerten wir S. zu S. 1j 2 S. und peilten
Kap Jesaki S. 450 O. und Kap Motojama S. 750 O. Diese beiden Kaps und die zwei
Inselchen Kansju und Mansju sind zuverlässige Erkennungspunkte bei der Einfahrt in
die Strafse. Gegen Mittag bekamen wir die NO. -Spitze von Kiusiu in Sicht und
nahmen auf der Höhe von Kap Misaki die Sonnenhöhe. Wir befanden uns hiernach
auf 330 53' n. B.
Es eröffnet sich hier der mit einer Menge von gröfseren und kleineren Inseln
besäte Kanal, der durch die drei Hauptinseln von Japan, nämlich Nippon, Kiusiu
und Sikoku, gebildet wird und sich in NO. -Richtung an 60 geographische Meilen weit
zwischen dem 330 13' und 340 50' n. B. und 130° 52' 15" und 1 3 5 0 25' ö. L. v.
Greenw. erstreckt. Drei Eingänge führen in diesen Inselsund: einer im Westen, die
Stralse van der Capellen, und zwei im Süden, wovon wir den westlich gelegenen als
Strafse von Tasman1 und den östlich gelegenen als Strafse von Linschoten2 kennen
lernen werden. Die Zahl der Inseln, Felsen, Klippen und Bänke, welche in diesem
Sunde zerstreut liegen, ist ungeheuer; sie beläuft sich nach Angabe des kaiserlichen
Hofastronomen Takahasi Sakusajemon auf mehr als ein Tausend. Alle sind bekannt
und alle auf den japanischen Karten und Seewegweisern, welche wir mit nach Europa
gebracht, angegeben.
Die Japaner teilen dieses ausgebreitete Inselmeer in die drei Nada oder See-
gebiete: Suwö-nada, Misima-nada und Harima-nada. Das erste hat seinen Namen
vom Fürstentume Suwö, das letzte vom Fürstentume Harima, während das mittlere
nach Misima, was eine Insel bezeichnet, die süfses Wasser hat, genannt ist. Die
Gestalt der Küsten, welche diesen Kanal bilden, ist sehr unregelmäfsig: bald springen
dieselben in schmalen Landspitzen und schroffen Vorgebirgen in den Kanal hinein,
1 Jetzt als der Bungo-Kanal bekannt. Anmerk. z. 2. Aull.
2 Jetzt der Kiishiu-Kanal genannt. Anmerk. z. 2. Aufl.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
U1
bald ziehen sie sich in Baien und Buchten zurück; Inseln von gröfserem Umfang
breiten sich quer zwischen den Küsten aus und bilden zahlreiche Meerengen,
welche die ohnehin gefährliche Fahrt durch dieses Insellabyrinth für fremde Fahr-
zeuge bis heute unmöglich gemacht haben. Der japanische Schiffer jedoch ist
mit diesen Gewässern so gut bekannt, dafs man sich ihm vollkommen anvertrauen
darf, und europäische Fahrzeuge, wenn sie sich in diesen Sund wagen sollten, können
die gröfsern japanischen Fahrzeuge als die sichersten Lotsen bei der Durchfahrt im
Auge behalten. Es führt nämlich eine seit Jahrhunderten gebahnte Fahrt für gröfsere
Kauffahrteischiffe durch diesen Kanal, an dessen östlichem Ende die gröfste Handels-
stadt des Reiches, Osaka, liegt. Auf unserm Wegweiser ist diese Hauptstrafse,
gleichwie alle Nebenwege für kleinere Schiffe und die Eingänge der Hafenorte genau
angegeben. 1 Die merkwürdigsten Inseln und Landpunkte werden wir auf unserer
Hin- und Zurückfahrt kennen lernen.
Nachmittags hohes Land in SO. z. O., die Gebirge der Fürstentümer Ijo und
Tosa auf der Insel Sikoku; peilen das Inselchen Himesima, welches den Südeingang
des Kanals anzeigt, S. 230 O. und entdecken bald darauf die niedrige schmale Land-
zunge von Sadamisaki auf der Westküste von Sikoku, welche mit dem Kap Sekisaki
auf der Ostküste von Kiusiu scheinbar zusammenläuft, wo sich jedoch der etwa 3 Ri
breite Eingang in den Kanal befindet; segeln an der Insel Muko, deren Abstand von
Simonoseki auf 17 Ri angegeben wird, vorbei, ingleichen an den Inseln Nosima, Ka-
sama und richten gegen Abend den Kurs NO. z. O. auf die Insel Nagasima, passieren
die Meerenge zwischen Kaminoseki und Murotsu, welche die Nordspitze dieser Insel
mit der Südspitze von Suw7ö bildet und bleiben bis 10 Uhr unter Segel, wo wir
zwischen dem Inselchen Okino kamuro und Kap Usino kubi der Insel Jasirosima vor
Anker gehen. Die kaum einige Schiffslängen breite Meerenge von Kaminoseki ersreckt
sich S. 420 O. Gerade vor uns liegt die Insel Hekuri, und an Steuerbord die Eilande
Jokosima, Akita, Jasima und Uwasima. Es ging ein reifsender Strom, und das Schiff
lag bei der Durchfahrt S. 720 O. an, um nicht vom Strome, der mehr südlich lief,
gegen die an Steuerbord liegenden Felsen getrieben zu werden.
[3. März.] Ein herrlicher Frühlingsmorgen, aber frisch; das Thermometer auf
38° Fahrh. Gegenwind; bleiben liegen; es weht immer heftiger, und am Abend ist
man genötigt, die Barke mit mehreren Ankern zu sichern.
[4. März.] Noch immer Gegenwind. Wir benutzen den Morgen zu Längen-
observationen und Peilungen und steigen nach 9 Uhr am Kap Usinokubi, der SO.-
Spitze der Insel Jasirosima ans Land. Am Strande, der mit verwittertem Granitgneis
und losgerissenen Granittrümmern bedeckt wTar, wurde ein guterhaltenes Stück eines-
fossilen Elefanten-Backenzahnes gefunden. Wir wollen nicht entscheiden, ob der Zahn
hier in neuerer Zeit angespült wmrden oder in der Diluvialmasse vorhanden war,
welche in der Epoche der gewaltsamen Bewegungen, denen dies Inselmeer sein Ent-
stehen verdankt, hier abgelagert worden ist. Es sollen übrigens in dieser Gegend
und vorzüglich auf der im Harima nada gelegenen Insel Sjödosima häufig fossile
Knochen, wrelche ohne Zweifel Überreste vom Mammut sind , Vorkommen. Auch
im Fürstentum Sanuki, der nördlichsten Landschaft der Insel Sikoku, wurden bereits
ganze Schädel des fossilen Elefanten gefunden, und erst vor kurzem hat unser
Dieser Wegweiser wurde im Atlas der Land- und Seekarten unter Nr. 8 herausgegeben.
9 *
1
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
132
Schüler Kiöriösai einen solchen zu Osaka gesehen, wo man ihn für den
Kopf des fabelhaften Drachen ausgab. Dieser Mammuthschädel, den Kiöriösai
sogleich aus einer ihm vorgelegten Abbildung erkannt hat, war über 1 Ken
(1,8182 Meter) lang. — Der Backenzahn befindet sich nebst andern Zahnstücken,
welche wir später in Japan aufgefunden, im Museum für Naturgeschichte zu Leyden.
Die Gebirgsart des Kap Usinokubi ist, wie wahrscheinlich auch der innere massige
Kern der Insel, grobkörniger Granit, der hier in- diesem Inselsund überall isoliert und
inselartig aus den Schiefern des Übergangs- und Flötzgebirges hervorragt. Wir stiegen
den Ochsennacken (denn das bedeutet der Name Usinokubi) hinan bis auf den Rücken
des Vorgebirges, welches nicht mit Unrecht mit einem liegenden Ochsen, dessen Kopf
die SO.-Spitze bildet, verglichen wird. Der Felsen bot eine sehr magere Nahrung
für die Vegetation, und nur in seinen mit einem roten, eisenhaltigen Thon und grob-
körnigen Granitsande angefüllten Schluchten und Spalten erhoben sich einzelne hohe
Tannen (Pinus Massoniana und densiflora), welche auf den NW. abfallenden Flächen
Wäldchen bildeten. Die schroffen Abhänge sind dürftig mit Sträuchern und Zwerg-
bäumen bewachsen, worunter Quercus serrata, Elaeagnus pungens, Pittosporum Tobira,
Evonymus japonicus, eine Hedera und Lespedeza-Arten zu bemerken, das steile Ufer mit
Eurya littoralis und die Felsen mit Aster hispidus, Ligularia Kaempferi, Dianthus ja-
ponicus, einer Euphorbia-Art und einigen verdorrten Gräsern. Vom höchsten Punkte
des Ochsenrückens, der sich jedoch nicht über 800 Fufs über die See erhebt, genossen
wir eine verhältnismäfsig weite Aussicht, und konnten die Gebirge von Kiusiu,
wahrscheinlich den Tsurumi jama in Bungo, deutlich sehen. Gegenüber hatten wir
das hohe Land von Sikoku, die Berggipfel mit Schnee bedeckt. Auch machten unsere
japanischen Begleiter uns auf einen Kegelberg aufmerksam, der sich auf einer kleinen
Insel Kutsunasima, dicht an der Küste von Ijo erhebt und Kofusi, der kleine Fusi, genannt
wird wegen der treffenden Ähnlichkeit, welche er mit dem berühmten Vulkan Fusi
hat. Wir peilten ihn SO. z. S. Vor uns hatten wir die Insel Okinokamuro,
rechts Hekuri und links die Inselchen Jurisima (Lilien - Eiland) und Awosima
(das grüne Eiland) und den Felsen Minase. Die Insel Okinokamuro hat ein sehr
fruchtbares Erdreich; die Hügel sind fleifsig angebaut, und der Rücken der Insel
ist mit Nadelholz bedeckt. Ein grofses Dorf gleichen Namens breitet sich in der
Bucht aus, an deren Eingang ein mit einzelnen Tannenbäumen bewachsener Granit-
block liegt. Das Dorf Tsinokamuro in der Bucht von Usinokubi zählt nur wenige
Hütten.
Unser Gesandter wurde wie immer, wenn wir uns, um wissenschaftliche Unter-
suchungen anzustellen, von ihm entfernten, ungeduldig und liefs ganz unerwartet von
der Barke aus ein Zeichen zur Abfahrt geben. Aber erst nachmittags gingen wir
mit einem frischen SSO. -Wind unter Segel und nahmen den Lauf ONO. zwischen
den Inselchen Tsuka und Nuwa nach Mitarai. Um j1/2 Uhr waren wir auf der Höhe
von Mitarai und passierten den Engpafs Okamuröseto, der von den Inseln Kamakari-
sima und Mukai Kamakari-sima, welche auch Nakasima heilst, gebildet wird. Wir
steuerten nun NNO., hatten gerade vor uns den kahlen Granitfelsen Simo ikari, an
Steuerbord die Gestade der Landschaft Ijo mit ihren unzähligen Inseln und an Back-
bord die mit Felsen besäte Küste von Bingo. Der Abend trat ein und mit ihm die
Ebbe. Da unser Schiffer bei ablaufendem Ebbestrom und im Dunkeln (denn es war
Neumond) auf Untiefen und Klippen zu stofsen fürchtete, so richtete er den Kurs
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
N. auf die Küste und liefs dicht dabei auf der Höhe von Mibara Regen 10 Uhr die
Anker fallen.
[5. März.] Mit Tagesanbruch unter Segel; laufen durch den Kanal, welchen die
Insel Jamabusima mit Mekarisima bildet, lassen Nosima an Backbord liegen und be-
finden uns gegen 9 Uhr in einem geräumigen Fahrwasser, dem Misimanada, welches
sich hier zwischen den beiden Landspitzen von Sikoku, dem Kap Mijasaki-hana
und Kap Hakonosaki, zu einem 15 Ri breiten und beinahe gleich tiefen Golf aus-
breitet. An Backbord die Insel Tasima, an Steuerbord Jukesima. Hier machten wir
Längeobservationen mittels Chronometers und befanden uns nach diesen auf 1 3 3 0 a2 3 '
ö. L. v. Greenw. Wir steuerten mit SO. -Kurs gerade auf Kap Hakonosaki zu bis
Mittag, wo wir bei heiterem Himmel die Sonnenhöhe nahmen. Wir waren unter
340 16' n. B. und peilten den Berg Konpira S. 63° O. und den Inojama S. 770 O.
Heute früh kamen wir an der Südspitze des Fürstentums Bingo, Kap Abuto
vorbei, worauf sich der dem Kwanwon geweihte Tempel Bantaizi befindet, der auf
einem Felsen am Fufse des Berges Kaitsjosan steht. Der einem Leuchtturm ähnliche
Turm des Tempels ist fernhin sichtbar. Das Kloster und das Dorf Abuto liegt nahe
dabei in einer Bucht, von kahlem Granitgebirge eingeschlossen. Seeleute und Reisende
pflegen hier dem Abgotte zu opfern und seinen Beistand anzurufen. Das Opfer der
Andächtigen besteht gewöhnlich in 12 Scheidemünzen Seni (eine auf jeden Monat im
Jahre gerechnet), welche sie auf ein Brettchen binden und unter Gebet in die See
werfen. Die zahlreichen Opfer werden durch Fischer, welche im Dienste der Mönche
stehen, aufgefischt. Berühmter noch als Wallfahrtsort ist gegenüber auf der Küste von
Sikoku das Konpira Kloster unterhalb des Kaps Hakonosaki auf dem Berge Konpira. Die
Entfernung des Tempels Abuto von Konpira geben die Japaner auf 10 Ri an. Diese
Angabe ist höchst wichtig, da sie sowohl unsere Beobachtungen als die der Astro-
nomen zu Jedo über die nördliche Grenze der Insel Sikoku bestätigt. Demnach be-
trägt die Entfernung des Kap Mijasakihana auf Sikoku von der Küste von Aki auf
Nippon 10' und die vom Kap Hakonosaki 12k Innerhalb dieser beiden Meerengen,
welche durch bedeutende Inselgruppen überdies noch versperrt sind, breitet sich nun
das obengenannte Seegebiet Misima-nada als ein Wasserbecken von 45 bis 50 Quadrat-
meilen aus. An den beiden engen Mündungen des Beckens, ost- und westwärts, bricht
der Ebbestrom mit ungewöhnlicher Schnellheit und Stärke durch, während er aufser-
halb des Beckens sich ungehindert in die geräumigen Gewässer des Suwö- und Harima
nada zurückziehen kann. Dagegen erreicht die von beiden Seiten eindringende Flut
im Misima-nada selbst eine weit beträchtlichere Höhe als aulserhalb, wozu auch die
vielen und bedeutenden Flüsse, welche sich darein entleeren, das ihrige beitragen,
während die örtlichen Verhältnisse und Winde vielseitige Störungen der Meereszeiten
in diesem Gebiete veranlassen. Alles das kennen die erfahrenen und verständigen
japanischen Seeleute, und unsern bescheidenen Steuermann haben wir oft im stillen
bewundert, wie er die Aufforderungen von seiten des Gesandten zur Beschleunigung
der Seereise mit dem dem Japaner angebornen Dienstgehorsam und mit triftigen
Gründen abzulehnen suchte und, wenn durchaus keine Vorstellungen halfen, die
Strömung mit Hülfe von Bugsierfahrzeugen überwand. Oft nahmen 40 kleine Fahr-
zeuge mit 150 Ruderern und darüber die Barke ins Schlepptau.
Der Berg Konpira, ein isolierter Kegelberg, liegt im Bezirke Utari des Fürsten-
tums Sanuki, einige Ri landeinwärts. Er ist weit im Meere sichtbar und, wenn man
134
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
ihm näher kommt, durch seine üppige Vegetation kenntlich; denn ein immer grüner
Wald bedeckt ihn bis zum Gipfel. Die Kamihallcn, Tempelhaine und Anlagen, über-
haupt die ganze Umgegend dieses Berges sollen bezaubernd schön sein. Aufser dem
Haupttempel, der dem Konpira Gongen geweiht ist, sind dort auch zu Ehren anderer
Kamis Kapellen erbaut. Auch dem Konpira Gongen befehlen die Seeleute ihr Leben
an und bringen ihm ein Opfer, welches gewöhnlich in einem kleinen Fäfschen Sake
und einigen Münzen besteht und in die See geworfen wird. Fischer oder Land-
leute, welche dergleichen Gaben in der See oder am Strande linden, stellen sie so-
gleich dem Kloster zu und erhalten dafür einen Ablafszettel. Sie verfahren dabei um
so gewissenhafter, da für Unterschlagung des Kirchengeschenkes eine Gottesstrafe an-
gedroht ist.
Wir nehmen Kurs nach Siraisi, darauf nach den Inseln Siakusima. Es sind ihrer
sieben, und man nennt sie daher gewöhnlich Nanasima (die sieben Inseln). Die Ebbe
begünstigte unsere Fahrt; da es aber nicht ratsam schien, die Nacht unter Segel zu
bleiben, so steuerten wir nordwärts und kamen mit der Abenddämmerung bei Hirni
vor Anker. Seit unserer Fahrt in diesem Inselmeere verlebten wir die genufsreichsten
Tage unseres seitherigen Aufenthaltes in Japan. Bezaubernd schöne Inselansichten
wechseln mit jeder Wendung unseres Schiffes, überraschend sind die Ansichten der
Gestade von Nippon und Sikoku, welche sich zwischen den Inseln und Felsen öffnen
— bald eine niedrige Hügelbildung mit grüner Saat und blühenden goldgelben Reps-
feldern, belebt von Bauern- und Fischerhütten, bald schroffe Felsenwände mit Wasser-
fällen, oder hinter immer grünen Wäldern die hervorragenden Zinnen fürstlicher Schlösser
und zahlreiche Tempel und Klöster, womit die Gegend geschmückt ist. In weiter
Ferne die südliche und nördliche Bergbegrenzung mit hochgewölbten Domen, sie über-
ragenden Kegeln, zackigen, zerrissenen Bergspitzen — Gipfel und Schluchten mit Schnee
bedeckt. Ein nicht weniger merkwürdiges Schauspiel bieten die einzelnen Inseln,
welche dicht an uns vorbeiziehen. Oft sind es steile, kahle, unfruchtbare Felsblöcke
von grobkörnigem, rötlichem Granit, welchen Adern von glänzendweifsem Quarz und
glimmerndem Gneis durchziehen, oft sanfte Hügelbildungen mit üppiger Waldvege-
tation, oft gleichen sie zerrissenen Thalwänden, deren Fufs eine Menge loser Blöcke
bedeckt. Viele dieser Eilande charakterisieren sich durch die steilen Ufer und sind
als die Spitzen einer unter dem Meere fortlaufenden Bergkette zu betrachten, deren
Richtung durchgehends NO. ist, und deren Gebirgsart für die Entstehung durch vul-
kanische Kräfte spricht. Es ist ein Schauplatz vorgeschichtlicher Erdrevolutionen, aber
das mildere Inselklima und tausendjähriger Fleifs haben ihn zu einem wildromantischen
Garten umgeschaffen. Zwar ist jetzt die Vegetation im Stillstände, und die Inseln
tragen noch den Wintertypus der japanischen Flora; aber die zahlreichen Gattungen
von Bäumen mit immergrünen Blättern, und namentlich die prachtvollen Koniferen,
die Cedern und Tannen, diese Charaktergewächse von Japan, und einige frühzeitig
blühende Bäume und Sträucher geben der Landschaft das Ansehen eines ewigen
Frühlings.
Die Temperatur ist in diesem Inselmeere auch wirklich milder als in anderen
südlicheren Landstrichen Japans, was eine natürliche Folge der hohen Nordost-
Bergbegrenzung und der Menge dunkler Felsen und Gesteine ist, womit die Inselufer
bedeckt sind, und welche, zur Fbbezeit vom Wasser entblöfst, die Wärmestrahlen
einsaugen und den Boden und das Wasser, womit sie die Flut überströmt, erwärmen;
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
x35
daher auch um diese Jahreszeit die am Abend aufsteigenden Seenebel in diesem
Inselmeere. Die mittlere Temperatur der vier letzten Tage war 47 0 Fahrh. Nicht
weniger als die schöne Natur ergötzte uns der lebhafte Verkehr in diesen Gewässern.
Hunderte von Handelsschiffen begegneten uns, und unzählige Fischerboote belebten
unter fröhlichem Rudergesange bei Tage und beleuchteten zur Nachtzeit mit ihren
Fischerfackeln die See. Auch auf unserer Barke herrschte unter dem japanischen
Gefolge Heiterkeit, diese Würze des geselligen Zusammenlebens, dies Stärkungsmittel
unter erschöpfenden Reisestrapazen; aber düster war und düsterer wurde mit jedem
Tage die Stimmung unseres Gesandten.
[6. März.] Gehen frühe ans Land. Da der Himmel trübe war, mufsten wir,
auf Längebeobachtungen verzichtend, uns mit einigen Kompafsobservationen be-
gnügen.
O O
Auf den älteren japanischen Karten wird das Land, auf dessen SO. -Küste unter
andern Ortschaften die Dörfer Hirni und Mukohimi (oder, wie sie ebenfalls genannt
werden, Hibi) liegen, als eine Halbinsel dargestellt, welche durch eine schmale Land-
zunge mit der Landschaft Bitsiu auf Nippon zusammenhängt. Auf den neueren Karten
dagegen ist es eine Insel, welche einen Bezirk des Fürstentums Bizen bildet und als
solcher Kosima (die Kinderinsel) heifst. Auch unser wiederholt genannter Seeweg-
weiser bestätigt das letztere und zeigt zwischen Kosima und dem Festlande eine für
kleinere Schiffe befahrbare Strafse an. Wie alle gröfseren Inseln dieses Seegebietes
so streckt sich auch Kosima NO. und SW. Es liegt wie ein Vorgebirg vor der niedern,
von Flüssen durchschnittenen Küste der Fürstentümer Bizen und Bitsiu und ist ein iso-
liertes Granitgebirg, wie sich beim ersten Anblick an den blofsgelegten Küstenwänden
und Granitgeschieben, welche in gröfseren und kleineren Blöcken am Ufer liegen,
wahrnehmen läfst; auch die von Granitgeschieben erbauten Dämme und Kaie der
Dörfer zeugen von der vorwaltenden plutonischen Formation dieser Insel, welche
aber, höchstwahrscheinlich erst seit den letzten Jahrhunderten, durch menschliche Bei-
hülfe vom Festlande abgeschieden worden ist. Die Südspitze, Kap Simotsui, bildet
mit der gegenüber liegenden nördlichsten Spitze von Sikoku eine Meerenge, die nach
japanischer Angabe nicht über 3 Ri und nach unseren Beobachtungen 4' bis 5 ', so-
mit eine gute Meile breit ist. Hier ist der wichtigste militärische Punkt in diesem
Sunde; denn er beherrscht die Verbindungslinie des ganzen Binnenhandels zwischen
Osaka und dem w-estlichen Teile von Nippon und der Nordküste von Sikoku.
Nach unseren Beobachtungen liegt die erwähnte Nordspitze von Sikoku S. 26° W.
vom Dorfe Mukohimi und der Berg Konpira S. 420 W. Die Südspitze von Kosima,
das Kap und Dorf Simotsui, S. 48° W. Vor Mukohimi und an der SO.-Spite des
Inselchens Ohotsutsi, welches wir S. ii° W. peilten, breitete sich eine grofse Sand-
bank aus.
Herr Bürger, der sich der Gesellschaft des Colonel de Sturler anschlofs, sammelte
Mineralien und stellte seine anderweitigen geognostischen Untersuchungen an, während
wir uns mit der kümmerlichen Felsenflora befafsten und nach den Salinen gingen,
welche sich längs dem Strande zwischen Hirni und Mukohimi befinden.
Die Beschaffenheit des Bodens und die schroffen Felsenwände boten, wie ge-
sagt, eine arme Vegetation, und auiser einer Thlaspi-Art blühte kein einziges Gewächs.
Quercus serrata und eine andere uns noch unbekannte Eichenart, Broussonetia papyrifera,
Pinus Massoniana und densiflora bilden mit jenen auf Jasiro sima bemerkten Sträuchern
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
136
und mit einzelnen Bambus- und Rosenbüschen das Gehölze. Eine Potentilla, Aster-,
Chrysanthemum- und Artemisia - Arten bekleideten die Felsen, und am Strande
fanden wir Statice Limonium und Chenopodium virgatum, welche oft ganze
Stellen des salzigen Bodens bedeckten. In den Dörfern war die Nandina domestica
— jetzt mit zinnoberroten Beeren bedeckt — und die Cycas revoluta häufig ange-
pflanzt, und die Hausgärtchen mit einer niedrigen Bambusart (Ludolfia spec.) um-
zäunt. Die Cycas und die Chamaerops excelsa sind die einzigen Palmen, deren Ver-
breitungssphäre sich über Südwest-Japan, aber nicht ohne Hülfe der Hortikultur
ausgestreckt hat. Sie folgen der Region der baumartigen, gröfseren Bambusarten und
verschwinden mit ihnen allmählich unter höherer Breite, über 36° n. B.
Die Salinen von Himi sind sehr merkwürdig. Das Seesalz wird hier mittels
O
Veredelung der Seewassersole durch Sonnengradierung gewonnen. Es ist dies in
Japan die einzige und allgemein übliche Gradierungsart. In Vergleich mit der Art
und Weise, wie man in Europa das bekannte See- oder Boysalz durch Verdampfen
im Freien erhält, steht die Einrichtung und Verfahrungsart der Japaner auf einem
hohen Grad der Vollkommenheit. Sie hat viel Eigentümliches, und da sie unsers
Wissens unsern Technikern noch unbekannt ist, so wollen wir ihre Beschreibung hier
folgen lassen.
Dicht am Seestrande ist eine ebene etwa 223 Meter lange und 70 Meter breite
Strecke mit einem Damm von Granitgeschieben (an andern Orten von Feldsteinen
oder Basalt) umgeben und gegen die See geschützt. Das Terrain ist wagrecht ge-
ebnet und wird von einem 5 Sjak (1,5 1 5 Meter) und darüber breiten Kanal, der
gleichfalls abgedämmt ist und durch eine Schleuse mit der See in Verbindung steht,
durchschnitten und in zwei grofse Abdampfungsbecken geteilt, die durch hölzerne
Brücken, welche über den Kanal gelegt sind, miteinander in Verbindung stehen.
Ganz wie ein sogenannter Polder oder ausgetrocknetes Neuland eingedeicht, ward ein
solches Terrain längs der inneren Seite des Dammes mit einem etwa r Meter breiten
Graben umzogen und durch parallel laufende, ebenso breite Gräben gleichsam in
Beete geteilt, welche 10 bis 12 Meter breit sind, und deren Anzahl und Länge sich
nach der Gröfse des Terrains richtet. Die Gräben stehen durch Schleusen mit dem
Kanäle in Verbindung und können bis zu einer beliebigen Höhe mit Seewasser gefüllt
werden. Eine besondere Aufmerksamkeit verdient nun die Anlage der Beete selbst
sowie die darauf angebrachten Behälter für die Sole. Die Beete (dsiba) be-
stehen aus drei Schichten; die unterste ist Sand; hierauf folgt eine Lage Thonmergel
(haridsutsi), die etwvi einen halben Meter mächtig, gehörig planiert und festgeschlagen
w7ird. Über diese wird eine zolldicke Schicht feinen Sandmergels gebreitet und mit
einer besonderen Harke (Kake-ita) geebnet. Längs der Mitte dieser Beete sind in
Abständen von ungefähr 10 bis 12 Meter eigentümliche Behälter angebracht, die zur
Auslaugung des mit Salzteilen geschwängerten Sandmergels und zur Aufnahme der
filtrierten Sole dienen und Nui genannt werden. Wir müssen jedoch, ehe wir
diese Behälter näher betrachten, noch einen Blick auf die Beete selbst werfen.
Nachdem sie mit frischem, trockenem Sandmergel gleichmäfsig überdeckt sind,
wird jeden Abend, oft auch des Nachts, aus den Gräben Seewasser darüber hin-
gegossen. Ist dieses an der Luft und durch die Sonnenwärme verdunstet, und der
Sandmergel gut ausgetrocknet, was man noch durch wiederholtes Auflockern desselben
mittels einer breiten Harke befördert, so wird letzterer, der nun mit Salzteilen ge-
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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schwängert ist, aufgenommen, auf Haufen geschichtet und dann weiter nach dem Nui
zum Auslaugen gefördert. Das Ebnen, Trocknen, Aufschaufeln und Fördern des Sand-
mergels nach dem Nui wird mit besonderen, sehr zweckmäfsigen Geräten verrichtet,
die schwerere Arbeit durch Männer, die leichtere durch Frauen. Die ganze Sand-
mergelschicht heilst, was sie in der That ist, Najami dsutsi, «rastlose Erde)).
Bezüglich des Auslaugungsbehälters sind uns drei verschiedene Arten bekannt
geworden, durch welche auf eine mehr oder weniger einfache Weise derselbe
Zweck erreicht wird. Die einfachste Einrichtung ist folgende. In der Mitte des Beetes
wird eine länglich viereckige, ungefähr 3 Meter lange, 1,5 Meter breite und ebenso
tiefe Grube gegraben, mit einem eisenhaltigen Thon bestrichen und hierauf mit einem
eigens zubereiteten wasserdichten Mörtel überzogen. Auf diesen Behälter als Tropf-
trog wird ein viereckiger, hölzerner Kasten gestellt, der Seirö heifst und aus mehreren,
gewöhnlich drei, Aufsätzen besteht, deren durchbrochener Boden mit einer Strohmatte,
die als Filtrum dient, belegt wird. In dem obersten Aufsatz dieses Kastens wird der
mit Salzkrystallen geschwängerte Mergelsand ausgelaugt, worauf die Sole langsam
von einem Aufsatz in den andern durchsickert und sich in dem Tropftrog sammelt.
Der ganze Apparat wird durch einen dachähnlichen Strohdeckel gegen Regen
geschützt.
Nach einer andern Einrichtung tritt an die Stelle des Seirö ein aus Weiden oder
Bambus geflochtener Korb, der aufsen mit Thonerde oder Mörtel überzogen ist, und
worin Bambus- oder Strohmatten als Filtrum liegen.
Komplizierter ist die dritte Art des Auslaugungsapparates, bei welcher dieser
in einem viereckigen, ungefähr 3 Meter langen, 1,50 breiten und 0,50 Meter tiefen
hölzernen Kasten besteht, der auf dem Boden und aufsen ringsum an den Seiten mit
Mörtel und Thon überzogen ist und in der Mitte durch ein Querholz (Toaiita) in
zwei gleiche Hälften abgeteilt wird. In diesem Kasten sind Bambus- und Strohmatten
auf Stäben ausgebreitet, wodurch die ausgelaugte Sole in zwei grofse irdene Töpfe
(Maruban), die zu beiden Enden des Kastens eingegraben sind, abfliefst. Auf einem
Terrain, wie dem oben beschriebenen, stehen ungefähr hundert solcher Eiltrierapparate
mit vier Siedhäusern. In kleineren Sonnengradierungen wird die auf obige Weise
gewonnene Sole in grofsen irdenen Töpfen, bei gröfseren in einem gleichfalls mit
Thon und Mörtel aus^emauerten Bassin bewahrt und von da aus nach der Siederei
geleitet, wo man sie in grofsen irdenen Gefäfsen (Suke-dsubo oder Hülfskrüge) zum
Versieden bereit hält. Das Siedhaus, die Hütten der Arbeiter, die Holzmagazine
u. s. w. stehen gewöhnlich beisammen auf dem Damm. Solche Sonnengradierungen
nehmen oft ein ausgebreitetes Terrain ein, und die Siedhäuser und Wohnungen gleichen
einem weit auseinander liegenden Dorfe. Jedes arbeitsfähige Glied der Gemeinde
nimmt an der Arbeit teil.
Die Siedhäuser oder Salzkothen, welche im Japanischen Kamaja heifsen, sind
gewöhnlich 40 Quadrat-Sjaku (1 Sjaku = 3,0303 Dezimeter) grofse, mit Stroh ge-
deckte Hütten, haben einen 6 Sjak weiten Eingang und am Dach eine grofse Öff-
nung für Rauch und Dampf. In der Mitte der Hütte befindet sich der Herd, der
ungefähr 3,5 Meter lang und 2,575 Meter breit ist. Der Herd besteht aus einer
Pfanne (Kannabe) zum Einsieden der Sole und aus einer sogenannten Soogpfanne
(Kama), welche zur Aufnahme der eingesottenen Sole dient und die Anschiefsung
des Salzes befördert.
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
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Mit Soogstielen (Kana jeburi) wird das in der Kama angeschossene Salz aus-
gewirkt, d. h. mit Schaufeln in Körbe gefüllt, und hiemit ist •eine Siedung vollendet.
Die Körbe (Siwokago) zum Ablecken des Salzes haben die Gestalt eines umgekehrten
Kegels und werden auf einen irdenen Topf (Nigari tsubo) gesetzt, worin man die
ablaufende Mutterlauge (Nigari) auffängt. Dieser Lauge bedient man sich, um das
in der Kama festsitzende Salz (wohl auch den sogenannten Pfannenstein?) wieder auf-
zulösen. Das gehörig getrocknete Salz wird in gröfseren und kleineren Strohsäcken
abgewogen und zur Versendung verpackt. Mit besonderer Sorgfalt bereitetes Salz
wird in ungebrannten Thontöpfen eingestampft, hermetisch mit einem Thondeckel ver-
schlossen und samt den Töpfen gebrannt. Solches Salz ist natürlich steinhart und trocken
und sehr geeignet, in tropischen Klimaten trocken erhalten und als Tafelsalz verspeist zu
werden. Nach Ostindien, wo man oft halb zerflossenes Salz auftischen sieht, würde
dies ohne Zweifel ein vorteilhafter Artikel der Ausfuhr sein.
Wir besuchten die beiden Dörfer Mukohimi und Hirni, deren Bewohner sich
durch Wohlstand auszeichnen. Die Leute staunten uns neugierig an, und wir erfuhren
von ihnen, dafs noch nie ein Niederländer in diese Orte gekommen sei.
Die wiederholt von uns gemachte Bemerkung, dafs in Japan an jenen Orten,
wo irgend ein Zweig der Nationalindustrie im grofsen oder fabrikmäfsig betrieben
wird, allgemeiner Wohlstand herrscht, und jene dürftige, an Leib und Seele verarmte
Volksklasse, welche die europäischen Fabrikstädte mit dem Siegel menschlichen Elends
und der Verworfenheit bezeichnet, nicht bestehe, sahen wir auch hier bestätigt. Man
findet da aber auch nicht jene Fabrikkönige, welche, im Besitze unermefslicher Schätze,
das goldne Scepter über den halb verhungerten Auswurf der Bevölkerung schwingen.
Arbeiter und Herren sind zwar hier durch noch strengere Konvenienz als in Europa
voneinander geschieden, aber, als Mitmenschen, durch die Banden wechselseitiger Ach-
tung und Gefälligkeiten wieder um so enger verknüpft. Auch haben die fabrikmäfsig be-
triebenen Zweige der Industrie hier zu Lande die für das gesellige Leben wohlthätige
Einrichtung, dafs, wenn auch ganze Dörfer und Städte sich damit beschäftigen, doch
jede einzelne Familie unter der Aufsicht des Familienhauptes ein Glied der zahlreichen
Gilde der arbeitenden Volksklasse ausmacht. Die Centralisierung einer arbeitenden
Menschenmasse zur Erreichung eines einseitigen, oft rein persönlichen Zweckes —
Fabrikarbeiter oder Söldlinge — bleibt immer eine bedenkliche Malsregel, welche
Entmenschung und Unmenschlichkeiten jeder Art zur unvermeidlichen Folge hat.
Nach einem kurzen Aufenthalt am Lande rief uns ein Signal nach der Barke
zurück, wo uns Colonel de Sturler mit Ungeduld erwartete. Unsere Ausbeute an
Naturalien war gering.
Am Strande bemerkten wir eine sinnreiche Weise, Sepien zu fangen. Es hatten
nämlich die Fischer an langen Strohseilen grofse Schneckenhäuser von einer Art Buc-
cinum gereiht, welche sie in die See legen. Die Sepien oder sogenannten Tinten-
fische, hier eine Art Octopus (jap. Tako), suchen diese Häuser auf, kriechen instinkt-
mäfsig hinein und werden beim Aufziehen der Seile in dem vermeintlichen Zufluchts-
ort, in den sie bei der Bewegung des Seiles sich noch fester einnisten, gefangen.
Diese Eigenschaft macht uns auf die bekannten Weichschwanzkrebse (Pagurus) und
noch mehr auf das merkwürdige Weichtier aufmerksam, welches den Argonauta argo
bewohnt. Dafs das Schiflsboot des Nautilus von einem dem Tintenfisch ähnlichen
Weichtiere bewohnt werde, wissen die Japaner schon lange und heifsen es daher
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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Tako fune, Sepienboot, weil sich wahrscheinlich das Tier bei Windstille in seinem
Schneckenschiffe auf der Oberfläche der See treiben läfst.
Man mufs unter Segel gehen; der Gesandte befiehlt’s und requiriert, weil Wind
und Strom entgegen sind, dreifsig Bugsierfahrzeuge. Doch kaum haben wir die Bucht
von Hirni verlassen, so werden die Anker ausgeworfen. Jetzt finden die Vorstellungen
der Japaner bei dem Gesandten Eingang — wir sind ja von der Küste, wo wir noch
manche denkwürdige Beobachtungen hätten anstellen können, abgeschnitten. Da-
für trugen wir in unser Journal eine Stelle ein, welche wir mit gleicher Genugthuung
wiedergeben, wie wir sie einst mit Wehmut, aber mit Entschlossenheit niedergeschrieben
haben. «Ich habe einen harten Kampf zu kämpfen mit meinen beiden europäischen
Reisegefährten, soll ein guter Erfolg meiner wissenschaftlichen Forschungen erreicht
werden: doch — si illabatur orbis, impavidum ferient ruinae!»
[7. März.] Mit Tagesanbruch die Anker gelichtet. Werden von den gestrigen
Bugsierbooten in die See gebracht; lassen gegen 8 Uhr bei einem günstigen SW.-
Winde die Bugsierfahrzeuge zurück; passieren an Steuerbord die Inselchen Osima,
Siwotawara (Salzsack) , Kadesima und Sjödesima und halten auf die grofse Insel Sjö-
dosima (auch Sjötsusima genannt) N. 89° O. an; die Bucht von Himi peilten wir
S. 470 W. An dieser Stelle nahmen wir Längenbeobachtungen mittels Chronometers
und befanden uns demnach unter 1 3 3 0 54' ö. L. von Greenw.
Die figurativen Karten und Seeweiser der Japaner kommen in diesem Insel-
bezirke gut zu statten; man kann sich nach ihnen besser orientieren als nach Kämpfers
Itinerarium und anderen nach japanischen Originalen konstruierten Seekarten. Auch
wollen wir zu wiederholten Malen anraten, sich hier der Führung japanischer Lotfen
anzuvertrauen. Selbst unsere Andeutungen, die sich beim schnellen Vorübersegeln
blofs auf einige Stellen beschränken und nur als unterbrochene Punkte einer Linie
zu betrachten sind, welche wir nach japanischen Karten fortgesetzt haben, wollen
wir nicht hoch anpreisen. Eine genauere Kenntnis dieses Seegebietes verdanken wir
dem mehrmals gerühmten kaiserlichen Astronomen Takahasi Sakusajemon.
Gegen Mittag steuerten wir ONO., hatten voraus die Jesima-Gruppe, die Nord-
spitze von Sjödosima an Steuerbord S. 29 0 O. und Kap Akosaki N. 39 0 O. Hier
nahmen wir eine Sonnenhöhe und befanden uns demnach unter 340 n. B. Im N. z. O.
sahen wir hohes Land, welches man für die Insel Awadsi hielt. Gegen 3 Uhr nach-
mittags drehte sich der Wind und blies heftig aus Norden. Wir lavierten bis auf
einen Abstand von 1 Ri unter die Küste von Muro, wo uns Bugsierfahrzeuge, welche
man bereit gehalten hatte, zu Hülfe kamen und uns nach dem Hafen, der N. 42 0 O.
sich vor uns öffnete, bugsierten. Beim Einsegeln machten wir folgende Kompafs-
observationen: Nordspitze von Awadsi S. 66° O., Westspitze S. 44 0 O., Kap Taka-
sago S. 750 O.
Das Hotel, welches wir bewohnen, ist das gewöhnliche Absteigequartier, welches
die Fürsten von Kiusiu und einigen andern Landschaften auf ihrer Reise nach dem
Hofe zu Jedo beziehen. Man hat auf der Vorderseite die Aussicht auf die Strafse
und auf der Rückseite sieht man den Hafen und den Teil der Stadt, der ihn umgiebt.
Die Zimmer und namentlich die für einen fürstlichen Gast bestimmten Appartements
sind bei aller Einfachheit mit bewundernswerter Nettigkeit und vielem Geschmack
gebaut und eingerichtet, was einem um so mehr auffällt, da sie nur mit einigen
wenigen Möbeln ausgeschmückt sind. Der Gesandte bezog die fürstlichen Gemächer,
140
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
drei an der Zahl: ein Vorzimmer, welches zugleich der Empfangsaal ist, und zu beiden
Seiten ein Zimmer. Im Vorzimmer ist in einer Ecke ein Gemach von einem Quadrat
Ken (1,818 Meter) durch Schiebthüren abgeschieden; es dient für den Sekretär
des Fürsten. Die beiden andern Zimmer sind durch zwei Stufen über dem Boden des
Vorzimmers erhöht und durch Schiebthüren davon abgesondert. In dem zur Linken
befindlichen ist ein abermals erhöhter Sitzplatz von einem Quadrat-Ken, den man bei
Öffnung der Schiebthüren gerade vor sich sieht. Es ist dies der Platz, den der Fürst,
als höchste Person, nicht nur bei Gelegenheit einer Audienz, sondern auch jedesmal
dann einnimmt, wenn er sich dem Hofpersonale zeigt, und die Schiebthüren geöffnet
sind; auch., dient dieses erhöhte Ruhebett, das einem Divan zu vergleichen ist, zur
fürstlichen Schlafstätte. Das andere Gemach zur Rechten ist, wie gesagt, auch für den
Fürsten und seine Person unmittelbar betreffende Zwecke eingerichtet. Diese Gemächer
sind verhältnismäfsig klein und nehmen zusammen einen Flächenraum von nicht über
36 Quadrat-Ken ein. Alles Gebälke in den Zimmern ist sichtbar, und die Staffeln und der
Plafond von Holzarbeit. Ein glatter einfarbiger Kalküberzug (gewöhnlich von pfirsich-
blüten — ocker- oder schwefelgelber Farbe) bedeckt die Wände; die Schiebthüren sind
ungemein leicht, zum Teile ganz aus Holz gearbeitet, zum Teile blofs mit bemaltem
und vergoldetem Papier überzogene hölzerne Rahmen, oder mit halbdurchscheinendem
weifsem Papiere beklebte fensterähnliche Gitter. Letztere sind eigentlich Fenster, und
einige davon gehen auf das Hausgärtchen. So einfach die Bauart dieser Gemächer ist,
so tragen sie doch das Gepräge grofsen Luxus. Alles sichtbare Holz ist ausgesuchtes
Cedernholz (Cryptomeria japonica); zu den Thür- und Fensterrahmen dient eine fein-
gestreifte Sorte Zin dai sugi, und zur Füllung der Thüren und zum Plafond die kost-
bare geflammte Sorte Jaku sugi, welche fein behobelt, geglättet und blofs mit Öl,
unter welches man feinen braunroten Ocker gemengt hat, eingerieben ist, so zwar,
dafs die Textur, die Adern und Flammen des Holzes sichtbar bleiben. Oberhalb der
Schiebthüren, welche die beiden Gemächer des Fürsten, vom Vorzimmer scheiden und
1 Ken hoch und 1/2 Ken breit sind, nimmt ein etwa 2 Sjaku hohes Oberlicht die ganze
Breite der Schiebthürenwand ein. Das Oberlicht ist mit zierlich durchbrochenem
Schnitzwerk vom kostbaren Holze der jap. Eiben, Fichten und Ulmen (Taxus cuspi-
data, Cephalotaxus drupacea und pedunculata, Abies Tsuga, Ulmus Keaki), dem man
seine natürliche Farbe liefs, ausgefüllt. A11 einigen Schiebthüren ist die Füllung mit
bemaltem und zum Teil vergoldetem Papiere bekleidet, und feines, halbdurchsichtiges
Papier vom Papierbaum (Broussonetia papyrifera) oder von der Papier-Daphne (Daphne
papyrifera), welchem geschmackvolle, einem Spitzenmuster ähnliche Verzierungen ein-
geprefst sind, überzieht die Gitterfenster, deren Stabwerk aus dem feinen weifsen Holze
des Sonnenbaumes (Retinospora obtusa) verfertigt sind, während aus Kupferblech ge-
triebene, vergoldete und bronzierte Beschläge und Rosetten Thüren und Fenster und
hier und da auch das Gebälke verzieren. Den Fufsboden bedecken Binsenmatten, die
sich durch ihre grünlichgelbe Farbe, durch Feinheit und zierliche Einfassung mit far-
bigen gewirkten Stoffen auszeichnen. Was wir hier Matten (Tatami) nennen, sind
eigentlich Strohpolster, deren je zwei ein Viereck von 1 Quadrat-Ken (1,818 Meter)
ausmachen. Diese Form und Gröfse ist im ganzen Reiche genau dieselbe, wie auch
die Gröfse der Zimmer und Hausräume überall nach einer bestimmten Anzahl Matten
berechnet wird; daher. die Ausdrücke: Es ist ein Zimmer von sechs oder mehr Matten,
ein Haus von 50 Matten u. dgl. Diese unabänderliche Bestimmung des Mattenmafses
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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hat einen bedeutenden Einflufs auf die Baukunst, Gewerbe, Haus- und Staatswirtschaft,
wie wir an einem andern Orte zeigen werden.
Wir haben nun noch die Möbel in den beschriebenen Gemächern zu betrachten.
In den Absteigequartieren fürstlicher und anderer hohen Personen befindet sich ver-
hältnismäfsig noch weniger Hausrat als in den Privatwohnungen. Denn vornehme
und bemittelte Leute führen ihre Betten, Tabaks- und Toilettegeräte, Efs- und Trink-
geschirre und viele andere Bedürfnisse mit sich, und da man in Japan keine Stühle
und Bänke, Tische und Bettstätten wie bei uns hat, so sieht es in den dortigen Zimmern
ziemlich leer aus. Am Ehrenplätze (Toko) hängt ein Gemälde (Kakemono), das auf
den Frühling anspielt. Vor demselben steht ein Blumen- oder Rauchwerktäfelchen
und zur Seite ein lackiertes Gestelle (Katane kake), worauf des Fürsten Säbel zur
Schau gestellt worden. Jetzt liegt des Gesandten Stock und Degen darauf. Auf der
anderen Seite steht ein gleichfalls lackiertes Täfelchen, das Kamuri dai, worauf die
Mütze oder der Hut gelegt wird. I11 der Mitte oder zu beiden Seiten des erhöhten
Sitzplatzes stehen offene Feuerherde und einfache Tabaksgeräte (Tabakobon); sein
eigenes, tragbares, das in der Regel sehr kostbar ist, führt der vornehme Reisende
mit sich. Einige Etageres für Schreibzeug, Bücher und Theegeräte vollenden den Haus-
rat, und die Waffen und Insignien, die Harnischkisten u. dgl. stehen zum Prunke im
Vorzimmer. Jetzt sind die Gemächer mit den früher beschriebenen Reisegeräten und
andern Necessaires des Gesandten angefüllt.
Das Hotel, an der Ostseite des Hafens gelegen und ausschliefslich zum Absteige-
quartier für hohe Herrschaften erbaut und eingerichtet, besteht aus vier Haupt- und
mehreren kleinen Nebengebäuden, welche zusammen einen Raum von 25 Ken Länge
und halb so viel Breite einnehmen und mit einer 2,50 Meter hohen Mauer umgeben
sind. Von der Strafse sind drei Eingänge in gleichen Abständen; der zur Linken,
jetzt mit der holländischen Flagge geziert, führt in den Vorhof und dann zum Por-
tale der Hauptwohnung, welche einstöckig ist. Die beiden Anbaue sind zweistöckig,
und im vorderen befindet sich ein ziemlich grofser Saal mit der Aussicht auf die
Strafse, im hinteren gleichfalls ein geräumiges Zimmer mit der Aussicht auf den
Hafen. Für die Dienerschaft, Gepäck e u. dgl. besteht ein eigenes Lokal, das nach
der Hafenseite liegt.
[8. März.] Der Vormittag wurde mit Länge- und Breiteobservationen und mit
Besuchen und Konsultationen zugebracht, während unsere Schüler nach Fischen und
Vögeln und andern Merkwürdigkeiten auszogen, und der Maler Tojoske eine Plan-
zeichnung des Hafens und der Umgebung anfertigte.
Wir machten hierauf einen Spaziergang in die Stadt und besuchten gelegentlich
den Kuinin, der, eben unpäfslich, nicht im Hotel wohnte. Wir waren so glücklich,
auch als Arzt sein Vertrauen zu besitzen, und hatten ihn seit einigen Tagen in Be-
handlung, bis Kö Rjösai seine ärztliche Pflege übernahm.
Wir nahmen nun den Hafen von Muro in Augenschein. Eine nähere Kenntnis
desselben ist in kommerzieller und strategischer Hinsicht von besonderer Wichtigkeit,
da in den Hafen von Osaka nur kleine Fahrzeuge einlaufen können und die Rhede
von Hiögo, wo gröfsere Schiffe vor Anker kommen, um zu lichten, zu offen und den
hier hausenden gefährlichen Stürmen ausgesetzt sind.
O O
Der Hafen von Muro wird gebildet von einer kleinen, nordöstlich sich ein-
biegenden Bucht, in deren Hintergrund sich das Städtchen Muro ausbreitet. Am Ein-»
I42
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
gang liegt rechts (auf der Ostseite) auf einem Felsen das Wachthaus, und unter dem-
selben auf einer im cyklopischen Stil erbauten Mauer sind Batterien errichtet, welche
den Eingang des Hafens bestreichen. Vor der Wache sahen wir zehn Piken mit
Federbüschen und zu jeder Seite vier mit gewöhnlichen Futteralen aufgepflanzt.
Aul der entgegengesetzten oder Westseite erhebt sich ein felsiger, mit einzelnen
Tannen bewachsener Vorberg, Kap Jamane, an dessen Abhang einige Lusthäuser
stehen. Diese beiden Punkte bilden den Eingang in den Hafen. Im Hafen selbst,
der zwar klein, aber vor Stürmen geschützt ist, lagen in Reihen mehr als fünfzig
Schilfe vor Anker. Hinter dem Kap Jamane zieht sich die Küste abermals NO. zu-
rück und bildet mit einer vorspringenden Landspitze (sie heifst Mowuri) gleichfalls
eine Bucht, welche sich unsers Erachtens sehr zu einem Ankerplatz für europäische
Schilfe eignet. Sie liegen hier nicht blofs vor Stürmen geschützt, sondern können im Falle
von Feindseligkeiten sich hier auch freier als im Hafen bewegen, während sie im Hafen,
ringsum von Häusern, Wachen und Tempeln umgeben, der Feuersgefahr ausgesetzt
sind und ihnen durch Versenkung japanischer Fahrzeuge am Hafenmunde leicht der
Ausgang versperrt werden kann. Vor Einsperrung mittels Versenkung von Fahrzeugen
und vor Brandern, welche die japanische Kriegslist sehr sinnreich ausgedacht hat (wir
werden sie später kennen lernen), mufs man sich im Falle von Feindseligkeiten sehr
in acht nehmen. Lord Pellew wäre 1809 mit dem Phaeton nicht aus der Bai von
Nagasaki entschlüpft, wenn er sich etwas tiefer hineingewagt hätte; wir wissen dies
aus zuverlässigen Quellen.
In der Bucht zwischen Jamane und Mowuri (wir wollen sie nach dem darin-
liegenden Fischerdorfe O-ura die Bucht von O-ura nennen) können Kriegsschilfe
unter jedem Verhältnis, auch bei dem jetzigen Abschliefsungssystem der Japaner, keck
vor Anker gehen. Man wird ihnen in den ersten Tagen nichts anhaben. Im Hafen
konnten wflr keine eigentliche Kriegsfahrzeuge entdecken. Übrigens liegen nach einem
im Tempel des Murono Mjözin befindlichen Votivbilde oberhalb der Wache, im so-
genannten Funakura oder Schiffshaus, einige derselben.
Wir bestiegen Kap Jamane, von wo wir die beiden Buchten übersehen konnten
und eine freie Aussicht in die See hatten. Vor uns lag die Inselgruppe Jesima, hinter
derselben die Insel Awadsi, deren hohe Gestade sich mit der SW. -Küste von Harima
zu vereinigen schienen, zur rechten Sjödosima, und ganz im Hintergründe ragten die
hohen, mit Schnee bedeckten Gipfel der Gebirge von Sanuki und Awa auf der Insel
Sikoku hervor.
Dicht bei der Mündung des Hafens liegen mehrere Inselchen und Felsen zer-
streut, wir zählten deren sechs, welche die einlaufenden Schilfe an Backbord liegen
lassen und erst oberhalb derselben nach der Hafenmündung einlenken. Auch liegt
mehr östlich, in der Richtung von Kap Takasaki, eine ähnliche Gruppe. Wir peilten
Kap Takasaki S. 740 O., die Nordspitze von Awadsi S. 66° O., die Jesima -Gruppe
gerade im Süden, die östlichste Insel S. 240 O. und die westlichste S. 190 W. Im
S. z. O. konnten wir zwei einander entgegenkommende Landspitzen sehen, deren
eine wir für Kap Tsui von Awadsi, die andere für Kap Magosaki von Sikoku
hielten. Auch konnten wir bei Kap Akösaki die Türme des Schlosses von Akö unter-
scheiden.
Die Jesima-Gruppe, SSO. von Muro, besteht aus 4 gröfseren und 34 kleineren
Inseln und Felsen. Die westlichste Insel (sie heifst auch im Japanischen Westinsel
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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Nisi sima) ist die gröfste, 32 1/a Strafsen lang, 22 Strafsen breit (1 Strafse oder Sjö
= 1,0909 Hektometer). Sie hat an der Nordseite einen Hafen, der von kleineren
Fahrzeugen besucht wird. Die drei übrigen gröfseren Inseln dieser Gruppe sind Saka-
sesima, Jesima und Avakäsima.
Wir kehrten nach dem Städtchen zurück und durchzogen es von einem Ende
zum andern. Aufser einigen Kaufläden waren wenig ansehnliche Häuser zu sehen,
und die Wohnungen der Einwohner verrieten geringen Wohlstand. Dies ist be-
fremdend, da doch häufig die Landesfürsten von Kiusiu und vom westlichen Nippon
auf der Reise nach Jedo hier ans Land steigen, um eine Pilgerfahrt nach den in der
Umgegend berühmten Kami- und Tempelhöfen zu machen und die Reise über Land
nach Osaka fortzusetzen. Darum kamen auch wir hierher. Besser sind die
öffentlichen Theehäuser unterhalten, und im Vorbeigehen zog eines derselben
unsere Aufmerksamkeit auf sich. Wir traten näher. Zu beiden Seiten des Eingangs
war ein geräumiges Zimmer, worin 15 bis 18 kostbar gekleidete und frisierte Mäd-
chen in einem Halbkreis oder richtiger in einem Viereck safsen, wovon eine Seite
offen gelassen war. Die Schönheiten waren so gereiht, dafs die jüngeren und
hübscheren im Vordergründe, im hellsten Lichte safsen, man hatte die nach der
Strafse gehenden Lenster zurückgeschoben. Auf uns machte die Gruppe dieser
unglücklichen, in gezwungener aber anständiger Haltung zur Schau ausgestellten Ge-
schöpfe einen traurigen Eindruck; das Amazonen -Carre mit seinen Resten weib-
licher Schönheit und jugendlicher Blüten schien uns ein vom Sturme verwehtes
Blumenbeet.
Von hier durchzogen wir noch einige Strafsen und passierten den der Sekte
Sjödo gehörigen Tempel Zjounzi, an dessen Eingang man uns den Grabstein einer
aus den Zeiten des Heike-Krieges berüchtigten Schönheit Namens T01110 gimi zeigte,
welche man hier als die Stifterin des früher erwähnten Fräuleinordens verehrt. Wir
wandten uns nach der Seeseite und kamen zum berühmten Kamihof Muro Mjözin
jasiro, der oberhalb der Wache liegt. Ein kolossaler Ehrenbogen (Toriwi) aus Stein,
der an der Basis i1/2 Firo (2,272 Meter) breit ist und 7 Ken hohe Säulen hat, be-
zeichnet den Eingang.
Die Priester nahmen uns sehr freundlich auf und zeigten uns die Merkwürdig-
keiten des Kamihofes. Sie führten uns auch nach der Halle, wo die Votivbilder
hängen, und machten uns als Holländer auf ein Seestück aufmerksam, das zwei hol-
ländische Schiffe in offener See darstellt, wie sie einander salutieren. Das Bild, eines
der gelungensten der Gallerie, war zu Nagasaki gemalt und 1804 von einem Trofs-
meister Namens Kisuke ex voto hierher gestiftet worden. In derselben Halle be-
merkten wir mehrere runde, mit Papier überzogene Schachteldeckel, die man auf einem
Brette befestigt hatte. Es waren Zentrumschüsse , welche die Schützen mit ihrer
Unterschrift gleichfalls ex voto hier deponiert hatten. Wir besichtigten hierauf die
Kamihallen, die Jasiros, welche auf einer etwa 2 Meter hohen, 47,725 Meter
langen und 13,363 Meter breiten, von einer cyklopischen Mauer eingefafsten Terrasse
stehen, zu der eine breite Steintreppe von fünf Stufen hinaufführt. Die Terrasse ist
mit einem Geländer umgeben und bildet einen Balkon, auf dem man hin- und her-
spazieren kann. Hat man die Treppe erstiegen, so steht man vor dem Portale einer
langen, schmalen Gallerie, die mit Gitterwerk und einer Gitterthüre versehen, mit
goldenen Rosetten, welche das Wappen Futaba awoi vorstellen, verziert ist und ein
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Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Schindeldach trägt, dessen Firste und ausgeschweifte Ränder mit seegrün bronziertem
Kupfer belegt sind. Durch das Gitterwerk der Gallerie (denn sie selbst bleibt Laien
verschlossen) siebt man die Vorderseite von fünf Tempeln oder Mijas, deren Thüren mit
vergoldeten Schlössern geschlossen sind. Die Dächer dieser Mijas überragen die um
vieles niedrigere Gallerie und können somit vom Hofe aus gesehen werden. Das Haupt-
gebäude bildet die mittlere dieser fünf Mijas, die gröfste und höchste, und sie ist dem
Wake ika tsut-si-no kami, dem Lenker des Fatums des Mikado geweiht. Auf der rechten
oder Ostseite reihen sich ihr zwei kleinere Kapellen an, deren eine Kataoka jasiro, die
andere Fudo-dano jasiro heifst; ihnen entsprechen auf der linken oder Westseite die
Kamikapellen Kibuneno jasiro und Wakamija.
Nachdem man im Portale Strohmatten hingebreitet hatte, liefsen der Kuinin und
die übrigen Offiziere und Dolmetsher sich darauf nieder und verrichteten ihre Andacht.
Einige Kupfermünzen, die sie durch das Gitter in die Gallerie warfen, galten als Opfer.
Wir gingen hierauf zu dem westlich von dieser Kapellengruppe auf einer ähnlichen
Terrasse stehenden zweistöckigen Turm, der, aus FIolz konstruiert, ein wahres Meister-
stück der Baukunst ist. Er war erst kürzlich erbaut, und die Priester zeigten uns auch
den nett gezeichneten Aufrils, von dem wir uns eine Kopie zu verschaffen suchten,
was uns auch gelungen ist; denn wir erhielten sie nebst einer Ansicht des beschriebenen
Jasiro und einer Aussicht vom Kloster auf die See im folgenden Jahre. Den pracht-
vollen Turmbau ausführlich zu beschreiben, würde uns hier zu w7eit abführen. Wir
wollen blofs bemerken, dafs derartige Türme nicht dem Kamidienste, sondern dem
Buddhakultus und namentlich der Sekte Singon angehören und mit dem Buddhakultus
gleichzeitig in Japan eingeführt wurden. Dafs ein solcher hier, in einem Kamihofe
vorkommt und noch eine Kapelle des Hatsiman zur Seite hat, läfst sich aus dem be-
reits erwähnten Kultus Rjöbu sintö, der auch hier eingedrungen ist, erklären.
Die sehr höflichen Priester führten uns von da nach ihren Wohnungen. Während
wir dahin gingen, bemerkten wir unweit der Steintreppe der Hauptterrasse eine Laube
von der beliebten Schlingpflanze Fudsi (Wisteria Sinensis). Es hat mit dieser eine
eigene Bewandtnis. In der Nähe der Kamihalle, wo der Lenker des Fatums des
Mikado verehrt, wo den Regenten himmlischer Abkunft das Orakel verkündet wird,
verlangt auch der Pilger nach einem Götterspruche und hängt nun Zettelchen, denen
er seine Wünsche anvertraut, an die eben sich entwickelnden Blumentrauben des
Fudsi. Diejenigen von diesen, wrelche am längsten und schönsten werden, geben
Hoffnung baldiger Erfüllung. Wie wir bereits an einem anderen Orte bemerkt,
nehmen am häufigsten Verliebte ihre Zuflucht zu dem Fudsi-Orakel. Die chine-
sische Wisteria und auch die wunderwirkende japanische ist jetzt auch in Europa
eingeführt, eine ohne Zweifel tröstliche Mitteilung, die wir im Vorübergehen machen.
Wir folgen der freundlichen Einladung der Priester nach ihrer Wohnung. Sie
führen uns in einen geräumigen Saal, wo uns eine herrliche Aussicht auf die See
von Harima überrascht. Eines der schönsten Seebilder, die wir bis dahin in Japan
genossen, und die Lage und Einrichtung des Saales, wie ist sie auf einen grofsartigen
packenden Eindruck berechnet! Er öffnet sich nach vorne und auf beiden Seiten,
und man sitzt gleichsam auf einem Balkon, der auf einem in die See überhängenden
Felsen erbaut ist. Zur Rechten hat man Kap Jamane, welches mit dem Vor-
gebirge, worauf man nun selbst sich befindet, den Eingang in den Hafen bildet.
Unterhalb Jamane schiebt sich die Landspitze Mowuri vor, und hinter dieser,
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjögun im Jahre 1826.
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zwischen zwei kleinen Inselchen durchsehend, zeigt sich in matten Umrissen Kap
Akösaki. Gerade vor sich sieht man in einen Abgrund hinab, woraus Felsen ragen,
mit einzelnen Tannen bewachsen, deren immergrüne Gipfel die gerade Linie der
zierlich geschnitzten Lehne des Balkons unterbrechen und einen schwebenden Garten
vorzaubern. Durch diesen Feenwald hat man eine weite Aussicht auf das inselreiche
Meer, welches soeben vom schwachen Landwinde bewegt und von den Strahlen der
untergehenden Sonne beleuchtet wird. Nah und fern sind Inseln: Sjödosima, Ma-
jesima, Jesima und ein Teil der Insel Awadsi, und unzählige Eilande liegen vor uns.
Sie erglänzen in hell- und dunkelgrüner, azur- und hellblauer Farbe im Verhältnisse
der Entfernung, und weit im Hintergründe blinken in Gold- und Silberglanze die noch
mit Schnee bedeckten Gipfel der Gebirge von Sikoku. Weifse Segel schimmern zahllos
da und dort — sie nahen in wachsender Gröfse dem Hafen, wohin der sinkende
Abend sie einladet. In harmonischem Einklang mit der grofsartigen Scene steht die
einfache, geschmackvolle Einrichtung des Saales und die heitere, offene Stimmung
unserer Gastwirte. Es sind keine buddhistischen Mönche, es sind weltliche Priester
des Kamidienstes, und sie haben Frauen und Kinder. Auch diese treten in unsern
Kreis — auch die Frauen sind Priesterinnen, die Kinder geborne Novizen. Wir unter-
hielten uns vortrefflich, machten einige nützliche Peilungen, leerten die zu wieder-
holten Malen gefüllten Theetassen, beschenkten die Priesterfamilie und zogen nach Hause.
An der steinernen Ehrenpforte des Kamihofes wartete der Gesandtschaft das
neugierige Volk und bildete in ehrerbietiger Haltung Spalier. Unser Zug glich
einer Prozession; da man aber in Japan meist unbedeckten Hauptes geht, so waren
vor uns keine Hüte abzunehmen, und statt der Kniebeugung berührte das erste
Glied der uns anstaunenden Zuschauer die Erde, die wir betraten, mit den Finger-
spitzen. Es ist dies ein Zeichen sehr hoher Ehrerbietung. Stille und Anstand
herrschte überall, und man hörte nur hier und da die dem Zuge vorausschreitenden
Trofsmeister mit lauter Stimme in bestimmten Pausen Stai! Stai! rufen, soviel als:
duckt euch! — Jeder gehorchte.
Das japanische Volk, selbst in Städten, ist einer zahlreichen, wohlerzogenen, ge-
horsamen Familie vergleichbar. Die Väter — die grofsen Herren und Fürsten, er-
leben da nur selten in ihrer Familie den Kummer, der leider! in Europa manchmal
so schwer empfunden wird — erziehen ihre Kinder zu Hause und lassen sie in der
Schule lernen.
Wenn wir uns manchmal bei der Betrachtung des japanischen Volkes und Staates
scharfe Vergleichungen und Anspielungen auf ähnliche Verhältnisse in Europa erlauben,
so thun wir dies in keiner schlimmen Absicht, wohl aber in der Überzeugung, dafs
bei dem civilisiertesten Volke der alten aufsereuropäischen Welt, welches nach fürchter-
lichen Bürger- und Religionskriegen einen zweihundertjährigen Frieden geniefst, in
den Staats- und bürgerlichen Einrichtungen, ja selbst in den religiösen Institutionen
Dinge bestehen und Umstände vorwalten, die, wenn sie auch keine Nachahmung, doch
Berücksichtigung und Würdigung verdienen.
Wie überall harrten unser im Gasthause Arzte und Kranke, und wir lernten
heute abend einen gewissen Arzt Namura Unso kennen, dem wir einige interessante
Mitteilungen und einen wichtigen Beitrag zu unserer Reisebeschreibung zu verdanken
haben. Durch ihn und unsern braven Wirt, der mich später auf Dezima besuchte,
erhielten wir die Kopie des Aufrisses des Turmes.
v. Siebold, Nippon I. 2. Aufl.
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Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Das Wichtigste von Muro haben wir bereits erwähnt. Das Städtchen, welches
unter 340 48' n. B. und 1 3 4 0 25' ö. L. v. Greenw. liegt, ist sieben Strafsen grofs;
seine Häuserzahl wird auf 600 und die Bevölkerung auf 1800—2000 angegeben. Die
Besatzung der beschriebenen Wachthäuser und der beiden Warten (Tömi bansjo)
ist schwach. Die eine Warte liegt unterhalb des Kamihofes Muro Mjözin jasiro, die
andere mehr östlich auf einem Berge bei der Mündung des Flusses Sisava gawa. Die
Strafsen in Muro sind nicht sehr reinlich, was wir den zahlreichen Gerbereien und
Sakebrauereien und dem vielen Schiffsvolk, welches sich darin herumtreibt, zuschreiben.
Dies sind auch die vorzüglichsten Erwerbszweige dieses Ortes. Leder und Leder-
arbeiten von Muro, welche von einer eigenen Zunft, Kawazaiku, verfertigt werden,
sind im ganzen Lande berühmt. Es ist meistens lohgares Pferde- und Rindsleder,
welches mit den russischen geprefsten und gefärbten Ledersorten Ähnlichkeit hat.
Auch macht man hier das sogenannte Goldleder aus unserer Rokokozeit nach. Dieses
antike Tapetenleder ist in Japan ungemein geschätzt, und die Quadratelle der
besten Sorte wird oft mit 20 Gulden und darüber bezahlt. Vom nachgemachten
Goldleder, das an Güte dem echten gleichkommt und es an Glanz übertrifh, haben
wir Proben gekauft und sie mit andern Lederarbeiten der Merkwürdigkeit wegen
in der technologischen Sammlung des japanischen Museums aufgestellt. Aus dem
echten wie aus dem nachgemachten verfertigt man hier Brief- oder Papiertaschen,
Tabaksäcke und Tabakspfeifenfutterale (Tabako-ire) und andere dergleichen Dinge.
Morgen treten wir unsere Pilgerfahrt nach den berühmten Wallfahrtsorten dieser
Gegend an und setzen unsere Reise weiter über Land bis Osaka fort.
Landreise von Muro nach Osaka.
[9. März.] Um 8 Uhr morgens verliefsen wir Muro; dicht hinter dem Städtchen
erhebt sich ein Berg, über den ein schmaler, stufenweise in die Felsen eingehauener
Weg führt. Dieser Steig war stellenweise so steil und ungebahnt, dafs es unseren
kräftigen Trägern nur mit der gröbsten Anstrengung gelang, unsere Sänften und das Gepäck
auf den Gipfel hinaufzuschaffen. Wir bewunderten dabei die Gewandtheit und Aus-
dauer dieser Leute und noch mehr die Sicherheit, womit die Packpferde und Pack-
ochsen die Felsentreppen hinaufstiegen. Es bewährte sich hier wieder die eigentümliche,
sehr zweckmäfsige Hufbekleidung dieser Lasttiere, nämlich die aus Reisstroh gefloch-
tenen Schuhe derselben. Auch den Trägern kamen ihre Strohschuhe gut zu statten.
Gegen 9 Uhr hatten wir den Gipfel des Berges erklommen, der sich circa 800' über
die Meeresfläche erhebt. Hier befindet sich eine Herberge, wo unser Gefolge aus-
ruhte, und wir eine herrliche Aussicht genossen. Zur Linken hatten wrir die See von
Härima und rechts sahen wir auf eine ausgebreitete Ebene hinab, weithin von einer
doppelten Bergkette begrenzt, die sich in südöstlicher Richtung nach dem Hochgebirge
der Landschaften Dazima und Inaba hinzog und von einem breiten Flusse durchströmt
wurde, der aus einem am östlichen Abhange des Berges beim Dorfe Kangosan sicht-
baren See, einem Sammelplätze der Gebirgswässer, einigen Zuflufs erhielt. Dergleichen
Seen und Teiche findet man überall, wo sich das Terrain für den Reisbau eignet.
Sie sind unversiegbare, gleichsam der Natur abgewonnene Quellen für die unentbehr-
Reisen.
2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
47
liebste Volksnahrung. Der Unterhalt derselben geschieht auf Kosten der Gemeinde,
in deren Flur sie liegen. Sie stehen unter der strengen Aufsicht des Bürgermeisters,
und die Schleusen dürfen nur mit seiner Erlaubnis geöffnet werden. Durch diese
Vorsorge für die Landwirtschaft wird möglichst dem Mifswachs des Reises vorgebeugt.
Ein jäher Felsenweg, gleich mühsam für unsere Träger und Lasttiere, führt in
das Thal hinab. Meine Träger hatten übrigens keine schwere Last; denn wo nur
etwas zu untersuchen oder zu finden war, ging ich zu Fufse, und in meinem Trag-
sessel blieben nur einige Instrumente und Bücher zurück. Die Vegetation des Berg-
abhanges war sehr kümmerlich; einzelne Tannenbäume (Pinus Massoniana), Wach-
holdersträuche (Juniperus rigida), ferner Eurya japonica, Azaleen, Ilex crenata, niedrige
Bambusstauden (Philostachys bambusoides) und Rosen (Rosa multiflora) erheben sich
aus der dürren, mit grofsen Felssteinen und Glimmerschieferblöcken bedeckten Gras-
fläche. An feuchten Felsenwänden blühte die azurblaue Ajuga decumbens und längs
den Wegen der heimische Löwenzahn und Lamium amplexicaule und hier und da
eine verwilderte Pflaume (Prunus Mume), diese Erstlinge der Frühlingsflora, welche
wir bereits früher im südlichen Teile von Japan in Blüte sahen.
Am unteren Teile des Bergabhanges hatte der bewunderungswürdige Fleifs des
japanischen Landmannes den felsigen Boden in fruchtbare Getreide- und Gemüsefelder
umgeschaffen. Auf schmalen Beeten, durch tiefe Furchen voneinander getrennt, standen
hier Gerste und Weizen, Rübsamen (Brassica orientalis) und andere Kohlarten (Brassica
chinensis, Brassica takana, Brassica kjona), Senf (Sinapis japonica), Taubenbohnen
(Vicia faba minor), Erbsen (Pisum sativum), Rettiche (Raphanus sativus, var. jap.)
und Zwiebeln, in einen Fufs voneinander abstehenden Zeilen gesät und gepflanzt.
Kein Unkraut, kein Sternchen ist sichtbar. Auffallend sind die vielen kleinen Lehm-
hütten, welche mit Stroh bedeckt über runde Gruben errichtet sind, worin der Dünger
aufbewahrt wird. Solche Behälter, sowohl bedeckte wie unbedeckte, sind allenthalben
auf den Feldern angebracht, und der Landmann bewahrt darin sein Hauptdüngemittel,
nämlich die Fäkalien, die er von seinem eigenen Hause oder den nächstliegenden
Ortschaften herbeiführt. Er bedient sich dabei entweder eigentümlicher Trageimer
oder weitspundiger Fäfschen, welche von Ochsen und Pferden getragen werden. Die
meisten Nutzpflanzen werden in Zeilen angebaut, wodurch die Bearbeitung und Düngung
sehr erleichtert wird. Der flüssige Dünger wird in den Trageimern auf das Feld ge-
bracht und mittels eines langgestielten hölzernen Schöpflöffels, den Zeilen entlang, an
den Wurzeln der Gewächse ausgegossen. Man benutzt auch Pferde- und Rindvieh-
mist, den man aber nicht, wie bei uns, aufs Feld bringt und ausstreut, sondern erst
zu Hause mit Stroh, Laub und andern Abfällen verfaulen läfst. Diesen alten Dünger,
Ikoi genannt, benutzt man beim Aussäen von Gerste und Weizen; man streut ihn
entweder in die mit dem Handpfluge gemachten Furchen, worein man das Getreide
sät, oder man vermengt mit ihm die Saat selbst beim Aussäen. Einer so praktischen
Düngung auf nassem und trockenem Wege hat man das üppige Wachstum von Ge-
müse und Getreide zu verdanken. Beim Reisbau wendet man wohl ausschliefslich die
Gründüngung an. Die meisten Reisfelder werden zuvor zum Getreide- und Gemüsebau
benutzt, sind also schon gehörig gedüngt. Alle die Getreide- und Gemüsefelder, welche
wir jetzt terrassenförmig von einer Flöhe von 300 — 400' in das Thal herabsteigend sehen
konnten, werden wir im Juli mit Reis bepflanzt finden. Die Gründüngung läfst sich im
Juni, wo die Regenzeit beginnt und das Unkraut längs den Wegen und Dämmen üppig
10 *
148
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
gewachsen ist, auch sehr leicht anwenden. Die abgedämmten Felder füllen sich all-
mählich mittels der einfachen zweckmäfsigen Wasserleitung an, und das Unkraut, das
man von allen Seiten zusammenträgt, wird durch Ochsen oder Pferde in den morastig
gewordenen Boden hineingetreten.
Der Ende Juni gepflanzte Reis wird im Oktober geerntet, und da man die Reis-
felder zur Zeit der Ernte austrocknen läfst, so kann man dieselben auch bald darauf
bepflügen, zu Ackerland umschaffen und aufs neue bestellen.
So kommt es denn, dafs man nur höchst selten Brachäcker liegen sieht; es hat
ein ununterbrochener Fruchtwechsel statt, und oft kommt schon eine neue Pflanzung
zwischen den Zeilen der alten zum Vorschein, bevor diese geerntet wird Eine solche
gartenbauähnliche Landwirtschaft ist nur bei der Zeilenkultur und der bezeichneten
Düngungsart und in einem Lande möglich, das so dicht bevölkert ist, und wo die
Ländereien so sehr zerstückelt sind.
Wir durchzogen die Dörfer Maba, Kongosan, Urabe, Kotsi, arme aber reinliche
Ortschaften. Am Eingänge einer derselben war auf einem Anschlagebrette der Befehl
des Landesfürsten bekannt gemacht, dafs hierher keine Bettler kommen dürften, da
diese Ortschaften zu arm seien. Es wohnen hier viele sogenannte Jetas, welche sich
ausschliefslich mit der Bereitung des Leders beschäftigen. Diese Leute, welche eine
eigene, die niedrigste allgemein verabscheute Kaste bilden, leben gewöhnlich in ab-
gesonderten Strafsen ohne jegliche bürgerliche Gemeinschaft mit den übrigen Dorf-
bewohnern, deren Wohnungen sie nicht einmal betreten dürfen. Über ihre Herkunft
und Abstammung herrscht Dunkel; sie verliert sich bis in die älteste Zeit. Wahr-
scheinlich waren es begnadigte Gefangene aus den früheren Kriegen mit dem benach-
barten Korea, welche nach Japan gebracht wurden, und zu diesen gesellten sich andere
ehrlose und obdachlose Menschen.
Eine andere verstofsene und noch mehr verkommene Kaste ist in Japan die der
Hinin oder vulgo Kojiki, wTelche ohne eigene Wohnung als Bettler an der Landstrafse
lagern und die Vorübergehenden um Almosen anflehen, wobei sie ihre Gebrechen
und Krankheiten auf eine Abscheu erregende Weise zur Schau tragen.
Wenn man die Haut- und Haarfarbe und andere körperliche Verschiedenheiten
dieser durch eigene Schuld oder aus Vorurteil aus der menschlichen Gesellschaft ver-
bannten, verkümmerten und verwilderten Menschen betrachtet, welche oft durch Elend
und Entbehrungen jeglicher Art auf eine tiefere Stufe herabgesunken sind, als das sich
in freier Natur im vollen Lebensgenüsse befindliche Tier; wenn man die klimatischen
Einflüsse und andere auf das organische Leben einwirkende Potenzen betrachtet, die
solche auffallende Verschiedenheiten oft in kurzer Zeit hervorgebracht haben; alsdann
gelangt man zu Ergebnissen, welche die unendliche Verschiedenheit der Volksstämme
auf dem natürlichen Wege langer Wanderungen, unter mannigfaltigen klimatischen
und tellurischen Einwirkungen, durch Lebensweise und eigentümliche Gewohnheiten
erklären lassen. So erinnert uns bei einigen dieser Hinin die dunkle Hautfarbe, die
oft ins rötliche und kupferfarbige spielt, und das braune, verschossene, stellenweise
braunrötliche Haar und die groben Gesichtszüge an die Urbewohner des nördlichen
Teils der neuen Welt, während uns bei andern die wenig entwickelten Muskeln der
Arme und Beine, überhaupt das verkümmerte Aussehen und der geistlose Gesichts-
ausdruck anscheinend Stammverwandte von Neuholländern und den Bewohnern von
Vandiemensland erkennen lassen, diesen beiden von allen Stämmen der Erde auf der
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 182h.
149
niedrigsten Kulturstufe stehenden Völkern. Solche Metamorphosen des menschlichen
Geschlechts unter dem gebildetsten Volke von Asien, welche sozusagen unter unseren
Augen sich abspielen, verdienen eine besondere Beachtung des Ethnographen. Auf
den Menschenfreund macht ein solches Beispiel des Rückganges der Menschheit auf
dem Wege der Gesittung einen schmerzlichen Eindruck. Und wie wird es ihm erst
zu Mute, wenn er bei einer Hitze von 85 — 90 0 Fahrh. eine verschmachtende Mutter
mit dem Säugling an der erschlafften Brust und ihren andern unmündigen Kindern
auf einer Strohmatte hingestreckt liegen sieht und dabei erfährt, dafs diese unglück-
lichen Kreaturen im Winter unter den Fufsböden der Tempelhallen oder andern ihnen
zugänglichen Gebäuden mit langhaarigen, verwilderten Strafsenhunden zusammenzuleben
gezwungen sind, um sich gegen die Kälte zu schützen.1
Auf den niedrigen Saatfeldern sahen wir weifse Reiher, die aufgescheucht sich
auf Bäumen niederliefsen. Es schien die Art zu sein, welche die Japaner O-sagi,
d. i. grofsen Reiher, im Gegensatz zu dem Kosira-sagi, d. i. kleiner weifser Reiher,
nennen, und welchen Temminck Ardea egrettoides benannt hat. Dieser Reiher hält
die Mitte zwischen Ardea alba und A. Garzetta, welche sich beide, jedoch ersterer sehr
selten, in Japan finden. Er hat keine Haube, aber sowohl am unteren Teile des
Halses wie auch am Rücken die hochgeschätzten, borstenähnlichen Federn, die bei
ausgewachsenen Exemplaren oft 5" länger als die Flügel sind. Es gewähren die
schneeweifsen Reiher einen zauberhaften Anblick; kein Wunder, dafs ihre Erscheinung
den Landleuten eine gewisse Ehrfurcht einflöfst und sie, wie die Kraniche und andere
Reihervögel, als Glück bescherende Wesen betrachten läfst. Beim Dorfe Maba über-
reichte ein Offizier dem Gesandten einen länglichen Papierstreifen, worauf der Name
des Fürsten von Tatsuno, Wakasaka Awasino Kami, dessen Gebiet wir nun durchzogen,
geschrieben war und begrüfste die Gesandtschaft in dessen Namen. Überall von Dorf zu Dorf
kamen uns Leute mit Bambusbesen entgegen, begrüfsten uns und gingen dann dem Zuge
voraus. Es ist hier Brauch, den Weg oder die Strafse, welche fürstliche oder vor-
nehme Personen durchziehen, kurz vorher zu kehren, so dafs sie gleichsam auf frischer
Bahn einherschreiten. Bereits früher haben wir bemerkt, dafs der niederländische Gesandte
auf seinem Zuge nach dem Hofe des Sjöguns mit einer ähnlichen Etikette behandelt
wird. Ohnehin waren die Wege schon reinlich, und unter dem Landvolke herrschte
bewunderungswürdige Ordnung und Zucht. Wo wir ein Dorf zu Eufse oder in unserem
Norimon sitzend passierten, sahen wir die Leute niederknieen und mit den Finger-
spitzen den Boden berühren. — Wir näherten uns allmählich dem breiten Bette des
Flusses, den wir bereits bei dem Herabsteigen in das Thal gesehen hatten. Es war
der linke Arm eines und desselben Flusses, der aber hier Sosjo gawa von dem
in der Nähe liegenden Städtchen Sosjo heifst. Es ist bekannt, dafs hier die Flüsse
von Ort zu Ort ihren Namen ändern, was eine natürliche Folge der Beschränktheit
der geographischen Kenntnisse der seit Jahrhunderten an den Boden ihrer Vorväter
gefesselten Einwohner . ist. Auf den neuen japanischen Karten ist dieser Flufs schon
mit einem mehr allgemeinen Namen bezeichnet und heifst Ihibo gawa und zwar daher,
weil er eine grofse Strecke, beinahe die Hälfte seines Laufes, den westlichen und öst-
lichen Bezirk Ihibo durchströmt. Er entspringt in den Hochgebirgen des Bezirkes Jabu
im Fürstentume Tatsima, der sich dem Bezirke Sisawa, dem nördlichsten von der
1 Das Armenwesen ist jetzt in Japan musterhaft geregelt. Anmerkung zur 2. Auflage.
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
ISO
Provinz Harima, anschliefst. Auf einer Specialkarte von Harima und Tatsima ist diese
Grenzgebirgskette mit den Namen der hervorragendsten Berggipfel bezeichnet, wovon
der Tötani töge und Tokura töge dem Ursprünge des Ihibo am nächsten liegen. Auf
dem nördlichen Hange dieser Gebirgskette, die sich nach unserer Schätzung mehr als
6000 ' über die Meeresfläche erheben mag, entspringt der zweiarmige Takedagawa,
der gröfste Flufs von Tatsima. Der Ihibo, der von Osten und Westen her etwa fünf
bedeutende Gebirgsflüsse aufnimmt, breitet sich zur Regenzeit aus und ist an seiner
Mündung zwischen Abosi und Sjohama schiffbar. Daselbst befindet sich auch eine
Fähre.
Wir zogen am Fufse eines mit Tannen bewachsenen Hügels längs des mit Ge-
rolle bedeckten breiten Bettes des Flusses nach dem auf dem rechten Ufer desselben
gelegenen Flecken Sjosjo, wo wir Mittag hielten und die gute Bedienung und Rein-
lichkeit in der Herberge nicht genug bewundern konnten. Nach 12 Uhr brachen wir
auf und setzten mit kleinen Fahrzeugen über den dicht unter dem Dorfe liegenden
Sjosjo gawa. Man konnte von hier aus das Schlofs des Fürsten Tatsuno liegen sehen,
welches jenseits der grofsen Landstrafse Sanjo-dö gleichfalls auf dem rechten Ufer
dieses Flusses liegt. Uber einen Arm, der sich zur Linken des Hauptstroms hinzieht,
führt eine niedere hölzerne Brücke, auf beiden Seiten mit einer Brustwehr von mit
Sand gefüllten Strohsäcken versehen. Wir befanden uns nun auf der grofsen Land-
strafse und genossen eine herrliche Aussicht. Der gut unterhaltene Weg, der sich neben
grünen Saat- und Gemüsefeldern durch Tannenwäldchen und zwischen Weilern und
Dörfern hinzog, glich den Spaziergängen in unseren heimatlichen Parkanlagen. Es
schien, als ob der Weg absichtlich so angelegt worden wäre, dafs bei jeder Wendung
desselben der Reisende durch eine neue Aussicht überrascht würde. Die Japaner halten
aufserordentlich viel auf einen schönen Ausblick, und bei Anlegung ihrer Villen sind sie
darauf bedacht, die umliegende Landschaft mit den Gärten derselben zu einem Bilde
zu vereinigen und zu einem harmonischen Ganzen zu verschmelzen. Hier sucht man
durch hohe Cypressen, dort durch Bambusgebüsch oder einen künstlich aufgeworfenen
Hügel, mit Azaleen und Zwergtannen bepflanzt, das Störende in der Landschaft zu
verdecken, hingegen einen malerisch gelegenen Berg, einen Tempel oder einen von
Quellwasser überströmten Felsen in desto hellerem Lichte erscheinen zu lassen. Die
aus China eingewanderten buddhistischen Priester und Mönche waren ihre Lehrmeister,
und deren über das ganze Reich verbreiteten Klöster mit ihren oft zauberisch schönen
Tempelhainen ihre Vorbilder. Hunderte der prächtigsten Zierpflanzen kamen in frühester
Zeit unter dem Geleite des Gottesdienstes vom himmlischen Reiche herüber und schmücken
jetzt, mit der japanischen Flora verschmolzen, die Gärten und Parkanlagen. In dieser rei-
zenden Gegend hörte ich zum erstenmale wieder den lang entbehrten Gesang einer
Lerche (Alauda japonica), welche im Verbände süfser Erinnerungen meiner auf dem Lande
zugebrachten Jugend meine fröhliche Stimmung noch mehr erhöhte. Diese Lerche ist in
Japan allgemein verbreitet. Auf den ersten Blick scheint sie der Berglerche (Alauda
arborea) zu gleichen; sie ist jedoch etwas gröfser als diese, hat einen stärkeren
Schnabel und längeren Schwanz und einen unverkennbaren Farbenunterschied. Sie
nähert sich mehr unserer Feldlerche (Alauda arvensis), ist jedoch kleiner und hat mehr
Weifs am Schwänze. Ihre Lebensweise und ihr Gesang läfst keinen Zweifel übrig, dafs
sie in Japan unsere einheimische Feldlerche vertritt. I11 Japan giebt es übrigens noch
mehr Lerchenarten. Man unterscheidet fünf derselben: 1) Kuki-hibari (Alauda japonica),
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 182h.
:5 r
2) Kaku-hibari (Alauda alpestris?), 3) Hiakrei hibari (Alauda tatariea?), 4) Ki-hibari, d. i.
gelbe Lerche und 5) Tahibari, d. i. Feldlerche. Hs ist übrigens nicht zu bezweifeln,
dafs diese von japanischen Naturforschern bezeichneten Arten gröfstenteils mit denen,
welche von den russischen Reisenden im östlichen Sibirien und in Kamtschatka be-
obachtet worden sind, übereinstimmen. Tahibari wird aber wahrscheinlich der Anthus
pratensis sein, welchen man im Frühjahre häufig in Reisfeldern (Ta) antrifft.
Beim Dorfe Aso setzten wir über einen jetzt kleinen, an verschiedenen Stellen
durchwatbaren Flufs gleichen Namens, kamen durch die Dörfer Kamaja, Ikaruga, Ja-
mata und Awosi, durchwateten einige untiefen Bäche und erreichten endlich, nach-
dem wir das mit Gerolle bedeckte seichte Bett des rechten Armes des Flusses Itsi
gawa, der die Stadt Himesi gleichsam in seine beiden Arme schliefst, überschritten,
die Vorstadt. Schon aus der Ferne kündigt sich die Stadt durch das weifsblinkende
Schlofs, die Residenz des Fürsten von Harima, an. Wir durchzogen in tiefer Stille
die nach und nach städtisch werdenden Strafsen und kamen nach einer Viertelstunde
an das grofse Thor des zur Festung gehörigen Stadtteils. Die Strafsen waren auf
beiden Seiten voller Kaufläden, in welchen, gut geordnet, bei offenen Thüren und
Fenstern die Kramwaren zur Schau lagen. Die Einwohner waren an ihren Thüren
versammelt und die Nebenstrafsen mit Strohseilen abgesperrt. Auf den Ruf Stani-
Stani ! (Duckt euch nieder!), der von den unseren Norimonos vorangehenden Soldaten des
Fürsten, welche uns entgegengekommen waren, erhoben wurde, bückte sich alles zu
Boden. Es herrschte eine lobenswerte Ordnung, und die Strenge des Gesetzes zügelte die
aufs höchste gespannte Neugierde des Volkes. Wir hatten blofs einige Strafsen zu durch-
ziehen, um unser Gasthaus zu erreichen, welches innerhalb des zur Festung gehörigen
Stadtteils liegt. Meinen Schülern Kosai und Sjogen gab ich Auftrag, sich in der Stadt
nach Naturalien umzusehen. Ihre Ausbeute war übrigens unbedeutend und beschränkte
sich auf einen fossilen Knochen, den man Riukots (Drachengebein) nannte und welcher
blofs ein Rückenwirbel des fossilen Hirsches ist, wovon wir in Jedo die Abbildung
eines ziemlich vollständigen Skelettes erhielten, welches beim Graben eines Kanales
gefunden worden war. Ferner brachten sie eine schnee'weifse kleine Finkenart, die
man als eine grofse Seltenheit anbot und dafür einen aufserordentlich hohen Preis
verlangte, der mich aber vom Ankäufe dieses an sich merkwürdigen Vogels abhielt.
Auch brachte man mir einige im Auge der Japaner seltene Gewächse, eine Nandina
domestica, wo die Blättchen des gefiederten Blattes statt eirund zugespitzt sind, die also
eine verkrüppelte Spielart ist, ferner blühende Pflaumen in mannigfaltigen Abarten
mit weifsen, rosenfarbigen, hochroten, einfachen und doppelten Blüten; mehrere Arten
und Varietäten von Kirschen (Cerasus donarium n. sp.).1 Auch einen noch blattlosen,
mit gelben Blüten bedeckten Zweig eines Jasmins, den ich bereits früher unter dem
Namen Jasminum praecox beschrieben habe, legte man mir vor.2 Das war das Merk-
würdigste aus der Frühlingsflora, was sich eben in den Hausgärtchen vorfand. Be-
sonders willkommen waren mir einige Bücher und ein Plan der Stadt, welchen mir
1 Ich gab der Pflanze diesen Namen, da sie häufig in den Tempelgärten angepflanzt wird, und
mit ihren prächtigen rosenähnlich gefüllten Blüten die Altäre verziert werden. Später hat diese der
um die Hortikultur und Botanik so hochverdiente Lindley unter dem Namen Prunus Pseudocerasus
beschrieben.
2 Diese Jasminart, welche später Fortune aus dem nördlichen Japan mit nach England brachte,
ist gleichfalls von Lindley als Jasminum quadrangulare beschrieben worden.
I52
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
meine Schüler gekauft hatten; darunter befand sich ein historisch-geographisches Buch
Harima Meisjo1, worin die merkwürdigsten Gegenden und Orte des Fürstentums Ha-
rima beschrieben sind. Die Stadt Himesi liegt im Bezirke Inami des Fürstentums
Harima am Flusse Itsigawa, der sich oberhalb der Stadt in zwei Arme teilt und
gleichsam eine Insel bildet, unter 340 60' 30" nördh Br. und i° i' 3" westlich von
Miako (Kioto) nach den Beobachtungen der Hofastronomen zu Jedo. Das Schlofs
und der dasselbe umgebende mit einem Wall und einem Wassergraben versehene Teil
der Stadt wurde im 9. Jahre von Tensei (1581) von dem berühmten Taikosama
(Tojotomi Hidejosi) erbaut, der zur Zeit der damaligen Bürgerkriege daselbst sein Hof-
lager hatte. Der das Schlofs umgebende Stadtteil ist sehr regelmäfsig angelegt; sämt-
liche Strafsen laufen in gerader Linie von Süden nach Norden und kreuzen sich mit
gleichfalls geradlinig angelegten Strafsen. Den befestigten Teil der japanischen Städte
nennt man Utsi-guruwa (innerhalb des Walles). Er wird sowohl von Bürgern als
auch von Soldaten bewohnt und ist gewöhnlich mit Wall und Graben umgeben.
Von diesem Teile ist wieder durch befestigte Thore, Wälle und Gräben der Teil der
Anlagen getrennt, welcher das Schlofs selbst umgiebt und ausschliefslich von den
Offizieren, Beamten und anderen Bediensteten des Fürsten bewohnt wird. Dieser Teil
ist mit hohen cyklopischen Mauern und tiefen Wassergräben umgeben. Das Schlofs
selbst heifst Siro und wird nach seinen mehr oder weniger ausgebreiteten Werken
in folgende für sich abgeschlossene Befestigungen geteilt: Honmaru (Hauptkastell),
Nimaru (zweites Kastell), Sanmaru (drittes Kastell). Das Schlofs von Himesi
liegt am Nordwestende der befestigten Stadt und lehnt sich an einen Hügel
(Otokojama).
Die Provinz Harima ist der Sitz des regierenden Fürsten Sakai Utano Kami, der
ein jährliches Einkommen von 150000 Koku bezieht, was ungefähr 1V/2 Million Gulden
ausmacht. Der Fürst war zur Zeit in Jedo, wohin er alle zwei Jahre im fünften
Monate reist, um am Hofe des Sjögun seine Aufwartung zu machen und seinen Tribut
zu leisten. Im Staatsalmanach, der jährlich erscheint, ist die Zeit, zu welcher jeder
der Vasallen des Sjöguns in Jedo seine Aufwartung zu machen hat, genau bestimmt.
Auch sind darin die Geschenke, welche derselbe zu überbringen hat, und ebenso die
Gegengeschenke, welche derselbe erhält, genau beschrieben. Diese Geschenke, die
man auch Tribut nennen könnte, sind von verhältnismäfsig geringem Werte, ebenso
die Gegengeschenke. So bestehen z. B. die Geschenke dieses Fürsten in 20 Gebinden
Seidenwatte und 20 Stücken einer Silbermünze, Mai genannt, welche 43 Monme wiegt.
Als Gegengeschenk erhält der Fürst ein Pferd und einen Edelfalken. Im Staatsalma-
nach ist ebenfalls die Entfernung der fürstlichen Residenzen von Jedo angegeben und
wird von Himetsi bis Jedo auf 157 Ri berechnet. Diese Entfernung haben wir also
noch zurückzulegen.
Die Provinz Harima, welche in japanisch-chinesischer Abkürzung Bansju genannt
wird, gehört zu dem sechsten Kreise, dem Sanjö-dö, d. i. Bergseitenweg. Das Land
ist sehr fruchtbar; man schätzt das Areal der Reisfelder auf 21,236 Quadrat-Tsjö. 2
Von dem Ertrage derselben beziehen der in Himesi regierende Fürst und noch zehn
andere Fürsten ihre Einkünfte.
1 Catalogus librorum et manuscriptorum Japonicorum Nr. 44.
2 Ein Tsjö ist genau 99,1736 Ar, also circa 1 Hektar.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
153
[10. März.] Erst gegen 9 Uhr brachen wir auf; in der Nacht war etliche Zoll
Schnee gefallen, und die Temperatur betrug gegen 8 Uhr nur 40 0 Fahrh. Die Witte-
rung war äufserst ungünstig, weil es noch immer schneite und zugleich taute, wodurch
unseren Trägern der Weg sehr erschwert wurde. Wir durchzogen die Stadt und die
Vorstadt, setzten in Kähnen über den Flufs Itsigawa und kamen nach mühsamer Reise
in Sone an, wo wir Mittag hielten. Nachmittags setzten wir unsere früher verabredete
Pilgerschaft nach den berühmten Tempeln fort und kamen an die Tempel Sonenomatsu,
Isinohoden und Takosako; der erste ist berühmt durch die Sage, dafs Gott Tenzin
eigenhändig einige Tannenbäume dort gepflanzt, der zweite durch die Fegende, dafs
ein ungeheuerer Stein plötzlich dort erschien, und der dritte Tempel durch einen
noch lebenden in Form unserer Finden ausgebreiteten Tannenbaum, welcher mit
seinen Ästen einen etwa 28 — 30' im Durchmesser betragenden Raum bedeckte.
Wir wurden von den Priestern äufserst freundlich empfangen und mit ausgezeichneter
Achtung behandelt. Unser Oberhaupt besuchte die beiden letzten Tempel nicht und
entzog sich sogar einem kleinen Sakemahle, das hier ein Ringkämpfer oder Sumo
den Holländern zu geben pflegt. Er war vor drei Monaten nach Nagasaki gekommen
und hatte uns auf Dezima eingeladen; inzwischen war sein Haus mit dem gesamten
Mobiliar durch eine Feuersbrunst zerstört worden, und wir fanden an Stelle des wohl-
habenden nun einen armen Freund, nur einige ärmliche Hütten da errichtet, wo nach
seiner Beschreiburg früher seine stattliche Wohnung sich befand. Und doch hatte er
die Tafel, soweit es ihm möglich war, bestellt. Man konnte aus allen Gerätschaften
abnehmen, dafs sie mit vieler Mühe zusammengebracht worden waren. Ich trank mit
ihm auf besseres Glück. Übrigens war er ungeachtet des erlittenen Verlustes munter,
und ich versprach, ihm am Abende in unserer Herberge ein kleines Geschenk auszu-
suchen. Es ist mir unbegreiflich, wie ein Gesandter einer hier mit so vieler Achtung
behandelten Nation aus ganz unbegründeten Vorurteilen sich so unfreundlich benehmen
kann. Ich wurde in solchen Fällen oft vom tiefsten Schamgefühl ergriffen und suchte die
Ehre unserer Gesandtschaft durch Erteilung grofser Spenden aufrecht zu erhalten, als Ver-
treter einer Nation, deren Regierung mit ernstem Willen bestrebt ist, diesen Asiaten ein
Gedächtnisblatt europäischer Generosität bei jeder Gelegenheit vor Augen zu legen; doch,
wie soll bei unserem Gesandten Generosität walten! «Illi aes triplex circa pectus erat.» —
Von hier aus ging ich einige Stunden zu Fufse bis zum Dorfe Takasaka-no matsi. Der
Weg führte durch Felder, die später mit Reis bepflanzt werden, mit tiefen Furchen,
schmalen Beeten und abteilenden Zeilen. An einem Pfahle fand ich wieder einen
Anschlag, der wörtlich also lautete: «Man darf hier keine Vögel und andere Tiere
jagen, da der Bezirk für den Fandesherrn zur Falkenjagd auf Kraniche bestimmt ist».
In der Nähe sah ich einen Friedhof, wo die Toten verbrannt werden.
Ich suchte mit einbrechender Nacht meine Sänfte auf Und kam nach 9 Uhr zu
Kakogawa an, wo wir übernachteten. Es besuchte mich noch ein Arzt, dessen Sohn
an meiner Privatschule zu Narutaki Unterricht geniefst, Namens Takeda Sjötatsu,
dem ich den Auftrag gab, die seltensten Pflanzen dieser Gegend für mich zu sammeln.
Ich beschenkte ihn mit einer Fanzette. Er hielt später sein Versprechen.
[11. März.] Wir verliefsen um 6 Uhr Kakogawa, vom schönsten Wetter be-
günstigt. Vor uns sahen wir eine ausgebreitete Ebene, fast ganz mit Reis bepflanzt;
nur einige Felder waren mit anderen Getreidearten, als Weizen, Gerste u. dgl. be-
stellt. Die Fandleute ziehen von ihren Reisfeldern eine doppelte Ernte, die sie durch
154
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
äufserst zweckmäfsiges Düngen erzielen; man läfst hier Stroh mit Erdschichten in
konischen Komposthaufen verfaulen. Viele Dörfer und Weiler, einzeln stehende
Wäldchen und Büsche unterbrechen die weitausgedehnte Ebene, in deren Hintergrund
die blauen Berge der Landschaft Kisiu auf Nippon, die Landschaft Awa auf Sikoku und
die Insel Awasi hervortreten, Wir ruhen im Dorfe Nisitani. Von hier weiterziehend
bemerkte ich mehrere Seen, die zur Bewässerung der Reisfelder mit Kunst der Natur
abgewonnen worden waren, umrahmt von anmutigen Tannenwäldchen. Kurz darauf
genossen wir beim Dorfe Tsutsijama eine überraschende Aussicht auf das Meer. Wir
begegneten vielen Bettlern und Mönchen von der Montö- oder Ikkosjusektc. Die
Priester der ersteren, die von Kobo-Dai-Si gegründet wurde, haben strenge Regeln zu
beobachten, während die der letzteren Fische essen und sogar heiraten dürfen.
Gegen 2 Uhr kamen wir nach Akasi, einem ziemlich grofsen Städtchen, dem
Sitze eines Fürsten, Matsudaira Sakiöje-no-ske; im übrigen ein unbedeutender Ort, wto
wenig Ordnung und Zucht herrscht. Wir reisen längs des Strandes fort und haben
SSW. das Eiland Awasi vor uns. Die Strafse zwischen dieser Insel und Nippon ist eine
japanische Ri (circa 4 Kilometer) breit; das Fahrwasser scheint tief, genug zu sein, und
wir sahen die japanischen Barken dort nach allen Seiten hin kreuzen. Herrliche Aus-
sicht auf die See genossen wir beim Dorfe Maikonohama, in dessen Nähe ich mit
meinem Seekompafs einige Beobachtungen anstellte. In einem Tannenhaine stand ein
Bild des Gottes Dsizoo, auffallend durch einen Strahlenkranz um das Haupt. Auf
halbem Wege von Akasi nach Hiögo stiefsen wir auf eine Restauration, berühmt durch
die Nudeln, die dort aus Buchweizen zubereitet werden. Alles labte sich an Speise
und Trank. Man nennt den Ort Itsinotani. Ich war den ganzen Tag scharf gegangen
und begab mich nun in meinen Norimon. Die Nacht brach ein, und erst gegen
8P2 Uhr kamen wir in unserem Gasthofe zu Hiögo an, wo sich sogleich nach meiner
Ankunft der Arzt des Landesherrn bei mir melden liefs; er hatte einige Naturalien für
mich zum Geschenke mitgebracht. Mit ihm kamen noch einige andere Ärzte und
eine grofse Anzahl Kranker, die mich bis Mitternacht umlagerten. Der Arzt des Landes-
herrn war ein sehr freundlicher Herr und durch meinen Freund Kosai mit meinen gebräuch-
lichsten Arzeneien bereits bekannt. Unter den Kranken fanden sich wieder einige
sehr schlimme Fälle von inveterierter Syphilis. Ich erteilte ihm eine kurze Erläuterung
über die verschiedenen Formen dieser in Japan so tief eingewurzelten Krankheit Und
den zweckmäfsigen Gebrauch der Merkurial-Mittel, die man hier oft ganz Filsch, mehr
zur Verschlimmerung als zur Heilung dieser Krankheit anwendet.
Ich erhielt vier sehr zahme Kraniche und eingesalzene Sepieneier, welche hier
als Leckerbissen gelten. Über Hiögo konnte ich wegen meines zu kurzen Aufenthaltes
wenig zuverlässige Nachrichten einziehen; ich ersuchte daher diesen neuen Anhänger
um schriftliche Aufklärung über einige politische und geographische Punkte, die ich
ihm angab.
[12. März.] Um 8 Uhr morgens aufbrechend, gehen wir zu Fufs durch die
Stadt, die aufserordentlich volkreich zu sein scheint. Das Volk verrät wenig Bildung,
so dafs unsere Führer häufig zu ihren Stöcken greifen müssen. Die Strafsen sind mit
ganz gewöhnlichen Kramläden besetzt, und die Wohnungen haben ein ärmliches Aus-
sehen. Dicht bei Hiögo passierten wir ein langes Dorf, berüchtigt durch Zahnärzte
und Quacksalber, die Köpfe mit ausgezogenen Zähnen nebst anderen Charlatanerien vor
ihren Fenstern ausgestellt hatten. Der in der Nähe befindliche Begräbnisplatz des be-
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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rühmten Kriegers Kutsunoki Masasige, des Schutzpatrons gegen Zahnschmerzen, zieht die
Zahnleidenden an. Die Gruft dieses Helden, die in der Mitte eines schattigen Haines
liegt, ziert ein aus Granit gefertigtes Monument, über welchem ein kleines Gebäude
in Form eines Tempels sich erhebt, vorne mit einem Gitter versehen, an dem viele
kleine Votivbilder aufgehängt sind. Auch bemerkte ich auf kleinen von Cypressen-
holz verfertigten Präsentierschüsseln einige abgeschnittene gut frisierte Zöpfe mit dem
Namen des Amputierten. Damit hat es folgende Bewandtnis. Kutsunoki Masasige ist
auch Patron der Seeleute, weswegen diese bei Sturm oder Schiff bruch das Gelübde
thun, dem vergötterten Helden ihr Liebstes, ihren Zopf, zu opfern. Wir besuchten
hierauf den Tempel Ikuta Mijozin in einem anmutigen Haine, durch den eine Allee
von Kirschbäumen und Armeniacen führt, zwischen welchen in gleichmäfsigen Abständen
Laternen von Stein aufgestellt sind. Die Sintötempel tragen durchgehends das Ge-
präge der Einfachheit; ihr Hauptzweck ist, das Andenken der Helden, Grofsen und
um das allgemeine Wohl verdienten Männer zu bewahren; in der Art und Weise
dieser Verehrung prägt sich der vaterländische primitive Gottesdienst aus, der um so
lebhafter über der Grabstätte vergötterter Ahnen aufblüht, je tiefer die Verdienste
derselben in die Herzen der Eingeborenen eingegraben sind, und noch jetzt warme
Teilnahme für ihre Schicksale und alles auf sie Bezügliche hervorrufen. Daher bilden
Waffen, Gemälde, Gedichte, alte Tannenbäume, kurz alles, was von solchen Männern
stammt, die Zierde und den Gegenstand der Bewunderung und Verehrung in solchen
Tempeln, während bei den Buddhisten lange Reihen unförmlicher Götter und un-
zählige andere Gegenstände, aufgestellt zur Versinnlichung des Übersinnlichen, die
Tempel des indischen Gottesdienstes mit grellabstechenden Farben schmücken. Ich
bemerkte, dafs, je näher man der Residenz des Mikados kommt, die Tempel des später
aus China gekommenen Buddhadienstes seltener werden. Aus den oben angeführten, im
Sintökultus wurzelnden Gründen wird auch hier in Ikuta Mijozin das Pferd der
Helden, in Lebensgröfse in Holz geschnitzt, aufbewahrt. Nebst der grofsen Mia
(Sintö-Tempel) finden sich noch verschiedene kleinere, jede einem beliebten Halb-
gotte geweiht, welchen man in verschiedenen Angelegenheiten anruft, verehrt und
beschenkt.
So fand ich hier einen sogenannten Fusibaum, Dolichos polystachyos, an dessen
sämtlichen Zweigen Papierchen angebunden waren. Diese Bändchen von Papier bindet
man rund um einen beliebigen Baum, und zwar absichtlich mit der linken Hand, um
sich durch dieses mühsame Werk beim Gotte gröfsere Verdienste zu erwerben. Auch
sollen die Mädchen zur Erflehung eines glücklichen Ehestandes solche Papierbändchen
an Fusizweige binden, wo dann die Blumensprossen durch kürzere oder längere Blüte
ihr Schicksal verkünden. Wir setzten unsere Reise zwischen der Küste und dem Ge-
birge Okamojama fort, wo sich eine herrliche Aussicht auf den Golf von Osaka
darbietet. Ich zählte über hundert Fahrzeuge, die bald hier bald dort kreuzten oder
vor Anker lagen. Dieser Golf scheint überall einen guten Ankerplatz selbst für euro-
päische Schiffe zu haben; doch ist Vorsicht nötig, da häufig, besonders auf der Höhe
von Osaka, Untiefen Vorkommen sollen. Der Weg führte über viele jetzt ausge-
trocknete Flüsse, deren Bett derart durch aufgehäuftes Gerolle angefüllt und erhöht
ist, dafs man auf beiden Seiten durch aufgeworfene Dämme dieselben künstlich regu-
lieren mufste. Man benützt dazu aus Bambus geflochtene und mit Steinen angefüllte
Säcke. Man sagte mir auch, dafs bei starkem Regenwetter, namentlich im Juni und
O6
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Juli, diese Bergströme sehr anschwellen. Aufser diesen kommen in der Landschaft
ungewöhnlich viele Wasserleitungen vor, unter andern beim Dorfe Mitoro ein Bach,
der eine Viertelstunde weit in hölzernem Bette über die Reisfelder geleitet und durch
Wassermühlen weitergetrieben wird. Hundertjähriger Fleifs wufste hier trotz der
Macht der vom steilen Gebirge herabstürzenden Gewässer am Fufse derselben aus-
gebreitete Reisfelder vor Überschwemmungen zu wahren, und zugleich bei eintretender
Trockenheit für Bewässerung zu sorgen. Diese so vollendete Kultur im ganzen Reiche
ist der sicherste Beweis eines langen Aufenthaltes des japanischen Volksstammes in
diesem Archipel.
Gutta cavat lapidem non vi sed saepe cadendo.
Wir ruhten und erfrischten uns zu Sumijosi, wo wir auch eine günstige Gelegen-
heit zur Observation der Sonnenhöhe fanden. In Kitsimura erhielten wir die Nach-
richt, dafs hier die Tochter eines Würdenträgers des kaiserlichen Hofstaates vorbei-
reisen werde. Kurz darauf kam sie in einer Sänfte, vor der man mehrere Insignien
und Nagamotsi trug, und welcher einige Frauen zu Fufse und einige im Kago ge-
tragen folgten. Nach 2 Uhr erreichten wir Nisinomia, wo wir Mittag hielten und
übernachteten. Abends kam unvermutet mein Schüler, der Leibarzt des ersten Rats-
herrn von Osaka. Ich glaubte, derselbe sei längst zu Jedo angekommen.
[13. März.] Wir reisen von Nisinomia um 8 Uhr bei unfreundlicher Witterung
ab. Unter Schneegestöber und eisigem Nordwinde durchziehen wir die sehr flache
Landschaft und gelangen an die Stadt Amatzusaku, die Residenz des Landesherrn
Madsudari Totomino Kami; daselbst befindet sich ein Kastell mit einem breiten
Graben, der mit der See in Verbindung steht, die durch einen breiten Kanal (70 kl.
Schritte breit) darin einmündet. Wir passieren die über denselben führende Brücke,
kommen um 1 1 Uhr nach Kansaki, wo wir über den ziemlich breiten Flufs Kansaki-
gawa mit Fahrzeugen setzen , ruhen zu Sjuzo , gehen über den Flufs Sjuzogawa, und
kommen 23/4 Uhr an die Vorstädte von Osaka, die blofs durch die belebteren Strafsen
und die ununterbrochene Thätigkeit der Einwohner in ihren Beschäftigungen und
Gewerben sich von den seither besuchten Städten unterscheiden. Wir bedauerten, dafs
das trübe Wetter uns eine freie Aussicht auf die Stadt versagte, die, in einer ausge-
breiteten Ebene liegend, sich am südlichen Horizont in einen Dunstkreis gehüllt verlor.
Häufige Gemüsefelder und Blumengärten entfalteten sich vor unserem Blicke, bis in
nebeliger Ferne hervorragende Dächer, Gipfel hoher Tannenbäume und endlich die
Türme des Kastells diese grofse Handelsstadt ankündeten. In den Vorstädten be-
merkten wir hauptsächlich die Geschäftsräume von Viktualienhändlern, Schreinern,
Kupferschmieden, Sakebrauern und einigen unbedeutenden Kaufleuten. Nach 25 Mi-
nuten kamen wir über eine grofse hölzerne Brücke, Naniwabasi (108 Ken lang), die
über den Flufs Jodogawa führt. Hier werden die Strafsen breiter und ansehnlicher.
tr*
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
1 57
Aufenthalt zu Osaka und Kioto (Miako).
Übersicht. Enthusiastische Teilnahme für europäische Arzeneiwissenschaft. — Einsicht der eben
blühenden Gewächse in Osaka. — Eilposten in Japan. — Beschreibung von Osaka. — Landschaft
Jamato. Bewässerung der Reisfelder. — Flufs Jodo gawa. — Eindämmung und Schleusen. — Ankunft
in Kioto. — Strafsen. — Bevölkerung. — Besuch von Ärzten. — Observationen.
[14. März.] Osaka ist eine der fünf unmittelbaren Städte, welche der Regierung
des Sjöguns unterstehen. Sie ist die Hauptstadt der Provinz Setsu und die erste
Handelsstadt im Reiche, indem sie durch ihre Lage am östlichen Ende des schiff-
reichen Binnenmeeres die Verbindung mit dem westlichen Teile der grofsen Insel
Nippon und den Inseln Sikoku und Kiusiu bildet; ebenfo günstig für den Handel ist ihre
Lage an der Mündung des grofsen schiffbaren Flusses Jodogawa, der den Verkehr mit
der alten Reichshauptstadt Kioto und den früheren Kronländern, dem Kreise Gokinai
erleichtert. Dieser Flufs, der aus dem grofsen Landsee Biwako entspringt und seinen
Namen von der Stadt Jodo trägt, die er kurz nach seinem Ausflusse aus dem See
bespült, hat zwar nur einen kurzen Lauf durch die Provinzen Setsu und Jamasiro,
bietet aber durch seine Einmündung in die weit ausgebreitete Binnensee eine aufser-
ordentlich günstige Wasserstrafse. Auf der andern Seite hat Osaka über Kioto eine
vorzügliche Fan dver bin düng durch die grofse Landstrafse Tokaido mit Jedo resp. dem
östlichen und nördlichen Teile von Nippon. Die Stadt Osaka selbst wird durch Ver-
zweigung dieses Flusses von einem regelmäfsigen Netzwerk von Kanälen durchzogen,
welche Hunderten von Schiffen und Booten eine bequeme Wasserstrafse für den Waren-
transport bieten.
Ich empfange häufige Besuche von Ärzten, unter welchen sich einige der an-
gesehensten dieser Stadt befanden, alle beseelt von Begeisterung für die europäische
Arzeneiwissenschaft. Auch von Kioto kommen mit mir in Briefwechsel stehende
Freunde und bringen Naturalien zum Geschenke. Eben erhalte ich direkt aus der
Presse eine kleine Materia medica, die ich vor meiner Abreise von Nagasaki verfafst,
und die mein Schüler Kiso Riosai ins Japanische übersetzt hatte. Es werden uns
verschiedene Tiere, als Wölfe, Hasen, \,Tögel etc., zur Schau gebracht. Gebe am
Abende viele Aufträge zur Begünstigung meiner Untersuchungen. Erhalte eine
Schildkröte.
[15. März.] Heute wurden mir die eben jetzt in Osaka blühenden Gewächse
gebracht, als Syringa suspensa, Hepatica acutiloba DC., Cerasus Itosakura, Jasminum
praecox, Andromeda japonica, Asarum canadense und virginicum. Wir nehmen die
Länge mit Hülfe des Chronometers. Darauf erscheinen viele Kranke, die meine
hiesigen Freunde mir vorführen. Ich mache einige Operationen; es kommt mir ein
interessanter Fall von Aneurysmen vor. Bis tief in die Nacht dauern die Besuche
meiner japanischen Freunde.
[16. März.] Man zeigt uns eine Mifsgeburt von einem Hirsch sowie einen lebenden
weifsen Hirsch. Die vorhandenen oberen Hundezähne, die roten Augen, die Form
des Geweihes und der Rosen, kurz der ganze Habitus des Tieres läfst mich dasselbe
für einen Albino halten; es war ein sehr schönes Tier, sollte jedoch 150 Kobang
kosten, die Mifsgeburt 18 Kobang. Die Preise der Naturalien sind in Japan sehr
hoch. — Es bietet sich eine günstige Gelegenheit dar, mit der Eilpost von hier einen
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
i58
Brief nach Dezima zu senden. Diese Posten finden von hier aus (durch das Reich)
namentlich nach den Residenzstädten Jedo und Kioto und nach Nagasaki, als Handels-
platz für Ausländer, statt, und sind zu Osaka, dem Centralpunkte des japanischen
Handels, besonders gut eingerichtet. Man hat hier festgesetzte Posttage, namentlich
den 7., 17. und 27. jedes japanischen Monats nach Nagasaki, und 8., 18., 28. nach
Kioto bis Jedo. Diese fixe Post geht von Osaka über Simonoseki nach Nagasaki in
sieben Tagen, und zwar bis Simonoseki in einem kleinen, gutsegelnden mit vielen
Ruderern bemannten Fahrzeuge; von hier geht das Postpaket über Land; hier sind
bestimmte Stationen eingerichtet, wo das Paket, an einen Stock gebunden, durch
Schnellläufer weiter befördert wird. Diese Hemerodromen laufen flüchtigen Fufses bis
zur nächsten Poststation, wo das Paket blofs übergeben und sofort weiter getragen
wird. Ich habe mehrmals solche Estafetten gesehen. Aufser diesen fixen Posten
können jeden Augenblick Briefe über See nach Simonoseki und über Land nach den
andern Provinzen abgefertigt werden, welche man mit 50 — 100 Gulden und nach Um-
ständen noch höher bezahlt.
[17. März.] Wir verlassen gegen 8 Uhr unser viertägiges Gefängnis zu Osaka,
durchziehen eine Stunde lang die Stadt in nördlicher Richtung; begegnen einem Misse-
thäter, der eben zum Richtplatz geführt wird, gehen über den Flufs Jodogawa, kommen
an dem Kastelle vorüber und ziehen noch über einen Arm desselben Flusses, wo die
Stadt in ärmlichen Hütten, von Kärrnern und Lastträgern bewohnt, endet. Auffallend
war es, vor den Pferdeställen die Decken und Schuhe der Pferde zum Trocknen auf-
gehängt zu sehen. Hier dehnt sich ein breites Thal NNO. aus, auf beiden Seiten von
einer Gebirgskette begrenzt, rechts die Landschaft Jamato, links Harima, die Berg-
rücken derselben mit Schnee bedeckt. Es bildet dieses Thal eine bedeutende Ebene,
von dem oben erwähnten Jodogawa durchströmt. Die gröfstenteils mit Reis be-
stellten Felder stehen gegen die bisher gesehenen mehr unter Wasser; daher zeigen
sich allenthalben schmale Kanäle und Wassermühlen (Mizukuruma), welche hier durch
eine Person getreten werden. Der Jodogawa ist für den Handel von bedeutender
Wichtigkeit; da jedoch dieser Flufs mit dem grofsen See bei Kioto, dem Biwako, in
Verbindung steht, so ereignet es sich oft, dafs derselbe grofse Überschwemmungen
verursacht, die um so verheerender sind, da namentlich die am linken Ufer
befindlichen Felder bedeutend tiefer als der Flufs selbst liegen. Daher ist ein
hoher Damm zur Sicherung derselben errichtet. Die links dieses Flusses aus-
gebreiteten Reisfelder können durch Schleusen unter Wasser gesetzt werden. Diese
laufen, den Damm in einer Tiefe von iSFufs quer durchbohrend, auf die Reisfelder
aus, wo jedesmal in der Mitte des Dammes ein Kessel gegraben ist, in dessen Grunde
die Schleuse liegt und nach Belieben reguliert werden kann. Nahe beim Dorfe
Hirakuta bemerkte ich bei einer solchen Schleuse einen Wasserpegel, genau nach
japanischem Mafsstab in Sjaku eingeteilt, und ich erfuhr, dafs man zur Ankündigung
der Überschwemmungsgefahr diese Mafsregel getroffen hat. Hirakuta ist ein grofses
Dorf, welches sehr häufig von den Bewohnern von Osaka als Vergnügungsort besucht
wird, weswegen alle Strafsen mit Freudenmädchen gefüllt sind, die mir um so mehr
zu Gesicht kamen, als ich eine Stunde dem Zuge vorausgegangen war und so mit
meinen wenigen Begleitern die Strafsen durchschritt, wo die Neugierde alles vor die
Thüren rief. Wir hielten hier Mittag und setzten dann unsere Reise nach Fusimi fort.
Die Lage von Hirakuta ist äufserst schön, und manche Gegend des Jodogawa erinnert
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
09
mich an das vaterländische Mainthal. Wir bedauerten sehr, dafs wir den berühmten
Tempel des Hatsimantaro nicht besuchen konnten. Gegen Abend kamen wir an die Stadt
Jodo, die zwischen dem Jodogawa und Kizugawa liegt, der hier in ersteren einmündet.
Wir zogen weiter über eine Brücke und kamen endlich gegen 9 Uhr abends zu Fu-
simi an, wo wir übernachteten.
[18. März.] Nach 8 Uhr brachen wir nach Kioto auf. Ich ging mit Dr. Bürger
zu Fulse durch die Stadt Fusimi, deren Vorstadt eigentlich mit jener von Kioto zu-
sammenstöfst. Wir besuchten auf der Strafse nach Kioto den Tempel Inari, der
wegen der grellen roten Farben des Gebäudes und der ausgezeichneten Reinlichkeit
uns besonders auffiel; er ist dem sogenannten Fuchsgotte Inari geweiht. Wir gingen
an den Tempeln Tösukusi und Daibutsu vorbei und kamen gegen 11 Uhr in unsere
Wohnungen nach Kioto. Mit Ausnahme der aus schlechten Hütten bestehenden
Strafsen längs der obengenannten Tempel verdienen die Strafsen dieses Teiles der
Stadt selbst bei weitem den Vorzug vor denjenigen, die wir in Osaka durchzogen.
Kaufläden der verschiedensten Manufakturen und Landesprodukte wechselten mit gut
gehaltenen Privathäusern ab. Hier und da erhob sich ein schöner Sintö- oder Buddha-
Tempel. Die Strafsen sind gut unterhalten, breit, das Volk in ziemlich gut^r Ordnung.
Eigentlich begannen diese besseren Strafsen nach dem Übergang über die Brücke Rosi-
nobasi, unter welcher auf dem Gerolle des Flufsbettes eine Kattunbleiche angelegt ist.
Gleich bei der Ankunft in unserem Gasthofe bot sich eine gute Gelegenheit,
Sonnenhöhe zu nehmen. Nach dem Mittagsmahle besuchten mich meine japanischen
Freunde dahier, unter andern die Arzte Komori Hikonoske und Riötai, letzterer ein grofser
Freund der europäischen Wissenschaften und einer der gesuchtesten Ärzte hier. Er be-
sitzt' die gröfste Sammlung holländischer Werke in Japan, deren Wert sich auf 300 Ko-
bang beläuft. Am Abend besuchte mich der Bruder meines unvergefslichen Schülers
Mima Zunzö, der von der Insel Sikoku nur zu dem Zwecke mich zu besuchen hier-
her gekommen war, und bringt einige Gewächse und Mineralien.
[10. März.] Morgens machten wir Observationen für die Länge mit Chrono-
meter und nahmen auch die Mittagsbreite. Besuche meiner japanischen Freunde.
Sende meine Schüler durch die Stadt, zum Aufsuchen verschiedener, meine Unter-
suchung fördernder Gegenstände. Der Arzt Komori Hikonoske, einer der kaiserlichen
Doktoren, besucht mich wieder. Am Abend kommt eine hochstehende Persönlichkeit
vom kaiserlichen Hofe, um uns Europäer zu sehen, jedoch ganz inkognito; derselbe
keifst Okura Tsunagon, ist 55 Jahre alt und war von seinem Sohne und seiner Tochter
begleitet. Er wird vom Opperhoofd empfangen. Seine Zähne waren schwarz gefärbt,
wie die der Frauen. Dies ist Sitte der Vornehmen am Hofe des Mikados. Eine ge-
treue Darstellung der Kostüme am kaiserlichen Hofe ist unter Fig. 12 und 13
gegeben.
1 20. März.] Ich setzte die meteorologischen Instrumente in stand, um einige
Tage Observationen zu machen. Empfing Besuche von verschiedenen Ärzten nebst
Kranken und erhielt die Nachricht, dafs unsere Abreise wegen des Zuges eines Ge-
sandten des Kaisers nach Jedo wahrscheinlich einige Tage aufgeschoben werden
würde. Die Geschenke für den Obergouverneur von Kioto und den Oberrichter
legten wir beiseite, um sie erst bei unserer Rückkehr zu übergeben.
[21. März.] Observation für Länge mit Chronometer. Erhalte verschiedene
Besuche. Leider müssen wir die Besichtigung der Sehenswürdigkeiten von Kioto bis
Kostüme des Adels am Hofe des Mikado
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826,
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13. Damen am Hofe des Mikado.
IÜ2
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
zu unserer Rückkehr verschieben. Die zahlreichen Tempel hier bieten ein ganz be-
sonderes Interesse.1
1 22. März.] Observation für Länge mit Chronometer — Mittagbreite. Alle
6 Stunden meteorologische Beobachtungen. Erhielt viele Besuche. Treffe alle An-
stalten, mir Materialien zu einer ausführlichen Beschreibung von Miako zu verschaffen.
Kaufe viele geographische und topographische Werke und bringe meine japanische
Bibliothek in Ordnung. Miako oder, nach chinesischer Aussprache, Kioto ist die
Fig. 14. Der Tempel Nisi-hon-gwanji in Kioto.
alte Reichshauptstadt. Der Mikado hat seine Residenz im Norden der Stadt, welche
durch Mauern von dem bürgerlichen Teile der Stadt abgeschieden ist und ein kleines
Städtchen von 12 — 13 ha Ausdehnung für sich bildet. An der Westseite von Kioto liegt
eine befestigte Burg; hier pflegt der Sjögun, wenn er zur Audienz beim Mikado nach
Kioto kommt, zu residieren. Dieses Schlofs ist, wie alle japanischen Festungen, mit
einem breiten Wassergraben und hohen cyklopischen Mauern umgeben. Es bildet ein
1 Dem Verfasser gelang es, durch seinen tüchtigen japanischen Maler Tojoske eine Reihe von
interessanten Abbildungen machen zu lassen, welche in Nippon erschienen sind. Vergl. Nippon II.
Tab. XXI. d., Nippon II. Tab. XXII d.; in Fig. 14 wird eine Ansicht des Tempels Nisi Hongansi
gegeben. Es ist dies der Haupttempel des westlichen Zweiges der mächtigen buddhistischen Hongansi-
Sekte. Die Tempelhalle selbst ist von einer seltenen Gröfse, 138F1ÜS bei 93 und in der prächtigsten
Weise mit Schnitzwerk und Vergoldung verziert, während alte Bilderwerke und Gemälde einen Beweis
der Kunst und der Reichtümer geben, welche früher der Verherrlichung des Buddhismus gedient haben.
Anmerkung zur 2. Auflage.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjögun im Jahre 1826.
15. Ansicht des Biwasees
164
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Quadrat, dessen Seiten 150 Ken (a 1,81 m) lang sind. In der Mitte sieht man einen
viereckigen, mehrere Stockwerke hohen Turm. Kioto ist ein Hauptsitz der japani-
schen Kunst und Industrie, und die Einwohner betreiben einen lebhaften Handel.
Die meisten Häuser in den Strafsen, ' welche wir durchzogen, waren Kaufläden oder
von Handwerkern bewohnt, die bei offenen Fenstern ihr Gewerbe betrieben. Unter
diesen sind am berühmtesten die Lackarbeiten sowie die geschnitzten und vergoldeten
Holzarbeiten, ferner Färbereien und Webereien von Seidenstoffen, die berühmten
Goldbrokate Jamato-nisiki und Stahlarbeiten. Ferner befindet sich in Kioto die Reichs-
münze; bemerkenswert sind auch die Buchdruckereien und farbige Holzschnittbilder.
[23. März.] Die japanischen Astronomen ziehen ihren ersten Meridian durch
die Sternwarte von Kioto, welcher 1 3 5 0 40' ö. L. von Greenwich entspricht. Die
Breite der Stadt wurde von uns unter 350 40' n. bestimmt. Die Stadt selbst dehnt sich
von Süden nach Norden 2!/2 Ri aus (1 Ri = ca. 4 km) und 1 Ri von Ost nach West.
Man zählt darin inklusive der Umgebung 1 17000 Häuser und 117 ansehnliche Buddha-
tempel und Kamihallen. Im Jahre 1826 betrug die Bevölkerung 780000 Einwohner,
wobei die Hofhaltung des Mikado und der Reichsgrofsen, Militär, Civilbeamte und
Geistliche nicht mitgezählt wurden, so dafs die Gesamtbevölkerung sich wohl auf
1200000 belaufen kann, Kioto liegt im Kreise Kokinai, im Herzen des Reiches, in
der Landschaft Jamasiro, welche wegen ihrer Fruchtbarkeit bekannt ist; denn sie ent-
hält 8961 Tsjo (ca. 1 ha) Reisfelder, deren Ertrag auf 216070 Koku (1 Koku
— 180 Liter) Reis geschätzt wird. Die Länge von Miako haben wir durch Chronometer
mit 26 Observationen festgesetzt. Es wird mir eine seltene Pflanze gebracht, die ich
als eine neue Coptis zu erkennen glaube. Viele Besuche, besonders von Kranken.
[24. März.] Observation für Länge und Breite. Treffe Anstalten zur morgigen
Abreise; Abschiedsgeschenke, Aufträge an meine Freunde u. s. w.
Reise von Kioto bis Jedo.
Stadt Otsu. — Schöne Aussicht auf den Landsee Omino Mitzuumi. — Stadt Setze. — Quelle
des Flusses Jodogawa. — Japanische Medikamente. — Merkwürdiger Molch San-sjö no iwo. — Vege-
tation des Gebirges Tsuzukajama. Meilenzeiger. — Rationeller Feldbau. — Glockengiefserei in Kuwana.
Bepflanzung der Reisfelder mit andern Gewächsen. — Flufsdämme. — Mia. — Holzmagazin. — Natur-
wissenschaftliche Sammlungen des Mizutani Zukurok. — Brücke über den Flufs Jahakigawa, — Stadt
Okasaki. — Geognostische und zoologische Untersuchungen längs des Strandes bis Arai Fahrt über die
Mündung des Flusses Imarugawa — Bai Hamanoko. — - Aussicht. — Eherne Säulenpforte zum Tempel
Akiwasan dai gongen. — Zug durchs Gebirge Sajono nakajama. — Volkssagen. — Oigawastrom. —
Beförderung über diesen durch Träger. — Fischhäute. — Industrie in Futsju. — Chinesisches Fahrzeug
bei Okitsu verschlagen. — Landesgesetz betreffs fremder Schiffe. — Papierbereitung. — Flufs Okitsu. —
Notbrücken. — Aussicht auf den Fusiberg. — Hara, botanischer Garten. — Strohschuhe für Gebirgs-
reisen. — Höhenmessung. — Gebirgswache bei Hakone. — Holzarbeiten in Llata. — Flufs Sakono-
gawa. — Brücke. — Japanische Flufsboote. — Omori, Residenz der Fürsten von Satzuma und Nakato.
— Bordelle. — Bai von Jedo. — Einzug daselbst. — Handelsartikel.
Wir reisen um 12 Uhr von Kioto bei ungünstigem Regenwetter ab und kommen
über die Brücke des Flusses Sisiö. Die Strafsen dieses Teiles der Stadt bieten einen
sehr unerfreulichen Anblick, und die Mehrzahl der auf denselben zusammengelaufenen
Einwohner schien sehr arm zu sein. Auch fielen mir hier weniger bedeutende Kauf-
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 182h.
laden als beim Einzuge ins Auge. Diese berühmte Stadt endet mit ärmlichen Hütten,
an welche sich das Dorf Jamasira anschliefst. Hier begegneten uns viele Karren,
welche sich von weitem durch ein hohles Gepolter ankündeten. Sie sind äufserst
massiv, die Räder sehr hoch in weiten Geleisen laufend, und werden von einem Ochsen
gezogen. Nach kurzer Reise erreichten wir die Stadt Otsu, an der SO. -Seite des be-
rühmten Landsees, welcher Omino Mizu umi oder Biwako genannt wird. Siehe Fig. 15.
Diese Stadt zeigt durch die Einrichtung der am Landwege gelegenen Häuser, durch
die Kramläden, welche ausschliefslich mit Efswaren und für Reisende notwendige
Artikel versehen sind, dafs sie sehr von letzteren besucht wird. Wir kehrten in einem
Theehause ein, wo wir von einer auf den See auslaufenden Altane eine herrliche
Aussicht genossen, die uns jedoch durch die ungünstige Witterung und den kalten
Ostwind (48° Fahrh.) sehr geschmälert wurde. Der See selbst war vom Sturme
gepeitscht. In der Ferne sah man das blafsgrün erscheinende Ufer mit hellschimmern-
den Dörfern und Städten; die Küste war von Fahrzeugen belebt. Im N. und O.
lagen hohe Berge mit Schnee bedeckt. Bald darauf passierten wir die ansehnliche
Stadt Setze mit dem hübschen Schlosse des Landesherrn. Von da führt eine Allee
von Tannenbäumen südwärts nach Seta. Im O. erglänzt der grofse See, dessen Ufer
mit Erlen, Weiden und Tannen dicht bewachsen sind, westlich befinden sich Reis-
felder, und im Hintergründe türmen sich mit Wald bedeckte Berge auf. Die Gebirge
im NO. des Sees sind kahl und nur mit einigen Gebüschen und kleinen Wäldchen
bewachsen. Der See läuft NNO. in einen Arm aus, über den bei Seta eine Brücke
führt, deren erster Teil 32 Ken, der zweite 96 Ken lang ist. Hier entspringt unter
dem Namen Seta. gawa der berühmte Flufs Jodo gawa, der sich bei Osaka in die See er*
giefst. Seta liegt zu beiden Seiten dieses Flusses. Die einbrechende Nacht entzog
uns eine weitere Aussicht dieses so schön gelegenen Ortes. Wir kamen um 9 Uhr
zu Kusatzu an, wo wir übernachteten.
[26. März.] Wir brechen um 7 Uhr von Kusatzu auf, durchziehen eine lange
Reihe Dörfer, die gleichsam eine ununterbrochene Strafse bilden, erfrischen uns zu
Wumine komura in dem sehr freundlichen Gartenhause eines in diesem Dorfe be-
rühmten Arzneihändlers und kauften einige der berüchtigten Medikamente als Singö-
kwan, Pillen von göttlicher Kraft — Mokusa, Pulver von Artemisia — Man-kin-tan,
Tausendgold-LatwTerge , Ten-sin-gö, Salbe oder Latwerge, Man-ten-ju, mit der fehler-
haften holländischen Aufschrift: « V r uggmak en de Middel». Das Geheimnis des Watz-
jun-zan, dieses berühmten Universalmittels, besonders bei Magenschmerzen, Kopfweh
u. dgh, entdeckte ich zufällig, als ich im Hinterhause eine zum Feinmahlen der Medi-
kamente eingerichtete Tretmühle besah, einige grofse Strohsäcke öffnete und ge-
trocknete Kräuter von Sv/ertia rotata und Cort. aurant. fand. Die Schwertia war mir
schon früher als ein vortreffliches bitteres Heilmittel bekannt und bildet mit Cort.
aur. die zwei Hauptbestandteile jenes Mittels. Der Eigentümer bewirtete uns sehr
gastfreundlich und bedauerte, dafs unser Gesandter ihm nicht auch die Ehre erweise,
bei ihm eine Erfrischung einzunehmen. Ich entschuldigte seine Abwesenheit durch
Unpäfslichkeit, machte dem liebenswürdigen Wirt und seiner Familie einige kleine
Geschenke, und da der Mann, der sorgfältigen Pflege seines Gartens nach zu urteilen,
ein Pflanzenfreund schien, gab ich ihm den Auftrag, aus den umliegenden Gebirgen
mir einige Gewächse Sammeln und über Kioto durch meine Freunde daselbst nach
Dezima besorgen zu lassen. Ich pflege an vielen für Botanik günstig gelegenen Orten
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
1 66
solche Sammlungen zu bestellen und so manche seltene Gewächse der Verborgenheit
zu entziehen. Während ich die Reise zu Fufse fortsetzte, kam mir eine ganze Familie
auf einem Pferde entgegen; so reisen hier Landleute, denen man den Namen Sanbo-
kosin giebt. Das Pferd trägt auf jeder Seite einen aus Bambus geflochtenen läng-
lichen Korb, in welchem gewöhnlich die Frauen und Kinder mit den Reisegütern
sitzen. Auf dem Packsattel sitzt der Mann und leitet das Pferd oder läfst es noch
durch einen Knecht führen. Solche Ritte fänden gewifs den Beifall unserer europäi-
schen Damen, da sie Bequemlichkeit und zugleich die Möglichkeit einer Unterhaltung
darbieten. Nahe beim Dorfe Sakuramura fliefst der Flufs Jasugawa in einem breiten,
mit Gerolle überdeckten Bette zwischen den Gebirgen Sakurajama und Bodaii nach
dem See Biwako. Wir kamen an einer grofsen Kalkbrennerei vorbei, nahe beim
Städtchen Isibo, wo wir nach einer kleinen Rast unsere Reise zwischen dem Gebirge
Fhrajama und Takawojama in ein ziemlich fruchtbares, mit Reisfeldern, Gemüsegärten
und Bambuswäldchen abwechselndes Thal fortsetzten, und überschreiten beim Dorfe
Jokota den Flufs Aragawa auf einer Bambusbrücke; am Ufer dieses Flusses steht eine
zu Ehren des Gottes Kompira errichtete kolossale Laterne, Isitoro genannt. Gegen
4 Uhr kommen wir zu Minakuzu an, einer hübschen Stadt mit einem Kastelle, und
nahmen hier unser Mittagsmahl ein. Es werden hier niedliche Körbchen aus einer
Pflanze, Ttsutsuran Katsura, Paeonia japonica Th. geflochten. Gleich nach der Mahl-
zeit reisten wir weiter; zu Ono kaufte ich einige ganz gut abgezogene Vogelbälge,
nämlich zwei Ibisse, einen mit rosenroten Schwingfedern, den zweiten mit weifsem
Gefieder, und einige andere Wasservögel. Diese Ibisse kommen hier auf den Feldern
häufig vor in Gesellschaft der weifsen Reiher Sirosagi. Um 8 Uhr kamen wir in
Tsutsijama an, wo wir übernachteten.
[27. März.] In der Frühe von Tsutsijama abreisend, durchziehen wir das Gebirg
Kanikasaka. Nachts hatte es stark gefroren. Wir rasten zu Susaki und kommen über
steile, doch gut unterhaltene Gebirgspfade nach Sakanosita. Dr. Tsoan war mir
einige Tage vorausgereist, und ich erhielt durch seine Bemühung mehrere Gebirgs-
pflanzen und einen merkwürdigen Molch, San-sjö-no-iwo1, d. i. auf dem Berge
lebender Fisch; er kommt im Gebirge Suzukajama und vorzüglich auf dem Berge
Okude in Quellbächen vor, aus denen er sich bisweilen ans Ufer an feuchte Stellen
begiebt. Eine kleinere Art, unter demselben Namen bekannt, wird häufig als ein
Heilmittel gegen kachektische Krankheiten verkauft.
Die Vegetation dieses Gebirges besteht hauptsächlich aus Nadelhölzern, als Pinus-
und Taxusarten, Cypressus japonicus, Thuja orientalis, unterwachsen mit Quercus glauca,
Aucuba japonica, Elaeagnus camellia, Ilex elliptica; der Boden ist überzogen mit
einer niedrigen Bambusart, unter welcher Bladhien und andere kleine Sträuche fort-
kommen. Auf dem Wege sieht man Deutzien, Rosen, blühende Armeniaceen, auch
fand ich Scylla japonica, Th. blühend, und einige Veilchen. Wir zogen über einen
Berg, Fudesutejama genannt, d. i. Pinsel wegwerfen, Berg, dessen Name sich auf die
Sage gründet, dafs ein berühmter Maler Kano, als er den Berg zeichnen wollte, den
Pinsel wegwarf, weil derselbe während des Zeichnens immer unter veränderter Form
erschien. Wir hielten Mittag zu Seki, brachen um I21l2 Uhr auf und zogen längs
dem Flusse Seldgaw7a, wo die Landschaft in O. und S. bedeutend ebener wurde, und
1 Unter Salamandra maxima in der Fauna japonica, Reptilia p. 127, beschrieben.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
167
endlich an Stelle der Bambusbüsche fruchtbare Reisfelder traten. Gegen 2 Uhr erreichten
wir Kamejama, ein ziemlich grofses, und besonders in der Nähe des Kastells hübsch
angelegtes Städtchen, und gegen 1 1 Uhr nachts Jokaitsi, wo wir übernachteten. Ich
war, da ich blofs die Nacht zu meinen Untersuchungen habe, diesen Nachmittag in
meinem Norimon in Schlummer gefallen, wodurch mir vielleicht mancher interessante
Ausblick verloren gegangen. Diese Siesta stärkte mich jedoch zu neuen Arbeiten,
welche ich bis in die tiefe Nacht fortsetzte.
[28. März.] Bei schönem Wetter setzten wir morgens 51/ 2 Uhr die Reise durch
ziemlich flaches Land fort. Reisfelder, gegenwärtig mit Rübsaat bepflanzt, wechseln
mit Weizen- und andern Getreidefeldern ab. Nordwestlich begrenzte das noch mit
Schnee bedeckte Gebirge Kamakasaki und Gosansju den Horizont. Wir ruhten hierauf
in Tomita. Längs dem grofsen Landwege sind die Meilen sehr genau angegeben
und durch auf beiden Seiten der Strafse aufgeworfene Hügel bezeichnet, auf deren
Mitte ein Kirschbaum, Celtis orientalis, oder eine Tanne gepflanzt ist. Man hat
Meilen von 36 — 50 Strafsen (Tsjö oder Matsi).
Wir kommen über den Flufs Asa-agegawa, worauf sich eine ausgedehnte Ebene
von Reisfeldern eröffnet. Wie bereits früher bemerkt, gelingt es den Japanern, von
ihren Reisfeldern eine doppelte Ernte, oft sogar eine dreifache zu gewinnen, indem
sie zwischen den Getreidearten andere Gewächse, durchgehends in gleichlaufenden
Zeilen gesät, anbauen, die bei ihrer ersten Entwickelung durch das bereits höhere Ge-
treide vor der Sonnenhitze geschützt, sodann nach dem Einernten des Getreides um
so üppiger aufwachsen. Zwischen Weizen und Gerste säen sie auf diese Weise Poly-
gonum chinense, Sesamum orientale, Rettiche, Cucumerinen, Melonen u. dg]. Die
Wurzeln und das Stroh des Getreides, das tägliche Begiefsen mit flüssigem Dünger,
das sorgfältige Jäten des Unkrautes und das stete Behacken befähigt die Äcker zu dieser
ununterbrochenen Leistung. — Gegen n Uhr erreichten wir die Vorstadt von Ivuwana
und besahen eine Glockengiefserei und andere Metallgiefsereien. Die Formen wurden
eben bereitet aus feingesiebtem grauem Sand, darauf in einem mit Bambusreisern ver-
sehenen runden Troge angefeuchtet, wto mittelst eines in der Mitte derselben ein-
gesteckten, auf der Seite geflügelten Stockes die beliebige Form auf die einfachste
Weise gegeben werden kann. Auch begegnete ich hier einem jungen Sintöpriester,
der weifs gekleidet war und mit seinem lackierten Hute (kamuri) und einem eigen-
tümlichen Speer (Hoko) sonderbar aussah. In Kuwana, einer ziemlich grofsen,
befestigten Stadt, der Residenz des Fürsten von Owari, hielten wTir Mittag. Hier
fanden wir mit Mühe Gelegenheit zu einer Mittagsobservation gerade beim Kastell.
Gleich nach dem Essen setzten wir unsere Reise nach Jazu zu Wasser auf dem
Flusse Kisogawa fort. Wir kamen an dem Kastell vorbei, das im Verein mit
der Landschaft, welche durch den schiffreichen Flufs, sowie durch schöne Auen und
Büsche belebt war, uns einen angenehmen, an Abwechselungen reichen Anblick gewährte.
[29. März.] Mit Anbruch des Tages setzten wir, vom Frühlingswetter begünstigt,
unsere Reise fort, durchzogen eine fruchtbare Ebene von Reisfeldern, die aber eben
mit Rüben besät waren. Es fiel mir die zweckmäfsige Bepflanzung der Reisfelder mit
andern Ökonomiegewächsen auf, und dies um so mehr, da man dieselben als ein
Mittel benutzt, das bei einer doppelten Ernte eher zur Verbesserung als Ausbeutung
der Felder zu wirken scheint. Es ist bekannt, dais die Reisfelder (den Bergreis aus-
genommen) während des Wachsens der Pflanzen unter Wasser gesetzt werden, welches
1 68
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
dann kurz vor der Reife abgelassen wird. Der feinkörnige schlammige Boden ballt
sich nun ohnehin durch die grofse Sonnenhitze fest zusammen und bildet mit den
vielen faserigen Wurzeln des Reises eine harte Masse, in welche das nach der Ernte
überlaufende Wasser nicht genug eindringen und die völlige Verwesung der Wurzeln
hinlänglich befördern kann. Daher sticht man den Boden einige Fufs tief in grofsen
Schollen aus, wirft ihn längs den Äckern in 3 — 4 Fufs voneinander abstehenden schmalen
Beeten auf, um das Verwesen der Wurzeln und Stoppeln zu fördern, und besät den
Rücken dieser Erdhaufen mit Rübsaat. Die Hügel stehen i1/2 Fufs aus dem Wasser
hervor, und machen so selbst auf wasserreichen Plätzen eine doppelte Ernte möglich. —
Hierauf führte uns eine gut unterhaltene Brücke über den Flufs Nikogawa, der zwischen
zwei Dämmen in seinem Bette, das höher ist als die Reisfelder, fliefst. Ich bemerkte
während der Reise häufig Flüsse und Bäche mit so hoch aufgeworfenen Dämmen, wo-
durch ebenso für die Bewässerung der Reisfelder bei eintretender Trockenheit gesorgt,
als Überschwemmung bei Regenzeit und Ungewitter verhindert wird. Die geraden,
parallellaufenden grünen Ufer, mit Bäumen besetzt, erinnerten mich an die holländischen
Kanäle. Überhaupt hat diese Fandschaft vieles mit den flachen, mit Kanälen durch-
schnittenen Gegenden Hollands gemein, und ich bedauerte nur, dafs in diesen meinem
zweiten Vaterlande so ähnlichen Gefilden, bei der so ermüdenden Reise, mir nicht die
genügende Ruhe für meine Untersuchungen gelassen wurde.
Wir hatten zur Beschleunigung unserer Ankunft in Jedo auf Anordnung unseres
Gesandten fast täglich über 10 japanische Meilen zurückgelegt!
Aus den kurzen Skizzen meines Tagebuches kann man leicht entnehmen, unter
welcher anhaltenden Anstrengung ich die wenigen zur Durchreise eines so merkwür-
digen Randes vergönnten Tage und Nächte zubringen mufste, um dem Ziele meiner
Mission und den Erwartungen meiner Regierung zu entsprechen, während man doch
mit leichter Mühe seitens der Japaner die Erlaubnis zu einer Verlängerung der von
Kioto nach Jedo anberaumten Reisezeit hätte erhalten können.
Ich war mit Dr. Bürger einige Meilen dem Zuge vorausgegangen, um Zeit zu
einer Fängenobservation zu gewinnen, die wir auch an dem Meilenbaum bei dem
Bauerndorfe Sonotzu, 3 Meilen 9 Strafsen von Mia, bei günstiger Gelegenheit Vornahmen.
Hierauf setzten wir auf Fahrzeugen über den Flufs Sanogogawa, dessen breites Bette,
von häufigen Sandbänken unterbrochen, von Tausenden wilder Enten wimmelt, die,
wie ich hörte, auf Befehl des Fandesherrn hier gehegt werden, und kamen in Eil-
schritten gegen 1U/2 Uhr in der Vorstadt zu Mia an. Vor derselben ist ein grofses
Magazin aus Holz erbaut — durchgehends Hinoki, Thuja orientalis — , welches aus
den umliegenden Gebirgen auf Flöfsen hierher gebracht wird. Auch bedient man
sich hier zweiräderiger Karren, die äufserst gut aus feinpoliertem Keakiholz gearbeitet
sind und von Menschen gezogen werden. Ich besah hier in aller Eile noch den Garten
eines Pflanzenhändlers, wo ich unter anderen Zierpflanzen die symmetrische Daphne
papyrifera in voller Blüte fand, und erreichte einige Minuten vor 12 Uhr die uns an-
gewiesenen Wohnungen in Mia, wto wir sogleich die Mittagsbreite aufnahmen. Jetzt
kamen meine japanischen Freunde und früheren Schüler, unter diesen Mizutani Zukuroku,
ein sehr erfahrener Botaniker, mit dem ich von Dezima aus im Briefwechsel stand,
und Tökaku, ein Faie in der Heilkunst, dem ich früher zum Sammeln von Naturalien
den Anftrag gegeben hatte. Ich lernte hier die meinen Untersuchungen später so
nützlich gewordenen Ito keiske und Okutsi Sonsin kennen. M. Zukuroku, dieser grofse
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
169
Freund der Naturgeschichte, brachte Sammlungen aus allen Zweigen derselben, unter
welchen sich vorzüglich einige der seltensten um Mia vorkommenden Gewächse in
charakteristischen, sehr gut getrockneten Exemplaren mit beigefügten japanischen und
chinesischen Namen befanden, sowie einzelne Früchte aus Japan und China. Petre-
fakten, unter diesen ein vollkommen ausgebildeter Käfer und andere Fossilien, Krystalle,
einige Fische, getrocknete Species von Tetraodon und Ostracion, Hippocampus, diese
nach japanischem Geschmack gesuchtesten Fische in ihren ominösen Sammlungen,
endlich einige Käfer und Schmetterlinge wurden mir überreicht. Viele seltene Ge-
wächse und Tiere, die er zu sehen Gelegenheit hatte, hatte er ziemlich genau ab-
gebildet, darunter waren auch Abbildungen von getrockneten Gewächsen, die ich sehr
treffend fand. Besonders aber zogen zwei Bändchen Handzeichnungen meine Auf-
merksamkeit auf sich; es war eine Sammlung japanischer Gewächse, alle genau mit
den Linneischen Namen bestimmt. Unter jeder Pflanze war der Name ihres Genus
angegeben, und unter 102 Bestimmungen konnte ich nur vier als fehlerhaft bezeichnen.
Viele der bestimmten Gattungen sind weder von Kaempfer noch von Thunberg unter
der hiesigen Flora angeführt und einige derselben selbst mir' noch nicht vorgekommen.
Ich war begierig, von ihm zu erfahren, welche litterarischen Hülfsmittel er hierzu ge-
habt, und hörte, dafs ihm blofs eine holländische Ausgabe von Linne bei seinen Unter-
suchungen zu Gebote stand. Der zweite Band enthielt Abbildungen der meisten In-
sekten und Amphibien aus der Umgegend von Mia. Hierauf machte mir mein Freund
das Anerbieten, seinen botanischen Garten, der etwa 2000 Gewächse enthielt, zu be-
sichtigen und mir nach Belieben die nötigsten Pflanzen auszuwählen. Doch der über-
eilte Aufbruch von Mia, einem Orte, wo alle früheren Gesandten einen Abend und
eine Nacht verweilten, da hier Arbeiten von Eisen etc., sehr gute Handelsartikel,
käuflich sind, liefs mir kaum so viel Zeit, um die mir vorgelegten Naturalien auch
nur oberflächlich zu besehen. Daher beschlossen meine Freunde, mir nach dem Orte,
wo wir übernachten sollten, diese mitzugeben. Sie brachten daher alle Naturalien
in meine Sänfte, wo ich dieselben musterte und auf Ansuchen meines Freundes M. Zu-
kurok die mir bekannten Objekte bestimmte. An Dr. Bürger sandte ich alle Mineralien
zur genaueren Prüfung. Hier könnte die Frage auftauchen, ob man wohl in den japa-
nischen Sänften so bequem schreiben und lesen kann. Dies ist allerdings möglich,
wenn man einmal an das taktmäfsige Schwanken dieser Reisesänften gewohnt ist. Das
Schreiben, jedoch nur mit festen Bleistiften, ist mir sehr bequem geworden, ein Umstand,
der meine Untersuchungen auf dieser Reise sehr erleichterte. Dabei bin ich in meiner
kleinen fliegenden Studierkammer mit den nötigsten Büchern, Instrumenten etc. zum gröbsten
Mifsvergnügen meiner Träger versehen. Nur das Sitzen auf dem Boden des Norimons
ist bei anhaltendem Reisen lästig, und man wird dadurch ganz lahm und steif. Unter-
wegs bemerkte ich wieder auf den Reisfeldern mehrere weifse Ibis, die langsamen
Schrittes, gleich den Reihern, ihre Nahrung suchten. Ich liefs den Otona des nächsten
Dorfes ersuchen, gegen eine Belohnung einige dieser seltsamen Vögel schiefsen zu lassen,
hörte aber, dafs der Landesherr hier den Gebrauch der Feuergewehre verboten habe.
Den Abend brachte ich bis tief in die Nacht mit meinen Freunden zu. Unter den
Mineralien befand sich ein äufserst seltenes Petrefakt eines sehr gut erhaltenen Käfers,
auch ein schöner grüner Obsidian etc. etc., und unter den Zeichnungen fiel mir ein
schwarzer Kranich und eine Fistularia auf, 5' lang. Ich erteilte dem M. Zukuroki
eine kurze Anweisung in der Phytotomie, gab Aufträge, alle seltenen Pflanzen dieser
i6. Die Jahaki-Brücke.
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Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
I7I
Gegend zu sammeln und knüpfte mit diesem wackeren Manne ein mir willkommenes
Band der Freundschaft an, welcher ich den bedeutenden Zuwachs meiner Kenntnis
der japanischen Flora zu verdanken habe.
M. Zukuroki, ferner Ito Keiske und O. Tonsin beschäftigten sich von dieser
Zeit an bis zu meiner Abreise aufs eifrigste mit Aufsuchen, Trocknen und Abbilden
der seltensten Gewächse des mittleren Nippon.
[30. März.] Nachdem wir um 6 Uhr von Tsisju aufgebrochen waren, führte
uns ein breiter Weg durch niedrige Tannenwäldchen nach Okasaki, der Residenz des
Landesherrn von Mikawa. Vor dieser Stadt läuft in einem breiten, von Sandbänken
unterbrochenen Bette der Flufs Jahaki-gawa, über den eine Brücke erbaut ist, eine
der gröbsten im ganzen Reiche. Siehe Fig. 16. Diese sehr massive Brücke ist aus
den in Japan sehr geschätzten Flolzarten Keaki und Hinoki auf Befehl des Landes-
herrn dieser Provinz errichtet, besteht aus 75 Bogen und ist nach meiner Berechnung
930 Pariser Fufs lang, nach Angabe der Japaner 208 Ken. Die Breite schätzte ich blofs
oberflächlich auf 30 Fufs. Okasaki selbst ist eine ziemlich grofse Stadt, deren Strafsen
zwar reinlich und mit häufigen Kaufläden versehen sind, übrigens aber nicht auf Wohl-
stand der Einwohner schliefsen lassen. Das Schlofs, dessen Türme sich hoch über
die Mauern erheben, ist ausgedehnt, und aus den vielen Offizieren, die ich auf den
Strafsen bemerkte, läfst sich auf eine ansehnlichere Besatzung schliefsen als in den
seither durchreisten Festungen. Ich bemerkte unter den Handwerkern viele Küfer
und Eisenschmiede. Gleich nach dem Mittagsmahl reisten wir weiter. Der Teil der
Stadt, den wir nun durchzogen, hatte ein noch ärmlicheres Aussehen als der vorher-
gehende. Ich kaufte einen schlecht konservierten Schwanenbalg und einige Fuchsbälge,
auch bemerkte ich Felle von Tanuki (Nyctereutes viverrinus), Anaguma (Meies ana-
kuma), Kawa uso (Fischotter), Ten (Mustek melambus) und einem Seehunde aus
Jezo. Zufällig fanden sich in der Auslage eines Blumenhändlers vier Varietäten von
Bladhia, die mir, früher zu hohem Preise angeboten, nun sehr billig zu teil wurden.
Gegen 2 Uhr kamen wir nach Fusigawa, wo der Zug etwas ruhte. Ich ging mit
Dr. Bürger zu Fufs durch die bergige Gegend bis Hödsoisi, wo wir uns zur weiteren
Reise erfrischten. Ich hatte Viola japonica, Jasminum praecox, Gentiana aquatica, Scilla
japonica, Cardamine, Leontodon, Armenica, Kamellien und mehrere Kryptogamen in
voller Blüte gefunden.
Wir kamen durch die bedeutenden Dörfer Koi und Akasaki, begegneten einem
Zuge, der sich nach dem kaiserlichen Hofe bewegte, sahen auffallend viele öffentliche
Häuser in diesen Dörfern und gelangten um 10 Uhr abends nach Josida, äufserst er-
müdet durch die anstrengende Reise. Bis tief in die Nacht war ich mit den dringendsten
Arbeiten beschäftigt.
[31. März.] Schon mit der Morgendämmerung mufsten wir auf brechen; wir
zogen durch eine Bergebene, wo Tannenwäldchen mit Reisfeldern abwechselten;
die Felder waren mit Gerste und Hadakamugi bebaut. Passierten mehrere un-
bedeutende, wenn auch räumlich ausgedehnte Dörfer, als Futagawa, Sirasaka etc. etc.,
und stiegen nachher hinab an den Seestrand. Die Vegetation dieser Gegend beschränkte
sich auf niedrige Tannenbäume, kaum einen Fufs hohe Azaleen und Euryen mit noch
tiefer zurückgebliebenen Bambusarten. Wir beschlossen längs dem Seestrande bis Arai
zu Fufs zu gehen. Eine starke Brandung bei eben eintretender Ebbe fand an dem
spiegelglatten, mit feinem Sande bedeckten Strande statt, auf dem bei abfliefsenden
172
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
t
?
Wogen auf der Oberfläche geschlämmter Glimmer (Eisenglimmer) im hellen Gold-
glanz sich zeigte. Wir sammelten davon zur Analyse, auch fanden wir denselben in
Quarz eingesprengt, welcher das Muttergestein desselben zu sein scheint. Die Fischer,
die längs der Küste in ärmlichen Hütten wohnen, bedienen sich hier einer eigentümlichen
Art von Kähnen, deren Seitenwände aus einem ausgehöhlten hohen Baum bestehen;
sie haben ein sehr starkes, aber rauhes Aussehen und sind etwa 1 1 Schritte lang.
An der Küste bemerkten wir Scharben und Möven, Larus crassirostris und einige
Konchylien, doch zog ein kleines durchscheinendes Fischchen, gleich den Quallen
glänzend und von derselben Substanz, durch die Wogen angespült, und trotz seiner
dem Schleime gleichenden Masse fufshoch springend, unsere Aufmerksamkeit auf sich.
Der Name des Fisches ist Sira-uwo oder Kwai-sanjö. Ich konnte aufser dem Munde
an demselben keine Kieferöffnung entdecken, wohl aber die Augen und das Nerven-
system. Aufser diesem bestand unsere Beute noch aus einigen Austern, einem See-
krebse und einigen anderen Krabben.
Gegen 1 1 Uhr erreichten wir sehr ermüdet Arai. Nach dem Essen setzten wir
auf einem stattlichen Fahrzeuge des Fandesherrn Matsudaira Idsuno-kami über die eine
Meile breite Mündung des Stromes Imarugawa, der hier die Bai Hamanoko bildet,
und genossen eine herrliche Aussicht, indem wir zur Finken die Gebirgskette und
zur Rechten den niedrigen Seestrand hatten.
Durch den hier und da mit Tannenwäldchen bewachsenen Seestrand führt ein
Kanal nach Majusake, wo wir ans Fand stiegen; der Kanal ist durch einen Damm
aus grofsen Steinen gebildet, die durch eingerammte Pfähle zusammengehalten werden.
Zur Ebbezeit ist er sehr untief. Wir setzten die Reise in unseren Sänften nach Hama-
matsu fort, wo wir mit einbrechender Nacht ankamen. — Interessant war das Fangen
der Muscheln vermittelst in den Strand gesteckter Dornsträuche.
[i. April.] Wir setzen die Reise nach Kakegawa fort, halten Mittag zu Mitsuke
und gelangen unter heftigem Regenwetter gegen 6 Uhr in Kakegawa an. Wir kommen
an der ehernen Pforte mit zwei ehernen Feuchttürmen — Gösintö und Töro —
vorbei. Diese Gottespforten sind die Säulen der Japaner, zeigen den Weg zu den
Tempeln und sind oft schon viele Meilen weit von diesen errichtet. Der Tempel,
zu dem sie führen, heifst Akiwasan-dai-gongen, d. i. Herbst-Blatt Berg der grolsen strengen
Tugend. — Hier liegt auch Hemy, ein früherer niederländischer Gesandter, begraben.
[2. April.] Heute durchziehen wir das Gebirge Nisisakatöge, das in seinem weiteren
Verlaufe Sajono-nakajama genannt wird, wo alte Sagen von einer Glocke, die beim
Anschlägen dem Bittenden Geld beschert, von einem mitten im Wege liegenden Stein,
Wakke, der früher heulte, und von einem Tiere, dessen Anblick dem Wanderer den
Tod brachte, noch jetzt in Denkschriften und Abbildungen von Mönchen und Bettlern
zum Kaufe angeboten werden. Die Bergbewohner kamen mir arm vor nnd scheinen
in den am Fandwege gelegenen Dörfern durch Feilbieten von Nahrungsmitteln ihren
Unterhalt zu gewinnen. Wir stiegen beim Dorfe Kanaja hinab, wo aus den Gebirgen
der reifsende Strom Oigawa in einem ausgebreiteten Bette, gegenwärtig in kleinen
Armen, der See zuströmt. Das an 10 Sjö breite, mit Gerolle überdeckte Bett verkündet,
dafs dieser Strom zu Zeiten hoch anschwellen mufs. Über die einzelnen, sehr schnell
fliefsenden Arme sind keine Brücken geschlagen und es können auch keine Fahrzeuge
zum Übersetzen angewendet werden. Daher werden Menschen und Fasten durch be-
sonders abgehärtete kräftige Feute auf den Schultern und auf Tragbahren hinüber-
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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getragen, indem nach Umständen 2 bis 12 Mann, sich wechselseitig unterstützend und im
Kampfe mit dem Strome bis an den Hals im Wasser watend, die Lasten hinüberbringen.
Wir hatten früher beim Dorfe Nitsisaka Längenobservation mittels Chronometer
genommen, und nun glückte es uns, gerade am rechten Ufer des Stromes Mittagshöhe
zu nehmen, worauf wir uns in unsere Norimonos, die inzwischen auf Tragbahren be-
festigt worden waren, den schreienden Tritonen überliefsen. Diese geübten Träger
machten uns den Übergang über den reifsenden Strom sehr bequem.
Einzelne Personen werden gewöhnlich auf den Schultern eines Trägers, der von
einem zweiten oder dritten unterstützt wird, übergesetzt, Personen höheren Standes
auf kleineren oder gröfseren Sänften hinüberbefördert. Die Träger selbst müssen
aufserordentlich abgehärtet sein, da sie zu jeder Jahreszeit ganz nackt und nur an den
Schamteilen leicht verhüllt, den ganzen Tag hindurch diesen gefährlichen Erwerbszweig
ausüben. Sie erhalten, wie ich erfahren habe, 80 — 96 Sen in einem der Höhe des
Stromes entsprechenden Verhältnis. Ich nenne diesen Erwerbszweig gefährlich, weil
mir versichert wurde, dafs, wenn irgend jemand durch Schuld der Träger ein Raub
des Stromes würde, diese mit dem Tode bestraft werden. Hierauf hielten wir zu
Simada Mittag und kamen nach 4 Uhr zu Fusijeda an, wo wir übernachteten. Wir
sahen in der Ferne aus dem Gebirge Rauch aufsteigen.
[3. April.] Gegen 6 Uhr verlassen wTir Fusijeda, ein ziemlich grofses Städtchen,
dessen schlecht unterhaltene Häuser wenig Wohlstand verraten. Auf den Strafsen
waren mehrere Häute von verschiedenen Arten Haien und Rochen zum Kaufe aus-
gestellt. Die Japaner wissen die Häute der meisten Knorpelfische trefflich zu bear-
beiten, und ihre Säbelscheiden und Säbelgriffe bestehen gröfstenteils aus dergleichen
feinabgeschliffenen und vielfarbig lackierten Fischhäuten. Vorzüglich aber stehen Rochen-
häute, die von den Niederländern und Chinesen hierher gebracht werden, bei den Ja-
panern in hohem Werte. Auch kommen aus Matsumai auf Jezo verschiedene Fisch-
häute, unter welchen die des Störs Acipenser stellatus (Lin) besonders geschätzt sind.
— Nun führte der allmählich engere Weg in das steile, mit dichten Wäldern bedeckte
Gebirge Utsunomijama, wo sich in üppiger Fülle die seltensten Gewächse der mir
seither bekannt gewordenen Flora vorfanden. Eine Osyris, Lindera, Nummia und
einige mir fremd vorkommende Gattungen werden Gegenstände meiner Untersuchung.
Auch wurde mir eine Abart von Tanuki (Nyctereutes viverrinus) hier zu teil, und ein
von dem europäischen ziemlich verschiedener Maulwurf (Talpa mögura) gefangen
Gegen 11 Uhr erreichten wir Mariko und reisten nach dem Mittagsmahle weiter nach
Futsju. Beim Dorfe Awegawamura wurden wir auf gleiche Weise wie bei Oiguwa
über den Flufs Awregawa gebracht. Es war heute kälter als gestern (28° Fahrh.),
und ich wunderte mich, diese abgehärteten Leute vor Kälte zittern zu sehen, während
man mir versicherte, dafs sie im Winter selbst, wo sie sich gleichsam im Flusse er-
wärmt fühlten, weniger von dem Einflüsse der Kälte zu leiden hätten als gegenwärtig.
Kurz darauf kamen wir in Futsju an, wo wir die langen Strafsen zu Fufs durch-
zogen, um hier die berühmten Holz- und Flechtwerke zu besehen, w7elche ein Industrie-
zweig dieser Gegend sind. Dieser Ort ist wegen der aus Bambus geflochtenen, äufserst
künstlich bearbeiteten Körbchen, der verschiedenen, oft aus kostbaren Holzarten ver-
fertigten Hausgeräte und anderen Lackwerke, Puppen, Steinhauerarbeiten etc. etc.
durch das ganze Reich berühmt. Am Nachmittag wurde eine Menge dieser Arbeiten
zu uns gebracht, die in der That alles Lob für den bewundernswerten Kunst-
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Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
fleifs verdienen, der hier zu Tage tritt. Diese Handelsleute überfordern aber der-
mafsen, dafs man ihnen getrost den vierten Teil des verlangten Preises bieten darf.
In diesem in ewigem Einerlei sich bewegenden Reiche fällt selten etwas Neues
vor; doch nun hörten wir, dafs etwa vor 6 o Tagen zu Okitzu, einige Meilen von
hier, eine chinesische Dschonke verschlagen worden sei, ein grofser error loci dieser
Seefahrer, die doch sonst von Saho nach Nagasaki glücklich übersetzen. Aufser zur
Ausbesserung des Schiffes und zur Anfertigung der nötigen Takelage wurde es der
Equipage nicht erlaubt, ans Land zu gehen. Augenblicklich lag das Schiff bereit, um
in einigen Tagen aus dieser Bucht nach Nagasaki, als dem einzigen Hafen Japans,
w7o Schiffe fremder Nationen einlaufen dürfen, bugsiert zu werden. Man ward sich
wundern, dafs ich hier vom Bugsieren durch mehrere Grade spreche, doch die strengen
Gesetze lassen es nicht zu, dafs ein fremdes Schiff anders seine Reise nach jenem
Handelsplätze fortsetzt. Es sollen an Bord dieses Fahrzeuges einige früher an der
Küste von China gestrandete Japaner sich befinden.
[4. April.] Unter starkem Regen verlassen wir um 7 Uhr Futsju, dessen lange, mit
schlechten Häusern besetzte Strafsen wir in östlicher Richtung durchziehen. Ich bemerke
nur wenige und unbedeutende Kaufläden, dagegen fiel es mir auf, an den Häusern oft
12 und noch mehr Wachteln in kleinen Käfigen hängen zu sehen; es wird mit
diesen ein ausgedehnter Handel nach anderen Provinzen getrieben, und eine Wachtel
nach Qualität des Schlages oft mit 1 — 2 Kobang bezahlt. Ich liefs einige der schlech-
testen Sänger, die jedoch die bestbefiederten waren, zum Ausbalgen um einen geringen
Preis kaufen. Die Landschaft, durch welche wTir zogen, war ziemlich eben, nördlich
in Gebirge übergehend, die in Nebel gehüllt waren, südlich gegen die Küste zu waren
Reisfelder angelegt und die gewöhnlichen Getreidearten auf Feldern angebaut,
welche als künstliche Terrassen die höheren Stellen einnahmen, während die Reis-
plantagen in der Tiefe lagen. Abwechselnd sah man Bambuswäldchen und andere
Holzarten. Die Nähe der See verkündete sich durch dumpfes Brausen, und ich be-
gab mich auf Nebenwegen an den Strand. Hier konnte ich die Chinesen-Dschonke
in der Bucht Miwono-matsubara vor Anker liegen sehen. Aufser einigen Eucus fand
ich nichts Besonderes am Strande. Wir kommen noch durch einige Dörfer, wo wir
Krabben von ungewöhnlicher Gröfse vorfanden. Ich erhielt unter andern den Vorder-
fufs eines solchen Krustentieres1, der sich zum Leibe wie 10 zu 1 verhielt und
4 Pariser Fufs mafs, und dessen mittlere Dicke 41/2/' betrug. Demnach kann man
annehmen, dafs diese Krabbe 15' gemessen hat. Auch kaufte ich eine frisch gefangene
Diomedea exulans, ein Weibchen; der Schnabel war fleischfarbig, gegen die Spitze
perlfarbig, die Füfse blaubraun, der Vogel mager, vielleicht auf der Luftreise nach
Kamtschatka begriffen. Wir kamen um 12 Uhr zu Okitsu an. Zu meinem gröbsten
Vergnügen hörte ich, dafs der Flufs Okitsugawa durch heftigen Regen so angeschwollen
sei, dafs die Träger uns unmöglich hinüberbringen konnten. Auf diese Weise ward mir
einige Mufse zum Prüfen und Ordnen meiner seither gesammelten Naturalien vergönnt.
Gegen Abend bekamen wir einen Besuch vom Opperbanjoost, der sich über eine Stunde
in unserer Arbeitskammer aufhielt, wo wir durch Vorzeigen einiger seither gesammelten
merkwürdigen Naturalien und Abbildungen naturhistorischer Gegenstände, verbunden
mit einer passenden Unterhaltung über den hohen Stand der Naturwissenschaften in
Inachus (Macrocheira) Ivaempferi jap. Sima kani.
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Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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Europa, sein ohnehin grofses Interesse noch zu steigern suchten, wobei ich der
Sache eine solche Wendung gab, dafs die aus unseren Entdeckungen hervorgehenden
Vorteile für die Japaner selbst im hellsten Lichte erschienen. Besonders staunte er
über einige chemische Versuche mittelst Reagentien, wo wir absichtlich auf Eisen mit
Kali Borussicum (Acidum hydrocyanicum) und auf Kalk mit Argent. nitricum ein
Experiment machten. Beim Weggehen wünschte er mir Glück, dafs ich doch endlich
heute einige Ruhe und Erholung hatte, worauf ich erwiderte, dafs ich diese dem japa-
nischen Flufsgotte zu danken hätte. Ja, sagte er lachend, «die japanischen Götter be-
günstigen euch mehr als uns, doch kommt noch ein anderer grofser Flufs, der Eusi-
gawa, vielleicht können Sie auch da einige Ruhe finden)).
[5. April.] Eben hatten wfir auf die Nachricht, dafs man auf keine Weise über
den Flufs setzen könne, und dafs selbst die Gemahlin des Landesherrn von Satzuma
und die Beförderung des Gepäckes eines anderen Landesherrn in den naheliegenden
Ortschaften das Zurücktreten des Stromes abwarten müfsten, uns mit dem Ordnen
unserer Naturalien und dem Füllen des Barometers beschäftigt, um hier am See-
strande, nicht wreit vom Fufse des Gebirges Hakone, dessen Höhe wir erforschen
wollten, einige Observationen zu machen, als wir vernahmen, dafs unser Gesandter
auf schleunige Abreise dringe. Obgleich die Japaner viele Einwendungen vorbrachten,
mufsten wir doch nach einer halben Stunde in gröbster Hast aufbrechen, um nach
dem kaum drei Meilen entfernten Dorfe Kambara zu kommen; denn weiter konnten wir
kaum gelangen. Wir durchzogen auf Bergwegen die Dörfer Kurasawa und Teraomura,
wo man in den meisten Häusern Papier aus Daphne papyrifera bereitet. Viele Stellen
dieser Berggegend waren mit dieser schönen nützlichen Pflanze bebaut, die man aus
Samen zieht. I111 Winter werden die gröbsten Stengel dicht an der Wurzel abgeschnitten,
und der Bast zum Verfertigen des Papiers abgelöst, welcher dann auf dieselbe Weise
wie der des Papiermaulbeerbaumes gereinigt, zubereitet und mit Reiswasser und Maniok-
wurzel verbunden wdrd. Ich sah hier eben Papier machen. In einem oblongen vier-
eckigen Kasten (Kamifune) war die milchfarbige sehr dünne Masse bewahrt. Mit
einer Schöpfmaschine (der europäischen gleich), deren Boden aus feinen Bambus-
lamellen gearbeitet, mit dünnen Bindfäden in etwa 1 1/2" breiten Zwischenräumen durch-
flochten ist, schöpft der Arbeiter aus der umgerührten Masse und läfst den Papierbrei
ablaufen bis zur beliebigen Dicke. Der bewegliche Rand der Schöpfmaschine wird
nun abgenommen und die Bambusmatte umgekehrt, so dafs sich das Papierblatt von selbst
ablöst. Diese Papierhäute werden nun im Verlaufe der Arbeit aufeinander gelegt und
endlich mit einem Brette überdeckt und mit Steinen beschwert, geprefst. Hierauf
werden die Blätter einzeln abgenommen, mit einer aus Bambus verfertigten Bürste
(Hake) auf glatten Tannenbrettern aufgestrichen und in der Sonne getrocknet. Die
auf dem Brette klebende Seite ist die glatte, in der sich die maserartigen Strukturen
des Tannenholzes fein ab drücken. Hier steht die Einfachheit der Verfertigung des
Papiers mit den umständlichen Fabriken in Europa in einem auffallenden Kontrast,
und der gröfsere Verbrauch des Papiers in Japan wird nur durch die wegen ihrer
Einfachheit allgemein verbreitete Kunst der Papierfabrikation möglich. Aufser der
Daphne, der Morus papyrifera und ihrer Varietäten bedient man sich noch des Bambus,
nämlich der jungen Ausschüsse des efsbaren Bambus (Mösotsiku), ferner der Stellaria
(Kongampi), einer auf hohen Bergen wachsenden Staude, und des Gerstenstrohes
(Masukasi) aus der Landschaft Osju zur Papierbereitung. — Über den Flufs Okitsu
176
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
hatten die Japaner eilends eine Brücke geschlagen mit schweren Blöcken, wie bei
Gerüsten sich die Maurer bedienen; über diese waren dicke Bretter gelegt, hinauf und
herab führte ein Damm aus Steinsäcken. So, glaube ich, könnten sie im Falle der Not
auch den Übergang des Oigawa und der anderen grofsen Flüsse erzwingen.
[6. April.] Mit herrlichem Frühlingswetter reisen wir von Kambara ab, nehmen im
Dorfe Iwamatsmura Längenobservation mittels Chronometer, geniefsen eine herrliche Aus-
sicht auf den Fusiberg (eine Ansicht des Kraters desselben war ich im stände nach
japanischen Aufnahmen zu erhalten. Siehe Fig. 17), von dem noch ein Dritteil mit
Schnee bedeckt ist, und werden über den noch ziemlich hohen Fusigawa auf eigenartigen,
mit sehr hohen Wänden versehenen Fahrzeugen übergesetzt. Hier sah ich die oben
Fig. 17. Krater des Fusijama.
erwähnte Beifrau des Landesfürsten von Satzuma in ihrem Norimon vorbeikommen.
Ich nahm mir die Freiheit, durch meinen gewandten Bedienten der Dame eine
Anzahl Ringe und andere europäische Zierraten zu offerieren, welche sie mit Ver-
gnügen annimmt und ihren Bedienten sendet, um Gegengeschenke anzubieten. Auf
dem linken Ufer des Fusigawa, wo der Fusiberg sich erhebt, nahm ich eine
Messung mit dem Sextanten und fand dessen Höhe 8° 44k Der Gipfel, bald mit
Wolken bedeckt, bald hellblinkend von Schnee, war durchgehends noch niedriger
als das Gewölke dieses Gesichtskreises, westlich und südlich fiel der Berg zu einer
ziemlich ausgedehnten, von Reisfeldern bedeckten Ebene ab, die von der Land-
strafse durchschnitten wurde. Im Dorfe Motoitsiba rasteten wir nach alter ja-
panischer Sitte in einem ärmlichen Bauernhause, wo uns durch die nationale
Gastfreundschaft der Japaner ein herzliches Willkommen zu teil wurde, und erfrischten
uns mit Sake. Wir setzten unsere Reise durch einige unbedeutende Dörfer nach Josi-
wara fort, wo wir ein Mittagsmahl einnahm en. Mein alter Mathematikus M. Honai
versicherte mich, dafs der Fusiberg i1/2mal höher sei als das Gebirge Hakone.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
T77
Auch ist er nicht der höchste Berg in Japan1, indem der Tsjokaisan in
der Landschaft Dewa für höher gehalten wird. Die Berge Hakusan und Onitake
in der Landschaft Iviso sollen gleichfalls sehr hoch sein. Alte Freunde der Holländer
waren von Jedo bis hierher gekommen, um uns zu begrüfsen, unter ihnen der Leih-
trabant des Prinzen von Nakatsu, dieses grofsen Gönners der Holländer. Hier hörte
ich, dafs zu Hara ein sehr berühmter botanischer Garten sei, weswegen ich mit
Dr. Bürger vorausging; wir erreichten nach einigen Stunden Hara. Der Garten, im
japanischen Geschmacke angelegt, ist wirklich der schönste und an Ziergewächsen der
reichste, den ich jemals hier zu Lande gesehen habe. Beim Eingänge erhoben sich
auf hölzernen Terrassen, einzelnen Felfen und in Blumentöpfen Tannenbäume mit
künstlich gebildeten Zweigen. Die so beliebten Armeniaceen, Kirschen, Pyrus japonica,
Pyrus baccata, Primeln, Asarum — Orchideen standen auf dem Boden in geregelten
Reihen. Hier eine Gruppe Azaleen, dort Kamellien und Sasankua, kleine, aus Steinen
gehauene, von Gardenia radicans und Farren umwachsene Fischteiche, von bunten
Goldkarpfen belebt. Die beliebtesten Garten- und Ziergewächse waren in besonderen
Beeten angepflanzt als Paeonien, Lilien, Primeln, Chrysanthemum, Lynchisarten. Die
schönen unzähligen Arten und Abarten von Ahorn, die, eben die Blätter entfaltend,
in vielfachen Schattierungen sich zeigten, bildeten anmutige Haine. In der Mitte des
Gartens stand ein nettes Gartenhäuschen, umgeben von Blumenstaffagen (Andromeden,
Nandinen, Nageja), auch war ein Winterhaus da, worin eine reiche Sammlung von
Bladhien, Asarum und Gewächsen aus den Liukiu-Inseln gegen die kalte Frühlingsluft ge-
schützt wurden. Nach einer anderen Seite führten Lustwäldchen von Eichen, Taxus, Cy-
pressen, Thujen, Kirschen und Armeniaca zu eleganten Lusthäuschen, welche, von den
beliebtesten Sträuchern und Bäumen umgeben, zu jeder Jahreszeit einen angenehmen
Aufenthalt gewähren. Gegen Abend kamen wir in Numatsu an, wo wir übernachteten.
[7. April.] Schon gegen 4 Uhr morgens traf man Anstalten zur Abreise; wir
verlassen mit der Morgendämmerung unsere Herberge, und nach kurzem verkündet
uns die aufgehende Sonne einen heiteren Tag. Beim Dorfe Nisima verliefs ich mit
Dr. Bürger die Norimonos und eilte voraus, um Zeit zu Untersuchungen zu gewinnen ;
wir besahen hier einen Sintö - Tempel Dai Mijözin und setzten unsere Reise durch
kleine Bauerndörfer und dichte Wäldchen fort, in denen wir von der japanischen
Nachtigall mit vollem, jedoch im Vergleiche zu der europäischen Sängerin rauherem
Schlage begrübst wurden. Ein tiefer Hohlweg führte nach dem Gebirge, dessen Flora,
wenn sie der am Saume des Weges befindlichen entspricht, durchgehends aus nied-
rigen Tannen, Cypressen, Thujen, Ilex, Lindera und Farren besteht. Kleine Pfade
führen bisweilen vom Landwege ab, sich längs desselben durch das Gebüsch schlängelnd
und Wanderern und Lastpferden einen besseren Weg gewährend. Ich durchstreifte
diese zu botanischen Zwecken, während Dr. Bürger geologischen Untersuchungen sich
hingab. Das Reisen in Japan wird durch die überall vorhandenen Restaurationen
sehr erleichtert, um so mehr, da die Efswaren darin äufserst wohlfeil sind. Mit der
zunehmenden Höhe des Berges wurde der Boden kahler und war stellenweise mit
langen dürren Gräsern bedeckt. Wir genossen während des Emporklimmens, was bis
1 Eine Abbildung des Fusiberges ist in Nippon II. XXXVI b gegeben. Der Verfasser liefs den
Fusi durch seinen Schüler Ninomija Kesaku mittelst Barometerhöhe messen, was diesen später in eine
strafrechtliche Untersuchung verwickelte. Nach den neueren Messungen ist der Fusi zwischen 12234
bis 12437' hoch. Anmerkung zur 2. Auflage.
v. Siebold, Nippon I. 2. Aufl.
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Abteilung I Geographische Forschungen und Reisen.
jetzt noch keine besonderen Schwierigkeiten verursachte, eine schöne Aussicht auf den
konischen, hinter dem Hakone-Gebirge hervorragenden Fusiberg. Nur bisweilen war
der Weg für die Lastpferde sehr beschwerlich; denn durch die Strohschuhe, die hier
Menschen und Pferde gewöhnlich tragen, waren die pflasterartig gelegten Steine sehr ab-
geschliffen. Gegen n Uhr hatten wir eine ansehnliche Höhe erreicht, wo ich die mathe-
matischen Instrumente, die noch zurück waren, erwartete, während Dr. Bürger vorausging,
um das Barometer zu einer Höhenmessung dieser Gebirge zu füllen. Hier zeigte sich
westlich der Fusiberg, und nordöstlich blickte man auf einen groisen Süfswassersee
hinab, der etwa 500 Fufs tiefer als unser Standpunkt sich befindet. Leider führte nun der
Fig. 18. Ansicht der Landstrafse im Flakone-Gebirge.
Weg bergab nach dem Dorfe Hakone, wo ich kurz vor 12 Uhr ankam. Ich nahm
sogleich Mittagshöhe für die Breitebestimmung. Die Witterung war äufserst günstig,
indem der Himmel, der nach Angabe verschiedener Reisenden immer in Nebel ge-
hüllt sein sollte, wolkenrein war und mir eine interessante Berichtigung der geogra-
phischen Lage dieser Gebirgskette möglich machte. Unterdessen war das Barometer
gefüllt, welches nach wiederholten Observationen bei einer Temperatur von 50° auf
26" gefallen war. Dr. Bürger machte Versuche mit kochendem Wasser und fand
den Siedepunkt desselben etwa um 30 niedriger; dieses zeigt nach Humboldts Berech-
nung 3000' Höhe an, da i° 340 Meter beträgt. Ich hatte verschiedene Gewächse
gesammelt, aber mein Freund, Dr. Sjöan, der, wie früher erwähnt, bereits 8 Tage
vor mir von Kioto abgereist war, hatte bereits eine Sammlung derselben veranstaltet.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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Dicht beim Dorfe Hakone ist die berühmte Barriere zur Absperrung dieses Ge-
birges und als Schlüssel zur kaiserlichen Residenz hier angelegt, indem alles, was nur
immer aus den südlichen Provinzen nach der Hauptstadt zieht, diesen Engpafs pas-
sieren mufs. Nach dem Essen zogen wir feierlich durch die Wache. Alles, aufser
den drei Mitgliedern der Gesandtschaft, mufste die Sänfte verlassen und zu Fufs
durch die Wache schreiten. Beim Eintritte in die rundum durch eine starke Mauer
verteidigte Schutzwehr wurde die linke Thüre unseres Norimons von unserem Bedienten
geöffnet; dieses geschieht, damit sich die Wache überzeugt, dafs nicht Frauen oder
Waffen eingeschmuggelt werden. Wir wurden so gleich Landesfürsten behandelt, die
auch in ihren Sänften sitzen bleiben. Der Weg führte nun steil abwärts, durch die ge-
plätteten Steine unsere Strohschuhwandlung erschwerend. Die N. -Seite dieses Gebirges
ist hier mit dunkeln Wäldern bedeckt, in denen ich Buchen bemerkte. Die Vegetation
war viel üppiger als auf der SW. -Seite, und ich Find mehrere mir noch unbekannte
Gewächse in Blüte stehen. Links ragten steile Gebirge empor, und frisches Quell-
wasser sprudelte aus den Felsblöcken und sammelte sich in der Tiefe zu einem rau-
schenden Bache. Siehe Fig. 18. Auf mühsamen Wegen erreichten wir das Dorf Hata,
berühmt durch seine feinen Holzarbeiten, die wir in einem eigens hierzu eingerichteten
Hause ausgestellt fanden und einen sehr hohen Wert respräsentieren. Es waren meistens
Hausgeräte oder zum Luxus dienende Artikel, eingelegt, geflochten, lackiert, von roher
Baumrinde und von Muscheln, kurz im echten Geschmacke dieser Nation. Beinahe
am Eufse des Gebirges überraschte uns ein kleines, romantisch gelegenes Landhaus
eines der reichsten Kaufleute aus Jedo, der, ein Sojähriger Greis, mit seinem Sohne
und dem erwähnten Leibtrabanten des Fürsten von Nakatsu «Peter van der Stolp» zu
unserem Empfange hierher gekommen war. Auch erhielt ich durch Dr. Sjöans
Vermittelung Naturalien und mehrere in Quellbächen gefangene Tritonen. Nach kurzem
Aufenthalte brachen wir auf, besahen im Dorfe Jumoto die gleichschönen Auslagen
der oben genannten Waren und kamen gegen 10 Uhr unter Fackelschein in Odawara
an. D ie Fufsreisen durch das Gebirge hatten mich so erschöpft, dafs ich von den
so nötigen Untersuchungen diesen Abend abstehen mufste.
O O
[8. April.] Verlassen Odawara, ein ziemlich grofses Städtchen, an beiden Enden
mit Thoren und Wachen versehen. Wenig Kaufläden, viele öffentliche Häuser, aus
denen die Schönen in leichter Morgentoilette uns beäugeln. Wir reisen längs der
Seeküste ONO. in Zwischenräumen, die See im Gesicht, und überschreiten den Flufs
Sakanogawa, der hier in zwei Armen sich in das Meer ergiefst. Die Brücke bildeten
rohe auf Blöcke gelegte Balken, die mit Stroh und Tannenästen bedeckt waren. Solche
Brücken mögen in Kriegszeiten auch in Europa über nicht allzubreite Ströme anwend-
bar sein. Schattige Alleen von Tannenbäumen führen bis Oiso, wo wir Mittag hielten.
Die Landschaft ist hier gegen die Küste zu äufserst flach. Die Dörfer, durch die
fischreiche See begünstigt, scheinen doch nur durch die verkehrsreiche Landstrafse
einigen Wohlstand zu haben. Im Dorfe Jamata war eben Matsuri, d. i. Kirchweihe,
für den Tempel Hatsiman. Bei Taniowura setzten wir über den breiten, aber untiefen
Flufs Taniowura-gawa, dessen Ufer gegen die See hin mit vielen Möven bedeckt waren.
Die Kähne, in denen wir übersetzten, gleichen jenen des oberen Rheins. Die Form
der Fahrzeuge, bald hoch, bald flach, entspricht ganz der Natur der japanischen Ströme.
Die Bodenkultur war hier nicht besonders ausgebildet, einige Reisfelder wechselten mit
andern Getreidearten, blühendem Rübsamen und Wäldchen ab. Die Landstrafse war
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Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
hier sehr belebt, und wir bemerkten mehr Bettler als gewöhnlich. Mädchen und
Knaben von 6 — 12 Jahren schlugen zur Belustigung der Reisenden nicht grade anständige
Purzelbäume1; zwei arme Träger waren nur mit einem Hemde bekleidet, andere blofs
in ihre Schlafdecke gehüllt, andere fast ganz entblöfst. Hier ein Soldat des Landesfürsten
zu Pferd, dort ein Schnelläufer mit einem an einen Stock gebundenen Briefe. Kurz,
man bemerkt aus allem die Anzeichen der Nähe der grofsen Residenzstadt. Wir
kamen noch frühzeitig in Fusisawa an, wurden aber, weil die gröbsten und vor-
nehmsten Gasthäuser bereits besetzt wvaren, fatalerweise in einem Bordell einlogiert.
Hier hörten wir, dafs wir übermorgen zu Kawasaki Besuche von vielen Freunden aus
Jedo, unter andern von dem Prinzen von Satzuma und dem Fürsten von Nakatsu,
bekommen sollten.
[9. April.] Unter heftigem Platzregen reisen wir morgens von Fusisawa ab,
halten in Kanagawa Mittag und kommen hierauf dicht an der See vorbei, wo wir
die Ansicht der beiden Landzungen, zwischen welchen die Bai von Jedo sich
bildet, geniefsen. Besehen einen gezähmten Bären; er war pechschwarz, der Kopf
klein und zugespitzt, längs des Scheitels tief gefurcht, die Schnauze kurz und spitz,
auf beiden Seiten bräunlich; das Tier war 4' lang, unförmig dick, 18 Jahre alt, 17 in
Gefangenschaft, sehr zahm und machte verschiedene Kunststücke.
Kommen um 6 Uhr in Kä wasak i an. Der Wirt von Jedo und einige Doktoren
be willkommen uns.
[10. April.] In Galakleidern ziehen wir um 6 Uhr der Residenz entgegen,
gehen über den Flufs Rokugogawa, dann NO. durch flaches, zu beiden Seiten mit Reis
bebautes Feld, wo ich einige schwarze Kraniche sah. Die Witterung begünstigte
unseren festlichen Einzug wenig, und heftiger Regen hielt uns in unserem Norimono
zurück und versrgte uns die Aussicht auf die im östlichen Horizont still wogende
Bai. Lichte Erlenwäldchen überschatteten hier und da die überschwemmten Ge-
filde längs den Dörfern Hatsimatsuka, Omori, Kamatamura, w7o der Handel mit
Fischen, Efswaren und andern kleinen Bedürfnissen für Reisende einen Erwerbszweig
für die Bewohner abgiebt. Im Dorfe Omori, das den gleichen Namen mit dem
eben erwähnten trägt, waren von Jedo die Fürsten von Satzuma und Nakatsu ange-
kommen, uns zu erwarten und so eine Gelegenheit zu finden uns kennen zu lernen,
was ihnen bisher ihr Stand und andere Umstände versagt hatten. Diese hohen Gönner
der Niederländer hatten sich in dem Gasthause, wo die Gesandtschaft gewöhnlich etwas
zu ruhen pflegt, niedergelassen, und nach kurzem Verweilen in der Vorkammer hatten
-wir die Ehre, von ihnen empfangen zu werden. Beide Fürsten nebst einem jüngeren
Prinzen von Satzuma empfingen uns mit ausgezeichneter Freundlichkeit. Nachdem wir auf
japanische Weise uns verbeugt hatten, baten sie uns, auf Stühlen, die man unterdessen
ins Zimmer gebracht hatte, Platz zu nehmen. Äulserst gesprächig war der 84 jährige
Greis, Fürst von Satzuma, den man, da er noch den vollen Gebrauch seinerSinne und eine
rüstige Körperstatur besafs, auf höchstens 65 Jahre schätzen würde. Im Verlaufe des
Gespräches gebrauchte er hier und da holländische Ausdrücke und fragte nach der Be-
nennung verschiedener ihm auffallender Gegenstände. Nach Beschlufs der Unterredung
mit unserm Gesandten wandte sich derselbe, meinen Namen nennend, an mich mit den
Worten, «dafs er ein grofser Freund von Tieren und Naturprodukten sei, und gerne von
1 Wahrscheinlich die unter dem Namen Etsigo Sisi bekannten wandernden jugendlichen Akro-
baten. Bemerkung zur 2. Auflage.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
181
mir die Weise, vierfüfsige Tiere und Vögel auszubalgen und Insekten aufzubewahren, er-
lernen möchte)), zu welchem Dienste ich mich mit Vergnügen anbot. Hierauf liefs
er mich seine rechte Hand sehen, die vor kurzem mit einem Rotlauf behaftet war.
Eine noch offene Stelle war mit Miniumsalbe bestrichen, über deren hier unzweck-
mäfsige Anwendung ich einige Aufklärung gab, ohne jedoch die eben gegenwärtigen
Leibärzte zu verletzen; ich schrieb die nötigen Mittel vor und erbot mich, sie bei
erster Gelegenheit zu übersenden. Eben safs ich auf japanische Weise vor dem freund-
lichen Greis, als der Fürst von Nakatsu mich bei der Hand nahm und deutlich folgende
holländische Worte aussprach: «Kom by my Doktor Siebold, ik dank U voor de ont-
vangene brieven en geschenken».
Er knüpfte nun durch Vermittelung seines Dolmetschers ein weitläufiges Gespräch
an, fragte nach meinem Taschenchronometer, besah meine Epauletten und erkundigte
sich nach deren Bedeutung, die ich politisch als Zeichen des Ranges angab. Absichtlich
hatte ich, um Gelegenheit zu finden, meine Berechtigung zum Tragen des Degens
diesen Herren zu erkennen zu geben, mein Degengehänge angelegt, und als er nun
neugierig nach dessen Bedeutung fragte, erklärte ich, dafs es mein Degengehänge sei,
welches ich zur Erinnerung, dafs ich allezeit im Dienste S. M. des Königs einen Degen
tragen müfste, angelegt hätte. Es wurden inzwischen Konfitüren und Gebäcke diesen
Grofsen vorgesetzt, und unter wechselseitigem Gespräche erhielten wir die ehrenvolle
Zusage, dafs sie uns bei unserer Anwesenheit in Jedo, jedoch nur inkognito, besuchen
wollten, worauf wir uns empfahlen. Wir wurden nun den Strand entlang getragen,
der untief und mit Dornbüschen zum Muschelfang besteckt war.
Wir kamen noch durch die Dörfer Omura, Ohagasima und Sinagawa, wo wir
etwas ausruhten. Einige Freunde der Holländer waren aus Jedo uns hierher entgegen-
gekommen, und die bekannten kaiserlichen Ärzte Katzuragawa vulgo Botanicus, Wuda-
gawa Iran und andere Freunde liefsen mich durch ihre Zöglinge begrüfsen. Längs
des Dorfes Sinagawa sind zu beiden Seiten der Strafse Bordellhäuser. Auf einem
etwas erhöhten Platze im Vorhaus sitzen die Schönen, nach Landessitte festlich auf-
geputzt. Die Liebhaber gehen ungeniert in die ganz offen stehenden Zimmer, setzen
sich vor die von ihm auserwählte Schöne und binden ihre Schuhe sodann an ein
vor derselben liegendes, mit ihrem Namen beschriebenes Holzblöckchen als Zeichen
ihrer Wahl. Ich sah eben solche Galanthommes herauskommen. Im allgemeinen
scheinen diese Anstalten in Japan etwa wie eine Restauration als Lebensbedürfnis be-
trachtet zu werden, und es macht ebensowenig Aufsehen, bei hellem Tage aus einem
Bordell zu kommen, als bei uns aus einem Kaffeehause. — Die Aussicht auf die Bai von
Jedo und die vielen vor Anker liegenden Schiffe entzog uns der von Regenwolken umhüllte
Himmel. Die Landstrafse führt bald nördlich, bald nordöstlich und vor Takanawa nord-
westlich. Die Strafsen wurden allmählich breiter und in Zwischenräumen von un-
gefähr 178 — 180 Schritten durch hölzerne Thore mit Pallisaden und Wachthäuschen
geschieden. Vor jedem Hause bemerkte ich Wasserfässer, oft sehr hübsche Be-
hälter aus Gufseisen, und in jeder abgeschiedenen Strafse grofse mit Haken versehene
Wasserbehälter. Die Häuser waren gröfstenteils neu und gut unterhalten, zwei-
stöckig und mit schwärzlichen Ziegeln gedeckt. Alles lebt auf den Strafsen, und
da alle Häuser, die durch Pforten geschlossenen Paläste der Grofsen ausgenommen,
im unteren Stocke ganz offen stehen, sah man eben die Bewohner mit Bereitung
des Mittagsmahls beschäftigt, ein Kontrast mit Europa, wo die Häuser, meist ver-
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Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
schlossen, einen Einblick nicht gestatten. Wir waren so, ohne einen Übergang von
den bisherigen Ortschaften zur eigentlichen Stadt bemerkt zu haben, nach Jedo selbst
gekommen und wurden unsere Ankunft in der Grofsstadt erst bei tieferem Eindringen
in die breiten und lebhaften Strafsen gewahr, die zu beiden Seiten mit reichen Kauf-
läden prangten. Vorzüglich bemerkte ich Porzellan- und Thongeschirre, Eisenläden
mit Gufs- und Schmiedearbeiten, grofse Manufakturhandlungen, die täglich für 500, ja
manchmal für 1000 Kobang Waren umsetzen, und deren gröfsere an 700 Menschen be-
schäftigen sollen. Holzschuhe, Schreibmaterialien, Zeichengerätschaften, Sonnen- undRegen-
schirme, fertige Kleider, Bambusarbeiten, Körbe, Frauentoiletten, Bücher und Land-
karten, Holzabdrücke, Papier, Reis, Thee, Messer, Säbel, Puppen, Lackwerk, Metall-
spiegel, Tabakgeräte, Haarzieraten von Schildpatt, dünnes Glas, Sake, Marken, Kinder-
spielzeug, getrocknete Fische, Götzenbilder, Grabschilder, Kultusgegenstände, Laternen,
Theegeräte, Rauchwerk, Regenkleider, eingesalzene und getrocknete Früchte, Öl, Ge-
müse, Apotheken, Silber- und Goldfische in weifsen Flaschen, Schildereien, Matten
und Fufsteppiche von Stroh, Strohseile, Pferdezeug, Schwämme, Restaurationen, Blumen-
sträufse, Pflanzen, frische Fische, Bijouterien u. s. w. Wir bemerkten Karren mit Holz
beladen und von Menschen gezogen. Alles dieses führe ich hier an, so wie es bei dem
schnellen Vorüberziehen sich zeigte. Um 2 Uhr kamen wir in unserem Gasthofe
an. Gleich nach unserer Ankunft erschien eine Deputation von dem Gouverneur von
Nagasaki, der zu Jedo residiert, bestehend aus zwei Opperbanjoosten, welche auf eine
sehr stolze Weise dem Gesandten eine Notiz überreichten, enthaltend einen Glück-
wunsch zu unserer Ankunft in Jedo und die Aufforderung, alles so, wie es alter Ge-
brauch mit sich brächte, zu beobachten und uns danach zu benehmen. Dieselbe
Notiz gaben sie den Unterbanjoosten, Dolmetschern und dem Hospes, worauf sie sich
nach kurzer Unterhaltung entfernten; eine andere Gesandtschaft folgte, nach deren Ent-
fernung auch der Bau-Inspektor von Nagasaki uns bewillkommne.
Aufenthalt zu Jedo.
Übersicht. Besuch des Oberbanjoosten bei dem Gesandten. Besuche des Prinzen von Nakatsu;
sein Urteil über europäischen Tanz. — Familienleben japanischer Grofsen — Japanische Ärzte. —
Mogami Tokunäi. — Verwendung der Hunde an der Küste von Sachalin. — Sanitätsnotizen für die
Seefahrer. — Über die Gebräuche der Ainos. — Besuche von Hofärzten. — Besuch vom Fürsten von Nakatsu.
— - Vortrag über die Anatomie des Auges. — Erdbeben. — Besuch des Hof-Nadelstechers. — Plan
zur Einführung der Impfung. — Audienz beim Sjögun. Ceremonien derselben. — Beschreibung des
Schlosses. — Jedo. — Volksfeste. — Löschanstalten. — Luxus und Armut in Jedo.
[ 1 1 . April.] Bald nach unserer Ankunft wurde der Gesandte vom Oberbanjoosten,
der uns auf der Reise begleitet hatte, mit zwei anderen Oberbanjoosten und einem Rent-
beamten im Namen des Gouverneurs von Nagasaki, welcher in Jedo residiert, bewill-
kommn. Dieselben wurden feierlich empfangen und mit Liqueuren und Konfitüren
bewirtet. Dies ist sogenanntes Kapitel. Die Leibärzte des Sjögun und andere Ver-
ehrer der Niederländer, welche uns bis Sinagawa entgegengekommen waren, lielsen
sich melden, wurden aber hier vom Oberbanjoosten nicht zugelassen und konnten nur
ihre Karten abgeben. Es waren Katsuragawa Hohen, welcher scherzweise Wilhelmus
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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Botanikus genannt wird; ferner ein Offizier des Fürsten Nakatsu, genannt Pieter van
der Stölp, sodann Kamia Gennai, Offizier des Fürsten Okudaira Tairano Taiju und
Frederik van Gulpen, ein Kaufmann, schliefslich der Arzt Otsuki Gentoku. Die
meisten sprachen und verstanden holländisch. Auch erhielten wir den Besuch des in
Jedo residierenden Dolmetschers Saisiro, welcher von seiner Frau begleitet war. Dem
Gesandten wurde gemeldet, dals der Gouverneur und die Fremden-Kommissäre von der
Ankunft der Gesandtschaft Kenntnis erhalten hätten und hierzu Glück wünschen liefsen.
Auch der Prinz von Nakatsu sagte sich für den Abend an, und wir richteten daher
alles zu seinem Empfange auf europäische Weise her. Er hatte sich hauptsächlich
aus dem Grunde, um die Holländer, deren Freund er seit 30 Jahren ist, einmal per-
sönlich näher kennen zu lernen, in den Ruhestand versetzen lassen; denn anders kann
ein Landesfürst mit uns in keine nähere Beziehung treten. Wir brachten den
Abend äufserst vergnügt in ganz ungeniertem Tone mit diesem Freunde zu. Der
Leibtrabant Peter van der Holp, Herr van Gülpen, kaiserlicher Zuckerbäcker, ein
Günstling des Fürsten, und Keit, der Kammerdiener, spielten jeder auf das vortreff-
lichste seine Rolle, und ich konnte mich nicht enthalten, in französischer Sprache unserm
Gesandten zuzuflüstern, dafs dies das originellste Lustspiel sei, das ich je in meinem
Leben gesehen. Man denke sich diese Japaner, allem Holländischen mit Leib und
Seele zugethan, sich wechselseitig bald unter sich, bald mit uns in gebrochenem Hol-
ländisch unterhaltend, das kräftige Lachen des gemästeten Leibtrabanten, die zuvor-
kommenden, mit gespannter Aufmerksamkeit geführten Dialoge des ausgetrockneten,
ganz kahl geschorenen, zahnlosen van Gulpen mit dem durch Neugierde zur Freund-
lichkeit gestimmten Ernste des Fürsten in eine interessante Gruppe verschmolzen, uns
selbst in steifem, einer hundertjährigen Mode entlehnten Kostüm zur Seite sitzend,
indes der Kammerdiener, ein äufserst geschickter und in der holländischen Sprache
sehr gewandter Mann, über seinen Herrn den Mentor spielte — mufste nicht diefe
ganze Scenerie eine höchst komische Wirkung ausüben? Hierauf besuchte der Fürst
uns auch in unserem Zimmer, welches wir durch Instrumente, Bücher u. dgl. gleich-
sam als ein Museum der europäischen Wissenschaften zum Empfange dieses Gönners
eingerichtet hatten.
Vorzüglich war es mein Pianoforte, das dem Prinzen äufserst gefiel, sowie auch
Chronometer, Mikroskope und andere Instrumente. Durchgehends war der Prinz mit
allem bereits bekannt und überraschte uns durch Vorzeigen verschiedener Uhren, unter
welchen eine Uhr uns erfreute, deren Zifferblatt nach dem Dezimalsystem angelegt und
mit Metallkompensation versehen war und dazu noch ein Thermometer u. dgl. ent-
hielt. Er liefs die Vorgesetzten Speisen und Getränke sich trefflich munden und ver-
liefs uns erst spät in der Nacht.
[12. April.) Den Tag über wurden die Geschenke ausgepackt, und es entstand
bald eine Diskussion mit dem Oberbanjoosten wegen der höheren Preise, welche wir für
die übrig gebliebenen Geschenke ansetzen wollten. Es ist nämlich üblich, dafs man von
den Manufakturen mehr, als für die Geschenke gebraucht wird, mit sich nimmt, um das-
jenige, was unterwegs verloren oder verdorben würde, zu ersetzen. Diese dürfen zwar
veräufsert werden, aber nur an einen der beiden Gouverneure von Nagasaki, der in Jedo
residiert, was seinen guten Grund haben mag. Aufser diesen sogenannten Restant-
gütern bringen die Mitglieder der Gesandtschaft noch viele, aber wenig Raum ein-
nehmende Handelswaren mit nach Jedo, und die Dolmetscher sowie die anderen
184
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
japanischen Begleiter thun das Gleiche. Bezüglich des Verkaufs dieser Gegenstände
hat es stets Streitigkeiten gegeben, und bereits im Jahre 1 8 1 8 wurde deshalb dem
Gesandten bei seiner Ankunft in Jedo eine Ordre des Gouverneurs von Nagasaki
überreicht, worin ihm bedeutet wurde, eine schriftliche Angabe von den Gegenständen,
welche die Herren der Gesandtschaft zu verkaufen wünschten, einzureichen. — Wir
erhielten am Morgen ein grofses Geschenk von dem Landesherrn von Satzuma, be-
stehend in Stoffen, lebenden Vögeln, Pflanzen, nach japanischem Geschmacke alles
auf die schönste Weise geordnet. Am Abend kommt der Fürst Nakatsu ganz inkog-
nito zu uns und bleibt bis nach Mitternacht.
Wir boten alles auf, ihn zu unterhalten, und unter Musik, Gesang und Tanz
belustigten wir uns recht herzlich. Einzig in seiner Art war sein Urteil über den
europäischen Tanz, den er mit folgenden Worten mit dem japanischen verglich : ((Die
Holländer», sagte er, ((tanzen wirklich mit den Füfsen, die Japaner dagegen mit den
Händen».
[13. April] Viele Besuche von japanischen Freunden und Doktoren; ich erhalte
viele getrocknete Gewächse, vorzüglich von den ausgezeichnet gebildeten Männern
Katsuragawa oder Botanicus und Wudagawa Joan. Meine Freunde, die Leibärzte des
Sjöguns, machten mir heute einige , interessante Mitteilungen über die Rangstellung
der Doktoren, über die Einteilung nach den besonderen Zweigen ihrer Kunst und
über die Verhältnisse derselben im allgemeinen. Man unterscheidet Ärzte am Hofe
des Sjöguns, Ärzte der Landesfürsten und solche, welche in den Städten praktizieren.
Der erste Rang am Hofe des Sjöguns ist mit dem Titel Höin bezeichnet; diesen
kann nur ein Arzt für innerliche Krankheiten führen. Der zweite Rang, den auch
ein Wundarzt erhalten kann, ist der von Högen; der dritte Hokkjö. Dieser zerfällt
in zwei Klassen, nämlich solche, welche in die Gemächer des Sjöguns kommen, und
solche, welche nur im Vorzimmer sich auf halten dürfen. Erstere heifsen Oku ega
oder Oku isja, letztere Omote ega oder Omote isja (oku == innere, omote = äufsere,
ega — studierter und isja = Arzt). Die angesehensten unter diesen werden Onschi-
otsi jaku genannt. Die Ärzte der Landesfürsten bekleiden entweder den Rang eines
Hofbeamten oder sie verschaffen sich den Titel Högen oder Hokkjö. Die Einteilung
in Oku und Omote isja besteht auch am Hofe der Landesfürsten. Ärzte von Fürsten,
auch ausgezeichnete Stadtärzte, welchen die Ehre zu teil ward, dem Sjögun vorge-
stellt zu werden, führen den Titel On mimije isja, d. h. sie sind hoffähig, wörtlich
vor das höchste Antlitz gelangte Ärzte. Alle übrigen praktizierenden Ärzte haben
keinen Rang am Hof, doch erhalten verdienstvolle Männer unter ihnen oft den Titel
Hokkjö, den sie jedoch in der Residenz nicht führen dürfen. Nach den verschiedenen
Fächern der Praxis unterscheidet man:
1. Innerliche Ärzte, Hön dö, auch Nai kwa.
2. Wundärzte, Gen kwa.
3. Kräuterkundige (speziell für Arzneipflanzen), Honzöka.
4. Frauenärzte, Fuzin kwa, zu denen auch die Geburtshelfer (San kwa)
gehören.
5. Kinderärzte, Shöni kwa, und Kinderpockenärzte, Hösöka.
6. Augenärzte, Gan kwa oder Me isja.
7. Mundärzte (Zahnärzte), Kötsju kwa.
8. Beinbruchärzte, Sei kotsu ka oder Hone tsugi isja.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
iSj
9. Nadelstecher, Sin si oder Hari isja.
10. Moxabrenner, Kiusi (jap. Tesasi) und
11. Muskelkneter, Ama tori oder Dö in.
Man unterscheidet solche, welche die Muskeln mit den Händen, und solche,
welche sie mit den Füfsen bearbeiten.
Ärzte höheren Ranges tragen dasselbe Kostüm wie alle vornehmen Japaner,
und die Leibärzte des Sjöguns und der Fürsten auf ihrer Staatskleidung das Wappen
ihrer Herren und zwei Säbel, wie sie Offizieren und überhaupt dem Adel zukommen.
Innerliche und Frauenärzte haben den Kopf kahl geschoren, Chirurgen und ihre übrigen
Kollegen jedoch ungeschoren und tragen das Haar von allen Seiten nach dem Wirbel
hin gekämmt, zusammengebunden und in ein der Nationalfrisur ähnliches, nach oben
gekehrtes Zöplchen endigend. Die Tonsur erklärten meine Freunde als ein Erfordernis
der Reinlichkeit für Ärzte, die mit vornehmen Herren und Damen in Berührung
kommen. Es ist ganz die Tonsur der Buddhapriester, mit welchen die Heilkünstler
vom benachbarten Festlande übergesiedelt sind, und die Frisur der äufserlichen Ärzte
ganz die der Chinesen und Koreaner, zu Zeiten der Chin-Dynastie (555 — 584 n. Chr.),
W'O bekanntlich Kunst und Wissenschaft unter dem Geleite des Buddhadienstes in
Japan eingezogen sind.
Ich finde, dafs man viel zu viel Umstände mit den Oberbanjoosten macht und die
Gesandtschaft ihre Würde diesen Herren gegenüber nicht genügend zu wahren versteht.
Heute entstand in der Stadt eine Feuersbrunst, und es wurde mir bei dieser Gelegen-
heit erzählt, dafs man das Jahr als ein glückliches bezeichnet, wo nur drei Strafsen
(Quadrat Tsjö — 3 Hektar) abbrennen.
| 14. April. J Nehmen Observation für Länge mit Chronometer, können jedoch,
da die Sonne bereits zu hoch steht, mit dem künstlichen Horizont und unserem
Sextant keine Mittagshöhe mehr nehmen. Beschliefsen daher, mittags Observationen
zur Berechnung der Breite anzustellen. Nachmittags viele Besuche von Japanern.
Eine Deputation des Landesherrn von Satzuma. Einige vornehme Kranke. Die Ge-
schenke für den Sjogun und den Erbprinzen sowie für die Reichsräte werden ab-
geschickt.
[15. April. ] Abends feierlicher Besuch vom Landesherrn von Nakatsu und Satzuma,
bekommen hübsche Geschenke. Die Fürsten bringen den gröbsten Teil des Abends
bei uns zu, sich mit Musik, Gesang, Büchern, Instrumenten u. dgl. unterhaltend. Der
alte Fürst ersucht mich, dafs ich ihn unter meine Schüler in der Natur- und Heil-
wissenschaft aufnebmen und ihm eine kurzgefafste Behandlungsweise der gefährlichsten
japanischen Krankheiten bearbeiten möchte. Er bringt einen Vogel mit, den ich so-
gleich, seinem Wunsche entsprechend, ausbalge und aufsetze, was dem Greise viel
Vergnügen bereitete. Ich biete den Fürsten ein ansehnliches Geschenk an, welches
sie mit Dank annehmen. Der alte Fürst giebt mir hierauf seinen eigenen Fächer,
den er einst vom Mikado zum Geschenke erhalten. Die beiden Fürsten hatten mich
schon früher konsultiert und befanden sich gegenwärtig besser. Die Beifrauen des alten
Herrn, unter welchen sich die Mutter der Gemahlin des Sjöguns befand, waren auch
mitgekommen, und wir bieten unsere Überreste europäischer Galanterie auf, sie gut
zu unterhalten. Ich hatte die Ehre, von einer der vornehmsten dieser Frauen kon-
sultiert zu werden wegen einer Verhärtung an der rechten Brust, wobei man Anstand
nahm, sie entblöfst untersuchen zu lassen. Doch ich erklärte, dafs ich als Arzt wohl
\
1 86 Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
die Genehmigung beanspruchen müfste, die Untersuchung auf europäische Weise vor-
zunehmen. Es war ein liebenswürdiger Familienzirkel japanischer Grofsen, der uns
diese Klasse der Bevölkerung im günstigsten Lichte darstellt. Sittsamkeit, Anstand und
Würde, Herzensgüte, Aufrichtigkeit, eine rationelle Bildung ohne die geringsten Spuren
von Stolz sprachen sich in dem greisen rüstigen Fürsten, in den Kindern und Frauen
gleichmäfsig aus — kurz Charakterzüge, die alle Achtung eines gebildeten Europäers
verdienen.
Es stellt sich der Opperbanjoost vor, welcher die Obliegenheit hat, die Ge-
sandtschaft am Tage der Audienz zu begleiten. Von einem anderen Opperbanjoost
wurde gemeldet, dafs die für den Sjögun und Erbprinzen bestimmten Geschenke bei
Hofe abgeliefert worden seien. Es wurde für diese Bemühung von ihm eine Bezahlung
von 5 Itsibu liquidiert. Ferner wurden heute mit dem Gouverneur von Nagasaki Ver-
handlungen geführt über die Quantität Kupfer, welche für dieses Jahr uns zur Aus-
fuhr bewilligt werde. Es finden hierüber Vorträge beim Staatsrat statt.
[i 6. April.] Dies candidissimo sane calculo notandus! Japonensis quidam nomine
Mogami Tokunai, per biduum cum nostram quaesivisset societatem, se Mathesi ceteris-
que huic annexis scientiis exhibuit nobis eruditissimum. Expositis diveris matheseos
Chinensis-Japonicae ac Europeae problematibus, nobis sub sanctissimo sigillo silentii
mappas, quibus oceanus Jetzonensis et insula Krafto delineat continebantur per
tempus aliquod ad usum praebuit — thesaurum sane pretiosissimum. Ich füge hier
noch einige Notizen bei, die uns dieser Mogami Tokunai mitteilte. Nach seiner Be-
rechnung gehen etwa 29 japanische Meilen (105 russische Werste) auf einen Breite-
Grad. Auf der Küste der Insel Kurafto (Sachalin) werden die Fahrzeuge von Hunden
fortgezogen, und so bereiste jene unser Freund, von 7 Hunden gezogen. Von Zeit
zu Zeit wirft man denselben Futter aus dem Kahne zu, sie aufzumuntern, doch bei
einem Sturme kann man sie nicht zum Ziehen bewegen.
Die Strafse zwischen der Küste der Tatarei und Kurafto friert im japanischen
zwölften und zweiten Monat zu. Die Ainos laufen Schlittschuhe.
Nach dem Auftauen findet man in der See häufig den Schiffen gefährliche
Eisberge, oft von einer Gröfse von 20 []] Tsjoo mit einem Tiefgang von
1 Tsjoo und 1 — 2 Ken über die See, bei einem Sturme aber noch weit höher
emporragend.
Die hier im Winter herrschende Kälte ist äufserst nachteilig für die Japaner.
Während des Aufenthaltes unseres alten Freundes auf Sachalin im Jahre 1809 (im
zweiten Monat des vierten Jahres von Bunkwa) sind von 105 Menschen 53 den
Einwirkungen der Kälte erlegen. Die Erscheinungen waren eigentümlicher Art, da
bei den Patienten, welche man zur Erwärmung dem Feuer näherte, der Leib auf-
schwoll, und sie starben. Auch auf dem Meere ist das Klima sehr ungesund, und die
Schifisleute leiden häufig an Fiebern und Diarrhoe. Unser Mathematikus blieb sehr
gesund; er afs aufserordentlich viel Seetang (Fucus saccharinus), dessen kühlenden
Einflüssen er sein Wohlsein zuschreibt, während seine Kameraden erhitzenden Reis
und Sake genossen. Die schmälste Stelle des Kanals ist etwa 3 — 5 japanische Meilen
breit und sehr seicht, die See still. Die Tataren, hier Sandaner genannt, kommen
häufig nach Sachalin, von den Japanern Karafuto genannt, wo sie Pelzwerke ein-
tauschen. Die Küste von Sachalin bei diesem Kanal ist äufserst morastig. Auf dieser
Insel ifst man eine Erde, Tetarrotoi genannt, eine Art Porzellanerde. — Die
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
187
Ainos haben einen Himmel, wo ihr Gott thront: Kotan kara kamoi — d. i. Wohn-
ort schaffender Gott. Den Gott der Hölle nennen sie Nitsne Kamoi. Die bekannten
Kämpfe, die unter der Familie bei Todesfällen Vorkommen, finden nur dann statt,
wenn ein Glied der Freundschaft gewaltsamen Todes stirbt. Sie bringen sich alsdann
wechselseitig Wunden am Kopfe bei, die jedoch unbedeutend sind. Wird ein Freund
durch natürlichen Tod dahingerafft, so teilen sie einander weinend den Todesfall mit.
Verliert die Frau eines Ainos ihren Gatten, dann flieht sie ins Gebirge, wo sie in
tiefer Trauer die ersten Tage unter Fasten zubringt. Mit Gewalt wird sie von der
Familie zurückgeholt, die allein zu der trauernden Witwe kommen darf. Begiebt
sich ein anderer Mann zu derselben, dann mufs er eine Strafe bezahlen.
Es wird von dem Oberdolmetscher berichtet, dafs die Kupfertaxe für dieses Jahr
auf 9000 Pikol und für das folgende auf 8000 Pikol festgesetzt worden sei. Diese
Bewilligung sollte aber keineswegs für die Zukunft als Norm dienen, sondern es
niüfste jährlich seitens der Niederländer ein erneutes Gesuch eingereicht werden. Aus
obigem geht hervor, unter welchen erschwerenden, um nicht zu sagen erniedrigenden
Bedingungen die Holländer zum Handelsverkehr zugelassen werden. Abends hatten
wir einige Doktoren des Sjöguns zum Essen eingeladen.
[17. April. j Bringen den Abend mit dem Hofarzte Katzuragawa vulgo Botanikus
und Gentaku, dem Leibarzte eines Landesfürsten, zu, zwei grofsen Freunden der
Niederländer und der europäischen Wissenschaften.
| 18. April.] Erhalten Besuch vom Hofastronomen Globius (unter Globius
ist gemeint Takahasi Sakusajemon), der ebenfalls ein hoher Gönner der europäischen
Wissenschaft ist.
[19. April. | Besuch vom Doktor Botanikus, er äufsert sich, dafs die Stimmung
für meine Absicht, länger in Jedo zu bleiben, günstig sei. Der Fürst von Nakatsu
kommt am Abend zu uns.
[ 20. April.] Ich hatte auf heute Vorlesung über die Anatomie des Auges und
die gebräuchlichsten am Auge vorkommenden Operationen anberaumt. Die Hof-
ärzte wohnen mit Beifall denselben bei. Die Operationen machte ich an einem
Schweine, welches mir die Arzte zum Geschenke angeboten hatten. Schweine-
fleisch ist eine seltene Speise in Jedo. Am Abend hatten wir ein Erdbeben,
welches sich nachts 3 Uhr und bei Anbruch des Morgens wiederholte und zwar in
ziemlich langen, etwa 20 Sekunden anhaltenden Erdstöfsen. Erdbeben in Jedo sind
ziemlich häufig, zehn- bis zwölfmal im Jahre, doch nie so stark, dafs Häuser dadurch
einstürzten.
[21. April.] Ich bringe bereits mehrere Morgen mit unserem alten Freunde
Mogami Tokunai mit Bearbeitung der Jezo-Sprache zu. Unsere Audienz beim Sjogun
wird verschoben, weil ein Sohn desselben plötzlich gestorben ist, Besuche vom Flof-
Nadelstecher Isisaka Sotets und anderen Ärzten und Bekannten.
[22. April.] Erhalte vom Oberbanjoosten mehrere seltene Gewächse; die Be-
günstigungen dieses Mannes für unsere Untersuchungen sind aufserordentlich. Ich
geniefse alle Freiheit und kann ziemlich öffentlich, auch in wissenschaftlichen Gegen-
ständen, deren Bearbeitung früher strenge verboten war, thätig sein und so ungestört
mit unserem alten Freunde die Bearbeitung der Jezo-Sprache, Geographie u. dgl. m.
fortsetzen. Auch mache ich dem Opperbanjoost und dem Unterbanjoost ein ansehn-
liches Geschenk, aus Glas- und Porzellanwaren bestehend.
1 88
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
[23. April.] Die Hofärzte bringen den ganzen Tag bei mir zu; sie eröffnen
mir, doch vorerst noch im geheimen, ihren Wunsch, dafs ich einige Zeit in Je.do
bleiben möchte, und legten einen Plan vor, wie dieses auf eine passende Weise beim
Sjögun durchzusetzen wäre. Ich wurde heute ersucht, eine Aufklärung über die Kinder-
blattern und die Impfung zu geben, wobei ich die Gelegenheit benutzte, einen Plan
zur Einführung dieser grofsen Wohlthat in Japan vorzutragen. Ich erklärte mich auf
Befehl des Sjöguns bereit, die Lymphe von Batavia selbst zu holen und hier die
Impfung einzuführen.
[24. April.] Viele Besuche am Abende von den Hofastronomen, von Freunden
und Bekannten.
[25. April.] Empfange Besuche von Leibärzten des Sjöguns, unter andern von
dem Augenärzte desselben. Ich zeige Werke über Augenheilkunde nebst den be-
treffenden Instrumenten vor. Mache einige Versuche mit Belladonna zur Erweiterung
der Pupille , welche auffallende Erscheinung grofsen Beifall erregt. Der Hof-
botaniker Suigen läfst mich mehrere Rollen Pflanzenabbildungen sehen, sowfle auch
eine Sammlung graphischer Darstellungen der meisten japanischen und chinesischen
Fische und herrlicher Crustaceen. Beifrauen des Landesherrn von Satzuma konsul-
tieren mich.
[26. April.] Mit grofsem Beifall aller anwesenden Hofärzte hatte ich heute
die Operation einer Hasenscharte an einem neugebornen Kinde, und die Vacci-
nation an drei Kindern vorgenommen, diese jedoch mit altem Stoffe, nur um die Art
und Weise des Vaccinierens zu zeigen. Ihre Stimmung für mein längeres Hierbleiben
ist sehr günstig.
[27. April.] Vacciniere wieder zwei Kinder. Abends Besuch vom Fürsten
von Nakatsu.
[28. April.] Man brachte mir heute ein Otterfell, Rako genannt (Lutra marina,
Mustek lutris Linn), wohl die von Oken angeführte Varietät Pusa orientalis,
Oken p. 986, von der Insel Rakosima bei Etrop. Man verlangt 70 Kobang dafür;
diese Otterart soll bis 6 Eufs lang werden. Das obenerwähnte Fell war
4V2 Fufs lang.
[29. April.] Die Hof-Astronomen kamen wieder zum Besuche.
[30. April.] Ich mache dem Opperhoofd offiziell bekannt, dafs die Doktoren
des Sjöguns beschlossen haben, für meinen längeren Aufenthalt zu Jedo bei Hofe ein
Gesuch einzureichen. Sie bringen den ganzen Tag wieder bei mir zu.
[1. Mai.] Ziehen morgens 6 Uhr zur Audienz; die drei Mitglieder der Gesandt-
schaft in Norimonos und die japanische Begleitung zu Fufse. Die Entfernung des
Schlosses von dem niederländischen Hotel beträgt nur 2 Strafsen (Tsjo). Kommen
über eine breite Brücke durch ein grofses massives Thor in die erste Abteilung des
befestigten Schlosses. Der Zug bewegt sich längs den Palästen verschiedener Fürsten
bis zu einer zweiten Brücke, wo wffr unsere Norimonos verlassen und zu Fufse fort-
schreiten müssen. Jenseits der Brücke kommen wrir an ein grofses Thor, innerhalb
dessen sich die Wache der sogenannten Hundertgarden befindet; hier läfst man uns
ausruhen. Es ward uns hier sehr schlechter Thee angeboten, und die ganze Einrich-
tung dieses Lokals, wo man uns auf Holzbänken, die mit chinesischem rotem Filz
bedeckt waren, zum Sitzen einlud, machte auf uns keinen grofsartigen Eindruck. Es
fand sich hier der Gouverneur von Nagasaki, die zwei Fremden-Kommissäre und der
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
189
Kommandant der Wache ein, welche uns bewillkommten. Von hier aus hielten wir
unsern Einzug in das grofse Schlofsthor, wohin ein mit breiten Steintreppen versehener
Weg führt. Das Thor selbst ist mit reichen Schnitzereien versehen und erinnert im
Stile an die buddhistischen Tempel. Beim Eintritt in das Palais wurden wir von
Opperbanjoosten und den Hoflakaien in Empfang genommen, letztere haben sämtlich
kahlgeschorene Köpfe und schwarze, dem Kostüm der Mönche gleichende Kleidung.
Man führte uns in einen Saal, der als Antichambre dient, wo wir nach Belieben
stehen, gehen oder sitzen konnten. Hier kamen verschiedene Mitglieder des hohen
Adels, uns zu begrüfsen; es gilt dies nicht als eine offizielle Handlung, sondern dient
blols zur Befriedigung ihrer Neugierde.
Unter diesen Herren war der Fürst von Jetsizen, ein Verwandter des Sjöguns;
Ji Kamonno Kami, Fürst von Omi; der Fürst von Karatsu, ein früherer Gouverneur
von Nagasaki, mit dem Fürsten von Hirado. Auch befanden sich unter den Neu-
gierigen, wie man sagte, Söhne und Verwandte des Sjöguns, u. a. Hitotsubasi, Tajasu.
Ferner besichtigten uns verschiedene Würdenträger und Kammerherren. Einige unter
ihnen baten uns, holländische Wörter und Sprüche auf ihre Fächer oder auf Papier
zu schreiben, welchem Wunsche wir auch entsprachen.
Hier wurden wir auch schliefslich von dem Gouverneur und den Fremden-
Kommissären aufgesucht, und das Vorstellungsceremoniell entwickelte sich in folgender
Weise: Der Gesandte wird ersucht, sich nach dem Audienzsaal zu begeben, «um das
Kompliment einzuüben». Der Gesandte, von einem Hofbedienten begleitet, macht
sich auf den Weg; uns wird stillschweigend gestattet, ihm auf einigen Abstand
zu folgen. Wir schreiten nach rechts durch eine lange galerieähnliche Passage, welche
mit Holz gedielt ist, darauf durch einen mit Matten belegten Saal, sodann gelangen
wir an einen grofsen Saal, welcher auf den vier Seiten mit einer hölzernen Galerie
umgeben ist. An der zweiten Ecke derselben bleiben die Opperbanjoosten und die
beiden Mitglieder des Gesandtschaftspersonals zurück; der Gesandte geht noch etwas
weiter vorwärts rechts um eine Ecke, wo er ebenfalls stehen bleibt. Er hat nun den
grofsen Audienzsaal, angeblich von 1000 Matten Quadratinhalt, vor sich. Hier er-
scheinen der Gouverneur und die zwei Fremden-Kommissäre, machen eine steife Ver-
beugung, nehmen den Gesandten noch etwa zwanzig Schritte weiter mit sich die
Galerie entlang, wo sich der Gouverneur, das Gesicht saaleinwärts gerichtet, auf den
Matten niederläfst, der Gesandte aber auf den hölzernen Fufsboden der Galerie auf
japanische Weise niederknieen rnufs. Nach einer Pause folgt der Gesandte nun dem
Gouverneur weitere zehn Schritte vorwärts, wo er sich an einem Pfeiler vor einem
kleinen Saale befand, wohin drei mit Matten belegte Stufen führten1. Alles Holzwerk
war künstlich geschnitzt und vergoldet. Man hatte den Ausblick auf einen abge-
1 W^nn es auch nicht ausdrücklich im Journal angeführt ist, so dürfen wir doch annehmen,
dafs auf dieser Estrade sich der Platz befand, wo der Sjogun die Huldigung entgegennahm. Nach der
japanischen, am Hofe des Sjöguns üblichen Etikette wird derselbe nicht auf einem Throne, sondern
auf einem Kissen oder Polster mit untergeschlagenen Beinen sitzend die Audienz erteilt haben, und da
er wahrscheinlich auch sich in geraumer Entfernung von dem auf den Ivnieen liegenden, tief gebeugten
Gesandten befand und womöglich der obere Teil seiner Figur durch eine fast undurchsichtige Bambus-
jalousie bedeckt war, ist es begreiflich, dafs der Gesandte und sein Gefolge ihn gar nicht erblickten,
und daher auch in dem Journal von der persönlichen Erscheinung desselben gar nicht gesprochen
wird. Anmerkung zur 2. Auflage.
190
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
schlossenen Platz, und links von diesem waren die Geschenke auf Tafeln oder den
eigentümlichen, aus weifsem Hinoki, sog. Sonnenbaumholze, verfertigten, Tragbahren
ähnlichen Präsentiertellern geschmackvoll geordnet. Hier mufste der Gesandte zwei-
und dreimal sein Kompliment machen, und zwar nach japanischer Sitte auf den Knieen
liegend und tief sein Haupt verbeugend und zwischen jedem Kompliment sich wieder
aufrichtend. Nach dem dritten Komplimente schritten zwei schöne Jünglinge von
auffallend weifser Gesichtsfarbe bis auf die dritte, mit Matten belegte Stufe herab; es
waren zwei Söhne des Sjöguns. Jetzt mufste der Gesandte noch eine Weile stehen
bleiben und sich von allen Seiten anschauen lassen. Die Hauptprobe der Audienz
war zu Ende, der Gouverneur leitete ihn eine Strecke zurück, worauf die Hofbedienten
ihn wieder bis zum Antichambre geleiteten. Nach einer kurzen Pause wurde das
Zeichen zur Audienz des Gesandten gegeben; der Gouverneur und einige Kammer-
herren geleiteten ihn, die beiden Opperbanjooste und Dolmetscher folgten, und wir
schlichen im geheimen hinterher — sehr ehrenvoll für den Gesandten und seine
beiden Begleiter — . An der zweiten Ecke des Saales blieben die zwei Opperban-
joosten zurück, die Dolmetscher folgten bis zur dritten Ecke, wo der Gesandte einen
Augenblick stehen blieb und von den Fürsten und andern Reichsgrofsen gemustert
wurde. Gleich darauf vernahm man ein leises Zischen: es war das Signal des
Herannahens der allerhöchsten Person. Jeder beeilte sich , den ihm gebührenden
Platz einzunehmen. Nun holte der Gouverneur den Gesandten und führte ihn bis an
den ersten Pfeiler des kleinen Audienzsaals, wo der Oberdolmetscher sich auf der
Galerie zu Boden warf, der Gesandte jedoch noch stehen blieb. Darauf brachte der
Gouverneur, der sich mit den beiden Fremden-Kommissären gleichfalls auf dem Holz-
boden der Galerie niedergelassen hatte, den Gesandten bis an den Audienzplatz, der
einige Schritte weiter nach vorne ayf der Galerie vor den 3 Stufen war, welche mit
Matten belegt waren. Der Gesandte warf sich hier auf die Kniee, tiefgebeugt konnte
er nur die vergoldeten Holzschnitzereien vor sich sehen und von dem Sjögun sah er
nicht einmal denSchatten. Mit einem Male ertönte der Ruf eines Herolds : «Hollanda
capitan!» — der Gouverneur zupfte den in tiefer Prosternation liegenden am Mantel —
die Audienz war vorüber.
Der Gesandte erhob sich vom Eufsboden und begab sich unter vielen und viel-
seitigen Komplimenten nach dem ersten Zimmer zurück, w-o der Gouverneur und die
Fremden-Kommissäre ihm ihre Glückwünsche zu der ihm zu teil gewordenen aller-
höchsten Audienz aussprachen. Hier fanden sich wieder mehrere Fürsten und andere
hohe Persönlichkeiten ein, unter welchen sich auch der jüngste Bruder des Erbprinzen
befand, ein sehr artiger Knabe von 10 — 11 Jahren, welcher bat, ihm einige hollän-
dische Wörter auf Papier niederzuschreiben, was der Sekretär sofort erfüllte. Nach-
dem diese letzte Besichtigung überstanden war, durfte sich der Gesandte mit seinem
Gefolge zurückziehen. Die Ceremonie war beendigt, und wir konnten noch von Glück
sagen, dafs die von Engelbert Kaempfer beschriebene, von Tanzen und Singen begleitete
Privatvorstellung der Niederländer vor dem hinter durchsichtigen Bambusmatten ver-
steckten Hofe inzwischen abgeschafft worden war. Das Portrait des Sjöguns und seiner
Gemahlin sind wir in der Lage, nach japanischen Quellen unter Fig. 20 und 19 zu geben.
Gegen 12 -Uhr verliefsen wir das Palais des Sjögun und begaben uns nach dem
des Erbprinzen, welches eine halbe Stunde von jenem entfernt ist, jedoch noch im
innersten Teile des Schlosses liegt. Ein breiter Weg führt dahin, links von einer
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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hohen cyklopischen Mauer, rechts von einem breiten Wassergraben begrenzt. Wir
kamen über eine breite Brücke und an einer ansehnlichen Wache vorbei; hierauf
nochmals über eine sehr hoch gelegene Brücke, von wo man eine aufserordentlich
schöne Aussicht auf die Stadt, die Umgegend und bis auf die Bai von Jedo hinaus
hat. Im Palais des Erbprinzen wurden wir von den kahlgeschorenen Hofbedienten in
einen Saal geführt, wo der Gouverneur von Nagasaki und die mehrmals erwähnten
Fremden-Kommissäre uns empfingen. Nachdem wir eine Weile geruht hatten, teilweise
zum Zwecke, von der anwesenden Hofgesellschaft genau besichtigt zu werden, wurde
der Gesandte, ähnlich wie bei der Hauptaudienz, aufgefordert, den Platz in Augen-
schein zu nehmen, wo er sein Kompliment zu machen habe. Kurz nachdem er
zurückgekommen, wurde er zur Audienz gerufen, zu welcher er von einem Hofbe-
dienten und einem Dolmetscher begleitet wurde. Auch hier mufste sich das nieder-
ländische «Opperhooft-Gezandt aan den Hof des Kaisers», wie der offizielle Titel lautet,
auf den Holzboden der Galerie niederlassen und ein tiefes Kompliment vor zwei
Staatsräten machen, welche in Vertretung des Erbprinzen in steifer Haltung in einiger
Entfernung auf den Matten safsen. Zur Rechten auf den Matten hatten sich die
Fremden-Kommissäre niedergelassen. Nachdem wir einige Schritte rückwärts bis an
die Thüre gemacht hatten, die zum Antichambre führte, kehrte der Gesandte in diesen
Saal zurück, wro ihn der Gouverneur und die Fremden-Kommissäre wiederum ihre
Glückwünsche zur ehrenvollen Audienz darbrachten. Nachdem wir noch eine Zeit lang
der Neugierde des Hofstaats und anderer vornehmen Leute, worunter auch Mitglieder der
Familie des Sjöguns gewesen sein sollen, ausgestellt waren, durften wir abtreten und
wurden von den obenerwähnten glattrasierten priesterähnlichen Bedienten zur Pforte
geleitet. Diese Hofkreaturen machten auf mich einen sehr ungünstigen Eindruck; auf
ihren bleichen Gesichtern vereinigten sich die Züge gebieterischer Frechheit mit
kriechender Höflichkeit zu einem charakteristischen Bonzenkopfe, den die durch ihre
Isoliertheit auffallend grofsen Ohren, der unruhige Blick und die krampfartigen Zuk-
kungen der Lachmuskeln noch abstofsender machten. Während der wenigen Tage, die
ich nun in dem durch jahrhundertjährige Kultur gebildeten Kreise der höheren japanischen
Gesellschaft in Japan zugebracht habe, kann ich mich der Bemerkung nicht enthalten,
dafs man seitens der Holländer sich gegenüber Personen ganz untergeordneter Stellung,
wie Dolmetschern, Banjoosten, sogenannten Dienern von Landesherren, den Hospites
oder Gastwirten und namentlich diesen Pseudopfaffen zuviel Umstände macht und sich
mit ihnen auf einen zu familiären Fufs stellt.
Dieser Fehler läfst sich aber dadurch leicht erklären, dafs die sonst mit uns in
Berührung kommenden höheren Beamten und Vornehmen durch ihre Zurückhaltung
wenig Sympathie einflöfsen. Zwischen diesen beiden, weit voneinander stehenden
Kreisen des geselligen Lebens, welche wir auf der Reise und in der Hauptstadt kennen
lernen, liegt aber ein dritter sehr angenehmer, unterhaltender und instruktiver Kreis,
jener der Doktoren und Hofgelehrten. Nach diesen beiden Audienzen hatten wir
noch weitere dreizehn zu bestehen, was für einen einzigen Tag eine Aufgabe ist, die
ihres gleichen wohl kaum in der diplomatischen Welt sich finden dürfte. Zuerst zogen
wir aus dem inneren Schlosse in die zweite Ringmauer hinab, wo sich die Paläste der
fünf ersten Reichsräte befinden. Hier hatte sich auf dem ziemlich geräumigen Schlofs-
platze eine aufserordentliche Menge von Neugierigen versammelt, nicht gerade das ge-
meine Volk aus der Stadt, welchem der Zutritt zu diesem Teile des Schlosses verboten ist,
Porträt der Gemahlin des Sjogun. Fig. 20. Portrait des Sjogun.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjögun im Jahre 1826.
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sondern es war meistens das Gefolge der Landesfürsten und anderer Reichsgrofsen, welche
gleichfalls heute Audienz beim Sjögun und dem Erbprinzen hatten, und welches aufser-
halb des Schlofsthores Zurückbleiben rnufste. Das Palais des zweiten Reichsrats lag uns
am nächsten; wir begaben uns dahin zu Fufse in unseren goldgestickten Pantoffeln,
welche wir angelegt hatten, um beim Eintritt in die mit Matten belegten Zimmer
unsere Fufsbekleidung schnell nach japanischer Sitte ablegen und in reinlichen Sammet-
strümpfen einherschreiten zu können. Gewöhnlich führen in diesen Wohnungen drei
oder mehrere Stufen zuerst in eine Art Halle, vorne mit fein poliertem, manchmal
lackiertem Fufsboden und hinten mit Matten belegt, auf denen die Dienst habenden Offi-
ziere und geringere Beamte des Fürsten sich knieend niedergelassen haben; sämtliche
sind in Festgewänder gekleidet. Im Hintergründe sieht man Lanzen, Bogen und
Pfeilköcher trophäenartig aufgestellt, während die langen Säbel auf eigentümlichen
Gestellen erhöht, gruppiert sind. Aus dieser Halle führen breite Gänge, welche
ebenfalls mit Holz gedielt sind, nach den inneren Räumlichkeiten. Man führte uns
unter der Begleitung einiger Hausoffiziere in einen grofsen durchaus mit Matten be-
deckten Saal, wo auf den bereits früher beschriebenen Präsentiertellern die Geschenke
aufgestellt waren. Während wir uns an dieser Stelle auf den Matten niederliefsen,
traten drei Bediente, jeder ein Rauchgerät mit beiden Händen erhoben tragend, in gemes-
senen langsamen Schritten in den Saal herein und stellten dieselben in feierlicher Weise
vor uns hin. Sie zogen sich zurück und brachten bald darauf in gleich feierlicher Haltung
auf eigentümlichen Präsentiertellern jedem der Gäste eine weifse Tasse, in welcher fein
gemahlener Thee, in heifsem Wasser aufgelöst, enthalten war. Jetzt erschienen zwei
Sekretäre des Reichsrats, lassen sich dicht vor uns nieder und entschuldigen ihre
Herren, welche sich noch bei Hofe befänden, und wünschen Glück zur stattgehabten
Audienz beim Sjögun. Der Gesandte macht ihnen nun ein tiefes (leider zu tiefes)
Kompliment, erkundigt sich nach dem Befinden Sr. Excellenz und bat sie im Namen
seiner Herren und Meister (nämlich der Ostindischen, damals nicht mehr bestehenden
Compagnie!) die hier aufgestellten Geschenke annehmen zu wollen. Inzwischen wurde
auch jedem von uns Zuckergebäck auf lackierten kleinen Täfelchen vorgesetzt, und die
Sekretäre baten uns, davon zu geniefsen. Wir kosteten den aus pulverisiertem Thee
zubereiteten Festtrank und versüfsten den herben Geschmack desselben mit den rot-
gefärbten Zuckerwaren, welche die Form von Blumen und allerlei Figuren hatten.
Nach einem wechselseitigen Komplimenten-Paroxysmus, wobei der Dolmetscher hin und
wieder einige Worte übersetzte, und wir uns der hohen Gnade der Herren empfahlen,
zogen sich die beiden Stellvertreter des mächtigen Reichsrats zurück. Wir blieben
sitzen, gleichsam ein lebendes Bild aus der Zeit der alten Ostindischen Compagnie.
Vor uns befand sich eine lange Wand, welche aus Schiebthüren gebildet war, deren
Rahmen an der Stelle des bei uns üblichen Glases mit dünnem Papier beklebt waren.
In dieses dünne Papier waren kleine Öffnungen geschnitten, durch welche wir ver-
schiedene Teile der uns beäugelnden neugierigen Damen des Palastes beobachten
konnten. Man sah abwechselnd die Augen durchschauen, manchmal gelang es, einen
kleinen Mund, einen Teil des Kopfputzes und die grellen Farben der Toilette zu er-
kennen. So liefsen wir uns denn auch unsere sonst peinliche Fage gefallen und
blieben, so lange es gewünscht wurde, mit untergeschlagenen Beinen ruhig auf der
Matte sitzen. Alles, was von unseren Toilettegegenständen sich hergeben liefs, wie
Stöcke, Hüte, Uhren, Ringe, Busennadeln, besonders des Gesandten Degen und Spazier-
v. Siebold, Nippon I. 2. Aufl.
*3
Kostüme des Adels am Hofe des Sjogun
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
195
stock mit dem grofsen goldenen Knopfe, wurden wir höflichst ersucht abzugeben.
Diese Gegenstände wurden hinter den Coulissen eingehend besichtigt. Ich gab meine
Kleinodien ab mit dem Ovidischen Seufzer: Parve, nec invideo, sine me etc. So
spielten wir eine Zeitlang Patience, und ich versuchte in der Phantasie mir aus den
sichtbar werdenden vergoldeten Lippen, geschminkten Wangen, schwarzlackierten
Zähnen und den niedlichen Händchen ein Bild dieser interessanten Damenwelt zu entwerfen,
welche ihrerseits, wenn auch verstohlen, uns genau in Augenschein nehmen konnte.
Unsere Seltenheiten wurden uns dankend mit der Bemerkung zurückgebracht,
dafs die Hüte von denen der alten Holländer verschieden seien und mehr Ähnlichkeit
mit denen der Russen hätten, wie die Damen sich aus der Abbildung der russischen
Gesandtschaft überzeugt hätten; auch sei unser Haarputz ganz anders. Dafs unsere
drei exotischen Köpfe den Damen aufgefallen waren, ist nicht zu verwundern. Wir
waren auch in unserem Typus ganz von einander verschieden. Unser Gesandter, ein
alter in Indien ausgetrockneter Schweizer mit ganz kurz abgeschnittenen grauen Haaren,
Herr Sekretär Bürger, ein schwarzer Lockenkopf von echt kleinasiatischer Rasse, und
der Schreiber dieses, ein alter Würzburger Studiosus, mochten wohl einen fremdartigen
Eindruck auf die Schönen gemacht haben. Es wurde ein japanisches Schreibzeug mit
Tinte und Pinsel gebracht, und wir wurden gebeten, auf Fächer und Papier einige
holländische Sinnsprüche zu schreiben, eine Leistung, mit welcher der Gesandte den
Sekretär beauftragte, und wobei ich auf besonderes Verlangen gleichfalls einige Auto-
graphen hinzufügte.
Nach japanischer Sitte ist es bei solchen Gelegenheiten den Besuchenden ge-
stattet, das ihnen Vorgesetzte Zuckerwerk mit sich nach Hause zu nehmen. Gewöhn-
lich wickeln die Gäste diese Süfsigkeiten in das weiche Papier, auf dem sie vorgesetzt
werden, ein, und lassen sie in ihre weiten taschenähnlichen Ärmel gleiten, wobei sie eine
grofse Gewandtheit entwickeln. Bei unseren feierlichen Visiten wurde dieses Zucker-
gebäck von einem unserer Begleiter, in Gemäfsheit des Kapitels dem Sohne des
Hospes, in grofses Eoliopapier eingepackt. Für jeden Herrn wurde ein besonderes
Paket mit sogenanntem Kompliment-Bindfaden, farbigen und vergoldeten Fäden, zu-
sammengebunden und weggetragen, worauf auch die obenerwähnten Bedienten wieder
erschienen und Tabak- und Tischgeräte in derselben feierlichen Weise, wie beim
Aufträgen, abräumten.
Nun erschienen noch einmal die beiden Sekretäre, und unter gegenseitigen tiefen
Komplimenten, wobei sich die Gesandtschaft dem hohen Gastherrn empfiehlt und für
die Bewirtung dankt, erheben sich endlich die Mitglieder und setzen mit einiger An-
strengung ihre vom langen Knieen eingeschlafenen Beine in Bewegung. So entfernt
man sich aus dem einen Palais und begiebt sich in das nächste, wo ein ähnlicher
Empfang stattfindet. Die eigentümlichen Ceremonial-Kostüme, welche am Hofe des
Sjögun getragen werden, sind unter Eig. 21 abgebildet.
Der Verlauf von etwa einem Dutzend Visiten, welche man nach diesem Cere-
moniell zu machen hatte, wollen wir nicht umständlich erzählen, da sich im allgemeinen
derselbe Vorgang wiederholte. Nirgends fanden wir den Herrn zu Hause, machten
überall den Sekretären tiefe Komplimente, hockten überall auf der Folterbank, neu-
gierigen Blicken ausgesetzt, mufsten immer wieder Tabak rauchen, Thee trinken,
Zuckersachen essen, Denksprüche aufschreiben, unsere Raritäten besichtigen lassen etc.
Endlich kamen wir um 9 Uhr abends, nachdem wir fünfzehn Stunden lang in einem
Aussicht von der Brücke Jetai auf den Hafen und die Stadt Jed
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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ungewohnten Kostüm herumgezogen waren, unter beständigen Verbeugungen auf den
Fersen mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden hatten sitzen müssen, mit heftigen
Kopfschmerzen und verdorbenem Magen in unserer Herberge an — unsere elende
Gesandtschaftswohnung verdient keinen andern Namen. Todmüde wie wir waren,
mufsten wir doch noch ein paar Bediente der Fremdenkommissäre empfangen, welche
im Namen ihrer Herren uns zum Erfolge unserer Audienzen Glück wünschten und
dem Gesandten eine kleine Erfrischung, nämlich eine grofse Kiste mit Eiern und zwei
Riesen-Seefische überreichten.
[2. Mai.] Auf gleiche Weise wie gestern ziehen wir heute um 9 Uhr nach dem
Schlosse, um einem der Gouverneure von Jedo und den von den Holländern Tempel-
herren genannten hohen Würdenträgern (welche in Wirklichkeit nur die Chefs des
Departements für geistliche Angelegenheiten sind) unsere Visite abzustatten. Die Herren
waren angeblich nicht zu Hause, doch bemerkten wir, dafs der zuerst erwähnte Gou-
verneur nicht nur mit seiner Familie im Nebenzimmer inkognito sich aufhielt, sondern
mit den Seinigen zu uns herauskam, um uns in der Nähe zu besichtigen. Er unter-
hielt sich sogar mit uns, doch mufste sein Inkognito auf das strengste beobachtet
werden. Unsere Siebensachen machten wie gestern hinter den Coulissen die Runde,
und hinter den feinen Bambusjalousien konnte man noch deutlicher als bei den Reichs-
räten die weiblichen Gestalten beobachten. Zur Abwechslung wurden uns auch einige
warme Schüsseln vorgesetzt, und wir statt mit Thee mit Sake und Liqueur bewirtet.
Bei den «Tempelherren» wurden wir in einem Saale empfangen, von welchem man
auf den Gerichtshof blicken konnte. Dieser bestand aus einem mit Steinen
belegten Vorplatz , wohin die Angeklagten gebracht und in knieender Haltung
verhört w7erden. Auch hier vertraten die Sekretäre die Stelle ihrer Herren, nahmen
die Geschenke in Empfang und spielten die vorgeschriebene Rolle bei unserer Be-
grüfsung. Mehrere dieser Amtswohnungen befanden sich in dem äufseren Teile der
Schlofsanlagen, welcher dem gemeinen Volke zugänglich ist. Hier entstand nun manch-
mal ein aufserordentliches Gedränge, und unsere Begleiter sowie die ihnen zugeteilten
städtischen Offiziere mufsten öfters Gewalt anwenden, um unseren Sänften die Bahn
zu öffnen. Ich hatte so heftige Kopfschmerzen, dafs ich mich nicht mehr aufrecht
erhalten konnte und noch den gröbsten Teil des folgenden Tages im Bette zubringen
mulste. Am Abende erhielt ich ein botanisches Werk, um es für den Sjogun zu über-
setzen; es war eine dänische Ausgabe des Weimann1.
[3. Mai.] Wir erhielten Besuche verschiedener Doktoren des Sjöguns und Offi-
ziere der Landesfürsten. Ungehindert wurden auch ihre Frauen und Töchter zuge-
lassen, welche sich stets mit einem kleinen Geschenke, einer niedlichen Handarbeit
oder dgl. einführten. Auch der Herr Hospes mit seiner Familie, welche mit jedem
Tage gröfser zu werden schien, kam, uns Glück zu wünschen und lud uns ein, den
Abend in seiner Familie zuzubringen. Ich rnufs heute wirklich mir selbst Vorwürfe
1 Mit dieser Arbeit hatte es eine eigene Bewandtnis; um einen Vorwand zu finden, Siebold noch
länger in Jedo zu behalten, hatten seine Freunde, die Leibärzte, eine Eingabe an die Regierung ge-
macht, sie möchte ihn um eine gröfsere botanische Arbeit ersuchen und zwar um die Übersetzung
des obengenanten Werkes. Der Gesandte wurde amtlich ersucht, Siebold mit dieser Arbeit zu beauf-
tragen, was er auch durch ein Schreiben, welches noch erhalten ist, in Ausführung brachte. Leider
wurde dieser Plan durch eine in den nächst darauf folgenden Tagen zwischen dem Gesandten und der
Regierung ausgebrochene Differenz über handelspolitische Angelegenheiten vereitelt, und Siebold mufste
zu seiner grofsen Enttäuschuug mit der Gesandtschaft nach Nagasaki zurückkehren. Bemerk, zur II. Aufl.
198
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
machen, dafs ich über unsere gesellschaftliche Beziehungen mit den Japanern der unteren
Klassen wie z. B. unseren Gastwirten mich so streng geäufsert habe. Der gute Mann
und seine Familie thaten, man mufs es anerkennen, wirklich ihr Bestes, um uns die
stillen Abende in unserer Einsamkeit so angenehm wie möglich zu gestalten. Es ist
eigentümlich, wie man sich an alles gewöhnen kann. So wurde für uns junge Leute
der Umgang mit dieser liebenswürdigen Familie ein wirkliches Bedürfnis. Wir sehnten
uns schon förmlich, wenn die Abendglocke läutete, nach der Heimkehr des alten Hirten,
nämlich unseres Hospes, mit seiner bunten Herde. Während dieser Zeit wurde unser
Gesandter immer verdriefslicher und schrieb des Abends an einer Philippika gegen die
uns auf Dezima umgebenden Japaner und die dort herrschenden Mifsbräuche. Er
scheint die Absicht zu haben, dieses Schreiben im geheimen in die Hände des Gou-
verneurs von Nagasaki, welcher in Jedo residiert, gelangen zu lassen1 *.
[4. Mai.] Haben Abschiedsaudienz beim Sjögun und Erbprinzen. Gegen 9 Uhr
begaben wir uns in ähnlichem Aufzuge wie bei der ersten Audienz, jedoch in schwarzen
Kostümen, nach dem Schlosse, wo wir wieder bei der Wache der Hundertgarden
ausruhten und von dem Gouverneur und den beiden Fremdenkommissären begrübst
wurden. Um 11 Uhr wurden w7ir nach dem Palaste des Sjöguns durch dieselben
Opperbanjoosten geleitet wie bei der ersten Audienz und im Vorzimmer wiederum
eine Zeitlang zur Schau ausgestellt, wobei uns einige Fürsten, verschiedene Reichs-
grofse und Hof beamte, sogar auch einige Verwandte des Sjöguns besichtigten. Hier
fand wieder die übliche Begrüfsung durch den Gouverneur und die mehrfach genannten
Fremdenkommissäre statt. Der Gesandte wurde auch von ihnen vorschriftsmäfsig auf-
gefordert, mitzukommen, um wdeder eine Generalprobe seines Kompliments an Ort
und Stelle abzulegen, was bald vorüber war. Unterdessen hatten wir die Hofbedienten
ersucht, unseren Gesandten zur Audienz begleiten zu dürfen, indem wir es schimpflich
fanden, allein zurückzubleiben; dieses wurde auch nach Rücksprache mit dem Gou-
verneur und den Grofsen erlaubt, doch nur insofern, dafs wir, während der Gesandte
seine Reverenz vor dem Sjögun machte, am Eingänge des Saales stehen bleiben
m.üfsten, noch immer schimpflich genug. Nach einer kurzen Pause wurde ihm bedeutet,
sich zur Audienz zu begeben; diese nahm in einem nicht weit von unserem Wartezimmer
befindlichen Saale ihren Verlauf, wo auch wiederum auf dem Holzboden der Gallerie der
Gesandte vor den Reichsräten, wTelche sich auf den Matten niedergelassen hatten, auf
den Knieen, wde vor dem Sjögun, eine tiefe Verbeugung machen mufste. Hieraufnahmen
der Gouverneur und die Fremdenkommissäre aus den Händen der Reichsräte einen schrift-
lichen Befehl folgenden Inhalts entgegen, mit dem sie sich dem Gesandten näherten,
denselben Artikel für Artikel vorlasen und durch den Oberdolmetscher übersetzen liefsen.
«Nachdem die Holländer von alters her die Freiheit geniefsen, einmal im Jahre
nach Nagasaki zu kommen und dort Handel zu treiben, sollt Ihr, wie bereits früher
befohlen wmrden, keine Gemeinschaft mit den Portugiesen halten, und sollten wir aus
fremden Ländern erfahren, dafs Ihr mit denselben Beziehungen unterhaltet, so wird
Euch die Fahrt nach Japan verboten werden.
Ihr dürft an Bord Eurer Schilfe keine Portugiesen aufnehmen.
Wenn Ihr ferner in Japan Handel treiben wollt, so sollt Ihr uns durch Eure
Schiffe Nachricht geben von allem, was Ihr erfahren solltet über etwaige Absichten
1 Dieses Vorhaben hat der Gesandte auch später ausgeführt, was Veranlassung gab, die oben-
erwähnten Pläne bezüglich Siebolds Aufenthalt in Jedo zu zerstören.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
199
oder Unternehmungen der Portugiesen gegen Japan. Wir erwarten auch, von Euch
zu vernehmen, ob die Portugiesen irgendwelche Plätze oder Länder besetzen oder zur
Annahme der christlichen Sekte bekehren. Alles, was Ihr in dieser Hinsicht ver-
nehmen solltet, müfst Ihr an die Stadtvögte von Nagasaki bekannt geben. Solltet
Ihr hören, dals die Chinesen mit den Portugiesen im Einverständnis handeln oder
dieselben auf ihren Schiffen überführen, müfst Ihr die Stadtvögte von Nagasaki davon
in Kenntnis setzen.
Ihr dürft keine chinesischen Dschonken, welche nach Japan fahren, wegnehmen,
und in allen Ländern, welche Ihr mit Euren Schiffen besucht, dürft Ihr, falls dort
Portugiesen sind, keine Gemeinschalt mit denselben halten und, falls es Länder giebt,
wo Ihr diese Nation antreffen solltet, so müfst Ihr schriftlich den Namen dieser Länder
oder Plätze durch den Kapitän, der jährlich nach Japan kommt, an den Stadtvogt von
Nagasaki einreichen lassen. Den Liukiuanern, welche Unterthanen von Japan sind,
dürft Ihr keine Schiffe oder Boote wegnehmen. »
Das tief zu Boden gebeugte Haupt etwas zur Seite der Reichsräte gewendet, er-
hebend, antwortete hierauf der Opperhooft-Gesandte: «Ich habe die Befehle verstanden
und werde dieselben den Herren und Meistern zu Batavia bekannt geben». Diese
Antwort melden die Kommissäre den Reichsräten, worauf der Gesandte wieder diesen
ein tiefes Kompliment macht. Die Kommissäre kommen zurück mit der Antwort,
der Gesandte könne sich entfernen1.
Nach diesem Akte begiebt sich der Gesandte nach einer Aufsengallerie, wo ihm
auf drei grofsen Tragbahren Geschenke, nämlich auf jeder sogenannte «Keizerlyke
1 Das oben beschriebene Ceremoniell am Hofe des Sjöguns wird nicht ermangeln, auf den
Leser den Eindruck zu machen, als ob absichtlich dem Vertreter der niederländischen Nation eine er-
niedrigende Rolle zugedacht worden wäre. Es darf aber als Milderungsgrund hier erwähnt werden,
dafs die vorgeschriebenen Verbeugungen auf den Knieen die in Japan üblichen Ehrenbezeugungen eines
Untergebenen gegen einen höher Gestellten waren. Auf dieselbe Weise wurden die japanischen Fürsten
und höchsten Würdenträger vom Sjogun empfangen, und der Sjögun selbst mufste, wenn er sich dem
Mikado vorstellte, auf gleiche Weise mit gebeugten Knieen und tief gesenktem Haupte seinem Souverän
die schuldige Ehrerbietung erweisen; was aber im Ceremoniell allerdings selbst nach japanischer
Etikette für den holländischen Vertreter beleidigend war, war der Umstand, dafs er nicht einmal auf den
Matten seine Reverenz machen durfte, sondern auf gleicher Stufe mit den Beamten niedrigeren Ranges
auf dem Bretterboden der Gallerie niederknieen mufste.
Doch auch hier gingen die Japaner von ihrem Standpunkte aus logisch vor; denn der nieder-
ländische Opperhooftgesandte gab sich ja nicht als den Vertreter seiner Nation aus, er war ja nicht ein
diplomatisch accreditierter Gesandter oder Botschafter, sondern der Agent einer Handelsgesellschaft,
welche Geschenke, m andern Worten Abgaben zu überbringen hatte. Was die Sache noch eigentümlicher
macht, ist der Umstand, dafs er im Namen der niederländisch-indischen Handelscompagnie auftritt, welche
zur Zeit gar nicht mehr existierte, wie auch oben im Journale erwähnt ist. Die niederländisch- ost-
indische Handelsgesellschaft war schon längst aufgelöst worden und zwar im Frieden von Versailles
zwischen England und Holland am 20. Mai 1784, während ihre Besitzungen 1795 als Nationaleigentum
erklärt worden waren. Wahrscheinlich hatte die holländische Regierung, welche nun den japanischen
Handel als Staatsmonopol betrieb, von diesem Umstande der Regierung des Sjöguns gar keine oder
eine sehr unvollständige Mitteilung gemacht, vermutlich aus Besorgnis, die Handelsprivilegien zu ver-
lieren, und so mufste der holländische Vertreter unter dem offiziellen Titel eines Kapitäns, wie er
durch den Herold genannt wird, die Rolle eines Vertreters der niederländisch-indischen Compagnie
weiter spielen und sogar die Erklärung abgeben, dafs er die Befehle, die ihm bei der Abschiedsaudienz
erteilt werden, an seine Herren und Meister, die gar nicht mehr existierten, übermitteln würde. Note
zur 2. Auflage.
200
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Cabaayen», seidene mit Seidenwatte gefütterte Schlafröcke, überreicht werden. Nach
dem Empfange derselben geht der Gesandte auf den bei der Audienz einge-
nommenen Platz zurück und macht ein tiefes Kompliment. Hierauf wendet er
sich wieder zur Gallerie, wo man ihm zwei Tragbahren mit zwanzig solcher Röcke
im Namen des Erbprinzen übergiebt, wofür er in ähnlicher Weise wie zuvor durch
eine tiefe Verbeugung zu danken hat.
Nun erscheinen wieder die Kommissäre und überbringen ihm von den Reichs-
räten die Erlaubnis zur Abreise von Jedo, welche der Gesandte mit einer abermaligen
tiefen Verbeugung entgegennimmt und nun von dem Oberaufseher der kahlrasierten
Bedienten unter wiederholten Glückwünschen nach dem Wartesaale geleitet wird. Eher
erscheinen nun noch einmal der Gouverneur und die beiden Fremdenkommissäre und
sprechen ihre Glückwünsche zum Ablaufe der Audienz aus. Wir blieben nocheinige
Minuten zur Befriedigung der Neugierde der sich einfindenden hohen Herrschaften zurück
und begaben uns hierauf unter Begleitung eines Hofbedienten nach dem Palais des Erbprinzen.
Der Weg war derselbe wie bei der ersten Audienz. Wir warteten im Anti-
chambre nur kurze Zeit, wurden, wie üblich, vom Gouverneur und den Kommissären
begrübst und von der zahlreich anwesenden vornehmen Gesellschaft besichtigt. Der
Gesandte mufste wieder vor den hier anwesenden Reichsräten, wie im Palais des
Sjöguns, seine tiefen Verbeugungen machen. Unter der Voraussetzung jedoch, dafs
er jetzt genügende Übung in den vorschriftsmäfsigen Ehrenerweisungen hätte, wurde
ihm die sonst übliche Probe erlassen, was eine Erleichterung des Ceremoniells war.
Wir, nämlich Herr Bürger und ich, waren jedesmal unter den vornehmen Japanern
dem Gesandten verstohlen nachgefolgt und konnten daher den Hergang bei diesen
Audienzen um so besser beobachten, da wir keine tiefe Verbeugung zu machen hatten.
Diesmal waren unsere Audienzen bei Hofe bald abgelaufen, und wir kamen schon
um i Uhr nachmittags in unsere Wohnung zurück.
Nach Tische wurden die Abgeordneten von den siebzehn hohen Staatsdienern,
an welche namens unserer Herren und Meister, nämlich der Ostindischen Compagnie,
Geschenke überreicht worden waren, als Überbringer der Gegengeschenke angemeldet.
Diese Delegationen, meistens aus zwei Personen bestehend, wurden einzeln empfangen;
sie überreichten die Geschenke nebst einem Verzeichnisse, auf dem der Name des
Gebers stand, und wurden mit Konfitüren ünd Liqueur bewirtet. Jeder derselben er-
hielt beim Abschiede einen Topf Konfitüren, zwei lange irdene kölnische Pfeifen und
ein Päckchen Rauchtabak als Geschenk. Bei diesen Empfängen, welche sich siebzehn-
mal hintereinander in derselben Weise wiederholten, mufste sich der Gesandte genau
dem japanischen Ceremoniell fügen und auf den Matten knieend die Delegierten mit
Verbeugungen begrüfsen. Die überbrachten Geschenke bestanden aus der vorgeschrie-
benen Anzahl seidener Schlafröcke, die einem alten Herkommen gemäfs der Gesandte
sich selbst aneignen darf. Es werden diese Geschenke zu den sogenannten Emolu-
menten des Gesandten gerechnet. Einige dieser Schlafröcke erhielten allerdings auch
die Dolmetscher, die Herren des Gefolges und die auf Dezima zurückgebliebenen
treuen Diener der Compagnie. Auch war es Gepflogenheit (Kapitel), den Vertreter-
innen des schönen Geschlechts, die mit der Sorge für das Hauswesen der Nieder-
länder auf Dezima betraut sind, einige dieser Hofschlafröcke zum Geschenke mitzu-
bringen, wobei sich jedoch diesmal der Gesandte, der bekanntlich ein abgesagter Feind
des Kapitels war, nicht sehr freigebig zeigte.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
201
Gelegentlich der Audienz hatten wir nur Gelegenheit, einen kleinen Teil der Stadt,
des äufseren und inneren Schlosses und des Palastes des Sjogun und des Kronprinzen
zu sehen; übrigens kann ich doch mit Hülfe guter Pläne und infolge mündlicher
Mitteilungen einiges Zuverlässige angeben. Die Pläne erstrecken sich blofs auf die
äufseren Teile des Schlosses; die innere Einrichtung wird selbst für die vornehmsten
Japaner geheim gehalten. Es bestehen wohl die genauesten Pläne vom innern Schlosse
und dem Palaste des Sjogun selbst, doch wohl nur in den Händen des Fürsten von
Mito, der als Vize-Sjögun, Befehlshaber des Schlosses ist. Es glückte mir durch Be-
stechung eines Bedienten des Schl ofs vogtes einen guten Rifs vom Palaste des Sjogun
zu erhalten; aber einen Plan der inneren Festungswerke zu bekommen, war mir, un-
möglich und wird es wohl für alle Zeit bleiben. Um ein Bild des Schlosses zu geben,
müssen wir uns erst überhaupt mit der Bauart der Stadt Jedo bekannt machen.
Man teilt Jedo, wie alle Haupt- und Residenzstädte des Landes, in
a) die eigentliche Stadt, b) die Vorstadt, c) das Schlofs.
Die eigentliche Stadt ist von der Vorstadt durch einen Wall mit Graben ab-
geschieden und durch grofse Thore (Mon) und Brücken (Hasi) wieder verbunden.
Diesen aufserhalb der Thore gelegenen Teil der Stadt, die Vorstadt nämlich, nennt
man Soto, den innerhalb der Thore Utsi, jedesmal den Namen des Thores beifügend,
z. B. Asakusa gomon Soto, Susigai gomon Utsi u. s. w. Die Vorstädte sind bei
weitem ausgedehnter als die Hauptstadt selbst; es befinden sich daselbst viele und
grofse Paläste der Fürsten, Tempel und Magazine, und sie enden unmerklich in
Ländereien, meistens Reis- und Gemüsefelder.
Man rechnet den Umfang der Vorstädte, und da diese rings die eigentliche Stadt
umgeben, also den gröbsten Umfang von Jedo ausmachen, auf 9 Ri1. Da die Stadt
selbst samt dem Schlosse als eine Festung betrachtet wird, so sind auch die Wälle,
Gräben und Thore gut unterhalten. (Ein jedes Thor ist stets von den Truppen des bei
einem etwaigen Brande befehligenden Fürsten besetzt; diejenigen Thore aber, deren
metallene Giebel und Türme aus Nachlässigkeit bei einem Brande zerstört werden, bleiben
zur Schande der dort das Commando führenden Fürsten eine Zeit lang unaufgebaut (z. B.
Koisigawa gomon und Torano gomon i. J. 1826). Eigentlich sind für jedes Thor der Stadt
und des Schlosses (man zählt 36 Thore, wovon jedoch sechs, nämlich die des inneren
Schlosses, auf öffentlichen Plänen nicht verzeichnet werden) zwei Fürsten zur Wache
bestimmt; diese wechseln alle 15 Tage ab, jedoch bei aufserordentlichen Vorfällen,
wie bei Brand, Aufruhr etc., haben beide mit der ganzen ihnen untergebenen Mann-
schaft zu erscheinen. Aufser diesen Wachen bestehen noch einige Kasernen und
Geräte für eine besondere Feuerwehr, Ziu nin hikesi genannt. — Als Anfang der eigent-
lichen Stadt wird die Brücke Nihonbasi, d. i. Brücke des Japanischen Reiches, ange-
nommen, von der aus auch die Entfernung der übrigen Orter von der Residenzstadt
Jedo berechnet wird. Die erwähnte Brücke führt über einen Kanal, welcher mit dem
grofsen Flusse Sumidagawa in Verbindung steht.
Das Schlofs selbst, On siro, wird wieder eingeteilt in das äufsere (Maruno utsi)
und in das innere, und dieses wieder in den Palast, den der Sjogun bewohnt, welcher
Go hon maru heifst, und in jenen Teil, den der Erbprinz inne hat, welcher Nisi maru
genannt wird.
1 1 Ri beinahe 4 Kilometer.
202
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Ein mit hoher schiefauslaufender Mauer und einem Graben versehener Wall
scheidet das äufsere Schlofs von der Stadt und das innere vom äufseren. Der Zugang
wird durch mächtige aus Quadersteinen gebaute Thore mit starken eisenbeschlagenen
Thüren gesperrt. Im Maruno utsi wohnen in gut unterhaltenen geräumigen, doch
nicht durch ihr Äufseres ansehnlichen Palästen die Landesfürsten, und zwar die der
Klasse Fudäi, und zunächst dem inneren Schlosse die nächsten Verwandten und
unmittelbaren Vasallen des Sjögun.
Man rechnet den Umfang des inneren Schlosses, wo der Palast des Sjögun und
der des Erbprinzen, beide an einer erhabenen Stelle mit hohen Mauern und grofsen
Thoren versehen, stehen, auf eine Ri, den des äufseren Schlosses auf zwei, und den
der inneren Stadt auf vier Ri.
Der innere Teil des Schlosses, der vom Sjögun bewohnt wird und von dem Stifter
der jetzt regierenden Linie Jjejasu im Jahre 1606 erbaut wurde, ist nach der europäischen
Befestigungskunst vom Anfänge des 17. Jahrhunderts angelegt, und zwar wahrscheinlich
mit Hülfe des damals am Hofe des Sjögun anwesenden Engländers Adamsz, welcher
früher als Steuermann des holländischen Schiffes de Liefde 1600 an der SO. -Küste
von Japan Schiffbruch gelitten hatte. Auf den Bäumen am Schlofswalle zu Jedo
halten sich häufig weifse Reiher und in den Gräben Cormorane auf, welche in den
fischreichen Schlofsgräben Nahrung suchen; auch sieht man hier hunderte von wilden
Enten und Wasserhühnern. Im NW. des Schlofsgrabens ist das seichte Wasser voll-
ständig mit Lotosblumen bedeckt (Nelumbium speciosum), deren Wurzeln eine be-
liebte Speise bilden. Ein niederländischer Gesandter hatte diese weifsen Reiher,
welche ich als Ardea alba minor erkannt habe, für weifse Raben gehalten!
Der Palast des Sjögun, zu dem eine massive steinerne Treppe führt, entspricht
kaum dem Geschmacke der europäischen Baukunst. Man findet keine übereinander
liegenden Stockwerke, sondern wir erblickten blofs weitläufige einstöckige Gebäude,
zu welchen ein massives, nach Art der Buddhatempel erbautes Portal führt, das in
einem abgeschlossenen Hofe liegt; von diesem breiten Eingang führen geräumige
Gänge nach einfachen unmöblierten Sälen.
Die Säle, welche die Niederländer bei ihrer Audienz besuchen, sind an einem
andern Orte genau beschrieben1. Ich will nur noch anführen, dafs dieser ziemlich
ausgedehnte Palast, 124 Ken (1 Ken = ca. 1,80 Meter) lang und 82 breit, nicht
nur die Wohnung des Sjögun, sondern auch ein Versammlungsplatz anderer am Hofe
dienstthuender Grofsen ist, die samt ihren Bedienten wieder besonders angewiesene
Wohnungen haben.
Kehren wir nun aus dem Palast des Sjögun zurück und werfen noch einen flüch-
tigen Blick auf die Stadt Jedo selbst!
Als Residenz des mächtigen Sjögun, dessen despotische Regierungsform allen
Grofsen des Reiches gebietet, einen beständigen Hof für ihre Familien daselbst zu
halten und selbst einige Zeit mit einem ansehnlichen Gefolge dort zu wohnen, hat
die Stadt eine aufserordentliche Grölse und Bevölkerung erhalten. Man rechnet allein
die bürgerlichen Einwohner, also ohne den Hof und ohne das Militär des Sjögun und
der Fürsten, auf 1 310000, und daher die Gesamtbevölkerung wenigstens auf 1 500000
1 Siehe Skizze der Gesandtschaftsreise als Handleitung des zeitlichen Gesandten in der I. Auflage
des Nippon.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
203
Menschen. In der Stadt zählt man 873 Strafsen, 15 Brücken, 13 Fähren, 20 Kanäle,
163 Anhöhen (Saka), 13 freie Plätze, 8 Landzungen und 4 Lustparks. Der vor-
nehmste Flufs ist der Sumidagawa, aufserdem noch der Nakagawa, und der kleine
Jedo gawa, welcher sich in die Nordkanäle der Stadt Jedo und von da in den Sumida-
gawa ergiefst und endlich mit dem am SO. -Ende der Stadt fliefsenden Furugawa
sich vereint. Die Paläste der Grofsen sind sehr zahlreich, weil jeder Landesfürst drei,
mancher auch sieben und eine noch höhere Anzahl hat. Mehrere dieser Paläste sind
sehr ausgedehnt, besonders die der Fürsten von Kaga, Owari, Kii, Mito u. a. Grofse
Magazine für Reis, Holz u. s. w. nehmen bedeutende Strecken ein. Auch findet man
viele und sehr grofse Tempel, unter andern den Töjeisan, den Sodjozi, den Gogokuzi,
den berühmten Tempel von Asakusa-kwanwon etc. An der Mündung des grofsen
Flufses Sumidagawa, welcher unter dem Namen Todagawa von Osten kommt und
die Stadt von Norden nach Süden durchströmt, befindet sich ein grofser Palast des
Sjogun, Hamagoten genannt, wohin bei einem etwaigen Brande im Schlosse der Sjogun
mit seiner Familie flüchtet. Unter mehreren grofsen öffentlichen Gebäuden verdienen
bemerkt zu werden, die obenerwähnten zehn Kasernen für die Feuerwehr und für die
Löschgeräte, die alte und neue Münze, die beiden grofsen Schaubühnen, viele kleine
Schauspielhäuser, Reitbahnen u. dgl. Die vorzüglichsten Vergnügungsorte sind aufser
den sehr besuchten Schaubühnen der Tempel Asakusa-kwanwon, wo man unter dem
Scheine von Andacht den vielseitigen Vergnügungen beiwohnt, welche nur immer
Gewinnsucht an einem Orte vereinigen kann. Die Brücke Rjögoku (die zwei Länder,
Musasi und Simosa, vereinigt, daher der Name), wo täglich Markt, Tanz, Gaukler-
künste und andere Possen, und im Sommer prächtige, oft sehr kostbare Feuerwerke
stattfinden; der Sumidagawa-Flufs selbst, auf welchem vom nördlichen bis südlichen
Stadtende, namentlich an heifsen Sommertagen, unzählige Lustfahrzeuge kreuzen und
mannigfaltige Scenen der Belustigungen dem auf der Brücke sich drängenden ge-
meinen Volke dargeboten sind. Ja nicht zu vergessen ist die wegen ihrer Üppigkeit
durch das ganze Reich berühmte Strafse der öffentlichen Häuser, Sinjosiwara und
andere, als Fusimimats, Kiömats, Akejumats u. s. w., wo allein mehr als 5000 durch
öffentliche Zettel bekannt gemachte Schönheiten, gegen 80 Theehäuser, eine grofse
Anzahl Gaukler und Gauklerinnen, Samsenspieler und Samsenspielerinnen u. dgl. zu
finden sind.
Diese Vergnügungen dauern mit Ausnahme der Lustfahrten auf dem Sumida-
gawa das ganze Jahr hindurch. Es werden aber auch zu bestimmten Zeiten anbe-
raumte allgemeine Volksfeste gefeiert, wie das Fest Sanwö (d. i. Fest des Beikönigs),
und das Fest Kandamijözin, die jährlich abwechselnd, das eine im sechsten, das andere im
neunten Monat abgehalten werden. Dabei finden öffentliche Aufzüge und Tänze statt,
und der Zug darf selbst in das Schlofs kommen, wo er oft die Aufmerksamkeit der
Grofsen auf sich zieht. Die bürgerlichen Einrichtungen der Hauptstadt gleichen im
allgemeinen ganz denen der übrigen Städte. Die Stadt ist in Tsjö oder Quartiere ab-
geteilt. Jede solche kleine Abteilung hat eine für sich bestehende Verwaltung unter
solidarischer Haftbarkeit der Bürger. Dieses System begünstigt wohl am meisten die
Aufrechterhaltung der Ordnung in dieser so unermefslich grofsen Stadt.
Die ältesten der Strafsenvorsteher , Tsjö-tosijori genannt, bilden eine besondere
Behörde, und diese vereinigen sich unter dem Befehle zweier Statthalter, Matsibugjö.
Alle finanziellen Angelegenheiten leiten die Odaikuan und Gokansjöbugjö. Aufser
204
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
den beiden Statthaltern und diesen besteht ein besonderer Gerichtshof unter dem Vor-
sitze der fünf Zisjabugjö (eigentlich Direktoren der geistlichen Angelegenheiten).
Diese schlichten alle bürgerlichen und gottesdienstlichen Angelegenheiten und üben
auch die Strafrechtspflege für ihre Jurisdiktionen, daher in ihren Palästen eigene Vor-
säle sind, um Missethäter und andere zur Verantwortung geladene Personen zu ver-
hören. Diese Zisjabugjö sind von Adel, haben einen hohen Rang, und aus ihnen
werden gewöhnlich die Staatsräte gewählt. — Eine besondere Aufmerksamkeit ver-
dienen in dieser grofsen Stadt die Anstalten bei Bränden , welche hier ziemlich
häufig und wohl mehr durch absichtliche Stiftung als durch Zufall Vorkommen.
Die durchgehends hölzernen Häuser, die engen Strafsen, die zusammengedrängte
Menschenmasse, Not und Elend begünstigen die Feuersbrünste unendlich, und es
Fig. 23. Höherer Offizier in Feuerwehrausrüstung.
brennen oft Strecken von einer Quadrat-Tsjö (cirka ein Hektar) ab. Deshalb sind
ausgebreitete Löschanstalten und die obenerwähnten Kasernen eingerichtet. Eigen-
tümlich sind die Mafsregeln zur Flucht bei Hofhaltungen grofser Fürsten, die beim
Andrange der Menschenmenge nur zu Pferde geschehen kann, welche zu diesem
Zwecke in den Palästen der Grofsen jeden Augenblick bereit stehen. Den Frauen
der Fürsten sollen ihre Begleiter manchmal mit blofsem Schwerte erbarmungslos den
Durchgang durch die dichtgedrängte Volksmasse erzwingen. Jeder Bürger, oft sogar
der Sjögun, erscheint an dem ihm angewiesenenen Platze, und eine eigene Kleidung
mit leicht in die Augen fallenden Insignien läfst jeden Befehlshaber und Vornehmen
genau unterscheiden. (Siehe Figur 23, höherer Offizier in Feuerwehrausrüstung.)
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
205
Öffentliche Anschläge machen jedes Jahr die Feuerordnungen aufs neue bekannt und
geben die vorzüglichsten Insignien zu erkennen. Feuersbrünste finden in Jedo durch-
gehends häufiger als in anderen Städten statt. Natürlicherweise ist man dadurch
auch mehr an dies unglückliche Ereignis gewohnt, und ein ausbrechender Brand macht
an den nur etwas ferne gelegenen Strafsen nicht mehr Aufsehen als bei uns ein Ge-
witter, und man besteigt die absichtlich auf jedem Hausgiebel angebrachten Altane,
um zu sehen, wo es brennt, und wohin der Wind den Brand wendet. Die komman-
dierten Personen gehen an ihren angewiesenen Posten, und die Familien schlafen sorglos
die Nacht hindurch, bis das näher kommende Feuer sie zu ernsteren Vorsichtsmafs-
regeln antreibt. Brennt einem Bürger sein Haus ab, so wird das ebensowenig zu Herzen
genommen, als wenn uns der Sturmwind einen fruchttragenden Baum entwurzelt.
In einer so stark bevölkerten Stadt sieht man natürlich die Extreme des höchsten
Luxus und der bittersten Armut. Für die Tafel der Fürsten werden aus einem Mafs
Reis nur einige Körner, und zwar die gröbsten und feinsten ausgesucht, nach wieder-
holtem Waschen neuerdings gemustert und, da man von einem Topfe gekochten Reis
nur das Mittelste nimmt, wird mehr als der zwanzigste Teil verschwendet. Ebenso
werden Fische, Gemüse und andere Nahrungsmittel, sowie Getränke bei den Hofhal-
tungen vergeudet. Dagegen lebt die ärmste Klasse der Bettler nicht einmal in
menschlichen Wohnungen, sondern mufs bei der Winterkälte ein jammervolles Dasein
fristen. Eine gröfsere Armut als gerade in Jedo und ein gröfserer Luxus findet sich
nirgends im Reiche. Die Nahrungsmittel stehen in einem sehr hoben Preise, wohl
fünfmal höher als in andern Hauptstädten der Provinzen des Reiches.
Der grofse Bedarf an Viktualien steht im Verhältnis zu der ungemein starken
Bevölkerung und dem grofsen Aufwande der daselbst hof haltenden Fürsten. Zwar
läfst jeder Fürst die vorzüglichsten Lebensmittel aus seinem Lande kommen, indessen
ist man hauptsächlich auf den zur See und auf dem Sumidagawa eingeführten Reis,
sowie auf den Fischfang angewiesen, und es wird sogar behauptet, dafs eine kaum
wochenlange Unterbrechung der Zufuhr zur See nach dem Hafen von Jedo einen be-
deutenden Druck auf die Höfe der Grofsen ausüben und eine Hungersnot unter der
armen Volksklasse zur Folge haben würde, ein Umstand, der in politischer Hinsicht
von der gröbsten Wichtigkeit zu sein scheint. Mit der Bevölkerung und Teuerung
der Lebensmittel steht auch die Industrie und die durch dieselbe bedingten Erwerbs-
zweige im Einklang, und so wurde Jedo auch die Stätte von Kunst und Gewerbe.
Weniger günstig ist es hier für die Wissenschaften bestellt, obgleich man nicht ver-
kennen kann, dafs die europäischen Wissenschaften hier ein bleibendes Asyl gefunden
haben. Auch wird die Akademie der chinesischen Wissenschaften für eine der besten
im Reiche gehalten. Die despotische, auf ewigem Kriegsfufse stehende Regierung
des Sjogun und die Zerstreuungen und Ausschweifungen der grofsen Stadt sind ernsten
Studien und wissenschaftlichen Bestrebungen nicht förderlich.
O
[5. Mai.] Bekommen einen Besuch vom alten Fürsten von Satzuma. Ferner
erscheinen die Astronomen und Doktoren des Sjogun offiziell bei der Gesandtschaft,
um einige wissenschaftliche Fragen vorzulegen; denn bisher waren dieselben nicht im
amtlichen Aufträge erschienen. Auch eine Art Chef der kahlköpfigen Hof bedienten
stellte mit einer zahlreichen Gesellschaft sich ein. Bezüglich des Ceremoniells beim
Ausgang des Gesandten zu offiziellen Visiten in Jedo, möchte ich hier erwähnen, dafs
ihm, in Nachahmung der bei japanischen Würdenträgern üblichen Abzeichen, folgendes
20 6
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
nachgetragen wird: Ein Riesensonnenschirm, sein Degen, Stock, zwei kolossale vier-
eckige Koffer, sogenannte Hassan bako. Es folgen ihm zwei Ober- und Unterlakaien,
die Dolmetscher, der Hospes oder sein Filius, der Ober- und Unterbanjoost, so dafs
der Aufzug ziemlich bedeutende Dimensionen annimmt, aber gegen den Pomp der
einheimischen Fürsten, welche mit hunderten von Mannschaften, prachtvollen Waffen,
Paradepferden einherziehen, sich ziemlich unbedeutend ausnimmt.
[6. Mai.] Besuche von Doktoren des Sjögun und der Landesherren. Ich er-
hielt günstige Nachrichten über meine Aussichten zu einem längeren Aufenthalte
zu Jedo.
[7. Mai.] Abends Besuche vom Landesherrn von Nakatsu. Geschenk von Ge-
rätschaften zur Falkenjagd. Besuch vom Astronomen Globius, Takahasi Sakusajemon,
der mir herrliche Karten über Jedo und Sachalin vorzeigte; die Strafse Sangar heifst
Tsugar. Die Strafse zwischen Sachalin und der Ausmündung des Amurflusses heifst
Mamijanoseto. Bekomme das Versprechen1, durch ihn alle geographischen Arbeiten
über diesen Archipel zu erhalten, desgleichen das Journal eines Japaners Mamia Rinzö
über seine Reise nach Santang und eine Beschreibung von Sachalin. Adele Astronomen
o O
kommen heute offiziell zum Besuche.
[8. Mai.] Viele der Hofärzte fanden sich zum Besuche ein. Ich höre, dafs die
chinesischen Ärzte gegen meinen längeren Aufenthalt in Jedo intriguieren.
[Vom 9. bis 14. Mai.] Aufserordentlich viele Besuche von Freunden und Be-
kannten.
[15. Mai.] Ich gebe eine Abschieds-Partie zu Ehren der Hofärzte. Globius
(Takahasi Sakusajemon) kommt, mir die schönsten Karten von Japan zeigend, und
verspricht mir, dieselben zu besorgen; hat auch später Wort gehalten.
| 16. Mai.] Erhalte ein Schreiben von den Hofärzten, woraus ich ersehe, dafs
der Sjögun ihr Gesuch betreffs meines längeren Aufenthaltes zu Jedo abgeschlagen hat.
[17. Mai.] Es wird endlich auf Morgen unsere Abreise von Jedo anberaumt.
Rückreise von Jedo bis Kioto.
Übersicht. Abreise von Jedo. — Zug der Landesfürsten von Ise. — Abschied von
mogami Tokunai an der Brücke Sanmaibasi. — Ansicht des Fusiberges. — Karren, mit Ochsen be-
spannt. — Gebirgsflora bei Futsiu. Reise durch das Gebirge Nisisakatoge. — Zeugstoffe aus Dolichos
bereitet. — Stadt Kuwana. — Kastell. — Flora des Gebirges Sarukejama. — Stadt Ise. — Bambus.
— Herstellung der Dachziegel. — Kioto.
| 18. Mai.] Am Morgen der Abreise erscheinen zwei Opperbanjoosten des
Gouverneurs von Nagasaki und überreichen ein Schreiben, worin dem Gesandten die
besondere Zufriedenheit des Gouverneurs über den guten Verlauf der Mission in Jedo
ausgesprochen wird. Der Gesandte dankt für die ihm erwiesenen Gefälligkeiten, be-
dauert jedoch, dafs die Kupfertaxe (Quantität des zur Ausfuhr bestimmten Kupfers)
für die folgenden Jahre nicht mit Bestimmtheit festgesetzt worden sei; er erwarte
1 Diese Angelegenheit gab später Veranlassung zu der gegen Siebold eingeleiteten Untersuchung
und Haft auf Dezima und Bestrafung des obengenannten Hofastronomen. Die Karten, welche
unter grofsen Schwierigkeiten von Siebold der Wissenschaft erhalten wurden, sind zum gröfsten Teile
in seinem Atlas der Land- und Seekarten von Japan herausgegeben worden. Anm. z. 2. Aufl.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
207
jedoch, dafs diese Bestimmung ihm später zugestellt werde. Die Abreise von Jedo
fand um 9 Uhr statt; die Strafsen waren dicht mit Menschen besetzt. Ich machte
Studien über Farbe und Gesichtsbildung der Bewohner von Tokio, welche keineswegs
einen einheitlichen Charakter tragen. Man sah Personen mit einem hellen Teint und
den schönsten rosenroten Wangen, bei andern spielte derselbe ins Weizengelbe und
Schwärzliche.
Wir zogen über die berühmte Nipponbasi-Brücke, ferner über die Kiobasi-Brücke,
durch die Strafsen vom Sibakutsi-Viertel und durch Kanasuki und die dem Meere
zunächst liegenden Stadtteile Takanawa und Sinagawa. In letzterem bewirtete uns
der 82 Jahre alte Fürst von Satzuma, ein noch rüstiger, munterer, gesprächiger
Herr. Sein Sohn war ein Adoptivsohn, dessen wirklicher Vater einer der Reichs-
räte war. Der alte Fürst sprach auch einige Worte Holländisch und erzählte, dafs
er den früheren Opperhooft Titsingh gut gekannt habe. Hierauf zogen wir an
der Landspitze Susugamori vorbei, wo der öffentliche Richtplatz liegt. Hier war
vor einigen Tagen ein Brandstifter verbrannt worden. Im Dorfe Omori verabschiedet
sich von uns der Prinz von Nagatsu, der zu Pferde vorausgeritten war, um uns
noch zu begrüfsen. Unterwegs bemerkte ich zahlreiche Verkaufsläden mit hübschen
Stroharbeiten, meist Kinderspielsachen, auch Drechsler- und Schnitzarbeiten und
Flechtwerk von dem Blattstielgewebe der Chamaerops excelsa, wahre Weihnachts-
kramläden mit Nürnberger Spielsachen ! Auch waren Muscheln und andere See-
produkte zum Kaufe ausgeboten. Der Verbrauch von Stroh zu Flecht- und Matten-
arbeiten ist in Japan aufserordentlich grofs, vor allem zu Schuhen für Menschen und
Tiere: man sieht oft auf der Landstrafse Haufen von Strohschuhen, welche Reisende
verloren oder abgelegt haben, zu Dünger gesammelt. Die grolse Landstrafse der
Tokaidö, die wir entlang ziehen, ist die besuchteste im Reiche. Mit Ausnahme von
wenigen Gebirgsstrecken bildet diese beinahe eine ununterbrochene Reihe von Städten,
Dörfern und Theehäusern. Gewöhnlich bestehen die Dörfer nur aus zwei Reihen
von Häusern und dehnen sich dadurch so lang aus, dafs ein Dorf an das andere stöfst.
Wir hatten während unseres Aufenthaltes in Jedo öfters eine herrliche Aussicht
auf den Fusi. Besonders in der Morgenkühle, wenn der Gesichtskreis aufgeklärt
ist, scheint sich diese himmelhohe Pyramide gleichsam dem Auge zu nähern; man
erkennt genau seinen alten vulkanischen Charakter, den eingesunkenen Krater auf dem
noch mit Schnee bedeckten Gipfel, und die Narben der Seitenausbrüche in der Form
von Wülsten und Kegeln zeichnen sich mit scharfen Umrissen im reinen Äther ab,
leider nur auf kurze Zeit, denn bald zieht die zunehmende Tageswärme einen weifs-
grauen Schleier über das greise Haupt, und die weifsen Locken verschwinden all-
mählich unter einem Nebelmeer, welches dies Riesenwerk vulkanischer Kraft ver-
hüllt. — Wir passieren die Fähre von Rokugo, erreichen die Ortschaft Kawasaki, wro
wir übernachten.
| 19. Mai ] Bei herrlicher Witterung verlassen wir nach 6 Uhr Kawasaki, ge-
niefsen eine prachtvolle Aussicht auf die Bai und die im jungen Grün prangende Land-
schaft. In den Dörfern Tsurumi und Namamugi wurden noch viele Birnen vom vorigen
Jahre, ganz gut erhalten, zum Verkaufe angeboten. Die Birnbäume werden hier auf
eine eigene Weise gezogen, in tischförmig ausgebreiteten Spalieren. Wir halten Mittag
zu Kanagawa und kommen gegen 5 Uhr nach Fusimi. Man hat Reis vor kurzem
gesät, und die Reisfelder wurden jetzt zum Verpflanzen eingerichtet.
208
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
| 20. Mai. ] Setzen unsere Reise über Hiratzuka und Oiso nach Odawara längs
der Seeküste fort, durchziehen blühende Weizen- und Gerstefelder und kommen im
Dorfe Oiso dem Zuge des Landesherrn von Ise entgegen. Er hatte ein Gefolge von
35 Mann. Nach der Mahlzeit zog der Fürst mit Dienerschaft vor unserem Gasthause
vorbei, Reitpferde und viele Insignien, als Piken, Bogen, Gewehre u. dgl. m. mit
sich führend. Im Zuge herrschte geringe Ordnung. Die Reisen der Landesfürsten
sind wegen der vielen Diener und Beamten mit grofsen Kosten verbunden. Kommen
abends gegen 6 Uhr zu Odawara an. An diesem Tage war die botanische Ausbeute
gering.
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[ 21. Mai.] Unsere Wohnung war nahe an der See, so dafs man das Aufbrausen
derselben deutlich hören konnte; heftiger Wind und Regen gewährten wenig Hoffnung
für eine günstige Reise durch das Hakonegebirge. Doch mit dem anbrechenden Tag
hatte sich die Witterung geändert, und wir verliefsen bei einem etwas schwülen Morgen
Odawara. Mein alter edler Mogami Toknai hatte mich von Jedo bis hierher begleitet,
und nun nahm dieser wackere, verdienstvolle Greis an der Brücke Samaibasi von
Jamasaki von uns Abschied. Von hier aus stiegen wir auf steinigen Wegen bei ab-
wechselnd herrlichen Aussichten das Gebirge hinan. Verschiedene kleine Restaura-
tionen liegen an der Strafse. Ich bemerkte die meisten von Thunberg erwähnten
Genera in Blüte. Der Salamander Sansjöno uwo1 wird hier als Heilmittel verkauft.2
Eine schöne Cypressenallee führt bis an den Gebirgssee beim Dorfe Hakone. Die
Gebirgssperre vor Hakone schien mir nicht besonders befestigt zu sein. Bei
Hakone beobachteten wir Barometer auf 26" 1"', Thermometer 710, Hygrometer
490. Verliefsen um 3 Uhr das Städtchen Hakone, das in einer Vertiefung liegt.
Von hier aus stiegen wir nun noch höher und nehmen bei dem Grenzpfahl zwischen
den Landschaften Idsu und Sagami wieder eine Observation mit dem Barometer,
welches hier bis auf 25" 5'" gefallen war, und kommen mit einbrechender Nacht
äufserst ermüdet zu Mizima an. Der bewölkte Himmel versagte uns heute, die Länge
mit Chronometer zu nehmen.
[22. Mai.] Von Mizima kommen wir nach Numasu, wo vor kurzem einer
unserer Dolmetscher infolge Leibaufsclmeidens gestorben war. — Eine herrliche,
mit Wohlstand verkündenden Bauernwohnungen besetzte Strafse führte uns nach Hara,
wo wir den früher erwähnten Garten aufs neue besahen. Primeln, Paeonien, Iris,
Dianthus, Azaleen im Flor. Kommen am Abend ermüdet zu Kanbara an. Bei be-
decktem Himmel konnte man den Fusi nicht sehen, doch gegen Mittag hatte sich
die Witterung etwas geändert, und wir genossen nun von hier aus eine überraschende
Aussicht auf den hervorragenden Gipfel des noch mit Schnee bedeckten Fusiberges.
Allerdings waren nur die tieferen, abwärts laufenden Furchen dieses Berges mit Schnee
bedeckt und schimmerten als lange weilse Streifen vom Gipfel des Berges bis zur
Hälfte des Rückens herab. Genossen auch den Blick auf die äufserst schöne Land-
schaft am Luise dieses Berges.
[23. Mai.] Setzen unsere Reise nach Futsju fort. Auf dem Wege kommen
uns viele Karren, mit Ochsen bepannt, entgegen; dieselben sind recht plump gebaut;
die Räder durch die vielen Sprossen und den breiten Kranz , der von Sprosse zu
1 Salamandra maxima.
2 Der Salamander wird verkohlt und als Pulver eingegeben.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
209
Sprosse mit einem Zwischenholze verbunden ist, von den europäischen verschieden.
Anstatt des Reifes waren die hervorstehenden Knöpfe auf dem Kranze mit Bambus
überflochten, so den Kranz dichter zusammenhaltend, um der Abnützung desselben
vorzubeugen. Die hier gebräuchliche Art und Weise, die Ochsen einzuspannen, ist
für diese Tiere sehr beschwerlich. Ein an der Gabeldeichsel befestigter Jochbogen
ruht zwischen dem Nacken und dem Buge, wo sich ein ziemlich grofser Wulst ge-
bildet hat, gegen den sich das Joch beim Ziehen ansetzt, und da es sich frei darüber
hin- und herbewegt, ist diese Stelle häufig wundgedrückt. Man bedient sich keiner
Zügel, sondern durch die Nase geht ein Ring, durch den das Tier mittels eines Seiles
geleitet wird. Es werden durchgehends Ochsen verwendet. Um Futsju herum liegen viele
Reisfelder; der vor kurzem auf kleinere Felder gesäte Reis ist eben einige Zoll hoch auf-
gewachsen, und nun richtet man die grofsen Reisfelder zum Verpflanzen her; es ist eine
sehr beschwerliche Arbeit, den überschwemmten, morastigen Grund mit einer Hacke
aufzuhacken und in Furchen zu legen. Wir kamen früh in Futsju an und kauften
daselbst einige Flecht- und Holzarbeiten, die durch ganz Japan berühmt sind.
[24. Mai.] Verlassen am Morgen früh Futsju, setzen über den Flufs Abegawa,
kommen durch gebirgige Gegend und halten zu Fusijado Mittag. In den dichten
Wäldern dieses Gebirges fand ich sehr viele mir noch unbekannte Gewächse, unter
welchen Ahornarten und Atragenen als schöne Zierpflanzen erschienen; auch fand ich
hier häufig den sogenannten Faurus sassafras Ein., der aber kein eigentlicher Laurus
ist. Das Vorkommen dieses Baumes bestätigt wieder die Übereinstimmung der nord-
amerikanischen Flora mit der japanischen. Mit diesem so wirksamen Arzneimittel
machte ich bereits zu Jedo die Hofärzte bekannt. Japan besitzt in seiner Flora einige
der in Europa gebräuchlichsten vegetabilischen Heilmittel, als Valeriana, Rad. China,
Cort. Hyporastan, Mentha, Foeniculum, Calamus und mehrere Umbelliferen. Die Flora
dieses Gebirges war von jener des südlichen Japans verschieden, und man findet
weniger Faurineae, Caric. Myrten, wogegen hier Hydrangeen, Deutzien, Lindera Bu-
malda, Sambucus pubescens, Figustrum, Quercus dentata, Ulmus keaki, Fagus und
Acerarten gröfstenteils die Wälder bilden. Noch denselben Mittag setzten wir unsere
Reise durch die gebirgige Fandschaft über Simada bis an das Ufer des gefürchteten Oigawa-
Flusses fort, wo wir ebenso wie bei unserer Hinreise hinübergetragen wurden. Das
Wasser war etwa 1 Fufs gegen damals gefallen und hatte eine fast milchartige Farbe.
Nun durchstreifte ich das Fabelgebirge Nitsitaka töge und erfrischte mich in den in
demselben befindlichen Theehäusern mit Thee und Ame (einer Süfsigkeit). Herrliche
Aussicht auf die vielhügelige Fandschaft und lustige Unterhaltung mit den artigen
Bergmädchen, die ich mit Ringen und Haarzierraten beschenkte. — In der Abend-
kühle wandelte ich mit einigen meiner Begleiter durch das Gebirge unserem Nacht-
lager entgegen, wo die anderen bereits vor einer Stunde angekommen waren. Bringe
bis tief in die Nacht mit Ordnen und Trocknen meiner botanischen Schätze zu.
[25. Mai.] Gestern war der Bruder meines Zöglings Riosai zu mir gekommen;
ich hatte versprochen, ihn zu Kakegawa zu besuchen. Ich eilte daher frühe dem Zuge
voraus und verweilte einige Zeit bei diesem Freunde, der mich mit Mineralien und an-
deren Naturalien beschenkte. Kakegawa und die umliegenden Dörfer sind wegen
eines Stoffes, der aus Dolychos hirsutus gewebt wird, berühmt. Eben schneidet man
die jungen Spröfslinge dieser Pflanze; sie werden in grofse Bündel gebunden, etwas
gekocht, die Rinde vom Holzkerne abgeschabt, dann in fliefsendem Wasser ausge-
v. Siebold, Nippon I. 2. Aufl.
14
210
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
waschen und von dem Färbestoff gesäubert, in der Sonne getrocknet und gebleicht,
dann zu feinen langen Fäden gerissen und so zu Zeugen verwebt, doch blofs als
Einschufs verwendet. Beim Dorfe Mitsuke fand ich eine Fliegen fangende Drosera,
eine sehr niedliche Sumpfpflanze. Abends spät kamen wir unter sehr heftigem Regen
zu Hamamatsu an. Seit unserer Abreise von Jedo war besonders den Vormittag über
der Himmel durchgehends bedeckt, und so fand ich zu meinem gröfsten Leidwesen
auch keine Gelegenheit, Längenobservationen mit Chronometer vorzunehmen.
[2 6. Mai.] Verlassen sehr früh Hamamatsu; viele weifse und rosenrote Tantalus
erscheinen auf den hier in eine weite Ebene auslaufenden Reisfeldern. Auf einzelnen
erhabenen Erdhügeln wurde Gerste, Vicia Faba, und Brassica orientalis gebaut; ein
herrlicher Weg führte uns nach Maisake, einem langen, übrigens dürftigen Fischer-
dorfe. Hier ruhen wir etwas, setzen sodann mit dem obenerwähnten Fahrzeuge des
Landesherrn nach dem Städtchen Arai über, wo wir Mittag hielten. Von da nach
Sirasuka, von wo aus der Weg durch einen äufserst pflanzenreichen Wald führt. Ich
fand viele seltene Gewächse. Nach kurzer Rast in Tatekawa schlug ich, dem Zuge
vorausgehend, einen sehr anmutigen Seitenweg ein, der nach dem auf einem hohen
Felsen errichteten ehernen Bilde des Gottes Iwaja Kwanwon führte. Hier fand ich
viele seltene Gewächse. Auch fingen wir eine sehr gefürchtete Viper (Trigonoce-
phalus Blomhoffii, japan. Hirakutsi) bei einem See, wo ich eben die Nymphaea blanda
ausnehmen liefs, die hier mit einigen anderen Arten dieser Familie häufig wächst.
Ich mufste mich beeilen, den Zug, der bereits vorausgekommen war, einzu-
holen. Auf einer sumpfigen Wiese sah ich sehr häufig Drosera muscipula wachsen
und seltene Orchideen u. s. w. Ermüdet kam ich gegen Abend in Josida
an, erfrischte mich in einem Theehause und setzte im Norimono die Reise nach Aka-
saka fort. Wir passierten die berühmte Brücke josidabasi über den Flufs Isegawa
582 Pariser Fufs lang. Hatten darauf schlechtes Wetter mit Regen. Bis tief in die Nacht
war ich mit Untersuchen und Trocknen der heute gesammelten Pflanzen beschäftigt.
[27. Mai.] Brechen früh von Akasaka bei starkem Regenwetter auf, kommen
gegen Mittag nach Okasaki, wo wir zu Mittag speisen, gehen über die grofse Brücke
Jahakibasi (ohne die etwa 24 Fufs lange auf dem Wege auslaufende Lehne 912 Pa-
riser Fufs lang), ziehen durch lichte Tannenwälder. In den Seen bei Onohama be-
merkte ich viele Nymphaeen, Castalia blanda Nuphar Kalmiana. Hier wird
viel Gerstenbau getrieben. In den Tannenwäldern bemerkten wir häufig Fasanen.
Gegen Abend erreichten wir Narumi, und erst spät erfolgte die Ankunft in Mia. Hier
kamen mir befreundete Botaniker entgegen und brachten viele getrocknete Pflanzen der
dortigen Flora und Zeichnungen verschiedener Gewächse. Bringe bis 3 Uhr die Nacht
mit Besichtigung und Bestimmung der Naturalien zu. Verbinden uns zu wechsel-
seitiger Korrespondenz, die treulich bis zu meiner Abreise gehalten wurde.
[28. Mai.] Gehen nach 7 Uhr unter Segel nach Kuwana, über die Bucht Miawa-
fusi in der Buchtenzone Sajawatasi westlich steuernd. Wir fuhren auf leichten Fahr-
zeugen ohne Schnäbel. Starker Gegenstrom machte sich bemerkbar. Nach einigen
Stunden hatten wir die gegenüberliegende Küste erreicht und liefen in die Mündung
des Flusses Nabeta, der seinen Lauf von Kiso aus hier endet, ein, WSW. und später
WNW. steuernd. Der Flufs ist etwa 400 Fufs breit und durchgehends nicht über
10 Fufs tief, von W. nach O. strömend mit einigen unbedeutenden Krümmungen. Man
fährt auf kleinen mit einem Segel, Fahrstangen und Rudern versehenen Fahrzeugen,
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjögun im Jahre 1826
21 I
die sich von den übrigen Seefahrzeugen dadurch unterscheiden, dafs sie ohne einen
breitkieligen Schnabel vorne blofs flach abgestutzt sind. In der Mitte des Fahrzeuges,
worauf wir uns befanden, war eine etwa 4 Matten grofse Hütte. Dieses Fahrzeug
war überhaupt größer als die übrigen, welchen wir begegneten. Wir genossen eine
herrliche Aussicht, vom heiteren Himmel begünstigt; vor uns hatten wir das hohe
Land von Nippon, Tatojama, die Landschaften von Nord zu Süd durchlaufend. Gegen
12 Uhr näherten wir uns dem Kastell von Kuwana, an welchem wir dicht vorbei-
fuhren, wobei ich Gelegenheit hatte, die Aufsenwerke in der Nähe zu sehen und zu
bemerken, dafs durch treppenweises Vorrücken der Bastionen eine die andere deckt,
die letzte aber ganz natürlich unbedeckt bleibt, jedoch vom Kastelle selbst, von der
Landseite aus, bestrichen werden kann. Der Flufs läuft durch die Stadt Kuwana
selbst, und bei einem grofsen Zusammenlauf von Menschen, kamen wir in unsern
Gasthof, wo wir Mittag hielten, und setzten unsere Reise nachmittags fort. Die Stadt
machte auf mich einen grofsen und lebhaften Eindruck. Aulser der eigentlichen Stadt be-
merkte ich noch zwei Vorstädte, und diese endeten, wie gewöhnlich, in Dörfern ähn-
lichen Strafsen. Wir kamen durch Gefilde, fruchtbar an Gerste und Rübensaat, durch-
schnitten von hocheingedämmten Flüssen; hin und wieder lichte Tannenwäldchen.
So erreichten wir zu Fufse gegen 8 Uhr Jokaitsi, wo wir übernachteten.
[29. Mai.] Setzen unsere Reise von Jokaitsi über Sono und das Kastell Kami-
jama nach Seki fort. Die Landschaft durchgehends eben. Reisfelder, Gartenbau,
Tannenwälder, hier und da kleine Seen. Verschiedene Nymphaeen beobachtet.
[30. Mai.] Gehe eilends nach Sakanosta voraus, wo ein Bekannter von Dr. Tsjö
Pflanzen und andere Naturalien gesammelt und mir gestern davon Nachricht gegeben
hatte. Finde daselbst unter andern einen sehr grofsen lebenden Triton, einige Kräuter
und Mineralien. Setzen unsere Reise durch das pflanzenreiche Gebirge Sarakajama fort.
Beobachtete viele seltene Gewächse. Herrliche Aussicht, wurden von den Bergmädchen
zu Suruga gut bewirtet. Starker Regen verhinderte mich, tiefer in die Berge zu gehen.
Die Flora dieses Gebirges meistens Eichen, Buchen, Ahorne, Cypressen, Thujen, Sassa-
fras, Aralien, Weigelia, Figustrum, Smilaceen, Deutzia, Taxus bac. (selten), Evonymus,
Mimosa und mehrere mir noch unbekannte nicht blühende Bäume und Sträucher.
Halten zu Tutsijama Mittag, sehen im Dorfe Natsumi viele Springbrunnen und kommen
bei äufserst schlechter Witterung erst spät zu Izibe an.
[31. Mai.] Von Izibe früh aufbrechend kam ich, dem Zuge vorauseilend, nach
Mumenoki, wo die früher erwähnten Medikamentenverkäufer wohnen. Ich hatte dem
Wirte bei unserer Hinreise den Auftrag gegeben, die merkwürdigsten Gewächse der
Umgegend zu sammeln und nach Dezima zu besorgen; zu meinem Vergnügen hörte
ich nun, dafs er bereits vor einem Monat eine ansehnliche Sammlung dahin abgeschickt
hatte, wovon er mir die Fiste überreichte. Hierauf besuchte ich im nächsten Dorfe
einen Mönch, der mir als Botaniker bekannt war, ich fand bei ihm ein hübsches Gärtchen,
worin einige - seltene Gewächse, als Nymphaeen, Aralien, Blahdien, Acer, Filien und
mehrere andere beliebte Pflanzen sich befanden. Wir halten zu Kusatsu in einem
wegen der Nähe des berühmten Wallfahrtstempels von Ise sehr besuchten Städtchen
Mittag. Da wo sich der Weg nach Ise von der grofsen Strafse abzweigt, sind mehrere
mächtige Säulen errichtet, die als Wegweiser dienen. Es befinden sich hier viele
Gasthäuser, an deren Eingang Aushängeschilder mit den vorzüglichsten Göttern von
Ise zu sehen sind.
2 12
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
In Kusats werden ausschliefslich Bambusstöcke verkauft; es sind die Wurzeln
eines Bambus (Bambusa mösö). Diese werden am vorteilhaftesten im Winter aus-
gegraben, sind meist gebogen, mit Öl bestrichen und über Kohlenfeuer getrocknet.
Die Japaner bedienen sich blofs der dünnen zu Stöcken und Reitgerten; die dicken
sind selten rein von Flecken und selten mit gleichen Knoten. Wir ziehen hierauf
über die Setabrücke, wo man eine bezaubernde Aussicht auf den Landsee Biwako
geniefst, kommen durch Zeze, diese meilenlange Stadt mit einem Schlosse, wo ich,
zurückbleibend, den Opperbanjoost antreffe und ihn einlade, mit mir in einem wegen
der herrlichen Aussicht berühmten Theehause sich zu erfrischen, wobei ich mit diesem,
mich so sehr begünstigenden Manne eine sehr angenehme Stunde zubringe. Man il'st
hier als eine besondere Leckerspeise eine Art frischgefangener Karpfen.
Zeze und Otsu gehen beinahe unbemerkt ineinander über; ich durchwandelte
hierauf die langen Strafsen und kam mit einbrechender Abenddämmerung zu Otsu
in dem sehr schönen Gasthause des mehrerwähnten Landesherrn von Nakatsu an,
genofs auf der Zinne des Hausdaches eine herrliche Aussicht bei untergehender Sonne;
der in Streifen auf dem Rücken des Berges Hira erglänzende Schnee bezeugte die Höhe
und nördliche Lage dieses Gebirges. Ich hatte unterwegs eine Ziegelbrennerei besucht, und
nun kam deren Besitzer zu mir, um mir die Verfertigungsweise der Ziegel zu erklären.
Die Dachziegel in Japan sind gut und zierlich gearbeitet und geben den
grofsen Gebäuden und namentlich den Buddhatempeln, deren Dächer im Geschmacke
der Chinesen geschweift sind, ein sehr freundliches Aussehen. Sie werden nicht, wie
in Europa, aus einem Stücke verfertigt, sondern aus mehreren Stücken, dem verschie-
denen Gebrauche entsprechend, zusammengesetzt. Die mehrere Tage lang durch
Treten mit dem Fufse bearbeitete Thonerde ward in viereckige grofse Stücke, nach
dem Verhältnis der zu verfertigenden Ziegeln geformt; darauf schneidet man mit einem
über einen Bogen gespannten Kupferdraht Scheiben von beliebiger Dicke eine nach
der andern ab, diese wrerden auf einem konvexen, die Form der Ziegel haltenden
Brette, Majagata genannt, mit einem breiten Holze geschlagen, und dann einige Zeit
der Reihe nach zum Trocknen aufgestellt; man nimmt dann die einzelnen Stücke,
beschneidet sie auf einem andern konkaven, sich gleich einer Töpferscheibe auf einem
festen Fufse bewegenden Brette, Arasi genannt, und formt so den gewöhnlichen
Dachziegel (Sitsinino narabi); auch werden noch nach Belieben verzierte Ränder und
Köpfe auf einem besonderen Brette (Kiriitta) den Ziegeln beigegeben. Die Formen,
aus Holz gefertigt, werden in den Lehm geschlagen, und durch Bestreuen mit Gips-
mehl das Aufeinanderkleben verhindert. Aufser diesen angeführten Geräten bedient
man sich noch einiger einfachen, als eines gekrümmten Messers, eines gezackten
Holzes, um beim Ansetzen der Ränder die Flächen rauh zu machen, einer Patsche,
eines in Wasser getauchten Leders, um die Ziegeln vollends an den Kanten zu glätten,
u. a. m. Diese Ziegel werden hierauf getrocknet, je 5 aufeinandergelegt und in 3 bis
5 Stunden, je nach der Qualität der Erde, gebrannt. Durchgehends haben diese ge-
brannten Ziegel eine glänzend schwarze, durch die zu ihnen verwendete Erdmasse
bedingte Farbe, welche der bei uns gebräuchlichen Ofenschwärze ähnlich ist. Diese
Ziegel sind äufserst sorgfältig und fein gearbeitet, daher sehr dauerhaft und genau
zusammen passend. Aber eben wegen der mühsamen Art der Herstellung kann ein
Mann nicht mehr als 150 in einem Tage verfertigen. Ich erklärte hierauf dem Ziegel-
meister die Art und Weise, wde man in Europa die Ziegel mittelst eines eisernen, die
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
Form gebenden Randes verfertigt, und er war nicht wenig verwundert, als ich ihm
bedeutete, dafs ein Mann bei uns 600 — 1000 Stück in einem Tage verfertigen kann. Er
hatte mich gut verstanden und wollte versuchen den Eisenrand auf seine Formen anzuwenden.
Am Abende bekommen wir noch einige Besuche von Freunden, Bekannten,
Doktoren u. s. w.
[ r. Juni.] Ziehen morgens in Gala der alten Residenzstadt Kioto entgegen auf
schlechten Wegen und bei unfreundlicher Witterung. Man benützt hier häufig Karren,
von Ochsen gezogen, mit äufserst plumpen Rädern, die bei einem weiten Geleise die
Wege sehr verderben. Man sucht die Stärke und Ausdauer dieser Karren blofs in
dem verdoppelten Verhältnis der Gröfse und Dicke, und so werden dieselben aufser-
ordentlich schwerfällig und massiv. Beim Dorfe Jamasina war man eben beschäftigt,
einen grofsen Baum wegzuschaffen, und den dazu verwendeten Karren, dessen Räder
mit einem mehr als 1Ü2 Fufs dicken Rande versehen wvaren, hätte man von weitem
eher für ein Gerüst als einen Wagen gehalten. Wir erreichten hierauf alsbald die
Vorstadt von Miako, Santzio, wo wir über die Brücken Osansiobasi und Kosansiobasi
diese Residenzstadt erreichten, was wir indessen erst aus dem Munde der uns hier
begrüfsenden Freunde, nicht aber aus dem Aussehen der Strafsen entnahmen, die im
Vergleiche mit jenen von Jedo und Osaka einen bescheidenen Anblick gewähren.
Einige unbedeutende Kaufläden und viele durchgehends schlecht gekleidete Feute waren
alles, was wir sahen. Durch mehrere Strafsen gelangten wir endlich in die früher
von uns bewohnte Herberge.
Aufenthalt zu Kioto und Rückreise nach Osaka.
Übersicht. Kioto. — Statistische Notizen. — Weibliche Bildung. — Hofkleidung. — Toilette.
— Selhofs des Sosidai. — Audienz. — Handelsartikel. Abreise. Viele Sintötempel. — Japanische
Glocken. — Tempel San sju-san-gen-dö. — Bogenschiefsen. — Fahrt auf dem Jodogawa nach Osaka.
[2. Juni. | Bald nach unserer Ankunft besuchten mich meine Freunde und Schüler und
bewiesen durch die erfolgte Besorgung der ihnen früher gegebenen Aufträge ihre Aufmerk-
samkeit für mich. Unter anderm war mir sehr willkommen, zu vernehmen, dafs mein
Schüler Ketara die seltensten Gewächse der Flora um Kioto gleich nach meiner
Abreise gesammelt und in den botanischen Garten nach Dezirna abgeschickt habe.
Auch unser alter Pseudo-Holländer van Gülpen befand sich hier und brachte mir als
alter Theebruder die längst versprochene Abhandlung über das feierliche Trinken des
gemahlenen grünen Thees. Auch besuchten uns die kaiserlichen Ärzte Hikonoske
Riodai und Riözun Siogen und mehrere andere. Ich benutzte die Gelegenheit, um
einige Nachrichten über Kiotö und den hiesigen Hof zu sammeln. Der Erb-
kaiser wird gewöhnlich Kin-ri genannt; auch in der chinesischen Sprache Ten-si,
d. i. Himmelssohn. In den Chroniken führt er den Namen Kin sjö go dai, d. i.
gegenwärtig regierender grofser Kaiser. Der gegenwärtige Erbkaiser ist 24 Jahre
alt1, der Vater des regierenden Kaisers w7ird Sentö2 genannt, der des gegenwärtigen
1 Es war dies der 119. Kaiser, in der Geschichte als Niuko Tenwo bekannt, regierte von
1817—1846. Note zur II. Aufl.
2 Sentö ist eigentlich die Bezeichnung eines Kaisers, welcher dem 1 hrone entsagt hat.
214
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
lebt noch, und ist 60 Jahre alt. Der Erbkaiser kann, wenn er einen Sohn von
*
7 Jahren hat, seine Würde niederlegen und sich in den Ruhestand setzen; so ge-
schah es vor 9 Jahren. Der hervorragendste Würdenträger im Dairi ist der Kambaku
(Reichskanzler).
Der Kambaku steht im Range über dem Sjögun1, der den Rang von Daisin hat,
aber je nach seinen Verdiensten einen höheren Rang erhalten kann. Der Erbkaiser
und alle Grofsen im Dairi werden vom Sjögun mit Revenuen ausgestattet, doch sind
diese im Verhältnisse zu den Einkünften anderer Grofsen des Reiches klein. Der Kin-
ri erhält jährlich nur iooooo Koks, d. i. 1200000 holländische Gulden Im Dairi
befinden sich 6 Beamte des Sjögun, die alle zwischen dem Kinri und dem Sjögun
zu verhandelnden Angelegenheiten betreiben. Die vorzüglichsten dieser Beamten sind
zwei Ontsugibugjö, einer für den Mikado und einer für den Sentö, ferner ein O Dai
kwan, d. i. Rentmeister des Sjögun, auch kann man hier noch anführen den Sjösidai
und zwei Kommandanten des Schlosses Sisjö.
Es besuchen uns zwei äufserst hübsche Mädchen, die eine die Tochter eines Kauf-
mannes, die andere die meines Freundes Hikonoske. Die vornehmen ledigen Frauen
tragen lange Ärmel, sind sehr graciös in ihrem Benehmen und wirklich gebildet in ihrer
Art, sehr nett gekleidet, zieren sich etwas und stellen sich so schamhaft wie unsere
europäischen Fräulein. Schreibkunst, Musik, etwas Poesie machen ihre wissenschaft-
liche Bildung aus, einige verstehen sogar Chinesisch.
[3. Juni.] D ie Stadt Kioto wird von zwei Statthaltern (Matsibugio) regiert,
die vom Sjögun zu Jedo ernannt sind; einer wird der östliche, der andere der
westliche Statthalter genannt. Jeden Monat wechseln sie in der Regierung mit
einander ab und nach 3 bis 5 Jahren werden sie von Jedo aus durch andere abgelöst.
Die erste Person, eigentlich der Stellvertreter des Sjögun zu Miako, ist der Sösidai,
stets ein Fürst mit dem Familiennamen Matsudaira. Dieser behandelt alle Angelegen-
heiten zwischen den beiden Höfen und beaufsichtigt die anderen Fandesfürsten und
alle Fremden, die zu Kioto erscheinen. Auch dieser Würdenträger wird nach 3 bis
5 Jahren gewechselt. Der Kaiser (Mikado oder Kinri) hat nur eine Gemahlin, welche
öfters eine Tochter des K wanbakus, des ersten Grofsen am Hofe ist. Aufserdem hat er
noch eine Anzahl Beifrauen. Unter den männlichen und weiblichen Kindern, sowohl mit
den der Kaiserin als mit den Beifrauen gezeugt, werden verschiedene zu Priestern und
Priesterinnen vornehmer Tempel (z. B. zu Niko) bestimmt. Stirbt der Erbprinz
so kann der jüngere Bruder, wenn er auch schon Priester geworden ist, nachfolgen.
Auch Söhne, mit den Beifrauen gezeugt, können Thronfolger werden. Hat der Mikado
keine männliche Succession, dann nimmt er einen Sohn aus einer Seitenlinie an
Kindesstatt an. Bei der Übernahme der Kaiserwürde finden im Dairi grofse Festlich-
keiten statt, an denen die Stadt Kioto und das ganze Reich teil nimmt. Es kommen
von allen Landesfürsten Gesandte, und die Feierlichkeiten dauern oft ein Jahr lang.
Auch der Jahresname (Nengo) wird bei der Thronübergabe geändert. Jährlich werden
von dem Mikado an den Sjögun und von diesem ah jenen Gesandte abgefertigt.
Im Dairi bewohnt der Mikado einen Palast, im Stile einem Sintötempel ähnlich,
welche alte Religion auch die desselben ist; nach seinem Tode wird er in dem
' Welcher trotzdem von den Niederländern irrtümlich als weltlicher Kaiser bezeichnet wurde.
Note zur II. Aufl.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
2IJ
Tempel Sen ju zi zu Kioto beigesetzt. Der Verstorbene wird als Kami verehrt und
im Andenken erhalten. An den sechs Thoren des Dairi ist eine Wache aufgestellt.
Die vornehmsten Gebäude im Dairi sind der Palast des Mikado, des Sentö, des
Kronprinzen, der Mutter des Mikado und der nächsten Verwandten desselben; aufser
diesen befinden sich daselbst geräumige Wohnungen für die ersten Bediensteten des
Mikado1, wie die des Kanbaku u. s. w. und viele grofse und kleine Häuser der
übrigen Höflinge, ein Lustgarten, ein Hospital und Wohnungen für die Agenten
des Sjogun.
[4. Juni.J Es werden mir verschiedene Vögel zur Ansicht gebracht, unter
welchen eine Art Feldhuhn mit Sporn sich befindet; man verlangt dafür 10 Kobang!
Unterhalte mich den Abend mit meinem Freunde Hikonoske; er läfst seine Hof-
kleidung von zu Hause holen, um mir den Anzug des Kaisers und der übrigen Grofsen
im Reiche begreiflich zu machen. Eine Art Hose, genannt Sasinuki, ein weitärmeliger
Mantel (Kariginu), ein schmaler Schleppmantel (Kiö), eine Schärpe (Isinoobi), eine
Mütze (Jebosi) bilden die vorzüglichsten Kleidungsstücke des Kinri, sowie aller Grofsen
im Dairi. Die Isinoobi dient als Unterscheidungszeichen des Ranges, der Kinri trägt
sie mit Steinen besetzt, der Kambaku mit Schildplatt, die Daizin mit Granaten, niedere
Beamte mit Horn von Büffeln und anderer Tiere, auch mit Steinen u. s. w. verziert.
— Säbel tragen blofs der Kinri und seine ersten Beamten, u. a. die Kambaku, Daizin
u. s. w. und zwar nur einen; auch dieser Säbel hat Abzeichen des Ranges. Bei der
Cour hat jeder Diener im Dairi einen Holzstab (Sjaku) in der Hand, hält ihn jedoch
so, dafs man die Hände wenig bemerkt; mit diesem Stabe zeigt und deutet jeder im
Dairi, ein Gebrauch gleich jenem des Feldherrnstabes. Die Kleidung des Kinri ist
von weifser Farbe; er trägt jedes Kleidungsstück blofs einen Tag, dann giebt er es
zum Geschenke an seine Umgebung. Die Kleidung der Kaiserin, ihr Titel ist
Kogösama oder Nijötei, ist in der Form von der der übrigen japanischen Frauen
verschieden, besonders der Haarputz, der bei andern japanischen Frauen eine so
grofse Rolle spielt, ist hier sehr einfach — die Haare werden blofs nach hinten ge-
kämmt, in Zwischenräumen gebunden und über den Rücken, bis auf die Füfse
und den Grund herab wallend, getragen. Die Beifrauen tragen ein eigenes, hosen-
ähnliches Gewand, das wegen seiner roten Farbe Hinohakoma, d. i. Feuerhose, ge-
nannt wird.
1 Wir haben im Text gewöhnlich die in Europa allgemein gebräuchliche Bezeichnung Mikado
beibehalten, obgleich diese in Japan selbst jetzt nur ausnahmsweise benützt wird. Zur Zeit werden
meistens die aus dem Chinesischen übernommenen Titel Tensi (Sohn des Himmels), oder Tenno
(himmlischer Kaiser), oder Sjudjö (der allerhöchste Herr) angewandt. Es giebt in der Geschichte wohl
kein Beispiel, wo eine regierende Familie ihre Abkunft soweit zurückzuführen im Stande ist, wie die
japanische Dynastie, welche von Zin mu tenwo 660 v. Chr. abstammt. Die wahrhaft göttliche Ver-
ehrung, welche das japanische Volk seinem Herrscherhause zollt, ist daher auch begreiflich. Die hin
und wieder vom Verfasser gebrauchte Bezeichnung « Erbkaiser» ist jedenfalls auch richtig, insofern der-
selbe die Stellung bezeichnet, welche das Oberhaupt der legitimen, erblichen Dynastie, der damals
die faktischen Regierungsfunktionen ausübende Sjogun (von Europäern als Taikun gekannt), bis zur
Restauration der kaiserlichen Gewalt und Abschaffung des Sjögunats im Jahre 1868 einnahm.
Pli. Fr. v. Siebold gebührt das Verdienst, von allen europäischen Forschern zuerst die staatsrecht-
liche Stellung des Mikados richtig erkannt und dieselbe in seinen Schriften vertreten zu haben.
Note zur IE Aufl.
21 6
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
[5. Juni.] Bringe den Abend mit meinem Freunde Hikonoske und dessen liebens-
würdiger Familie zu. Die jungen Damen sind, wie gesagt, äufserst gebildet, und man
kann sich mit ihnen im europäischen Tone recht gut unterhalten. Lebensmittel, Efs-
waren u. dgl. sind in Kioto wohlfeiler als in Jedo, doch im Vergleiche mit andern
Städten noch immer teuer. Sake dagegen sehr wohlfeil und gut.
[6. Juni.] Wegen der Unpäfslichkeit unseres Gesandten wurde die Audienz bei
dem Sosidai und den beiden Statthaltern bis auf heute verschoben. Nachmittags zogen
wir bei herrlichem Sonnenscheine aus unserem Gasthofe nach dem Schlosse dieses
Würdenträgers. Vor unserem Gasthofe hatte sich viel Volk versammelt, das durch-
gehends das Gepräge der Dürftigkeit trug; doch kann man das Publikum bei der-
gleichen Aufzügen nicht mit unserem europäischen vergleichen, wo sich Grofs und
Klein, höhere und niedere Stände durcheinander mengen; hier halten sich die vor-
nehmen Personen bei allen Anlässen, die ein Volksgedränge veranlassen, zurück. Wir
durchziehen erst nördlich, dann westlich die Strafsen von Kioto, welche viel schmäler
und weniger ansehnlich als die von Jedo sind. Es werden vor den Apotheken eben
viele Arzeneikräuter getrocknet, darunter eine grofse Menge von Hirse, die aus China
hierher gebracht wird. Wir durchzogen einen Teil der westlichen Stadt, wo wir in
Zwischenräumen auf Kreuzwegen auf die die Stadt umgebenden Berge eine ziemlich
freie Aussicht hatten. Wir kommen endlich an das Schlofs des Sosidai, welches von
einem nicht sonderlich gut unterhaltenen Wassergraben und einem niedrigen Walle
umgeben ist, auf welchem kaum 6 Fuls hohe Pallisaden eine Schutzwehr bilden. Ein
ärmliches Portal bildet den Eingang, zu welchem jedoch eine hübsche Allee von
Tannenbäumen führt. Hier eröffnet sich eine breite Strafse, die rings um das eigent-
liche Kastell, dessen Mauern und Thore sich uns zeigen, führt. Mit Gewalt mufsten
sich unsere Bedienten und die Träger unserer Norimonos durch das von allen Seiten
andrängende Volk einen Weg bahnen. Wir entstiegen aus unseren Sänften in einer
Staubwolke und traten in den Vorhof des Schlosses, wo rechts die weiblichen
Schönheiten, links Männer und Unterthanen dieses Fürsten uns anstaunten. Nun ging
man in Pantoffeln, ohne Hut, bei einer Hitze von 85° Fahrh., über den mit kleinen
Steinen belegten Hof bis an das Portal des Hauses, zieht dort seine Pantoffeln aus,
macht dem hier in äufserster Steifheit sitzenden Bedienten ein Kompliment und geht
an einer Reihe aufgehängter Bogen, Gewehre und anderer Waffen vorüber; hier
sitzen wieder Bediente, um uns zu bewillkommen, und auch vor diesen macht der
Gesandte auf dem Boden knieend ein Kompliment. Nun geht man strenge nach dem Range
geordnet zu den Matten und hockt sich dort hin, sorgfältig seine Füfse mit dem Mantel
bedeckend Es wird Tabaksgerät, die erste Bewillkommnung jedes in einem Zimmer
sich niederlassenden Fremden, durch ernst aussehende Bedienten gebracht; man wird
selbst steif durch das gezwungene Sitzen. Nun wird gemahlener grüner Thee ge-
reicht, eigentlich Theebrei. Jetzt kommt der Sekretär des Fürsten, dem wir Europäer
wieder auf japanische Art unser Kompliment machen müssen. Es werden in wenig
Worten viele Komplimente gewechselt. Ein längeres Gespräch wäre hier vergebens;
denn der Oberdolmetscher übersetzt doch nur das, was ihm in seinem Komplimenten-
Paroxysmus einfällt, oder besser, was er von alten Zeiten her zu sagen gewohnt ist.
Alles wird sehr leise gesprochen, und dabei jedes Wort des Sekretärs mit einem
wiederholten Ja (He! liehe! he!) als verstanden bekräftigt. Nocli einige abgebrochene
Sätze, bei denen die Witterung eine grofse Rolle spielt, Schliffs der Unterhaltung.
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
217
Hierauf gehen wir in das Audienzzimmer, sitzen hier ultimo loco. Unter ziemlich
starken von den Bedienten als Signal der Ankunft des grofsen Mannes herausgestossenen
Zischlauten erscheint aus einer Seitenthüre der Sosidai, nimmt auf einem erhabenen
Sitze seinen Platz ein, wir beugen den Kopf tief zur Erde, ein an der Thüre
sitzender Herold ruft mit lauter Stimme: «Da kommen zur Audienz die Holländer!»
und zählt der Reihe nach das Gesandtschaftspersonal und die uns begleitenden Dol-
metscher auf. Unser Gesandter drückt durch den Dolmetscher und einen zweiten
Vermittler seine Komplimente aus. Sobald dieses dem Sosidai gemeldet, läfst er sein
Gegenkompliment dem Gesandten überbringen und verläfst hierauf mit seinem Ge-
folge den Saal. Wir werden sodann in einen andern Saal geführt, mit Thee und
Zuckergebäcke bewirtet, und dabei von der Seite durch durchsichtige Matten von den
Frauen des Fürsten und der weiteren Familie beschaut. Es wrnrden uns durch einige
Herren verschiedene Fragen und Aufgaben gegeben, man bringt Uhren, damit wir
bestimmen, von welchem Fände sie sind, ebenso Vögel u. s. w. ; man fragt uns nach
Tag- und Nachtgleiche u. dgl. mehr. Inzwischen bemerkte ich, wie der Fürst selbst
vom Frauengemach aus uns aufmerksam betrachtete. Wir verlassen, nachdem wir eine
Viertelstunde auf diese Weise zugebracht, den Palast des Sosidai, statteten noch den
beiden Statthaltern unsere Besuche auf dieselbe Weise ab und kommen so, von
unseren japanischen Komplimenten ziemlich ermüdet, erst gegen Abend in unsern
Gasthof zurück
Die Strafsen, durch welche wir gezogen waren, hatten durchgehends ein un-
freundliches Aussehen, verrieten keinen besonderen Wohlstand, einige sogar Dürftig-
keit; denn die Häuser waren gröfstenteils schlecht unterhalten, jedoch wechselten viele
Kaufläden und Kramläden miteinander ab. Zum Verkaufe waren ausgestellt: Porzellan,
Tabak und Tabakgeräte, Faternen, getrocknete Fische und Seegewächse, gottesdienst-
liche Geräte, Rosenkränze, alte und neue Kleidungsstücke, Färbestoffe, Fackwerk, Stroh -
arbeiten, Bücher, Säbel, Stoffe, Pinsel, Papier, Eisen-, Messing- und Kupferwaren,
Schach- und andere Spiele, Musikinstrumente, dünnes schlechtes Glaswerk, Stroh-
schuhe u. s. w., ferner grünes Gemüse, Früchte, von letzteren z. B. wenige Mespilus,
Citronen, Aprikosen und getrocknete Früchte. Man benützt hier häufig Karren, die
von einem Ochsen gezogen werden, und durch ein über den Ochsen gespanntes Segel
sucht man denselben gegen die Sonnenhitze zu schützen.
[7. Juni.] Für heute war unsere Abreise bestimmt, und wir ziehen gegen den
Mittag über die Brücke Sansisöbasi, nach dem Tempel Tsjönin. Ein grofses Ge-
bäude, etwa 3000 Matten fassend; die Gedächtnis-Tafel des Begründers der jetzt
regierenden Sjögun-Familie befindet sich daselbst. Von hier gehen w7ir nach dem
Sintötempel Giwon, wo wdr uns in einer Restauration, von aufserordentlich vielen
Zuschauern umgeben, etwras erfrischten, dann ziehen wir nach dem Tempel Kiomisu
von der Sekte Tendai, wo wir eine herrliche Aussicht auf den nordwestlichen
Teil der Stadt haben, die weit ausgebreitet vor uns liegt. Wir erkennen die
Tempel Kodaisi von der Sekte Sen, Daidokusi von der Sekte Singon, Daikösi
von der Sekte Ikkosju, Daiwonsi von der Sekte Sjödö, welche aus den alten
hundertjährigen Baumgipfeln mit ihren breiten massiven Dächern hervorragen.
Von hier führt ein schmales Pfädchen längs einem grofsen, sehr gut unterhal-
tenen Friedhof nach dem netten Tempel Odai, und von da nach dem so berühmten
Tempel Daibutsu, der vor mehreren Jahrhunderten abgebrannt ist. Man zeigt uns hier
2l8
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
noch Überbleibsel aus dem Tempelbrande, als Ringe und Eisen, mit welchen Säulen
und Balken früher verankert waren, ein kolossales ehernes Blatt der heiligen Blume
des Nelumbiums, Dachziegel u. a. m., alles das Gepräge eines grofsartigen Gebäudes
an sich tragend. Wir besuchen die Begräbnisstätte des berühmten Taiko, welche zu
meiner Verwunderung ganz schlecht unterhalten und vergessen zu sein scheint und sehr
einfach ist. Auf einer viereckigen Steinmauer ruht ein etwa 8 Fufs hohes Epitaphium,
das ganz mit einer lebenden Bambushecke umgeben ist. Die Lage ist romantisch
schön. Hierauf erfrischten wir uns in einem in der Nähe gelegenen Theehause
mit Rheinwein und Selterswasser und besahen sodann eine grofse Glocke, die
8 Fufs im Durchmesser hat. Hierauf besuchen wir den Tempel Sansju-san gendö,
einen der ersten Tempel, den Taiko erbaute, berühmt durch die 33333 Götterbilder;
es sind wirklich so viele Figuren vorhanden, 1000 in Lebensgröfse , darunter
eine von kolossaler Dimension. Diese Figuren stehen zehn hintereinander in einer
langen Reihe, in deren Mitte das kolossale Bild aufgestellt ist. Hinter diesem Tempel
pflegen die Grofsen des Reiches mit Bogen zu schiefsen; die Zielscheibe befindet sich
in einem Abstande von 66 Ken.
Wir setzen nach diesem Abstecher unsere Reise nach Fusimi fort, wo mein
Freund Hikonoske mich erwartete. Ich hatte mit ihm noch einiges hinsichtlich
meiner Untersuchungen zu besprechen. Wir speisen hier zu Nacht und schiffen uns nach
Osaka ein und fahren den berühmten Jodo gawa hinab. Man hat hier infolge der häu-
figen Durchreisen der verschiedenen Fürsten Südwest-Japans sehr gut eingerichtete
Fahrzeuge. Sie erinnern an die sogenannten Trekschuiten in Holland, denen sie, was
Komfort anbetrifft, noch den Rang streitig machen können. Die bereits eingebrochene
Nacht entzog uns die Ansicht dieser so herrlichen Landschaft, die schon früher unsere
Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Mit Anbruch des Tages waren wir nicht
mehr weit von Osaka entfernt, was uns die weifsen Türme des Kastells verkündeten,
die hier und da aus der in frisches Grün gekleideten Landschaft hervorblickten. Die
Umgebung der meisten Städte und Vorstädte in Japan hat durch die häufigen Gärten
und Tempelhaine durchgehends den Charakter von weit ausgedehnten Parkanlagen.
Wir schifften unter mehreren grofsen Brücken durch; zu beiden Seiten waren die Ufer
des Flusses mit Häusern besetzt. Wir stiegen, im Innern der Stadt angekommen,
ans Land.
Aufenthalt zu Osaka.
Übersicht. Beschreibung von Osaka. — Schlots — Getreideernte. Sintötempel. - Sumijösi
daimijösin. — Der älteste Buddhatempel Xennosin. — Kolossaler Turm. — Verpflanzung von Garten-
gewächsen. — Kupferbearbeitung. — Schaubühne von Osaka. — Skizze eines Schauspiels.
Osaka, die erste Handelsstadt im japanischen Reiche, liegt am schiffreichen Jodo-
gawa, welcher Flufs, nachdem er einen Teil der Nordseite der Stadt durchströmt, sich
in zwei Arme teilt, nämlich den Asigawa und Kitsugawa, welcher letztere sich wieder
in einige Zweige spaltet, deren gröbster Sirinasigawa heilst, und mit diesen sämtlich in
die See sich ergiefst. Der südwestliche, der See zugewandte Teil der Stadt ist von
vielen Kanälen und Dämmen durchschnitten, deren erstere sich tief in die Stadt hinein
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
219
erstrecken, welche selbst ringsum mit einem breiten und wieder an andern Stellen ziem-
lich symmetrisch mit schmäleren Kanälen umgeben und abgeteilt ist. Im allgemeinen kann
man aus der Bauart dieser grofsen Handelsstadt den Schlufs ziehen, dafs ein grofser
Teil derselben den zahlreich herzuströmenden Gewässern und dem Seestrande ab-
gewonnen ist. Die Kommunikation über die Flüsse und Kanäle ist durch gut unter-
haltene Brücken und noch häufiger durch Fähren erleichtert. Man zählt an 158
Brücken; die merkwürdigsten sind die Tenmabasi, Tenzinbasi und Naniwabasi, alle
drei über den Jodogawa führend. Die Stadt selbst ist in drei grolse Distrikte einge-
teilt: Kitakumi (Norddistrikt), Minamikumi (Süddistrikt), Tenmakumi (Tenmadistrikt).
I111 ersten zählt man 250, im zweiten 261 und im dritten 109 Tsjö oder Stralsen.
An der Nordostseite liegt das berühmte Schlofs, von Taiko erbaut, das jedoch bald
darauf, nach Beendigung des blutigen Bürgerkrieges zwischen Ijejasu und Hidejori,
auf Befehl des ersteren gröfstenteils geschleift wurde. Gegenwärtig steht nur noch
das damalige innere Schlois mit einigen Veränderungen, doch noch so stark befestigt,
dafs es für eine der ersten Festen im Reiche gelten kann; auch geben dessen hell-
blinkender Turm, die hohen Mauern und tiefen Gräben dem Vorübergehenden noch
eine deutliche Vorstellung von dem früher hier bestandenen, wohl fünfmal so grolsen
Schlosse des weltberühmten Kriegers. Das Schlofs von Osaka steht unter dem Ober-
befehle eines Grofsen vom Hofe des Sjogun, der, den Titel Gosjödai führend,
mehrere Jahre hindurch ununterbrochen hier waltet. Das Schlofs selbst ist von den
Truppen dreier vertrauenswürdiger Landesfürsten besetzt. Die erste Abteilung be-
wacht das Thor Omotekutsi, die zweite das Thor Kiobasikutsi und die dritte das
Thor Tamatsukuri-kutsi. Die Soldaten und Offiziere dieser Abteilungen haben aufser-
dem ihre Wohnungen in dem der Stadt angrenzenden Bezirke. Auch der Gosjödai
hat aufiser dem Schlosse einen ansehnlichen Palast, Gosjödai-jasiki genannt.
Die Stadt Osaka wird, so wie die übrigen Städte des Sjogun, durch zwei Statt-
halter und einen Daikwan regiert; jene führen abwechselnd den Oberbefehl über die
Stadt; der eine heifst Higasi-onmatsibugjö, der andere Nisino-matsibugjö, d. i. östlicher
und westlicher Statthalter; beide wohnen in ansehnlichen Palästen unweit des Schlosses
im nordöstlichen Teile der Stadt und üben die Jurisdiktion und Polizei aus; der
Daikwan steht den Finanzen vor. Die Anzahl der Beamten ist bedeutend, und man
zählt sehr viele öffentliche Gebäude in der Stadt.
In einer so bedeutenden Handelsstadt, wo die Schätze des ganzen Reiches sich
anhäufen, bieten sich auch vielseitige Gelegenheiten zu Verbrechen dar; wirkliche
Missethäter sind indessen selten, was man zur Ehre des ganzen japanischen Volkes
sagen mufs, und man rechnet, dafs innerhalb eines Jahres in der Stadt Osaka nur etwa
100 Verbrecher zum Tode geführt werden. Aufser den gewöhnlichen Todesstrafen
fand hier früher das Takenokobiki, Absägen des Halses durch eine Holzsäge, statt. Eine
verschärfte Todesstrafe, bei welcher das Absägen aber nie oder höchst selten ausgeführt
wurde, wenn auch die Schaustellung der Säge als Abschreckungsmittel angewendet
wurde. Auch pflegt man die Köpfe der Enthaupteten oft drei Tage lang zur
Schau auf einen Pfahl zu stecken. Dieses wird Gokumon genannt. — Feuersbrünste
sind auch in dieser grofsen Stadt und vorzüglich im Winter häufig, wo man deren
manchmal 24 in einem Monate gezählt hat.
Die vorteilhafte Lage der Stadt Osaka — auf der einen Seite durchströmt vom
Jodogawa, auf der andern, der südwestlichen, bespült von der See — giebt ihr eigent-
220
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
lieh das grofse Gewicht als Handelsstadt. Sie hat zwei Häfen, einen, und zwar den
gröfseren, an der Mündung des Kitsugawa, den andern an der Mündung des Asigawa;
ersterer ist für die Schiffe, welche von Sikoku, Kiusiu und der Ostküste von
Nippon kommen; letzterer für die Schiffe von Kiusiu und Tsiukoku. Der Hafen am
Asigawa ist jedoch für die Schiffahrt selbst nicht eben sehr günstig, da dessen Untiefen
grofse Fahrzeuge nicht zulassen. Die Anzahl der Schiffe aber, welche daselbst liegen
und in den Asigawa und Kitsugawa einlaufen, ist bedeutend, und man nimmt an,
dafs im Durchschnitte bei tausend gröfsere und kleinere Fahrzeuge in dem Hafen von
Osaka vor Anker liegen. Diese Stadt ist der Centralpunkt des ganzen inländischen
Handels; die vorzüglichsten Produkte der einzelnen Provinzen werden hierher geliefert
und wieder nach allen Teilen des Reiches versandt. Auch der ausländische Handel,
eine so unbedeutende Rolle dieser auch im Vergleiche mit dem inländischen spielt,
findet hier seine Hauptquelle durch die Kupferraffinerien. Es haben die Kaufleute
dieser Stadt den .gröbsten Anteil an dem von den Niederländern und Chinesen be-
triebenen Einfuhrhandel, worin sie, so wie die, Kaufleute von Jedo und Sakai, durch
eigene Privilegien begünstigt werden.
Der Wohlstand von Osaka übertrifft bei weitem den der übrigen Städte im
Reiche, und man zählt eine lange Liste von reichen Bankiers und andern Agenten
auf, und ein grofser Teil dieser Geldmänner lebt als Rentiers von den für Japan
verhältnismäfsig geringen 6 bis 8 Prozent betragenden Zinsen, welche sie von den an
die Landesfürsten gegebenen Anlehen beziehen. So sprach man während meiner An-
wesenheit in Osaka von einem Anlehen von ioo ooo Kobang, also circa einer Million
Gulden, welche der Wechsler Hiranoja-Gohe dem Fürsten von Buzen (Kokura)
gemacht hätte. Überdies hat die Nähe der grofsen Stadt Kioto auf Osaka den gün-
stigen Einflufs, dafs die letztere als Getreidevorratskammer der ebenerwähnten Resi-
denz des Erbkaisers betrachtet wird.
Nicht zu übergehen sind hier die Getreidemagazine und grofsen Märkte dieser
Stadt, unter andern die berühmte Reisbörse auf Tösima, die Börse für Contanten auf
Kitatama, der Fischmarkt auf Sakoba, der Gewürzmarkt u. dgh, vorzüglich aber die
grofsen Reismagazine des Sjögun, für den Fall von Hungersnot und Krieg angelegt.
Da Osaka alle Handelsartikel und somit auch alle Lebensbedürfnisse aus den ersten
Quellen bezieht, so lebt man daselbst im allgemeinen wohlfeil; eine Ursache, wodurch
Vergnügungen jeder Art daselbst in Fülle vereinigt werden, ohne jedoch jenen über-
triebenen in der Residenz des Sjögun herrschenden Luxus, jene Laster der aus Über-
flufs gebornen Langeweile anzunehmen. Es treten daher die nationalen Belustigungs-
plätze im helleren Glanze wie die von Jedo hervor. Mehrere Schaubühnen, die Thee-
häuser und Restaurationen laden zum Aufenthalte ein. Wasserfahrten und mannig-
fache Gaukler und Taschenspieler tragen das ihrige zur allgemeinen Belustigung bei.
Die vorzüglichsten Tempel dieser Stadt sind: Hongwan-zi, Tenmatenzin, Tennozi,
Ködsa und Sumijosi, welcher letztere sehr häufig von Osaka aus besucht wird, eigent-
lich aber zum Gebiete von Sakai gehört.
[9. Juni.] Zugebracht mit Ankauf und Bestellung von Gegenständen, die für
meine Untersuchungen förderlich sind.
[10. Juni.] Wir ziehen nach einigen grofsen, in der Stadt gelegenen Tempeln. Es
ist gerade Flaggenfest, Go gwats no seku. Die Strafsen und Bewohner sehr feierlich, und
in den Kaufläden und Krämereien sind die Güter und Handelsprodukte geschmackvoll
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
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geordnet zur Schau gestellt. Wir ziehen über die Brücke Sinsai, wo die Stadt in
schönen Lustgärten und den so berühmten zu Handelszwecken angelegten Pflanzungen
endet. Hier öffnet sich die Landschaft in eine ausgebreitete Ebene. Es ist gerade
Ernte des Weizens; einige schneiden ihn, andere rupfen diese Getreideart mit den
Wurzeln aus; man streift hierauf auf einem aus Bambus verfertigten Kamm die Ähren
• ab, um das Stroh unverletzt zu erhalten. Diese Ähren werden in der Sonne ge-
trocknet, in einer Fegemühle gesäubert, und so wird bereits auf den Feldern das
Getreide in Körnern eingeerntet. Wir kommen durch mehrere Dörfer, wo man
Pflanzen verkauft. Eben werden Bambus verpflanzt, wozu im Juni die beste Zeit
sein soll. Wir verweilen hierauf etwas in dem Theehause Ten-tsaja, welches einst
in alten Zeiten, der berühmte Taiko besucht haben soll; man zeigte uns im Garten
die Hütte, wo er sich erfrischt hatte.
Wir ziehen sodann weiter durch die Getreidefelder und kommen in ein Thee-
haus Nariwaja, wo uns ein sich weit ausbreitender Tannenbaum (135 Schritte im
Umfange) als Seltenheit der Gartebaukunst gezeigt wurde. Hierauf besuchen wir den
Sintötempel Sumjösi daimijösin, wo von den Frauen der Priester ein Tanz, Kami-
kagura genannt, aufgeführt wurde.
Von diesem Tempel aus gehen wir durch ein ausgedehntes Getreideland; es
werden hier vorzüglich Weizen in drei Abarten, ferner Kürbisse, Sojabohnen, Rettiche
und einige andere Gemüse gebaut. Der Boden ist sandig, aber emsiger Fleifs und
künstliche Nachhülfe macht diese Ebene so fruchtbar.
Man begiefst mit flüssigem Kompost, zu welchem die Bauernfamilien selbst das
meiste beitragen, oder welchen sie in längs der Strafse aufgestellten Gefäfsen von den
vorbeiziehenden Reisenden sammeln. Auch sorgt man durch gegrabene Teiche, welche
mit Ziehbrunnen versehen sind, für genügendes Wasser zum Begielsen.
Wir kommen nun nach dem Tempel Tennosin, einem der ältesten Buddha-
tempel, welcher die Stilart eines Sintötempels aus der frühesten Zeit hat. Hier
steht ein kolossaler Turm ganz aus Holz errichtet. Dr. Bürger und ich bestiegen
denselben bis zum vierten Stockwerke, wohin 77 Treppen führen. Dies Gebäude
scheint durch einen in der Mitte stehenden äufserst dicken Baum, welcher dem grofsen
Maste eines Schiffes gleicht, seine feste Haltung zu erhalten. Ich schätzte die Höhe
des ganzen Gebäudes auf 120 Fufs. Oben bietet sich eine herrliche Fernsicht auf
die ebene Landschaft, wo gerade alles von Menschen wimmelte, teils von Städtern,
welche die Tempel besuchen, teils von Landleuten, die mit der Ernte beschäftigt sind.
Wir afsen in einem sehr feinen, nahegelegenen Theehause zu Mittag und kehrten
nach der Stadt zurück, wo wir noch einige Pflanzenhändler besuchten und die Strafsen
durchzogen, wo man lebende Tiere verkaufte. Ich fand leider bei Ersteren nur wenige für
mich interessante Gewächse. Es ist unbegreiflich, wie die japanischen Pflanzenhändler zu
jeder Jahreszeit ihre Gartengewächse verpflanzen können, so dafs diese, an den Wechsel
gleichsam gewohnt, nicht einmal trauern. Die Erde, in welche solche Pflanzen ein-
gesetzt worden, ist für sie gleichsam ein momentaner Ruheplatz, der ihnen oft nur
einige Tage, oft nur eine Nacht vergönnt ist; denn am Tage werden sie herausge-
nommen und zum Verkaufe umhergetragen. Unter den Tieren fand ich aufser einer
interessanten Gazelle noch Bären, Hirsche, Affen; früher hatte ich hier schon einen Wolf,
(Okame), und einen wilden Hund (Jama inu), eingekauft. Mit dem Unterhalte und Ver-
kaufe dieser wilden Tiere beschäftigt sich ausschliefslich die niedrigste Volksklasse die Jeta.
222
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
[ 1 1 - Juni.] Auf Mittag war die Audienz bei den beiden Statthaltern anberaumt
worden; wir kamen, nachdem wir viele Strafsen durchzogen, an ihre Wohnungen, die
wir hier weit feiner als jene zu Kioto fanden. Die Audienz ging wie gewöhnlich
vor sich, und nach derselben wurden wir auf japanische Weise bewirtet. Von hier
aus gingen wir zu dem Kaufmanne, der das Kupfer für die holländische und chine-
sische Faktorei liefert, und sahen hier die Bereitung des Kupfers durch alle Stufen,
vom Roherz an bis zum Gusse in Barren. Dieser aufserst reiche Mann bewirtete uns
ganz auf europäische Weise und hatte sogar ein holländisches Tafelservice. Auch gab
mir dieser Freund der Niederländer eine kurze Beschreibung der Kupferzubereitung nebst
einer hübschen Sammlung der progressiv hergestellten Produkte, von den rohen Erz-
stufen bis zur gereinigten Kupferbarre. Bei diesem Kaufmanne unterhielten wir uns
sehr gut und begaben uns nachher zu einem Vogelverkäufer, wo wir aufser einigen
Kranichen und Adlern, deren Preise sehr hoch waren, nichts besonderes vorfanden.
Erst spät in der Nacht kamen wir zu Hause an.
[ 1 2. Juni.] Wir besahen heute die berühmte Schaubühne von Osaka. Der
Eingang produzierte sich durch eine Reihe grob gemalter Scenen. Ein finsterer Gang
führte nach dem Schauplatze, welcher ziemlich grofs, nach Art unserer europäischen
I heater gebaut, aber roh, zierdelos und daher blofs dem Skelette einer Schaubühne
zu vergleichen ist. Auch fanden wir hier die den Japanern sonst in allem so eigene
Reinlichkeit und Nettheit nicht vorhanden, deren Mangel jedoch blofs der Nach-
lässigkeit* der Spieldirektion zuzuschreiben ist. Man hat hier wie bei uns Parterre,
Parterrelogen und Ranglogen; jener Zirkel aber, der bei uns die Galerie enthält, ist
hier zum Einlafs des Tageslichtes offen gelassen; denn man spielt hier nicht abends
bei Lampenbeleuchtung, sondern den ganzen Tag hindurch. Durch das Parterre
führen zwei brückenartig erhöhte Wege nach der Bühne, über welche die Schau-
spieler während des Aktes nach der Bühne ziehen, oder sich von derselben entfernen
können; so wird das Parterre je nach der Scene gleichsam zu einem Teil der Bühne,
und man sitzt dann unter den Spielenden. Diese Art ist von gröbstem Effekte bei
Aufzügen, Angriffen u. dgh, wenn plötzlich aus dem Hintergründe des Parterres eine
Masse von Figuranten nach der Bühne stürmt, sowie sie andererseits für viele
Situationen eine vorteilhafte Introduction abgiebt.
Wir liefsen uns im Parterre nieder. Erst begann eine schlechte Musik, nach chi-
nesischer Weise, bestehend aus Trommeln und einigen Pfeifen, die etwa eine Viertel-
stunde währte. Hierauf trat ein Schauspieler hervor, der durch Ablesung eines kurzen
Prologs die Darstellung eröffnete. Es wurde eben ein Schauspiel aufgeführt, unter
dem Namen Imose Jama bekannt. Die Schauspieler, unter denen sich mehrere
Künstler ersten Ranges befanden, würden selbst in Europa allgemeinen Beifall erhalten
haben. Ihre Mimik und ihre Deklamation, worin sich der Nationalcharakter mit
dem oft ungekünstelten Ausdrucke der Leidenschaften zu einem harmonischen Ganzen
vereinte, verdienten volles Lob, und ihre kostbaren Kostüme erhöhten den Ein-
druck und liefsen uns die dürftige Einrichtung des Theaters selbst vergessen Da blofs
männliche Personen auftreten, so verlieren, wie gut sie sich auch in die Rollen der
Frauen einstudieren mögen, die Vorstellungen doch immer, und dies um so mehr, da
die Schauspiele nur bei Tage stattfinden, wo bei hellem Sonnenscheine keine Kunst
dem Manne die Reize weiblicher Schönheit ersetzen kann. Doch werden die Vor-
stellungen der japanischen Bühnen dadurch weniger beeinträchtigt, weil die Rollen
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826
223
selten junge Mädchen, sondern meistens abgehärmte, abgelebte Damen der höheren
Stände darstellen. Den männlichen Schauspielern, welche durch zügelloses Leben
an sich schon elend und verweichlicht aussehen, gelingt daher die Rolle besser,
als man es in Europa glauben würde. Die Bühne selber gleicht der europäischen,
und ein Vorhang, der nicht fällt, sondern von beiden Seiten nach der Mitte
hin zugezogen wird, entzieht die Schauspieler am Schlüsse des Aktes den Augen der
Zuschauer.
Die Dekorationen, die im allgemeinen dem Charakter des Stückes gut angepafst
sind, bestehen aus der Zusammenstellung verschiedener Geräte. Man kennt das Ver-
schieben der Coulissen nicht, dagegen kann der Boden der Bühne auf einer Dreh-
scheibe horizontal gewechselt werden, wodurch eine sehr schnelle Veränderung der
Dekoration erzielt wird. Zu beiden Seiten der Bühne sind Logen von Bambus-
matten angebracht. In einer derselben sitzt ein Schauspieler, welcher nach Art des
griechischen Chorgesanges die Lücken des Spieles ergänzt und die Handlung näher
beleuchtet; dies wird Sjörorikatari genannt; in einer andern Loge sitzen Musikanten,
meist Samsenspieler — Samsenhiki genannt.
Das Schauspiel Imose Jama hatte folgende Handlung zum Gegenstände.
Ein Erbkaiser (Mikado), Tensitenö, wurde wegen Erblindung von einem
der Würdenträger im Dairi vom Throne gestofsen und der Throninsignien, des
Spiegels und eines alten Schwertes beraubt. Der blinde Mikado flüchtet sich mit
einigen ihm treu gebliebenen Dienern und Frauen und findet im Gebirge Nara zu
Kasuka bei einem alten armen Jäger eine gastfreundliche Aufnahme. Diesem ist ein
Mittel bekannt, dem Erbkaiser das Augenlicht wiederzugeben, nämlich das frische Blut
eines Hirsches. Allein bei Lebensstrafe ist verboten, in der Landschaft Nara Hirsche
zu töten, da sie dem Gotte Kaska daimijosin geheiligt sind. Doch der alte Jäger
zieht mit seinen Gehülfen und seinem Stiefsohne zur Aufspürung des Wildes aus, er-
legt einen Hirsch und bringt das frische Blut dem blinden Erbkaiser. Inzwischen wird
der Wildfrevel bekannt, und es kommen Häscher und Soldaten des Landesfürsten, den
Thäter aufzuspüren. Der alte Jäger wird ergriffen und vor Gericht geschleppt. Sein
Stiefsohn, dem seine Mutter beständig Liebe und Gehorsam gegen seinen Stiefvater
eingeprägt hatte, beschliefst durch Aufopferung seines eigenen Lebens dasjenige seines
Vaters zu retten. Dialog desselben mit einem jüngeren Bruder, dem er einen Brief,
worin er sich als Wildfrevler erklärt, zur Übergabe einhändigt; der jüngere Bruder
eilt hinweg — es kommen Häscher, den Stiefsohn zu ergreifen. Schmerz der Mutter.
Der Sohn erinnert sie an die ihm früher gegebenen Lehren und Aufforderungen,
seinen Vater zu lieben; der Mutter Schmerz wird hierdurch noch gesteigert. Die
Häscher reifsen den Sohn aus den Armen der Mutter. Kampf der mütterlichen Liebe.
Die sechste Stunde naht, wo der Sohn zum Richtplatz geführt werden soll. Monolog
der Mutter, deren Angst mit jedem zunehmenden Glockenschlage wächst. Der Schau-
spieler spielte diese Rolle vortrefflich. — Mit dem letzten Glockenschlage verstummt
die Verzweiflung der kummervollen Mutter — sie liegt in Ohnmacht. Der Vater,
vom Gerichte für unschuldig erklärt, hatte sich aus Vergnügen hierüber, da er ja die
Ursache seiner Befreiung nicht ahnen konnte, betrunken, kommt nach Hause zurück
und findet seine Frau in dieser traurigen Lage. Er erfährt aber von ihr die Ursache
ihres Kummers nicht und kommt so zu den Dienern des Kaisers, denen es auffällt,
den alten Jäger von der Strafe losgesprochen und in trunkenem Zustande zu sehen.
224
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Sie schöpfen Verdacht, dafs derselbe vielleicht den geheimen Zufluchtsort des Mikado
verraten habe und halten es ihm vor. Er kann auf keine andere Weise seine Treue
gegen den Erbkaiser bethätigen, als durch Aufopferung seines eigenen Sohnes, den er
zum Beweise, dafs er keinen Verrat an dem Kaiser begangen habe — töten will. Die
Mutter sinkt mit diesem zweiten Sohne verzweiflungsvoll hin, und der Vater erfährt
nun den ganzen Vorgang. Doch inzwischen kommen Vornehme, die früher am Hofe
des Mikado waren, mit der Freudenbotschaft, dafs man beim Graben der Grube,
worin der Wildfrevler lebendig begraben werden sollte, einen Schatz gefunden habe,
nämlich die Insignien des kaiserlichen Thrones, die jener Thronräuber im Gebirge ver-
borgen hatte, wodurch dem Sohne das Leben gerettet sei; und nun kommt der Stief-
sohn im Triumphe mit dem fürstlichen Gefolge, den Spiegel und die alte Waffe dem
Mikado zu überbringen, der, gerade von seiner Blindheit geheilt, mit den ihm über-
brachten Insignien auszieht, seinen Thron wieder zu erlangen.
[13. Juni.] Viele Besuche von Freunden und Bekannten. Abreise auf morgen
anberaumt.
, Rückreise von Osaka nach Nagasaki.
Übersicht. Dünganstalten. — Stadt Hiögo. — Hafen. — Strafse zwischen Akasi und der Insel
Awasi. — Insel Jesima. — Flora. — Tauglicher Platz zur Ausbesserung der Schiffe. — Tomo. —
Hafen. — Bugsierweise. — Gebirgsflora. — Karninoseki. — Flora. — Kaminoseki seto. — Bildung
der Augenlider. — Genügsamkeit der Norimonträger. — Rückkehr in Dezima.
[14. Juni.] Mittags verlassen wir Osaka und reisen zu Schiffe auf dem Jodo-
gawa nach Amakasaki. Auf diesem fischreichen Flusse ruderten wir südwestlich
und westlich durch die Stadt, deren Gröfse und Bevölkerung sich hier im hellsten
Lichte zeigte. Die beiden Ufer, von Wohn- und Packhäusern umrahmt, waren sehr
belebt; unsere Durchfahrt lockte auch eine Menge Zuschauer herbei. Es lagen hier
mehrere Fahrzeuge der Landesfürsten vor Anker, unter welchen sich einige durch
Eleganz der Bauart und Gröfse auszeichneten. Längs den Ufern des Asigawa, eines
Armes vom Jodogawa, standen hier und da Trauerweiden (Salix Japonica, Th.) und
erhöhten die Anmut der Gegend. Die Landschaft ist durchgehends eben, der Boden
sandig und verdankt nur dem unverdrossenen Lleifse der Landleute seine Frucht-
barkeit. Aus der Stadt Osaka kommen häufig besonders eingerichtete Schiffe
mit Fäkalien beladen, diesem in ganz Japan gebräuchlichen Dünger, womit man den
Sommer über die verschiedenen Gartengewächse und selbst Getreide zu begiefsen
pflegt. Infolge davon sind in den Monaten Juni, Juli und August oft ganze Land-
schaften, namentlich die umliegenden Gegenden bedeutender Städte, verpestet, was
höchst störend auf den Genufs der herrlichen Natur einwirkt. Vor Amakasake stiegen
wir ans Land und gingen zu Fufs durch dies lange, teilweise aus dürftigen Woh-
nungen bestehende Städtchen. Der Weg führt von hier durch eine fleifsig angebaute
Ebene nach Nisinomia, wo wir übernachteten.
[15. Juni.] Wir verlassen Nisinomia und kommen wieder durch die früher an-
geführten, mit so bewunderungswürdigem Lleifse dem sterilen Boden abgewonnenen
Getreidefluren. Gegenwärtig Ernte des roten und glatten Weizens. Auch wurde hier
;■ >
Reisen. 2» Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826. 225
und da der Reis verpflanzt und die Stoppeläcker wieder gepflügt. Heute eine drückende
Hitze von 88-90° Fahrh.; diese wurde streckenweise durch die von dem Dünger-
geruche verunreinigte Luft noch unerträglicher. Wir ruhen in einem Dorfe in einem
sehr einladenden Theehause, wo in den Vorzimmern die auf Cederbrettchen geschriebenen
Namen einiger 40 Landesherren, den angenehmen Aufenthalt daselbst bezeugen. Auf-
fallend war mir ein auf ein Strohbrettchen gebautes Schwalbennest mit flüggen Jungen,
welches an einem Bindfaden hängend frei in der Gallerie schwebte. Das Nest selbst
war von den gewöhnlichen Baustoffen der Schwalben verfertigt, aber rund, wie die
Nester der andern Vögel und also nicht in der bei Haus- oder Mauerschwalben ge-
Fig. 24. Der Strudel Naruto.
wohnlichen Form. Ich hörte, dafs seit 8 Jahren diese Schwralbe auf eben genannte
Weise nistete. Gegen Mittag kamen wir in Hiögo an.
[Vom 1 6. bis zum 18. Juni.] Gegenwand hielt unsere Fahrzeuge, die unsere
Güter von Osaka hierher bringen sollten, zurück, wodurch unsere Einschiffung auf
einige Tage verschoben wurde. Wir benützen die Mufse zu Spaziergängen in diesem
Städtchen. Hiögo ist 16 Strafsen grofs und hat 16000 Einwohner; es ist durch den
an der Seite gelegenen Hafen äufserst lebhaft. 1 Alle Artikel für Seeleute, sowie die
o o
gewöhnlichen Lebensbedürfnisse werden hier in einer langen, durch die Stadt hin-
ziehenden Strafse in ziemlich guten Kramläden feilgeboten. Aufserdem verkauft man
1 Bekanntlich ist Hiögo inzwischen der zweitgrößte dem Weltverkehr eröffnete Halen geworden.
Note zur 2. Auflage.
v. Siebold, Nippon I. 2. Aufl.
226
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
hier sehr gute Strohmatten und gegossene Eisenwaren. Der Hafen bildet an der Ostseite
einen Halbzirkel von etwa einer japanischen Meile. In demselben liegen beständig sehr
viele gröfsere und kleinere Fahrzeuge, und vor ihm sieht man eine unzählige Menge
von solchen auf der Fahrt nach Osaka begriffen. Ich glaube nicht, dafs irgendwo in
der Welt eine so ungeheure Zahl grofser und kleiner Fischer- und Handelsschiffe unter
Segel sind, als hier in der Bai zwischen Hiögo und Osaka. Man versicherte mir,
dafs bei dieser grofsen ersten Handelsstadt des Japanischen Reiches täglich an zehn-
tausend Fahrzeuge einlaufen. Hunderte kann man mit blofsem Auge von den meisten
Plätzen, die eine freie Aussicht auf die Seeküste gewähren, zählen. Auf den Ufern,
die zu beiden Seiten mit Sand bedeckt sind, werden bisweilen selbst grofse Fahrzeuge
gebaut und ausgebessert. Die hiesige Schiffswerft ist sehr berühmt. Der Hafen soll
durchgehends über 8 Fufs tief sein, und die Fahrzeuge von bedeutender Gröfse, die
man so nahe am Ufer sieht, bestätigen dieses. Hinter der Stadt Hiögo erstreckt sich
von N. nach S. ein ziemlich hohes Gebirge. Während von Osaka bis kurz vor Hiögo
sich eine Ebene ausbreitet, bilden die Berge Majasan und Takaijama eine mächtige
Schutzmauer für diese Küste und geben für diesen stark besuchten Hafen die Grund-
bedingungen für seine Existenz. Ich besuchte das für uns bestimmte Schiff; es war
dasselbe, auf welchem wir von Simonoseki nach Muru gefahren waren. Ich belegte
einen bequemen Platz zur Aufbewahrung meiner Gewächse und Tiere, die ich jedoch
teilweise auf einem besonders gemieteten Fahrzeuge unterbringen mufste.
[19. Juni.] Begeben uns nachmittags an Bord und lichten gegen Abend bei
günstigem NO. -Winde die Anker und durchsegeln die nördliche Strafse zwischen
Akasi und der Insel Awadsi. Das Fahrwasser in dieser Strafse ist tief und konnte
mit 50 Faden nicht ergründet werden. Die Seeleute geben die Tiefe auf 70 Faden an.
Auf der Seite von Akasi bestand der Boden aus Felsengrund, auf der von Awadsi
aus Sand. Die südliche Strafse, die zwischen der SW. -Spitze von Awadsi und
NO. -Küste von Awa durchführt, heifst Narutö, d. i. Thor des Geräusches, von der
heftigen Brandung des reifsenden Stromes so benannt. Siehe Fig. 24.
[20. Juni.] Befinden uns am Morgen auf der Höhe von Muru, nehmen Fänge-
observation mit Chronometer, die Insel Jasima und Awadsi im Gesichte. Der W. -Punkt
von Jasima N. zu W. 45 °, Nordpunkt von Awadsi N. zu O. 87°, der S. -Punkt S. zu
O. 14°. Es tritt Stille ein, nehmen Mittagshöhe. Gegen Abend etwas Wind, müssen
jedoch um Mitternacht die Anker fallen lassen.
[21. Juni.] Befinden uns am Morgen auf der Höhe von Muru.
Morgens lichten wir die Anker. Stille. Treiben in den Kanal, der durch die Halb-
insel Hibi und die Küste der Fandschaft Sanuki gebildet wird. Haben 19 — 20 Faden
tief Sand mit Muschelgrund. Gehen nachmittags wieder vor Anker. Dr. Bürger und
ich setzen auf einem Fahrzeuge nach der Insel Jasima über, finden hier ein sehr
freundliches Dörfchen Siwaku, dessen gut gebaute, durchgehends mit Dachziegeln ge-
deckte Häuser einigen Wohlstand verraten. Hier ist ein sehr_ bequemer Platz, um
Schiffe auszubessern, der günstigste zwischen Simonoseki und Osaka. Fs ist nämlich
durch eine 6 Fufs dicke, aus Granit errichtete Mauer ein grofser Platz an der Küste
von der See abgeschlossen, so dafs bei hohem Wasser selbst die gröbsten Fahrzeuge
durch ein besonderes Thor einlaufen und bei eintretender Ebbe ganz trocken liegen
und auf das genaueste untersucht werden können. Man war eben mit Ausrüstung
mehrerer Fahrzeuge beschäftigt, von denen man einige durch ringsum angelegte Stroh-
Reisen 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
227
feuer von den nachteiligen Schiffswürmern zu befreien suchte. An der Küste
O
fanden wir nichts Besonderes, einige Chenopodien, Sonchus oleraceus, Phyllanthus,
Solanum nigrum, einige Bromusarten nebst Rosensträuchern, die hier und da über
die Felsen herabhingen. Die Gebirge bestehen aus Granit, der in grofsen Blöcken
die Ufer bedeckt. Wir bestiegen einen Bergrücken, der aber eine ziemlich ver-
kümmerte Flora darbot. Zwergtannen und Eichen, Euryen, Lespedezen, Smilax China,
Rosen, alle äufserst niedrig, kaum einige Fufs hoch, durchwachsen mit Anthemis
grandiflora, Prunella, Cyperus und einigen Gräsern, an einigen Stellen Gonocarpus
und einige wenige mir nicht genau bekannte Gewächse. Wir rasteten in einem
Bauernhause und kehrten gegen Abend an Bord zurück. Hier und da ist die Insel
bebaut und produziert Getreide- und verschiedene Gemüsearten.
[22. Juni.] Lavieren gegen Abend nach der Küste von Bingo und gehen eine
halbe Meile vom Lande vor Anker.
[23. Juni.] Werden am Morgen von Bugsierfahrzeugen in den Hafen von Tomo
gebracht. Begeben uns gegen Mittag nach Tomo ans Land, ein sehr schön gelegenes, durch
die Schiffahrt sehr belebtes Städtchen mit vielen Kramläden, gröfstenteils mit Kauf-
waren für Seeleute und Stroharbeiten, als Matten, Seile, Hüte, Schuhe etc. Der Hafen,
an der NO. -Seite gelegen, gewährt den durchgehends kleinen japanischen Lahrzeugen
einen sehr vorteilhaften Ankerplatz, der durch eine sehr starke Mauer auf der N. -Seite
und auf der SW. -Seite durch das Städchen und hohe Berge geschützt ist. Vor dem
Hafen fanden wir die See drei Laden tief, der Hafen selbst ist jedoch noch seichter
und meines Erachtens für europäische Schiffe unzugänglich. Doch kann man etwa
in einer Entfernung von einer halben Meile unter denselben günstigen Umständen vor
Anker gehen. Das Städchen, 15 Strafsen lang, verkündet durch die gut unterhaltenen
Wohnungen Wohlstand und scheint mehrere tausend Einwohner zu zählen. Wir
besuchten einige Häuser, wo wir gut aufgenommen wurden, einen Tempel, berühmt
durch seine schöne Lage und freie Aussicht, nicht minder als Aufenthaltsort der Ko-
reaner, wenn diese etwTa durch Schiff bruch an die Küste von Nippon verschlagen
werden. Ich begab mich nach dem aufserhalb des Städchens gelegenen Tempel
Iwosi und stieg einige hundert Fufs den steilen Berg hinan, auf dessen Rücken dieser
Tempel liegt. Die Flora dieser Berge bestand aus Eichen, Quercus glauca, Tannen,
Kastanien, Celtis, Licus erecta, Azaleen, Elaeagnusarten, Rhus succedaneum, Bambus,
Dolichos polystachios, durch die andern Bäume sich windend. Auf Rhus succedaneum
fand ich Maikäfer, der Gröfse und Gestalt nach ganz den unserigen gleichend, doch
durch Larbe des Schildes und Bauches verschieden. Ist es eine ursprüngliche Species
oder hat Klima und Nahrung diese Veränderung hervorgebracht? Kommen am Abend
an Bord und werden um Mitternacht durch 30 Bugsierfahrzeuge aus dem Hafen gebracht.
1 24. Juni.] Noch immer ungünstiger Wind, werden von Insel zu Insel durch
Lischerfahrzeuge bugsiert und lassen am Abend, etwa drei Meilen weit von Mitarai,
die Anker fallen. Um Mitternacht bei eintretender Flut weiter bugsiert, kommen durch
die oben erwähnte Meerenge und lassen vor Mitarai die Anker killen.
(25. Juni.] Kommen einige Patienten vom Städtchen Mitarai, mich zu konsul-
tieren, unter welchen sich ein junges Mädchen von 17 Jahren befand, das nach An-
gabe seiner Mutter bisweilen Anfälle von Andromanie bekam. Ich gab der Mutter
nebst einer diätetischen und psychologischen Vorschrift den Rat, die Tochter bald zu
verheiraten, was das Mädchen mit freundlichem Lächeln aufnahm. Es ist bemerkens-
228
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
wert, wie in den Symptomen einer psychischen Krankheit die nationalen Sitten hervor-
treten. So z. B. färbte das Mädchen sich beim Anfalle der Krankheit die Zähne
schwarz, was dort das allgemeine Zeichen einer verheirateten Frau ist. — Günstiger
Ostwind beginnt gegen Abend frisch zu wehen, gehen daher westlich bei der Insel
Kamuro vor Anker. Des Nachts harter Wind mit Platzregen, gegen Morgen 3 Uhr
Sturm, müssen mehrere Anker werfen, um nicht wegzutreiben. Glücklicherweise
weht der Sturm aus O. von der Seite des Insellandes.
[26. Juni.] Noch immer harter Wind und Regen, daher schwierig bei ganz
bezogenem Horizonte durch Erkennen des Landes (das einzige Mittel der Japaner, hier
zu segeln) den Weg zu finden. Gehen jedoch nachmittags bei etwas aufgeheitertem
Himmel unter Segel, laufen am Abend durch die Meerenge Kaminoseki seto in den
Hafen von Kaminoseki. Abends und nachts heftiger Wind. Barometer auf 27" ge-
fallen, früher beständig auf 18' 1" 2"' , Thermometer 69°, Hygrometer 550.
1 27. Juni.] Ungünstiger Wind, übrigens gute Witterung. Bleiben vor Anker
liegen. Gegen 10 Uhr begebe ich mich mit Dr. Bürger ans Land, sehen uns in
Kaminoseki um, einem Städtchen von etwa 250 Häusern und 2000 Seelen. Der ge-
schützte, häufig besuchte Hafen gewährt den Bewohnern einen reichlichen Nahrungs-
zweig. In einem Tempel, dem Abdono kwanon geweiht, werden w7ir auf Ordre
des Landesherrn erwartet. Wir konnten jedoch, obgleich uns die Priester wiederholt
ersuchten, anständigerweise nicht dahin gehen, w7eil unser Gesandter ein von den
Priestern feierlich angebotenes Geschenk, bestehend in zu dieser Jahreszeit vorkommenden
Gemüsen, ausgeschlagen hatte. Seit 16 Jahren waren hier keine Holländer ans Land
gekommen, und doch wurde der einmal gegebene, so gastfreundliche Befehl des Landes-
herrn strikt befolgt. Werden sie nach der Erfahrung, die sie mit uns gemacht, künftig
in diesem freundlichen Entgegenkommen verharren? Wir erfrischten uns in einem
Theehause, worauf uns ein dienstwilliger Mann, Namens Murawozen Jorowo, durch
die nahe liegende bergige Gegend von Kaminoseki führte. Die Rücken und Thäler
der Hügel waren wenig bebaut und gegenwärtig nur mit Bohnen, Phaseolus atsuki,
bepflanzt; die Flora der Hügel, die wir bestiegen, bestand aus Cypressus, Quercus
glauca und cuspidata, Elaeagnusarten, Mimosa arborea, Aralia midsute, Buche, Ligu-
strum Japonic. , Dolichos polystachios, Laurineen mit Bladhia villosa, Bladhia jap.,
Chloranthus jap., Phryma leptostachia und einigen nicht blühenden Kräutern und Gräsern
durchwachsen. Höher fand ich Azaleenarten, Pinus Andromedea. Auf der Spitze eines
Hügels überraschte mich ein durch aufgehäufte Steine bezeichneter Grabhügel. Hier
sollen zu Zeiten des Nobunaga sechs Krieger in einem Scharmützel gefallen und be-
graben worden sein. Dieses einfache Grab fand ich eben mit blühenden Zweigen
von Azalea und Tannenwedeln geziert und dadurch das Andenken der Helden nach
so vielen Jahrhunderten durch einfache Landleute geehrt. Unser Führer geleitete uns
in einen Garten, am Ausgang der* Meerenge von Kaminoseki seto gelegen, wo wir
einige seiner Zeichnungen besahen und ihn ersuchten, eine Zeichnung von Kaminoseki
und der Meerenge zu verfertigen, welche ich auch alsbald erhielt; wir gingen hierauf
wieder an Bord. Nachmittags fuhren wir auf einem kleinen Fahrzeuge nach der Meer-
enge, um deren Tiefe zu erforschen. Wir warfen in verschiedenen Richtungen das
Lot, woraus sich ergab, dafs bei eintretender Ebbe das Fahrwasser in der Mitte des
Kanals 5 — 6 Faden, zu beiden Seiten des felsigen Ufers zwischen 3 — 2 Faden, nahe
am Hafen 7 — 10 Faden und noch tiefer ist. So liefse sich auch dieser Hafen von
Reisen. 2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
22 9
europäischen Fahrzeugen, die hier einen sehr vorteilhaften Ankerplatz finden werden,
besuchen, und jeder Schiffer wird sie als Lotse von da bis auf die Höhe bringen,
wo sie die SW.-Spitze von Sikok und die NO. -Spitze von Kiusiu zu Gesicht bekommen.
Wir besuchten hierauf Murotsu auf der SW. -Seite von Nippon, einen kleinen Ort, der
weniger besucht ist, als Kaminoseki. Die durchgehends schlecht gebauten Wohnhäuser
verrieten Dürftigkeit. Von hier wurden wir nach unserem Fahrzeuge gerufen, welches
auf Andringen des Gesandten noch am Abend unter Segel ging, jedoch bei zu
schwachem Winde nur bugsiert werden konnte. Am Morgen fanden wir uns noch
wenig gefördert, im Gesichte von Kiusiu, wo sich eine gute Gelegenheit fand zu einer
Längenobservation.
[28. Juni.] Nahmen Mittagsbreite und Kompafsobservation von den Eilanden
Iwamisima und Himesima und befanden uns demnach nicht sehr weit von Simono-
seki. Die Insel Himesima kann den Seefahrern, die aus der Strafse van der Capellen
kommen und durch die Strafse zwischen Sikoku und Kiusiu in die hohe See auslaufen
wollen, als der sicherste Wegweiser dienen, wozu das Kap Tsurusaki, das man noch
früher deutlich erkennt, ebenfalls einen festen Anhaltspunkt giebt. Auf der Höhe von
Himesima wird man, die O. -Spitze dieses Eilandes umsegelnd, die Strafse in die hohe
See nicht verfehlen. Da mich die einbrechende Nacht befürchten liefs, für das Ein-
segeln in die Strafse keine Skizzen mehr entwerfen zu können, versuchte ich noch
von weitem eine Skizze der Umrisse zu machen. Der Berg Dairi, die Landspitzen
Misaki und Motojama, welch letztere ich mit dem Berge Himojama NW. 68° peilte,
sind beim Einsegeln gute Anhaltspunkte, W. und später mehr N. anliegend. Zwischen
den Bergen der Landschaft Nagato und dem Berge Himojama ist der Eingang in die
Strafse. Ich möchte glauben, dafs die Fahrzeuge der Japaner bei der so häufigen
Fahrt nach Simonoseki die besten Lotsen sind. Wir blieben die Nacht über unter
Segel. Im Dunkel der Nacht konnte ich zu meinem gröbsten Leidwesen keine Kom-
pafsobservation mehr machen. Etwa eine Meile von Danoura liefs ich loten und fand
4 — 4 1/2 Faden, gegen die Strafse hin aber wurde die See tiefer. Durch die Strafse
selbst, durch den starken Strom schnell getrieben, konnten wir vom Schiff aus nur
dreimal das Lot werfen, und ich fand 6 1 / 2 — 7 Faden. Doch gab ich gleich am Morgen
meinen Schülern den Auftrag, die Strafse nach allen Richtungen genau abzuloten, was
ich auf meiner Karte verzeichnete. Wir kamen nach zwei Uhr auf der Rhede von
Simonoseki an, wo wir auf 5 Faden Anker warfen. Ich ging ans Land und fand alle
meine Tiere und lebenden Gewächse, die ich bereits mit früheren Fahrzeugen hierher
versendet hatte, im guten Stande an.
[29. Juni.] Erhalte das Dokument für die Strafse van der Capellen, besuche
meine Freunde, Nachrichten über Simonoseki.
[30. Juni.] Werden nachmittags nach Kokura übergesetzt, Nachrichten über
das Fahrwasser, lasse es so viel als möglich loten.
[1. Juli.] Verlasse Kokura, ziehe durch die früher beschriebene schöne Land-
schaft, deren Vegetation gegen die früher besuchten Eilande einen grofsen Kontrast
bietet. Viele Reisfelder; man verpflanzt hier jetzt erst den Reis. Nachmittags zu
Kojanose, abends in Itsuka.
[2. Juli.] Brechen mit Tagesanbruch auf und durchziehen die Gebirge Iketa
jama und Hömantake, am Fufse und auf dem Gipfel des Gebirges wird dem alten
Gebrauche zufolge Sake getrunken. Der Wirt hatte den früher erhaltenen Auftrag,
230
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
seltene Gewächse dieses Gebirges zu sammeln, nicht gewissenhaft ausgeführt und über-
giebt mir nur einige Sträuche, worunter jedoch eine seltene Daphne sich befand.
Eine seit Kokuru fortdauernde Unpäfslichkeit hinderte mich, bei einer Hitze von 90 0
selber die Flora dieses Gebirges zu durchsuchen; was ich jedoch vom Norimono aus
beobachtete, verriet aufser den auf Kiusiu gewöhnlichen Berggewächsen nichts Be-
sonderes. Mein Schüler Rosai durchsuchte das Gebirge und brachte mir einige Pflanzen,
die ich bereits früher auf Nippon gesehen hatte. In einem Dorfe zog die auffallende
Bildung der Augenlider einer Frau meine besondere Aufmerksamkeit auf sich und
lieferte einen Beweis zu meiner früher gewonnenen Ansicht, dafs nämlich bei mehr
eingedrückten Os nasi diese Stelle breiter erscheint und die oberen Augenlider mehr
über die unteren heruntergezogen werden. Hier hatten die oberen Augenlider die
unteren so sehr eingedrückt, dafs blofs eine kleine Öffnung für den Augapfel blieb.
Aus der Ferne hatte ich diese Frau für blind gehalten. Wir setzten unsere Reise über
Jamaga fort und kamen sehr erhitzt abends in Tasino an.
[3. Juli.] Wir verlassen mit Tagesanbruch unsere Herberge, nachdem wir durch
eine unzählige Menge Mosquitos, diese lästigen Plagegeister, welche besonders in
Ortschaften, welche in der Nähe von Reisfeldern gelegen sind, sich fühlbar machen,
wenig Ruhe genossen hatten. Wir durchzogen heute die sehr fruchtbaren Ebenen
der Fandschaft Hisen und wohl die reichsten an Reis, die ich während dieser Reise
gesehen. Man hat hier ebenfalls erst vor kurzem den Reis verpflanzt und war selbst
hier und da noch hiermit beschäftigt. Die aufserordentliche Hitze scheint den jungen
Reispflanzen nachteilig zu sein, da sie durchgehends gelb aussahen, auch waren die
Felder noch zu wenig bewässert, was dem in der Regenzeit zu wenig gefallenen
Regen zuzuschreiben ist, doch auch für diesen Fall ist durch die auf den Bergen an-
gelegten Seen und Wasserleitungen Vorsorge getroffen.
Wir hielten Mittag zu Kansaki und kamen sodann nach Zurücklegung einiger
Meilen nach Hikao, wo eine Menge Neugieriger aus der Stadt Saga uns erwartete,
unter welchen sich auch die Familie des Fürsten von Hizen befand. Wir durchzogen
hierauf die Stadt Saga, die ansehnlichste Stadt von Kiusiu, mit ihren Vorstädten
21/2 Ri sich ausdehnend. Doch bemerkte ich wenige Kaulläden. Wir wurden von
einer lästigen Menge zweisäbliger Bedienter des Fandesherrn umringt, welche mit
einem Haufen von Zuschauern die 92 0 heifse Atmosphäre noch unerträglicher machten.
In den zur Bewässerung der Reisfelder angelegten Kanälen bemerkte ich einige inter-
essante Gewächse, als Nymphaea odorata, Trapa natans und Euryale ferox. Eine Reis-
art, Wase, welche früher verpflanzt war, stand eben sehr üppig, während dagegen
die eben jetzt verpflanzte Art sehr kümmerlich aussah. Wir wurden durch die Sol-
daten des Fandesherrn mit grofser Auszeichnung durch das ganze Fand begleitet.
Die Wege waren überall gut gehalten. Wir kamen mit einbrechendem Abend zu
Flsitsu an, wo wir übernachteten.
[4. Juli.] Auch heute führte uns noch immer der Weg durch die fruchtbare
Ebene, gröfstenteils Reisfelder, mit deren Bearbeitung, Verpflanzung, Jäten und Be-
wässerung durch Tretwassermühlen die Feute beschäftigt waren. Wir standen heute
eine unerträgliche Hitze aus, welche durch die Windstille im Thale noch lästiger
wurde. Es ist für den Reisenden ein unangenehmes Gefühl, unter solchen Umständen
von Menschen, die durch die Fast und die Hitze erschöpft sind, getragen zu werden, und
es ist gut, dafs sie selbst das Erniedrigende und Harte ihres Standes nicht fühlen; denn wenn
Reisen.
2. Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826.
23I
sie ihren brennenden Durst mit Wasser aus den Kübeln, die vor den Bauernwohnungen
auf der Strafse stehen, gelöscht haben, beginnen sie unter sich scherzhafte Gespräche,
deren Gegenstand meistens wir selbst sind. Wir erregen bei den gemeinen Japanern
manchmal Erstaunen, kommen ihnen aber auch öfters lächerlich vor. Wir hielten zu
Tsukasaki Mittag, kamen durch das Gebirge Sansagatöge nach Uresino. Die Flora
dieses Gebirges ist fast dieselbe wie die in der Umgegend von Nagasaki. Die höheren
Bergrücken sind durchgeh ends mit Grasarten und niedrigen Sträuchen bewachsen, als
Änthistirien, Andropogon und Erianthus, Smilax China, Vitisarten, Rosen, Quercus
serrata, Lespedezza, Bergweiden, Dolichosarten, verkrüppelte Pinus, Elaeagnus,
Euryen, Rubus, Indigofera und einigen wenigen strauchartigen Kräutern. Wir kommen
vor einem Dorfe einem Leichenzuge entgegen; es war ein Kind, das eben an den
Blattern gestorben war. Abends in Uresino, berühmt durch seinen Theebau.
[5. Juli.] Morgens führte uns ein Bergweg, angenehm für Fufsgänger, doch be-
schwerlich für Lastträger und Lasttiere, von Uresino nach dem alten berühmten Kampher-
baum, wo wir uns mit Thee erfrischten. Ich hatte meinen Zeichner vorausgeschickt,
um eine Skizze von diesem merkwürdigen Baume anzufertigen. Jetzt stiegen wir in
das Thal von Sonögi hinab und genossen eine sehr anmutige Aussicht auf die Bai
von Omura. In Sonögi halten wir Mittag und setzen hierauf längs des Seestrandes
unsere Reise nach Omura fort. Es herrschte eine drückende Hitze, das Thermometer
stand ungeachtet des hier wehenden Seewindes auf 90 °. Das gestern und heute er-
stiegene Gebirge trug überall das Gepräge vulkanischer Revolutionen, die aufser den
früheren Merkmalen noch durch das Vorkommen von Schwefel und blasigen Basalt-
blöcken deutlich verkündet wurden. Die Vegetation dieser Berge, die richtiger als
Hügel zu bezeichnen sind, war üppig, die Flora gleich jener auf den gleichhohen
Bergen um Nagasaki.
Wir kamen sehr frühzeitig in Omura an und erhielten hier die angenehme Nach-
richt von unseren Freunden auf Dezima, dafs sie alle sich wohl befänden und uns sehn-
suchtsvoll erwarteten. Omura hat 40 Tsjö und angeblich 20000 Einwohner. Die Gesamt-
bevölkerung des ganzen Bezirks Omura beläuft sich auf 1 10 000 Seelen. Kastell daselbst.
[6. Juli.] Von hier aus setzten wir am Morgen in der Gesellschaft einiger von
Nagasaki uns entgegengekommenen Freunde, deren Anzahl jetzt in jedem Dorfe zu-
nimmt, unsere Reise nach Isahaja fort und hielten in dem Dorfe Jagami Nachtruhe.
Hier wurden, jedoch nur pro forma, unsere Gepäcke visitiert und vom Opperbanjoost
versiegelt; auch wurden wir gefragt, ob wir kein bares Geld mehr übrig hätten. Dem
Opperhoofd wurde seine Schatulle, von der bekannt geworden, dafs sie mehrere tausende
Contanten enthielt, offiziell abgefordert, was früher noch nie stattgefunden hatte.1
[7. Juli.] Heute gegen Mittag kamen wir endlich, von unseren Landsleuten ein-
geholt, nach einer beinahe fünfmonatlichen Abwesenheit wohlbehalten von dieser be-
schwerlichen Reise wieder in unserem Gefängnis von Dezima an, wonach sich der
Gesandte so sehr gesehnt hatte. \Ton dem Packhuismeester wurden dem Gesandten
die Schlüssel der alten Kampherholzkiste, worin sich die sogenannten kaiserlichen
Pässe befanden, nebst seinem Tagebuch überreicht.
1 Man kann sich kaum eine strengere Mafsregel denken als diese, den Holländern die Ausfuhr
des gemünzten Geldes zu verbieten, und zu diesem Zweck ihnen nicht einmal den Besitz ihres Taschen-
geldes zu gestatten. Anmerkung zur 2. Auflage.
232
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
■ 1
Geographische Übersicht und Entdeekungs-
gesehiehte von Japan.
3. Name, Lage, Gröfse und Einteilung des Japanischen
Reiches.
Name.
apan wird von seinen Einwohnern Nippon oder Nihon genannt. Nitsi oder
Nitsu bedeutet Sonne, Hon — Ursprung. Aus beiden bildet sich durch
eine Veränderung, die bei der Zusammensetzung auf Regeln der Aus-
sprache sich gründet, der Name Nippon, Nihon, dessen Bedeutung also:
Aufgang der Sonne ist. Diese Benennung ist nicht rein japanisch, sondern die in
ältester Zeit mit den chinesischen Schriftzeichen eingeführte Aussprache der beiden
Schriftbilder, wodurch Nippon bezeichnet ward. In der Mundart der Priestersprache,
dem Go-won, wird das erstere Schriftbild auch Zitsu, und Nippon also auch Zippon
ausgesprochen. In der chinesischen Mandarinensprache lautet es Shi-pen, und im
Munde der Einwohner des nördlichen China, z. B. der Provinz Dsche-kiang, tönt es
Zippen. Hier schliefst sich die englische Benennung Japan (Dschä-pän) an. Das
Zi-pan-gu des Marco Polo ist unzweifelhaft dasselbe, denn Gu, eigentlich Ivue, bedeutet
im Chinesischen: Land, Reich; es will daher sagen: Das Reich im Aufgange der Sonne.
In der rein japanischen und in der Dichtersprache heifst Japan Hinomoto, welches
dieselbe Bedeutung wie Nippon hat. Die Mythologie und dieser folgend legen die
Dichter Japan noch vielerlei Namen bei. Hier sei blofs die Benennung Jamato berührt,
welche noch gegenwärtig im Gebrauche ist. Der Name Nippon bezeichnet auch,
nach der bisher in Europa angenommenen Geographie, insbesondere die gröbste der
japanischen Inseln1 und Jamato jene Landschaft auf Nippon, in welcher die alte Haupt-
stadt der Mikados (Erbkaiser) sich befindet. Der ganze Umfang der japanischen Be-
sitzungen heifst bei den Japanern Dai Nippon, d. i. Das grofse Nippon.
1 Dieser Ansicht, welche bis vor kurzem in allen europäischen geographischen Werken über
Japan vertreten war, wird jetzt seitens der Japaner auf das entschiedenste widersprochen. Die Insel
Nippon heifst jetzt «Honshiu», welches soviel wie Hauptland bedeutet. In allen amtlichen Schrift-
stücken ist übrigens die oben angeführte Benennung «Dai Nippon», wenn es sich um das Japanische
Reich handelt, eingeführt. Note zur 2. Auflage.
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 3. Name, Lage, Gröfse u. Einteilung.
Z33
Lage, Gröfse und Einteilung.
Erst am Ende des vorigen und im Anfänge dieses Jahrhunderts wurde uns die
geographische Lage und die Gröfse des Japanischen Reiches genauer bekannt, zu
welcher Kenntnis die Japaner selbst wohl das meiste beigetragen haben. Wenige
aufsereuropäische Länder sind uns aber seit ihrer Entdeckung in so verschiedenen
Gestalten vor Augen gehalten worden als eben Japan; und lange noch hätten wir
kein deutliches Bild von diesem ausgedehnten Archipel erhalten, wenn nicht die von
eingebornen Geographen selbst mit vieler Genauigkeit entworfenen Skizzen ihres Landes
glücklich in die Hände einiger unserer verdienstvollsten Seefahrer und Geographen geraten
wären, wodurch diese ihre einzelnen geographischen Beobachtungen, längs den Küsten
von Japan angestellt, zu einem brauchbareren Ganzen vereinigen konnten. Gore und
King (1779), de la Perouse (1786), Colnet (1789), A. Laxmann (1792), Broughton
(1796, 1797), von Krusenstern (1804, 1805), Golownin (1811), Hall, Maxwell (1816)
und Otto von Kotzebue (1824) sind die Namen der verdienstvollen Seefahrer neuerer
Zeit, welche die Küsten von Japan und von dessen Neben- und Schutzländern be-
fahren und die wichtigsten Punkte dieses weitausgestreckten Reiches astronomisch be-
stimmt haben. Auch haben wir ihnen eine genaue Aufnahme von verschiedenen
Strecken der Küsten und von einigen Baien und Häfen zu verdanken. Von dem eng-
lischen Kapitän Beechey, von dem russischen Kapitän Lütke, und aus der Reise, welche
Professor Hansteen, Dr. Erman und Lieutenant Duc im Jahre 1828 von Moskau nach
Kamtschatka u. s. w. unternommen, haben wir noch einige wichtige Beiträge zu
erwarten.
Erwägt man die lange Reihe von Jahren, seit denen die Schiffe der Niederländer
Japan besuchen, so findet man in hydrographischer und geographischer Hinsicht von
dieser Nation verhältnismäfsig wenig für die Kenntnis jenes Landes geleistet, und wer
sich nicht so ganz in die Verhältnisse hineindenken kann, unter welchen die Nieder-
länder seit einer so geraumen Zeit mit jenem Lande verkehren, könnte leicht zu Vor-
würfen gegen sie verleitet werden. Doch manche Entdeckungen und nützliche Be-
obachtungen, durch die Niederländer bekannt gemacht, liegen vergessen in deren An-
leitungen und Wegweisern zur Lahrt nach Japan, während wir die ersten sicheren
Nachrichten über die Nordküste von Jezo, über die Insel Jetorop (Staatenland), Urup
(Compagnie eiland) und über die südöstliche Küste von Sachalin (jap. Krafto)
Marten de Vries verdanken, der als Kommandant des Schiffes Kastrikum bereits im
Jahre 1643 die Küsten der erwähnten Länder befahren, beschrieben und von ihnen
selbst für die niederländisch-ostindische Compagnie Besitz genommen hatte.
Das eigentliche Japan besteht aus den drei grofsen Inseln: Nippon, Kiusiu und
Sikoku; aus den kleineren Inseln: Sado, Tsusima, Awadsi, Tanegasima, Iki, Jakusima,
Osima, Hatsdsjösima, Amakusa, Hirado (die Holländer schrieben Lirato) u. s. w.; aus
den Gruppen der Oki-, Goto-, Kosiki- und Nanasima-Inseln und aus einer auffallend
grofsen Anzahl kleiner Inseln und Leisen. Rechnet man die Nebenländer dazu, als:
1. Die Insel Jezo mit den südlichen Kurilen, nämlich Kunasiri (Kunaschir), Sikotan
(Schikotan), Jetorop und Urup; 2. den südlichen Teil der Insel Sachalin (Krafto) und
3. die Gruppe der Munin-Inseln (Bonin); fügt man von den Schutzländern die Liukiu-
Inseln bei, deren nördliche Gruppe gröfstenteils von Japanern selbst bewohnt ist, so
erstreckt sich das Japanische Reich — Dai Nippon — von 1230 23' bis 150° 50' ö. L.,
2^/j. Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
nämlich von Jonakuni — der westlichsten Insel der Süd-Liukiu-Gruppe — bis zum
Inselchen Ribuntsiriboi, der östlichsten der sogenannten Drie Zusters im Norden von
Urup, und von 240 16' bis etwa 50° n. B., nämlich von Hasjpkan, der südlichsten
der Süd-Liukiu-Inseln bis Kap Rionai — der nördlichsten japanischen Besitzung auf
Sachalin. Demnach breitet sich dieses grofse Reich zwischen beinahe 25 Graden der Breite,
und 27 Graden der Länge aus. Etwa die Mitte von Sachalin bildet so die Grenze
im Norden1; Urup im Nordosten; im Südosten und Süden der Grofse Ozean; im Süd-
westen wird Japan durch das Tünghä'i von China und im Westen durch den korea-
nischen Sund von der Halbinsel Korea getrennt. Im Nordwesten bildet das japanische
Meer, welches sich im Norden, wo seine Fluten Krafto berühren, mit dem tatarischen
Sund vereinigt, die Grenze.
Diese grofsen und kleinen Inseln, welche, so weithin ausgebreitet, das Japanische
Reich bilden, werden unter sich durch zahlreiche Meerengen und Sunde durchschnitten
und vom Festlande von Asien getrennt. Zwischen der Insel Nippon und Kiusiu zieht
die Stralse Van der Capellen; zwischen Nippon und Jezo die Strafse Tsugaru. Die
Strafse Van Diemen trennt Kiusiu im Süden von den Inseln Tanegasima und Jakusima,
und die Strafse Colnet diese Inseln wieder von der Nord-Fiukiu-Gruppe. Durch die
Strafse Hajasu wird Sikoku von Kiusiu, durch Finschoten von Nippon getrennt, und
ein Sund voll von Eilanden zieht im Norden zwischen Sikoku und Nippon hin. Jezo
wird durch die Strafse de la Perouse von Krafto und durch die Strafse Laxmann von
den südlichen Kurilen geschieden. Der Kanal Pico trennt Kunasiri von Jetorop, die
Strafse De Vries scheidet Jetorop von Urup, und der Kanal der Boussole diese Insel
von den nördlichen Kurilen. Zwischen dem Festlande von Asien und Japan breitet
sich der Sund von Korea aus, und Krafto erscheint durch die Strafse Mamia von jenem
Kontinente losgerissen. 2
Bei aller dieser Zerstückelung umfafst das Japanische Reich, mit Einschlufs der
hier erwähnten Neben- und Schutzländer, noch einen sehr ansehnlichen Flächenraum.
Dieser konnte jedoch bis jetzt blofs annäherungsweise, und gröfstenteils nur nach
ursprünglich japanischen Karten berechnet werden. Malte-Brun schätzt den Flächen-
inhalt des Japanischen Reiches auf 16000 Quadrat-Lieues, und die neuesten Erdbe-
schreibungen geben denselben zu 12 569 Quadratmeilen an, teils nach Roberts, teils
nach Broughtons, Arrowsmiths und von Krusensterns Karten aufgenommen. Seit
einigen Jahrzehnten haben die Japaner selbst, mit unseren europäischen Wissenschaften
vertrauter geworden, richtigere Karten von ihrem Fände zu verfertigen gesucht, und
nach diesen läfst sich der Flächeninhalt der gröfseren Inseln Japans mit ziemlicher
Gewifsheit bestimmen. Auch haben die Japaner von den gröfseren Inseln den Umfang
gemessen, und eine Aufzählung der gesamten Inseln, der Felsen und sichtbaren Klippen
ihres so weitausgedehnten Inselreiches gemacht — Werke japanischer Geduld und
Pünktlichkeit. — Ersteres, so unzuverlässige Resultate es auch bei den oft so zerrissenen
Küsten liefern kann, verschafft uns dennoch einen verhältnismäfsig guten Überblick der
Grofse der Inseln; letzteres giebt uns ein deutliches Bild der grofsen Erdrevolutionen,
aus welchen dieses Insellabyrinth hervorgegangen ist. Diese fast unglaubliche, ohne
1 Der Japan gehörige Teil von Sachalin ist durch den Petersburger Vertrag von 1875 gegen
18 Inseln der Kurilen an Rufsland abgetreten worden. Note zur 2. Auflage.
2 Eine Anzahl dieser Benennungen sind leider heute nicht mehr beibehalten. Note zur
2. Auflage.
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 4. Entdeckung von Japan.
235
Zweifel aber bestehende Anzahl von Inseln und Felsen ist es gerade, welche den
wahren Flächeninhalt dieses ganzen Reiches noch immer blofs annäherungsweise an-
geben läfst. Nach den neuesten japanischen Karten berechnet, beläuft sich derselbe
auf 7520 Quadratmeilen.
<$>-
4. Entdeckung von Japan durch die Europäer und
deren Beziehungen zu diesem Reiche bis zum Beginne
des XIX. Jahrhunderts.
Japan hatte bereits unter einer fast ununterbrochenen Reihenfolge von einhundert
und sechs Regenten während eines Zeitraumes von zweitausend zweihundert und drei Jahren
sich zu einem mächtigen Reiche erhoben, als es im Jahre 1543 n. Chr. von den Portu-
giesen zufällig entdeckt wurde.
Dafs bereits Marco Polo, diesem berühmten Reisenden des dreizehnten Jahr-
hunderts, Japan unter dem Namen Zi-pan-gu bekannt gewesen sei, ist nicht mehr zu
bezweifeln. Aber Antonius Mota, Franciscus Zeimoto und Antonius Peixota werden
uns vor allen in der Geschichte als die Entdecker der japanischen Inseln genannt. Auf
einer Reise von Dodra in Siam (Sionis Dodra) nach China wurden diese Portu-
giesen von einem heftigen Sturme überfallen und an die japanischen Inseln ver-
schlagen.
So erzählt uns der Geschichtsschreiber J. P. Maffeius, welcher diese Angabe aus
A. Galvanus’ Geschichte der Entdecker der neuen Welt entlehnte, ebenfalls Juan de
Barrios. Diesen erzählen es Montanus, Valentyn, Kaempfer, Thunberg und viele andere
Schriftsteller nach.
Aller Wahrscheinlichkeit nach sind diese Entdecker, die man unter diesen auf
vielerlei Weise verstümmelten Namen bisher gekannt hat, identisch mit Fernan Mendez
Pinto, Diego Zeimoto und einem dritten ungenannten Portugiesen, die mit einem
Fahrzeuge (Junco), von dem berüchtigten Seeräuber Samipocheca geführt, durch
einen Sturm von der chinesischen Küste an die japanische Insel Tanega-sima ver-
schlagen wurden.
Diese sind es, die 1543 wirklich Japan entdeckten und ihren bereits zu Liampoo
(Ningpo) in China ansässigen Landsleuten die ersten Nachrichten von dem erwartungs-
reichen Lande hinterbrachten und dies wird durch die Mitteilungen des Mendez und
die Aussage der japanischen Jahrbücher selbst bestätigt, welche das wichtige Ereignis
genau mit Diego Zeimoto übereinstimmend berichten.
In diesen Jahrbüchern wird der merkwürdige Vorfall also erwähnt: «Im zwölften
Jahre des Nengo Ten-bun, am zweiundzwanzigsten Tage des achten Monats, unter
der Regierung des Kaisers (Mikado) Konara, und des Oberfeldherrn (Sjögun) Josiharu
(im Monate Oktober 1543) landet an der Insel Tanega-sima im Bezirke Nisimura bei
Ko-ura ein fremdes Schiff. Das Schiffsvolk, etwa hundert an der Zahl, hat ein sonder-
bares Aussehen. Seine Sprache war unverständlich, seine Heimat unbekannt. An Bord
ist ein Chinese Namens Go-hou, der Schrift kundig; durch diesen erfährt man, dafs
es ein Nan-ban-Schiff sei. Am sechsundzwanzigsten desselben Monats wird dieses Lahr-
zeug an die nordwestliche Seite dieser Insel nach dem Hafen von Aka-oki gebracht
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
23 6
und Toki-taka, der Befehlshaber von Tanega-sima, stellt eine genaue Untersuchung
über dasselbe an, wobei der japanische Bonze Tsu-shu-dzu mittelst chinesischer Schrift-
zeichen als Dolmetscher dient. An Bord des Nan-ban- Schiffes befinden sich zwei
Befehlshaber, Mura-shaksha und Krista Möta (Christ da Möta?) Diese führen Feuer-
waffen mit sich und machen die Japaner zuerst mit dem Gebrauch des Schiefsgewehres
und der Bereitung des Schiefspulvers bekannt.
Bereits einige Jahrhunderte früher erwähnen die japanischen Jahrbücher das
Erscheinen südlicher Nationen an japanischen Gestaden. Einmal im vierten Jahre
des Nengo Kwan-nin (1020 n. Chr.) wTird verzeichnet: «Nan-ban-sin kommen nach
Japan und stiften vieles Unheil an»; später bei dem neunzehnten Jahre des Nengo
Oo-jei (1412 n. Chr.) rühmen sie sich: «Nanban brachten Tribut».
Ob diese Nanban Europäer und von welcher Nation sie waren, läfst sich aus
den japanischen Geschichtsbüchern nicht bestimmt nachweisen. Waren es vielleicht
die kühnen portugiesichen Länderentdecker aus den ersten Zeiten Heinrichs des See-
fahrers, die sich so weit verirrt hatten?
Die Portugiesen, einmal mit Japan bekannt geworden, säumten nicht, ein Land
zu besuchen, das ihrem Handel so aussichtsvoll eine neue Pforte öffnete. Gleich in
den ersten Jahren fanden sie sich von Eiampoo und Malakka aus auf eigenen wie
auf chinesischen Fahrzeugen ein.
Auch ihren Priestern bot sich bald Gelegenheit,,, ihre Thätigkeit auszuüben.
Angero (Han-jiro), ein junger Japaner* von guter Abkunft und Bildung, w7ar im
Jahre 1546, da er wegen eines Mordes verfolgt wurde, aus Japan auf einem japani-
schen Fahrzeuge geflüchtet und hatte sich später in Goa unter dem Namen Paulo de
santa Fe zum christlichen Glauben bekehren lassen. Dieser Paulus war, wenn nicht
selbst Veranlasser, doch Führer und Fürsprecher, als im Jahre 1549 sich Franziskus
Xaverius liehst einigen andern Jesuiten nach Japan begab.
Anfangs besuchten die portugiesischen Kaufleute und Priester die Häfen der Land-
schaft Satsuma und Bungo. Zu Kagosima, der Hauptstadt von Satsuma, und zu Usuki,
dem Schlosse des Fürsten von Bungo, wurden sie sehr gut aufgenommen. Später liefsen
sie sich auf der Insel Amakusa, auf Hirado und in den Städten Nagasaki und Sakai
nieder. Die Priester nahmen ihren Aufenthalt in der Hauptstadt Kioto selbst, und
ihre Sendling e verbreiteten sich über das ganze Reich, drangen durch Dewa und
Mutsu bis Tsugaru im nördlichsten Teile von Japan vor und setzten von da 1616
bis 1620 selbst nach der Insel Jezo über.
Jan Huygen von Linschoten aus Haarlem und Dirck Gerritszoon aus Enkhuizen
werden in der Geschichte als die ersten Niederländer genannt, wmlche, jedoch im
Dienste der Portugiesen, die japanische Küste befahren oder die Fahrt dahin beschrieben
haben. Ersterer teilt seinen Landsleuten unter den Resultaten seines vieljährigen Auf-
enthaltes in Ostindien sehr zuverlässige Nachrichten über Japan mit. Letzterem, der
1585 — 86 als Konstabler auf dem portugiesischen Schiffe Santa Crux von Makao nach
Japan gefahren war und einige Kenntnisse vom dortigen Handel erhalten hatte, haben
die Niederländer bei einem späteren Seezuge unter dem Admiral Jacques Malm die
ersten Winke über den Handel mit Japan zu verdanken.
Im Jahre 1600 legte der Engländer William Adarnsz. (Adamszoon), Obersteuer-
mann an Bord eines niederländischen Schiftes, wahrscheinlich des De Liefde, eines
der fünf Schifte, welche im Jahre 1598 unter Jacques Mahu und Simon de Cordes
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 4. Entdeckung von Japan.
237
er
von Holland ausgelaufen waren, um durch die Strafse Magellan und die Südsee nach
den Molukken zu gelangen, nach grofsem Ungemache mit einer schwachen und wehr-
losen Bemannung an der japanischen Küste bei der Landschaft Bungo vor Anker.
Adamsz. wufste sich grofses Vertrauen am Hofe des Sjögun Minamoto Ijejasu zu er-
werben und bewirkte da seiner Nation die Handelserlaubnis , welche dem englischen
Kapitäne John Saris, der im Jahre 1613 vor Firato (jap. Hirado) angelangt und an
den Hof des Sjögun gekommen war, auch schriftlich erteilt wurde.
Dagegen waren es die Holländer Jakob Quaekernaeck, Kapitän auf dem Schiffe
de Liefde, und sein Gefährte, der Schiffsschreiber Melchior Zandvoort, welche den
niederländischen Admiral Matelief auf Handelsverbindungen mit Japan aufmerksam
machten. Drei Jahre waren jene in Japan zurückgehalten worden, bis es ihnen (1603)
durch Vermittlung von Adamsz. und die Unterstützung des Landvogtes von Hirado
gelang, auf einem japanischen Fahrzeuge dies Land zu verlassen. Nach mancherlei
Schicksalen kamen sie endlich (1607) bei Johor (Dschahor) auf die Flotte des Ad-
mirals Cornelius Matelief. Quaekernaeck nahm als Obersteuermann Dienste auf dem
Admiralschiffe, wurde hierauf Schiffer an Bord des Erasmus und blieb wenige Tage
nachher in einem Gefechte vor Malakka. Zandvoort scheint bereits 1677 wieder nach Japan
gefahren zu sein und zur Anknüpfung des Handels mit Japan viel beigetragen zu haben.
Bei der Belagerung von Malakka hatte Matelief zu sehr gelitten, um damals so-
leich den Handel nach Japan ausdehnen zu können. Er suchte indes mit einzelnen
Japanern, denen er auf seinem Seezuge begegnet war, in freundliche Beziehung zu
kommen und sie durch reichliche Geschenke auf die Kaufwaren der Niederländer auf-
merksam zu machen.
Die Anknüpfung des Flandels mit dieser Nation blieb seinem Nachfolger, dem
niederländischen Admiral Pieter Wilhelmsz Verhoeven, Vorbehalten. Im Jahre 1609
erschien von dessen Flotte das Schiff De roode Leeuw met de pylen und die Yacht
De Griffioen vor Hirado. Die an Bord sich befindenden Niederländer, Abraham van
den Broeck, Jacques Puyck und Jacques Specx, unternahmen 1609 eine Gesandtschaft
an den Hof des Sjögun, und J. Specx wiederholte dieselbe im Jahre 16 11 mit Pieter
Segertszoon. Hierauf erhielten sie am 30. August 1611 einen Pafs zum Handel der
Niederländer mit Japan, der 1616 erneuert wurde. So kamen diese mächtigen see-
fahrenden Nationen des 16. und 17. Jahrhunderts mit Japan in Verkehr. Jede der-
selben suchte nun einen festeren Fufs in einem so aussichtsvollen Lande zu fassen,
aber auch die Fortschritte der andern mit Gewalt oder Fist zu verhindern. Jede der-
selben wetteiferte um Vorrechte im Handel und sparte keine Mittel, sich diese zu ver-
schaffen. Die Portugiesen hatten vieles voraus. Aber gerade diese Nation, deren Mut
infolge ihrer durch die Holländer in Ostindien erlittenen Niederlagen zu sinken begann,
nahm zuerst ihre Zuflucht zu niederen Verleumdungen, während sie selbst seit der
Einverleibung mit Spanien unter dem Deckmantel des christlichen Gottesdienstes nach
der Oberherrschaft in Japan zu streben schien. Durch die Verleumdungen, womit
die Europäer sich bald wechselweise verfolgten, wurde die Aufmerksamkeit eines Usur-
pators (nämlich des Sjögun Ijejasu) erregt, dessen Staatsklugheit aus den Trümmern
eines Bürger- und Religionskrieges ein so dauerhaftes Staatsgebäude wie das der
Sjögunherrschaft über das Japanische Reich zu errichten wufste. Die Europäer selbst
drangen ihm die Veranlassung auf, dafs er seine Blicke um so wachsamer auf sie, die
Fremdlinge, richten mufste! —
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Der christliche Glaube, der in Japan eine äufserst gute Aufnahme gefunden, ver-
schaffte den Ansiedlungen und Handelsspekulationen der Fremden um so leichteren
Eingang. Doch das Christentum rifs mit seinem Falle auch alle die schönen Hoffnungen
der Europäer wieder nieder. Die augenscheinlichen Begünstigungen, die dasselbe
durch die Bürgerkriege unter dem Oberbefehle des Sjögun Nobunaga (i 586) gefunden
hatte, wurden durch die Wiederherstellung der inneren Ruhe unter Taiko-sama wieder
beeinträchtigt. Der Ausbruch eines neuen Bürgerkrieges untergrub es endlich ganz;
denn bei dem Sturze des Hidejori, eines Sohnes Taikos, der, wenn nicht selbst
Christ, doch ein grofser Gönner derselben war, gaben die Christen sich als die Feinde
des siegreichen Thronräubers zu erkennen. Bereits 1587 mehr und mehr beschränkt,
1596 strenge untersagt, 1613 hart verfolgt, erhielt sich dennoch das Christentum
aufrecht, trotz den schärfsten Mafsregeln, trotz dem entsetzlichsten Elende und unbe-
schreiblichen Drangsalen, die über seine Anhänger hereinbrachen (1622 bis 1629).
In der Wahl zwischen Abfall vom Glauben oder grausamer Hinrichtung fanden zahl-
reiche Opfer einen Helden- und Märtyrertod (1636), bis man endlich mit dem mifs-
lungenen Aufstande der Christen auf der Insel Amakusa und zu Arima auf Simabara
(1637 bis 1638) auch die letzte Spur des Christentums zu vernichten strebte.
Jetzt suchte die Tokugawa - Familie durch unwiderrufliche Gesetze sich für
die Zukunft die Regierung zu sichern. Die Portugiesen und Spanier wurden (1639)
des Landes verwiesen. Das Japanische Reich wurde geschlossen. Die wenigen Aus-
länder, die man noch duldete, wurden aufs engste beschränkt, und den Einwohnern
mit diesen und dem Auslande jede Gemeinschaft abgeschnitten. So verschwanden,
nach fruchtlosen Versuchen, die Handelsverbindung zu erhalten (1640, 1647), die
Segel der Portugiesen und Spanier aus den japanischen Gewässern, die Fahrzeuge
dieser stolzen Weltentdecker, auf denen wenige Jahre zuvor (1582) noch eine Ge-
sandtschaft japanischer Fürsten im Triumphe nach Lissabon, Madrid und Rom geführt
worden war.
Eigentlich ist es nur der Name Portugiesen, unter welchem die Entdecker Japans,
diese seltsamen Fremdlinge aus dem Ten-tsiku-Lande (Indien), als reiche Kaufleute durch
das ganze Reich bekannt, als Prediger eines neuen Glaubens angestaunt, und als Er-
oberer neuer Welten gefürchtet worden waren, aber endlich auch als Friedensstörer
beschuldigt, als Landesverräter verdächtig, auf immer des Reiches verwiesen worden
sind. Portugiese ist in Japan das Losungswort des Schreckens, des Abscheues und
der Verfolgung geworden.
Die Spanier waren den Japanern erst im Anfänge des 17. Jahrhunderts unter
dem Namen Castilianen näher bekannt geworden. Seit 1850 über Portugal herrschend,
begannen sie von ihren amerikanischen Besitzungen und den Philippinen aus nach
Japan Handel zu treiben. Doch ihre Gemeinschaft mit den Portugiesen konnte auf
Japan nicht lange verborgen bleiben.
Don Rodrigo de Vivero y Velasco, Generalgouverneur der Philippinen, der mit
dem Schiffe St. Francisco 1608 an der Küste von Japan gestrandet war, wurde zwar
äufserst gastfreundlich von der japanischen Regierung behandelt und selbst auf einem
nach europäischer Art erbauten Fahrzeuge nach Acapulco zurückgebracht; aber gegen
alle Erwartung sahen die Spanier ihre glänzende Gesandtschaft am Hofe des Sjögun
1 61 1 ziemlich kalt empfangen und im darauffolgenden Jahre mit ihren übermütigen
Gesuchen gröfstenteils abgewiesen. Sie teilten gleiches Los mit den Portugiesen.
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 4. Entdeckung von Japan.
239
Durch ihre Macht waren sie furchtbar, durch stolze Anmafsungen mehr und mehr
gehässig, durch die eifrige Thätigkeit ihrer Priester für die Ausbreitung des Christen-
tums sehr verdächtig geworden, und so traf auch sie der Bann.
Der englische General John Saris hatte im Jahre 1613 auf Hirado eine Faktorei
errichtet und Richard Cock und William Adamsz. als Vorsteher derselben ernannt.
Die günstigen Privilegien, die er am Hofe des Sjögun zu erwirken wufste, eröffneten
dem Handel der Engländer die schönsten Aussichten.
Anfangs verkehrten die Engländer sehr freundlich mit den Niederländern, die
seit einigen Jahren sich auch auf Hirado niedergelassen hatten. Bald aber entspann
sich unter ihnen ein Mifsverständnis, das zu ernstlichen Händeln und wechselseitigen
Verleumdungen Anlafs gab. Dennoch hatte der Vergleich zwischen den ostindischen
Compagnien beider Nationen (1619) auch beide Faktoreien auf Hirado zu einem ge-
meinschaftlichen Handel vereinigt, als Richard Cocks Abreise von Japan 1623 die
Aufhebung der englischen Faktorei daselbst zur Folge hatte.
Gleich anfangs war durch den Wiederausbruch des Bürgerkrieges (1614) und
durch die infolge desselben heftiger gewordene Christenverfolgung der Handel der
Engländer nicht sehr begünstigt worden; doch waren wohl die Uneinigkeiten mit den
Niederländern, welche bei dem Falle ihrer Feinde, der Spanier und Portugiesen, das
Übergewicht im indischen Handel erhielten, und andererseits hoffnungsvollere Aussicht
auf den Verkehr mit China wahrscheinlich die Veranlassung, dafs die Engländer ihre
Faktorei auf Hirado aufgab en.
Bald darauf suchten die Engländer sich dennoch wieder auf Japan anzusiedeln.
Aber ihre Versuche unter dem Admiral Ford Woddel (1637) blieben ebenso frucht-
los, als später (1674) die Gesandtschaft unter der Regierung Karls II. Der Plan des
englischen Kabinetts, bei Gelegenheit der Gesandtschalt des Macartney nach China
Erasmus Gower mit dem Schiffe Fion nach Japan zu senden, wurde 1793 durch
Sturm und Gegenwind vereitelt. In den Jahren 1801 und 1802 suchte ein amerika-
nisches Fahrzeug unter dem Kapitän W. Robert Steward von New- York aus, und
1803 ein englisches von Kalkutta unter dem Kapitän James Torey Handelsverbindungen
mit Japan anzuknüpfen. Doch der Versuch, den beide, angeblich für eigene, wahrschein-
lich aber für englische Rechnung, unternahmen, blieb ohne Erfolg.
Die fein ausgesonnenen Anschläge, die der Lieutenant-Gouverneur Thom. Stam-
ford Raffles von Batavia 1813 auf den japanischen Handel richtete, scheiterten an der
standhaften Treue der Ritter H. Doeff und J. C. Bloemhoff, Direktoren des nieder-
ländischen Handels in Japan. Auch würde in keinem Falle der englischen Flagge der
Handel in Japan gestattet worden sein, zumal erst wenige Jahre vorher (1808) Ford
Pellew mit der Fregatte The Phaedon unter Ausübung von Feindseligkeiten sich im
Hafen von Nagasaki gezeigt hatte, den sicher ein gleiches Los getroffen hätte wie
die portugiesische Gesandtschaft im Jahre 1640, wäre er nicht noch zur rechten Zeit
von der Rhede von Nagasaki verschwunden.
O
In neuester Zeit hat die japanische Regierung durch das Erscheinen von Walfisch-
fängern, welche, besonders häufig unter englischer Flagge, die japanischen Küsten be-
suchten und einigemal mit den Einwohnern in feindliche Berührung kamen, sich
veranlafst gefunden, gegen jedes an ihren Küsten kreuzende fremde Fahrzeug für den
Fall einer Fandung sehr strenge Mafsregeln zu nehmen. Und erst vor kurzem
(1830) wurden längs der Ostküste von Nippon einige der holländischen Sprache
240
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
kundige Dolmetscher angestellt, um bei besonderen Vorfällen zu Rate gezogen
zu werden.
Mit der Entdeckung von Kamtschatka (1696) eröffnete sich auch der russischen
Flagge der nordwestliche Teil des Grofsen Ozeans. Vorzugsweise hatte man sich
jedoch nur mit Entdeckungen in den Meeren von Ochotsk und Kamtschatka beschäftigt,
als schiffbrüchige Japaner, 1732 nach Petersburg gebracht, Rufslands Aufmerksamkeit
auf dieses benachbarte Volk lenkten.
Martin Spangberg mit Schelting und Wilhelm Walton unternahmen daher 1739
von Kamtschatka aus einen Seezug nach Japan. Sie verfolgten und berührten die Ost-
küste von Japan an verschiedenen Orten, erstere bis auf 38° 25', letzterer bis auf
330 48' n. B., liefen in mehrere Häfen ein und bestimmten die geographische Lage
Japans hinsichtlich Kamtschatkas. Sie lösten die Aufgabe ihrer Sendung, und wenn
auch damals die Richtigkeit ihrer Entdeckung bezweifelt wurde, so hat man doch
später die Wahrheit derselben anerkannt. Seitdem besuchten russische Kaufleute wohl
die Kurilen und Jezo, und einige derselben kamen selbst mit Japanern in Be-
rührung; aber ein eigentlicher Schritt zu einem auf Freundschaft und Verträge zu
gründenden Verkehr geschah erst durch die Kaiserin Katharina, als diese weise
Fürstin 1792 einen japanischen Kaufmann Namens Kodai, der mit seinem Schiffe nach
den russischen Kurilen verschlagen war, durch den Seeoffizier Adam Laxmann nach
Matsmae auf Jezo zurückbringen liefs. Die japanische Regierung, im Bewufstsein der
militärischen Schwäche ihrer nördlichen Besitzungen, gab dem russischen Abgesandten
A. Laxmann, wenn auch in einem sehr anmafsenden Tone, Hoffnungen auf eine'
Handelsverbindung von seiten Japans mit Rufsland; aber die weitergehenden
Anträge des russischen Gesandten Nicolai von Resanoff schlug sie wieder mit feiner
Staatsklugheit aus. Mit beleidigender Vorsicht und entwürdigender Strenge hatten
die Statthalter von Nagasaki und die Bevollmächtigten vom Hofe des Sjögun zu Jedo
die Gesandtschaft des russischen Monarchen behandelt. Wenn auch höhere Befehle
diesem Verfahren zu Grunde lagen, so wurde es doch später, als es zur Kenntnis des
Hofes in Jedo gelangte, sehr mifsbilligt.
Infolge der Feindseligkeiten, die hierauf Chwostoff und Dawidoff auf Resanoffs
Befehl, wenngleich wider Wissen und Willen des russischen Monarchen, bei den
japanischen Ansiedlungen auf Sachalin verübten, machten die Japaner im nördlichen
Teile der Insel Nippon, auf Jezo und den japanischen Kurilen 1806 ernste Kriegs-
rüstungen, gefafst auf einen allgemeinen Angriff, womit Chwostoff und Dawidoff die
wehrlosen Ansiedlungen auf Sachalin bedroht hatten.
Darauf fiel Kapitän Golowin, Befehlshaber der russischen Schaluppe Diana, bei
Jetorop in die Hände der mit strengen Befehlen ausgerüsteten japanischen Besatzung
und wurde von der japanischen Regierung, die durch das abermalige Erscheinen eines
russischen Fahrzeuges an ihren Küsten höchst aufgebracht war, bis zur Entscheidung
der Sachlage festgehalten. Durch Aufklärung der Irrtümer und Mifsgriffe wurde die
japanische Regierung zwar wieder besänftigt, doch immer mifstrauend gegen einen so
mächtigen, sich mehr und mehr ausbreitenden Nachbar, strebte sie nun mehr als je,
alle Berührung mit Ausländern zu vermeiden und den Besuch ihrer Küsten durch fremde
Seefahrer zu verhindern.
In der That Rufslands Macht fürchtend, wegen Englands Handelsunterneh-
mungen besorgt und von der amerikanischen Nation nichts Gutes ahnend, aul die
OO
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 5. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 241
sogenannten Kreuzsegel von Portugal und Spanien jedoch mit stolzer Geringschätzung
zurückblickend, duldete die staatskluge Regierung der Japaner nur noch die Nieder-
länder. Diese sind die einzigen Europäer, die noch in Japan Zutritt haben. Nicht
etwa aus Handelsinteresse, weil sie den Japanern als tüchtige Kaufleute bekannt ge-
worden, sondern weil sie seit Jahrhunderten als erprobte Freunde sich bewiesen, sind
die Niederländer gleichsam zur Stütze jenes bis jetzt unerschütterten Staatsgebäudes
aufgenommen worden.
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5. Entdeckungsgeschichte von Japan.
Nach Fernan Mendez Pintos Erzählung und Nachrichten der Japaner.
Fernan Mendez Pinto war nach mannigfaltigen Schicksalen mit dem Über-
reste seiner Reisegefährten zu Huzanguee (Tou chounang [?] nach Malte-Brun) in
Cochin - China angelangt, schiffte von hier auf einem breiten Flusse (Ngannan-
kiang nach d’Anville) nach Quangeparum (Quanhia -Banbong [?]) und steuerte hier-
auf längs der Küste nach der Insel Sanncham (Sanchoam nach Finschoten, Chang-
tshuen-chan nach d’Anville), wo unsere Abenteurer eine Schiffsgelegenheit nach Ma-
lakka zu finden hofften. Doch hier bekamen sie unter sich so ernste Händel, dafs
die malayischen Fahrzeuge, welche von da nach Patane und Fugor unter Segel gingen,
die Aufnahme so streitsüchtiger Feute verweigerten. So blieben sie verlassen auf
diesem Eilande zurück und entschlossen sich endlich, mit einem Seeräuber Samipocheca,
der mittlerweile hier vor Anker gekommen war, um seine Verwundeten zu heilen,
auf gut Glück umherzuschweifen, bis ihnen das Schicksal irgend eine sichere Gelegen-
heit, nach Malakka zu kommen, zuführen würde. Pinto begab sich an Bord zu Sami-
pocheca, und die fünf übrigen Portugiesen fanden an Bord des Fahrzeuges Aufnahme,
welches der Neffe des Samipocheca führte.
Die Reise war nach Fayloo (Saijlo nach Finschoten), sieben Meilen von Chin-
cheo (Tschang-tcheou-fou nach d’Anville) beabsichtigt. Mit günstigem Winde segelten
sie längs den Samau-Inseln (Ilha de Famao nach Finschoten) hin, als sie etwa auf der
Höhe des Rio do sal, fünf Meilen von Chabaquee (Chabaqueo nach Finschoten) von
einem anderen Seeräuber angegriffen wurden. Das Gefecht war heftig; einige Schiffe
des Feindes und das des Neffen des Samipocheca wurden verbrannt; doch Pintos
Fahrzeug entkam glücklich der Gefahr. Sie setzten die Reise wieder fort, wurden
aber nach einigen Tagen von einem äufserst heftigen Sturme überfallen, wobei sie
die Küste von China aus dem Gesichte verloren. Anhaltend heftiger Wind liefs sie
dieselbe nicht mehr zurückgewinnen, und Samipocheca beschlofs, nach den Fesquios-
Inseln (Fiukiu) den Kurs zu nehmen, wo er bei dem Könige und den Einwohnern
gut bekannt war. Sie versuchten daher nach diesem Archipel zu segeln, obgleich sich
ihnen ohne Steuermann, denn dieser war im letzten Gefechte geblieben, bei Gegen-
strom und Gegenwind wenig Hoffnung zeigte, Fand zu erreichen.
Dreiundzwanzig Tage lang hatten sie unter grofsen Anstrengungen und Müh-
seligkeiten hin- und herlaviert, his sie endlich Fand entdeckten. Sie näherten sich,
und ein grofses Feuer am südlichen Strande liefs sie schliefsen, dafs es eine bewohnte
v. Sieb old, Nippon I. 2. Aufl.
16
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
242
Insel sei. Sie gingen daher nahe bei derselben vor Anker, worauf sie sogleich
zwei kleine Fahrzeuge auf sich zurudern sahen, die alsbald an der Seite des Schiffes
ankamen.
Es waren sechs Männer von der Insel. Nach landesüblicher Begrüfsung gab
einer von ihnen die Frage zu erkennen, woher das Schiff komme, und als man ihnen
zu verstehen gegeben, dafs es von China gekommen sei, um hier einigen Handel zu
treiben: bedeutete man dagegen, dafs der Nautaquin (Tokitaka), der Herr dieser Insel,
welcher Tanixumaa (Tanegasima) heifse, dieses wohl zugestehen werde, wenn sie nur
die Abgaben entrichteten, welche man in Japon, dem grofsen Lande, das hier gerade
vor ihnen liege, zu bezahlen pflege. Man lichtete hierauf die Anker, Pinto bestieg
mit einigen seiner Gefährten ein Boot, und sie kamen in eine Bucht an der Südseite
der Insel, wo sich eine grofse Stadt, Miaijgimaa genannt, befand.
So kam F. M. Pinto nach Tanegasima. Pinto und seine beiden Landsleute
Diego Zeijmoto und Christoval Bor all o erregten hier als Fremdlinge aus dem Ten-tsiku-
Lande grofses Aufsehen; aber vor allen zog Diego Zeijmoto als ein sehr geübter
Schütze mit dem Feuerrohre die Bewunderung des Volkes und des Herrn dieser
Insel auf sich. Dieser, erstaunt über die neue Kunst zu schiefsen, erwies ihm aufser-
ordentliche Ehrenbezeigungen. Zeijmoto glaubte die Ehrenbezeigungen, die ihm der
Nautaquin erwies, nicht besser vergelten zu können, als wenn er diesem sein Feuer-
rohr, sicher ein sehr willkommenes Geschenk, geben würde und überreichte es ihm,
eines Tages von der Jagd zurückgekommen, nebst einer Menge erbeuteter Tauben
und Turteltauben. Der Nautaquin nahm das Feuerrohr als einen Gegenstand von so
grofsem Werte mit Freuden an und erklärte, dafs er dieses höher als alle Schätze von
China achte, und liefs Zeijmoto dafür tausend Tael Silber (etwa fl. 1650) zur Belohnung
geben, mit der Bitte, ihm auch die Bereitung des Schiefspulvers zu lehren, ohne welches
für ihn das Feuerrohr ein unnützes Stück Eisen wäre. Zeijmoto versprach es und er-
füllte sein Versprechen.
Das Gerücht von der Ankunft dieser seltsamen Fremdlinge hatte sich bald nach
dem Hofe des Fürsten von Bungo verbreitet, und dieser wünschte einen von ihnen zu
sehen. Der Fürst war seit Jahren krank und verlangte nach einer Zerstreuung.
Glücklich traf die Wahl den lustigen Gesellen Pinto, der nun die Reise nach dem
Hofe des Fürsten von Bunge antrat. Der Weg, den Pinto mit seinem japanischen
Geleitsmanne O Fingein dono (On Fizen dono) dahin eingeschlagen, läfst sich genau
nachweisen: er ist derselbe, den jetzt noch die japanischen Fahrzeuge von Tanegasima
nach Satsuma und von da nach Bungo nehmen. Von Tanixumaa (Tanegasima)
schifften sie nach dem Hafen Hyamengoo (Jama-gawa), begaben sich von da nach
der Stadt Quanquixima (Kagosima, Hauptstadt von Satsuma), setzten ihre Reise weiter
fort nach einem schönen Orte Tanora (Tanoura), übernachteten zu Minato (das ist
Hafen und zwar zu Otomari) und kamen so längs Firungaa (Hiuga) nach Osqui
(Usuki), einem Schlosse des Fürsten von Bungo, und vollendeten von hier aus zu Lande
ihre Reise.
Pinto wurde am Hofe sehr gut aufgenommen und hatte freien Zutritt. Sein
Feuerrohr machte hier nicht weniger Aufsehen, als das des Diego Zeijmoto auf Tane-
gasima; doch ein Sohn des Fürsten hatte Unglück damit, indem er durch Zerspringung
des überladenen Rohres stark verwundet wurde. Pinto heilte den Prinzen; auch hatte
er mit einem aus China gebrachten kräftigen Holze bereits früher den Fürsten selbst
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 5. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 243
hergestellt. Er erwarb sich dadurch in hohem Grade dessen Gunst und die Gewogen-
O O
heit der Grofsen am Hofe, wurde reichlich beschenkt und kehrte, als Samipocheca
segelfertig war, nach Tanegasima zurück. Sie gingen von hier nachLiampoo (Ninpon-fu)
unter Segel, und Pinto kam nach einer kurzen Reise wohlbehalten bei seinen dort an-
sässigen Landsleuten an.
F. M. Pintos Entdeckungsgeschichte von Japan stimmt in der Hauptsache sehr
gut mit dem überein, was uns die Jahrbücher der Japaner darüber melden. Der Vor-
fall ist und bleibt eine Thatsache; nur möchte in Zweifel zu ziehen sein, ob F. M. Pinto
wirklich selbst einer dieser Abenteurer gewesen oder ob er diese merkwürdige Be-
gebenheit während seines Aufenthaltes zu Liampoo von seinen Landsleuten oder bei
seiner späteren Reise nach Japan (im Jahre 1556) erfahren und blofs nacherzählt hat
— ein Vergehen, dessen sich die alten Reisebeschreiber so häufig schuldig gemacht
haben. Die Umständlichkeit in seinen Erzählungen und deren Bewährung von der
anderen Seite müfsten Pinto geradezu als Augenzeugen derselben anerkennen lassen,
würde man nicht durch einen etwas zu groben Verstofs gegen die Zeitrechnung da-
von zurückgehalten. Denn der in Pintos Reise angegebenen Zeitfolge gemäfs
kann er, wenn anders seine Abenteuer in chronologischer Ordnung aufgeführt sind,
nicht eher als im Jahre 1545 an die Küste von Tanegasima verschlagen worden
sein — ein Umstand, der bereits die Kritik des Gelehrten L. Langles auf sich ge-
lenkt hat.
Hier wird nun treu nach einer Zeichnung des berühmten japanischen Malers
Hoksai das Bild des portugiesischen Entdeckers Japans mitgeteilt. Diese Zeichnung
befindet sich in dem früher erwähnten Buche Mangwa, den Abbildungen der Feuer-
gewehre und der dazu gehörigen Gerätschaften beigefügt, zum Beweise der europäi-
schen Abkunft derselben. Sie führt die Aufschrift: Ten-bun zju-ni midsunoto-u hatsi-
kwats nizju-go nitsi Osumi-no kuni Tanegasima-ni ho-riusu — Krista Möta Mura
Sjuksja. D. i.: Am 25. Tage des (Monats) Hatsi-kwats im 12. Jahre Tenbun, dem
Jahre Midsu-noto-u (dem 40. des sechzigjährigen Cyklus) verschlagen nach Tane-
gasima, der Landschaft Osumi — Krista Möta und Mura Sjuksja. Siehe Fig. 25.
Dieses geschichtliche Denkmal, seit einigen Jahrhunderten bei einer Nation be-
wahrt, die, nicht ohne traurige Erinnerungen zu erwecken, dasselbe ins Auge
fassen kann, wollen jetzt auch wir, die stolzer auf die kühnen Entdeckungen und die
scharfsinnige Erfindung europäischen Forschungsgeistes zurückblicken dürfen, der Litte-
ratur über Land- und Völkerkunde beifügen.
Zur näheren Erläuterung des wichtigen Vorfalles wird hier noch eine Beschreibung
der Insel Tanegasima gegeben.
«Tanegasima», sagt van Linschoten, «ist eine längliche Insel, welche sich nach
N. und S. ausstreckt. Das Land ist niedrig, mit Hügeln und Thälern und einem weifsen
Sandstrande. Es hat auffallend grüne Auen und viel Nadelholz; die Bäume stehen
jedoch einzeln und zerstreut. An der Westseite, etwa in der Mitte der Insel, befindet
sich ein Hafen, eine Bucht, zwischen einigen Felsen und Klippen gelegen, und daher
zum Einlaufen nicht bequem. WNW. von diesem Hafen, in einer Entfernung von
i1/ 2 Meilen, liegt Makesima, klein und flach, in der Mitte zu einem Hügel sich er-
hebend, ein Eiland, an dessen Nordspitze einige Felsen hervorragen. Übrigens ist das
Fahrwasser hier, sowie zwischen dem Inselchen und Tanegasima frei von Untiefen.
Die Insel Tanegasima ist etwa 7 bis 8 Meilen lang, und ihre Mitte liegt unter 30 0
244
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
30' n. B. Im Norden sieht man ein hohes, weitausgebreitetes Land, welches Japan
ist. Da Tanegasima niedrig ist und das Land von Japan sehr hoch, 10 Meilen
lang W. und O. sich hinzieht, so scheint diese Insel in einiger Entfernung gesehen,
mit Japan ein Land zu bilden. Die Täuschung verschwindet, sobald man sich
dem hohen Lande nähert, wo sich der etwa 7 bis 8 Meilen breite Kanal allmäh-
lich öffnet.))
Von Krusensterns Nachricht über diese Insel mag zur Bestätigung der eben er-
wähnten dienen: «Kaum hatten wir unseren Kurs nach der Südostspitze von Satzuma
genommen, so sahen wir Land
in SW., welches ich für die
Insel Tanao-sima hielt, die auf
Arrowsmiths Karten die süd-
liche Seite der Strafse van
Diemen bildet. Sie hatte, wie
wir sie zuerst erblickten, die
Gestalt der Insel Lavensaar im
finnischen Meerbusen. Die
Spitzen der Bäume ragten nur
aus dem Wasser hervor, und
erst nachdem wir tief in die
Strafse van Diemen einge-
drungen waren, konnten wir
sie vollständig übersehen. Sie
ist durchgehends flach und ganz
mit Bäumen bewachsen, was
ihr ein angenehmes Ansehen
giebt. Ihre Richtung ist bei-
nahe Nord und Süd, und in
dieser beträgt ihre Länge 18
(kleine) Meilen. Ihre gröfste
Breite ist ungefähr nur ein
Drittel der Länge. In der Mitte
wird diese Breite durch zwei
Einbuchten auf der Ost- und
Westseite, welche ihr in einiger
Entfernung das Ansehen von
zwei Inseln geben, noch beinahe um die Hälfte vermindert. Die Nordspitze dieser
Insel liegt in 30° 42' 30" der Breite und 229 0 oo' der Länge. Die Südspitze in
30° 24' 00" N.
Nach Angabe der Japaner liegt Tanegasima 10 Ri 30 Tsjö von Otomari
entfernt — einem Eiecken und Hafen in der Landschaft Osumi, an der Ostseite des
Kap Satono-misaki (Kap Tsitschagoft nach von Krusenstern). Die Länge der Insel be-
trägt 14 Ri und ihr Umfang 37 Ri 27 Tsjö. Der Flächeninhalt läfst sich nach den
besseren japanischen Karten zu 9,6051 Quadratmeilen annehmen. In der Ferne ge-
sehen, scheint zwar ihre Richtung beinahe N. und S. zu sein, ist aber NO. gen N.
und SW. gen S. Das hohe, durch scharfe Piks bezeichnete Land von Kiusiu, welches
Fig. 25. Abbildung der portugiesischen Entdecker Japans.
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v Japan. 6. Beschreibung d. Faktoreien d. Niederländer. 245
sich im Norden von Tanegasima ausbreitet, und der Berg Motomi-jama, womit im
Westen sich die Insel Jakesima hoch aus der See erhebt, diese auffallenden Um-
gebungen machen es, dafs Tanegasima selbst niedriger erscheint, als es wirklich ist.
Diese Insel hat jedoch zahlreiche Hügel, welche, bewachsen mit Tannen, Cedern und
Bambus, in einen flachen Bergrücken zusammenfliefsen, dessen lebhaftes Grün mit
dem weifsen Sandstrande der Buchten und Baien in grellem Abstiche hervortritt.
Etwa in der Mitte der Insel wird der Bergrücken durch ein Thal unterbrochen, und
dadurch erhält Tanegasima in der Ferne das Aussehen zweier Inseln. Die unbe-
deutende Erhebung des Landes beträgt nur etwa 300 bis höchstens 500 Fufs über die
Meeresfläche. Das gute Quellwasser dieser Insel erfrischt die japanischen Seefahrer
auf ihren Reisen nach Liukiu. Tanegasima gehört zur Landschaft Osumi und wird
in zwei Gerichtsbezirke geteilt, wovon der eine, Tanegasima-köri, den nördlichen,
der andere, Kumake-köri, den südlichsten Teil der Insel umfafst. Aka-oki ist der
besuchteste Hafen. Aufserdem bieten Mori-hagi, Simo-ma Nisi-mura, Hira-jama, Kuni-
kami und Ake-no gute Ankerplätze.
.
6. Beschreibung der Faktoreien der Niederländer
in Japan,
Hirado (Firato) und Dezima.
Die erste Faktorei, welche die Niederländer in Japan errichtet haben, befand
sich auf der Insel Hirado, unweit der Stadt und dem Schlosse dieses Namens1.
Jakob Quaekernaeck und Melchior Zandvoort hatten, nachdem sie im Jahre
1600 an der japanischen Küste gelandet, während ihrer Zurückhaltung in Japan bei
dem Herrn von Hirado gute Aufnahme gefunden und waren durch die thätige Unter-
stützung dieses Fürsten, der ihnen auf seine Kosten selbst ein Fahrzeug bauen
und ausrüsten liefs, in den Stand gesetzt worden nach Patane zurückzukehren.
Diese beiden Niederländer überbrachten ihren Landsleuten die Nachricht von der
günstigen Gelegenheit, mit Japan in Handelsverbindung zu treten, und waren so die
Veranlassung, dafs die Schiffe De roode Leeuw met de pylen und De Griffioen, auf
Befehl des Admirals W. Verhoeven (1609) von Johor nach Japan abgefertigt, zu Hi-
rado vor Anker gingen, und dafs also der erste Handelsverkehr der Niederländer mit
Japan gerade hier sich anknüpfte. Abraham van den Broeck und Jacques Puijck
wurden infolge der unternommenen Gesandtschaft an den Hof des Sjögun Ijejasu und
dessen Sohnes Hidetada (1609) die Begründer des niederländischen Handels in Japan,
und die auf Hirado (ihn) errichtete Faktorei hatte Jacques Specx zum ersten
Vorsteher.
Von hier aus betrieben die Niederländer mit Genehmigung des Sjögun unter
dem Schutze des Landesherrn von Hirado den Handel. Bereits längst vor ihrer An-
kunft hatte die schreckliche Christenverfolgung ihren Anfang genommen, und die Stel-
lung der Spanier und Portugiesen im Lande war schon sehr erschüttert — Umstände,
1 In der ersten Auflage des Nippon wurde diese Insel unter dem Namen Firato nach der
früheren Schreibart der Niederländer beschrieben.
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
246
welche, so nachteilig sie auch auf neuankommende Fremdlinge zurückwirken mufsten,
die Aufnahme und den Handel der Niederländer gerade jetzt begünstigten. Doch
war es nur für kurze Zeit. Bald begegnete man ihnen mit ähnlichen Vorsichtsmafs-
regeln wie den übrigen verrufenen Ausländern. Ihre Freiheit wurde von Nagasaki
aus, dem Sitze der Statthalter des Sjögun, allmählich beschränkt, ja selbst ihr Handels-
kredit durch die Kunstgriffe ihrer Feinde geschmälert. Diese — die Spanier und
Portugiesen wurden endlich aus einem Lande, das sie freiwillig nicht verlassen wollten,
gewaltsam vertrieben, nachdem sie mit unglaublicher Beharrlichkeit Mifshandlungen
und Qualen jeder Art ertragen hatten.
Mit der Verbannung dieser Ruhestörer sah man aber die Ruhe und Sicherheit
des Staates nicht verbürgt. Auch die Niederländer waren, wenngleich von einer
vorteilhafteren Seite, als Christen bekannt geworden, und auch ihnen war das Ver-
hängnis bestimmt, das ihre Widersacher getroffen hatte. Im günstigsten Falle war
ihnen, wenn man sie nicht zur .Aufgabe ihres Handels bewegen konnte, in Nagasaki,
der strenge bewachten Reichshandelsstadt, der Aufenthalt zu Dezima, das soeben von
den Portugiesen geräumte Staatsgefängnis, zugedacht. Aber weit lieber hätte man
es gesehen, wenn auch die Niederländer, die letzten Fremdlinge im Lande, das Reich
verlassen hätten. Allein die Handelsvorteile, von welchen man berechnen konnte,
dafs sie mit jedem Jahre anwachsen würden, und der Triumph der Niederländer
über ihre abgesagten Feinde, die Portugiesen, deren letztes Streben zur Wieder-
eröffnung ihres Handels mit Japan durch das am 5. August 1640 an der makao’schen
Gesandtschaft so schrecklich vollzogene Todesurteil vereitelt worden war, ermutigte
erstere zur Beharrlichkeit und Ausdauer. Ihre Geduld wurde aber auf eine harte
Probe gestellt, als am 9. November 1640 der Befehl des Sjögun erschien, «die
Wohnungen der niederländischen Faktorei zu Hirado, auf deren Giebel die christliche
Jahreszahl stand, unverzüglich dem Grunde gleich abzubrechen». Nur der Ent-
schlossenheit des Francois Caron, welcher als Oberhaupt der Faktorei noch an dem-
selben Tage mit dem Einreifsen der Wohnungen beginnen liefs, hatten diesmal
die Niederländer ihre fernere Duldung auf Japan zu danken; denn die geringste
Widersetzung würde den Japanern ein erwünschter Beweggrund gewesen sein, die
Fremdlinge gänzlich aus ihrem Lande zu verbannen. Zum Abbruche der nieder-
ländischen Faktorei auf Hirado war somit das Signal gegeben, und der günstige Ablauf
dieses Vorfalles liefs die holländischen Kaufleute sich mit der Hoffnung schmeicheln,
ihren Handel in Japan nicht nur ferner fortsetzen, sondern ihre Faktorei nach
Nagasaki verlegen zu können, wohin sie sich längst schon versetzt wünschten. Ein
ausgebreiteter Alleinhandel eröffnete ihnen dort die schönsten Aussichten, und wenn
je die Niederländer sich unter den Willen eines Gewaltherrschers schmiegten und sich
den Winken seiner Günstlinge und Höflinge fügten, wenn sie je sich freiwillig unter ein
hartes Joch beugten, dann war es in Japan in dieser für sie und ihr Vaterland kri-
tischen Periode. Handelsinteresse war dabei die Haupttriebfeder — doch unverkennbar
auch das Bestreben, dem Vertrauen und Handelskredit ihrer Nation in einem Lande ein
Denkmal zu gründen, wo das Vertrauen in den Europäern so tief gesunken war.
Während früher die niederländischen Abgesandten mit fürstlichem Gepränge
nach dem Hofe zogen, sehen wir jetzt Maximilian le Maire anspruchslos und
demütig am Hofe des Sjögun erscheinen, wo ihm nach Überreichung der Geschenke,
welche jährlich die niederländisch-ostindische Compagnie darzubringen pflegte, am
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 6 Beschreibung d. Faktoreien d. Niederländer. 247
11. Mai 1641 durch die Reichsräte eröffnet wurde: «Dafs von nun an die nieder-
ländischen Schiffe ausschliefslich in den Hafen von Nagasaki einlaufen, und somit die
Faktorei von Hirado dahin auf brechen sollte». Es wurde beigefügt: «Der Sjögun
wolle nirgendwo anders im Lande als zu Nagasaki noch Ausländer dulden; hier
könnten die Niederländer wie früher ihren Handel treiben. So wrenig auch Japan
mit derff Handel des Auslandes gedient sei, so würde jedoch den Holländern aus Be-
rücksichtigung des vom Sjögun Ijejasu erteilten Handelspasses vergönnt, hier den Handel
fortzusetzen.»
Bald hierauf verliefsen die Niederländer ihre alte Niederlassung auf Hirado, wo
sie 32 Jahre lang ansässig gewesen waren.
Die Insel Hirado liegt an der NW. -Seite von Kiusiu, nur einige Ri von der
Küste der Landschaft Hizen entfernt, nach Angabe der Japaner zwischen 330 10' und
330 25' n. Breite, und die Stadt Hirado unter 330 20' n. Breite und 6° 13' Länge west-
lich von Kioto. Ihre günstige Lage — gerade im Mittelpunkte der lebhaften Küsten-
fahrt von Nagasaki nach der grofsen Handelsstadt Osaka — und die gröfsere Frei-
heit, welche Ausländer unter dem Schutze des Fürsten von Flirado genossen, waren
Ursache, dafs bereits früher Portugiesen und chinesische Kaufleute nach dem Hafen
von Hirado hinzogen.
«Fyrando (Hirado)», sagt FI. von Linschoten, «ist eine grofse, längliche Insel, die
sich als ein sehr hohes Land ONO. und WSW. erstreckt. Von der Ostseite gesehen,
zeichnet sie sich durch einen grofsen hohen Hügel — felsigen spitzen Berg — mitten
auf einer vorspringenden Landspitze aus.» Segelt man längs der Ostküste dieser Insel
hin, dann bemerkt man eine Öffnung, welche gleich einem Flusse landeinwärts zieht.
Hat man diese etwa eine Meile hinter sich, so öffnet sich eine kleine Bucht — eine
Bai, Cochyn (Kutsi) genannt, in die man bis auf 12 Faden (Tiefe) einläuft und da
vor Anker legt; gewährt sie auch keinen Schutz gegen Südwinde, so geht hier doch
keine hohle See. Man lälst sich von da gewöhnlich durch Barken in den Hafen
bugsieren, der aber der grofsen Strömung wegen sehr gefahrvoll einzulaufen ist. Will
man unter Segel in den Hafen gelangen, dann mufs es mit beinahe hohem Wasser
geschehen; denn man hat an der Mündung des Hafens den Wind sehr scharf, und
bei eintretender Ebbe mufs das fallende Wasser die Einfahrt unterstützen. Zu diesem
Ende segle man, wie schon erwähnt, die Ostküste von Hirado entlang und an der
Bai von Kutsi vorüber bis zur ersten Landspitze, wo nördlich zwei kleine Klippen
hervorstehen. Diesen Klippen suche man zu nahen, um so desto besser in den
Hafen einzulaufen. Man sieht darauf rechts, Hirado zur Seite, ein hohes Inselchen,
voll von Bäumen, zum Vorschein kommen, auf dessen W. -Spitze man alsbald gerade
seinen Lauf richten und so lange darauf anhalten mufs, bis dasselbe ganz sichtbar zur
Linken vorliegt, worauf sogleich von innen das Ende eines bewohnten Ortes hervor-
tritt. Sobald man die Häuser entdeckt, mufs man gut beim Winde halten. Dem
Inselchen gerade gegenüber, nämlich links an der Südseite, läuft eine kleine Land-
zunge aus, welche sich von einem hohen Hügel der Insel Hirado seeeinwärts erstreckt.
An dieser Landspitze zieht eine Bank hin. Man mufs sich daher dem erwähnten Ecke
oder Ende des Dorfes so nahe als möglich halten, um aufser dem Strome zu bleiben.
Nach gelungener Durchfahrt kommt man in ruhiges Gewässer, wo man bei ungün-
stigem Winde vor Anker gehen und dann durch Barken sich vollends in den Hafen
bugsieren lassen kann. Der Eingang ist WSW.» — Bei unseren alten Seeleuten führte
248
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
dieser Hafen die Namen Cochyn, Coetche, Cutzin, Coehynoch u. dgl., Benennungen,
die sich in dem Worte Kutsi, d. i. Mündung, und Kutsi-no-tsu, Hafen von Kutsi,
wiederfinden. Dieser Hafen, etwa eine Stunde von der Stadt Hirado entfernt, liegt
nach Johann van Twist unter 330 20', und nach John Saris unter 330 30' n. Breite,
bei 2° 50' östlicher Abweichung. — Hier befand sich jene erste Faktorei der
Niederländer.
Vom Flecken und der niederländischen Faktorei Hirado selbst — einem Orte,
von wo aus das Aufblühen der Niederländischen Vereinigten Compagnie ungemein
begünstigt wurde, der aber im Laufe der Zeit wieder ganz in Vergessenheit geriet,
teilt uns Hendrick Hagenaer aus seiner ersten Reise nach Japan im Jahre 1634
folgende Beschreibung mit: «Der Flecken Firando liegt im Hintergründe einer Bai,
wo die Natur einen geräumigen, beinahe runden Kolk gebildet hat, der durch einen
engen Hals in die Bai mündet, so dafs weder Strömung und Wind, noch hohle See
und die jährlich hier herrschenden Taifune oder Orkane den Schiffen bedeutenden
Schaden zufügen können. Bei Ebbe jedoch liegt dieser Kolk meistens trocken. Der
Hafen vor der Behausung der Niederländer ist enge und beim Einlaufen gefährlich,
wie dieses bereits mehrere unserer Schiffe erfahren haben. Japanischen Barken und
Fahrzeugen dient dieser Ort wohl zu einer guten Rhede, doch für Compagnie-Schiffe
ist er nicht geräumig genug, und sein Ankergrund zu weich, so dafs diese häufig
Gefahr laufen. Die Rhede ist zu beiden Seiten mit Häusern besetzt, welche einen
Flecken ausmachen. Hier steht auch eine Wohnung des Landesherrn, wo dieser zeit-
weilig seinen Aufenthalt nimmt. Die Häuser sind durchgehends schlecht und mit
dünnen übereinandergefügten Schindeln gedeckt. Es wohnen nur wenige vermögende
Kaufleute da. Das Logis der Compagnie nimmt einen grofsen Raum ein, ist aber
nur aus Holz gezimmert. Es hat vier grofse Zimmer, fünf Nebengemächer nebst
einer Badstube, Küche, Speisekammer u. dgl., ist aber alt und baufällig. Der Flecken
bestand vor Zeiten blofs aus Wohnungen von Fischern und gemeinen Leuten und
hatte nicht viel zu bedeuten. Jetzt aber, wo Kaufleute aus anderen Städten Japans
sich häufig hier einfinden und viel verzehren, werden täglich neue Häuser gebaut.
Es bezieht daher der Herr von Firando eine grofse Grundsteuer und andere Vorteile
mehr. Eine Strafse, deren gegenwärtig 36 bestehen, bringt nun mehr auf, als früher
der ganze Flecken» u. s. w.
Wenn man diese Beschreibungen unserer früheren niederländischen Reisenden
mit der auf Fig. 26 mitgeteilten Ansicht des Hafens samt dem Flecken und der
Faktorei der Niederländer zu Hirado vergleicht, dann werden die oft dunkeln Stellen
jener alten Schriftsteller deutlicher hervortreten, und übereinstimmend mit der Abbil-
dung selbst, uns einen für die Geschichte des niederländischen Handels so merkwür-
digen Ort wieder erkennen lassen.
In der Abbildung sehen wir zur Rechten die Gebäude der niederländischen
Faktorei, sowie sie wahrscheinlich kurz vor dem Abbruche unter Fr. Caron (1640)
bestanden. Die Stelle, wo man jetzt noch deren Überreste findet, wird Saki-kata ge-
nannt. Die auf der Landspitze gegenüberstehenden Gebäude waren Magazine und
Wohnungen der Kaufleute und bilden jetzt das Dorf Hino-ura. Vor dem Hafen,
dessen Eingang durch eine weit in die See ragende Landzunge Nanrjö-saki zur
Rechten und durch die Landspitze Hino-ura zur Linken gebildet wird, sieht man die
von Linschoten beschriebenen zwei Klippen und das hohe baumreiche Inselchen.
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v Japan. 6. Beschreibung d. Faktoreien d. Niederländer. 249
Fig. 26. Ansicht von FLirado, der ersten niederländischen Faktorei.
250
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Erstere führen bei den Japanern die Kamen Otatsuke und Kotatsuke, und letzteres
wird Awo-zasaki genannt. Die zwei Klippen bezeichnen wirklich als untrügliche Merk-
male die Hafenmündung und das grüne Inselchen den rechten Weg dahin. — Diese
Ansicht ist nach einem Ölgemälde aufgenommen, welches früher noch auf Hirado ver-
fertigt und von der Familie eines ehemaligen Lieferanten daselbst nach Nagasaki ge-
bracht worden ist.
Plan von Dezima,
Faktorei des niederländischen Handels im Reiche Japan. (S. Fig. 1 u. 2.)
Auf Befehl und Kosten des Sjögun Ije-mitsu wurde in den Jahren 1635 — 1636
für die Portugiesen, die sich trotz der harten Verfolgung, welche in den ersten Jahr-
zehnten des siebzehnten Jahrhunderts über sie erging, in Japan zu halten strebten,
dicht vor der Stadt Nagasaki ein eigener Wohnplatz angelegt — ein Inselchen,
durch Aufschutt am Strande hervorgerufen, welches seiner Lage nach den Namen
Dezima — Vorinsel — erhielt, hinsichtlich seiner Bauart und Abgeschlossenheit
aber und seines Zweckes wegen eher den Namen eines Staatsgefängnisses verdient.
Von hier aus betrieben die Portugiesen einige Jahre lang ihren Handel, der
ungeachtet der Einschränkungen und Verfolgungen durch die Lage des Inselchens so
nahe bei Nagasaki und durch die gute Einrichtung der Magazine sehr begünstigt
wurde, so dafs gleichsam aus dem Schutte ihrer Freiheit ihr Handel von neuem
aufblühte.
Dieses entging nicht dem Blicke der Niederländer, und dieselben hatten nicht so
bald die günstige Wendung der portugiesischen Handelsverhältnisse ersehen, als
auch bei ihnen der Wunsch rege wurde, ihre Faktorei von Hirado nach Nagasaki
bei der ersten günstigen Gelegenheit zu verlegen.
Die Reichsverbannung, welche zu Ende des Jahres 1639 über die Portugiesen
verhängt wurde, öffnete den Niederländern die schönsten Aussichten zu einer Nieder-
lassung in Nagasaki — wohl gar auf Dezima. Schienen auch ernste Unannehmlich-
keiten zwischen den Niederländern und der japanischen Regierung die Aufhebung der
Faktorei zu Firato herbeigeführt zu haben, den niederländischen Kaufleuten war es
um so angenehmer, nach einer Stadt versetzt zu werden, die für den ausländischen
Handel so vorteilhaft gelegen war, und bereitwilliger noch wurde von seiten der
japanischen Regierung den allein im Lande zurückbleibenden Ausländern Dezima geöffnet.
So sehen wir im Jahre 1641 unter dem Oberhaupte Maximilian le Maire unsere
Niederländer, ganz mit ihrem Schicksale einverstanden, von Hirado nach Nagasaki
aufbrechen und Dezima, diese vermeintliche Goldgrube ihrer Feinde, beziehen.
Der Verkehr mit Japan, von Nagasaki aus betrieben, versprach für den nieder-
ländischen Handel in Ostindien grofse Vorteile, und diese Rücksicht sowie der unge-
wöhnliche Gewinn, welche der Compagnie und deren Dienern in den ersten Jahren
des Aufenthaltes daselbst zuströmte, lassen es entschuldigen, wenn sonst freiheit-
liebende Männer ihre Freiheit hier aufopferten.
Dezima, im Süden der Stadt Nagasaki am nordöstlichen Strande der Bai gelegen,
hat die Form des entfalteten Blattes von einem japanischen Fächer. Man erzählt, dafs
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 6. Beschreibung d Faktoreien d. Niederländer. 25 I
der Sjögun, als man ihn um die Form fragte, die er dem aufzuwerfenden Inselchen
gegeben wünschte, seinen Fächer überreicht habe, um als Vorbild zu dem Staats-
gefängnisse der Portugiesen zu dienen. Durch Abtragung eines in der Nähe gelegenen
Hügels ist dieses Inselchen errichtet und durch eine Mauer aus Basaltsteinen gegen
den Anprall der Wogen geschützt worden. Bei hohem Wasser erhebt es sich noch
etwa 6 Fufs über die Meeresfläche und ist an der Südseite 624, an der Nordseite
516 rhnl. Fufs lang und in der Mitte 216 Fufs breit. Gegen S. und W. schaut es
in die Bai, gegen N. und O. liegt es, durch einen schmalen Kanal geschieden, gegen-
über der Stadt Nagasaki, mit der es durch eine kleine steinerne Brücke und ein mit
einer Wache besetztes Thor (Landpoort) (a) in Verbindung steht. Ein zweites Thor an
der Westseite (Waterpoort) (b) wird zum Verkehr mit den vor Anker liegenden Schüfen
geöffnet. Auf diesem kleinen Raume sind die aus Holz gebauten Wohnungen der
niederländischen Beamten, die Magazine und einige andere Nebengebäude zusammen-
gedrängt, durch eine mäfsig breite Strafse geschieden, welche nebst dem freien
Platze bei dem Flaggenstocke, dem botanischen Garten und dem Küchengarten den
einzigen Spaziergang für die hier eingeschlossenen, streng bewachten Ausländer bietet.
Die Wohnung des Oberhauptes (d) enthält einige geräumige, nach europäischer Weise
erbaute Säle, welche im Jahre 1823 auf Kosten der niederländischen Regierung
sehr geschmackvoll eingerichtet wurden. Auf dem erwähnten Plane erhebt sich,
prangend mit der niederländischen Flagge, der Flaggenstock und zeigt den ein-
segelnden Schiffen der Niederländer den einsamen Aufenthalt ihrer Landsleute.
Sein beliebtes Farbenspiel verkündet den Einwohnern von Nagasaki jedesmal unsere
niederländischen Nationalfeste und hilft die ihrigen auf gleiche Weise verherrlichen.
Der Flaggenstock liegt unter 320 45' der Breite und 1290 5T der Länge östlich
von Greenwich.
Unter den vielen, die naturhistorischen Wissenschaften befördernden Anstalten der
niederländisch-ostindischen Regierung mag hier wohl des botanischen Gartens erwähnt
werden, den ich auf Befehl derselben in den Jahren 1823 — 1824 dort angelegt habe.1
I121 Jahre 1829 waren darin bereits an tausend der japanischen Flora angehörende
seltenere Gewächse angepflanzt. Die Namen der um die Pflanzenkunde dieses Landes
so verdienten Naturforscher E. Kaempfer und C. P. Thunberg sind dort durch ein
Denkmal geehrt, das die Aufschrift trägt:
E. KAEMPFER, C. P. THUNBERG
ecce! virent vestrae hic plantae florentque quotannis
CULTORUM MEMORES SERTA FERUNTQUE PIA.
In dem vorliegenden Plane, Fig. 2, ist Dezitma so gegeben, wie es zu Anfang
des Jahres 1828 war. Ein heftiger Orkan am 18. und 19. September desselben
Jahres hat durch den Einsturz einiger Wohnungen Veränderungen hervorgerufen,
wodurch einige Wohnungen der Beamten* eine bedeutende Verbesserung und durch
Versetzung eines grofsen Packhauses in den botanischen Garten eine freiere Aussicht
erhalten haben.
1 Die Wohnung v. Siebolds war bei (f), daneben breitet sich der botanische Garten aus. Note
zur 2. Auflage.
-<$>
252
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
7. Verkehr der Japaner mit ihren Nachbarn, den
Chinesen, Koreanern und einigen andern Völkern.
Mit seinen Nachbarn, den Chinesen und Koreanern, sowie einigen andern Völkern
kam Japan schon in den frühesten Zeiten in Berührung. Die gleichsam wechselseitige
Entdeckung und der Staats- und Handelsverkehr dieser asiatischen Völker unter sich
verdienen hier in einem geschichtlichen Überblicke, der sich auf die Meldungen ihrer
eigenen Jahrbücher stützt, mitgeteilt zu werden.
Im 72. Jahre der Regierung des Mikado Körei (219 v. Chr.) zur Zeit, wo
Sinno-Si-kwo-tei (Zin-Schi-hoang-ti), welcher die grofse Mauer errichtete und durch
die von ihm gebotene Bücherverbrennung bekannt ist, in China regierte, erwähnen
die Japaner in ihren Jahrbüchern zum erstenmale der Chinesen und melden, dafs da-
mals der Chinese Sjofu nach Japan gekommen sei ; und im Buche Zin-wö-sei-tö-ki
steht: «Der Kaiser Zin-Schi-hoang-ti will in Zurückgezogenheit lange leben und läfst
auf Nippon eine Arzenei gegen den Tod aufsuchen». Dieser Sjofu liefs sich zu Ku-
mano in der Landschaft Kii auf der grofsen Insel Nippon nieder. Die chinesische
Münze Hanrjö, zu Zeiten des Zin-Schi-hoang-ti in China gegossen, wird noch heutigen
Tages zu Kumano, wrn jene chinesische Kolonie sich angesiedelt hatte, aus-
gegraben und bestätigt so dieses merkwürdige Ereignis. Von dieser Zeit an
kamen die Japaner mit China mehr und mehr in Berührung; beide Völker schickten
sich Gesandtschaften und Geschenke. Zu verschiedenen Zeiten kamen chinesische Ko-
lonisten nach Japan, und Künste und Wissenschaften wanderten unter dem Schutze
der Priester des Buddhadienstes, welcher wahrscheinlich im Jahre 59 unserer Zeit-
rechnung zuerst nach Japan kam, in dieses Land ein. So wurden die Japaner mit
China bekannt, und länger als ein Jahrtausend erhielt sich zwischen beiden Staaten
ein fast ununterbrochenes freundliches Verhältnis. Seit 1596, dem Jahr vor dem Aus-
bruche des Krieges mit Korea, wurden jedoch die politischen Beziehungen zwischen
Japan und China aufgehoben. Die chinesische Regierung selbst scheint ihren Unter-
thanen den Handel dahin untersagt zu haben, und jetzt bilden die von Saliö (Ninpo-fu)
nach Japan Handel treibenden Chinesen blofs eine von der Regierung der Provinz
Dsche-kiang geduldete Handelsgesellschaft.
Mit Mimana und Sinra, so hiefsen damals die südöstlichen Provinzen der Halb-
insel Korea (Tsjö-sen), war Japan ebenfalls sehr frühzeitig in Berührung gekommen.
Bereits im 11. Jahre der Regierung des Mikado Suzin (86 v. Chr.) wird einer Gesandt-
schaft erwähnt, welche aus Mimana kam und kostbare Geschenke überbrachte. Eine
ähnliche Gesandtschaft erschien im 65. Jahre desselben Mikado (33 v. Chr.), und im
3. Jahre der Regierung des Mikado Suinin (27 v. Chr.) kam Amano Hiboko, ein
Prinz aus Sinra, und liefs sich in der Landschaft Täsima nieder. Häufig kamen jetzt
Kolonisten aus Korea; der Verkehr beider Länder, wenn auch durch blutige Kriege
unterbrochen (249 n. Chr.), wurde immer lebhafter, und Korea, von wo aus um das
Jahr 285 n. Chr. die Lehre des Conficius nach Japan überbracht wurde, ward nun
für diese Nation eine Schule der Sittenverfeinerung. In den Jahrbüchern der Japaner
sind die Jahre genau bezeichnet, in welchen Künste und Wissenschaften von diesem
benachbarten Lande, mit dem sie noch häufiger als mit China verkehrten, ihnen vermittelt
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 7. Verkehr d. Japaner m. ihren Nachbarn. 253
wurden. Aber durch den Krieg, welchen zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts
Hidejosi, der unter dem Ehrennamen Taiko allgemein bekannte Eroberer, so ver-
heerend gegen Korea führte, sind die Beziehungen beider Reiche zu einander sehr
beschränkt worden. Klug genug wufste Japan die Insel Tsusima, die gegen Korea
gelegene Vorhut, zum Stapelplatze für den unbedeutenden koreanischen Handel zu
wählen, woselbst zugleich die Gesandtschaften, welche bei Veränderungen in der Thron-
folge noch stattfinden, empfangen werden.
Der nordöstliche Teil der Insel Nippon führte bis zur Zeit der Regierung des
Mikado Sai-mjö (654 n. Chr. Geb.) den Namen Jebisuno-kuni, Land der Wilden, oder
Mitsino-oku, Weg zum tiefen Lande, auch Mutsu-Jezo. Schon früher unter der Re-
gierung der Mikado Ke'ikö (12 1 n. Chr. Geb.), und später unter Nin-toku (368) und
Bidatsu (581) liest man von Empörungen der wilden Bewohner (Atsuma-jebisu) dieses
wenig bekannten Landes. Ein Fürst von Jetsigo Namens Abenohirafu machte zu-
erst einen Einfall in Mutsu-Jezo (658 n. Chr. Geb.), durchzog das ganze Land, und
setzte darauf nach Watarisimano-Jezo, der eigentlichen Insel Jezo über. Schon zu
dieser Zeit ist von den Japanern die Entdeckung gemacht worden, dafs Jezo wirklich
eine Insel sei; denn der Name Watari, d. i. Überfahrt, und Sima, Insel, sprechen
dies deutlich aus. Aber erst um das Jahr 1672 wurden die südlichen Kurilen,
Kunasiri und Jetorop, den Japanern näher bekannt, und um dieselbe Zeit auch Kamt-
schatka als die nördlichste Spitze des asiatischen Festlandes. Dorthin lockte der reich-
liche Fischfang japanische Fischer und Kauf leute, dahin wurden aber auch ihre Schiffe durch
Stürme verschlagen. Die Ausbreitung der russischen Macht über dieses Gebiet gerade
im Norden Japans trieb in den Jahren 1780 — 90 die japanische Regierung an, von
der nordöstlichen Küste von Jezo, den erwähnten Kurilen und dem südlichen Teile
der Insel Krafto vollends Besitz zu nehmen. Der südliche Teil dieser Insel und eine
Strecke der Ost- und Westküste derselben wurden im Jahre 1785 den Japanern näher
bekannt, und im Jahre 1786 erhielten sie von Fremdlingen aus Santan , welche sich
auf Krafto niedergelassen hatten, Nachrichten von der Ausdehnung der Westküste dieser
Insel bis zur Mündung des Amurstromes (Manko), und von einem Teil des Amur-
landes, Santan genannt. Die Mündung des Amur und das Land Santan selbst wurden
erst im Jahre 1808 auf Befehl des Sjögun Ijenari bereist und aufgenommen. Die
drohende Haltung, welche die Russen nach dem Mifslingen ihrer wiederholten V er-
suche, Freundschafts- und Handelsverbindungen mit den Japanern einzugehen, an-
nahmen, bewogen diese, ihre Besitzungen und Ansiedelungen im Norden zu erweitern
und sich den Besitz derselben durch zahlreiche Befestigungen, wTelche sie rund um die-
selben anlegten, zu sichern.
Im Jahre 1451 unter der Regierung der Sjögun Josimasa kamen zum ersten-
male die Bewohner der Liukiu-Inseln nach Japan und knüpften mit der südlichen Land-
schaft Satsuma einen Handelsverkehr an. Im Verlaufe der Zeit (1596) entstand ein
Zwiespalt des Königs von Liukiu mit Satsuma, wahrscheinlich durch Intriguen der
Chinesen herbeigeführt. Der Fürst von Satsuma sandte eine Kriegsmacht nach
Liukiu, der König desselben wurde als Gefangener nach Japan gebracht und schlofs
Frieden. Liukiu wurde von nun an Satsuma zinsbar (1609). Seitdem wanderten häufig
die Einwohner dieser Landschaft dahin, und die nördlichsten Inseln des Liukiu-Arehipels
sind durch Ansiedelungen der Japaner gröfstentcils bevölkert worden.
Die im Osten von Japan gelegene Gruppe der Munin- (Bonin-) Inseln wurde erst
254
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
im Jahre 1675 von einem japanischen Kaufmann, der durch Sturm dahin verschlagen
worden war, entdeckt, und dieser gründete daselbst eine Niederlassung.
Häufig spricht die japanische Geschichte von Wilden und Räubern, welche die
Küsten und das Land beunruhigten. Die Süd wilden, Nanban, aus den Jahren 1020
und 1412 erwähnt, haben bereits unsere Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Noch ist
der Westwilden (Se'isiu), welche sich im Jahre 999 in Japan zeigten, und jener Räuber
zu gedenken, w’dche im Gebirge Suzuga-jama in der Landschaft Omi hausten. Von
ihnen erzählt die Geschichte, dafs Feuer und Rauch aus ihrem Munde gesprüht habe.
In früheren Zeiten hatten sich auch schwarze Wilde in Japan sehr furchtbar gemacht;
sie stifteten vieles Unheil, wurden aber endlich bekämpft und vertrieben. Aus den
Gesichtszügen, dem Körperbau, den krausen Haaren und einer dunkleren Hautfarbe,
die noch einzelnen Bewohnern der südlichen und südöstlichen Küsten Japans eigen
sind, läfst sich selbst auf eine Vermischung schliefsen, die mit ähnlichen Volksstämmen,
wie den Urbewohnern der Philippinen und Karolinen, ja selbst mit den Alfuren des
südlicheren Australiens stattgefunden haben könnte.
Will man da, wo mündliche Überlieferungen nicht hinreichen und auch die Jahr-
bücher der Geschichte schweigen, in den hervorstechenden Merkmalen der Körper-
bildung, in der Gemütsbeschaffenheit, in alten Sitten und Gebräuchen, ja selbst in den
Naturprodukten, welche man sich zum nötigen Lebensunterhalte zu verschaffen wufste
oder für andere Bedürfnisse sich zueignete, will man daraus auf eine Vermischung und
einen Verkehr mit anderen Völkern zurückschliefsen; dann wird man eine nahe Ver-
brüderung der jetzigen Bewohner Japans mit jenen der zahlreichen Inselgruppen,
welche vom 10. 0 bis 30. 0 n. B., und vom 140. 0 bis 180.0 ö. L., ja selbst über die
Sandwichsinseln bis Kalifornien sich ausbreitet, so wie mit jenem merkwürdigen Volke,
dem Aino-Stamme, welcher sich längs den Kurilen und Aleuten bis zum neuen Kon-
tinente hinüberzieht, ermitteln können.
So weit unsere europäische Bekanntschaft mit Japan zurückreicht, sehen wir im 16.
und 17. Jahrhundert japanische Kaufleute, Kolonisten, Soldaten und Seeräuber mitTonkin
(Annan), Cambodia, Siam, Formosa, mit den Philippinen, denSundainseln und den Molukken
verkehren, und die auf Japan noch vorhandenen indo-chinesischen Münzen deuten auf
einen noch früheren Verkehr mit diesen Ländern, welcher besonders in den Jahren
1434, 1530 lebhaft gewesen zu sein scheint. Siam schätzte und fürchtete die japa-
nischen Krieger; den Niederländern und Engländern kamen bei ihren Kriegen in Ost-
indien die tapferen Japaner gut zu statten, auf Manila war noch in dem Jahre 1621
eine japanische Ansiedelung; nach Rom kamen japanische Gesandte; Kaufleute nach
Mexiko, Matrosen nach England; japanische Schriften, in Kamtschatka gefunden
(1696), beweisen die frühere Anwesenheit von Japanern daselbst, und schiffbrüchige
Kaufleute von Satsuma, der Südspitze von Japans, im Jahre 1732 dahin verschlagen,
machten die Russen auf das nachbarliche Land aufmerksam. So zählten wirklich unter
der Regierung des Sjögun Ijejasu (1603) die Japaner in ihren Jahrbüchern gegen
sechzehn Völker auf, mit welchen sie bis dahin in Freundschaft oder Handelsbe-
ziehungen gestanden hatten, als durch unwiderruflichen Befehl das Japanische Reich
dem Auslande verschlossen und sein Verkehr auf seine Schutz- und Nebenländer und
die Niederländer und Chinesen beschränkt wurde.
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 8. Gesch. Übers, d. geogr. Forsch. 255
8. Geschichtliche Übersicht der geographischen
Forschungen der Japaner über ihr eigenes Land und
dessen Neben- und Schutzländer.
Bei den Japanern, wie bei den Chinesen, ihren Lehrmeistern, geht die Geo-
graphie Hand in Hand mit der Geschichte. Beide Wissenschaften beschränken sich
aber nur auf die Grenzen ihres eigenen Landes und überschreiten dieselben nur in
dem Falle, wo dasselbe mit dem benachbarten Festlande von Asien oder mit seinen
Neben- und Schutzländern in Berührung kommt. Die Wiege der Civilisation von
Japan war der südlichste Teil der jetzigen Insel Kiusiu, welche in ältester Zeit den
Namen Tsukusi führte; sie war der Wohnsitz der Voreltern Zinmus, des ersten Erb-
kaisers (Mikado), mit dem die Geschichte von Nippon beginnt. Es nimmt daher die
Entdeckungsgeschichte, welche die Japaner von ihrem eigenen Lande in ihre Jahr-
bücher eingetragen haben, im südlichen Teile von Japan ihren Anfang und verbreitet
sich von da nach Osten und Norden auf dem Wege, den ihr Zinmu, der Eroberer,
und dessen Nachfolger gebahnt haben. Diese Eroberungszüge der ersten Mikados
und die späteren Kriege und Berührungen mit Korea, Jezo und Liukiu sind denkwürdige
Entdeckungsreisen. Aus japanischen Quellen lassen sich die folgenden Begebenheiten
als Hauptepochen der Entdeckungsgeschichte herausheben: die Begründung der Mikado-
herrschaft durch Zinmu (660 v. Chr.); der Feldzug des Prinzen Jamatotake gegen
die Ostwilden (Asumajebisu) (110 n. Chr.); der Seezug der Kaiserin Zingu nach
Korea (201); die Eroberung von Mutsu-Jezo und eines Teiles der Insel Jezo vom
Fürsten Abenohirafu (658); die. Verbannung des Prinzen Tametomo nach Osima
(1156); die Flucht des Prinzen Jositsune aus Osju nach Jezo (1189); die Unterjochung
der Jezoer durch Nobuhiro (1443), unter Josihiro (1594) und Norihiro (1670);
die Eroberungszüge des Taiko Hidejosi nach Korea (1592 — 1597); und endlich die
Eroberung der Liukiu-Inseln von Josihisa, Fürsten von Satsuma (1609).
Über der Abkunft der Voreltern Zinmus, der sogenannten Dsizin, Erdengötter,
und über ihren Beziehungen zu den benachbarten Inselbewohnern oder dem Festlande
ruht die Nacht der Vergessenheit. Der Sage nach wohnten sie seit Jahrtausenden im
Gebirge Takatsiho in der Landschaft Hihoga, dem jetzigen Hiuga, wo sich auch ihre
Vorfahren, die Himmelgötter Tenzin, schon vor Millionen Jahren niedergelassen
hatten. In der Ähnlichkeit von Sprache, Religion, Sitten und Gebräuchen lassen sich
übrigens die Spuren einer vorgeschichtlichen Verwandtschaft des Stammes von Zinmu
mit den Bewohnern der Liukiu-Inseln nicht verkennen, während die unter der Mikado-
herrschaft noch fortbestehenden Beziehungen der Bewohner von Tsukusi mit denen
der koreanischen Halbinsel auf einen Verkehr dieser Völker in früheren Zeiten schliefsen
lassen. Ebenso bestanden wahrscheinlich lange vor Begründung der Mikadoherrschaft
Verbindungen der südlichen Stämme mit den östlichen und nördlichen, da, wie die
Sage lautet, unter der Herrschaft der Erdengötter Dsizin die vergötterten Helden
Kasima und Katori bereits weit nach Osten und Norden bis ins Land der Wilden
(Jebisunokuni) vorgedrungen waren. Diese Beziehungen, welche Zinmu nicht unbe-
kannt sein konnten, hatten sich aber im Laufe der Zeit und durch Kriege, welche
die rohen Horden gegen die gesitteteren Stämme führten, wieder gelöst. Dem Zufalle
war jedoch Jahrhunderte lang ein weiter Spielraum zur Verbrüderung von Inselbe-
256
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
wohnern unter sich und mit den Bewohnern der nächsten Küsten des asiatischen
Kontinents gegeben. Unwillkürlich pflanzte sich durch die Macht der Orkane und
der Meeresströmungen die Bevölkerung der im Osten vom Festlande ausgebreiteten
Inselkette unter sich fort und wurde gleichfalls dadurch von den benachbarten Küsten
aus durch schiffbrüchige Kolonisten vermehrt. Wie es noch heutzutage geschieht,
wurden gewifs auch in der vorgeschichtlichen Zeit japanische Fischer bis in den
Grofsen Ozean, nach den Sandwichs-Inseln und weiter verschlagen, und es unterliegt
keinem Zweifel mehr, dafs sogar bis nach den westlichen Küsten der neuen Welt
durch eben diese gewaltigen und natürlichen Lokomotiven Japaner und andere gesittete
Bewohner Asiens mit fortgerissen worden sind.
Wir wollen nun das Wissenswerteste, was uns die Japaner von der allmählichen
Entdeckung ihres Landes in ihren Geschichtsbüchern bewahrt haben, in gedrängter
Kürze anführen. Von Hihoga aus nahm Zinmu (667 v. Chr.) mit seinen Kriegs-
fahrzeugen den Lauf vom Kap Mijasaki (Kap Cochrane) längs der Küste von Hiuga
durch die Strafse Hajasu-kado, d. i. der schnellen Strömung Pforte (der Kanal, der
Kiusiu von Sikoku scheidet), nach der Bai von Usa (das heutige Usuki). Von hier
setzte er nach Jenomija in der Landschaft Aki auf Nippon über, überwinterte daselbst
und schiffte im folgenden Jahre an der Küste von Kihi (Bingo und Bitsju) weiter bis
Takasima (das heutige Kosima), wo er sein Hoflager aufschlug. Nachdem er hier
drei Jahre lang mit Ausrüstung von Schiffen und andern Vorbereitungen zugebracht
hatte, setzte er seinen Eroberungszug zur See nach dem Hafenlande, Tsunokuni, der
Bai vom heutigen Osaka fort. Er lief in die Mündung des Naniwagawa (Flufs der
schnellen Strömung) ein und segelte aufwärts bis Sirakata in der Landschaft Kawatsi.
In diesem Hafen liefs er seine Schiffe zurück und zog mit seinem Kriegsvolke nach
Tatsuta, Drachenfeld, in der Landschaft Jamato, wo ihm ein mächtiger Feind die Spitze
bot. Er fand sich daher zum Rückzuge genötigt und beschlofs von Naniwa nach Kii
zu segeln, um von da aus dem Feinde in den Rücken zu fallen. Es war eine ge-
fahrvolle Fahrt, denn er mufste eine reifsende Strömung — die Strafse von Lin-
schoten — passieren. Er landete im Hafen Kumanourasaki, im Südosten der Land-
schaft Kii, und zog unter manchen Abenteuern landeinwärts, wo es ihm nach langem
1
hartem Kampfe glückte, Herr von Jamato zu werden. Er baute sich im Eichenfelde,
Kasiwara, am Fufse des Berges Wunebi einen Palast und bestieg den Thron von
Jamato. Soweit war Japan im Jahre 660 v. Chr. bekannt. Zinmus Herrschaft soll
sich übrigens auf Nippon nicht weiter als bis zur Landschaft Sagami, also etwa bis
unter den 35.0 n. B. erstreckt haben. Bis zur Zeit des X. Mikado, Sjunin (97 v. Chr.),
bildeten die Landschaften Hitatsi, Kino (das heutige Simotsuke und Kotsuke), Sinano
und Kosino (das heutige Jetsitsju) die Grenze von Jebisunokuni, dem Lande der
Wilden, welches auch Mitsino-öku (der innerste, entfernteste Weg) hiefs. I111 65. Jahre
der Regierung dieses Mikado (33 v. Chr.) ward man am Hofe zuerst mit Korea be-
kannt, nämlich mit den Landschaften Mimana und Sinra (die heutige Provinz Kjöng-
sjang-to). Unter dem XII. Alikado, Keiko, brachen im Süden und Osten des Reiches
Unruhen aus. Der Mikado selbst zog mehrmals gegen den Stamm Kumaoso in
Tsukusi zu Felde (82 und 88 n. Chr.); aber dem Prinzen Jamato take gelang es erst
im Jahre 97 denselben zu unterwerfen. Dieser gefeierte Held zog auch den soge-
nannten Asuma Jebusi, Ost wilden, den freien Stämmen im östlichen Teile von Nippon
entgegen. Seine Expedition ging (110) von Jamato aus nach der Ostküste von Ise,
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 8. Gesell. Übers, d. geogr. Forsch.
257
von da durch Owari nach Mikawa, Tötomi, Suruga bis nach Sagami, von wo aus
er (bei Uraga am Eingänge der Bai des jetzigen Jedo) nach Fusa (dem heutigen Awa,
Simosa und Kadsusa) übersetzte, sich einschiffte und die Südostspitze von Nippon,
Daidosaki und Daihösaki (Witte hoek und Zanduinige hoek, v. Vries), bis Imasaki
(Kap der Kennis) umsegelte. Hier drang er in das Land der Wilden bis in die Gegend,
wo jetzt die Stadt Sendai sich befindet, also ungefähr bis zum 38. 0 n. Br., vor. Alle
freien Stämme, deren Gebiet er betrat, unterwarfen sich dem Helden von Jamato,
und siegreich kehrte er durch die Landschaften von Tsukuba (das heutige Hitatsi)
nach Sakaori in Kai zurück, wo er sein Hoflager zu halten gedachte. Ein Aufstand
in Sinano rief ihn jedoch bald wieder ins Feld. Von Kai nahm er seinen Weg durch
Musasi und rückte bis Kamitsuke vor. An der Grenze von Sinano, bei Usu, verteilte
er sein Heer, entsendete die eine Hälfte unter dem Befehle von Kibitsu-higo nach
Kosi, die andere führte er selbst nach Sinano und besiegte die Rebellen. In Owari
wollte er sich wieder mit Kibitsu vereinen, starb aber infolge einer sich beim Über-
gang des Berges Ibuki zugezogenen Krankheit in Nohono, in der Landschaft Ise
( 1 1 1 n. Chr.). Der Feldzug Jamatotake trug ungemein viel zur Erweiterung der
Kunde vom östlichen und nördlichen Teile Nippons und zur Ausbreitung der Gesit-
tung und Befestigung der Mikadoherrschaft daselbst bei.
Mit dem benachbarten Korea standen um diese Zeit die Bewohner von Tsukusi
und besonders der kriegerische Stamm Kumaoso, der das heutige Satsuma, Hiuga
und Ohosumi bewohnte, im Verkehr. Die häufigen Unruhen in diesen Landschaften
wmrden der Aufwiegelung von seiten der Koreaner zugeschrieben, was denn auch Ver-
anlassung zu einem Kriege mit Sinra, einer Landschaft auf der Süd-Ostseite von
Korea gab. Der erste Krieg mit Korea fand unter dem XV. Mikado, der Kaiserin
Zingu Kögu (201 n. Chr.) statt. Auf diesem Seezuge wurden auch die Inseln Iki und
Tsusima berührt und näher bekannt. Aber vor allem haben die Japaner dieser
Expedition die erste genauere Kenntnis von der Lage und der Geschichte der vielen
kleinen Staaten, in welche damals die Halbinsel geteilt war, zu verdanken; es hatte
auch dieselbe eine Annäherung an das Chinesische Reich zur Folge.
Von nun an breiteten sich die Grenzen von Nippon mehr und mehr nach Norden
aus bis an die Parallele der Insel Sado, welche im dritten Jahrhundert dem Mikado-
Reiche einverleibt wurde. Auch auf Kiusiu fafste die Mikado-Herrschaft nach der
Demütigung von Sinra und des Stammes der Kumaoso festen Fufs. Ein für die
Entdeckungsgeschichte höchst wichtiges Ereignis hatte zur Zeit des XXXVIII. Mikado,
Saimei, statt. Seit dem Eroberungszuge von Jamatotake machten die wilden noch
freien Stämme in Mutsu Jezo — so hiefs damals der nördlichste Teil der jetzigen
Landschaft Mutsu — häufig Einfälle in die benachbarten Gaue. Bereits im Jahre 368
war der Feldherr Damitsi gegen sie zu Felde gezogen, aber überwunden und getötet
worden, und seit 581 beunruhigten sie fortwährend die Grenzen. Im 4. Regierungs-
jahre von Saimei unternahm daher Abenohirafu, Fürst von Jetsigo, einen Kriegszug
nach Mutsu Jetso, eroberte die Landschaften Akita, Nusiro und Tsugaru (beide ersteren
Bezirke des heutigen Dewa und letztere die nördlichste Spitze von Mutsu) und setzte
von da nach der Insel Jezo über, welche damals Watari-sima-Jezo, d. i. Überfahrts-
insel von Jezo, zum Unterschiede von Mutsu Jezo genannt wurde. Es ward mit dem
Namen Watari-sima-Jezo aber nur der südlichste Teil dieser Insel, der jetzige Bezirk
von Matsmai bezeichnet; der ganze übrige Teil war unter dem Namen Makkats (Stein-
v. Sieb old, Nippon I. 2. Aufl. 17
258
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
/ *
bockland) oder Sjukusin bekannt. Im folgenden Jahre wiederholte Abenohirafu seinen
Zug nach Jezo und drang bis zur Mündung des Siribesi vor, wo er eine Station er-
richtete und eine Besatzung zurückgelassen haben soll. Das nordwestliche Küstenland
von Jezo trug von der Zeit an den Namen von Siribesi. Bei einem späteren Aufstand
der Jezoer (729) sollen die Ansiedelungen der Japaner am Siribesi (Siribets) zerstört
worden sein.
Mit der Einführung des Buddhaismus vom benachbarten Festlande aus (552)
waren auch die ersten Anfänge von Künsten und Wissenschaften mit herübergebracht
und von den Mönchen, welche mit jenem Kultus übersiedelten, gepflegt und verbreitet
worden. Man begnügte sich daher nunmehr nicht blofs mit der Eroberung und Ein-
verleibung der noch unabhängigen Länder in das Mikado-Reich, sondern man suchte
auch die einzelnen Landschaften zu vermessen, das Reich zu arrondieren und in Land-
schaften (Kuni), in Bezirke (Kohori) und (646) in gröfsere Kreise einzuteilen. An-
fänglich war es nach der zu Seki in der Landschaft Mino errichteten Barriere
(Kwan) in die östlich von diesem Hofe gelegenen Länder, Kwanto, und in die west-
lichen, Kwan-sai, geschieden. Im letzten Regierurigsjahre des Mikado Tenmu (686)
wurde es aber in 8 To, d. i. Wege, eingeteilt und über jeden Kreis später (806)
eigene Inspektoren gesetzt. Die Namen der Kuni und Kohori haben zwar im Laufe
der ersten Jahrhunderte vielfältige Abänderungen erlitten, aber bereits im ersten Re-
gierungsjahre des Mikado Sjunwa (824) wurde das Reich in 66 Landschaften (Kuni)
und 8 Kreise (To) eingeteilt, gerade so, wie sie noch heutzutage bestehen. Man
kann also um diese Zeit schon die Chorographie des eigentlichen Japan als vollendet
betrachten.
Auffallend ist, dafs in den Geschichtsbüchern bis auf diese Zeit der Insel Sikoku
und ihrer Bewohner kaum erwähnt wird; nur im 13. Regierungsjahre des Mikado
Tenmu (682) liest man im Nipponki, dafs ein ungeheueres Erdbeben gewesen und
eine grofse Strecke Landes auf der Ostküste von Tosa im Meere versunken sei. Die
Stelle, welche sich auf etwa 20 geogr. Quadratmeilen berechnen läfst, ist auf den
alten japanischen Karten genau angegeben. Ein glaubwürdiger japanischer Gelehrter
versicherte uns, dafs unter allen japanischen Inseln Sikoku am spätesten bevölkert und
kultiviert worden sei.
Wir haben nun noch die Entdeckungsgeschichte der Neben- und Schutzländer
zu verfolgen. Dabei müssen wir aber von dem bisher eingehaltenen chronologischen
Gange abweichen und der Reihe nach Land für Land betrachten. Seit der Zer-
störung ihrer Niederlassung am Siribesi (729) bis um die Mitte des 15. Jahrhunderts
scheinen die Japaner nicht näher mit der Insel Jezo bekannt gewesen zu sein, obgleich
im Jahre 1189 ein in dem Successionskriege der Häuser Heike und Gensi berühmter
Feldherr Jositsune sich dahin geflüchtet und den ersten Samen der Kultur unter die
Aino- Stämme der Ostküste ausgestreut hatte. Zur Zeit der Regierung des Mikado
Gohanasono (1443) ausgebrochene Unruhen veranlafsten aufs neue eine Expedition
nach dem südlichen Teile von Jezo, und es glückte dem Feldherrn Nobuhiro, den
Aufstand zu dämpfen und eine Strecke Landes von etwa 70 Ri — das- heutige Ge-
biet von Matsumae — der Mikadoherrschaft zu unterwerfen. Dieser Fürst und seine
Abkömmlinge blieben daher auch bis zu Ende des vorigen Jahrhunderts Statthalter
von Jezo und residierten in Matsumae. Die Niederlassungen der Japaner breiteten
sich allmählich, besonders unter dem Statthalter Josihiro (1594) und Norihiro (1670)
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 8. Gesch. Übers, d. geogr. Forsch. 259
aus, wo man auch mit der Ostküste der Insel genauer bekannt wurde. Unter dem
Statthalter Kinhiro (1613) wurden einige Leute von Soja aus (Nordspitze von Jezo)
nach Sachalin (Krafto) geschickt, um eine Karte von diesem Lande zu verfertigen,
welche jedoch nicht landeinwärts Vordringen konnten und bald zurückkehrten. I111
folgenden Jahre wurde eine zweite Expedition dahin unternommen, welche in Usi-
jam überwinterte und im Frühjahre bis Naritari vordrang, aber von da wieder nach
Uisijam zurückkehrte. Die südlichen Kurilen wurden zufällig im Jahre 1672 von einem
japanischen Küstenfahrer entdeckt, der durch einen Orkan nach dem nördlichen Grofsen
Ozean verschlagen worden war. Hajasi Sihei, Verfasser des San-kok tsu-ran dsu-ki,
ist selbst in Jezo gewesen und mit Personen in Berührung gekommen, welche die
Insel bereist hatten; auch war er mit den damals bestehenden Karten und Beschreibungen
von Jezo, Sachalin und den Kurilen bekannt; wir dürfen daher annehmen, dafs
seine Karte von den im Norden von Japan gelegenen Ländern einen getreuen
Umrifs derselben liefert, soweit sie zur damaligen Zeit den Japanern bekannt ge-
wesen sind, und dafs seine Berichte darüber das Wissenswerteste von allem enthalten,
was die Litteratur seines Vaterlandes darbot. Auch hat er, was das Amur-Land und
Sachalin betrifft, aus chinesischen Quellen geschöpft und selbst ursprünglich europäische
Karten dabei benutzt. Merkwürdig ist es, dafs Sachalin zweimal auf seiner Karte vor-
kommt, einmal als Insel gegenüber der Mündung des Amurs, das andere Mal unter
dem Namen von Krafto durch ein grofses Gebirge mit dem Kontinent, dem Lande
Santan, verbunden. Erstere ist die Insel Sachalin, wie sie auf den chinesischen und
nach diesen auf europäischen Karten angegeben ist, letztere der südlichste Teil der-
selben, den die Japaner entdeckt und Krafto genannt haben. Einem ähnlichen Fehler
begegnen wir auf unsern europäischen Karten, wo bis zur Entdeckung der Strafse de
Laperouse das Sachalin der chinesischen Geographen und das von Vries entdeckte Land
Jezo bis zum Kap Patientie besondere Inseln bilden. Die Karte von Hajasi Sihei
liefert übrigens nur einen nach einer Aufnahme nach dem Augenmafse und nach Nach-
richten entworfenen Umrifs der Inseln und Küsten des Kontinents; sie steht in dieser
Hinsicht auf einer um vieles niedrigeren wissenschaftlichen Stufe als andere Karten,
welche die Japaner um diese Zeit von ihrem Lande verfertigten. Eine bei weitem
bessere Karte von Jezo und dem südlichen Teile von Sachalin bestand bereits zur Zeit,
wo Laxman Jezo besuchte (1792 und 1793), mit welcher uns von Krusenstern bekannt
gemacht hat. Eine ähnliche haben wir auch vom japanischen Arzte Fukutsi Kensoku,
der viele Jahre auf Jezo gelebt hat, erhalten. Das Bild von Jezo zeigt darauf schon
viel Ähnlichkeit mit der Figur, welche dieser Insel später durch astronomisch -trigono-
metrische Beobachtungen ^e^eben worden ist.
Die Ausbreitung der russischen Pelzjäger auf den Kurilen, der Besuch der Häfen
von Jezo durch Laxman, namentlich aber die Erscheinung einer russischen Gesandt-
schaft zu Nagasaki und die auf des Gesandten von Resanoff Veranlassung begonnenen
Feindseligkeiten in der Bai von Aniwa und infolge davon die Rüstungen der Japaner
zur Abwehrung eines Angriffes der Russen auf Sachalin, Jezo und den Kurilen, alles
dies trug zur Entwickelung der Kolonisation und der Befestigung, zur genauen Unter-
suchung und Aufnahme, ja selbst zur Besitznahme der im Norden von Japan ge-
legenen Inseln bei. Aber zwei Männer waren es, deren Wissenschaftsliebe und Wifs-
begierde, deren Mut und Ausdauer nicht nur ihr Vaterland, sondern auch wir in
Europa eine nähere Kenntnis von den Inseln zu verdanken haben, welche sich vom
26o
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Norden von Japan bis nach der Mündung des Amurs hinziehen und von dem Lande
selbst, welches dieser grofse Strom bei seiner Ergiefsung ins Meer bespült. Sie heifsen
Mogami Tokunai und Mamia Rinso. Seit der zu Anfang des 17. Jahrhunderts auf
Befehl des Statthalters von Matsumae, des Fürsten Kinhiro, unternommenen Expedition
nach Sachalin ward diese Insel zuerst wieder von Mogami Tokunai besucht. Dieser,
damals Offizier im Dienste des Sjögun, begab sich im 7. Monate des 5. der Jahre Tenmei
(August 1785) von Soja, der Nordspitze von Jezo, aus mit einem Kauffahrteischiffe
nach Siranusi (unweit des Kaps Crillon) , um von hier aus eine Reise ins Innere zu
unternehmen; da er aber die Wege ungangbar fand, entschlofs ersieh, zuerst zur See
die Küste zu bereisen und zwar mit einem Boote, das er von den Ainos gemietet
hatte, weil für ein gröfseres Fahrzeug die mit Klippen besäte Küste gefährlich zu be-
fahren war. Von Siranusi fuhr er zehn Tage lang die Westküste von Sachalin nord-
aufwärts bis nach Tarantomari, also etwa bis zum 46. 0 50' n. Br. Aus Mangel an
Lebensmitteln sah er sich jedoch genötigt, hier umzukehren. Er besuchte hierauf
gleichfalls mit einem Aino-Boote die Ostseite vom Kap Notoro (Kap Crillon) und
die ganze Küste des Golfs von Aniwa bis Kap Siretoko (Kap Aniwa) und kehrte im
8. Monate (September) wieder nach Soja zurück.
Im folgenden Jahre unternahm Mogami Toknai seine zweite Reise nach Sachalin.
Am 3. des 5. Monats (30. Mai 1786) verliefs er mit mehreren Ainos Kap Soja und erreichte
nach einer sehr mühseligen Fahrt von sieben Tagen die Südspitze von Sachalin, Kap
Notero, begab sich von hier nach Siranusi und suchte sich beim Häuptlinge dieses
Ortes die Erlaubnis zu verschaffen, das Innere der Insel bereisen zu dürfen. Seine Reise
beschränkte sich auf einen Besuch des östlichen Küstenlandes vom Kap Notero. Er
rüstete sich hierauf zu einer Reise längs der Westküste der Insel, um diese, so weit
möglich, nach Norden hin zu untersuchen. Am 20. des 5. Monats verliefs er mit
fünf Aino-Fahrzeugen Siranusi, nahm seinen Lauf nach Ohotomari, wo, wie er gehört
hatte, sich Eingeborene aus dem Amur-Lande (Santan) niedergelassen hätten, um von
diesen Nachrichten über den nördlichen Teil von Sachalin, über Santan und die
Mündung des Amur einzuziehen, schiffte dann längs der Westküste 30 Tage lang
nordwärts bis Nijaro und von da nach Kusjunnai. Dieser Ort, der sich an der Mündung
eines Flusses gleichen Namens befindet, liegt etwa unter dem 48 1/2° n. Br. Hier er-
fuhr er, dafs der nächste ansehnliche Ort, Otsisi genannt, ein Dorf von 50 Häusern
von Santanern und Eingeborenen bewohnt (oberhalb des Torrent des Saumons, Laper.,
am Südende der Bai de la Jonqiuiere, Laper., etwa unter 50° 55' n. Br. gelegen),
noch weiter als dreifsig Tagereisen entfernt, die Küste wenig bewohnt und die Fahrt
dahin sehr gefährlich sei. Er gab daher für diesmal den Plan zu einer weiteren Reise
auf und kehrte nach Najori zurück, wo er unter Begleitung der Häuptlinge mehrere
Expeditionen ins Innere machte, Grenz- und Meilensteine setzte und diesen Teil der
Insel vermafs und aufnahm. Es waren dies zwei denkwürdige Entdeckungsreisen,
denen die Japaner die ersten geographischen Nachrichten von Sachalin zu verdanken
haben; und sie fanden statt, bevor Laperouse in diesem Seegebiete erschien.
Später, wir wissen nicht genau in welchen Jahren, besuchte Toknai noch mehrmals
diese Insel. Auf der Westküste ist er bis Rakka, somit bis oberhalb Kap Baudin, also
etwa bis an den 52. 0 n. Br., gekommen. «Von Otsisi», erzählte uns in Jedo der wür-
dige 72jährige Greis, «bis zum Vorgebirge Rakka geht ein reifsender Strom nach
Süden; hier, wo sich Sachalin in das westliche und nördliche scheidet, pflegt man
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 8. Gesell. Übers, d. geogr. Forsch. 261
nach dem Lande Santan, dessen Küste nur 10 Ri entfernt ist, überzusetzen; die See
ist an mehreren Stellen untief, mit Klippen besäet und bei der schnellen Strömung
gefährlich zu befahren. Im Winter, wo sie zufriert, ist die Reise nach Santan, wozu
man sich von Hunden gezogener Schlitten bedient, bequemer.)) Auf der Ostküste ist
Toknai bis Taraika, in der Bucht Patientie, somit bis etwa zum 49. 0 der Breite, von
da auf dem Boronai, dem bedeutendsten Flusse von Sachalin, in das Innere des Landes
von Orikata und quer hinüber nach Otsisi auf der Westküste vorgedrungen. Diese
Gegend war damals noch wenig bewohnt und die Wege sehr beschwerlich. Auch
hat Mogami Toknai ganz Jezo und die Kurilen besucht und ist auf Jetoro und zu Akesi
mit Russen, unter andern auch mit Laxman in Berührung gekommen, über deren
Sprache, Sitten und Gewohnheiten er in seiner Art höchst interessante Beobachtungen
niedergeschrieben hat. Seine Arbeiten, welche er in unsere Hände niederlegte, damit
sie für die Wissenschaft nicht verloren gehen sollten, werden wir näher kennen
lernen und eine Schilderung des edlen Charakters dieses um die Länder- und Völker-
kunde hoch verdienten Mannes in unseren Berichten darstellen. 1
Gleich grofse Verdienste um die soeben bezeichneten Wissenschaften, wo nicht
noch gröfsere, müssen wir Mamia Rinso zuerkennen, obgleich er es war, der eine
Untersuchung von seiten der japanischen Regierung gegen uns im letzten unglücklichen
Jahre unseres Aufenthaltes in Japan veranlafst hat, wodurch, wenn w7ir sie nicht zu
retten gewufst hätten, die wichtigsten Materialien für unsere Beschreibung von Japan
verloren gegangen wären. Auf seinen Reisen in Jezo und Sachalin trat er nicht blofs
in die Fufsstapfen unseres Mogami Toknai, er überschritt weit noch die Grenze dessen
Entdeckungen.
Die im Jahre 1808 auf den eigenmächtigen Befehl von Resanoffs von den russi-
schen Marine -Offizieren Chwostow und Dawidow im Golfe von Aniwa verübten
Feindseligkeiten — die Zerstörung der auf der dortigen Küste befindlichen japanischen
Ansiedelungen — hatte anfänglich die japanische Regierung nicht anders als für auf
höheren Befehl vollzogene Repressalien wegen der Nichtzulassung der kaiserlich-
russischen Gesandtschaft an den Hof zu Jedo ausgelegt, und die drohende Äufserung
seitens der See-Offiziere, im nächsten Jahre durch eine noch mächtigere Expedition
die Japaner in diefem Seegebiet zu demütigen, Besorgnisse erregt und den Sjögun
ernste Mafsregeln zur Abwehrung eines Angriffes auf die für Japan der Fischerei wTegen
unentbehrlichen Kolonien ergreifen lassen. Es wurden im Juni 1808 Truppen nach
Matsumae und Kap Soja gesandt und auf den Küsten von Jezo und den Kurilen
Wachtposten errichtet und Forts angelegt. Mit diesen militärischen Operationen war
natürlicherweise eine genauere Untersuchung und Aufnahme der Küsten und des
Landes verbunden, und damit wurde Mamia Rinso beauftragt. Er w7ar Geometer von
Fach, zeichnete gut und hatte sich auch die nötigen astronomischen Kenntnisse
zu Ortsbestimmungen eigen gemacht. Die Karte von Jezo und den Kurilen, welche
w7ir von Takahasi Sakusajemon erhalten und im verjüngten Mafsstabe2 gegeben
haben, ist gröfstenteils das Werk von Rinso. Jezo war seit vielen Jah ren das
Feld seiner geographischen und ethnographischen Untersuchungen; jetzt bot sich eine
Gelegenheit, diese weiter nach Norden auszudehnen. Während seines Aufenthaltes in
1 Reise nach dem Hofe des Sjogun im Jahre 1826. Nippon, 2. Auflage, Seite 186.
2 Vergl. Atlas von Land- und Seekarten. Karte 2.
262
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Soja wurde ihm der geheime Auftrag erteilt, Sachalin und das damals so wenig be-
kannte Amurland, Santan, auszukundschaften. Die Ergebnisse dieser Reise, welche
etwas länger als ein Jahr dauerte, sind höchst wichtig. Wir hatten Gelegenheit,
Rinso selbst kennen zu lernen und dessen Reiseberichte , Karten und Abbildungen,
welche sich in der Bibliothek des Sjögun zu Jedo befinden, zu besichtigen und von
den merkwürdigsten Schriftstücken Kenntnis zu nehmen und Abschriften zu erhalten,
welche wir gröfstenteils mit nach Europa gebracht haben. Sein Reisebericht und eine
Beschreibung der Völkerstämme, die er besucht hat, und eine Skizze von ihren Sitten
und Gebräuchen werden in Abt. VII mitgeteilt. Es genügt daher, in diese Ent-
deckungsgeschichte nur seine Reiseroute und einige sachdienliche Stellen aus seinem
Tagebuche einzutragen.
Am 13. des 7. Monats (4. September 1808) fuhr Mamia Rinsö auf einem
Fahrzeuge der Jezoer von Soja nach Siranusi auf Sachalin. Von hier setzte er die
Reise längs der Westküste über Tonnai bis Rionai und weiter bis Hosjo fort (bis
etwa 50° 45' n. Br.), von wo er am 14. des 9. Monats nach Rionai und von da
zu Lande nach Tonnai zurückkehrte. Nachdem er sich hier zu seiner zweiten
Reise gerüstet hatte, verliefs er diesen Ort am 29. des 12. Monats und erreichte am
2. des 2. Monats Usijoro; in diesem Hafenorte verweilte er bis zum 9. des
4. Monats, wo er nach Noteito fuhr, von wo man nach dem Amurlande über-
zusetzen pflegt. Es liegt dieser Ort etwa unter 520 10' n. Br. Hier fand er den
Kanal gröfstenteils noch zugefroren. Er suchte nun längs der Küste noch wreiter
nach Norden zu fahren , und es gelang ihm mit grofser Anstrengung und Gefahr
gegen den Strom bis nach Kokutama und weiter bis Musibo unweit des Kaps Golo-
vatcheff (also bis etwa 530 n. Br.) vorzudringen. Am 19. des 5. Monats kam
er wieder nach Noteito zurück und trat von hier am 26. des 6. Monats die
Fahrt nach dem Kontinente — Totats, d. i. Ost-Tatarei — an. Gegenwind und die
hohe See nötigten ihn, mit seinem kleinen schwachen Boote Kap Tekka anzulaufen
und von dort nach dem Kap Motomar überzusetzen. Hier schiffte er längs der Küste
an den Fischerdörfern Kamukata, Roroka, Arukoje vorbei bis zu der Mündung des
Tomusibo. Die Boote werden von diesem Flüfschen aus eine Strecke über Land in
den Flufs Tabamatsi, auch Unei genannt, gezogen, von wo aus sie in den See Kitsi
und von da in den Amur (Manko) gelangen. Diese Fahrt machte auch Rinsö. Auf
dem Amur fuhr er aufwärts bis nach Deren, dem bedeutendsten Handelsplätze im
ganzen unteren Amurlande. Hier war er am Ziel seiner Reise. Während seines
Aufenthaltes daselbst sammelte er merkwürdige Nachrichten über das Land und die
Volksstämme, mit denen er in Berührung kam, wie auch über den Handel und die
Ausübung der Gerichtsbarkeit der Mandschubeamten, unter deren Aufsicht der Handels-
verkehr an diesem Orte steht. Er war am n. des 7. Monats zu Deren ange-
kommen; am 17. desselben Monats schon trat er die Rückreise auf dem Manko an und
fuhr den Flufs abwärts bis zum Dorfe Kitsi. Die Kraftoer und andere Volksstämme,
welche unterhalb der Mündung dieses Stromes zu Hause sind, kehren gewöhnlich
über den Landsee von Kitsi zurück. Mamia Rinsö beschlofs auf dem Manko zurück-
zureisen, um Gelegenheit zu haben, Beobachtungen über dieses noch so wenig
bekannte Flufsgebiet anzustellen, zumal, da man hier auch streckenweise zu Lande
reisen kann. Er hielt sich ans rechte Ufer dieses grofsen Stromes und kehrte in den
Ortschaften Kataka, Aorei, Horo, Harme ein; diesem Orte gegenüber ergiefst sich
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 8. Gesell. Übers, d. geogr. Forsch. 2 63
der Flufs Honko, der aus einem grofsen, einige Tagereisen entfernten Landsee, Kennt
genannt, entspringt, in den Manko. Von Harme fuhr er nach Tebo, umschiffte Kap
Wasi, die Nord-Ostspitze des rechten Ufers des Manko, und kam nach Hiroke, wo
sich dieser Strom ins Meer ergiefst. Von hier setzte er nach Kap Wakasai an der
Küste von Sachalin über. Am 5. des 8. Monats segelte Rinsö von dem Hafenorte
dieses Namens wieder nach der Küste des Amurlandes nach Tsjomen hinüber, wo
er bei eintretender Ebbe auf dem Strande sitzen blieb und erst mit der Flut weiter
bis Tsuwassja ruderte. Am 6. umschiffte er Kap Wasibuni (Kap Vaujas, Laper.)
bis Hatsikai, von wo aus er nach Wage auf Sachalin übersetzte, am Kap Rakka
übernachtete und am 8. des 8. Monats glücklich wieder zu Noteito anlangte.
Nach kurzem Aufenthalte kehrte er nach Siranusi am 15. des 9. Monats und von da
nach Soja auf Jezo zurück (28. des 9. Monats).
Wir haben die Reiseroute, welche Mamia Rinsö längs der Westküste von Sachalin
nach Deren und von da auf dem Amur genommen hat, absichtlich genau angegeben,
weil dadurch die lang bestrittene Frage, ob Sachalin eine Insel sei, und wie es sich
mit der Mündung des Amur und dem Ausflufs seiner Gewässer in die See verhalte,
mit einem Male gelöst und auch der Irrtum, wozu die von de Laperouse in der Bai
de Castries eingezogenen Nachrichten über die Art und Weise, nach dem Amur zu
gelangen, Anlafs gegeben haben, aufgeklärt wird. Wir haben gesehen, dafs de La-
perouse, der weit in den sogenannten tatarischen Golf vorgedrungen war, nicht weiter
nordwärts zu segeln wagte und dafs Broughton, der noch 15 Seemeilen weiter nord-
wärts gekommen, sich am Ende eines Meerbusens zu befinden glaubte; endlich dafs
auch von Krusenstern, der von Norden her den Kanal zu entdecken suchte, sich be-
stimmt gegen das Bestehen einer freien Verbindung des Wasserbeckens an der Mündung
des Amur mit der sogenannten tatarischen Meerenge ausgesprochen hat. Ein Blick
auf die Karten von Mogami Toknai und Mamia Rinsö wird genügen, sich von dem
wirklichen Bestehen einer solchen Verbindung eines Kanals, der die Insel Sachalin vom
Festlande scheidet, zu überzeugen.1 So kam es auch, dafs von Krusenstern, der
trotz den von Julius Klaproth dagegen eingebrachten triftigen Gründen bei seiner
Ansicht beharrte, beim Anblicke der japanischen Originalkarte, die ihm vorzulegen wir
noch das Glück hatten, ausrief: «Les Japonais nüont vaincu!»
Zur Erläuterung dieser wichtigen Stelle der japanischen Originalkarte wollen wir
noch einige Nachrichten über den Amur und dessen Ausflufs in das Meer aus dem
Reiseberichte von Mamia Rinsö mitteilen. «Dieser Flufs heifst bei den Bewohnern
des niedern Amurlandes (Santan) Manko, welches der eigentliche Name ist, den sich
daselbst die Eingeborenen geben; mit den Benennungen Santan oder Z’janta werden
sie nur von den Ainos auf Sachalin und Jezo bezeichnet. Die Mandschu nennen den
Flufs Sagalin-ula (Sakalihn ula, d. i. schwarzer Flufs) und die Chinesen Hun-thung-
kiang (im jap.-chin. Dialekte Kon-ton-kö). Dieser Name ist bei den Mandschubeamten
zu Deren gebräuchlich. Bis zu diesem Handelsorte und einige Ri weiter nimmt dieser
Strom eine nordöstliche Richtung; vom Dorfe Kitsi nach Kataka zu fliehst er nörd-
lich, und nach einem Laufe von 23 bis 24 Ri, bei Har’me, wo sich der Honkö mit
ihm vereinigt, östlich, und ergiefst sich, nach einem Laufe von 26 Ri, bei Hiroke,
1 Vergleiche Atlas von Land- und Seekarten. Die Insel Krafto, Seghalien und die Mündung
des Manko (Amur). Nach Originalkarten von Mogami Toknai und Mamia Rinsö. (No. 3.)
264
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
in das Meer. Seine Breite bei der Mündung ist nicht genau zu berechnen. Rinsö
schätzt sie auf 1 1 / 2 bis 2 Ri. An der schmälsten Stelle beträgt dieselbe 18 bis 19 Tsjö.1
Der Flufs ist durchgehends sehr tief. Die Strömung geht von der Mündung bis nach
der entgegengesetzten Küste von Sachalin in der Gegend von Tsjagakai und Jukutam,
wo sie sich bricht und sieben Teile des Stromes sich nach Norden und drei Teile
nach Süden in das Meer ergiefsen. Das Wasser desselben ist meistenteils trübe, und
bei der beträchtlichen Breite, welche er an der Mündung hat, gehen bei heftigem
Winde die Wellen sehr hoch, was für kleine Fahrzeuge die Überfahrt nach Sachalin
gefährlich macht. Das Ufer an seiner Mündung ist niedrig, desgleichen auch die
gegenüberliegende Küste von Sachalin , welche viele Sümpfe und Seen aufweist.
Die niedrigen Ufer sind beständigen Veränderungen unterworfen, da durch den
reifsenden Strom, namentlich bei Überschwemmungen, Stücke Landes und ganze
Inselchen weggespült und hier und dort wieder angeschwemmt werden. Die Ufer
sind gröfstenteils mit Weiden bewachsen, man kann deshalb an dem höheren und
niedrigeren Baumwuchs entnehmen, welche Strecken früher oder später den Fluten ihr
Dasein zu verdanken haben.»
Mit Korea waren die Japaner, wie wir gezeigt haben, in frühester Zeit bekannt
geworden; ihre Beziehungen zu dieser Halbinsel waren bald freundlicher, bald feind-
licher Art und trugen viel zur Entwickelung und Erweiterung ihrer geschichtlichen,
ethnographischen und geographischen Kenntnisse vom asiatischen Kontinente bei.
Wenn es auch nicht in dem Plane von Kriegsexpeditionen oder von Gesandtschaften
lag, Entdeckungen zu machen, so wurden doch dadurch allmählich die Küsten, Küsten-
inseln und das Innere des Landes bis an seine natürlichen Grenzen, welche es im
Norden von der Mandschurei scheiden, nämlich bis zu den beiden groisen Flüssen,
dem Orikang (Jalu-kiang) , dem Tuman-kiang (Turnen ula) , und dem mit ewigem
Schnee bedeckten Gebirge Pai-tu-san, den Japanern bekannt. Aber vor allem waren
es die beiden Kriegszüge, die Taiko Hidejosi in den Jahren 1592 und 1597 nach
Korea unternahm, welche zur genaueren Kenntnis der Halbinsel beigetragen haben.
Die Japaner lernten nicht nur die Küsten, wo sie mit ihren Flotten landeten, die Mün-
dungen der grofsen Flüsse, welche sie befestigten und bewachten, und das Land,
welches sie siegreich durchzogen, besser kennen, es fielen auch die besten Erzeug-
nisse der chinesischen und koreanischen Litteratur der Geschichte und Geographie von
der Halbinsel in die Hände der Sieger. Bei den Koreanern, als Zöglingen der chine-
sischen Schule, stand damals die Erdkunde und die zur Länderaufnahme erforderliche
Wissenschaft auf gleicher Höhe wie bei ihren Lehrmeistern. Man begnügte sich zwar
mit oberflächlichen Umrissen von den Küsten und Inseln, in die man die Ortschaften,
Flüsse und Berge nach ihrer mutmafslichen Lage, Entfernung und Richtung eintrug;
dagegen waren ihre historisch-geographischen und chorographischen Beschreibungen
oft sehr ausführlich, wovon uns noch heutzutage die grofse chinesische Geographie ein
Beispiel liefert. Aus solchen Aufzeichnungen bestanden damals und bestehen jetzt noch
die meisten Karten, welche man in Japan von der koreanischen Halbinsel besitzt. Eine
Probe chinesischer Karten von Tschaosien (Korea) aus der Mitte des 17. Jahrhunderts
hat uns der Pater Martinius in seinem Atlas Sinensis, und eine neuere, aber ebenfalls
nach chinesisch-koreanischen Quellen von den Jesuiten-Missionären in den Jahren 1709
1 1 Tsjo = 1,0909 Hektometer.
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 8. Gesell. Übers, d. geogr. Forsch. 265
bis 1717 bearbeitete Karte d’Anville in seinem Atlas de la Chine mitgeteilt. Die
Karte, welche Hajasi Sihei seinem Sankok tsuran dsuki beigefügt hat, und wovon
wir eine, treue Kopie im Nippon1 wiedergegeben haben, ist wahrscheinlich die beste,
welche zu Ende des verflossenen Jahrhunderts iil Japan bestand. Unstreitig verdient
aber die gleichfalls im Nippon2 bekannt gemachte «Karte von der koreanischen Halb-
insel» den Vorzug. Diese ist allem Anscheine nach von einer ursprünglich koreanischen
Karte von einem Japaner kopiert worden; sie ist aber nicht die beste, welche zu unserer
Zeit in Japan von der Halbinsel bestand. In der Bibliothek des Sjögun zu Jedo be-
findet sich eine bei weitem vorzüglichere und eine ähnliche im Besitze des Fürsten
von Tsusima, dessen Obhut, wie bekannt, der beschränkte Handel mit Korea anvertraut
ist. Von beiden wufsten wir uns Kopien zu besorgen, welche wir leider beide
durch einen unglücklichen Zufall verloren haben. Soweit wir uns erinnern, lag der
ersten Karte die von den Jesuiten-Missionären nach chinesisch-koreanischen Quellen
zusammengestellte Originalkarte zu Grunde, worauf einige Verbesserungen der Süd-
und Südostküste, soweit die Japaner dieselbe bei ihrer Einschränkung zu Fusankai
(Chosan, Brought.) untersuchen konnten, eingetragen waren. Da die von d’Anville
herausgegebenen Karten der Jesuiten blofs unvollständige Auszüge der Originalkarten
sind, wie bereits Stephan Endlicher nachgewiesen hat, so würde durch die Heraus-
gabe der von den Missionären besorgten Originalkarte von Tschaosien nicht nur
einigermafsen unser Verlust ersetzt, sondern auch der Wissenschaft ein Dienst er-
wiesen werden, so sehr auch unsere Karte von der koreanischen Halbinsel den Beifall
Endlichers selbst erhalten hat.
Mit den Liukiu-Inseln ward man in China und Japan beinahe um dieselbe Zeit be-
kannt. Unter der Süi-Dynastie hatte man Kunde von diesen Inseln bekommen, und
605 hatte der Kaiser Wan-ti Leute dahin gesandt, um nähere Nachrichten von dem
Lande und dessen Bewohnern zu erhalten. Diese, der Sprache der Insulaner unkundig,
konnten nichts ausrichten, brachten aber einige Eingeborne nach dem Hofe mit zurück,
welche der Japaner Wonono Imoko, der im 15. Regierungsjahre des Mikado Suiko
(607) sich als Gesandter an den Hof Süi begeben hatte, sah und einen Schild, der
von Liukiu mitgebracht worden war, als einen solchen, den die Bewohner der Insel
Jaku im Kriege führten, erkannte. Die Insel Jakunosima und Tanegasima gehörten
damals noch nicht zum Mikadoreiche, und unter dem Namen Jaku verstand man über-
haupt die im Süden von Tsukusi (Kiusiu) gelegenen Inseln. Aus diesem Vorfälle
erhellt übrigens, dafs die Japaner damals schon mit den Bewohnern der Inseln im
Süden von Kiusiu, wenn auch diese ihnen nicht unter dem Namen von Liukiu bekannt
wraren, in Verbindung gestanden haben, obgleich in ihren Geschichtsbüchern erst unter
der Regierung des XL. Mikado, Tenmu, in den Jahren 677, 679, 681 und 682 ein
Verkehr mit den Bewohnern von Tane, Jaku, Amane und andern im südlichen See-
gebiete gelegenen Inseln erwähnt wird. Dieselben entrichteten von dieser Zeit an
Tribut an Japan und wurden mit Titeln und Ämtern belehnt. Unter den Geschenken,
welche unter andern die Eingeborenen von Tane im Jahre 681 dem Mikado ange-
boten, befand sich eine Karte ihrer Insel. Durch Aufwiegelungen seitens der Be-
wohner von Tsukusi, wahrscheinlich des berüchtigten Stammes der Kumaoso, wurde
1 Nippon, 1. Auflage, Abteilung VII, Tab. XIV.
2 Nippon, 1. Auflage, Abteilung VII, Tab. XV.
266
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
zwar mehrmals der freundliche Verkehr mit den Südinseln unterbrochen; aber vom
Jahre 7 1 3 ^ an erschienen häufig wieder Abgeordnete von den Inseln und Hafenorten
Amane, Jajejama, Kumesima, Tokusima u. s. w., brachten die vorzüglichsten Erzeug-
nisse ihres Landes als Tribut und erhielten dagegen vom Mikado Titel und andere
Vorrechte. So wurde man allmählich näher mit den Südinseln, Nantö, bekannt. Im
Jahre 735, unter der Regierung des XLV. Mikado, Sjömu (der Weise und Krieger),
wurde ein gewisser Takahasi Urasi nach den Südinseln geschickt, um dieselben zu
untersuchen und dort Grenz- und Meilensteine aufzurichten, welche 745 erneuert worden
sind. Es waren auf diesen auch die Namen und Entfernungen der Hafenorte einge-
graben. Vom Ende des 8. Jahrhunderts bis zum Jahre 1165 schweigt die Geschichte
von den Südinseln. Während dieser unruhigen Zeit gingen viele geschichtliche Ur-
kunden und wahrscheinlich auch die Nachrichten über den Verkehr mit diesen Inseln
verloren. Jetzt eröffnet sich mit einem Male ein neuer Zeitraum für die Geschichte
und Erdkunde der Liukiu-Inseln. Der Fürst Minamotono Tametomo, der an der Em-
pörung gegen den Mikado Go Siragawa im Jahre 1156 thätigen Anteil genommen
hatte, war seiner Tapferkeit wegen begnadigt und nach Osima bei Idsu verbannt
worden. Man darf diese Insel mit der gleichnamigen, welche die gröfste der nörd-
lichen Liukiu-Gruppe ist, nicht verwechseln. Von hier entfloh er 1165 mit mehreren
Schiffen nach der Insel Oniga sima, d. i. Teufelsinsel (wahrscheinlich Kikaisima, was
gleichfalls Teufelsinsel bedeutet), und wufste sich, sei es mit Gewalt der Waffen oder durch
sein achtunggebietendes Benehmen, gute Aufnahme und hohes Ansehen bei den Einge-
borenen zu verschaffen. Er liefs sich auf einer der Südinseln nieder, wahrscheinlich auf
Osima unweit Kikaisima, wo er sich mit der jüngsten Tochter des Regenten von Wö
sato (Wö sato Ansu) vermählte, die ihm im 1. der Jahre Ninan (1 166) einen Sohn gebar.
Dieser ward Regent (Ansu) von Urasato, dem jetzigen Dorfe Ura in der Bai von
Eukawi auf Osima , der Begründer einer neuen , noch gegenwärtig regierenden
Königsdynastie und bestieg, unter dem Namen Sjunten wö (Chun-thian-wang) im
3. der Jahre Bundsi (1187) den Thron von Liukiu. Seinem Andenken ward die
Kamihalle Sjuntenno rnija, im Bezirke Kosi auf Osima, die noch gegenwärtig auf
der bis heute den Europäern unbekannten Ostküste dieser Insel besteht, geweiht.
Tametomo selbst kehrte wieder nach Japan zurück, wo er die Landschaft Idsu zu er-
obern gedachte, sich aber nach einer Niederlage auf Ohosima, unweit Idsu, im 2. der
Jahre Kawo (1170) entleibte. Dies geschichtlich erwiesene Abenteuer dieses Fürsten
hat die Aufmerksamkeit der Japaner auf die Südinseln gerichtet und unstreitig vieles
zu ihrer näheren Bekanntschaft mit den Liukiu-Inseln beigetragen. Schon ein Jahr
nach Sjuntens Thronbesteigung (1188) machte Joritomo, der erste Sjögun, Vorberei-
tungen zu einem Kriegszuge nach Tanegasima, um diese Insel dem Mikadoreiche ein-
zuverleiben, was auch einige Jahre später stattfand, wo eine Karte und ein Wegweiser
dahin mit zurückgebracht und dem Sjögun vorgelegt wurde. Zur Zeit der Regierung
des 15. Königs von Liukiu Sjökinbuk (Chang-kin-fou) im 3. der Jahre Hötok (1451)
kamen Gesandte nach Japan an den Hof des Sjögun Josimasa, wo ihnen der Handel
mit Japan gestattet wurde. Der Handelsverkehr, welcher gröfstenteils mit Satsuma,
der nächsten japanischen Landschaft, betrieben wurde, dauerte bis 1596, wo er dadurch,
dafs sich der König von Liukiu unter den Schutz des chinesischen Kaisers begab, aut
einige Zeit unterbrochen wurde. Im 14. der Jahre Keitsjö (1609) unternahm daher
Josihisa, Fürst von Satsuma, auf Befehl des Sjögun Ijejasu einen Kriegszug gegen Liukiu.
Geograph. Übersicht u Entdeckungsgeschichte v. Japan. 8. Gesell. Ubers, d. geogr. Forsch. 267
Es wurde zuerst die ganze Nordgruppe, Sanbok, erobert, und dann ein Angriff auf
Grois-Liukiu, Okinawasima, gemacht und die Stadt Nafa (Nape) und Sjuli (Scheu-li),
die Residenz, genommen und der König selbst als Gefangener nach Japan gebracht.
Auf dieser Expedition sind die Japaner mit der Nord- und Mittelgruppe, Sanbok und
Tsjusan, näher bekannt geworden. Da aber der Handelsverkehr mit Liukiu ausschliefs-
lich von Satsuma aus betrieben wurde, und nur die Gesandten an dem Hofe zu Jedo
erschienen, und Japaner aus andern Landschaften nicht leicht nach Liukiu kommen
konnten, so mag darin die Ursache gelegen sein, dafs die japanische Litteratur, soweit
wir sie kennen, bis zu Ende des vorigen Jahrhunderts verhältnismäfsig arm an geo-
graphischen Nachrichten über diese Inseln ist, und im mehrerwähnten Sankok tsuran
dsuki, das im Jahre 1785 geschrieben ist, nicht viel bessere Karten von diesen Inseln
mitgeteilt worden sind als die, welche der chinesische Gelehrte Supao-Koang im
Jahre 1719 seiner Beschreibung von diesen Inseln beigefügt hat.
Ähnliche politische Gründe, welche die Veranlassung zu einer genaueren Unter-
suchung und Erforschung der im Norden von Japan gelegenen Länder gegeben haben,
scheinen auch die Aufmerksamkeit des Hofes zu Jedo auf die im Süden des Reiches
befindlichen Inseln gelenkt zu haben. Trotz dem satzumanischen Kriegszuge blieben
die Könige von Liukiu auch an China zinsbar, und die Ta -tshing- Dynastie suchte
immer mehr ihren Einflufs auf die Mittel- und Südgruppe dieser Inseln geltend zu
machen. Die Könige wurden, wie früher, bei ihrer Thronbesteigung mit Titel und
Siegel investiert, und es wurde ihnen bei ihrem Tode durch einen chinesischen Ge-
sandten der posthume Namen gegeben; liukiusche Gesandte kamen alle zwei Jahre
nach Peking und Canton mit Tribut, der, wenn sich japanische Erzeugnisse darunter
befanden, mit Mifsfallen angenommen wurde; höhere Staatsdiener waren gehalten,
ihre Ausbildung in China zu vollenden, und wurden mit Titeln und Würden vom
Hofe zu Peking bekleidet. Dazu kam, dafs, gleichwie sich die russische Flagge häufiger
im Norden des Reiches zeigte, sich in dem südlichen Archipel englische Kriegsschiffe
von Zeit zu Zeit einfanden. Solche Umstände, bei denen die beträchtlichen Einkünfte des
Fürsten von Satsuma aus Liukiu und die Handelsinteressen seines Landes mit in Be-
tracht kamen, scheinen die Anfertigung einer Karte von diesem Japan zinsbaren
Inselreicbe und die Vermessung und Untersuchung der einzelnen Inseln veranlafst zu
haben. Zwar beruht die schon mehrmals erwähnte Karte von den Liukiu-Inseln nicht
auf trigonometrischen und astronomischen Beobachtungen, wie jene Karten, welche
Tokunai und Rinso von Jezo und Sachalin zusammengestellt haben, auch ist daher die
geographische Lage der Inseln nicht sicher gestellt; dagegen findet man sämtliche
Inseln, welche die drei Gruppen, die nördliche, mittlere und südliche, bilden, und alle
Felsen und Riffe auf dieser Karte eingetragen und darauf die bedeutendsten Ortschaften,
Häfen, Vorgebirge und Baien angegeben und mit Namen bezeichnet; und da der Um-
fing der einzelnen Inseln gemessen wurde, so bieten auch die Küstenumrisse, obgleich
oft eintönig und plump, ein ziemlich getreues Bild der Konfiguration der bezeich-
nendsten und dem Seefahrer wichtigsten Punkte dar. Wir haben den Wert und die
Brauchbarkeit dieser japanischen Originalkarte im Laufe dieser Abhandlung bereits
hinlänglich gezeigt, und die neuesten Entdeckungen der Europäer in diesem Seegebiete
haben das Bestehen aller darauf angegebenen Inseln bestätigt und somit die Richtigkeit
der Angaben auf dieser Karte beglaubigt.
Da die Karten, welche wir in den verschiedenen Abteilungen unseres Nippon
268
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
mitteilen1 und noch besonders in unserem Land- und Seekarten-Atlas vom Japanischen
Reiche herausgeben, gröfstenteils nach japanischen Originalkarten bearbeitet wurden,
und der Standpunkt, auf welchem in diesem Lande die geographische Wissenschaft
steht, wenn auch hier und da von uns angedeutet, noch näher bezeichnet werden
miifs, um unsere aus japanischen Quellen geschöpften Beiträge für die Geographie
und Hydrographie eines Land- und Seegebietes, das beinahe den achtzigsten Teil der
Erdoberfläche beträgt, richtiger beurteilen und ihren bezüglichen Wert besser schätzen
zu lernen: so mag eine Erörterung über den Zustand der geographischen Wissenschaft
in Japan hier ihre Stelle finden und es am rechten Orte sein, einen Blick auf diesen
Zweig der japanischen Litteratur zu werfen, welcher die Baustoffe zu unserer Arbeit
geliefert hat und künftigen Forschern auf diesem Gebiete noch reichlichen und wich-
tigen Stoff" für Länder- und Völkerkunde darbietet.
Künste und Wissenschaften sind, wie bekannt, unter dem Geleite des Buddhis-
mus in Japan eingewandert, wo ihnen die Lehre des Kungfutse (Confucius) eine
gute Aufnahme vorbereitet hatte, später aber das überhand nehmende Mönchs-
wesen verhinderte, sich in den Alleinbesitz der geistigen Macht zu setzen. Die
Wissenschaft wurde nun unter den Schutz der Philosophie genommen, in ihren Schulen
verbreitet und an den Höfen der Grofsen Sinn und Lust für dieselben geweckt. Den
Schülern des chinesischen Welt weisen war zur richtigen Auffassung seiner Schriften,
zur Erweiterung ihrer Kenntnisse auf Pilgerschaften und zur Ausbreitung ihrer Lehre
die Erdkunde, obwohl in dem beschränkten Sinne der chinesischen Welt, ein Be-
dürfnis geworden. Auf diesem Wege gelangte man nun in Japan zur Länderkunde
von China und wandte die erworbenen Kenntnisse davon zu Beschreibungen und
Umrissen des eigenen Landes an. Der lebhafte Verkehr mit Korea und China vom
6. bis 13. Jahrhundert und einzelne Reisen von japanischen Buddhapriestern nach
Indien trugen natürlich auch vieles zur Erweiterung der geographischen Kenntnisse der
Japaner bei. Mit diesen ging, wie gesagt, die Geschichte Hand in Hand,, und diese
fand in der frühzeitig eingeführten Schrift eine mächtige und bleibende Stütze. Auf
einem solchen festen Grunde steht unter andern das schon erwähnte japanische Werk
«Hon-tsjö kok-gun ken-tsi jen-kak dsu-setsa, d. i. Beschreibung der Landschaften und
Bezirke des Reiches Japan, wie sie bestanden und mit der Zeit sich veränderten:
oder eigentlich eine chronologische Geschichte der Geographie Japans mit besonderer
Berücksichtigung seines Verkehrs mit dem benachbarten Festlande, ein sehr brauch-
bares Buch von Itsisai Sato, im Jahre 1823 zu Jedo herausgegeben. Es ist darin
der Zeitfolge nach, von 660 v. Chr. bis 824 n. Chr., ein Bild der geographischen
Ausbreitung des Mikado-Reiches aufgestellt. Und solcher Bücher, welche ein früh-
zeitiges Studium der vaterländischen Geographie, der Vermessung, Einteilung und
Benennung der Landschaften beurkunden, zählt die japanische Litteratur noch viele.
Es beschränkten sich übrigens die ersten geographischen Arbeiten der Japaner,
wie bei allen Völkern, auf rohe Umrisse von Landstrecken mit bildlichen Darstellungen
von merkwürdigen Gegenständen, welche, gleich den Papyrus der Ägypter oder den
sogenannten mexikanischen Codices, auf lange Rollen gemalt waren. Solche Karten
befinden sich noch heutigen Tages in den Händen von Pilgern und andern Reisenden;
sie sind ursprüngliche Nachbildungen und tragen noch keine Merkmale des Einflusses
1 1. Auflage.
Geograph. Übersicht u Entdeckungsgeschichte v. Japan. 8. Gesch. Übers, d. geogr. Forsch. 269
europäischer Wissenschaft. Wir haben mehrere solcher Wegweiser auf den grofsen Land-
strafsen und nach den besuchtesten Wallfahrtsorten mitgebracht. Ähnliche giebt es auch
noch für Küstenfahrer und Reisende längs den Binnen-Seewegen (von Simonoseki nach
Osaka); und der Kompafs, der sich hier und da darauf angebracht findet, «das kost-
bare Geräte, das den Süden anzeigt», wurde bereits 543 aus Korea nach dem Hofe
der Mikados gesandt. Auch sind die allgemein verbreiteten Situationspläne von
Kamihallen und Tempelhöfen und andern berühmten und häufig besuchten Orten als
Beispiele der chinesisch-japanischen geographischen Auffassung zu betrachten; selbst
die Pläne von Städten und Festungen, von welchen wir uns einige, schon um die
Mitte des 1 6. Jahrhunderts verfertigte Kopien verschafft haben, tragen das Gepräge
origineller Darstellung. Hierher gehören auch die Feldvermessungen, welche bei
der uralten Lehnsverfassung um so unentbehrlicher waren, als die Einkünfte der
Landesherren nach der Flächengröfse der Reisfelder berechnet wurden. Zu solchen
Arbeiten genügte jedoch die Bussole und die Kenntnis von Zahlen und Mafs, denen
man, den Chinesen folgend, eine Dezimaleinteilung zu Grunde legte. Höhere mathe-
matische Kenntnisse waren den Japanern gleich wie den Chinesen vor dem 16. Jahr-
hundert nicht bekannt; die Astronomie, soweit sie der chinesischen Schule angehörte,
konnte der Geographie nicht als Hülfswissenschaft die Hand bieten. Es ist bekannt,
in welchem Zustande die ersten Jesuiten-Missionäre, die Patres Michael Ruggerius und
Matthäus Ricci, in dem Jahre 1581 und später der Pater Ferdinand Verbiest bei seiner
Ankunft in Peking um das Jahr 1668 die. mathematische und astronomische Wissen-
schaft bei den Chinesen gefunden haben. Die erste Kenntnis von Mathematik, Astronomie
und Geographie vom Standpunkte der europäischen Wissenschaft hat man in China und
in Japan dem Pater Ricci und seinen Schülern zu verdanken; die durch diesen Ge-
lehrten und unter seiner Leitung in chinesischer Sprache erschienenen Bücher über diese
Wissenschaften, welche in hundert Heften (Kiuen) bestehen, fanden nicht blofs am
Hofe zu Peking eine gute Aufnahme, sie haben sich auch nach Japan verbreitet.
Merkwürdig ist es, dafs die Jesuiten-Missionäre in diesem Lande, wo sie dreifsig
Jahre früher als in China festen Fufs gefafst hatten, im 16. Jahrhundert nichts oder
wenig für die Einführung europäischer Wissenschaften gethan haben. Im folgenden
Jahrhundert waren sie schon zu ohnmächtig geworden und hatten kaum noch Kraft
genug, sich und ihre Kirche dort aufrecht zu erhalten, und sie sahen sich des Landes
schon verwiesen, als sich am Hofe zu Peking unter dem Schutze eines Khanghi die
mathematische und astronomische Wissenschaft auf einen beinahe gleichen Standpunkt
erhob, auf dem dieselbe an den Hochschulen Europas um diese Zeit gestanden hat.
Die Namen eines Verbiest, Schal, Regis, Jartoux, Bouvet und anderer gelehrten Je-
suiten sind in der Litteraturgeschichte des Reiches der Mitte verewigt. Die chinesische
Schrift, diese Gemeinschrift der gesitteten Völker des östlichen Asiens, wurde die
Trägerin der mehrgenannten Wissenschaften bis nach Japan, obgleich hier alle chine-
sischen Schriften, welche das Monogramm von Soc. Jes. trugen, strenge verboten und
nur solche erlaubt waren, die von chinesischen Schülern dieses Ordens verfafst sind.
So gering der Einflufs der so zahlreich und allgemein in Japan verbreiteten katholischen
Missionäre während beinahe eines ganzen Jahrhunderts (1549 bis 1642) auch in Japan
war, um so bemerkenswerter ist der Einflufs der Niederländer. Ihre Sprache wurde
nicht nur die Vermittlerin des Handelsverkehrs zwischen Osten und Westen, sondern
das Organ der europäischen Litteratur in Japan — somit ist der alten Niederländisch-
270
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Ostindischen Compagnie, ihren Seeoffizieren und Beamten ein Hauptverdienst um
die Ausbildung der mathematischen und physischen Wissenschaften in Japan zuzu-
schreiben.
Nach der Vertreibung der Portugiesen und Spanier und der Ausrottung des
Christentums blieb der freundliche Verkehr mit China und Holland bestehen und so-
mit die Quellen geöffnet, aus denen seither die europäische Wissenschaft den Japanern
zugeflossen war; diese flössen langsam, doch reichlich genug, um das kleine Gebiet
der Erdkunde dort zu befruchten. Die Ausschliefsung aller übrigen Europäer vom
Verkehre mit Japan und die streng bewachte Abschliefsung der Niederländer auf
Dezima beschränkte von selbst die Ausbreitung der von ihnen ausgehenden Wissen-
schaften, sie beschränkte zugleich den Kreis der Kenntnisse der Eingeborenen, welche
man von der Kenntnis des Auslandes, dessen politischen, religiösen und andern, den
japanischen Einrichtungen fremden Verhältnissen systematisch abzuschliefsen suchte;
es fanden deshalb unsere mathematischen und astronomischen Kenntnisse nur bei
wenigen einheimischen Gelehrten Zugang, und die aufserchinesische und aufser-
japanische Geographie, namentlich die der christlichen Staaten, blieb nur wenigen
Vorbehalten. Was jedoch der Anwendung mathematischer Wissenschaften auf die
Vermessung und Aufnahme des Landes, somit der Verfertigung von Kartenbildern
des Landes das gröbste Hindernis in den Weg legt, ist ein Gesetz, welches geodätische
und astronomische Arbeiten für diesen Zweck nur höheren Orts dazu bezeichneten
Personen gestattet. Deshalb befindet sich die Wissenschaft, welche zu richtigen
Landesvermessungen und zu astronomischen Ortsbestimmungen erfordert wird, aus-
schliefslich in den Händen der Hofastronomen zu Jedo und zu Kioto und einzelner
Gelehrter an den Höfen der Fürsten und Reichsgrofsen. Bücher, Karten und In-
strumente werden diesen von den Niederländern auf Dezima besorgt, und auf aus-
drückliches Verlangen des Hofes zu Jedo der bekannte Nautical Almanac regelmäfsig
von Batavia gesendet, auch häufig unter den am Hofe benötigten Gegenständen die
neuesten astronomischen Bücher verlangt. Von den brauchbarsten Werken, wie z. B.
der Astronomie von Lalande, bestehen von japanischen Dolmetschern und andern der
holländischen Sprache Kundigen bearbeitete Übersetzungen, und mathematische und
astronomische Instrumente werden von japanischen Künstlern mit bewunderungswürdiger
Genauigkeit nachgemacht. Wir hatten Gelegenheit, während unseres Aufenthaltes in
Jedo einen vorzüglich gut gearbeiteten Sextanten dieser Art zu sehen, u'nd der auf
der Sternwarte zu Kioto befindliche Quadrant soll gleichfalls von einem inländischen
Künstler verfertigt sein.
Mit solchen Hülfsmitteln sind auf Befehl des Sjögun und unter der Leitung der
Hofastronomen vom Anfang dieses Jahrhunderts an alle Landschaften und Inseln vom
eigentlichen Japan — das zu den drei grofsen Inseln Nippon, Sikok und Kiusiu ge-
hörige Gebiet — in dem Mafsstabe von 1/45ooo aufgenommen und die Hauptstädte
der 68 Provinzen und andere wichtige Punkte astronomisch bestimmt worden, wobei
die Länge vom Meridian der Sternwarte zu Kioto aus, der als erster angenommen
und nach unseren Beobachtungen 1 3 5 0 40' östlich von Greenwich liegt, berechnet
ist. Als Probe dieser grofsartigen Aufnahme des Landes kann der Plan der Strafse
O O
van der Capellen dienen, wovon uns das Original 1826 vom Hofastronomen Takahasi
Sakusajemon in Jedo mitgeteilt worden ist. Wir hatten damals Gelegenheit, auch
einen grofsen Teil der übrigen Blätter dieser Specialkarte von Japan zu besichtigen.
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 8. Gesell. Übers, d. geogr. Forsch. 271
Die Küsten, welche, wie uns Sakusajemon sagte, mit Ketten vermessen wurden, sind
nicht nur ganz genau nach ihrer natürlichen Entwicklung auf den Karten eingetragen,
es ist auch ihre Formation berücksichtigt, und die felsigen und sandigen Meeresufer
sind deutlich darauf angegeben. Eine nach derselben Zusammengestelle allgemeine
Karte, im Mafsstabe von 12 Centimeter für den Äquatorialgrad, hatten wir von unserm
mehrgenannten Freunde Sakusajemon erhalten, aber leider nur eine Kopie davon in
der gegen uns deshalb stattgehabten Untersuchung retten können. Nach dieser und
mit Benutzung der uns gleichfalls von demselben Gelehrten mitgeteilten Tafeln seiner
astronomischen Ortsbestimmungen und der besten andern japanischen Originalkarten
ist unsere Karte von den Inseln Nippon, Sikoku und Kiusiu zusammengestellt. Ebenso
erhielten wir von ihm das Original der Karte von Jezo und den südlichen Kurilen,
welche im Mafsstabe von 24 Centimeter für den Äquatorialgrad gezeichnet war, und
wovon wir eine auf die Hälfte reduzierte verfertigt und glücklich nach Europa ge-
bracht haben. Sie ist in einem verjüngten Mafsstabe im Nippon VII. Tab. XXIV1
mitgeteilt. Von den Karten, welche Mogami Toknai und Mamia Rinsö aufgenommen
haben, sind in Nippon VII. Tab. XXIV und XXV2 Proben gegeben. Die Originale
der Toknaischen Karte, welche in fünf Blättern Jezo mit den südlichen Kurilen,
Sachalin und die Mündung des Manko (Amur) enthält und in einem Mafsstabe von
etwa 1//3 00000 entworfen ist, befinden sich in der seltenen und zahlreichen Bücher-
sammlung, welche wir aus Japan mitgebracht und an den niederländischen Staat ab-
getreten haben. Noch müssen wir hier einer zwar auf einer niederen Stufe der
Wissenschaft stehenden, aber dennoch sehr wertvollen Probe japanischer Arbeit, der
Karte von den Liukiu-Inseln, gedenken, welche wir bereits mehrmals zur Sprache ge-
bracht und in unserm Nippon VII. Tab. XXVI — XXIX3 im verjüngten Mafsstabe
wiedergegeben haben.
Wir zählten hier absichtlich eine Reihe von geographischen Arbeiten der Japaner
auf, welche vollständig oder teilweise in unserm Nippon und in unserm Atlas von
Land- und Seekarten benutzt oder treu wiedergegeben sind, um durch die Vorlage
von solchen Kartenbildern den wissenschaftlichen Standpunkt, auf dem gegenwärtig
die Geodäsie und Astronomie bei den Gelehrten in Japan steht, zu beurkunden. Diese
Arbeiten näher zu prüfen, als wir bereits im Laufe dieser Abhandlung gethan haben,
und unsererseits ein Urteil darüber auszusprechen, erachten wir für unnötig, da es sich
ein vollkommen dazu befugter Richter, von Krusenstern selbst, zur Aufgabe gemacht,
die ihm kurz nach unserer Zurückkunft in Europa vorgelegten japanischen Original-
karten, welche wir für die Herausgabe in unserem Werke bestimmt hatten, einer ge-
nauen Prüfung zu unterwerfen und sein Urteil darüber in einem Schreiben an uns
bereits vor vielen Jahren (12. Oktober 1834) veröffentlicht hat. Wir lassen den Brief
dieses grofsen Hydrographen hier folgen:
«Sie erhalten hierbei die japanischen Karten zurück, welche Sie so gütig gewesen,
mir mitzuteilen; ich habe sie mit grofsem Interesse angesehen und erfülle gern Ihren
Wunsch, Ihnen meine Meinung zu sagen, ob und was die Geographie durch die Be-
kanntmachung dieser Karten gewinnen wird. Ohne mich in eine genaue Analyse
derselben einzulassen, will ich hier nur bemerken, dafs nach einer Vergleichung mit
1 In der ersten Auflage.
2 Ebendaselbst.
3 Ebendaselbst.
272
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
unseren europäischen Karten, d. h. mit solchen, welche nach einer genauen Unter-
suchung von bekannten Seefahrern konstruiert sind, ich nicht anders als ein sehr
günstiges Urteil über sie fällen kann. Nicht nur die Konfiguration der Küsten und
das Detail derselben, wo solches auf unseren Karten zu finden ist, sondern auch die
Längen und Breiten stimmen auf eine wundervolle Weise und liefern einen inter-
essanten Beweis von den Fortschritten, welche die Japaner in der Astronomie gemacht
haben. Es ist dieses besonders der Fall mit den südlichen und nördlichen Küsten
Japans und mit der Westküste von Jezo, die auf derNadiejda im Jahre 1805 bei dem
schönsten Wetter im gröbsten Detail erforscht ward, sowie auch mit der Ostküste von
Jezo nach Broughton. Nur die Länge von Kunaschir weicht von den Beobachtungen
des Kapitäns Golownin ab. Dafs die Länge der Stadt Kioto, durch welche der erste
Meridian gezogen ist, sehr gut von den japanischen Astronomen bestimmt ist1, be-
weist die Länge von Nagasaki, die auf der japanischen Karte 50 48' im Westen
von Kioto liegt, d. i. 1290 52' O. Greenw.: bis auf eine Minute die nämliche,
welche Dr. Horner und ich aus mehr als tausend beobachteten Mondabständen be-
rechnet haben.
Bei dieser aufserordentlichen Genauigkeit, welche sich fast überall zeigt, wo ein
Vergleich mit europäischen Seefahrern zulässig ist, läfst sich wohl mit Gewifsheit an-
nehmen, dafs auch diejenigen Küsten, welche bis jetzt nicht haben von europäischen
Seefahrern untersucht werden können, den nämlichen Grad der Genauigkeit gewähren,
und dafs folglich die Lücken, deren es bis jetzt noch viele an jenen Küsten giebt,
durch Ihre Karten genügend ausgefüllt werden können, bis endlich ein wissenschaft-
licher Seefahrer dort das Werk vollendet, wozu dem Anscheine nach jetzt keine Aus-
sicht ist.
Was die Karten der Liukiu-Inseln betrifft, die nach einem grofsen Mafsstab ent-
worfen sind und sehr viel Detail enthalten, so verlieren sie freilich sehr an ihrem
Werte dadurch, dafs hier die astronomischen Beobachtungen ganz fehlen; jedoch
liefern Kapt. Halls und Beecheys Bestimmung des Hafens Napakiang und der nörd-
lichsten Spitze der Insel Grofs-Liukiu einen ziemlich genauen Mafsstab, so wie die
Übereinstimmung der Küsten dieser Insel, verglichen mit Kapt. Halls Karte, für die
Richtigkeit zu bürgen scheint, mit welcher die übrigen Inseln dieses Archipels ver-
zeichnet sein mögen, wiewohl einige kleine Inseln, die der Kapt. Brougthon gesehen
hat, hier fehlen.
Die Inseln, die im Norden der Liukiu-Inseln liegen und sich bis zur Strafse V an
Diemen in mehreren Gruppen ausdehnen, sind von einigen europäischen Seefahrern
in der Ferne gesehen, von keinem aber untersucht oder auch nur bestimmt worden.
Vorausgesetzt, dafs diese Inseln auf den japanischen Karten richtig verzeichnet sind,
was das grofse Detail wohl vermuten läfst, so ist dies eine nicht unwichtige Be-
reicherung der Hydrographie dieser Gewässer.
Sehr interessant ist die Karte von Sachalin oder Krafto, wie Sie glauben, dafs
dieses Land genannt werden müsse. Wir kennen zwar die Küste von Sachalin
genauer, als die Japaner sie verzeichnet haben, aber es blieb eine wichtige Lücke
auszufüllen, nämlich der bis jetzt noch von keinem Seefahrer untersuchte und von
mir genannte Liman du fleuve Amur, in welchen sich dieser Flufs ergiefst. Ihre
1 1350 50' O. von Greenwich; auf meiner Karte von Japan liegt diese Stadt in O. L. 135040'.
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 8. Gesell. Übers, d. geogr. Forsch. 273
Karte zeigt uns die Mündung desselben; auch löst sie einen nicht ohne Grund er-
hobenen Zweifel gegen die Existenz eines fahrbaren Kanals zwischen Sachalin und
der gegenüberliegenden Küste der Tatarei, die, wie Sie mir gesagt, sich auf eine kürz-
lich geschehene Untersuchung des uns auch früher bekannten Mamia Rinsö gründet.
Nach dieser kurzen Anzeige von dem , was Ihre Karten Neues enthalten , mufs
es dem Geographen sowohl als dem Seefahrer, und besonders den russischen See-
fahrern, fast den einzigen, welche die Küsten obiger Länder befahren, wuchtig sein,
bald in den Besitz ihrer Karten zu gelangen. Ich bin in diesem Augenblick mit
einer neuen Ausgabe meines Atlasses des Stillen Ozeans beschäftigt; die jetzt ge-
wonnene Kenntnis der japanischen Karten veranlafst mich jedoch, die Herausgabe
dieser Karten abzuwarten, ehe ich die neue Ausgabe der meinigen, wenigstens jener
der nördlichen Hemisphäre, werde erscheinen lassen; und da man auch in England die
Absicht hat, eine neue Sammlung von Karten der Südsee herauszugeben, so wird man
gewifs auch dort mit Ungeduld der Herausgabe Ihrer Karten entgegensehen. Es wäre
daher sehr zu wünschen, dafs dieses so bald als möglich geschehe, und zwrar wären
meiner Ansicht nach fünf Karten nötig: — zwei von Japan, eine von den Liukiu-
Inseln, eine von Jezo und den südlichen Kurilen, und die fünfte Karte könnte nach
einem gröfseren Mafsstabe die von Ihnen aufgenommene Strafse Van der Capellen
zwischen Sikoku und Nippon, die Strafse Mamia zwischen Sachalin und der Tatarei
und den Archipel Linschoten enthalten. Es wäre, glaube ich, sehr wünschenswert,
diese Karten gerade so stechen zu lassen, wie sie sind, ohne die geringste Verbesserung
anzubringen. Wer dieses zu thun die Absicht haben sollte, wird alsdann auch über
sein Verfahren Rechenschaft geben und die von ihm gemachten Verbesserungen dem
Urteile der Hydrographen überlassen. —
Indem ich Ihnen nochmals Glück wünsche, so wichtige Beiträge zur Kenntnis
eines so wenig bekannten und so höchst merkwürdigen Landes wie Japan mitgebracht
zu haben, erlauben Sie mir auch bei dieser Gelegenheit Ihnen meine Bewunderung
für die Hingebung und den Mut zu bezeigen, durch welche es Ihnen gelungen ist,
mit Gefahr Ihrer Freiheit und vielleicht auch Ihres Lebens Schätze zu erobern, welche
nur die Wissenschaften bereichern.))
Die Berücksichtigung gewisser politischer Verhältnisse, namentlich aber die unserer
noch lebenden japanischen Freunde wegen zu beobachtende Vorsicht erlaubten es uns
nicht, diese Karten früher ans Licht treten zu lassen, so sehr dies auch von v. Krusen-
stern gewünscht worden ist. Unsere Karte von Japan, welche wir diesen um die
Seefahrtkunde so sehr verdienten Manne gewidmet haben, ist übrigens schon im Jahre
1840 in unserm Nippon erschienen.1 Im Norden von Japan haben unseres Wissens
seither keine Entdeckungen von Bedeutung stattgefunden, und die vom englischen
Kapitän Beicher und auf Geheifs des französischen Kontre-Admirals Cecille gemachten
Entdeckungen im Süden haben durch die Auffindung des von uns bezeiclmeten Lin-
schoten-Archipels und der auf den japanischen Originalkarten so ausführlich darge-
stellten Inseln der Nordgruppe der LiukiuTnseln die Mutmafsung und das günstige
Urteil v. Krusensterns bestätigt.
Bisher haben wir blofs einige der vorzüglichsten und neuesten Erzeugnisse der
1 Grofse Karte des Japanischen Reichs. Beilage zur Abteilung I der 2. Auflage. Die Wid-
mung ist in der Reproduktion fortgelassen worden. Anmerk, zur 2. Auflage,
v. Sieb old, Nippon I, 2. Anfl.
18
274
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
japanischen Litteratur über die Erdkunde kennen gelernt, es liegt aber noch ein weites
Feld geographischer Erzeugnisse aus diesem Lande vor uns, welche zu verschiedenen
Zeiten und nach verschiedenen Verfahrungsweisen bearbeitet sind und den verschie-
denen Zweigen dieser Wissenschaft angehören. In ' unserm «Catalogus librorum et
manuscriptorum japonicorum», den wir unter der Mitarbeitung von J. Hoffmann im
Jahre 1845 herausgegeben haben, sind unter andern auch einhundert und sechzig
geographische Bücher, Karten, Pläne, Panoramas u. dgl. aufgezählt und beschrieben,
welche gröfstenteils wTir selbst in Japan gesammelt haben. Elf davon verdanken wir
dem um die Länder- und Völkerkunde wohlverdienten J. Cock Blomhoff und Van
Overmeer Fisscher, deren ethnographische Sammlungen im königlichen Museum im
Haag niedergelegt sind. Es lassen sich diese geographischen Werke einteilen in:
historisch - geographische, Landkarten, Topographien der Städte; in Panoramas und
Ansichten von Gegenden, Wegweiser; ferner in solche Bücher und Karten, welche
die Neben- und Schutzländer betreffen, und endlich in solche, die Kopien von euro-
päischen und chinesischen Werken sind. Die historisch -geographischen Bücher ent-
halten meistenteils Beschreibungen einzelner Provinzen, in chorographisch-statistischer,
archäologischer, geschichtlicher und naturhistorischer Hinsicht; einige sind nach Art
von Reisebeschreibungen verfafst, worin die Reiserouten und Merkwürdigkeiten, welchen
man begegnet, ausführlich beschrieben und mit mannigfaltigen, oft sehr guten Holz-
schnitten illustriert sind. Als Probe der ersteren Art ist eine Beschreibung von Ja-
mato in 7 Bänden und ein Reisebuch längs der grofsen Landstrafse von Kioto nach
Jedo in 8 Bänden zu nennen. Solche Bücher bestehen fast von allen Provinzen des
Reiches. Es giebt auch solche, welche ganz unseren Reisebüchern entsprechen,
wie z. B. die Bücher Sai-juki, To-juki und Nan-juki, d. i. Wanderungen nach
Westen, Osten und Süden, welche zu Ende des vorigen Jahrhunderts Tatsibana Nan-
keisi, Arzt zu Kamakura, herausgegeben hat. Wir dürfen hier nicht das allumfassende
Buch, die berühmte japanische Encyclopädie, Wakan sansai dsui , übergehen, die das
Wissenswerteste ihrer Zeit (1714) im gesamten Gebiete der Geographie und deren
Hülfswissenschaften enthält. Die Landkarten lassen sich gleich den unserigen in all-
gemeine und speciale einteilen. Von einer in Kupfer gestochenen, vom Hofastronomen
zu Jedo 1822 herausgegebenen allgemeinen Karte vom Japanischen Reiche und dem
benachbarten asiatischen Kontinente haben wir eine Kopie mit Übersetzung bekannt
gemacht1, und von einer allgemeinen Karte von Japan, so wie diese dort im Buch-
handel vorkommt und sich in den Händen gebildeter Leute befindet, ein treues Fak-
simile durch den chinesischen Schreiber Ko Tsching Dschang, der uns von Batavia
mit nach Niederland gefolgt und sich sieben Jahre mit der Lithographie der philo-
logischen Abteilung unseres Werkes beschäftigt hat, auf Stein bringen lassen und gleich-
falls herausgegeben.2 Diese Karte, welche wir an einem anderen Orte näher be-
schreiben werden, ist eine ähnliche wie die, welche Isaak Titsingh mit nach Europa
gebracht, und wie jene, welche sich in der Bibliothek des Grolsherzogs von Sachsen-
Weimar befindet und, wie bereits erörtert, der v. Krusensternischen Karte zur Grund-
lage gedient hat. Obgleich auf derselben die Längen- und Breitengrade angegeben
1 Nippon l, Tab. 1 der ersten Auflage und Fig. 27 der zweiten Auflage. Das Japanische Reich
mit seinen Neben- und Schutzländern.
2 Nippon I, Tab. I— -IV der ersten Auflage.
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 8. Gesch. Übers, d. geogr. Forsch.
275
sind, so kann man sich jedoch weder auf die Genauigkeit der Projektion, welche nach
Mercator sein soll, noch auf die Richtigkeit der Lage der Orte und anderer Punkte
verlassen. Dagegen hat sie für die Chorographie und Statistik viel Wert und giebt
für das Studium der Geographie und Geschichte Japans ein sehr brauchbares Material
ab. Diese und ähnliche Karten können als Proben von Kartenbildern gelten, wie sie
in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts von japanischen Geographen verfertigt worden
sind. Die Specialkarten sind von zweierlei Art, solche, welche im Druck erschienen,
und solche, welche nur als Handzeichnungen bestehen. Von ersteren besitzen wir
nur wenige, sie sind aber von sehr merkwürdigen Gegenden, wie z. B. von Jamato,
dem alten Sitze der Mikados; von Omi, wo sich der grofse Landsee befindet; von
Harima, seiner alten Wallfahrtsorte wegen berühmt; von Setsu, wo die grofse Reichs-
handelsstadt Osaka liegt u. dgl. Als ein Muster geodäsischer Arbeit und technischer
Ausführung kann die Specialkarte von der Landschaft Jetsigo betrachtet werden, auf
welcher die Verzweigungen des grofsen Flusses Sinanogawa mit seiner merkwürdigen
Deltabildung an der der erzreichen Insel Sado gegenüber gelegenen Meeres-
küste so naturgetreu ausgeführt sind, dafs sie als ein natürliches Bild des Unterlaufes
eines Stromes aufgestellt zu werden verdient, der, genährt von zahlreichen Neben-
flüssen, welche aus dem in weiter Entfernung sich erhebenden Bergkranze entspringen,
durch ein ausgebreitetes Thal sich den Weg nach dem Meere bahnt. Die hand-
schriftlichen Specialkarten sind zweierlei Art, beide von grofsem Werte für die Choro-
graphie, Topographie und Statistik des Landes. Die ersteren, wovon wir die von
zwanzig Provinzen des Reichs besitzen, sind in dem ungewöhnlich grofsen Mafsstabe
von etwa 1/27 000 bis zu V50000 der Ausdehnung des Bodens entworfen und demnach
topographische Karten im vollen Sinne dieser Bedeutung zu nennen. Es befinden sich
darauf Berge und Flüsse bis zu ihrer kleinsten Verzweigung und auf den gröfseren
sogar Wälder; ferner alle Ortschaften, von den Städten bis zu den kleinsten Dörfchen,
Kamihallen und Tempelhöfe und andere merkwürdige Plätze, die Grenzen der Bezirke,
worin die Landschaft eingeteilt, Land- und Seewege, auf den Landstrafsen die Meilen-
zeiger in genauem Abstande angegeben, und nicht nur alle natürlichen und künstlichen
Gegenstände mit Namen bezeichnet, es stehen sogar auf den Namenschilden der Be-
zirke die Zahl der dazu gehörigen Ortschaften und der Betrag der landesherrlichen
Einkünfte und auf den Karten im grofsen Mafsstabe ist dieser Betrag auf den Namen-
schildern der einzelnen Dörfer angegeben. Sie haben aber mit den meisten japani-
schen Karten den Fehler gemein, dafs die Flüsse verhältnismäfsig zu breit, die Berge
in Berg- und Hügelform und die Städte und Ortschaften nicht nach ihrer natürlichen
Situation, sondern nur durch gleich grofse viereckige oder eiförmige Schilde angezeigt
sind. Das starke, dauerhafte japanische Papier gestattete auf einem Riesenblatte eine
ganze Provinz darzustellen, deren manche 4 bis 5 Quadratmeter messen. Solche
specielle topographische Karten bestehen von jedem Fürstentume, und mit ziemlicher
Gewifsheit läfst sich annehmen, dals sie schon aus dem 9. Jahrhundert stammen und
mit der Zeit und dem Fortschreiten geodäsischer Kenntnisse verbessert wurden; die
von uns mitgebrachten sind aus dem vorigen Jahrhundert. Die technische Aus-
stattung zeugt von der Gewandtheit des japanischen Pinsels, die Umrisse sind sehr
rein und deutlich, das Kolorit von Wasser und Bergen leicht gehalten, und die Wege
und Grenzscheidungen kräftig mit Zinnober und Tusche eingetragen. Die Schrift
verrät wie bei chinesischen und japanischen kalligraphischen Arbeiten den Fleils und
276
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
die Geduld der Kalligraphen. Wir haben absichtlich diese Kartenbilder bis ins
Detail geschildert, da man von solchen ausführlichen Topographien sich anders keine
richtige Vorstellung machen kann, zumal, da unsere Karten die ersten und einzigen
der Art sind, die nach Europa gebracht wurden.
Die andern oben erwähnten handschriftlichen Specialkarten sind in einem bei
weitem kleineren Mafsstabe von etwa 1/2zoooo verfertigt und scheinen Skizzen im ver-
jüngten Mafsstabe von ähnlichen gröfseren topographischen Karten zu sein. Die
Topographien der Städte, welche sich auf Kioto, Jedo, Osaka und Nagasaki
beschränken, lassen sich unter drei Gattungen bringen: Beschreibungen der Merk-
würdigkeiten der Städte gleich unsern Führern der Hauptstädte Europas, nur spielen
in den japanischen die Kamihallen und Buddhatempel eine wichtige Rolle, da ihre
Anzahl sehr grofs ist und sie weniger der Andacht wegen, als aus Neugierde von
Reisenden und Pilgern besucht werden; es enthalten deshalb diese Bücher aufser ge-
schichtlichen Nachrichten viele Mitteilungen über Gottesdienst, Fest- und Feiertage.
Die Pläne dieser Städte sind in gröfserem und kleinerem Mafsstabe von 1/t5oo bis zu 1 /1 sooo
entworfen. Auf den gröfseren findet man alle Strafsen, Brücken, Paläste, merkwürdige
Gebäude, Kamihallen und Buddhatempel; die Paläste der Fürsten und Grofsen gewöhn-
lich mit ihren Wappen geschmückt. Diese, häufig aufserhalb des Kreises der eigent-
lichen Stadt liegend, sind in Vogelperspektive aufgenommen und mit grellen Farben
ausgemalt. Nützliche Bemerkungen und Tabellen, Meilenzeiger etc. füllen den leeren
Raum des Blattes aus. Ähnliche Pläne bestehen auch von Festungen, vom Palaste des
Mikado (D airi) und vom Schlosse des Sjogun, welche aber geheim gehalten werden.
Panoramas von grofsen Städten und von berühmten Tempelhöfen werden allgemein
verfertigt; desgleichen auch Ansichten von schönen Gegenden und merkwürdigen Ge-
birgen. Solche Holzschnitte, schwarz oder mit Farben gedruckt, liefern oft sehr natur-
getreue Bilder und sind überall käuflich. Die Wegweiser, welche man, wie gesagt,
von den besuchtesten Fand- und Seewegen besitzt, sind nach Art unserer Panoramas
vom Rhein u. dgl. verfertigte, oft viele Meter lang sich entfaltende Bücher und Rollen,
worin die Fandschaft mit Bergen und Flüssen oder Küsten und Prseln, sowie die
Haupt- und Nebenwege, Brücken, Fähren und Furten, Meilenzeiger, Ortschaften und
andere Merkwürdigkeiten in ähnlichen Bildern eingetragen, die Entfernungen und häufig
auch die Richtung nach den Weltgegenden angegeben sind. Mancherlei für Reisende
dienliche Bemerkungen über Reisekosten, Mafs, Wasserstand, Ebbe und Flut u. dgl. sind
beigefügt, auf einigen befinden sich sogar papierne Sonnenuhren. Einen Seewegweiser von
Nagasaki bis Osaka haben wir bereits im Nippon I, Tab. XXVI und XXVII (in der
ersten Auflage) mitgeteilt. Dieser wird den Niederländern auf ihrer Reise dahin sehr gut
zu statten kommen, da es ihnen nicht erlaubt ist, sich dergleichen japanischer Bücher zu
bedienen. Die merkwürdigsten Bücher und Karten, welche die japanische Fiteratur über die
Neben- und Schutzländer des Reiches besitzt, haben wir bereits kennen gelernt; wir wollen
nur noch anführen, dafs man nicht blofs zum Studium der chinesischen Fiteratur und
Geschichte sich allgemein aus China (von Ning-po) gebrachter und im Fände nach-
gedruckter Karten bedient, sondern dafs selbst ein japanischer Gelehrter, ein gewisser
Akamidsu aus Mito zu Ende des vorigen Jahrhunderts einen Atlas vom Chinesischen
Reiche in chronologischer Folge, und zwar von der Hia-Dynastie (2207 v. Chr.)
bis zum Ende der Ming-Dynastie (1643 n- Cd1'-) in 12 Blättern bearbeitet, zu Jedo
herausgegeben hat. Demselben Verfasser haben auch seine Fandsleute einen
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 9. Karten des Japanischen Reichs.
Planiglob, eine allgemeine Karte vom östlichen Asien und vom Indischen Archipel zu
verdanken.
In dem oben angeführten Verzeichnisse von japanischen Büchern und Hand-
schriften sind alle uns bekannten Werke geographischen Inhalts mit ihren Titeln, den
Namen der Verfasser und des Druckortes aufgezählt und beschrieben. Einige wenige
Bücher ausgenommen, welche durch Ksempfer und Titsingh und einige andere, die zu
Zeiten der alten Niederländisch-Ostindischen Compagnie nach Europa gekommen, ist
dies alles, was wir von der Literatur in diesem Fache kennen. Mit den neuesten
und besten Arbeiten, welche damals, wo wir mit dem Hofastronomen und andern
Gelehrten in Verbindung waren, bestanden, sind wir bekannt geworden; wir haben
aber auch durch eben diese literarischen Freunde erfahren, welche andere Schätze von
geographischen, besonders für die Geschichte der Geographie, für Topographie und
Statistik, wichtigen Materialien im Dairi zu Kioto, dem Vatikan von Nippon, in den
Klöstern und in den Bibliotheken der Fürsten und Gelehrten auf bewahrt werden.
Wir machen auf diese der Wissenschaft verschlossenen Goldminen aufmerksam und
auf das, was wir von der grofsen, unter der Leitung des Hofastronomen Takahasi
Sakusajemon verfertigten Specialkarte gesagt haben. Bei der gegen Fremde noch
strenger als früher beobachteten Geheimhaltung von allem, was sich auf die Kenntnis
des Landes und dessen staatliche Einrichtungen bezieht, ist die Gegenwart für die
Wissenschaft hoffnungslos. Das Bestreben des jetzigen Sjögun, die einzelnen Licht-
strahlen europäischer Wissenschaft, welche in den drei ersten Jahrzehnten dieses Jahr-
hunderts sich in dem Kreise wifsbegieriger Männer selbst bis in die Säle der Fürsten
und Reichsgrofsen verbreitet hatte, dem nach Aufklärung verlangenden Volke zu
entziehen, ist tief zu bedauern. Bessere Aussichten eröffnet die Zukunft, wo der
unaufhaltsame Strom des Fortschritts im Kampfe für die geistige und sittliche Ent-
wickelung der Menschheit von Amerika aus über den Grofsen Ozean nach den öst-
lichen Ländern der alten Welt eine Bahn brechen wird. Hoffentlich wird die Ge-
schichte von allen Völkerwanderungen und von Eroberungs- und Entdeckungszügen
sich hier nicht wiederholen, und Unwissenheit oder Verblendung die im Dunkel
hegenden wissenschaftlichen Schätze jener Nationen der Vernichtung preisgeben. Wir
haben übrigens Grund, von Niederland zu erwarten, dafs es noch zur rechten Zeit
einen Versuch machen werde, diesem unvermeidlichen Zeitsturm, den es nicht wohl
abwehren kann, seine Kraft zu brechen, indem es mit dem Schlüssel, den ihm die
mifstrauischeste Regierung der Welt seit Jahrhunderten allein anvertraut hat, die dem
Welthandel geschlossenen Thore des Japanischen Reiches eröffnet und somit auch der
Wissenschaft den freien Zutritt verschafft.
— <$>
9. Bemerkungen zu den Karten des Japanischen
Reichs.
Durch die Mitteilung einer allgemeinen Karte von Japan, von dessen Neben- und Schutzländern
und den benachbarten Küsten des Festlandes von Asien, nach einem japanischen Originale, mögen
vorläufig noch am zweckmälsigsten eine oberflächliche Übersicht dieser Länder gegeben, die allgemeine
Einteilung des Japanischen Reiches nachgewiesen und die richtigen landesüblichen Benennungen fest-
27. Das Japanische Reich mit seinen Neben- und Schutzländern.
278
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Geograph. Übersicht u. Entdeckungsgeschichte v. Japan. 9. Karten des Japanischen Reichs. 279
gesetzt werden Das Original der vorliegenden Karte1 wurde vor etwa fünfzehn Jahren von einem
der Hofastronomen zu Jedo, mit Hülfe japanischer, chinesischer, koreanischer, einiger russischen und
alten portugiesischen Karten verfafst, und von einem japanischen Freunde europäischer Wissenschaft in
Kupfer gestochen. Während meines Aufenthaltes zu Jedo im Jahre 1826 habe ich dasselbe eigenhändig
von dem Verfertiger erhalten, der mir in diesem Kärtchen mehr eine Probe von den Fortschritten der
Kupferstecherkunst in seinem Fände vorlegte, zu bescheiden, um es als einen Beweis darzubieten, wie
weit die mathematischen Wissenschaften bei den Japanern gediehen, und welche richtige Kenntnis sie
sich von ihren eigenen und den benachbarten Ländern zu verschaffen wufsten. Hier wird der treue
Abrifs dieser ursprünglich japanischen Karte geliefert. Bei Übersetzung der Benennungen aber, be-
treffend Japan, Jezo, Krafto und die Liukiu-Inseln, wurden andere ursprünglich japanische Karten
verglichen. Die koreanischen Namen sind nach dem japanischen Buche Tsjösen mono gatari und
die chinesischen nach der von Klaproth und Abel Remusat festgesetzten Aussprache angenommen.
Die Projektion und die Annahme des ersten Meridians durch die Haupt- und Hofstadt Kioto (Miako)
gehört dem japanischen Verfasser an.
Die Strafsen Pico und De Vries wurden schon im Jahre 1643 durch M. de Vries entdeckt und
befahren. De la Perouse und von Krusenstern wetteiferten, den Namen dieses verdienstvollen See-
fahrers mit seinen Gefährten in dem Meere, welches er unter allen Europäern zuerst durchsegelte, zu
verewigen, und gerade bei dieser freimütigen Anerkennung der grofsen Verdienste ihres Vorgängers
treten die eigenen Verdienste dieser Männer um so mehr hervor.
Die Strafse der Boussole bildet die Grenze zwischen den südlichen und den nördlichen Kurilen.
De la Perouse durchsegelte jene im Jahre 1787, der russische Kapitän Spangberg hatte sie jedoch
bereits im Jahre 1739, auf seiner Zurückreise von Japan nach Kamtschatka, und der russische Steuer-
mann Petouchef im Jahre 1777, auf seiner Reise von Ochotzk nach den Kurilen, befahren. Eine genaue
Aufnahme dieser Stralse (1811) haben wir Golownin zu danken, indessen durch die neuesten Karten
der Japaner werden deren Küsten noch weit genauer bestimmt.
Mit der Benennung der Strafse Mamia scheint mit einem Male die grofse Frage gelöst zu sein,
welche seit der Zeit, wo de la Perouse und Broughton von Süden, und von Krusenstern von Norden
aus nach der Mündung des Amur fruchtlos vorzudringen strebten, die Aufmerksamkeit unserer Geo-
graphen auf sich gezogen hat. De la Perouse war bis nach Kap Boutin nach Norden vorgedrungen
und fafste die Meinung, dafs Sachalin mit der Tatarei verbunden sei, oder wenn ein Kanal beide Länder
trennen sollte, dafs derselbe nur sehr enge und höchstens einige Fufs tief sein könne. Broughton,
welcher auf einem kleinen Fahrzeuge noch 8 englische Meilen weiter nordwärts bis 510 45' 7" fuhr,
kam auf zwei Faden Wasser, und fand endlich eine drei bis vier Meilen tiefe Bai, von ihm Bai Chap-
man genannt, wo er keine Durchfahrt entdecken konnte. Er hielt daher hier das Land für geschlossen
und glaubte sich am Ende einer grofsen Bai zu befinden. Von Norden her hatte von Krusenstern
seinen Lauf nach dem fraglichen Kanäle gerichtet und erreichte die beiden Vorgebirge, welche unweit
des Ausflusses des Amur einen Kanal bilden, nämlich Kap Romberg an der Küste der Tatarei in
530 26' 30" n. B. und 218° 15" 15" w. L. und Kap Golowatschef von Sachalin in 530 30' 15" n. B.
und 2180 05' 00" w. L. Die Beschaffenheit des Wassers, welches am Eingänge dieses Kanales beinahe
ohne alle Salzteile befunden wurde, die starken Strömungen aus Süden, dagegen die vollkommene
Ruhe des Meeres im Süden vom Amur, durch Broughton beobachtet: diese Umstände führten von
Krusenstern auf den Schlufs, dafs im Süden vom Amur, zwischen Sachalin und dem festen Lande, keine
Durchfahrt bestehe und Sachalin folglich eine Halbinsel sei. Der japanische Astronom Mamia Rinsö
bereiste nun gerade die von unseren Seereisenden unbesucht gebliebene, äufserst merkwürdige Strecke.
Im Jahre 1808 setzte dieser von Sachalin nach Santan, so heifst die Landschaft zur Rechten der
Amurmündung, über, durchreiste dieses Land bis Deren, einem Handelsplätze der Mandschu am
rechten Amurufer, und kehrte längs diesem Strome und durch den im Süden seiner Mündung gebildeten
Kanal nach Sachalin zurück. Die Beschreibungen und Karten dieses Japaners füllen demnach glücklich
eine Lücke aus, welche jene grofsen Seefahrer offen gelassen hatten.
Nach Mamia Rinsö ergiefst sich der Amur zu sieben Teilen in die See von Ochotzk und zu
drei Teilen in den sogenannten tatarischen Meerbusen und trennt so durch seinen Ausflufs Sachalin
vom festen Lande Asiens. Das Bestehen dieses Kanales, welcher an seiner schmälsten Stelle — zwischen
1 Nippon-je-sin-rjö-dsu, Das Japanische Reich mit seinen Neben- und Schutzländern. Karte von
Nippon, eine Skizze in verjüngtem Mafsstabe.
280
Abteilung I. Geographische Forschungen und Reisen.
Kap Rakka auf Sachalin und Kap Motomaru, einem Vorgebirge von Santan, — noch 3^2 Ri sich aus-
dehnt, ist nicht mehr zu bezweifeln, wohl aber dessen Befahrbarkeit, besonders für gröfsere Schiffe;
denn die Versandungen des Amur schaffen immer neue, bald hier bald dort zum Vorschein kommende
Untiefen, welche selbst den kleinen Booten der Einwohner von Sachalin und der Santaner die Über-
fahrt zur Zeit der Ebbe beschwerlich und oft gefährlich machen. Den Namen Mamia-seto, Mamia-
Kanal, haben die japanischen Geographen diesem Kanäle beigelegt, und ich glaubte hier den Namen
dieses um die Land- und Völkerkunde sehr verdienten Japaners unseren Gelehrten am rechten Orte
bekannt zu machen. Dem tatarischen Meerbusen gab ich wieder seine frühere Benennung, tatarischer
Kanal, zurück.
Den Inseln, Vorgebirgen u. dgl., habe ich, bis auf einige, blofs die landesüblichen Namen bei-
gesetzt; die ihnen früher oder später von Europäern gegebenen Namen sind so vollständig als möglich
gegeben worden, um so das Andenken manches berühmten Mannes im japanischen Archipel zu ehren1,
aber auch die Verdienste manches früheren Seefahrers, welche bis jetzt noch verborgen geblieben, ins
wahre Licht treten zu lassen.
Es schien mir ein dringendes Bedürfnis, die seit Jahrhunderten so vielseitig verstümmelten Be-
nennungen, wodurch die Geographie von Japan und dessen Umgebung so auffallend entstellt ist, und
mit jedem Nachdrucke, mit jeder neuen Übersetzung der bezüglichen Schriften noch neue Verun-
staltungen erleidet, mit einem Male zu beseitigen und nach gründlichen Regeln der Sprache, der japa-
nischen Schrift gemäfs, die wahren Namen festzusetzen. Dieses glaubte ich am zweckmäfsigsten durch
eine tabellarische Übersicht zu erzielen, in welcher die Inseln, die Neben- und Schutzländer, sowie die
allgemeine Einteilung des Reiches, mit den ursprünglichen Namen angeführt, durch japanische und
chinesische Schrift erläutert erscheinen. In dieser Übersichtstabelle der politischen Einteilung des
Japanischen Reichs (zur Zeit des Sjögunats) sind nun zu diesem Zwecke die Namen der Inseln, der
Neben- und Schutzländer, die Benennungen der Kreise und Landschaften, welche das Japanische
Reich — Dai Nippon — umfalst, vor Augen gestellt2.
Die Aussprache, welche den chinesischen Schriftcharakteren beigefügt steht, ist nach den besten
japanischen Wörterbüchern festgesetzt, und die chinesischen Schriftzeichen, aus den japanischen Schriften
entlehnt, wurden durch den chinesischen Schreiber Ko-tsing tschäng eigenhändig auf den Stein übertragen.
Die acht grofsen Abteilungen, nach dem chinesischen Tao, Weg, Landstrafse, Landesabteilung,
bei den Japanern Tö genannt, wurden hier mit Kreise übersetzt. Die Benennung Landschaft, wofür
die neuesten Erdbeschreibungen die Begriffe Fürstentum oder Provinz setzen, entspricht ganz der Be-
deutung des chinesischen Schriftbildes Kue und des japanischen Wortes Kuni, welche ein bevölkertes
Land bezeichnen, und wurde in diesem Sinne hier aufgenommen. Dieses zur Erörterung der Tabelle.3
1 Vergleiche Nippon I, 1. Auflage, geschichtliche Übersicht der Entdeckungen der Europäer im
Seegebiete von Japan und dessen Neben- und Schutzländern, pag. 53 — 122.
2 Siehe nebenstehende Tabelle.
3 Die Wiedergabe der grofsen Karte vom Japanischen Reiche in der 2. Auflage (siehe Anhang)
wurde um so wünschenswerter erachtet, als dadurch ein möglichst getreues Faksimile einer der her-
vorragendsten Leistungen von Siebolds auf geographischem Gebiet gegeben wird. Diese Karte erschien
zuerst im Jahre 1851 in dem mehrerwähnten Atlas von Land- und Seekarten vom Japanischen Reich,
und hat längere Zeit hindurch als Grundlage für alle in Europa über Japan eschienenen kartographischen
Arbeiten gedient. Bei der Neuausgabe wurden nur einige Änderungen in der Transliteration der
japanischen Ortsnamen für nötig erachtet und statt F allgemein H angewendet — z. B. Hirado statt
Firado und Hizen statt Fizen. Note zur 2. Auflage.
28i
Abteilung II.
Volk und Staat.1
• •
i. Uber die Abstammung der Japaner.
ach den Ansichten der bisherigen Schriftsteller über Japan2 können folgende
Schlüsse gezogen werden:
A. Die Japaner stammen ab von den Chinesen.
B. Die Japaner stammen ab von einem sogenannten tatarischen Volks-
stamme.
C. Sie bilden eine Nation, hervorgegangen aus der Vermischung
mehrerer asiatischer Völkerstämme.
D. Sie sind Ureinwohner (Aboriniges).
Wir wollen diese Ansichten kritisch durchgehen:
A. Stammen die Japaner von den Chinesen ab?
Die physischen Eigenschaften der Japaner, ihre Staats- und bürgerlichen Ein-
richtungen, ja selbst ihre geschichtliche Entwickelung müssen bei einem flüchtigen
Vergleiche mit jenen der Chinesen sowohl den oberflächlichen Beobachter als auch
den gelehrten Forscher auf den ersten Anblick hin verleiten, die Japaner als Abkömm-
linge der Chinesen zu betrachten, und zwar um so sicherer, wenn sie den Japaner
in einem höheren Grade der Kultur, nämlich als Bewohner grofser Städte ins Auge
fassen. Die Symbole der Religion und der Sprache, des Krieges und des Friedens,
wie Künste und Wissenschaften tragen im allgemeinen das Gepräge chinesischer Ab-
kunft. Dies fällt sofort den Reisenden in Japan auf.
Dazu kommt noch, dafs jede Nation des asiatischen Kontinents sich für die
älteste hält, und sich dann entweder als Urbewohner ihres Reiches betrachtet, ohne
auf die Begründung irgend einer Kolonie aufserhalb ihres Mutterlandes Anspruch
zu erheben oder bei der Anmafsune: ihres hohen Altertums andere benachbarte
Völkerstämme von sich abstammen läfst. Ersteres trifft unsere Japaner, letzteres
1 Auszug aus einer in holländischer Sprache verfafsten Abhandlung, welche zuerst im Jahre 1832
in den Verhandlungen der Batavischen Gesellschaft in Batavia erschien. Note zur 2. Auflage.
2 Arnoldus Montanus, Caron, Thunberg, Kämpfer, L. Langles u. a.
282
Abteilung II. Volk und Staat.
zielt auf die Chinesen, deren Annalen wirklich um einige Jahrtausende jenen der Ja-
paner vorangehen.
Wir müssen daher die Gründe, auf welche sich die Beweise, dafs die Japaner
von den Chinesen abstammen sollen, stützen, einer genauen Prüfung unterwerfen
Ich will hier die Anführung physischer Ähnlichkeiten, welche man zwischen den
Japanern und Chinesen gefunden haben will, insofern beschränken, dafs ich kein umfassen-
des Bild derselben zu einem etwaigen Vergleiche aufstelle; denn ein Bild der physischen
charakteristischen Eigenschaften der Japaner, so treffend es auch würde gegeben werden,
würde doch mit jenem einer so ausgebreiteten und mit so vielen anderen asiatischen
Völkerstämmen vermengten Nation, wie die der Chinesen ist, verglichen, immer über-
einstimmende Züge aufweisen; und dies in um so höherem Grade, als die chinesische
Nation mit demjenigen mongolischen Volksstamme erst später sich verschmolzen hat,
in welchem wir die ersten Bewohner der japanischen Inseln aufzufinden gedenken.
Ich hebe daher aus den Gesichtszügen beider Nationen blofs diejenigen Merk-
male hervor, welche beiden als etwas absolut Charakteristisches beigelegt werden,
namentlich das Schiefstehen der Augen; eine Bildungsform, die in China, Japan
und Korea, aber auch bei den Mongolen und Mandschu sich findet. Da diese eigen-
tümliche Augenbildung, ein blofs scheinbares Schiefstehen der Augen, in Japan durch-
gehen ds die allgemeine ist, und zwar aus dem wirklich eigenartigen Bau der Augen-
lider hervorgeht, aber, soweit mir durch eigene Beobachtung bekannt ist, in China
seltener stattfindet, und dann noch häufig durch Kunst hervorgerufen: so machte ich
es mir zu einer ernstlichen Aufgabe, dieses sogenannte Schiefstehen der Augen einer
genauen anatomischen Untersuchung und einem Vergleiche mit den andern mir be-
kannten asiatischen Nationen zu unterziehen. Ich lege die allgemeinen Resultate dieser
an sich geringfügigen Arbeit vor, die aber leicht durch ausgedehntere in anderen
Ländern angestellte Forschungen zu belangreichen Entdeckungen führen kann.1 Vor-
züglich könnte sie zur Lösung folgender Fragen dienen: «Von welchem Völkerstamme
des asiatischen Kontinents geht diese Augenbildung aus, und wfie weit lassen sich noch
Spuren derselben nacfiweisen?» — «Linden wfir eine ähnliche Bildung bei den nord-
amerikanischen Völkern, bei den Mexikanern oder selbst bei den Peruanen?» — «Wie
ist die Augenbildung bei den Eingeborenen von Formosa und den der Marianen-
und Philippinen-Inseln beschaffen?))
Eben hier, wo ich vielleicht meine Japaner am innigsten mit der reinen mon-
golischen Rasse verbrüdert zeige, mache ich jedoch darauf aufmerksam, dafs die Haare der
Japaner nicht schwarz, sondern durchgehendstief dunkelbraun sind, und sich bei denKindern
bis zum zwölften Jahre durch alle Schattierungen bis ins Blonde verfolgen lassen, ob-
schon ich nicht leugnen will, dafs man auch pechschwarze Haare antrifft, ja diese selbst
gekräuselt bei Individuen von auffallend schiefem Gesichtswinkel und dunkler Hautfarbe.
Diese Hautfarbe erscheint bei dem gemeinen Volke in einiger Entfernung als
weizengelb; die der Städter ist je nach ihrer Lebensweise verschieden, und in den
Palästen der Grofsen erscheinen oft die w^eifsen, rosenrot durchscheinenden Wangen
unserer europäischen Frauen, während auf der Landstrafse sich oft Vagabunden finden,
deren Leibesfarbe zwischen dem Kupferroten und Erdfahlen wechselt. Auch diese
1 Siebe den folgenden Artikel: Erörterung über das Schiefstehen der Augen bei den Japanern
und einigen anderen Völkerschaften.
i. Über die Abstammung der Japaner.
283
physischen Merkmale der Japaner führe ich blofs aus dem Grunde an, um vielleicht
auch zu einem Vergleiche mit einem anderen Volke Asiens oder selbst Amerikas
Anlafs zu geben, wobei ich wiederholt die Frage aufwerfe: «Ist die Kupferfarbe der
Amerikaner wirklich durch Klima und Lebensweise unveränderlich?»
Wir gehen nun zu einem anderen Gegenstände unserer Untersuchungen über,
nämlich zur Sprache und Schrift, die beide nach den physischen die zuverlässigsten
Merkmale sind, welche uns über einen gemeinschaftlichen Ursprung, eine frühere Ver-
bindung oder später stattgefundene Wanderungen der Völker der alten und neuen
Welt belehren können.
Bei diesem Vergleiche der japanischen und chinesischen Sprache und Schrift
kommen einige chronologische Nachrichten in Betracht, welche war einer genauen
Kritik unterziehen müssen, um den Beweis etwaiger Verwandtschaft führen zu können,
welchen man gerade hier zu Lande durch eine Reihe philologischer Nachforschungen
klar und bündig zu liefern im stände ist.
Bezüglich der geschichtlichen Thatsachen, welche von den Schriftstellern als Be-
weise für diese Verwandtschaft eingeführt werden, glaube ich auf Widersprüche ge-
stofsen zu sein. Man behauptet nämlich einerseits, dafs eine Auswanderung der
Chinesen unter dem Kaiser Ou-y im Jahre 1195 v. Chr. die Bevölkerung von Japan
begründet habe1; auf der andern Seite wird von den Chinesen selbst gesagt, dafs die
Japaner, als sie zum erstenmale im Jahre 57 n. Chr. nach China kamen, noch Bar-
baren ohne Schrift, ohne Regierung, ohne Gesittung etc. waren, und dafs sie erst
damals sich die Grundlagen ihrer Kultur geholt hätten.2 Fliergegen ist folgendes
einzuwenden :
Die Chinesen rühmen sich des hohen Altertums ihrer Sprache sowie auch ihrer
Schriftsprache. Waren es Chinesen, die im Jahre 1 195 v. Chr. auswanderten und angeblich
Japan bevölkerten, so hätten sie doch sicher etwas vom Typus ihrer Sprache und
selbst ihrer Schrift beibehalten, oder sich, w7enn sie, wie andere Schriftsteller behaupten,
den Sitten ihrer Voreltern abtrünnig wmrden, um ihre Abkunft zu verbergen, zum
wenigsten neue Schriftzeichen ausgedacht. Die im Jahre 57 n. Chr. nach China ge-
kommenen Japaner werden aber von den Chinesen selbst Barbaren ohne Schrift und
Kultur etc. genannt, also nichts von den Chinesen an sich tragend, wohl aber sich
von nun an erst nach ihnen bildend.
Demnach ist einer von beiden chronologischen Beweisen sicher falsch, man
müfste denn den Nachweis liefern, dafs die Entwickelung der Sprache und Schrift in
China, dessen Kultur doch in die ältesten Zeiten zurückreicht, damals noch nicht so
weit gediehen gewesen sei, um sich Jahrhunderte hindurch bei den Ausgewanderten,
sei es auch nur in leichten Schattenrissen, erhalten zu können. Dabei erwähne ich
noch, dafs inzwischen, angeblich um das Jahr 219 v. Chr., ein chinesischer Arzt sich
mit vielen Hunderten von Männern und Frauen nach Japan begeben und sich daselbst
niedergelassen haben soll, damals war aber Sprache und Schrift in China gewifs so
ausgebildet wie jetzt, und wenn diese eingewanderten Chinesen die ersten Ansiedler
in Japan gewesen, so würde man doch nach einem Zeitraum von nur 276 Jahren,
wo die obenerwähnten Japaner nach China gekommen sind, jedenfalls noch Spuren
1 Thunberg, a. a. O., pag. 363, Note 1.
2 Ebendaselbst.
284
Abteilung II. Volk und Staat.
einer der chinesischen ähnlichen Kultur an ihnen entdeckt haben. Diese Niederlassung
einer chinesischen Kolonie in Japan scheint mir unzweifelhaft, und ich stimme voll-
ständig den Beweisen und der Meinung Kämpfers hierüber bei.
Ich behaupte daher, dafs die Schrift der Japaner aus China stammt, mag sie nun
durch die Kolonie um das Jahr 219 v. Chr. von Chinesen nach Japan, oder im Jahre 57
n. Chr. von Japanern aus China gebracht worden, oder sogar früher zu Ou-ys Zeiten
nach Japan gekommen sein. Eben daraus geht der stärkste Beweis hervor, dafs nicht
eine Nation, welche die chinesische Sprache führte, sondern eine andere zuerst Japan
bewohnte, und mit der Ausführung dieses Beweises klärt es sich dann von selbst auf,
wie zugleich mit der Schrift die Grundlage aller Kultur, die Künste und Wissenschaften
aus China nach Japan gewandert sind.
Zimmu, der Gründer der kaiserlichen Dynastie, ist aber jedenfalls kein Fremdling, der
nach Japan kam und als Eroberer dieses Landes beherrschte, sondern er ist in Japan geboren
und zwar in der Landschaft Hiuga. Wenn auch seine Abstammung manches Sagenhafte an
sich trägt, und seine Eltern auch als Götter verehrt werden, so hat doch die Geschichte so
viel Glaubwürdiges und Wahrscheinliches bei der Verherrlichung seiner Thaten uns über-
liefert, wie sie es vielleicht weder von Troja, Athen und Rom nachzuweisen im stände ist.
Oben behauptete ich, dafs die Schrift der Japaner, entlehnt von jener der Chinesen,
gerade den stärksten Beweis liefere, dafs die Japaner von einer anderen Nation als
der chinesischen abstammten. Das Alphabet der Japaner besteht aus 47 Buchstaben.
Diese Buchstaben sind ursprünglich chinesische Charaktere, wofür noch das alte Alphabet
der Japaner, Manjokana genannt, zum Beweise dient. Die übertragenen chinesischen
Charaktere . sind chinesische Wörter, die einzeln gerade den Klang hatten, den die
japanische Sprache bei Zusammensetzung ihrer Wörter nötig hatte; und nun wurden
diese Charaktere der einsilbigen Sprache der Chinesen zum Schreiben der vielsilbigen
japanischen Wörter angewendet. Allein da sie demnach, mehrere Charaktere nötig
hatten, um ein einziges Wort zu schreiben oder zu bezeichnen, so haben sie diese
mühsamen Schriftzeichen abgekürzt, und es sind folgende Alphabete entstanden:
Jamato-Kana, Hira-Kana, Kata-Kana.
Diese verschiedenen Alphabete der japanischen Schrift werden gesondert oder
miteinander vermengt, oder selbst in Verbindung mit chinesischen Charakteren, als reale
Bilder der Wörter in der stilistischen Darstellung angewendet.
Aus dem Angeführten geht der Ursprung -der japanischen Schrift aus China zur
Evidenz hervor. Die chinesische Schrift ist nun entweder von Chinesen nach Japan
gebracht, oder von Japanern aus China geholt worden. Ich gebe beides als möglich
zu, und wiederhole nur, dafs man bei Einführung dieser Schrift gezwungen war,
zur Bildung einer japanischen Schriftsprache diejenigen chinesischen Charaktere aus
den vielen anderen herauszusuchen, welche den zur Wiedergabe der in Japan
üblichen Sprache nötigen Laute darboten. Mögen nun die unter dem Kaiser Ou-y
(U-i) im Jahre 1195 v. Chr. ausgewanderten Chinesen oder der chinesische Arzt
mit seinem Gefolge hierzu genötigt gewesen sein, so wird doch niemand der Ansicht
widersprechen, dafs vor der Übertragung der chinesischen Schrift nach Japan daselbst
eine von der chinesischen Sprache ganz verschiedene Landessprache üblich gewesen
sei. Daraus läfst sich dann weiter schliefsen, dafs die damals Japan bewohnende
Nation sich auf Japan festgesetzt hatte, ehe sich in den nördlichen Teilen vom
asiatischen Festlande die Schrift verbreitet hatte. Dafs jedoch diese Bevölkerung
i. Uber die Abstammung der Japaner.
285
der japanischen Inseln vor der Bildung der Sprachen stattgefunden habe, mufs ich
im Hinblicke auf die auffallende Ähnlichkeit der japanischen Sprache mit jener der
Mandsc.hu - Tataren entschieden bestreiten. Leider habe ich trotz aller Nachforschungen
keine zuverlässigen Beweise, dafs früher andere Charaktere als die der Chinesen in
Japan üblich gewesen, auffinden können.
Ich wende nun meine Untersuchungen der Religion beider Völker zu. Kann
ich hier auch nicht beweisen, dafs die Gottesverehrung der ältesten Bewohner von
Japan mit jener der gleichzeitigen Chinesen keine Übereinstimmung hatte (ich über-
lasse dieses jenen Gelehrten, die mit letzteren in näherer Berührung und im Besitze
der nötigen literarischen Hülfsmittel sind), so kann ich doch so viel behaupten, dafs
derjenige Kultus, welcher noch' gegenwärtig in China und Japan der herrschende ist,
mit dem alten Gottesdienste der Japaner nicht die geringste Gemeinschaft hat. Ferner
kann ich anführen, wann und wie der Kultus des Buddha, dieser eigentlich indische
Gottesdienst, über Korea nach Japan gekommen ist, w7o er zwar anfänglich keine günstige
Aufnahme fand, mit der Zeit aber sich immer mehr ausbreitete, und endlich durch
die japanische Regierung selbst als der einzige gesetzliche Gottesdienst erklärt wurde.
Ich bin aber auch im stände nachzuweisen, dafs die früheren Bewohner Japans
einen besonderen Religionskultus hatten, dafs dieser als von den Voreltern stammend
geehrt wurde und sich bis auf die Gegenwart sowrnhl in den Hütten des Landmanns
als im Palaste des Erbkaisers erhalten hat und allgemein beliebt vom Staate nicht
blofs geduldet, sondern selbst beschützt und geheiligt ist, und selbst noch heutzutage
als die positive Religion der Japaner erklärt würde, wenn nicht Staatsklugheit
die Unterthanen zur öffentlichen Bekennung einer der Sekten des Buddha verpflichtete.
Dieser alte Kultus der Japaner hat nun mit dem des Buddha nichts Wesentliches
gemein und die Ansichten und rituellen Gebräuche beider Lehren, obgleich diese durch
eine tausendjährige Berührung mehr oder weniger ineinander verschmolzen zu sein
scheinen, werden von den Schriftgelehrten der Japaner noch strenge und genau aus-
einandergehalten.
Ich nehme an, dafs der Name Sintö erst später aufgekommen sei, um auch für
die alte Religion im Gegensätze zu der neueren, jener des Buddha nämlich, eine Be-
nennung zu haben. Man nannte erstere Sintö, den Weg des Geistes (Sin, Geist
Gottes, eigentlich der Geist des Gottes, und tö, Gesetz, Weg), während Butsdö oder
auch Buddö den Weg Gottes (Buts, Gott, und tö [dö des Wohlklanges wegen]
Weg) bedeutet.
Sintö ist eigentlich die chinesische Aussprache, und im reinen Japanischen heilst
es Kami-no-mitsi, was dasselbe ist. Sin, Kami und Budsu hat im allgemeinen dieselbe
Bedeutung, aber die beiden ersteren Benennungen bezeichnen Geister, Götter u. s. w., die
dem alten Japan angehörig sind, während man unter Butsu auswärtige Götter versteht.
Die vorzüglichsten Glaubenssätze und Gebräuche des Sintö sind:
Die Stifter und Begründer des Japanischen Reiches, gleichsam als Abkömmlinge
von Sonne und Mond betrachtet, namentlich Ten-sjö-dai-zin oder besser japanisch
Ama-terasu-ö-no Kami sind der Gegenstand der höchsten Verehrung, und letzterer
ist das höchste Wesen, die erste Gottheit. Aufser diesen kennt der reine Sintökultus
kein höheres Wesen.
Die Erbkaiser betrachtet man als Spröfslinge dieses Göttergeschlechts, welches
sich vom Himmel auf den japanischen Boden herabliefs, als die echten Nachfolger und
286
Abteilung II. Volk und Staat.
Stellvertreter des Ten-sjö-dai-zin; durch den Titel Ten-si, das ist Kind des Himmels,
geben sie ihr himmlisches Stammhaus zu erkennen, welches auch nie aussterben kann,
da bei mangelnder Succession dem kinderlosen Ten-si vom Himmel ein Nachkömmling
beschert wird.
Der Geist dieser Regenten ist unsterblich, und so befestigte sich auch bei dem
Volke der Glaube an ein Geisterleben nach dem Tode. Es besteht die Idee der
Unsterblichkeit und damit verbunden die der Belohnung des Guten und der Bestrafung
des Bösen, und somit auch die eines Ortes, wohin sich der Geist nach dem Tode
begiebt. Dieser Ort heifst als Paradies Takamanohara und als Hölle Nenokuni. Hier
mufs sich der Geist verantworten vor den himmlischen Richtern. Der Gute wird
belohnt, zieht nach Takamanohara und wird selbst in die Reihe der himmlischen
Regenten (Kami) aufgenommen; der Böse wird zur Strafe in den Abgrund Nenokuni
verstofsen.
Zur Verehrung dieser Kami sind besondere Wohnhäuser ihrer Geister errichtet,
Mia genannt; dies sind Tempel von verschiedener Gröfse, die kleineren aus Holz
vom Lebensbaume (Thuja orientalis), die gröfseren von Cypressen (Cupressus japo-
nica, Th.) erbaut, in "deren Mitte das Sinnbild der Gottheit das Gohei-Papierstreifen
an Stöcken, ebenfalls vom Holze des Hinoki (der japanische Name des Lebensbaumes),
befestigt, ruht. Von diesem schönen Baume wird in einem japanischen Helden-
gedichte gesagt: «So wie sich der Hinoki als Zierde der Wälder erhebt, so ragt unter
der übrigen Menschengesellschaft der Held hervor!))
Täglich, gelegenheitlich oder zu bestimmten Zeiten, z. B. an Jahrestagen der
Geburt oder des Todes bringt man den Begründern des Reiches, den guten Regenten
und anderen um den Staat verdienten Männern, um diese Kami zu ehren und
ihnen zu danken, Gebete und Opfer dar, welche öfters zu nationalen Festlichkeiten
werden. Jedoch an den höchsten Kami Ten-sjö-dai-zin kann sich der Andächtige
nicht unmittelbar wenden, und es bestehen Lürbitter und Vermittler zwischen diesem
allerhöchsten Wesen und den Erdenkindern. Diese werden Sjugozin genannt, d. i.
wörtlich Schutzgott (Sju, bewachender; go, schützender; zin, Gott).
Aufser einer Schelle (Suzu), einigen Blumenvasen (Hanatate) , einer Trommel
(Taiko) und einigen anderen musikalischen Instrumenten befindet sich ein Spiegel
(Kagami) in der Nähe der Wohnung der Kami als ein Symbol der Reinheit und
Klarheit der Seele.
Man opfert den Kami und deren Schutzgöttern bei oben erwähnten Gelegen-
heiten, besonders aber bei Beginn und in der Mitte des Monats verschiedene efsbare
Dinge, als Reis, Kuchen, Zuckergebäcke, auch Tiere, als Hirsche, Eische und dergl.
Es ist den Anhängern erlaubt, ein Tier zu töten und sich mit Blut zu beflecken,
und den Priestern, die ihre Haare gleich den Laien tragen, zu heiraten.
Die Toten werden in einem den Mias ähnlichen Sarge begraben1 und vor-
nehmen Verstorbenen folgte in den frühesten Zeiten eine bestimmte Anzahl der
Untergebenen und Freunde lebendig mit ins Grab.2
Der Buddhaismus, welcher von China über Korea nach Japan höchst wahrscheinlich
1 Genannt Iviwan oder Hitsuki.
2 Schon im 33. Jahre von Sui-zin-ten-wo, dem 3. Jahre n. Chr., wurde dieser Gebrauch untersagt,
doch erhielt er sich noch bis zu Taikos Zeiten. Man bediente sich später an Stelle der Menschen
thönerner Puppen, welche noch öfters ausgegraben werden. Note zur 2. Aufl.
i. Über die Abstammung der Japaner.
287
erst im Jahre 543 n. Chr. gekommen ist, erlangte später um das Jahr 576 n. Chr.,
nachdem das Bild des Sjakas überbracht worden war, durch Mönche und Nonnen, die
gleichfalls aus Korea stammten, weitere Verbreitung und hat sich in einer von China
abweichenden Form in Japan weiter entwickelt. — Aus dem obigen ergiebt sich somit,
dafs die Japaner von den Chinesen nicht abstammen, wenn sie ihnen auch die
Hauptbestandteile ihrer Kultur zu verdanken haben.
Hiermit wende ich mich nun zur Untersuchung der zweiten Frage: B. Stammen
die Japaner von einem sogenannten tatarischen Volksstamme ab?
Bevor ich mich in die eigentliche Untersuchung einlasse, möchte ich einige
mir wuchtig vorkommende Gegenstände zur tieferen Begründung und weiteren Nach-
forschung in folgenden kurz gefafsten Fragen vorlegen: Findet sich in den Dogmen
und Gebräuchen des Gottesdienstes des Dalai-Lama nicht einige Übereinstimmung mit
dem des Sintö? Sind es nicht Spuren des Fetischdienstes, wenn man gewissermafsen
Tiere als Vermittler und Fürbitter der Kami erwählt und sie durch Opfer mit den
Menschen auszusöhnen sucht? Giebt diese Aussöhnung mit gefürchteten Tieren (den
erwähnten neunköpfigen Drachen) uns nicht einen Fingerzeig, wie die Menschen
darauf gekommen sind, Fetische zu verehren? Dies berechtigt uns anzunehmen, dafs
nicht sowohl die guten Eigenschaften der Tiere, denen man in ihrer Lebens-
weise und ihrem Aultreten gegen den Menschen Absichtlichkeit und Überlegung bei-
legte, sondern dafs vielmehr Schrecken und Furcht vor reifsenden Tieren den
Glauben an eine verborgene Gottheit erweckte; dazu kommt, dafs man selbst
Menschen zur Aussöhnung mit diesen Ungeheuern opferte1 und dafs man lebendig
seinem Herrn und Freunde in das Grab folgte. So betrachtet man die Sonne und
den Mond noch heutzutage als Erzeuger des menschlichen Geschlechts, als die Eltern
der Kami; der Tensi fastet bei deren Verfinsterung, indem er sich seine himm-
lischen Eltern in Trauer versunken denkt, und bei einer anderen Gelegenheit trinkt
er mit ihnen sogar aus einer Schale ; so glaubte Zinmu temvo gegen den Aufgang
der Sonne fechtend, seine Eltern beleidigt zu haben, und dieser wie alle Erb-
kaiser nennen sich Tensi, himmlische Kinder. — Erblickt man hierin nicht deut-
liche Spuren des Sabaeismus, erinnert man sich nicht an den Kultus der Peruaner
und Mexikaner? Wäre hier nicht ausschliefslich die Rede vom Gottesdienste,
so könnte ich noch eine lange Reihe von eigenen Erfahrungen und Mitteilungen
meiner gelehrten japanischen Freunde zur Unterstützung und Bekräftigung obiger
Mutmafsungen anführen. Doch eben deshalb und aus Vorsicht, nicht jetzt schon
unerwartet mit meinen Japanern ins südliche Amerika zu geraten, mufs ich den
Lauf meiner Gedanken zügeln und nach dem Festlande von Asien umlenken, und in
dieser angeblichen officina generis humani auch die ersten Keime meiner Japaner
aufsuchen.
1 Bezieht sich auf die Sage vom achtköpfigen Drachen zu Jamato, dem jährlich eine Jungfrau
zum Opfer fiel, bis er durch den Helden Susano-ö erschlagen wurde. Vergl. die Vorrede zur 2. Aufl.
288
Abteilung II. Volk und Staat.
B. Stammen die Japaner von einem sogenannten tatarischen
Volksstamme ab?
Von den physischen Eigenschaften der Japaner habe ich bereits diejenigen in
Betracht gezogen, welche, als besonders charakteristische Merkmale an denselben vor-
kommend, auf eine etwaige Verwandtschaft mit anderen Nationen, sei es in Asien oder
auf dem neuen Kontinente, hindeuten. Inwiefern diese Merkmale mit jenen der mir
bekannten asiatischen Völkerstämme übereinstimmen, habe ich ebenfalls angeführt und
zugleich zu weiteren zweckdienlichen Forschungen in mir unbekannten Ländern an-
geregt. Ich wende mich daher wieder zur Sprache, und weil ich bei jenem asiatischen
Volksstamme, welcher wiederholt auf Wanderzügen als mächtiger Eroberer auftrat,
in den vielsilbigen Wörtern eine auffallende Ähnlichkeit mit jenen der Japaner zu er-
kennen glaube, so holle ich der Ethnographie einen wichtigen Beitrag zu leisten, wenn
ich eine Vergleichung beider Sprachen, soweit mir die literarischen Hülfsmittel und
die engen Grenzen dieser Abhandlung erlauben, einfliefsen lasse. Dafs ich auf die
Mandschu-Tartaren hinziele, ist aus meinen frühen Äufserungen leicht zu entnehmen.
Ich bin übrigens nicht der erste, der einige Übereinstimmung der Mandschu-Sprache mit
der japanischen aufzufinden glaubt. Sowohl aus Bemerkungen Malte Bruns wie aus
den Worten Alexanders von Humboldt kann man entnehmen, dafs man der oben an-
geführten Übereinstimmung der Mandschu-Sprache mit der japanischen zwar Anerkennung *
versagt und die Idiome der Japaner noch als eigentümliche betrachtet, aber doch
sich Hoffnung macht, dafs künftige Reisende eine genauere Verbindung der Sprachen-
familien dieses Archipels auffinden werden.
Die Etymologie der japanischen Sprache habe ich bereits früher behandelt, so
dafs ich ohne weitere Aufklärung sofort eine Parallele zwischen beiden Sprachen ziehen
zu können glaube. Ich könnte mich hier auf meine früheren philologischen Arbeiten
berufen; doch da ich mir vorgenommen habe, nicht nur die etymologischen Ähnlich-
keiten der japanischen und Mandschu-Sprache, sondern auch die der näher an Japan
grenzenden Länder, der Koreaner und Jezoer, die mit einigen anderen tartarischen
Völkerstämmen zwischen jenen beiden gleichen eingeschaltet wichtige Momente für
meine Behauptung liefern können, bei meinen Untersuchungen über den Ursprung der
Japaner mit zu Rate zu ziehen, so glaube ich, eine Zusammenstellung dieser Idiome
vorlegen zu dürfen, wodurch nicht blofs eine nähere Verwandtschaft derselben unter
sich, sondern höchst wahrscheinlich auch mit den Mundarten des neuen Kontinents
aufgefunden und als Stütze tieferer Untersuchungen benutzt werden könnte.
Bei dem Nachweise der Ähnlichkeiten der Sprachen dieses Archipels unter sich
und mit jenen des Festlandes von Asien und Amerika kann ich mich über die vielen
Idiome der hier in Betracht kommenden Völker in keine philosophische Darstellung
oder in eine Entwickelung der allgemeinen Gesetze dieser Sprachen einlassen, sondern
auf rein empirischem Wege das Gemeinsame derselben unter sich zu ermitteln suchen.
Ich werde also ins Auge fassen, ob der Grundtypus der Wörter der einsilbige oder
mehrsilbige ist; ferner ob bei Bildung eines Satzes das Subjekt einer sogenannten
Beugung und die Kopula einer Abwandlung unterworfen ist, wie sich bei den Nenn-
wörtern die Nennfalle, bei den Zeitwörtern die Zeiten bilden; wie die persönlichen
Fürwörter in besitzanzeigende übergehen, nach welchem Gesetze die Grundzahlen zu-
sammengesetzt werden und welche andere etymologische Eigentümlichkeiten noch
i. Uber die Abstammung der Japaner. 289
stattfinden mögen. Ans folgender Tabelle wird man über alle diese Fragen eine
entsprechende Aufklärung gewinnen.1
Die meist einsilbigen, oft konsonantenreichen Wörter der Chinesen lassen sich
hier und da noch bei den benachbarten Japanern und Koreanern erkennen, wohin sie
in den frühesten Zeiten zugleich mit der sich über diese Länder verbreitenden Kultur
gewandert sind und das Bürgerrecht erhalten haben. Dieser einsilbige Typus findet
sich besonders bei den Koreanern, wo eine starke, dieser Nation eigentümliche As-
piration eine scheinbare Häufung von Vokalen verursacht und die Wörter ungemein
dehnt. Gröfstenteils erscheinen jedoch auch bei den Koreanern mehrsilbige Wörter,
während dieselben bei den Mandschus, Sandanern, Ainos und Japanern vielsilbige sind,
aber durch häufiges Verschlingen der Vokale verkürzt auftreten. Die Wörter bei
den zuerst genannten Sprachen, reich an Lippenbuchstaben, tönen, da diese
durch das Verschlingen der Vokale oft unmittelbar aufeinanderfolgen, äufserst hart
und schwerfällig, die der letzteren dagegen, denen die Labiallaute und der scharfe
Klang unseres R fehlen, klingen um so sanfter und fliefsender, und zwar, je mehr sich
die Bewohner der japanischen Inseln dem Süden nähern, so dafs auf den Liukiu-Inseln
die weichsten Mundarten gefunden werden.
Der ein- oder mehrsilbige Typus, den wir hier nachgewiesen, dürfte bereits als
eine scharfe Grenze der Sprachenverwandtschaft der in Frage kommenden Völkerstämme
dienen, doch da die japanische Sprache etymologisch bis jetzt als ganz eigenartig
betrachtet wurde, so glaubte ich in dieser Hinsicht nähere Vergleichungen anstellen zu
müssen. Diese lassen, je treffender sie erscheinen, eine um so günstigere geographische
Anreihung der Sprachen der Völker dieses Teils des nördlichen Asiens zu.
Es fragt sich übrigens: Ist die bei den Idiomen der amerikanischen Sprachen
bemerkte eigentümliche Stellung der Zeitwörter, wenn sie mit einer Negation ver-
bunden werden, nicht eine ähnliche wie die in der japanischen und Mandschu-Sprache
und sicher auch in der Aino-Sprache aufgefundene?
Fügt man nun zu diesen auffallenden Ähnlichkeiten in den Grundzügen der
Sprachen der oben erwähnten Völker noch treffende Beweise einer Übereinstimmung
ihres Gottesdienstes, ihrer Sitten und Gebräuche mit jenen, der ältesten Bewohner von
Japan, berücksichtigt man ihre geographische Verbreitung in diesem Archipel und ihre
Verbindung mit andern Völkerstämmen der alten und selbst der neuen Wrelt, so
kommt man auf die Frage zurück: Wer bewohnte Japan vor Zinmu Ten wo, der von
Westen nach Osten und über den Norden Japans seine Macht ausbreitete? Woher
kamen die nördlichen Bewohner von Japan, die noch später Wilde genannt wurden, wo-
her die Stammväter des Zinmu Tenwo, die an Intelligenz und sittlicher Verfeinerung
den übrigen Bewohnern von Japan weningstens ein Jahrtausend vorangeschritten waren?
Ich sprach von einer Ähnlichkeit der Grundzüge der Sprache der Mandschu mit
jener der Japaner; ich suchte diese nachzuweisen, aber es war auch nötig, bei den
zwischen beiden eingeschalteten Völkern, den Koreanern und Jezoern, ferner bei den
Kraftoern, den Orotskys und Sandanern eine Verwandtschaft mit der japanischen
Sprache zu ermitteln. Weil nun diese einigermafsen gefunden ist, so werden die
Mandschu selbst bei meinen weiteren Untersuchungen weniger Berücksichtigung finden,
und ich widme diese um so eifriger den andern obengenannten Völkern, weil ich
1 Vergl. die folgenden Tabellen.
v. Sieb old, Nippon I. 2. Aufl.
*9
290
Übersicht der Etymologie
Allgemeine Gesetze, genommen ans einer vergleichenden Sprachforschung.
Japan.
Die Wörter
dieser Sprachen sind aus einer, häufiger aus
zwei und mehreren Silben zusammengesetzt:
Sendatte okie dete ottose-wo tadsuneta
Nuper in mare navigans phocam qucesivi.
Die Hauptwörter
Die Beiwörter
Die Zahlwörter.
Die Fürwörter.
sind geschlechtslos, werden häufiger in der
Einzahl gebraucht als in der Mehrzahl, dann
wiederholt oder mit einem Zusatze. Sie bilden
die Nennfälle (Casus) meist durch einsilbige
Partikeln, welche an das Ende der Wörter
gefügt werden (Suffixa); der Genitiv steht
immer voran.
stehen vor den Hauptwörtern, bilden den
Komparativ durch Anhängung einer Partikel
an das Ende des Hauptwortes oder des Für-
wortes; diese bedeutet soviel als «von». Den
Superlativ bilden sie durch Vorsetzung ge-
wisser Partikeln, welche der Bedeutung «s e h r»
entsprechen.
Als Grundzahlen sind sie ursprüngliche, von
eins bis zehn, auch zwanzig, ausgenommen
bei den Koreanern, deren Zahlen chinesischen
Ursprungs sind, ferner auch hundert, tausend,
zehntausend, alle höheren Zahlen bei den
Jezoern. Zusammengesetzt sind sie von eilf
bis neunzehn u. s. w., im alten Japanischen
und im Jezoischen sind die Zusammen-
setzungen weitläufiger.
Die persönlichen sind durchgehends ein- oder
mehrsilbig, bezeichnen im Japanischen einen
Unterschied des Ranges (Zeichen feinerer Bil-
dung), und im Jezoischen, Koreanischen und
Japanischen bedeutet die dritte Person soviel
als jener. Die zueignenden werden durch
Anhängung der Endung des Genitivs gebildet
und stehen stets dem Hauptworte voran.
Arne, coelum ; Hito, horno.
Hito-bito, homines; sive Hito-koto, quivis
homo.
Ga (nom.); no (gen.); ni (dat.) ; wo
(accus.); jori (voc).
Hi-no hikari, Solis radius.
Utsukusi onago, pulchra femina.
Kono - tsjawan- wa kono sakatsuki jori
futoi.
Hrec patera hoc poculo major.
Fusi-no Jama-ga itsi ban takai.
Fusi rnons, penquam altus.
Hitotsu, 1 ; futatsu, 2; mitsu, 3; jotsfu, 4;
itsutsu, 5.
Tö, 10; hatatsi, 20; mono, 100.
Tsi, 1000.
Tö mata hitotsu, 1 1 , tö mata futatsu, 12.
Futatsu mata itsutsu, 25; roku zu 60.
Watakusi, sive mare, ego; anata, sive
omae, tu.
Kare, sive ano hito, ille; watakusi domo,
sive warera, nos; anatagata sive omae-
gata, vos, karera sive anohitotatsi, illi.
Watakusi-no, meus; anata-no, tuus.
Watakusi sino atama, caput meurn.
Die Zeitwörter
sind: 1. thätige und haben drei Zeiten: a) eine
gegenwärtige, die durch Veränderung der
Auslaute gebildet wird; b) eine vergangene,
durchgehends mit dem Ausgange a gebildet;
c) eine zukünftige Zeit, ausgedrückt durch
Verlängerung der Endsilbe des Präsens.
2. leidende, die gleichfalls drei Zeiten haben,
gebildet durch verlängerte Ausgänge, die
öfters eigene, ein Leiden bezeichnende, Hilfs-
zeitwörter zu sein scheinen, namentlich bei
den Jezoern (aniki) und den Koreanern.
Die befehlende Art zeichnet sich durch Kürze
der Ausgänge aus; bei besonderem Nachdrucke
steht bei den Jezoern das Fürwort vor dem Infini-
tiv. Die unbestimmte Art (Infinitiv) ist (ausge-
nommen bei den Mandschu) dem Präsens gleich.
Die verbindende wird durch Nachsetzung der
Partikel, welche sie regiert, gebildet.
Die Negationen sind am Ende der Zeitwörter
angehängt und bewirken oft eine Veränderung
der Abwandlung (Konjugation). Die Hilfs-
wörter werden nicht häufig bei Abwandlung
der Zeitwörter gebraucht, blofs im Passiv; sie
haben gleiche Abwandlung, wie die andern
Zeitwörter; unpersönliche Zeitwörter kommen
selten vor, und die bei uns gebräuchlichsten
werden hier umschrieben.
Die Bestimmungs-
wörter
stehen in allen Fällen am Ende der Wörter,
auf welche sie sich beziehen, ohne eine Ver-
änderung derselben zu bewirken.
Utsu, verbero.
Utsita (praeterit.).
Utsou (futur.).
Utaruru, verberor.
Utareta (praeterit.).
Utareö (futur.).
Ute, verbera.
Utarero, verberate.
Utsu, verberare.
Watakusi-ga sore-wo miru joni.
Ut ipse videam.
Utanu, non verbero ; utanu deatta.
Utarenu, non verberor; utarenu deatta,
(praeterit ).
Aru, esse; arita (praeterit.) ; arö (futur.).
Ame-ga furu, pluit (verbat.); pluvia decidit.
Kaminari ga naru, intonat.
Ni, ad; to, eum ; nijotte, quia; joni, ut.
Jokka maeni watakusi-wa desi-to, jamani
juita.
Quatuor ante dies cum discipulis in mon-
tem ascendi.
Anmerkung: Die Baustoffe zu dieser Tabelle sind genommen: bezüglich der japanischen Sprache aus meinem Epitome Ungute
Tom. XIII, pag. 39 — 73) veröffentlichten Grammatik dieser Sprache entnommen; die Jezo-Sprache habe ich während meines Aufenthaltes zu
des Fürsten von Tsusima , der viele Jahre in Korea als Dolmetscher gedient hatte; auch unterhielt ich mich selbst mit mehreren koreanischen1
nach denen der koreanischen Schrift niedergeschrieben.
der Sprachen von
29I
Ma ntsch u-Tattan.
Koua nialmate oume tontehi poure
seme fufculahapi.
Est mihi interdictum, ne hoc aliis
patefaciam.
Apka, coelum; hebe, femina.
Hehe-Si, feminse.
J, sive ni (gen.); he (dat.); be
(accus.); tshi (abl.).
Apka-i etehen, coeli dominus.
Sain-hehe, bona femina.
Matchoe kisoun nikan kisoun tehi
teha.
Mantschu Ilngua illa chinensium
facilior.
Ere nialma oumesi ketonken.
Hic homo perquam eruditus.
Emou, 1 ;tchouo, 2 ;itan, 3 ; fouin, 4.
Souhteha, 5; tsouan, 10; orin, 20.
Tangou, 100; Mingan, 1000.
T souan emou, 1 1 ; tsouan tehour, 1 2.
Orin sounteha, 25 ; Ning-tehou, 60.
Pi, ego ; Si, tu ; i, ille.
Pe, nos; Soue, vos; Tehe, illi.
Mini, meus; Si-ni, tuus.
Mi-ni, morin, equus meus.
PIoulampi,lego ; Kousourembi, dico.
Houlaha (prceterit ).
Eloulara (futur.).
Houlapumpi, legor.
?
?
Eioula, lege; Kousure, die.
?
Houlame, legere.
Kenetehi, tetentere.
Quamvis eam.
Houlahaku sive hoularakounque,
non legi.
Queilche akou sive oueilere kun-
gue, non feci.
Si, sive pimpi, esse, pihe, prreterit. ;
pisire, futur.
?
?
Tahame, si, tetentere, quia
Kenetehi tentere.
Quamois eam.
J e z o.
Ofunaki adsui kata rewa unewo
istan.
Nuper in mare navigans phocam
qutesivi.
Kikita, caelum; sisjam, homo.
Herold, piscis ac pisces.
Ta (dat.); ne vel be (accus.); Ivari
(ablat.); Koro (gen.).
Tsisi kots, domus curia.
Jupuke asjuru, seditio vehemens
Tanbe kari horokasju.
Hac re facilior.
?
?
S’nepp, 1 ; tsupp, 2 ; repp, 3 ; inepp, 4.
Asikarepp, 5; n’ambe, 10; hots, 20.
Asikini hots, 100; id est verbat 5 et 20.
Sinepp ikasima (adde) wanbe, 1 1 ;
tsutsupp ikasima wanbe.
12; asikirepp ikasima hots, 25; re-
hots, 60.
Ku, ego; i, tu; iki sangur, ille;
tangur, hic.
Ink’jutan, vos; inkianguru, illi?
Kukoro, meus; ikoro, tuus.
Ikoro, kotan, domicilium.
Sitaiki, verbero.
Sitaiki-wa (practerit.).
Sitaiki-rusjui (futur.).
Sitaiki aniki, verberor.
Sitaiki ank’wa (prasterit.).
Sitai anki annangora (futur.).
J, (tu) sitajki, verbera! hokure, veni!
J- sitaiki anki, verberate.
Sitaiki, verberare: Iku, bibere.
Anhene, antsiki.
Sit, ent.
?
?
An, esse; anna, preeterit. ; anankora,
futur.
Asi, factum est, apto, asi, pluit(verb.),
pluvia facta est
Kanna, kamui fumi, intonat (Deus).
Ani, cum, kusju, propter; Jakka,
quamvis.
Tanbe kusja, tsibani adsui kata.
Propter hanc rem, cum nave, in mare.
Korea.
Dscepta jag’tsung juikadhai kuururu
dsadsasopnoi.
Nuper in mare navigans phocam
qusesivi.
Hanal, coelum; savam, homo.
Savam mata, homo quivis.
J (dat.); ru (accus.); isja (abl.).
Hai-nanta, Solis radius.
Koon keetsip, pulchra femina.
Ji poai jeeisja ii ts’oosa Kak’ta.
Haec patera hoc poculo major.
}i San idseeir nopta.
Hic mons perquam altus.
Jur, 1; i, 2; san, 3; sa, 4; o, 5.
Sjiib, 10; J-sjiib, 20; Paik, 100.
Tseen, 1000.
Sjiib’ Jiir, 11; Sjiib’-i, 12.
J-sjiib-o, 25; Nuiuh-sjiib, 60.
Nai, ego; dsanei, tu; dsee saram, ille.
Unrituung’, nos ; nunhoitug’, vos; dsee-
nom, illi.
Kogu, tu; (ad superiores) dui sive
kuu-dui (ad inferiores).
Na-i, meus ; Kog’i, tuus.
Nai tsip’, domus mea; kog’i marii,
equus tuus.
Tsjidsja, verbero; dsuukiru, interficio.
Tsjinta (prasterit.)
Tsjin (futur.)
Tsjid p’noi? verberor; Dsuukunonii,
interficior.
Tsjirinta (prasterit.); dsuukunonta,
prasterit.
Tsjirintos (futur.) dsuukononkapo
(futur.).
Tsjra, verbera!
Tsjits ’kaihara? verberate.
Tsjiidsja, verberare; dsuukiru, inter-
ficere.
Ponontos ’haja.
Ut videam.
Tsji, dsji ani hawo (verbat.), verberare
noli.
Tsji, dsji ani hajaats’oo; (prast.) Tsji-
dsjii anikapo (fut.).
Its ’samnai, esse; its ’somnoita, fuisse;
itsurtots ’haja, fut.
Pjii kowo, pluit (pluvia fit.).
Pfeck njak suroi haja, tonitrus sonus
fit.
Katsiko, eum, kitstei, ad ; irihani, quia.
Pai-ro.
Cum nave.
Japonicae ; die der Mandschu-Sprache habe ich wörtlich der in den Denkschriften der Missionäre zu Peking (Memoires concernants etc.
|edo mit dem öfters erwähnten würdigen Mogami Toknai bearbeitet. Die koreanische Sprache untersuchte ich mit Hülfe eines kundigen Beamten
Schiffbrüchigen. Die japanischen und Jezo-Wörter sind genau nach den Schreib- und Aussprache-Regeln der Japaner und die koreanischen
292
Abteilung II. Volk und Staat.
mit ihrer Geschichte bei weitem vertrauter bin als mit jener derMandschu; ich lasse
hier aber eine grofse Lücke offen, die man vielleicht durch bereits schon gemachte
oder noch zu machende Entdeckungen, sicher aber nur zur festeren Begründung meiner
seitherigen Mutmafsungen ergänzen wird.
Korea, Jezo und Sachalin (Krafto) mit Orotsky und Sandan stehen nun zu beiden
Seiten von Japan, wetteifernd um die Ehre, bei Bestimmung der Abstammung der alten Ja-
paner die erste Rolle zu spielen: die eine Nation auf einer ziemlich hohen Stufe, die
andere noch in der Wiege der Kultur befindlich. Die despotischen Staatseinrichtungen
und der Bildergottesdienst der einen stechen auffallend ab gegen die Unkunde der
anderen im Schreiben, ihre Einfachheit in der Anfertigung der nötigsten Geräte, ihre
patriarchalische Verfassung und ihre Erkennung der Gottheit in den erhabensten
Gegenständen der Schöpfung. — Und gerade hier drängt sich die Frage auf: Ist es
eine leichtere Aufgabe, das Stammhaus der Japaner in den Hütten dieser Natur-
menschen von Jezo, Sachalin u. s. w. oder in den königlichen Burgen jenes staats-
klugen Korea aufzusuchen?
C. Bilden die Japaner eine Nation, hervorgegangen aus einer
Vermischung mehrerer asiatischen V ö 1 k e r s t ä m m e ?
Diese Frage ist bereits oben an einer oder der anderen Stelle erörtert worden.
Soweit sich dieselbe auf die heutigen Bewohner Japans bezieht, so will ich zugeben,
dafs dieselben während der langen Periode ihrer Beziehungen mit den asiatischen
Nachbarländern in der Zeit von Zinmu Tenwo bis Taiko bis zu einem Drittel mit
Einwanderern vermischt wurden. Diese Einwanderung fand sowohl aus Korea wie
aus Ghina und anderen überseeischen Ländern statt, soweit sich die damalige Schiff-
fahrt erstreckte. Andererseits nehme ich an, dafs die Liukiu-Gruppe und selbst mehrere
Inseln des stillen Ozeans von den Japanern einen Zuwachs der Bevölkerung erhielten.
Zum Schliffs wollen wir nun noch auf die Merkmale einer Gemeinschaft zwischen den
Japanern und den alten Bewohnern von Peru, New-Granada u. s. w. hinweisen, welche
eine weitere eingehendere Untersuchung für höchst wünschenswert erscheinen lassen.1
Vielleicht wäre hier wiederum ein Glied der grolsen Kette gefunden, welches
nicht nur einerseits unsere Japaner mit den tatarischen Völkerstämmen verbindet,
sondern welche selbst die Bewohner des neuen Kontinents mit denen des alten zu
verbrüdern scheint. Somit ist auch die letzte Frage: «Sind die Japaner Ureinwohner
(Aborigines)?» genugsam erörtert. Die japanische Sprache steht nicht mehr isolirt
unter den asiatischen Idiomen da; die Ahnung Alex, von Humboldts, dafs die Auf-
findung einer Ähnlichkeit derselben mit irgend einer anderen Sprache möglich sei,
ist, wenigstens nach meiner Überzeugung, erfüllt. Dieses würde noch weiter zu ver-
vollständigen sein, wenn über die angeführten linguistischen Beiträge von Japan, Jezo
1 Bereits Alex, von Humboldt sagt: La forme de gouvernement, que Bochica donna aux habitants
de Bogota, est tres remarquable per l’analogie qu'elle presente avec le gouvernement du Japon et du
Tibet. Au Perou, les Incas reunissaient dans leurs personnes les deux pouvoirs; seculier et ecclesiastique.
Les bis du Soleil etaient pour ainsi dire Souverains et Pretres ä la fois.» Vues des Cordilleres, Tom. II,
pag. 225. Die Benennungen der Zahlen der Muysca verraten eine noch auffallendere Übereinstimmung
i. Uber die Abstammung der Japaner.
293
und Korea und deren wechselseitige Übereinstimmung von tiefer in die orientalischen
Sprachen eingeweihten Gelehrten ein günstiges Urteil abgegeben würde. Zugleich
dürften jene von Mantschu Tattan, durch die neuesten Entdeckungen bereichert, einem
genaueren Vergleich mit meinen Arbeiten unterzogen werden.
und die Japaner selbst glauben in den Zeichen, womit die Zahlen bezeichnet werden (Sigties hiero-
glyphiques, Humb.), Ähnlichkeiten mit den ihrigen zu finden.
Benenn u n g
der Tage:
Bei den Muyscas
Bei den Japaner:
Der
erste Ata.
Tsuitatsi.
zweite Bosca.
Futska.
dritte Mica.
Mikka.
»
vierte Muihica.
Jöka.
»
fünfte Hisca.
Itska.
»
sechste Ta.
Muika.
»
siebente Cuhupqua.
Nanuka.
»
achte Suhuza.
Jöka.
neunte Aca.
Kokonuka.
»
zehnte Ubehihica.
Töka.
»
zwanzigste Gueta.
Hatska.
Tsuitatsi will sagen: Wiedererscheinen des Mondes (erstes Viertel). Die übrigen von 2 bis 10 sind
zusammengesetzt aus den reinen alten japanischen Grundzahlen mit der Silbe Ka, welche Tag bedeutet,
Hatska will sagen: Tag des Abnehmens des Mondes.
Einige dieser Benennungen haben unverkennbare Ähnlichkeiten, und bei anderen läfst sich diese
mehr oder weniger nachweisen, wenn man berücksichtigt, dafs der Klang der Vokale o und u bei den
Japanern, Koreanern und anderen nördlichen Völkern dieses Archipels oft unbemerkbar ineinander über-
geht; dafs h oft das f und beide die Stelle der Lippenlaute vertreten; so kann z. B. aus Futska, Hutska,
Butska, Boska geworden sein u. s. w. Bei Muika scheint eine Verwechslung stattgefunden zu haben
(rnuts ist sicher sechs bei den Japanern), dies macht uns auch auf das Cuhupqua und Kojvonoka der
Japaner aufmerksam. Auch will ich hier Alex, von Humboldt eröffnen, dafs seine Pretresse azteque
ganz nach Sitte der jetzigen Japaner auf ihren Knieen mit zurückgesunkenem Leibe ruht, und dafs,
was derselbe als Füfse bezeichnet, die auf die Kniee gestützten Hände sind, während man die beiden
Fülse mit einander zugekehrten Zehen (ebenso wie bei den Japanern) deutlich an der Hinterseite dieser
Figur erkennen kann.
294
Abteilung II. Volk und Staat.
Vergleichende Tafel der Sprachen
von
China, Korea, Mandsehu (Sandan), Sachalin, Jezo, Japan und Liukiu.
C h
i n a
Mandsehu
Sachalin
nach
chinesischer
Aussprache
nach
japanischer
Aussprache.
Korea.
und
Sandan.
und
Jezo.
Japan.
Liukiu.
Sonne
Zi
Zitsu
Nitsi
Hai
Ton
Fekretsupp
Hi
Wodeta
Mond
E
Getsu
T ar
Bi
Kunnelsupp
Antsikarots-
upp
Tsuki
Otsuki
Stern
Suin
Se
S’jö
Ljoor
( Fjeer )
Notsu
Riupp
Keda
Hosi
Himmel
Ten
Ten
Hanal
Han’l
Rikita
Ten
Ame
Erde
Dei
Tsi
Tahii
Sirika
Toi
I S1
Tsutsi
Feuer
Hoo
K’wa
Ljuur
Abe
Unzibo
Hi
Ornat
Wasser
S’jui
Sui
M’juur
Wakka
Be
Mizu
Ohei
Regen
Ji
U
L’ji
Apt
Ruanbe
Beni
Uweni
Ame
Wind
Fon
Fu
Favam
Reira
Kaze
Luft
Kii 2
Kon
Ki
Kogls jung
Haari
Kuki
Jahr
Sui
Nen
N’jeen
Hai
Tanba?
Tosi
Berg
San
Sen
San
Moi
Kimita
Kimoro
Jama
Feld
Jee
Ja
Tsjuur
Nupuka
Nö
Anhöhe
Kö
Kö
Noputin
Rii
( adject )
Takasa
Meer
Hai
Kai
Latag
Namo
Apui
Rur
Adsui
Wumi
See
Uu
Ko
Ko-njuun
I-Iakka
( Water )
Mizuwumi
Flufs
Tsen
Sen
Nai
Bets
Kawa
Baum
Zii
Mo
Dju
Namo
Ni
Ki
* sind veraltete oder jetzt ungebräuchliche Wörter. Note zur 2. Aufl.
i. Uber die Abstammung der Japaner.
295
C h
i n a
Mandschu
Sachalin
nach
nach
Korea.
und
und
Japan.
Liukiu.
chinesischer
japanischer
Sandan.
Je zo.
Aussprache.
Aussprache.
Gebüsch
Rin
Rin
Suuspuhr
Teigur
Hajasi
Sin
Baum-
Mobii
Bok-hi
Kospiih
Nigasukar
Kinokawa
bast
Moku-hi
Stein
D’si
Seki
S’jaku
Tor
S’juma
Isi
Fels
Gan
Gan
Lahoi
Gupune
Iwa
Pflanze
D’si-uwe
S’joku-butsu
Fjuuhr
Kina ?
Uweki
Fisch
Ji
G’jo
Kokji
Tsiets
Uwo
Fufs
T’joo
Ts’jö
Sai
Tsikaf
Tori
Vogel
Gans
En
Ga
Kooi juna
Basikuvo
Ahiru
Nahrung
Dsi-uje
Sjoku-motsu
Sjig’mur
Je
Kuimono
Fleisch
Ds’jo
Niku
Njuuk
Kam
Niku
Knochen
Ko
Kohe
Kotsu
Kor
Bone
Hone
Blut
Hije
Ketsu
Lj ui
Kern
Kemi
Tsi
Schwein
Kja-tsi
Katsio
Totatsji
Juuk
Butta
Den
Hund
Ken
Ken
Kai
Sita
Inu
Seta
Hek
Boot
Tsju
Sjü
Lai
Tsib
Fune
Haus
Ivijoe
Ka
Tsjil
Tsitze
Ije
Gutsja
Kever
Mensch
Zin
Zin
Savam
Sisyam
Hito
Mann
Nan
Dan
Sanahai
Okhai
Otoko
Okoga
Weib
Nii
Z’jo
Kjoodsjib
Menoko
Onna
Oinago
Kjeedsjib
* Omina
Vater
Fun
Fü
Luh
Hanbe
Oja
Somai
Mits
Ats’ja
isitsi
Mutter
Muu
Bo
Mo
Habo
Haha
An 111a
Mo
* Itawa
Sohn
Nantsuu
Sokuaan
Namsa
Jarbe
Otokonoko
Okkaihe-kats
Otodoje
296
Abteilung II. Volk und Staat.
C h
i n a
Mandschu
Sachalin
nach
chinesischer
Aussprache.
nach
japanischer
Aussprache.
Korea.
und
Sandan.
und
Jezo.
Japan.
Liukiu.
Bruder
Hiondai
Keitei
Kjodai
Hoogdsjoo
Iriwaki
Kjodai
Schwester
Tsui (ältere)
Mui(jüngere)
Simai
Masnuuvoi
(ältere)
Aanuuvoi
(jüngere)
Tsuresi
Kutsresipo
Wonagono-
Kiödai
Ane, Imoto
Kind
Tsuu
Shi
D’sa-Sjiik
Woipakarisjak
Jaivanbetets
Boo
Ko
Kopf
Deu
To
Dsu
Marii
Bake
Atama
* Kasira
Auge
Mo
Gan
Gen
Nuun
Ski
Me
Hals
Kei
Kjö
Mok
Sjaba
Kubi
Zunge
Sje
Zets
H’jooi
Barunbe
Au
Sita
Zähne
Tsuir
Si
Nji
Imaki
Ha
Hand
Sju
S’j.u
Son
Teke
Teki
Te
Ohr
Zi
Ni
Zi
Ni
Kuji
Kisijara
Mimi
Bauch
Foo
Fuku
Lai
Hon
Hara
Fufs
Tsuwo
Soku
Ljal
Kenia
Tsikiri
Asi
Stirne
Gaku
Nima
Hitai
Bart
Tsuwu
(Knebel)
Sui
S’ju
Narafsji
Kutsihige
Schwarz
He
Koku
Koomjuun
Kune
Kuro
Weifs
Be
Haku
B’jaku
Huuin
Retar
Tetar
Siro
Rot
Hii
Seki
Luhrkun
Fure
Aka
Liebe
Ai
Aisjö
Sarag
Komebur
Itsukusimi
Schmerz
Bin
Tsü
Aspuhr
Hasjasja
Itami
* Itagari
Gott
D’sin
Sin
Zin
Sjin
Kam ui
Kami
i. Uber die Abstammung der Japaner.
297
C h
i n a
Mandschu
Sachalin
nach
chinesischer
Aussprache.
nach
japanischer
Aussprache.
Korea.
*
und
Sandan.
und
Jezo.
Japan.
•
Linkiu.
Herr
Kin
Kun
Kun
Nisipa
Kimi
Essen
Dsuu
S’joku
Mookjur
Jhe
(essen)
Jk
(trinken)
Kü
* Taberu
Schlafen
Mui
Sui
Nuupooh
Hisijui
Nemuru
Lachen
S’jao
S’jo
Uusjunoo
Warau
Weinen
Ri
Tei
Uuwo
Tsisi
Naku
Leben
Wo
Kwats
Sarasta
Hekku
Hoojur
Jkiru
Sterben
Suu
Si
Dsuu-
Kjuur
Sinuru
Ich
Goo
Gei
Nai
Ku
Kuani
Kani
W atakusi
Ware
Du
Dsii
*
Zio
Koga
(ad superior)
Dui
(ad inferior)
J
Jani
Ats ja
Omäe
Er
Budsin
Hi
Dsyooi-
savam
Dsyeci-
savan
Tkisangur
Otto)
Tanguru
(hic)
Kare
od.
Anohito
Wir
Gowo-ten
Gohai
Uritsjung
W atakusi -
domo
od. Warera
Ihr
Dsii-ten
Sjohai
Nunhoitug
Inkianguru
Inkjiutan
Anatagata
od.
Omaegata
Sie
♦
Bii-ten
Hihai
Dhjooi-nom
Dhjeei- nom
Ikianguru -
Kar er a
od.
Anohitotatsi
Ja
Ta
Dak
Tab
Jise
Jese
Hei
Nein
Tuzo
Uhu (nicht)
Fui
Any
Kots j an
I’ja
Ein
I
Itsu
Jur
Womoo
Sinepp
Hitotsu
Itsi
Zwei
Kun
Zi
I
Sjuwoi
Tsupp
Futatsu
Ni
Drei
San
San
Sam
Tsappo
of
Irao
Repp
Mitsu
San
Vier
Sun
Si
Sa
Weraa
of
Lanii
Inepp
Jotsu
Si
298
Abteilung II. Volk und Staat.
C h
i n a
Mandschu
Sachalin
nach
chinesischer
Aussprache.
nach
japanischer
Aussprache.
Korea.
und
Sandan.
und
Jezo.
Japan.
Fünf
Wuu
Go
O
Ludhja
Asikinepp
Asikine
Itsntsu
Go
Sechs
Ro
Riku
Niuul
Ikuu
of
Nungu
Iwanbe
Iwan
Mutsu
Roku
Sieben
Tsui
Sitsi
Tsjiir
Nata
Aruwanbe
Arwan
Nanatsu
Sitsu
Acht
La
Hatsi
Lahr
Hari
of
Syakupo
Tsubesjanbe
Tsubesi
Jatsu
Hatsi
Neun
K’ju
K’jü
Ku
Horu
of
Tuyn
Sinepsjanbe
Sinebise
Kokonotsu
Kü
Zehn
Dsi
Z’jü
Syiib
Z’jau
of
Buwaa
Wanbe
Wanaki
To
Z’jü
Elf
i
Dsiwau
Sjükjo
Sjiibo
Asikine ika
Sima wanbe
Zjiu itsi
Zwanzig
Rundsi
Nisjü
J. Sjieb
Hots
Nisju
od.
Hatatsi
Fünfzig
Wuu-dsi
Gosjü
O. Sjieb
Wanbeire
nots
10—60
Go-sju
Its-So
Iso-zi
Hundert
Le
Haku
Laik
Asikine
Nots
5X20
H’jaku
od.
Morno
Tausend
Tsen
*
Sen
Tsoon
Tseen
Asikine sine
wane hots
5X10X20
Sen
od.
Tsi
Zehn
Tausend
Wan
Ban
Man
Man
2. Erörterung des Schiefstehens der Augen bei den Japanern und einigen andern Völkerschaften. 299
2. Erörterung des Schiefstehens der Augen bei den
Japanern und einigen andern Völkerschaften.
Das Schiefstehen der Augen, welches man als ein bezeichnendes Merkmal in den
Gesichtszügen der chinesischen Rasse aufgestellt hat, ist eigentlich nur ein Schief-
stehen der Augenlider, ein Herabsinken derselben gegen die Nase. Es ist nicht
zufällig1, nicht gekünstelt2, sondern
knochen dieses Volksschlages ge-
gründete, eigentümliche Bildung
der äufseren Teile der Armen.
O
Dieses scheinbare Schief-
stehen der Augen, welches häufig
zugleich mit einer auffallenden
Kleinheit der Augenöffnung selbst
vorkommt, beruht auf dem
eigenen Bau des Stirnbeines und
eine im Bau der Schädel- und Gesichts-
der Gesichtsknochen und auf
einer daraus unmittelbar hervor-
gehenden Bildung der Augenlider.
Am Stirnbeine (os frontis)
verliert sich bei diesen Völkern
der Augenbrauenbogen (arcus
supraciliaris) als ein weniger
hervorstehender, aber breiterer
Wulst in die Nasenfortsätze
(processus nasalis ossis frontis),
welche unterhalb der platten
Glabella breiter und länger er-
scheinen, als sie bei der kau-
kasischen Rasse gefunden werden,
und bei den Einschnitten (inci-
sura nasalis) zur Aufnahme der
Nasenbeine noch tiefer zurück-
sinken. Auch der Nasenfortsatz
des Oberkiefers (processus nasalis
ossium maxillarium superiorum)
ist mehr eingesunken, und es
wird so die eingedrückte, platte
Form der eben dadurch auch
verkürzten Nase begründet.
Fig 28. Vergleichende Tabelle der Augen bei den
verschiedenen Rassen,
1 Keine krankhafte Veränderung, wie Symblepharon, blepharoptosis u. dgl.
2 Keine Verlängerung der Augenlider durch Zerren und Ziehen bewirkt, wie uns Buffon nach
Gentil erzählt, noch andere absichtliche Entstellungen, wie unser würdiger Blumenbach geglaubt zu
haben scheint. Histoire naturelle, Tom. VI, pag. 120, cinquieme üdition. — J. F, Blumenbachii, de
generis humani varietate nativa. Göttingae 1711, pag. 48.
Abteilung II. Volk und Staat.
300
Die Jochbeine (ossa zygomatica) treten durch die breiteren und längeren Wangen-
fortsätze (processus zygomaticus) des Oberkiefers stärker hervor und werden an der
äufseren Wand der Augenhöhlenfläche (superficies orbitalis ossis zygomatici) gegen den
Stirnfortsatz hin (processus frontalis ossis zygomatici) dicker; der Wangenfortsatz
des Stirnbeins (processus malaris ossis frontis) verläuft flacher, und bei seiner Ver-
bindung mit dem Stirnfortsatze des Wangenbeines weiter vom Nasenstachel (spina
nasalis) entfernt, bildet er mit diesem einen weniger spitzen Winkel, wodurch das
breite, platte Angesicht dieser Völker entsteht.
Die Augenlider (palpebrae) sind Falten der Haut des Gesichtes. Über breite,
platte Schädel und Gesichtsknochen gezogen, ist diese Haut bei weitem fähiger für
Fig. 29. Abbildung Komakis, eines japanischen Jünglings. Fig. 30. Abbildung Simoris, eines japanischen Mädcher.
Ausdehnung als bei der entgegengesetzten Schädelbildung der kaukasischen Rasse, bei
der sich namentlich um die Augenhöhlen merkliche Erhabenheiten und Vertiefungen
mit der Gesichtshaut bekleidet finden. Durch die eingedrückte Nasenwurzel wird
zwischen den beiden Augen Haut überflüssig; durch die hervorstehenden Wangen-
knochen wird sie wieder in Anspruch genommen, und während dort Erschlaffung,
entsteht hier eine Spannung, wodurch sich die Haut der oberen Augenlider zu
einer Falte bildet, welche sich am inneren Augenwinkel über das untere Augenlid
schlägt und um so tiefer herabzieht, je dehnbarer die Haut durch die Eindrückung
der Nasenwurzel geworden, und je straffer die Ausdehnung ist, welche durch das
ig. 31. Abbildung eines japanischen Knabens. Fig. 32. Abbildung eines kleinen japanischen Mädchens
Im gewöhnlichen Falle sind bei jungen Individuen die inneren Augenwinkel
so weit durch die erwähnte Hautfalte bedeckt, dafs man die Valvula semilunaris
und Caruncula lacrimalis kaum sehen kann, und da dadurch der Thränensee (lacus
lacrimalis) gleichsam mit einem Damme umgeben wird, geschieht es häufig, dafs sich
beim Weinen die Thränen durch die Nase ergiefsen.
Die Hautfalte, welche sich bei den inneren Augenwinkeln in einer schiefen
Richtung vom oberen Augenlide über das untere herabzieht, ist es nun, welche das
scheinbare Schiefstehen der Augen selbst verursacht, und eine solche Augenbildung
kann bei allen Völkern Vorkommen, in deren Schädelbau die erwähnten ursächlichen
Momente liegen. In geringerem Grade bemerkt man diese Hautfalte bei unseren
Kindern. Sehr ausgebildet fand ich sie bei Javanen, Makassaren, Eskimos, bei Bo-
tokuden und einigen andern aufsereuropäischen Völkern.
Bei den Japanern und Chinesen, auch bei Koreanern und Cochinchinesen findet
sich jedoch noch eine merkwürdige Eigentümlichkeit in den äufseren Teilen der
2. Erörterung des Schiefstehens der Augen bei den Japanern und einigen anderen Völkerschaften, ^oi
Hervortreten der Wangenknochen verursacht wird. Daher kommt diese Falten-
bildung bei jungen Individuen häufiger vor und zeigt sich bei Fetten deutlicher als
bei Mageren.
Dieser Überflufs an Haut bedingt auch die Gröfse der Augenöffnung. Je mehr
jene Faltenbildung und Spannung durch Knochenbau, Alter, Fett oder andere Um-
stände begünstigt wird, um so kleiner wird die Augenöffnung, und ich bemerkte einen
Fall, wo mehr als ein Drittel des Augenknorpels (Tarsus) am inneren Augenwinkel
bedeckt und die Haut so straff darüber gespannt war, dafs kaum eine nur wenig Linien
weite Öffnung der Augenlider stattfinden konnte.
302
Abteilung II. Volk und Staat.
Augen, indem nämlich der obere Augenknorpel beim Aufschlagen der Augen so weit
unter die überhängende Haut des oberen Augenlides zurücktritt, dafs selbst die Augen-
wimpern bis zur Hälfte davon bedeckt sind. Die Linie, welche die Haut des Augen-
lides gegen die inneren Augenwinkel bin beschreibt, wird dadurch schärfer bezeichnet,
und die schiefe Bildung der Augenlider tritt unter den ebenfalls schief gegen die
Schläfe bin zugeschorenen Augenbrauen noch deutlicher hervor.
Dies ist meine Ansicht von den seither als schief, schmal und geschlitzt be-
schriebenen Augen dieses Volksschlages. Zu näherer Beleuchtung mögen die Ab-
bildungen einiger Augen in Fig. 28 und eine Reihe Portraits dienen.
Erklärung der Abbildungen.
In Fig. 28, Nr. 1 ist das Auge eines jungen Japaners dargestellt und dessen Bau
durch die in Nr. 6 gegebene
&
Skizze nachgewiesen: a, b, c
zeigen die Hautfalte des oberen
Augenlides, wie sie sich am
inneren Augenwinkel (bei c)
über das untere Augenlid
herabzieht. Der Augenknorpel
d zieht sich bei b unter die
erwähnte Hautfalte zurück und
wird bei e und f so weit von
ihr bedeckt, dafs man die
Caruncula lacrimalis kaum
sehen kann. Bei dem Auge
eines Chinesen (Nr. 3) be-
merken wir ein ähnliches
Verlaufen der Hautfalte, der
Augenknorpel und dieCarunc.
lacrimalis sind aber weniger
von ihr bedeckt. Sehr be-
zeichnend ist diese Augen-
bildungan dem oberen Augen-
o o
Fig. 3 3. Portrait v. Ko-Tsching-Dschang, einem chinesischen Litteraten/ lide eines jungen Koreaners
(Nr. 2). Sein breites, plattes,
volles Gesicht begünstigt sie ungemein, und wir sehen den oberen Augenknorpel von
der straff gespannten Spalte am inneren und am äufseren Augenwinkel bedeckt. Zum
Vergleiche der chinesischen Rasse mit der ihr verwandten malaischen ist in Nr. 4
das Auge eines jungen Buginisen von Celebes und in Nr. 5 das eines Ureinwohners
von Borneo, eines jungen Dajak beigesetzt. An dem ziemlich grofsen offenen Auge,
welches der östlichen, rein malaischen Rasse eigen ist, läfst sich schon eine deutliche
Spur der mehrerwähnten Falte des oberen Augenlides erkennen, und bei dem diese
Bildung begünstigenden Schädelbau des Dajak finden wir sie noch deutlicher ausgebildet.
Fig. 29. Komaki, ein japanischer Jüngling.
Fig. 30. Simori, ein japanisches Mädchen von etwa achtzehn Jahren.
Fig. 31. Ein japanischer Knabe von zwölf Jahren.
3. Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
303
Fig. 32. Ein japanisches Mädchen von gleichem Alter wie der Knabe. Beide
Bildnisse tragen sehr bezeichnende Merkmale der erwähnten Augenbildung.
Fig. 33. In dem sprechend getroffenen Bildnisse meines chinesischen Freundes
Ko-Tsching-Dschang hat der Zeichner den groben Bau der Gesichtsknochen und die
scharf markierten Züge, welche die mehrnördlichen Bewohner von China charakterisieren,
treu aufgefafst, und dies Bildnis kann als ein Muster des chinesischen Volksschlages
aufgestellt werden.
<«>
3. Von den Waffen, Waffenübungen und der
Kriegskunst.
Von den Waffen.
Die Kenntnis der japanischen Waffen ist gleich wichtig für Altertums- und Völker-
kunde, wie für die Geschichte der Kriegskunst. Denn die Bewohner der japanischen
Inseln haben, abgeschnitten vom Festlande Asien, in ihren Waffen den Typus jener
Stämme, aus denen sie selbst hervorgegangen, ein Jahrtausend länger und in jeder
Hinsicht reiner bewahrt, als die Völker auf dem vielbewegten Schauplatz der alten
Welt. Dort begegneten sich im fernsten Altertum rohe und gebildete Stämme,
welche aus den verschiedensten Himmelsgegenden miteinander in Krieg und Frieden
in Berührung kamen und sich gegenseitig mit den Mitteln und Werkzeugen bekannt
machten, welche sie zum Schutze oder zum Angriff erfunden hatten.
Woher auch die ersten Bewohner dieser Inseln stammen, es waren jedenfalls
Jäger und Fischer, die entweder ihre Waffen mitgebracht hatten oder sie den heimat-
lichen Mustern nachbildeten, um in der neuen Heimat sich gegen Feinde, gleich-
viel ob reifsende Tiere oder Räuber, zu wehren und scheues Wild zu erlegen. Das
Kriegs- und Jagdzeug der ältesten Bevölkerung der japanischen Inseln gehört ihr somit
als Erbe des Stammes, von dem sie ausgegangen, oder als selbstgeschaffenes Eigentum an.
Waren auch diese Geräte nur wenige und einfache, für die Wissenschaft hat
eine genauere Kenntnis derselben hohes Interesse ; denn es handelt sich um ein Insel-
volk, das abgeschieden zwischen beiden Kontinenten dasteht, und bei dem wir den
Typus aufzufinden hoffen, der uns die Urwaffen des Menschen, wovon wir in der
alten und neuen Welt Überreste von auffallender Ähnlichkeit gefunden haben, näher
bestimmen hilft. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, werden dergleichen archäologi-
sche Forschungen bedeutsamer, wenn auch ihre Ergebnisse nicht so reichhaltig ausfallen.
Was wir an Waffen bei den alten Japanern finden, ist alles äufserst einfach.
Eine Lanze, Bogen, Pfeil und Wurfspiefs waren die Gewehre; Helme, panzerartige
Bedeckungen und Schilde die Schutzwaffen. Dem Holz und Bambusrohr wurde ihre
Schnellkraft entliehen, harte Steine oder Bein zu Spitzen des Geschosses verwertet
und das Gefieder von Adlern und andern Vögeln zu dessen Beflügelung. Messer,
Beile und andere schneidende Werkzeuge kamen hinzu, gleichfalls von Stein. Diese
alten steinernen Pfeilspitzen, nach Form und Gröfse verschieden, Messer, Beile und
dergleichen Überreste, die man noch in alten Gräbern und Höhlenwohnungen findet
und in Gebirgen an jenen Stellen, die in der Vorzeit bewohnt waren, aus dem
Schutte gräbt, sind denjenigen gleich, welche man unter skandinavischen Altertümern,
304
Abteilung II. Volk und Staat.
in den Gräbern der Germanen vorgefunden, in Sibirien, in Süd- und Nordamerika
ausgräbt, und welche noch heutzutage von den Inselbewohnern des stillen Ozeans und
einigen Stämmen auf der Nordwestküste von Amerika benutzt werden.
Wir werden also im Verlaufe dieser Abhandlung auch auf den japanischen Inseln
entdeckte Urwaffen näher kennen lernen und zur Einsicht gelangen, dafs sie demselben
Volke, welches noch jetzt die Hauptbevölkerung dieses Inselmeeres ausmacht, an-
gehörten. Bei dieser Untersuchung werden uns seine Nachkommen, heute unstreitig
das gebildetste Volk von Asien, durch ihre literarischen Mitteilungen als Wegweiser dienen
und die durch Jahrtausende verwischten Fufsstapfen ihrer Voreltern aufsuchen helfen.
Sind einmal die Merkmale, welche die Kriegs- und Jagdgeräte des japanischen
Urvolkes an sich trugen, mit Sicherheit nachgewiesen, so wird das Fremde, welches
hinzukam, seit das Volk aus dem Dunkel der Sagenzeit trat, sich um so bestimmter
und schärfer unterscheiden lassen und dadurch von Japan aus der Völkerkunde wie
der Geschichte der Kriegskunst wichtige Beiträge erwachsen.
Bis zum siebenten Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung haben die Be-
wohner der japanischen Inseln den Urtypus ihrer Waffen, gleich jenem ihrer Religion,
ihrer Sitten und Gebräuche, frei von fremden Einflüssen erhalten. Selbst -dann noch,
als Zinmu Tenwo seine siegreichen Scharen ins Herz von Jamato führte und dort mit ihnen
festen Fufs fafste (66 i v. Chr.), ging, die nächste Umgebung des Eroberers ausge-
nommen, von der alten Form der Waffen beim Volke selbst nur wenig verloren.
Neuerungen fanden nur spärlich Eingang. Wir können dies als sehr wahrscheinlich
annehmen. Auch verdankte Zinmu seine Überlegenheit nicht so sehr etwaigen fremden
Waffen, die er einführte, als dem Geiste, womit er einige Horden der Eingebornen
zu beseelen wufste, als er von Kiusiu aus seine Eroberungen nach Osten und Norden
hin begann. Denn jene Voreltern des Eroberers, die in vorgeschichtlichen Zeiten ab-
sichtlich oder zufällig nach Japan gelangten, konnten nur einzelne wenige Individuen
gewesen sein, die auf beschränkten Fahrzeugen einem unbekannten Meer sich anver-
trauten; sonst würden sie nicht erst viele Generationen hindurch der Ruhe bedurft
haben, um durch eigenen Nachwuchs zu erstarken und die dortigen Eingebornen um
sich zu sammeln, ehe ein später Enkel von ihnen zur Eroberung des übrigen Landes
schreiten konnte. In diesem Sinne darf daher der Japaner den Ausspruch wagen, dafs
die Bevölkerung seines Landes auf dem eigenen Boden noch von keiner fremden
Heeresmacht besiegt worden ist. Nur die Jahrtausende, welche die Mythe Zinmus
Voreltern — die sogenannten fünf Generationen der Erdengötter — auf dem süd-
westlichen Ende Japans herrschen läfst, wollen wir auf einige Jahrhunderte er-
mäfsigen — Zeit genug, dafs sie sich mit den früheren Einwohnern zu einem Stamme
verschmelzen konnten.
Dafs Zinmus Ahnen von einem civilisierteren auswärtigen Volke stammten, geht
mit ziemlicher Zuverlässigkeit aus dem Lauf der Begebenheiten hervor. China oder
die Halbinsel Korea scheint ihr Vaterland gewesen zu sein. Diese Vermutung ist
nicht allein wahrscheinlich, sondern wird selbst ganz annehmbar, wenn wir die viel-
fachen Völkerbewegungen auf dem asiatischen Hochlande, die Einfälle mongolischer
Barbaren und die inneren Unruhen, wodurch China bereits zwölf Jahrhunderte vor
unserer Zeitrechnung erschüttert und seine Bewohner leicht zu Auswanderungen ge-
trieben wurden, in Erwägung ziehen. Schwebt uns doch ganz derselbe Fall in der
Gründung Dschao-siens, des geschichtlich ältesten Staates der koreanischen Halbinsel
3 . Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
305
vor, wo gleichfalls ein Auswanderer aus China, an Kultur überlegen, sich über die
ansässigen Stämme zum Oberherrn aufschwang, zur selben Zeit, als in China auf den
Trümmern der Dynastie Schang sich die der Dscheu erhob. Aufgeklärte Japaner, die
diesen Punkt zum Gegenstand ihrer Forschung machten, teilen selbst die hier aus-
gesprochene Ansicht.
Dafs der Eroberer Jamatos, als fremden Ursprungs, auf seinem Feldzuge auch
fremde Waffen mit sich führte, wenn auch nur als Machtzeichen seiner Ahnen, halten
wir daher nicht nur für möglich, sondern selbst für wahrscheinlich, sie mögen nun
alte Familienstücke, oder solchen nachgebildet gewesen sein. Und in der That, die
Waffen, Kriegszeichen und andere Kleinodien, welche wir auf Votivbildern und in
japanischen Bilderbüchern, worin einzelne Momente aus jenem Eroberungszuge dar-
gestellt sind, beobachten, deuten auf einen fremden Ursprung hin. Selbst die Klei-
dung und Rüstung, worin man den Helden und seine Krieger auftreten läfst, die
Bauart der Fahrzeuge, womit er an den Küsten von Naniwa und Kii landet, wenn-
gleich auf japanischem Boden gezimmert, tragen ein fremdes Gepräge, das man beim
ersten Blick für altchinesisch oder altkoreanisch erkennen mufs.
Wir sind indessen weit entfernt, dergleichen Darstellungen in allen Einzelheiten
als annehmbar zu verbürgen oder gar unsere Folgerungen blofs darauf zu gründen. Der
japanische Historienmaler mufste in der Einkleidung und Ausstattung eines Gegen-
standes, der, an die Grenzen der vorgeschichtlichen Zeiten streifend, noch halb in
Sagen gehüllt ist, seine Zuflucht zu Formen nehmen, welche seiner Vorstellung über
die betreffende Zeit entsprachen. Auf jeden Fall werden wir nicht ungerecht gegen
ihn sein, wenn wir ihn auf gleiche Stufe historischer Bildung mit unsern alten ehr-
würdigen Bibelmalern setzen, welche Paradies und Hölle mit den geschichtlichen Attri-
buten der Zeit, in der sie selbst lebten, ausstatteten oder auch mit unsern Historien-
malern des 16. Jahrhunderts, welche ihre deutschen Ritter auf dem Schlachtfelde von
Marathon für die griechische Freiheit kämpfen lassen.
Von der Gründung des Japanischen Reiches bis zum Schlüsse unsers zweiten
Jahrhunderts erhielten Waffen und Kriegskunst, wenn auch langsam, mehr und mehr
Ausbildung. Vielfache Kriege mit den Urbewohnern des Nordens der Insel Nippon
und wiederholte Expeditionen gegen einige Stämme auf Kiusiu, die hartnäckig ihre
Unabhängigkeit gegen die Herrscher von Jamato behaupteten, gaben vielfach Anlafs
zur Vervollkommnung der Kriegswaffen. Da warf des Mikado Tsiuai jugendliche
Gemahlin den Blick auf die Nachbarn jenseits des Meeres, namentlich auf Sinra, von
wo aus der Geist des Widerstandes auf Kiusiu bisher angeregt worden war. Die
feindseligen Nachbarn sollten auf ihrem eigenen Boden gezüchtigt werden. Der Mikado
war selbst auf den kühnen Plan nicht eingegangen, als aber ein jäher Tod ihn hinweg-
gerissen hatte, übernahm die Gemahlin, gefeiert unter dem Namen Zingo Kogo, die Zügel
der Regierung, stellte sich an die Spitze eines Heeres und zog, ihren greisen Feldherrn
Takenoutsi zur Seite, gegen Sinra (siehe Fig. 36). Vom Himmel und Meere begünstigt,
erreicht die Flotte die Küsten des asiatischen Festlandes. Mit einem einzigen Schlage ent-
scheidet die Überlegenheit der japanischen Tapferkeit das Los der koreanischen Halbinsel.
Die Staaten Sinra, Kaori und Petsi huldigen der Oberhoheit Japans. Das Heer, das bei
Beginn des Winters im Jahre 200 n. Chr. zum erstenmal den Boden des asiatischen
Festlandes betreten, sichert in Monatsfrist die Eroberung durch Besetzung einiger mili-
tärischen Punkte und kehrt mit Beute und Geiseln heim. Der Sohn, den Zingo kurz
v. Siebold, Nippon I. 2. Anfl.
20
30 6 Abteilung II. Volk und Staat.
nach der Rückkehr auf heimischem Boden gebar, wird neben seiner Mutter und ihrem
erfahrenen Feldherrn noch heute mit göttlichen Ehren verehrt. Dieser Zug, der eine
bedeutende Epoche in der japanischen Geschichte bildet, entflammte den bereits von
Zinmu angefachten kriegerischen Geist der Nation, und in Sagen und Erzählungen fort-
lebend, regte er noch in spätesten Zeiten die Nachkommenschaft zur Nachahmung an.
Die Vorbereitungen zu dem auswärtigen Kriege führten selbstverständlich eine
Vervollkommnung kriegerischer Werkzeuge herbei. Das Zusammentreffen mit einem
Volke, welches auf einer höheren Stufe der Gesittung stand, konnte nicht lange ohne
Rückwirkung auf die Sieger bleiben; es mufste der Kultur einen bedeutenden Auf-
schwung geben, da sie nach Willkür mit dem Eigentum der Besiegten schalten, das
Vorzüglichste sich aneignen konnten. Nun aber hatte auf der koreanischen Halbinsel,
infolge mehrfacher Verbindungen mit China, Landbau, Kunst und Gewerbsfleifs des
Reiches der Mitte längst festen Fufs gefafst, und die Einwohner, deren Sitten sich
dadurch verfeinert, hatten, mit den übrigen Zweigen der Bildung, auch in Waffen
und Kriegswesen den chinesischen Typus angenommen, der nun wieder mit den
koreanischen Trophäen hinüber nach Japan verpflanzt wurde.
Der jetzt eröffnete Verkehr Japans mit seinen überseeischen Nachbarn wurde
von Jahr zu Jahr lebhafter. Der südliche Teil der Halbinsel blieb lange Japan zins-
bar. Kolonisten, Landbauer, Handwerker, Künstler und später Gelehrte fuhren hinüber;
Gesandtschaften kamen und gingen, und die Verweigerung des Tributs, namentlich
von seiten Sinras, gab Japan mehrmals Anlafs zu neuen Expeditionen.
Auch mit China wurden, kurz nach dem ersten koreanischen F.eldzuge, Ver-
bindungen angeknüpft, die in der Folge Japan mit der Kriegskunst des Reiches der
Mitte bekannt machten. Spätere Jahrhunderte zeigten, wie überlegen der japanische
Krieger dem chinesischen ist; denn dem dreimal stärkeren Feinde hatte er ruhmvoll
die Spitze geboten, als er unter Taiko Hidejosi mit den Waffen in der Hand zum
letztenmal den koreanischen Boden betrat.
Ungeachtet dieses Einflusses, den der Zusammenstofs mit auswärtigen Völkern
auf die Ausbildung der Waffen und der Kriegskunst unserer siegreichen Inselbewohner
hatte, erhielt sich doch an den gewöhnlichen Angriffs- und Schutzwaffen ein beson-
deres, eigentümliches Gepräge, das sie bis auf den heutigen Tag auffallend von denen
ihrer Nachbarn unterscheidet. Auch akurate und solide Herstellung giebt ihnen vor
jenen den Vorzug. Die grofsen Bogen, wovon die Japaner bei alten chinesischen Ge-
schichtsschreibern den Namen Ta kong tse, Räuber mit grofsen Bogen, erhalten, führen
sie noch jetzt, und ihre Säbelklingen werden bei Chinesen und Koreanern hoch geschätzt.
Gegen die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts (1543) lernten die Japaner auch
das europäische Feuergewehr kennen, und die bald darauf ausbrechenden Bürger-
kriege, der Einfall in Korea unter dem gewaltigen Taiko Hidejosi und die Ver-
folgung der Christen bewirkten, dafs es ziemlich allgemein in Aufnahme kam. Es ist
dabei merkwürdig, dafs die früher gebräuchlichen Waffengattungen durch diese neue,
ungleich wirksamere, nicht wie es in Europa der Fall war, verdrängt wurden. Durch
Gewohnheit liebgewonnen, behaupteten sie sich zugleich mit der alten Taktik und
wurden selbst noch mehr vervollkommnet, während die Feuerwaffe in Japan noch
heutigen Tages ein genaues Nachbild des Luntengewehres ist, welches die portugiesischen
Entdecker dieses Landes eingeführt hatten. Wir wollen nun die Waffen der Japaner
betrachten.
3- Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
b
307
n
0
Fig. 34. Bogen und Pfeile.
Angriffswaffen. Der Bogen (Jumi).
Bogen und Pfeil, Spiels und Lanze sind die ältesten Angriffswaffen der
Japaner. Wie die Chinesen den Ursprung der ersteren in die ersten Zeiten ihrer
Geschichte setzen — die Völker Hoangtis sollen sich derselben bedient haben — , so
legt auch die Mythe der Japaner diese Urwaffe der Göttin der Sonne bei, welche
sich derselben zur Bekämpfung des Mondgottes bediente. Auch ihre Enkel, zur
20*
jo8 Abteilung II. Volk und Staat.
Erde gesendet, um die Bewohner der schilfumsäumten Inseln zu unterwerfen, treten
damit auf.
Dafs die Urbewohner der japanischen Inseln Bogen und Pfeile führten, geht
aus der ältesten Geschichte hervor. Die wilden Stämme im Innern von Nippon
empfingen Zinmu mit einem Pfeilregen, wobei einer seiner Brüder tödlich ver-
wundet ward.
Zinmus Nachfolger, der Mikado Suisei (581 v. Chr.), liefs schon Pfeile mit
eisernen Spitzen hersteilen. Bereits damals bestanden eigene Zünfte zur Anfertigung
von Bögen, Pfeilen und Pfeilspitzen.1
Der japanische Bogen ist, wie gesagt, gröfser als jener der Bewohner des be-
nachbarten Festlandes. Ausgezeichnete Helden führten solche von ungewöhnlicher
Länge und Stärke und dazu schwere Pfeile, wie man deren unter andern noch von
dem berühmten Krieger Tametomo (1170) aufbewahrt.
Die jetzt gebräuchlichen Bögen haben in ihrer Spannung gewöhnlich die Länge
von zwei Metern. Sie bestehen nicht aus einem einzigen Stücke, wie es bei den
meisten anderen Völkern der Fall ist, sondern aus drei und mehreren Blättern, die
mit vieler Kunst schichtenweise aufeinander gefügt und mit Leim vereinigt werden.
Bambusspäne bilden die Aufsenseiten und bedecken den dickeren mittleren Stab, der
von Wachsbaum- oder Weidenholz ist.2 Zum Bogen geformt und glatt geschabt, wird
sodann der Stab sorgfältig mit feinem Hanfsplint umwickelt, mit einigen Zoll breiten
Gebinden von Rotang3 in bestimmten Zwischenräumen umwunden und zuletzt künst-
lerisch schwarz und rot lackiert. Die eigentümliche, geschmackvolle Biegung, welche
der Bogen im Spannen annimmt, scheint dadurch, dafs man die Rotanggebinde in
gewissen Entfernungen anlegt, bewirkt zu werden; denn die freien Stellen biegen sich
um so mehr, je weiter die Gebinde von einander abstehen. Der abgespannte Bogen
bildet einen ziemlich regelmäfsigen Abschnitt einer Kreisfläche. Beim Spannen wird
er nach der entgegengesetzten Seite gebogen, so dafs er die in Fig. 34 p ge-
gebene Form annimmt. Abgespannt und losgelassen, schnellt er wieder mit aller
Kraft in seine frühere natürliche Lage zurück; ein Umstand, auf den ich - besonders
aufmerksam mache. Die chinesischen, mongolischen und persischen Bogen haben diese
Eigenschaft mit dem japanischen gemein, nicht so jene der Bewohner der neuen Welt
und Australiens.
Der japanische Soldat, der seinen Bogen wahrhaft systematisch studiert, berück-
sichtigt daran zunächst folgende sechs Eigenschaften : Stärke des Holzes, Federkraft,
Leimung, die Umwicklung mit Hanfsplint, die Rotanggebinde und endlich die Lackierung.
Für die verschiedenen Teile und Stellen dieser Waffe hat er seine angenommenen
Kunstwörter, wovon wir einige nennen wollen. Kata, die «Schultern», an den Bogen-
enden (Juhazu), woran die Sehne mit ihren Schlingen befestigt wird; Ju-tsuka, der
«Bogengriff», der sich unterhalb der Mitte befindet und mit Leder oder Blech belegt
ist. Auch die sogenannten Schultern werden, um der Sehne einen helleren Klang zu
geben, bei öffentlichem Bogenschiefsen mit Kupfer- oder Bleiblättchen gefüttert, die
daher Oto kane, Klangerz, heifsen.
1 Nipponki, IV, Blatt 2.
2 Rhus succedaneum (Hase). Salix Japonica (Ito-janagi). Bambusa Mataka und B. Möso.
3 Calamus Rotang; ein Artikel der Einfuhr.
3. Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
309
Die Sehne (Tsuru), auf deren Güte ebensoviel wie auf die des Bogens ankommt,
wird aus ausgesuchten langen Stücken Hanfsplints verfertigt und nur einfach gedreht.
Nach den Enden zu ist sie dicker, und die Schlingen zum Anheften werden mit
Streifen feinen Seidenzeuges umwunden. Im Mittelalter pflegte man die Sehne mit
Harz oder Fett zu bestreichen und zu lackieren, und man verfuhr darin sehr um-
ständlich. Gegenwärtig geschieht es nicht mehr. Man spricht auch von klingenden
Sehnen, womit man in älteren Zeiten bei der Runde im Lager die Stunden angab,
wofür jedoch später hölzerne Klappern eingeführt wurden. Die ausgestellten Wachen
schlugen bei Annäherung feindlicher Patrouillen ihre Bogensehne an, wie es heifst,
zur Warnung, ähnlich unserem «Wer da?» — Dafs der Aberglaube auch Zauberkraft
im Klange der Sehne suchte, wird uns eben nicht befremden. Man wähnte durch ihn
vor bösem Einflüsse sich zu wahren und Zaubersprüche von seiten der Weiber zu
entkräften. Wenn der Mikado sich morgens das Wasser zum Waschen schöpft, so
lassen drei seiner Diener (Kuraudo) ihre Bogensehnen klingen, um etwaigen bösen
Einflufs abzuwehren. Also nicht blofs mit geweihten Glöckchen waffnete der Aber-
glaube sich gegen den Bösen, er griff auch zum klingenden Bogen.
Zur Aufbewahrung seiner vorrätigen Sehnen- führt der Soldat einen eigenen
Sack. In früheren Tagen befestigte man sie zusammengerollt nur an der Scheide
des Dolches. Wir sehen dies an der Rüstung des Helden Takenoutsi auf Fig. 36.
Von den Pfeilen (Ja).
Die Erfindung der Pfeile fällt natürlich mit der des Bogens zusammen. In
ethnographischer Hinsicht beschäftigt uns die Frage, ob die Pfeile der frühesten
Bewohner Japans gefiedert waren oder nicht. Einige Stellen aus den mythologi-
schen Schriften dieses Volkes sprechen für das erste, indem sie den vorgeschicht-
lichen Heroen Pfeile beilegen, die zweiflügelig waren. Es sind dies die sogenannten
Haha baja.
Diejenigen Völker, welche aus Mangel an hartem Schilfrohr oder Bambus ihre
Pfeile von Holz, gewöhnlich von Coniferen, machten, versahen sie mit Gefieder, um
dadurch die denselben abgehenden Eigenschaften eines leichten, hohlen Rohres zu
ersetzen. Die Pfeile aller nördlichen Bewohner vom alten und neuen Kontinent
sind von Holz und daher gefiedert, die der Bewohner der heifsen Zonen dagegen
von Rohr und gewöhnlich ungefiedert. Findet man nun Völkerschaften im Süden
unserer gemäfsigten Zone, welche ihre aus Rohr geschnittenen Pfeile noch überdies
mit Gefieder versehen, so läfst sich daraus füglich der Schlufs ziehen, dafs sie ein
solches Machwerk, worin beide Vorteile sich vereinigen, ihrer nördlichen Ab-
kunft oder dem Verkehre mit nördlichen Stämmen zu verdanken haben. Bei
unseren Japanern wenigstens ist das eine ausgemachte Sache. Sie verfertigen ihre
Pfeile aus einer eigenen Bambusart, ihrem sogenannten Jatake, Pfeilbambus, und be-
flügeln sie mit den Schwung- oder Schwanzfedern von Falken und anderen Vögeln,
was den Flug derselben nicht nur sehr beschleunigt, sondern sie auch erstaunlich
weit trägt.
Bei den Chinesen und Japanern bilden die Bogen- und Pfeilmacher zwei ver-
schiedene Handwerke. Es liegt in der Natur der Sache. Pfeile verschiefst man, wie
bei uns Pulver und Blei, in Menge, während ein einziger Bogen, oft von Voreltern
Abteilung II. Volk und Staat.
3 io
ererbt, jahrelang hinreicht. Beide Nationen machen viel Aufhebens von ihren Pfeil-
geschossen und unterscheiden mancherlei Arten, je nach ihrer Art und Gebrauch. Auch
für den Pfeil haben Soldat und Jäger eine besondere Terminologie. Sie nennen den
Schaft Jakara, die Spitze Jasaki, das Hinterteil Jahadsu, die Kerbe, womit er auf der
Sehne angesetzt wird, Ja nakano fusi, das Gefieder Ha und bezeichnen selbst die
Gebinde zur Befestigung des Gefieders und der Spitzen, wie auch die Knoten des
Bambusschaftes mit besonderen Namen. Es mag letzteres nicht ganz ohne Zweck sein,
und es wird dem Schützen zur Angabe eines Mafsstabes dienen, wie weit er den
Pfeil anzuziehen hat, um eine bestimmte Kraft hervorzubringen. Der Schaft besteht,
wie gesagt, aus einer besonderen Bambusart, welche sich durch ihren schlanken,
senkrechten Wuchs, bei einem festen und doch leichten Holze, vor anderen dazu
eignet. Er wird gewöhnlich über Feuer mit Öl gebräunt. Hin und wieder trifft man
wohl auch bemalte oder mit farbigem Papier verzierte Pfeile. Der Schaft hat sein
bestimmtes Mafs und ist in der Regel 0,900 m lang, 0,010 m dick. Am hinteren
Ende, das mit einem Knoten aufhören mufs, ist, gerade noch unterhalb desselben, die
mehr oder weniger tiefe Kerbe eingeschnitten, die in die Sehne greift (Fig. 34 b).
Etwa 0,045 m höher beginnt das Gefieder, zwei bis drei, höchstens vier Federn,
die der Länge nach durchschnitten, angeleimt und noch überdies mit Hanfsplint
umwickelt sind. Das Gebinde wird noch besonders mit rotem oder schwarzem
Lack überzogen, was den Pfeilen ein gefälliges Aussehen giebt. Mit der Güte, Farbe
und Zeichnung des Gefieders, das man von Adlern, Falken, Kranichen, wohl auch von
Enteil, Gänsen und selbst Fasanen nimmt, wird eine wahre Spielerei getrieben. Man
zählt an fünfzig verschiedene Arten, deren jede einen eigenen, bedeutsamen Namen
führt und nach charakteristischen Merkmalen genau klassifiziert ist; eine Bereicherung
an unfruchtbaren Kenntnissen, die der Japaner den Oberjägern und Schützenmeistern
seiner Reichsgrofsen zu verdanken hat, welche dort, zumal an den Höfen, ihrem be-
schränkten Thun und Wissen einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben suchen. Der
lange Friede hat das Seine dazu beigetragen.
Wir wenden uns zur Spitze des Pfeiles, an der wir das Material, die Form
und die Art der Befestigung am Schafte zu berücksichtigen haben. Pfeile zur
Übung und Belustigung haben Spitzen von Holz, Horn und Eisen, welche stumpf,
oft selbst platt sind. Die Form wechselt vom pfriemförmigen ins lanzett-, lierz-
und gabelförmige, und der Geschmack an Mannigfaltigkeit hat selbst halb-
mond-, kreuz- und keulenförmige eingeführt. Die breiteren sind häufig mit Blumen
durchbrochen. Die gewöhnlichsten Formen findet man auf Fig. 34 c, d, g, h, i, k, 1, in
abgebildet. Was die Anheftung betrifft, so sind sie meistens mittelst eines langen
Stieles in den Schaft eingesetzt oder sie bedecken kapselähnlich die Spitze des
Schaftes. Letzteres is namentlich mit den platten, die bei Übungen dienen, der Fall.
Die Chinesen unterscheiden acht Arten von Pfeilen. In Bogen oder in gerader
Linie fliegende, für nahen und fernen Schiffs, für die Jagd, wurfspiefsartige und end-
lich gewöhnliche für Bogen und Armbrust. Auch von den japanischen Pfeilen giebt
es zahlreiche Arten. Zu den vornehmsten gehören:
Die Hornholzpfeile (Tsunoki ja). Der blanke Schaft, mit Schwanzfedern von
grofsen und kleinen Vögeln gefiedert, ist am unteren Ende gekerbt, am oberen mit
einer Spitze von Hirschhorn versehen. Man schiefst damit zur Übung nach einem
Bund Stroh.
3. Von den Waffen. Waffenübungen und der Kriegskunst.
3 1 1
Der Scheibenpfeil (Mato ja). Das Eigentümliche dieses Pfeiles besteht darin,
dafs er, um nicht zu verwunden, statt der Spitze einen platten Aufsatz hat, der Ita
tsuki, Stofsblatt, genannt wird. Man bedient sich seiner ausschliefslich zum Scheiben-
schiefsen.
Schauspielpfeile (Sasi ja). Der Schaft leicht gebräunt, das Gefieder von den zweiten
Schwungfedern der Enten, die Spitze von Holz. Er wird zur Erlernung des Schiefsens
und auf der Bühne gebraucht.
Spindelpfeile (Kuri ja). Der Schaft von einer sehr geschätzten Bambusart, welche
auf dem heiligen Berge Köjasan wächst und daher Köjasan take heifst; das Gefieder
von den ersten Schwungfedern wilder Enten, die Spitze von Holz. Mit diesen Pfeilen
schiefst man nach einem sehr fernen Ziele, welches in früheren Zeiten auf 6o Ken
(114 Meter) ausgestellt wurde.
Centrumpfeile (Naka ja), den vorigen gleich; nur haben sie eine eiserne, lanzett-
förmige Spitze. Fig. 34 c, d, in, k.
Lanzenpfeile (Tokarija). Das Gefieder besteht bei diesen aus vier Federn, ge-
wöhnlich von Falken. Die Spitze ist von Eisen, breitlanzettförmig, durchbrochen und
mit Widerhaken versehen. Fig. 34 g, h, i. Diese und die beiden vorhergehenden
wurden vor Zeiten häufig im Kriege gebraucht.
Rübenförmige Heulpfeile (Kabura ja). Unter einer gabelförmigen Spitze befindet
sich ein Knopf von Hirschhorn oder Stechpalmenholz, in Form einer Rübe (Kabura)
oder vielmehr Birne, mit zwei bis drei Öffnungen, welche im Fluge Luft fangen
und einen pfeifenden, heulenden Ton von sich geben. Man bedient sich ihrer zur
Übung und Belustigung, im Kriege zu Signalen. Ganz ähnliche trifft man bei den
Chinesen und Mongolen an. In der alten Geschichte der Hunnen wird ihrer gedacht.
Fig. 46 d.
Gabelpfeile (Kari mata). Pfeile mit gabelförmigen Spitzen von mancherlei Form.
Man nennt sie Kari mata, Gänsebügel, wahrscheinlich von ihrer Ähnlichkeit damit.
Die Benennung setzt unseren japanischen Waffenbeschreiber in einige Verlegenheit,
da sie mancherlei Auslegungen unterliegt, die wir dahingestellt lassen wollen. Für
den Krieg und die Jagd auf gröfsere Tiere, wozu sie bestimmt gewesen sein sollen,
sind diese Spitzen nicht sehr zweckmäfsig. Jetzt bedient man sich der Gabelpfeile
nur noch auf der Vogeljagd und um als Ziel aufgesteckte Gegenstände, gleich wie bei
unserem Vogel- und Sternschiefsen, abzuschiefsen. Fig. 34/.
Kolbenpfeile, Zinto, d. i. Kami oder Geisterköpfe, eine Benennung, woraus
unser Japaner selbst nicht klug werden kann. Man schiefst damit nach kleinen,
schmalen Gegenständen. Sie haben nur kleine oder gar keine Spitzen, und die
letzteren führen dann den Namen Hikime, Krötenaugen. Fig. 46 c,f. Sie gleichen
übrigens ganz den Kolbenpfeilen, deren man sich in Sibirien zur Zobeljagd bedient.
Unter den vielerlei Formen von Pfeilspitzen wmllen wir noch auf eine sehr ge-
fällige (Fig. 46 e) aufmerksam machen, welche dem Blatte des Pfeilkrautes (Sagittaria
sagittifolia) nachgebildet ist, und auf eine andere (Fig. 34 g), die deshalb beachtens-
wert ist, weil sie der bekannten Framea, dem Wurfspiefs der Germanen, gleicht.
Auch wollen wir, der auffallenden Lautähnlichkeit wiegen, das Wort Cateja, wto-
mit Isidoras ein gallisches Wurfgeschofs bezeichnet, nicht unberührt lassen.
Welche Bewandtnis es mit den alten Feuerpfeilen, deren hin und wieder unter
dem Namen Hija gedacht wird, gehabt habe, läfst sich nicht mit hinreichender Be-
312
Abteilung II. Volk und Staat.
stimmtheit ermitteln. Man soll diese bei der ersten Expedition gegen Sinra (200 unsr. Z.)
angewandt haben, um die feindlichen Schanzen in Brand zu stecken. Aber es liegen
Gründe vor, diese Angabe in Zweifel zu ziehen.
In den Successionskriegen der Häuser Heike und Gensi (1182) kommen in-
dessen Feuerpfeile vor, deren Spitze oder hohler Pfeilschaft mit brennbaren Stoffen
versehen war, und die mit Bogen geschossen wurden. Fig. 46 k, m. Nicht verwechselt
mit ihnen dürfen die Feuergeschosse werden, welche 1624 — 43 erfunden und gleich-
falls Hi ja genannt wurden. Diese sind im Grunde nichts anderes als Zündraketen
in Pfeilform, Schaft und Gefieder von hartem Holze oder Eisen; sie wurden aus
Feuerschlünden geschossen. Dafs bei den Feuerpfeilen der frühesten Zeit eine dem
Schiefspulver ähnliche Mischung gebraucht wurde, ist denkbar; Spuren von Pulver
und Feuerwaffen lassen sich wenigstens um die Mitte des 13. Jahrhunderts nachweisen.
Aber unser Feuergewehr kam, wie gesagt, erst im 16. Jahrhundert dort in Aufnahme.
— So weit das Wissenswerteste von den Pfeilen. Ehe wir von diesem Gegenstände
Abschied nehmen, wollen wir noch eines Aberglaubens, der auch bei den Pfeilen eine
Rolle spielt, gedenken. Man glaubt dort an Freipfeile, wie bei uns ehemals an Frei-
kugeln. Sie gehören den Geistern oder Kamis, deren unsichtbare Hand sie leitet, und
sind daher ungefiedert. Zingo Kogo soll einen solchen geführt haben. Schon die
Benennung Zindsuno kuburaja, d. i. von Geistern geleitete, tönende Pfeile, giebt über
ihr Wesen Aufschlufs.
Von den Köchern.
Die Köcher haben eine doppelte Bestimmung. Sie dienen entweder dem
Krieger, Jäger und Scheibenschützen zur Bergung seiner Pfeile oder sie stehen als
Prunkstücke mit Bogen und Pfeilen in den Vorzimmern der Grofsen und in den
Zelten der Feldherren und gelten dann nebst anderen Waffen als Insignien des Ranges
und der Macht. Sie unterscheiden sich übrigens auch nach Form und Gebrauch mehr-
fach und erhalten demgemäfs verschiedene Namen. Die vorzüglichsten Köcher sind
folgende :
Der Siko, für Soldaten und Jäger. Er besteht aus einem halbkugelförmigen Be-
hälter zur Aufnahme der Pfeilspitzen. Ein einfaches Gestell ist stielartig daran befestigt
und oben mit einem Ringe versehen, der die Pfeile zusammenhält. Der Behälter ist
von leichtem Kiriholze (Paulownia imperialis), das Gestell von Bambus oder Büffel-
horn, lackiert und mit Messing beschlagen. Am Ringe befinden sich gewöhnlich Schnüre
zur Befestigung der Pfeile und am Stiel ein Haken, womit man den Köcher entweder
am Gurt oder an einer eigenen Vorrichtung am Harnisch befestigen kann. Fig. 34 r
wird die Form dieses Köchers anschaulich machen. Es giebt übrigens noch andere,
recht geschmackvolle dieser Art.
Der Utsubo ist eigentlich ein verschliefsbares Pfeilfutteral und zum Angürten
gemacht. Da dies sehr bequem ist, ward es von Reiterei und Fuisvolk vorzugsweise
getragen. Unten an der Seite ist eine mit einem Deckel versehene Öffnung zum
Ein- und Ausnehmen der Pfeile. Es wird lackiert oder mit rohen Tierfellen bekleidet
und trägt gewöhnlich das Wappen von dem Besitzer oder dessen Oberherrn. Auf
Votivbildern und historischen Gemälden sieht man häufig die japanischen Helden mit
solchen Usubos aus Bärenfellen. Es soll schon in ältester Zeit im Gebrauch gewesen
sein, und es läfst sich auch weit eher für ein ursprünglich japanisches Machwerk an-
3. Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst. j y ^
nehmen als die vorausgehenden Formen, die ohne Zweifel chinesischen Ursprungs
sind. Der Köcher, wovon wir die Abbildung auf Fig. 34 n sehen, befindet sich im
Königlichen Kabinette von Seltenheiten im Flaag. Er stammt aus der Sammlung von
J. Cock Blomhoff. Das Wappen darauf ist das von Inaba, wie es die Kriegsleute
dieses fürstlichen Hauses als Auszeichnung tragen.
Fig. 35. Bogenschützen.
Die beiden folgenden Köcher, Janagui und Jebira genannt, werden jeder für
sich einzeln oder beide zusammengenommen als ein Geräte gebraucht. Das Janagui
ist eigentlich ein Futteral und das Jebira ein Tragkorb (Fig. 34 0). Jenes ist
von Leder oder Papiermache und lackiert. An dem Korbe befindet sich ein Gestell
von Kupferdraht oder Bambus, gleichfalls mit lackiertem Leder überzogen und mit
Schnüren zum Befestigen versehen. Bedient man sich des Tragkorbes allein, so wird
er mit 24 Pfeilen gefüllt; das Futteral dagegen fafst nur 10 Stück, oder, wie der
Soldat nach Schützenbrauch sich ausdrückt, fünf Griff.
3 x4
Abteilung II. Volk und Staat.
Unser japanischer Schriftsteller spricht noch von einem seidenen Pfeilsack oder
Köcherüberzug (Ja-boro), dessen man sich bediene, um dem Auge des Feindes die
Zahl der Pfeile zu verbergen. Aber es scheint, dafs dies Waffenstück, wohl nur im
Frieden gebräuchlich, der Ausrüstung irgend eines Vornehmen angehört.
Die Prunkgestelle für Bogen und Pfeile — sie heifsen Tetö-kake — sind von
mannigfacher Form und Arbeit, bald korbähnlich, bald Sesseln und Tafeln vergleich-
bar. Sie sind leicht tragbar und durchgehends so eingerichtet, dafs sie zwei Bogen
und zwanzig Pfeile fassen, die darin geschmackvoll eingereiht werden.
Von den beiden Bogen ist der eine ein Jang-, der andere ein Jinbogen, d. i.
ein Männchen und ein Weibchen. Der gröfsere oder geringere Grad der Kraft be-
stimmt den Geschlechtsunterschied, der auch auf die Pfeile ausgedehnt wird. Bei
diesen müssen die Männchen natürlich schneller und weiter tragen und schwerer ver-
wunden. Wir wollen mit dem japanischen Krieger uns nicht auf das vielbetretene
Feld der Theorie von Jang und Jin begeben. Sie spielt in allen Spekulationen der
von China instruierten Völker eine wichtige Rolle. Nur scheint diesmal der japanische
Schütze, oder wer sonst diese Theorie hier in Anwendung brachte, über seiner ge-
lehrten Kombination vergessen zu haben, dafs es dem schönen Geschlechte seiner
Nation bei aller Anmut nicht an heroischem Geiste gebricht, und dafs eine der
glänzendsten Kriegsthaten der Vorzeit — die erste Expedition nach dem asiatischen
Festlande — das Werk eines Weibes, der Kaiserin Zingo Kögo, war.
Vom mongolischen Bogen.
Unter den Geschenken, die der König von Kudara im Jahre 246 einem japanischen
Abgeordneten gab, befand sich das erste Muster des mongolischen Bogens, welchen
das alte japanische Geschichtsbuch Nipponki noch einen Tsuno-jumi oder Hornbogen
nennt. Er ward in Japan nachgemacht, und da er kleiner war und leichter zu
handhaben als der einheimische grofse, nahm man ihn auf Reisen in den Sänften
gerne mit sich und nannte ihn Kago-jumi, Sänftenbogen. Er diente eigentlich blofs
für den Fall der Notwehr, bis die Feuerwaffen aufkamen. Man fertigte ihn aus
Bambus und Fischbein, auf ähnliche Weise wie den grofsen Bogen, und führte ihn
nebst Pfeilen in einem siko- ähnlichen Köcher. (Fig. 34 q.) Die besten soll man
in der Landschaft Kii verfertigt haben. Gegenwärtig nennt man den mongolischen
Bogen Han-kiu (chin. Poen-kong), d. i. Halb-Bogen, im Gegensatz zu dem einheimi-
schen grofsen, der Dai-kiu heifst.
Von den Hornbogen, Tsunojumi.
So werden jetzt kleine, ehemals aus Büffelhorn, gegenwärtig von Fischbein ver-
fertigte Bogen genannt. Sie sind zierlich gearbeitet und können, wie die Abbildung
(Fig. 34 d) zeigt, in drei Stücke zerlegt und mit einigen Dutzend Pfeilen in
einem Kästchen auf bewahrt werden. Sie dienen teils als Spielzeug, teils zur Übung
im Schiefsen. Einen vorteilhaften Gebrauch wissen davon Gaukler zu machen, wenn
sie Jahrmärkte und Kirchweihen beziehen. Sie schlagen nämlich in den Tempel-
hainen Buden auf, die sie mit bizarren Dekorationen ausschmücken, ganz wie die
Buden italienischer Polichinelli. Im Vordergründe dieser Bühnen, wo gewöhnlich
einer der sieben Götter des Reichtums den Vorsitz hat, werden fünf oder sieben kleine
weifse Scheiben aufgestellt, und ein Marktschreier fordert das Volk auf, sich an den
Glückszielen zu versuchen, und bietet, vor einer auf Schufsweite angebrachten Schranke
3- Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
von Bambusstangen, gegen eine kleine Einlage, Bogen und Pfeile an. Trifft jemand
das Centrum einer Scheibe, so schnellt ein Orakel herauf und begrübst den Schützen
mit einem Sinnspruch oder auch einem Zerrbilde zur Belustigung der umherstehenden
Menge.
Von der Armbrust.
Unter dem Namen Do oder chinesisch eigentlich Nu finden wir in japanischen
Büchern ein Schiefsgewehr abgebildet, das ganz unsrer ehemaligen Armbrust gleicht
und durch die einfache Erklärung, dafs es ursprünglich aus dem Bogen entstanden
sei, dem man gleichsam einen künstlichen Arm angesetzt, als solche bezeichnet wird.
Das Nu soll bei den Chinesen schon zu Zeiten Hoangtis gebräuchlich gewesen sein.
Nach Japan kam es im Jahre 6 1 8 und zwar als Tribut aus Korea.
Es bestehen von dieser Waffe zwei Arten. Die eine, welche hinsichtlich der
Form und Gröfse ganz mit unserer Armbrust im Mittelalter übereinstimmt, hat einen
Schaft mit kurzem Anschläge, woran ein (stählerner?) Bogen befestigt ist, der mittelst
eines Spanners gespannt und durch einen Drücker abgeschnellt wird. Merkwürdiger
ist die andere Art, welche in Japan Ojumi, grofser Bogen, oder auch Isijumi,
Steinbogen, genannt wird, und sie verdient, wenn seit einigen Jahrhunderten auch
keine bestimmten Spuren ihres Gebrauches Vorkommen, einigermafsen unsere Auf-
merksamkeit. Es ist eine kolossale, aus drei Bogen zusammengesetzte Armbrust,
welche auf einem besonderen Gestelle ruht, woran ein Windenbaum zum Spannen
der Sehnen angebracht ist. Wie jedoch die Sehnen in Spannung gehalten und wie
sie wieder losgelassen • werden, das läfst sich an der japanischen Abbildung allein,
wovon wir eine Kopie in Fig. 4 6 s geben, nicht genügend erkennen. Aus dem
Stricke mit Haken ( u ) und dem Schlegel (t), welche beide zur Maschine ge-
hören, läfst sich jedoch abnehmen, dafs jener zum Anziehen und Spannen der
Sehnen, dieser zum Losschlagen derselben diente, was ohne Zweifel mittelst des
Keiles geschah, den wir am unteren Ende des Schaftes bemerken. Mit diesem
Wurfgeschofs wurden bei Belagerungen Steine und Pfeile geschossen. Zu seiner
Bedienung sollen fünf bis zehn, ja bei einigen Maschinen selbst hundert Mann nötig
gewesen sein. Das Werkzeug ist eigentlich ein chinesisches und kam, wie es scheint,
nur in Abbildung nach Japan.
Zu den Wurfgeräten mögen noch die Schleudern (Furi dsunbai) gerechnet
werden, die man, wenigstens in älterer Zeit, auch im Kriege brauchte. Gegenwärtig
gehören sie blofs zu den Knabenspielen und sind, um Unglücksfallen vorzubeugen,
meistens verboten. Der den Stein umschlingende Strick ist an einem Stiele von Holz
oder Bambus befestigt.
Auch Schlagkugeln und Wurf haken kennt man in Japan, welch letztere in
China noch zur Ergreifung von Flüchtlingen dienen sollen und dort ihrer Gestalt
wegen Lung tschao, Drachenkrallen, genannt werden.
Von den Lanzen, Spiefsen und anderen Waffen dieser Gattung.
Die Lanze ist ursprünglich ein verlängerter Stab, entweder von Bambus, in welchem
Falle das obere Ende blofs zugespitzt und in Feuer gehärtet ist, oder von Holz und
in diesem Falle mit einer besonderen Spitze von Knochen versehen. So wenigstens
waren die Lanzen und Wurfspiefse unserer alten Japaner. Erst nachdem ein Volk
zu höherer Stufe der Kultur gelangt ist, verfallt es auf den Gedanken, seine kurzen
316 Abteilung II. Volk und Staat.
Waffen, die Schwerter, Säbel und Streitäxte, dem langen Schafte der'ersteren anzufügen
und gewinnt so jene Waffenarten, die wir mit den Namen Lanze, Spiels, Speer,
Hellebarde bezeichnen.
Die Mythe spricht von einem himmlischen Spiefse des Schöpfers der japanischen
Inseln, und bildliche Darstellungen, die ein hohes Altertum verraten, geben jenem eine
Spitze, die dem altertümlichen Schwerte Tsurugi gleicht.
Wenn wir einen Blick auf die Mythen der Völker überhaupt werfen, so finden
wir, dafs durchgängig die Wirklichkeit den Stoff zu ihrer Entstehung lieferte; daher
wird dieselbe für uns bedeutsam bleiben, wenn auch die fabelhafte Ausschmückung
wie ein Luftgebilde zerfliefsen sollte. Der Dichter, der Veredler der alten Sagen, der
die dunklen Ideen von übernatürlichen Wesen in würdigen Formen verkörpern soll,
mufs nach dem greifen, was ihm in der Aufsenwelt, in seiner eigenen Nation und ihrer
Kunst entgegentritt. Hieraus wählt er das Erhabenste, das Vortrefflichste und trägt
es in den Kreis vorgeschichtlicher Sagen hinüber. Wir können daher aus den Formen
und Einzelheiten mythologischer Einkleidungen wieder manchen Schliffs auf den
Kulturzustand jener Zeiten ziehen, da die Sage ihre tiefere poetische Ausbildung erhielt.
Wenden wir das Gesagte auf die oben berührte Schöpfungsmythe an, so werden wir
daraus abnehmen können, dafs Spiefse von edlem Metalle, ähnlich dem himmlischen
des Izanagi, bestanden haben mufsten als eine Waffe alter japanischer Fürsten, noch
ehe die übrigen Formen dieser Waffenart durch die Berührung mit dem asiatischen
Festlande bekannt und nachgeahmt wurden.
Die Spiefse asiatischen Ursprungs zeichneten sich durch eigentümliche Merk-
male aus. Ihre Metallspitzen waren entweder stumpf und meifselförmig breit, oder
spitzig, schmal und geflammt und dann abwärts mit einem sichelförmigen Quer-
eisen versehen. Der Schaft war wenigstens sechs Fufs lang und das untere Ende mit
Metall beschlagen.
Seit dem 8. Jahrhundert kam in Japan eine Waffe auf, welche den Vorteil des
Säbels mit dem der Lanze vereinigte, indem ein Säbel auf einen langen Schaft
gesetzt ward (Fig. 37 0 ). Sie hat daher den Namen Naginata, langer Säbel,
erhalten. Auch diese Waffe soll fremden Ursprungs, Nachahmung einer auswärtigen
sein. Offiziere von Rang pflegten bis gegen das Jahr 1160 ein Naginata, als tüchtige
Waffe zur Rechten ihres Sitzes aufzupflanzen. Später liefsen die Fürsten und Reichs-
grofsen sie unter den Insignien hinter ihrer Sänfte hertragen, und in gleicher Eigen-
schaft folgen sie nun auch den Sänften vornehmer Frauen und geben bei feierlichen
Aufzügen den Stand ihrer Männer an. Einige sehr schöne Exemplare dieser Waffe
befinden sich in der Kunst- und Rüstkammer zu Dresden.
Zu den in neuerer Zeit in Japan gebräuchlichen Lanzen und Spiefsen gehören
aufser der eben erwähnten noch folgende:
Die Lanze Jari, angeblich als eine Nachahmung der chinesischen (Tsiang) ums
Jahr 1467 eingeführt. Modifikationen derselben sind:
1. Die Sujari oder geraden Lanzen, welche blank und ohne Verzierung sind
und eine einfache, zweischneidige Spitze führen. (Fig. 37 a und A)
2. Die Katakama jari, Spielse mit einem sichelförmigen Quereisen, nach
einer Seite hin. (Fig. 37 e .) Die mit doppeltem werden, wenn die Sichelfort-
sätze aufwärts gebogen sind (Fig. 37 d ), Magari jari, wenn abwärts, Morokama jari
genannt.
3*8
Abteilung II. Volk und Staat.
3. Die Kreuzspiefse, an welchen das Quereisen einen rechten Winkel mit
der Klinge bildet und dem Spiefse die Form eines Kreuzes oder chinesischen
Zehners giebt, wovon sie ihre Benennung Zjumonzi- (schi wen dsü) jari tragen.
(Fig. 37 c.)
Die Spitzen der Jaris sind von Stahl, durchgehends zweischneidig und dabei
in der Art geschliffen, dafs sie auch auf beiden Flächen eine scharf zulaufende Kante
bilden. Die Flächen sind poliert, bisweilen auch gefurcht. Etwa zwei Fufs unter dem
Fig. 37. Lanzen und Speere.
Einsatz der Spitze befindet sich gewöhnlich eine Querstange, der Knebel, und an
derselben Stelle oft auch seidene Quasten.
Um die Lanzenklingen zu bewahren, zieht man besondere Scheiden und Futterale
darüber, die teils aus leichtem, lackiertem Holze, teils aus Wollentuch, Tierfellen oder
Federn bestehen. Sie kommen unter den mannigfaltigsten , sonderbarsten Formen
vor, die unverändert, wie sie in früherer Zeit festgesetzt worden, beibehalten und
mit der dieser Nation eigenen Genauigkeit beobachtet werden. Die Jaris führen nach
diesen Formen verschiedene Namen, als: Abb. / Wonomi kuda jari, d. i. schwänz-
3- Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
30
förmige Walzenlanze; Abb. g Kagijari, Schlüssellanze; Abb. h Kudajari, Walzen-
lanze; Abb. i Sjunagaje, zinnoberfarbiger Langschaft; Abb. k Kumage nagasaja,
bärenhaarige Wurfspiefsscheide; Abb. 1 Tennagesaja, wieselhaarige Wurfspiefs-
scheide; Abb. m Sirotataki, weifses Tataki; Abb. n Abura torigenagaje, Nagaje
mit glänzenden Hahnenfedern. Dies sind die gebräuchlichsten Formen der Lanzen-
futterale, mit welchen man bekannt sein mufs, um sie als Insignien der Fürsten und
Reichsgrofsen unterscheiden zu können.
Der Schaft der Lanzen ist gewöhnlich von Eichenholz (Quercus glauca), zu-
weilen auch vom Holze des japanischen Mispelbaumes (Eriobotrya japonica) oder der
Besenpalme (Chamaerops excelsa). Er ist acht bis zehn Fufs lang und mit Eisen
oder anderem Metalle beschlagen. Auch bei den Lanzen und Spiefsen bewährt sich
der gute Stahl und die saubere Arbeit, welche an Säbeln und anderen Waffen und
Geräten die Aufmerksamkeit und Bewunderung europäischer Kunstkenner auf sich
gezogen haben. Der Beschlag und die sonstigen Verzierungen des Schaftes haben
ihre besonderen Namen, in deren Anhäufung sich die militärische Kunstsprache in
hundertjähriger Friedenspause erschöpft hat. Für uns wird es genügen, wenn wir mit
folgenden Benennungen bekannt werden: Saki, die eiserne Lanzenspitze, die Klinge;
Kutsi gane, der Metallring, worin die Klinge eingelassen ist; Kagi, die Querstange
oder der Knebel; Isidsuki, die Zwinge oder der Beschlag am unteren Ende. Von
letzterem kommen vielerlei Formen vor, worunter besonders einige antike sehr
gefällig sind. Auch finden sich etliche mit einem Loche versehen, um mit einer
Schnur oder einem Riemen befestigt, oder nach dem Wurfe wieder zurückgezogen
werden zu können.
Die Jaris werden von Fufsvolk und Reitern geführt. Aufser den damit bewaffneten
Soldaten darf niemand im Lande Lanze und Spiefs führen, dem sie nicht von Reichs wegen
als Zeichen der Würde und Macht zuerkannt sind; selbst jene Edelleute vom Ritterstande
(Buke) nicht, welche keine öffentlichen Chargen bekleiden, oder unter 200 kok (un-
gefähr 2400 Gulden) Einkünfte haben. Jari und Naginata spielen als Insignien eine
grofse Rolle. Sie figurieren neben andern Würdenzeichen in den Vorsälen der
Grofsen und werden dem Inhaber bei seinem Ausgange nachgetragen und zwar den
Reichsfürsten, hohen Staatsbeamten und Stabsoffizieren in gerader aufrechter, den Be-
amten und Offizieren untergeordneten Ranges in schiefer Richtung. Die Zahl der-
selben, ihre Form, Gestalt und Farbe unterliegen ebenso genauen Bestimmungen wie
die Wappen, Flaggen und andern Würdezeichen, was alles im Staatskalender ange-
geben und bildlich dargestellt wird.
Vom Seitengewehre.
Nur bei solchen Völkern, welche bereits einige Fortschritte in ihrer Gesittung
gemacht haben, finden wir Schwerter, Säbel und ähnliche Seitengewehre von Eisen
oder anderem Metalle als eigenes Machwerk. Vor der Bekanntschaft mit Metallen
und deren Bearbeitung vertraten Keulen und Streitäxte von hartem Holz oder Stein
ihre Stelle. Die japanische Sagenkunde spricht zwar vom Schwerte Tsufrugi, womit
der Gott Izanagi den Kakudsutsi (Trommelschläger) in Stücke hieb; doch wir wollen
diese Sage nicht weiter berücksichtigen. Nach geschichtlichen Angaben hat Prinz
Inisiki, der unter der Regierung des Mikado Suinin lebte (29—71 n. Chr.), die
ersten Schwerter in Japan verfertigt. Nach den Abbildungen, die sich in archäo-
320
Abteilung II. Volk und Staat.
logischen Originalwerken finden, ist das Tsurugi ein gerades zweischneidiges Schwert,
das nach der stumpfwinkeligen Spitze hin breit zuläuft. Das Gefäfs ist mit einem
Stichblatte versehen, und der Knopf hat ein Loch zur Befestigung der Degenquaste.
Das Tsurugi, wovon wir in Fig. 46 h eine Abbildung geben, gleicht -ganz
dem chinesischen Kien, Fig. 46 r, q , das ihm ohne Zweifel auch zum Muster
gedient hatte. Auch mit dem Schwerte , welches bei den Römern nach dem
zweiten punischen Kriege eingeführt wurde, hat es eine nicht zu verkennende Ähn-
lichkeit. Die Chinesen führen den Ursprung ihres Kien bis auf Hoangti zurück, und
die ältesten dieser Waffen sollen aus Metall gegossen gewesen sein. Ein Tsurugi
gehört zu den Throninsignien des Mikado, und es knüpft sich daran die wunderbare
Sage, es habe sich im Schweife des achtköpfigen Drachen, den einst der vergötterte
Held Susano - ö erlegte, vorgefunden. Darum wird auch der Drache, Tatsu,
das fünfte Zeichen im Tierkreise, auf Malereien und in Bildhauerarbeiten mit einer
dem Tsurugi ähnlichen Schwanzspitze dargestellt. Dasselbe Schwert ward später
dem gefeierten Helden Jamatotake von der Priesterin Jamato hime als Talisman
gegeben, als er von seinem Zuge gegen die östlichen Wilden in den Tempelhallen
3. Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
321
der Sonnengöttin zu Ise sein Gebet verrichtete. Auch in buddhistischen Abbil-
dungen kommt das Tsurugi als Emblem brahmanischer, buddhistischer und lamaischer
Gottheiten vor.
Die gegenwärtig in Japan gebräuchlichen Seitengewehre sind das Tatsi, auch
Jebuno tatsi, und das Zindatsi — grofse Staatssäbel; das Katana, ein langer Säbel,
und das Wakisasi, ein ähnlicher kürzerer; ferner das Sasizoje und das Kwaiken —
kleine dolchähnliche Waffen, erstere von Männern, letztere von Edelfrauen getragen.
Das Jebuno tatsi, Fig. 38 a, und das Zindatsi, Fig. 38 b, sind Prunksäbel, die als
Würdezeichen am Hofe des Mikado und von Oberpriestern des Kamidienstes, über-
haupt vom Kugestande getragen werden. In alten Zeiten, wo die weltliche Macht
noch mit der geistlichen vereinigt war, durfte blofs der Kriegsminister (Dai sjö) den
Säbel Tatsi tragen. Die genannten Prunksäbel unterscheiden sich von den übrigen
Seitengewehren besonders dadurch, dafs sie mittels langer Riemen an einer Koppel,
womit man sich umgürtet, befestigt werden, während man alle anderen Seitengewehre
in den Leibgürtel zu stecken pflegt und zwar mit aufwärts gekehrter Schneide. In
der Kunstsprache heifst ersteres haki, umgürten, letzteres sasi, anstecken. Das Stecken
der Säbel in den Gürtel soll die älteste Tragweise derselben sein. Das Gefäfs der
Staatssäbel ist wie bei allen japanischen Säbeln ohne Bügel, mit Rochenhaut (Same
kawa) bekleidet und oft mit Seidenschnüren überzogen. Es ist so lang, dafs es mit
beiden Händen gefafst werden kann. Das Stichblatt ist teils rund, teils viereckig
oder herzförmig ausgeschweift, platt und durchbrochen, von Eisen, mit Gold und
Silber oder andern Metallen eingelegt; ebenso sind Knopf, Zwinge und Koppelringe
kunstvoll und prächtig gearbeitet. Die Scheide ist gewöhnlich schwarz oder rot
lackiert, zuweilen auch von Rochenhaut; die Klinge, etwas gekrümmt, ist mit dem
Griffe 1,213 Meter lang und von vorzüglicher Güte. Das auf Fig. 38 a ab-
gebildete Tatsi, dessen Zeichnung nach einem Modelle genommen ist, wurde vom
Mikado Go siragawa (reg. 1156 — 59) getragen.
Die eigentlichen Soldatensäbel sind das Katana und das Wakisasi. Sie bilden
zusammen ein Säbelpaar, das man gemeinhin Daisjö nennt, und das nur der Buke-
stand — Reichsadel und Soldaten — führt. Dieses Vorrecht ward beiden Ständen
durch eine Verordnung vom Jahre 1682 erteilt. Reichsadel und Soldaten sind also
zum Tragen dieser zwei Säbel verpflichtet, eine Sitte, welche im Dienst sehr be-
schwerlich fällt, zumal den jungen, oft kaum zehnjährigen Stellvertretern ihrer Väter,
die sich mit ihren grofsen Seitengewehren, welche ordonnanzmäfsig nur bis zur Hälfte
im Leibgurte stecken, ganz lächerlich ausnehmen und einem unwillkürlich jene be-
kannte höhnische Frage entlocken: «Quis te gladio alligavit?» Das Katana Abb. c ist
gewöhnlich einen Meter lang, weniger gekrümmt als das obenerwähnte Tatsi,
übrigens von ähnlicher Anfertigung. Koppelringe fehlen ihm. Das Wakisasi ist etwas
kleiner und gerader als das Katana.
Bürger und Bauern, Beamte, Wächter und Bediente dürfen blofs einen kurzen,
mehr oder weniger gebogenen und mit einem kleineren Gefälse versehenen Säbel,
ähnlich dem Wakisasi Abb. d tragen; die kleineren, geraden nennt man gemeinlich
Sasi zoje, Abb. /. Edelfrauen und vornehme Herren führen zu Hause das oben-
erwähnte Kwaiken zur Auszeichnung oder auch zur Notwehr. Einige ausgezeichnete
Formen des letzteren sind auf Fig. 38 g, i gegeben; erstere soll von dem ver-
götterten Helden Hatsimantarö Minamoto Josiije herstammen. Eine der Abb. i ähn-
v. Sieb old, Nippon I. 2. Aufl. 21
322
Abteilung II. Volk und Staat.
liehe Waffe dient zum Leibaufschlitzen. Die zu diesem Zwecke bestimmten Werk-
zeuge zeichnen sich durch Einfachheit aus und haben Griff und Scheide von dem
weifsen unlackierten Holze des Lebensbaumes (Thuja Hinoki). Noch ist ein eigentüm-
liches Seitengewehr, das Hatsi wari, zu erwähnen, welches Feldhüter und Strafsen-
aufseher tragen. Es hat etwa die Gröfse des Sasi zoje und eine viereckige, pfriemförmig
zulaufende Klinge. (Abb. /? und /.) — In den nördlichen Landschaften Japans tragen
Leute aus dem Bürger- und Bauernstände häufig Seitengewehre, welche nach Art der
Abb. h und k mit künstlichem Schnitzwerk verziert sind. Sie erinnern uns an die
Jagdmesser der Aino, ihrer Nachbarn, deren Kunstsinn sich mit mannigfaltiger Ver-
zierung dieser Geräte beschäftigt.
Das T ragen der Seitengewehre ist demnach in Japan eine allgemeine Sitte, und
mit Ausnahme der Mönche, Krämer, Bettler und der verachteten' Volksklasse Jeta
trägt jeder Mann, wenn auch nicht im täglichen Leben, doch an Festtagen, bei Feier-
lichkeiten, Konvenienzbesuchen, im Dienste oder auf Reisen, seinen Säbel.
Der Japaner ist stolz auf sein Seitengewehr; er hält es hoch in Ehren. Achtung
für diese Waffe wird ihm in früher Jugend eingeprägt, und schon dem Knaben, wenn
er sein fünftes Jahr erreicht hat, wird der Säbel, unter Beobachtung gewisser Feier-
lichkeiten, von seinen Eltern übergeben und erlaubt, denselben zu tragen. Sein
Seitengewehr behandelt jeder mit Achtsamkeit; führt er es nicht bei sich, so ist es
in seiner nächsten Umgebung. Bei Tage prunkt es auf einem eigenen Gestelle (Ka-
tana kake), des Nachts liegt es zur Seite der Schlafstätte. Der moralische Linflufs
dieser Sitte ist unverkennbar; schon der Knabe, der mit seinem Säbelpaare einher-
schreitet, zeigt den Ernst und die Gesetztheit des Erwachsenen. Stand und Vermögen
haben diese nationale Waffe zum Gegenstände des Luxus erhoben. Die Güte der
Arbeit, oft blofs der Name eines aus alter Zeit berühmten Meisters oder Besitzers
steigern den Wert eines Säbels oder einer Klinge zu aufserordentlichen Preisen. Man
hat solche, die mehrere tausend Gulden kosten.
Wie der japanische Schütze bei Pfeil und Bogen, so sieht der Soldat auch bei
seinem Säbel auf gewisse gute Eigenschaften. Die Klinge ist ihm das Wichtigste,
dann das Stichblatt, überhaupt das Beschläge des Gefäfses. Die Scheide, obwohl
kostbar lackiert und beschlagen, gilt als Nebensache. Auffallend genug mag es sein,
dafs der japanische Ritter, durch den Einflufs eines hundertjährigen Friedens verweich-
licht, noch so hohen Wert auf die wesentlichen Vorzüge seiner Waffen setzt. Aber
seine Voreltern waren ein tapferes vaterlandliebendes Volk, das die Thaten seiner
Helden in seinen Geschichtsbüchern verherrlicht hat, und das Andenken derselben
hat sich so lebhaft erhalten, dafs der Krieger noch heutigen Tages nicht allein die
von den berühmten Ahnen stammenden Waffen hoch in Ehren hält, sondern auch
fortwährend mit den tüchtigsten Verteidigungswerkzeugen sich versieht, um, wenn
ihn die Stimme des Vaterlandes ruft, gleich grofse Heldenthaten, wie seine vergötterten
Voreltern verrichten, zu können.
Die japanischen Säbelklingen sind von vorzüglicher Güte, und die Japaner be-
haupten, dafs sich ihnen keine von auswärtigen Ländern an die Seite setzen lassen.
Sie sind nicht damasciert, sondern von Cement-Stahl verfertigt, daher sehr hart und
wenig elastisch. Das Verfahren des Cementierens ist äufserst einfach, verdient aber
unsere Aufmerksamkeit um so mehr, da daraus hervorgeht, dafs der gepriesene ja-
panische Stahl, gleich wie der indische Wootzstahl, aufser dem Kohlenstoff auch mit
3. Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
323
Aluminium und Silicium verbunden ist. Nach der Mitteilung eines glaubwürdigen
Mannes — Mogami Tokunai* — geschieht die Cementation auf folgende Weise: Die
aus gutem Stabeisen geschmiedeten Klingen werden mit einem Teig aus Pottasche,
Fig. 39. Waffenbeschläge und Ornamente.
Thon- oder Porzellanerde und Kohlenpulver überzogen und an der Sonne getrocknet,
hierauf dem Feuer ausgesetzt und so lange erhitzt, bis die Cementmasse eine weifse
Farbe annimmt. Die glühende Klinge wird nun in lauwarmes Wasser, das aus 3/ 5
324
Abteilung II. Volk und Staat.
siedendem und 2,ff kaltem erhalten wird, getaucht und allmählich abgekühlt. Oft er-
hitzt man blofs die Schneide der Klinge, und dann geschieht die Abkühlung in kaltem
Wasser. Dafs man aus unverrosteten Überbleibseln von Eisen auch auf Japan, wie
bei den alten Celtiberiern, Klingen von vorzüglicher Güte schmiedet, ist mir nicht
bekannt. Übrigens lassen sich die gepriesenen Vorzüge, welche Klingen aus ältester
Zeit besitzen sollen, durch ein ähnliches Verfahren, nämlich Umschmieden der alten
Klinge erklären. Von den berühmtesten Klingenschmieden (Kasi) und ihren Mono-
grammen bestehen gedruckte Verzeichnisse. — Die Säbel sind durchgehends scharf
geschliffen und werden sorgfältig in diesem Zustande erhalten. Zum Schleifen be-
dient man sich einer Art Schleifsteine, die den berühmten levantinischen ähnlich sind.
Sie sind von vorzüglicher Güte, und ihre Ausfuhr ist streng verboten.
Nächst der Klinge ward auf das Gefäfs die meiste Sorgfalt verwendet. Die
Stücke, aus denen es besteht, sind luxuriös zusammengesetzt. Das Säbelgefäfs eines
vornehmen oder wohlhabenden Japaners ist eine wahre Sammlung von Kleinodien
und Kunstsachen, mit Geschmack und Kenntnis zu einem Ganzen vereinigt. Es lohnt
sich der Mühe, einige solcher Gefäfse zu zergliedern und kritisch zu betrachten. Auf
Fig. 39 haben wir ein ganzes Gefäfs und mehrere Stücke einzeln abgebildet. Die
Gegenstände sind so gewählt, dafs sie uns die eigentümlichen Züge des japanischen
Volkscharakters in bis jetzt unbeachteten Zeichen und Bildern erkennen lassen. Die
einzelnen Stücke gehören zur Garnitur von Säbeln verschiedener Volksklassen. Abb. s
zeigt ein vollständiges Gefäfs eines Säbels, der von einem reichen Privatmanne ge-
tragen wurde. Stichblatt (Tsuba), Knopf und Ring des Griffes, wie auch die einge-
flochtenen Verzierungen sind von Messing und vergoldet. Der Griff (Tsuka) ist mit
kostbarer Rochenhaut überzogen und mit einer seidenen Schnur zierlich umwickelt.
Auf dem durchbrochenen Stichblatte sind zwei Tiere der chinesischen Mythologie, das
Kirin und der Vogel Hö, angebracht, deren Erscheinen auf Erden Glück und Wohl-
sein verkündet. Der letztere wiederholt sich in dem am Griffe eingeflochtenen Emblem.
Diesem gegenüber befand sich, auf die gleiche Weise befestigt, das in Abb. h abge-
bildete Relief — ein gezäumtes, von einem Affen geleitetes Pferd. Auch dieses ist
ein Symbol und zwar des aus Landbau und Handel entspriefsenden Wohlstandes. Der
ganze Säbel ist auf Eig. 38 d abgebildet, und die Scheide eines kleinen Messers
daran enthält als Ornament eine Grille auf einem Grashalme — das Bild eines stillen
Abends des Lebens. So sprechen sich in den Emblemen seiner Waffe die friedlichen
Gesinnungen eines wohlhabenden Bürgers aus.
Das Stichblatt, Abb. a , ist aus vier Venusmuscheln zusammengesetzt. Die darauf
erhaben in Silber und Gold gearbeiteten Bilder spielen auf die vier Jahreszeiten an:
der. blühende Pflaumenzweig bedeutet den Frühling, die Orchis den Sommer, die
fruchttragende Rebe den Herbst und der immergrüne Bambus den Winter. Auch die
drei Schriftzeichen, welche mit der altchinesischen Schrift Schang fang ta tschuen Ähn-
lichkeit haben und deren Entzifferung uns nicht gelang, haben ohne Zweifel eine
allegorische Bedeutung.
Zu diesem Stichblatt passen die Vignetten Abb. m, der Gott des Reichtums,
Abb. g, der Gott der Zeit und Abb . />, Embleme des geselligen Lebens, Geräte zur
Bereitung des grünen Thees. Überlassen wir die Wahl derartiger Säbelgarnituren
dem glücklichen Mittelstände, der sich von Landbau und Gewerbe nährt. Noch bleiben
uns Verzierungen, welche, auf Heroen- und Heldenscenen anspielend, die Säbel der
3 . Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
325
Ritter schmücken. Alle Bildchen haben Bedeutung; sie sind der vaterländischen Ge-
schichte entnommen. In den Umrissen auf dem Stichblatte, Abb. c, läfst sich eine
Scene aus dem Gefechte bei Kawasaki im Jahre 1057 erkennen, worin der jugend-
liche Held Josiije sich unsterblichen Ruhm erwarb; auf dem Griffknopfe, Abb. i, zeigt
sich das Bild des Kriegsgottes Wözin, als Hatsi man oder Kami der acht Flaggen u. s. w.
Abb. / und n sind niedergelegte Waffen und Rüstungen und spielen auf Krieg und
Frieden an.
Diese in Relief und durchbrochen gefertigten Arbeiten verdienen eine besondere
Aufmerksamkeit. Sie sind eine Mosaik aus verschiedenen Metallen, werden im Lande
selbst Sjakdö genannt. Man hat ausgezeichnete Kunstwerke dieser Art.
Eine Erwähnung verdient noch das Abb. d und q abgebildete Messer, welches
sich gewöhnlich an den Seitengewehren, die wir als Wakisasi und Sasizoje kennen
gelernt haben, befindet. Abb. r ist der untere Teil einer Scheide mit der Zwinge
(Kosiri) und Abb. / ein Beschläge am oberen Teile der Scheide, woran ein Band zur
Befestigung des Säbels im Gürtel angebracht wird. Abb. b ist ein einfaches Stichblatt
mit bedeutungslosen Verzierungen.
Von der Streitaxt, dem Streithammer und anderen alten Hiebwaffen.
Die Streitaxt (Masakari, d. i. Schlachtbeil) gehört nunmehr unter die veralteten
Waffen. Sie wurde zu den Zeiten Zingus, zu Aiffang des dritten Jahrhunderts, in
Japan bekannt und kam ohne Zweifel vom benachbarten Festlande herüber. In China
ist sie noch heutigen Tages als Insignie im Gebrauch, und in einer chinesischen Bilder-
fibel finden wir Abbildungen solcher Beile, deren einige viel Ähnlichkeit mit den
römischen Fasces haben. Auch Dr. O. Dapper hat Abbildungen solcher Beile mit-
geteilt. Die merkwürdigsten Formen davon sind auf Fig. 4 6 g, a, i und / abgebildet.
Auch von Streithämmern, Streitkolben und anderen derartigen Waffen des Alter-
tums finden sich Spuren. Eiserne Streitkolben, ähnlich den sogenannten Morgen-
sternen, sieht man auf Votivbildern unter den Waffen der Heroen, und einige sehr
merkwürdige Schwerter mit kolbenartiger Verdickung an der Spitze wurden im Ge-
birge Hikosan in der Landschaft Buzen auf Kiusiu ausgegraben. Diese alten Waffen,
deren Abbildung (Fig. 50 b, c ) ich einem Freunde verdanke, sind von Eisen
und samt dem Griffe 1,251 Meter lang. Der Griff mifst 0,342 Meter, woraus sich
schliefsen läfst, dafs diese Hiebwaffe mit beiden Händen geführt wurde. Sie scheint
aus Indien zu stammen, und wir erkennen dieselbe in der Hand des auf dem Titel-
blatte unseres Nippon dargestellten Marisiten. Chinesen und Koreaner waren übrigens
damit in frühester Zeit bekannt. Bemerkenswert ist noch ein anderes Schwert, welches
im Gebirge Omijama in der Landschaft Tanba auf Nippon ausgegraben wurde. Es
ist 1,516 Meter lang- und auf dem Rücken 0,038 Meter dick. Der gleichfalls eiserne
Griff ist zugerundet und hat Einschnitte zum Einlegen der Finger. Die Klinge läuft
nach vorne allmählich breiter zu und hat eine beinahe rechtwinkelig abgestumpfte Spitze
— ein kolossales Schlachtschwert, dessen Form uns an das griechische und an das alte
römische Schwert erinnert (Fig. 50 a).
^2 6 Abteilung II. Volk und Staat.
Von den Feuergewehren.
Vom Schiefspul ver und der Einführung der Feuergewehre in China
und Japan.
Die Europäer geben den Chinesen die Ehre, das Pulver erfunden und bereits
im dritten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung gekannt zu haben. Selbst die Deut-
schen sehen von dem Ruhme der Erfindung ab, welche die Sage ihrem Landsmanne,
dem Franziskanermönche Berthold Schwarz (1340), zuschreibt, und vermuten, dafs die
Saracenen das Pulver zuerst aus Afrika nach Europa gebracht haben, wo seine
Fabrikation seit dem dreizehnten Jahrhundert in allen Ländern bekannt und nach und
nach sehr verbessert wurde. In den Jahrbüchern der Chinesen und Japaner findet
man vor dem dreizehnten Jahrhundert keine Angabe, woraus hervorginge, dafs diese
Nationen die Zubereitung des Schiefspulvers und dessen Anwendung zu Feuergewehren
gekannt hätten. Die beiden Marco-Polo, welche der Belagerung von Siang jang fu um
das Jahr 1275 beiwohnten, melden nichts von Feuergewehren, aber um diese Zeit
wird der Gebrauch des Pulvers zum Steinschiefsen in den Jahrbüchern der Chinesen
erwähnt.
Nach japanischen Mitteilungen sollen zwar auf der Flotte, welche Kublaikhan
1281 zur Eroberung Japans ausgesandt hatte, die aber bei der Insel Iki durch einen
Orkan zertrümmert wurde, Feuergewehre gewesen sein; es ist dies aber nicht mit
Gewifsheit anzunehmen, und umsichtigere japanische Schriftsteller erkennen darin eine
Art Raketen, die noch heutigen Tages unter dem Namen Daikok bija, d. i. Feuer-
geschosse des grofsen Reiches (China), Vorkommen. So bleibt also den Europäern
die Ehre, die ersten Feuergewehre nach China gebracht zu haben, und die chinesischen
und japanischen Quellen stimmen darin überein. «Das Feuergewehr», heifst es im
japanischen Werke Bujö ben rjö IV, 26, «wurde von den westlichen Fremdlingen er-
funden und dem ersten Kaiser der Dynastie Ming — es war Thaitsu, der von 1368
bis 1399 regierte — von der Nation Mokitsu dargebracht. Es war eine Art Isibija
(Kanone). Da niemand ihm zu widerstehen vermochte, nannte es der Kaiser ein
Geisterwerkzeug (Schinkhi), und es galt als ein wichtiger Schatz des Palastes.» Eine
Abbildung einer solchen Kanone ist in Fig. 46 w mitgeteilt und zwar entlehnt
aus der chinesischen Bilderfibel, Morogosi Kimo dsu-i, herausgegeben von Hirazumi
Senan in Kioto, 1719, 14 kiuen in 10 Büchern. Auch die mehrerwähnte japanische
Encyklopädie giebt die Abbildung einer alten Drehkanone, welche, laut der hinzu-
gefügten Angabe, aus Portugal stammt und von einem Schiffe, das im Jahre 1520 in
Canton einlief, mitgebracht wurde. Wie bekannt, erschien in diesem Jahre die erste
Gesandtschaft der Portugiesen in Peking — der unglückliche Thomas Pieres, der
nach seiner Rückkehr vom Hofe zu Canton ausgeplündert, gefangen und allem Anschein
nach hingerichtet worden ist.
So viel ist uns aus zuverlässigen Quellen über den Gebrauch des Pulvers und
die Einführung der Feuergewehre in China bekannt. Wir müssen demnach den Chi-
nesen, ungeachtet neuerdings ein englischer Schriftsteller auf die Autorität des gelehrten
Visdelou hin nur ihnen die Ehre der Erfindung dieser Mordwerkzeuge zuerkennt, sie ihnen
nicht nur streitig machen, sondern geradezu absprechen, und dies um so nachdrück-
licher, wenn es sich bewährt, dafs, wie man aus alten Urkunden wissen will, schon
im Jahre 1073 der ungarische König Salomon die Mauern von Belgrad mit Kanonen
beschossen hat.
3. Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
327
In Japan findet man die ersten Spuren von Feuergewehren zu Anfang des sech-
zehnten Jahrhunderts unter der Regierung des Mikado Go Kasibara (1501 — 1527).
Allem Anscheine nach waren diese vom benachbarten Festlande herübergekommen.
Aber eine genaue Kenntnis davon erhielten die Japaner erst von den Nanbanzin oder
südlichen Fremdlingen, d. h. Europäern. Geschichtlich erwiesen landete das erste
schwarze Schiff (kuro fune, so heifsen noch heutzutage die europäischen Fahrzeuge)
im Jahre 1530 an der japanischen Küste und zwar im Hafen von Funai in der Provinz
Bungo und brachte dem Fürsten Ohotomono Muneakira zwei Feuergewehre zum Ge-
schenke. Näher bekannt wurde man mit dem Feuergewehre und der Bereitung des
Schiefspulvers erst im Jahre 1543, als Fernan Mendez Pinto nach Tanegasima kam.
Eine ausführliche Erzählung dieses VorFilles, und zwar nach den eigenen Angaben
der japanischen Jahrbücher, findet sich in der Entdeckungsgeschichte von Japan
Mura Sjuksja und Krista Möta; die Kapitäne des Nanbanschiffes werden uns darin
als diejenigen genannt, welche Feuergewehre (Teppo) mit sich führten und eines
davon einem gewissen Tokitaka, Befehlshaber der Insel Tanegasima, zum Geschenke
gaben, ihn auch die Bereitung des Schiefspulvers lehrten. Diese Begebenheit
findet in den abenteuerlichen Reisen des portugiesischen Seefahrers Fernan Mendez
Pinto ihre Bestätigung, was uns somit berechtigt, in den obengenannten Fremd-
lingen Pintos beide Gefährten Diego Zeimoto und Christoval Borallo zu erkennen.
Beide sehen wir in dem japanischen Originalwerke Mangwa Tom. VI abgebildet,
ersteren mit einer Luntenbüchse, letzteren mit einer Rolle Papier und Arzneikräutern.
Sie hatten sich, der eine als Schütze, der andere als Wundarzt, rühmlichst in Japan
bekannt gemacht.
Sjögun Tokijasu liefs hierauf durch einen Schmied, Namens Kunijasu, zehn
Teppö anfertigen, und ein Kaufmann von Sakai, Tatsibanaja Jusanrö, begab sich
zur Erlernung der Schiefskunst nach Tanegasima, wo er zwei Jahre darauf verwendete.
Man nannte diese neue Kunst Teppö-ju, und ihre Verbreitung im Reiche erfolgte
raschen Schrittes. Man belegte das Teppo auch mit dem Namen Tanegasima Teppo,
d. i. eiserne Röhre von Tanegasima; ein neuer Beweis, dafs es auf der genannten
Insel zuerst eingeführt worden.
Zu unterscheiden vom Teppo ist das Isi bija, wörtlich Stein-Feuer-Pfeil, worunter
man Kanonen versteht. Von diesem Geschütze hatten die Japaner bereits im
Jahre- 1528 durch den Verkehr mit China Kenntnis erlangt; doch erst im Jahre 1551
brachte ein Nanban-Schiff, das den Hafen zu Usuki in Bungo besuchte, dem Fürsten
Otomono Muneakira eine Kanone zum Geschenke. Nach glaubwürdigen Augen-
zeugen wird dieselbe noch zu Usuki aufbewahrt.
V on den Handfeuergewehren, Gewehren mit Lunten-
schlössern, Vielgeschossen u. dgl.
Die Handfeuergewehre (Teppö), welche gegenwärtig im Gebrauche sind, unter-
scheiden sich in ihrer Form und Einrichtung wenig von den Modellen, welche die
Portugiesen im sechzehnten Jahrhundert nach Japan gebracht haben. Es sind noch
ganz die alten Luntengewehre. Die Lunte, Hinawa , d. i. Feuerstrick, ist auf dem
Hahne, den man durch einen Druck auf das Zündloch niederlassen kann, befestigt.
Der Hahn ist zu diesem Zwecke mit einer Rinne versehen, in welche man die Lunte,
welche die Dicke eines kleinen Fingers hat, einzwängt (er heifst daher nicht un-
328
Abteilung II. Volk und Staat.
passend Hinawa hazami, Luntenzange). Die Zündpfanne (Hisara, Feuerschale) wird
durch einen Sicherheitsdeckel (Hifuta, Feuerdeckel) vor zufällig abfallenden Funken
geschützt. Auf Fig. 40 Nr. 1 ist ein Jagdgewehr mit der Lunte und geschlossener
Fig. 40. Schiefsgewehr und grobes Geschütz.
Pfanne und in Nr. 1 a das Schlofs mit geöffnetem Sicherheitsdeckel abgebildet. Bei
Soldaten- und Jagdgewehren geht die Lunte durch ein am Anschlag befindliches
Loch (Hinawa towosi ana, Loch zum Durchgang des Feuerstrickes), und das aufge-
rollte Ende derselben wird an den linken Arm gesteckt und bleibt beim Schiefsen
3. Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
329
daran hängen. Man hat auch einen eigenen Gürtel, worin man Luntenstücke zu
Pistolen und Gewehren steckt (Fig. 40 Nr. 5) wie auch den Zunder bewahrt. Mit
dieser dürftigen Einrichtung behilft man sich bis auf den heutigen Tag. Übrigens
sind die Luntengewehre, wie der Soldat und Jäger sie trägt, ganz geschäftet und mit
einem kurzen Kolben versehen. Man fafst diesen beim Schiefsen mit der Rechten,
und führt den Ballen des Daumens gegen die rechte Wange. Das Gewehr ruht so
mit seinem vollen Gewichte auf beiden Armen und findet keine Stütze an der Schulter,
gegen die sich Gewehre mit grofsen Kolben anstemmen. Der kurze Kolben und die
Weise des Anlegens erfordert, dafs der Drucker (Hiki kaue, Zieheisen) um vieles
weiter als bei unseren Gewehren nach hinten steht. Der Lauf ist meistens acht-
eckig, an der Mündung in einen umgekehrt kegelförmigen Wulst auslaufend, ist sehr
massiv aus Eisen, hat aber kleines Kaliber; der Kugeldurchschnitt eines Jagdgewehres
ist gewöhnlich 0,015 Meter. Man hat grade und schneckenförmig gezogene Läufe.
Sie sind durchgehends mit einem doppelten Visier, einem oberen (sjögi kata) und
unteren (maimi ate), wie unsere Kugelbüchsen versehen. Zum Scheiben- und Raketen-
schiefsen sind aufserdem noch sehr plumpe, schwere, aber verhältnismäfsig kurze
Büchsen im Gebrauche, wrelche selbst der stärkste Mann nur mühsam aus freier Hand
abzufeuern vermag. Manche wfiegen an hundert Pfund, schiefsen eine Kugel von
0,030 bis 0,040 Meter im Durchmesser und sind mit Handhaubitzen und Raketen-
röhren zu vergleichen. Die Pistolen, deren man von verschiedener Gröfse hat, haben
dieselbe Einrichtung wie die Luntengewehre. Auch haben die Chinesen und Japaner
Versuche mit doppelten, dreifachen, selbst fünffachen Gewehren gemacht. Auf
Fig. 4 6 0, p sind solche nach Abbildungen aus der obenerwähnten chinesischen
Bilderfibel mitgeteilt. Die Läufe solcher Vielgeschosse sind derart zusammengelötet,
dafs sie eine drei-, vier- oder fünfeckige Stange bilden, an deren unterem Ende ein
langer eiserner, die Stelle eines Kolbens vertretender Handgriff' mit einem Luntenhahne
angebracht ist. Die Läufe werden beim Abfeuern wie bei unseren Drehbüchsen
umgedreht. Allem Anscheine nach bediente man sich dieser Vielgeschosse, welche
sehr schwer und von plumpem Machwerke waren, nur zur Wrtheidigung von Schanzen
und Festungen. Auch machte man Versuche, Spiefse und Hellebarten mit Feuer-
rohren zu versehen. Ich rnufs hier noch bemerken, dafs man in Japan keine Gewehre
mit Bajonetten hat.
Von Patronen, Patrontaschen, Pulverhörnern und Kugelbeuteln.
Der japanische Jäger lädt aus der Hand oder mit einer am Pulverhorn be-
findlichen Ladung (Fig. 40 Nr. 8) und nimmt verhältnismäfsig weniger Pulver
und Schrot als wir; namentlich ist er mit dem Schrot sehr sparsam. Der Soldat
dagegen führt seine Patronen (Hajagö, schnelle Ladung) in einer der unsrigen ähnlichen
Patrontasche (Hajagö ire, Nr. 6) mit sich. Die Patronen sind entweder, wie die
unseren, Papierhülsen, die Pulver und Kugel enthalten (Nr. 4), oder es sind mit
einem Stopfer versehene Büchs chen von Holz oder Kupferblech, worin sich ein Schufs
Pulver mit der Kugel (Nr. 2), oder blofs Pulver (Nr. 3) befindet. In letzterem
Falle hat der Soldat einen eigenen Kugelbeutel. Der in Nr. 10 abgebildete verdient
seines sinnreichen Mundstückes wegen beachtet zu werden; er ist aus einem Gerns-
horn verfertigt und hat die Form eines Schnabels, der die Kugel, wenn sie aus dem
Beutel tritt, festhält, bis man sie mit dem Daumen und Zeigefinger herauszieht.
Abteilung II. Volk und Staat.
33°
Nicht unpassend wird er daher Rabenschnabel (Karasu kutsi) genannt. Jäger und
Soldaten führen als Zündkraut noch feines Pulver in kleinen Büchschen (Nr. 7 u. 9) mit
sich, ein Bedürfnis bei allen Völkern, welche sich mit gemeinem Stückpulver be-
helfen müssen. Die Chinesen und Japaner sind in der Bereitung des Pulvers noch
zurück. Sie kennen zwar die Mischungsverhältnisse; aber es fehlt ihnen an den
mechanischen Vorrichtungen, womit die Ingredienzien gestofsen und gehörig unter-
einander gemengt werden. Auch ist man mit dem Körnen wenig und mit dem
Glätten gar nicht bekannt. Die Verhältnisse des japanischen Pulvers sind gewöhnlich
7 5,7 °l 0 Salpeter, 14,4 °/o Kohle und 9,9 °/o Schwefel.
Vom groben Geschütze.
Das grobe Geschütz, welches ich zu sehen Gelegenheit hatte, bestand in eisernen
Kanonen, 12- und 24-Pfündern, auf schweren, unbehülflichen Laffetten, gleich denen
der alten Schiffskanonen, die zu Modellen gedient haben. Sie heifsen bis heute noch
Isi-bija, d. i. Stein-Feuer-Geschosse, und anfänglich schofs man daraus Steine von
12 Pfund und darüber. Die erste Kunde von solchen Feuerschlünden hat man in
Japan, wie erwähnt, aus China erhalten; genauer lernte man sie erst seit der Mitte
des sechzehnten Jahrhunderts kennen. Gegenwärtig hat man Kanonen und Haubitzen
nach europäischen Mustern des 17. und 18. Jahrhunderts in Eisen und Metall ge-
gossen, Fig. 40 Nr. 12 und 13. Es ist meistenteils Festungsgeschütz. Unseren
Bomben ähnliche Kammergeschütze sind mir in Japan nicht bekannt geworden. Von
Handgranaten ist auf Fig. 40 Nr. 14 eine Abbildung gegeben. Mit unserem Feld-
geschütz der neuesten Zeit ist man übrigens auch genauer bekannt geworden, indem
im Jahre 1825 das Niederländisch-Indische Gouvernement zwei Feldstücke — Sechs-
pfünder mit allem Zubehör • — als Geschenke für den Sjögun nach Nagasaki sandte.
Die Annahme dieser in jeder Hinsicht für Japan wichtigen Kriegsgeräte wurde von
seiten des Sjögun offiziell abgelehnt, während ein gewisser Takaki Mitsunoske, Ober-
konstabler und Befehlshaber der Wache von Nagasaki, sich dieselben unter der Hand
zu verschaffen wufste. Es ist dies wieder ein Pröbchen japanischen Nationalstolzes
und der feinen Kunstgriffe, womit man die niedrige Stufe, auf welcher Kriegswissenschaft
und Kriegswesen offenbar stehen, den Europäern zu verhüllen sucht. Unsere Waffen und
Kriegsgeräte erklärt man für unnötig, und untersagt bei Todesstrafe die Ausfuhr
japanischer Säbel, Luntengewehre, Bogen und Pfeile u. dgl. Die Ausländer dürfen
sich von den einheimischen Waffen nicht einmal Abbildungen fertigen lassen; ja, man
geht in der Auslegung des Gesetzes so weit, dafs kein Bildchen, kein Püppchen,
woran sich Waffen erkennen liefsen, auf öffentlichem Wege nach Dezima gebracht
und zum Kaufe angeboten werden darf. Auch die Einfuhr von Waffen jeder Art ist
streng verboten und sogar das Tragen von Degen und anderen Gewehren den Nieder-
ländern an Bord der Schiffe und auf Dezima untersagt. 1
1 I11 früheren Jahren bis 177 6 trugen sämtliche nach dem Hofe zu Jedo ziehenden Niederländer
ihre Degen. Jetzt ist dieses nur den Gesandten gestattet, und man weifs nicht recht zu sagen, wie
seine Begleiter des gleichen Rechts verlustig wurden. Der russische Gesandte von Resanoff wufste
es sehr gut zu erwirken, dafs man seinen Offizieren das Tragen ihrer militärischen Auszeichnungen
erlaubte, und eine russische Ehrenwache begleitete ihn zur Audienz bei dem Statthalter von Nagasaki.
Dagegen begnügen sich die Direktoren des niederländischen Handels mit einem spanischen Rohre, wo-
mit sie auf Dezima einherschreiten, und lassen sich bei offiziellen Besuchen, auch bei sonstigen Ver-
gnügungsausflügen ihren Degen als Würdezeichen mit Pantoffeln, Theemaschine und Laternen nach-
tragen. Es ist dies angeblich japanische Sitte!
3 . Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
i
Von der R ü s t u n g.
Die älteste Schutzwaffe ist der Schild. Wir finden ihn bei allen Völkern der
Welt. Von den bereits untergegangenen sind uns in Denkmälern und Überresten
i
Fig. 41. Rüstungen, namentlich Schuppenpanzer und Helme.
verschiedene Formen desselben bekannt geworden, und die wilden Stämme, die wir
von Zeit zu Zeit noch entdecken, treten uns häufig mit dieser Schutzwaffe entgegen.
3^2 Abteilung II. Volk und Staat.
Mit der fortschreitenden Civilisation und unter einem Himmelstriche, der eine dichtere
Bekleidung des Leibes erlaubt, begnügte sich der Mensch nicht mehr mit dem Schilde
allein; er erfand bald, zur Beschützung der edelsten Teile seines Körpers, eine Be-
kleidung, wie sie ihm am zweckmäfsigsten schien, oder wie die Verhältnisse, worin
er lebte, es zuliefsen. Die Anfertigung solcher Schutzkleider hielt gleichen Schritt
mit dem Fortschritte der Künste und Gewerbje, bis endlich der Zufall ein Mittel und
der denkende Geist Werkzeuge erfand, denen menschliche Kraft und Kunst kein
widerstandsfähiges Schutzmittel entgegenzustellen vermochten. So ist denn auch
seit der Erfindung der Feuergewehre in Europa und den übrigen von Europäern be-
völkerten Ländern die Schutzrüstung des Körpers bis auf den Kürafs abgeschafft
worden. Unter den asiatischen Völkern haben indessen die gebildetsten — die
Chinesen und Japaner — den Harnisch beibehalten, und er gehört dort zur Bewaffnung
eines Soldaten.
Die Erfindung des Harnisches fällt bei den Japanern in das hohe Altertum.
Zinrnu, der Eroberer, soll sich einen zu Mijasaki in Hiuga haben fertigen lassen
(66 1 vor Chr. Geb.), Jamatotake trug einen Harnisch, als er iio nach Chr. Geb.
zur Bekämpfung der östlichen Wilden auszog, und von der gefeierten Eleidin Zingu-
Kogo und ihrem greisen Feldherrn Takeutsi wissen wir, dafs sie bei der ersten Expedition
nach der koreanischen Halbinsel im Jahre 200 n. Chr. Geb. Rüstungen getragen.
Von diesem Zeitpunkt an kamen die Rüstungen mehr und mehr in Gebrauch,
und im Jahre 790 wurden zu einer Expedition nach Osju auf Befehl des Mikado
zweitausend lederne Panzer und zweitausend neunhundert eiserne Pickelhauben an-
gefertigt.
Die Rüstung, worin gegenwärtig der japanische Ritter erscheint, wenn er im
Dienste ist, und die er mit den Trophäen eines hundertjährigen Friedens mit den
Erzeugnissen der Kunst und den Erfindungen der Prachtliebe ausschmückt, besteht
aus einem Panzer mit Lenden-, Schenkel-, Bein-, Arm- und Schulterschienen und
aus einem Helme mit Nackenschirm, Visier und Ringkragen. Dazu kommen ganz
eigene Schuhe und Unterkleider. Gewöhnlich ist Helm, Panzer und Zubehör aus
Leder verfertigt, mit Metall beschlagen und verziert und mit seidenen Schnüren durch-
flochten und zusammengeheftet.
Seltner ist die Rüstung von Eisen oder sonstigem Metalle; nur Reiter tragen
derlei Kürasse und Pickelhauben. Häufig sind auch Wämser, aus Eisendraht geflochten,
im Gebrauch. Für Kinder und zum Prunke hat man Rüstungen von Papiermache,
mit Messing und seidenen Schnüren und Quasten verziert. Die Farbe der Rüstung,
des lackierten Leders und der seidenen Schnüre nämlich, richtet sich nach dem Stamm-
hause, dem der Ritter angehört. Das Haus Minamoto trägt schwarze Rüstung,
das Haus Taira purpurne, das Haus Fudsiwara blafsgelbe, das Haus Tatsibana hoch-
gelbe. Die Vasallen eines jeden dieser vier Häuser führen dieselben Farben. Bedient
sich ein Ritter einer andern Farbe, so kann dies nur infolge einer ehelichen Ver-
bindung geschehen.
Li ethnographischer Hinsicht verdienen die japanischen Rüstungen um so mehr
unsere Aufmerksamkeit, als sie eines der wesentlichsten Kriegsgeräte eines Volkes
bilden, das im Mittelalter auf dem Tummelplätze des nordöstlichen Festlandes von
Asien eine gröfsere Rolle gespielt hat, als man von einem so abgelegenen Insel-
volke hätte erwarten sollen. Stammten doch wahrscheinlich die Ahnen des Mongolen-
3. Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskenst.
^ 1
fürsten Kublai khan, der den Thron von China eroberte, aus dem japanischen
Fürstenhause Minamoto 1.
I 2
Fig. 42. Rüstungen und Details derselben.
] Meinem unvergefslichen Freunde Tsjusiro, Dolmetscher am Hofe des Sjogun (1822—1826),
verdanke ich die nachstehende, in historischer Hinsicht höchst interessante Mitteilung. «Joritomo, der
sich im Jahre 1185 zum Oberfeldherrn des Reiches mit unumschränkter Gewalt aufgeworfen hatte,
verbannte seinen jüngsten Bruder Jositsune nach Osju, dem nördlichen Teile von Nippon. Der Ver-
wiesene fand da gute Aufnahme und zahlreiche Anhänger seiner Partei. Da sandte Joritomo Truppen
334 Abteilung II. Volk und Staat.
Aber auch in rein technischer Hinsicht erweckt diese Kriegskleidung unser In-
teresse. Der japanische Kunstfleifs zeigt sich auch an ihr in vorteilhaftem Lichte.
Die feinlackierten ledernen Streifen, dachschindelartig durch zierlich verknüpfte seidene
Schnüre übereinander geschichtet; die gegossenen, geprefsten oder gravierten me-
tallenen Verzierungen, an Helm und Panzer geschmackvoll zu einem Ganzen vereinigt,
ziehen die Aufmerksamkeit des Kunstfreundes auf sich, ohne dafs die Umrisse das an
griechische und römische Formen gewohnte Auge beleidigen. Ihre Ähnlichkeit mit
den altgriechischen Rüstungen ist unverkennbar. Ja sie können uns selbst über das
Machwerk jener ältesten Panzer, wovon uns Pausanias die besten, aber immer noch
unzureichenden Berichte mi-tgeteilt hat, eine Aufklärung geben, die jeden Zweifel be-
seitigt. Wir wollen nun die einzelnen Stücke, woraus die Rüstung unserer Japaner
zusammengesetzt ist, näher betrachten.
Von dem Helme.
Auf Fig. 41 und 42 sind vollständige Rüstungen abgebildet. Zu Nr. 1 der
Fig. 41 diente ein Modell, welches die Rüstung des ersten Kriegsministers (Daisjö)
am Hofe des Mikado vorstellt. Auf dem Helme (Kabuto) bemerken wir einen
Drachenkopf (Tatsu gasira), den nur der genannte hohe Staatsbeamte führen darf.
Auch die übrigen Verzierungen dieses Helmes sind Embleme, welche nur den Würden-
trägern am Hofe der Nachkömmlinge der Sonnengottheit zukommen. Wir erkennen
darin eine Sonnenscheibe (Nitsirin), einen Halbmond (Hangets) und zwei Hörner
(Kuwagata). In den letztem will man Bilder des Handpfluges (Kuwa) erkennen,
und erklärt sie nebst einem andern Zeichen, das die Form von Stierhörnern hat, für
die ältesten Helmverzierungen. Aufser den eben berührten giebt es der Helmver-
zierungen noch mancherlei, als Ochsen-, Bocks- und Gemsenhörner, Hirschgeweihe,
dem Ken nachgebildete Schwerter, Dreizacken u. s. w. Ihre allgemeine Benennung ist
Tate mono. Sie werden nur von Rittern von hoher Abkunft und distinguiertem Range
getragen. Die Hörner gelten als Sinnbild der männlichen Kraft und Stärke. An dem
Helm Nr. 2 und 3 haben wir ferner noch zu bemerken die beiden flügelförmigen
Seitenblätter (Fuki gajesi), worauf wir in Nr. 2 das Wappen des Sjögun erkennen;
dann das Wetterdach (Mabi sasi), den bis auf die Schulter herabgehenden Nacken-
schild (Sikoro) und ein an der Spitze des Helms befindliches Loch (Iki dasi no ana,
d. h. Loch, wodurch der Atem hinausgeht), welches der Aberglaube zum Sitze der
Geistereingebung (schin ling) macht.
Von dem Kegel an den Helmen bestehen vielerlei Formen. Es sind deren
über sechzig bekannt, wovon jede ihren besonderen Kunstnamen trägt. Man bemerkt
zu deren Vernichtung. Doch Jositsune entwich mit seinen Getreuen nach Jezo, von wo aus er nach der
Tatarei übersetzte. Von diesem Jositsune stammt angeblich Pei-li-wang, König der Kiur ki» (Genghis).
Diesem wichtigen Ereignis spricht zwar die japanische Reichsgeschichte geradezu entgegen; denn laut
dem Wakan nenkei wurde Jositsune im 4. Monat 1189 vom General Jasuhira in Osju geschlagen
und nahm sich selbst das Leben; und, nach einer Angabe des Nippon Wodai itsiran, sandte Jasuhira
sogar das Haupt des Gefallenen an den Sjögun Joritomo: allein dieser Widerspruch läfst sich leicht
aufklären, wenn man dabei nur die Strenge der Gesetze im Auge hat, welche den gegen Jositsune
entsandten General, bei bekannt gewordener Flucht des Empörers, unfehlbar mit dem Tode be-
straft hätten, und wenn man die japanische Politik näher kennt, der alles daran gelegen sein mufste,
die Flucht eines der ersten Reichsgrofsen, der unberechenbaren Folgen wegen, als Staatsgeheimnis
zu bewahren.
3. Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
335
darunter Tiger- und Drachenköpfe und solche, welche Schlangen, Hähne und Hasen
vorstellen. Sie erinnern uns an die Zeichen des Tierkreises und erhalten somit ihre
Bedeutung.
Merkwürdig ist an den japanischen Helmen das Visier. Es besteht aus einer
Larve mit einer Adlernase, einem grofsen Munde voll silberner Zähne, einem schwarzen,
roten oder weilsen Schnurr- und Knebelbart und tiefen Furchen in den Wangen.
Diese gräuliche Larve heifst Menbö, und wenn die Nase fehlt, Sarubö, Affengesicht.
Oben ist sie mit Riemen an dem Helme und unten an dem Ringkragen befestigt,
und wird noch durch ein über das hervorragende Kinn gehendes Sturmband festge-
halten. Die Augen bleiben frei und ohne Schutz. Der Ringkragen (Notowa) ist dicht
unter dem Kinn angebracht und besteht aus einem Stücke, nur selten aus zwei oder
drei Lappen. Auf Fig. 41 Nr. 3 findet man diese Einzelheiten getreu abgebildet.
Von dem Harnisch.
Der Harnisch, nicht weniger kompliziert als der Helm, besteht aus verschiedenen
Stücken, die wir einzeln näher betrachten wollen. Den vornehmsten Teil bildet der
Panzer (Zengo). Man begreift darunter einen Kürafs mit Lendenschienen und unter-
scheidet zwei Arten desselben: einen mit sieben (Fig. 41 Nr. 1) und einen mit acht
Lendenschienen (Fig. 42 Nr. 1, 2). Ersterer wird von vornehmen Rittern getragen.
Der Kürafs ist aus einem Brust- und Rückenstücke zusammengesetzt, läfst sich an der
rechten Seite öffnen und, wenn er angelegt ist, zuschnüren. Brust- und Rückenstück
werden durch Schulterspangen und Schnüre aneinander befestigt und die Lendenschienen
(Kusa zuri) mit beinernen Knöpfen und seidenen Litzen am Kürasse angeheftet (Fig. 42
Nr. 1). Sie gleichen den am Gurte der trojanischen Helden befestigten Blechstreifen,
die nach den Darstellungen auf Vasen als herabhängende Streifen (Trxspol) erscheinen.
Bei den meisten Rüstungen ist auf dem Rücken des Panzers ein eigenes Futteral (Uke
tsudsu) angebracht, worin Fahnenjunker und Offiziere eine Standarte (Sifan) mit sich
tragen (Fig. 42 Nr. 2). Eine ähnliche Vorrichtung dient auch zur Befestigung des
Köchers. Die Schultern sind durch eigene Schienen (Sode), welche den ganzen Ober-
arm decken, geschützt, und lederne Ärmel (Kode), künstlich mit Eisendraht überflochten
und mit metallenen Knöpfen und Verzierungen besetzt, decken die Arme und Hände
(Fig. 42 Nr. 5 und 8). Auch die Beinschienen (Sune ate) sind von Leder und mit
Metall beschlagen. In alten Zeiten trugen vornehme Ritter Schuhe von Bärenfell, wie
wir sie in Fig. 41 Nr. 4, 5 abgebildet sehen. Jetzt sind solche nur bei Feierlich-
keiten gebräuchlich, während im Felde die Fufsbekleidung des Soldaten aus Strümpfen
(Tabi) und Strohschuhen oder vielmehr Strohsohlen (Wara kudsu), welche mittels Stroh-
seilen an die Füfse gebunden werden, besteht. — Die Beinharnische haben viel Ähn-
lichkeit mit den Kvy][u§£<; der Griechen und Ocreae der Römer, werden ebenso be-
festigt, aber an beiden Beinen angelegt.
Noch sind ein Paar Schienen zu berühren, welche wir auf Fig. 42 Nr. 1 unter
den Lendenschienen hervorragen sehen. Sie sollen zur Beschützung der Schenkel und
Kniescheiben dienen und heifsen Wakiate. Zur vollständigen Rüstung gehören auch
Hosen, Sita bakama, kurze, aus einem schweren, oft sehr kostbaren, mit Gold durch-
wirkten Seidenstoffe verfertigte Beinkleider, die so eingerichtet sind, dafs der geharnischte
Mann durch kein natürliches Bedürfnis in Verlegenheit geraten kann.
Dies wären nun die vorzüglichsten Stücke der Rüstung eines japanischen Ritters.
Abteilung II. Volk und Staat.
Er nennt sie Kamigi , Oberkleider , im Gegensätze von Simogi , Unterkleider , deren
Beschreibung uns noch erübrigt. Liebhaber der Waffenkunde und Freunde des
Altertums werden mich entschuldigen, wenn ich in solche Einzelheiten eingehe. Es
hat für sie ein wesentliches Interesse, und meine übrigen Leser mufs ich bitten, jenen
zu lieb noch mit anzusehen, wie der japanische Ritter von Fufs bis Kopf sich ankleidet
und Rüstung und Waffen anlegt.
Das erste, was unser Kriegsmann auf den blofsen Leib anlegt, ist ein Brustlatz
(Fundosi), der sich als Schamschürzchen verlängert und mit einem Bande über dem
Nacken und um die Lenden befestigt wird. Das Bruststück ist mit Moksa wattiert,
welche den Leib vor Erkältung und Erhitzung bewahren soll. Hierauf zieht er ein
Unterkleid (Sitagi) oder nur ein gewöhnliches Hemde (Hadagi) an und bindet es
gleichfalls mit einem Bande (Hoso obi) um die Hüfte fest. Diese Hemden sind vorne
offen, von hellblauem, selten weilsem Kattun, zur heifsen Jahreszeit von Nesseltuch
oder Seidenzeug, im Winter wattiert. Nun greift der Ritter zu den Strümpfen —
kurze Socken, welche die grofse Zehe frei lassen — über welche er Beinbinden (Ki
jahan) von Kattun, Binsen oder Baumbast anlegt. Sie haben den Zweck, das Schien-
bein vor Druck und Reibung der Beinharnische zu bewahren. Jetzt werden die oben-
beschriebenen Hosen und Beinschienen angezogen, und da sich unser Ritter noch be-
quem bücken kann, so bindet er seine Strohschuhe fest. So weit kleidet er sich auf
seinem Rüstungskoffer sitzend an; Stück für Stück wird in der angegebenen Ordnung
und nach bestimmten Handgriffen angelegt. Alles geht in bestimmten Tempos vor
sich. Nun steht er auf, zieht den linken, dann den rechten Panzerärmel an, fällt aufs
rechte Knie, steckt den linken Arm durchs Armloch des Kürasses, befestigt den rechten
Achselriemen und schnürt den Panzer zu. Hierauf umgürtet er sich mit einer Schärpe,
steckt sein grofses und sein kleines Seitengewehr zu sich, legt ein Stirnband an, setzt
seinen Helm auf und befestigt mit dem Sturmband die Larve. Da steht nun unser
Krieger in voller Rüstung und hat nur noch nach Spiefs oder Bogen und Köcher zu
greifen, um zu Fufs oder zu Pferde ins Feld zu ziehen. Es ist aber in Japan seit dem
Jahre ein tausend sechs hundert und vierzig — Friede!
Von dem Schilde.
Die Schilde schreiben sich gröfstenteils aus alten Zeiten her, wo man noch keine
Feuergewehre hatte. Sie haben sich aber, trotz der Bekanntschaft mit diesen, nicht
blofs im Andenken erhalten, sondern sind hier und da auch im Gebrauche geblieben.
Am wenigsten gebräuchlich war der Handschild (Tetate); denn die tüchtigen Har-
nische machten dem japanischen Ritter ein Geräte entbehrlich, das ihm, wollte er
sein Schwert mit beiden Händen führen oder den Pfeil abschiefsen, mehr hinderlich
als nützlich war. Um so mehr dagegen bewährten sich im offenen Felde wie im
verschanzten Lager die sogenannten Katsi täte, d. i. Fufsgängerschilde, die das leichte
Fufsvolk trug und dem angreifenden Feinde wie eine Brustwehr entgegenstellte. Bei
dem Rückzüge trug: man sie auf den Schultern und deckte sich damit nach Art der
testudo militaris. In alter Zeit waren sie bemalt und auf der Mitte war ein Drachen-
kopf u. dgl. angebracht. Die Katsi täte sind noch gegenwärtig im Gebrauche. Man
hat sie 3 — 5 Fufs hoch, in Form eines länglichen Vierecks, aus 3 — 5 Zoll dicken
Brettern der asiatischen Celtis oder des Kampferbaumes verfertigt. Auch aus Ochsen-
häuten werden sie hergestellt. Auf der inneren Seite ist ein beweglicher Stock an-
3- Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
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gebracht, mittels dessen der auf den Boden gestellte Schild in mehr oder weniger
aufrechter Stellung sich halten und einen ganzen Mann verbergen kann. Auf Fig. 43
Abb. a ist ein solcher Schild abgebildet,
Von dem Räderschilde und andern Verteidigungsmitteln
gegen Wurfgeschosse.
Aus der Vereinigung mehrerer Schilde entstand der schwerfälligere Räderschild
(Kuruma täte). Er bildet eine Dielenwand mit Schiefsscharten und ruht auf einem
Fig.
43. Schilde, Leitern und anderes Kriegsgerät.
Gestelle mit vier niedrigen Rädern. Fig. 43 Abb. b. Später, etwa in der Mitte des
sechzehnten Jahrhunderts, verfertigte man solche Räderschilde aus aneinandergereihten
Bambusbündeln. Sie vereinigen mit gröfserer Leichtigkeit den Vorteil, dafs sie auch
eine Schutzwehr gegen Feuerwaffen bilden. Die auf Rädern stehenden heifsen Kuruma
taketaba (Abb. c), die ohne Räder Taketaba. Letztere sind tragbar. Man hat auch mit
Pfählen auf dem Grunde befestigte Hürden (Uje taketaba, d. i. aufgepflanzte Bambus-
v. Siebold, Nippon I. 2. Aufl.
22
338
Abteilung II. Volk und Staat.
Schilde), welche unsern Schanzkörben gleichen und zur Deckung gegen grobes Ge-
schütz errichtet werden.
Von den Blendungen.
Eine grofse Rolle spielten in Japan von jeher und bis auf den heutigen Tag die
sogenannten Maku — eigene Vorhänge, deren man sich ursprünglich zur Abwehr
Fig. 44. Flaggen und Standarten.
von Pfeilen, Steinen und anderen Wurfgeschossen bediente. Anfänglich umkleidete
man damit nur Schanzen und Brustwehren der Festungen, spannte sie bei Piketen
auf, umhing damit Kriegsfahrzeuge und wendete sie überall da an, wo man einer
Schutzwehr gegen Wurfgeschosse bedurfte. Gewöhnlich waren sie von Hanftuch oder
starkem Kattun, weifs oder blau und mit dem Wappen des Fürsten, des Feldherrn
oder irgend eines kommandierenden Offiziers verziert. Es waren Schanzkleider im
eigentlichen Sinne des Wortes. Später wurden sie auch bei militärischen und andern
Feierlichkeiten, an öffentlichen Plätzen und vor den Palästen der Grofsen als Blenden
aufgehängt. Ihr Gebrauch wurde immer allgemeiner, und bald gehörten sie zu den
C j o o z o
3 . Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
339
Macht- und Würdezeichen der Grofsen. Prachtliebe spannte sie allenthalben zum
Prunke aus. Jetzt flattern sie vor der Burg des Sjögun, an Kamihallen und
Buddhatempeln, vor Kasernen und vor Schauspielhäusern. Blühende Kirschenhaine
sind damit umgeben und werden so zu Lustzelten umgeschaffen; auch die Gallerien
der Theehäuser der berüchtigten Josi wara-Strafse in Jedo sind mit solchen Schanz-
kleidern behängen Weifs und hellblau sind noch immer die beliebtesten Farben;
man hat aber auch gelbe, purpurfarbige und grüne.
Als Kriegsgeräte sind die Schanzkleider noch gegenwärtig allgemein im Ge-
brauche und bei Garnisonen, in Festungen und Wachthäusern vorhanden. Vor der
Einführung der Feuergewehre mögen sie gute Dienste geleistet haben; jetzt dagegen
sind sie eher für Kriegssignale und Feldzeichen als für Schutzschirme anzusehen. Als
erstere liegen sie auf den ersten Wink bereit, und kaum zeigt sich ein fremdes Segel
an der Küste, so werden alle Wachen und Batterien damit behängen.
Von den zum Kriegsdienste bestimmten Schanzkleidern hat man zwei Arten,
die gewöhnlichen Maku und die Utsi maku oder inneren Vorhänge. Bei den ersteren
ist der Stoff, woraus sie bestehen, in wagrechter Richtung zusammengenäht, bei den
letzteren läuft die Naht der Streifen von oben nach unten. Beide sind oben mit
Schleifen (Tsi) besetzt, durch welche ein Seil (Tenawa) gezogen und, wenn man
sie im Felde braucht, an eisernen Pflöcken (Kusi) befestigt wird. Form und
Mafs sind genau bestimmt, auch die Zahl der Streifen, Schleifen und Lugschlitze.
Astrologische Deutungen und Glück kündende Zahlenverhältnisse kommen auch hier-
bei in Betracht. So setzt man die Zahl der Schleifen gerne auf 28 fest und benennt
sie nach den 28 Sternbildern, während man die 9 Lugschlitze (Monomi) eines Maku
mit den Namen von Sonne, Mond und den sieben Planeten belegt. Die Maku haben
gewöhnlich nur fünf Streifen, abwechselnd von blauer und weifser Farbe. Die Utsi
maku bestehen aus einem querlaufenden Streifen, woran 12 und mehrere Streifen
lotrecht herabhängen. Diese Art Blendungen sind gewöhnlich einfarbig, jetzt weifs;
in alten Zeiten waren sie auch hellgelb, violett oder hellgrün. An den Höfen der
Grofsen und bei Festen, wo sie zum Prunke dienen, hat man sie von Damast und
anderen kostbaren Seidenzeugen. Häufig werden sie mit Wappen versehen, welche
bei den Utsi maku auf dem oberen Querstreifen angebracht sind, bei den Maku
hingegen mehr oder weniger die fünf Felder bedecken oder auf denselben zerstreut
stehen und zwar in der Weise, dafs man aus ihrer Stellung und Gröfse nicht blofs
Rang und Würde, sondern selbst Geburtsvorrechte vom Majorate bis zum sechsten
Sohne erkennen kann. So ist z. B. auf dem Maku des Mikado und des Sjögun
das Wappen von solcher Gröfse angebracht, dafs es bis ins fünfte oder unterste
Feld reicht, während es bei den übrigen Fürsten (den Koke und Daike, d. i.
hohen und grofsen Häusern) vom zweiten bis ins vierte Feld und bei Offizieren (Sjo si)
vom zweiten bis ins dritte geht. Die einzelnen Felder oder querlaufenden Streifen
haben ihre besonderen Namen; das oberste heifst Tsi tsuki no 110, d. i. Feld, woran
die Schleifen sitzen; das zweite Monomi no no, das Späherfeld, weil es die Lugschlitze
enthält; das dritte Gun sjö no no oder Siegesfeld; das vierte Feian no no, Feld des
Friedens; das unterste Siba utsi no no.
Die für den Kriegsdienst bestimmten Schanzkleider werden gegenwärtig nach
den auf Fig. 44 Abb. i und Fig. 45 Abb. k abgebildeten verfertigt. Die gröfseren
sind 4 Zjö 2 Sjak (16,030 Meter) lang, die mittleren 3 Sjö 6 Zjak (12,728 Meter)
340
Abteilung II. Volk und Staat.
und die kleinen 3 Zjö (10,454 Meter). Die Höhe der Maku ist durchgehends die
gleiche, 6 Sjak (2,274 Meter), also der Gröfse eines Mannes entsprechend; die Utsi
maku hingegen sind bald niedriger, bald höher, je nachdem sie zu Blendungen oder
Zelten dienen. In letztem Falle werden sie in Form eines Vierecks aufgestellt, und
ein ganzes Feldlager von solchen Zelten heifst Maku fu, Blendenstadt. In alten Zeiten
hatte man ein sehr einfaches, aus Bambusreifen verfertigtes, mit Tuch oder geöltem
Papiere überzogenes Gestelle — Kakuntö, das einem Wiegenschirme, womit man
Kinder gegen Fliegen schützt, glich. Unsere alten Japaner schützten sich damit
vor Moskiten und Regen. Bei Feldzügen in heifsen Ländern wäre diese Vorrichtung
einer Beachtung würdig; man müfste sie derart anfertigen, dafs sie leicht fortzu-
schaffen wäre und den kampierenden Soldaten vor Regen und den unerträglichen
Moskiten schützte.
Von den künstlichen Hindernissen.
So lange die Kriegskunde bei einem Volke noch auf einer niedrigen Stufe steht,
fällt es schwer, bei der Beschreibung seiner kriegerischen Werkzeuge zwischen eigent-
3. Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
34 1
liehen Schutzwaffen und anderen Gegenständen, welche man zu persönlichem Schutze,
oder zur Verteidigung einer gröfseren oder kleineren Anzahl Krieger anwendet, eine
genaue Grenze zu ziehen. Zu den eigentlichen Schutzwaffen gehören streng genommen
nur solche Werkzeuge, die der Krieger trägt oder leicht tragen kann, und welche
dazu dienen, die Wirkung der feindlichen Waffen zu verringern oder gänzlich aufzu-
heben, also Rüstung und Schild. Die leicht beweglichen Räderschilde führten auf
den Gedanken, tragbare Schanzkörbe aus Bambus herzustellen. Wir haben diese
Kriegswerkzeuge oben beschrieben, da sie sich nicht leicht von den übrigen Schutzwaffen
trennen lassen. Wir wollen nun noch die Mittel anführen, wodurch man dem Feinde
selbst den Zugang erschwert, nämlich die sogenannten künstlichen Hindernisse. Hier-
her gehören die Fallstricke und Verhaue, die spanischen Reiter, Fufsangeln und Wolfs-
gruben. Diese Otosi ana, Fallgruben genannt, sind gewöhnlich 5 Fufs lang und
3 Fufs breit, bei einer Tiefe von 4 Fufs; der Boden ist mit spitzen Pflöcken besteckt,
und eine leichte Decke von Gesträuche, Laub und Gras verbirgt sie dem Auge des
Feindes. Sie werden auf den Wegen, die der Feind voraussichtlich zu begehen hat,
innerhalb und aufserhalb der Festungsthore angebracht und zwar je drei in Form
eines gleichseitigen Dreiecks. Nebstdem wurden die Zugänge auch mit Fallstricken
versehen, die man an Pflöcken, welche in unregelmäfsigen Abständen in den Boden
geschlagen worden, so befestigte, dafs Mannschaft und Pferd darüber straucheln mufsten.
Sie haben Ähnlichkeit mit unseren Verpfählungen und den sogenannten Eggen. Die
Stellung der Pflöcke und die Art und Weise, die Stricke zu legen, ist nach dem
Terrain verschieden. Man nennt diese Vorrichtung Rankugi, Streitpflöcke. Das
Dornengesträuche (Sakamogi) besteht aus hirschgeweihartig zugespitzten Ästen,
welche man im Boden befestigt und einige Fufs über die Erde hervorragen läfst.
Sie werden, gleich unserem Verhaue, vor Feldbefestigungen und auf dem Glacis der
Festungen angebracht, um der Reiterei den Zugang zu wehren. Auch spanische
Reiter werden in Japan gebraucht. Sie bestehen aus kreuzweis auf einem eigenen
Lattenwerke befestigten, zugespitzten Bambusstangen und werden auf Brustwehren und
Mauern angebracht. Sie heifsen Takesakamogi. Unser Staatsgefängnis Dezima ist
damit befestigt; auch die russische Gesandtschaft hat sie in Megasaki kennen gelernt.
Fufsangeln, ganz ähnlich den Fufseisen, deren sich die Römer gegen Reiterei,
Kamele und Sichelwägen bedienten, sind die Hisi-Hörner der Japaner, die ihren
Namen von einer Art Wassernufs (Trapo bicornis), Hisi genannt, entlehnt haben.
Sie sind aus gekrümmtem, zugespitztem Bambusrohre oder aus Eisen verfertigt,
stehen immer auf drei Spitzen und kehren die vierte in die Höhe. Sie werden
als offene und verborgene Schutz wehr, auf grasbedeckten Feldern und in Wasser-
gräben und Furten angewendet. Sie verwunden Menschen und Pferde und machen
sie untauglich.
Noch ist eine sinnreiche Vorrichtung zu erwähnen, um den in die unter-
irdischen Gänge der Festungen eindringenden Feind zurückzutreiben. Es ist ein Wind-
rad, ganz ähnlich den Flügelrädern der Getreide-Fegemühlen, und man treibt damit
den Feinden Kalkstaub in die Augen, Man heifst diese Maschine Fusenscha, d. i.
Fächermühle. Ihre Gröfse riebet sich nach dem Raume des Ganges, w7o sie aufge-
stellt werden soll.
Zu den künstlichen Hindernissen kann man auch das Sperren von Häfen und
Flufsmündungen mittels schwerer Ketten zählen. Eine solche liegt zu Nagasaki bereit,
342
Abteilung II. Volk und Staat.
um den Eingang des Hafens bei den sogenannten kaiserlichen Wachen zu sperren,
und wahrscheinlich hält man, zur Sicherheit der Residenzstadt des Sjögun, auch in der
Bai von Jedo und bei den Forts an der Mündung des Nakagawa ähnliche Vorrich-
tungen bereit.
3- Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
a43
Von den Angriffs- und Vert ei digungs -Waffen und Maschinen
bei Belagerungen.
Zum Schlüsse des Kapitels von den Waffen mufs ich meine Leser noch mit
einigen Werkzeugen und Vorrichtungen bekannt machen, welche man in Japan und
China vor der Einführung der Feuerwaffen beim Angriff' und bei der Verteidigung
o O O o
befestigter Lager und Festungen in Anwendung gebracht hat und zum Teile noch
jetzt in Zeughäusern für den Fall eines Krieges bereit hält.
Die Maschinen und Vorrichtungen, welche wir hier noch zu beschreiben haben,
gehören also gröfstenteils der Zeit vor Einführung der Feuerwaffen an und einige
davon scheinen selbst die Japaner blofs dem Namen nach und aus Abbildungen, welche
chinesische Bücher davon gaben, gekannt zu haben. Nur wenige davon sind gegen-
wärtig noch gebräuchlich oder werden in Zeughäusern aufbewahrt.
Für die Taktik der Gegenwart werden unsere Mitteilungen über dergleichen
Werkzeuge, einige sinnreiche Verbesserungen an den Sturmleitern ausgenommen,
wenig Wert haben, aber um so wichtiger sind sie für Altertumskunde und Ge-
schichte; denn wir lernen Gegenstände kennen, welche, obgleich am äufsersten Ende
der alten Welt aufgefunden, eine zu auffallende Ähnlichkeit mit den Kriegswerkzeugen
der alten Griechen und Römer haben, als dafs man einen Verkehr derselben mit dem
weitentlegenen, aber in der Gesittung ihnen vorausgeschrittenen China länger in
Zweifel ziehen könnte. Doch nicht blofs Ähnlichkeit werden wir zwischen diesen
Kriegsgeräten und denen der beiden klassischen Völker finden, sondern auch Aufschlufs
und Belehrung über die Beschaffenheit und Einrichtung mancher uns blofs dem Namen
nach oder aus mangelhaften und zum Teil fingierten Abbildungen bekannt gewordener
Werkzeuge und Vorrichtungen. In dieser Hinsicht sind die Mitteilungen, welche wir
geben zu können glauben, gleich wichtig und unterhaltend, und wir wollen also mit
einer aus der klassischen Literatur allgemein bekannten Belagerungsmaschine den Anfang
machen. Der Mauerbrecher, der Tschoang tsche, d. i. Stofswagen der Chinesen, der
indessen längst schon aus dem Gebrauche gekommen. Er ist dem sogenannten
schwebenden oder tyrischen Sturmbock (aries pensilis), dessen sich die Griechen und
Römer bedienten, ähnlich. Das Kopfstück war in Form einer Pfeilspitze, massiv von
Eisen oder Metall, und der Stofsbalken wurde in der Mitte mit einem Seile an einer
walzenförmigen Winde, welche quer auf zwei auf einem Gestelle mit vier niedrigen
Rädern errichteten Pfählen ruhte, aufgehängt. Mittels der Winde konnte der Stofs-
balken höher oder tiefer gehängt werden, wodurch er beim Stofsen gegen die Mauer
mehr oder weniger Spielraum und Kraft gewann. Das Nähere zeigt die Abbildung,
Fig. 46 Abb. v die aus der mehrerwähnten chinesischen Bilderfibel entlehnt ist. Ab-
gesehen von dem Namen, giebt die dort eingerückte Erklärung: «Kosiraje wa abura,
simegino gotosi, sirowo tsuku mono nari», «an Gestalt einer Ölpresse ähnlich,
dient dies Geräte zum Stofsen gegen Festungsmauern» den Zweck dieser Maschine
deutlich an.
Die Räderschilde haben wir bereits oben erwähnt und in Fig. 43 Abb. b und c
die noch gegenwärtig gebräuchlichen abgebildet. Vor Einführung der Feuerwaffen,
bedienten sich auch die Chinesen bei Belagerungen einer der Nr. 2 ähnlichen
Maschine. Sie hiefs Mök miu teu, d. i. hölzerner Mädchenkopf, war sehr massiv
aus Dielen verfertigt, 6 Fufs hoch und 3 breit und konnte auf vier Rädern fortbewegt
werden.
344
Abteilung II. Volk und Staat.
Die Chinesen hatten noch andere bewegliche Schutzdächer, welche, nach den
Abbildungen zu urteilen, mit dem Musculus und der Testudo fossaria der Römer
grofse Ähnlichkeit hatten und zu gleichem Zwecke gebraucht wurden. Eine Ab-
bildung eines solchen Schutzdaches teilen uns die französischen Missionäre zu Peking,
im VIII. Bande ihrer Memoires (Nr. 46) mit unter der Benennung: «Ane de bois
a tete pointue«. Eigentlich war es eine mit ungegerbten Ochsenhäuten überspannte,
auf sechs Rädern bewegbare Hütte, 15 Fufs hoch und 8 lang und breit, worin zehn
Mann Platz hatten. Unter diesem Schutzdache näherte man sich den Mauern einer
belagerten Stadt, wenn man sie untergraben wollte. Auch bei der Herstellung einer
Mine kamen sinnreiche Vorrichtungen in Anwendung. Man bediente sich während
des Unterminierens eigentümlicher Stützen, viereckiger, aus Balken verfertigter, trag-
barer Gestelle, welche, in kurzen Zwischenräumen gesetzt, das Einstürzen der Erde
und Gesteine hinderten und einen Stollen bilden halfen, der sodann mit Reisholz und
anderen brennbaren Stoffen ausgefüllt und angezündet wurde. Mit dem Verbrennen
der hölzernen Stützen fiel der Stollen ein, und Wall oder Mauer, welche auf diese
Weise untergraben waren, stürzten zusammen. Die Chinesen nennen eine solche Mine
Ti tao, d. i. Erd- (unterirdischer) Gang.
Auch in der Kriegskunst der alten Römer finden sich die eben berührten Vor-
richtungen der Chinesen wieder. Die chinesische Räderhütte steht der Testudo
fossaria gegenüber, während die viereckigen Balkengerüste unverkennbar die von
Vegetius unter dem Namen Musculus beschriebenen kleineren Maschinen sind, deren
mehrere miteinander verbunden zum Untergraben der Mauern gebraucht wurden.
Im Ti tao selbst lassen sich jene verborgenen, unterirdischen Minen, welche die
Römer Cuniculi nannten, wiedererkennen.
In chinesischen und japanischen Büchern werden noch einige andere höchst
merkwürdige Maschinen, womit man sich, vor der Bekanntschaft mit den Feuerwaffen,
verteidigte, beschrieben und abgebildet. Auf den ersten Blick erkennt man in ihnen
Wurfmaschinen, ähnlich den Katapulten, Ballisten und Onager; die Abbildungen der
Chinesen und Japaner geben uns, was noch wichtiger ist, von solchem groben Ge-
schütze einen weit deutlicheren Begriff, als die mangelhaften Beschreibungen griechischer
und römischer Schriftsteller mit all ihren Commentatoren.
Die Namen Catapultae (xaTaTrsXrai) und Ballistae (v. ßaXXeiv) werden bei den
alten Schriftstellern häufig miteinander verwechselt. Erstere kamen bei den Römern
ganz aufser Gebrauch; ihr Name findet sich bei Vegetius, der unter Valentinian
(370 — 378) lebte, nicht mehr. Über die Einrichtung beider Maschinen ist uns nichts
genau bekannt geworden. Wahrscheinlich waren es grofse Bogen, welche man mit
Stricken und eigenen Vorrichtungen spannte und damit ungeheure Pfeile — oft
12 Fufs lange Balken mit starken eisernen Spitzen — abschofs. Die Katapulten
unterschieden sich von den Bailisten dadurch, dafs sie ihre Geschosse mehr horizontal
warfen, während die der letzteren eine bogenförmige Flugbahn hatten. Jene vertraten
unsere Kanonen, diese unsere Mörser. Die Onager (onagri 6'vaypoi, [xovdrpuovsc) waren,
allem Anscheine nach, grofse Schleudern, womit man Steinmassen, getötete Soldaten,
ja selbst tote Pferde u. dgl. in die belagerten Städte schleuderte.
Eine den Katapulten und Ballisten der Griechen und Römer ähnliche Wurf-
maschine ist unstreitig der Ojumi der Japaner oder Nu der Chinesen — eine
kolossale, aus drei Bogen zusammengesetzte Armbrust, welche auf einem Gestelle
3. Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
345
ruht. Wir haben von diesem merkwürdigen Kriegswerkzeuge auf Fig. 46 Abb. 5
eine genaue Abbildung nach der mehrmals citierten chinesischen Bilderfibel gegeben
und bereits früher derselben erwähnt. Dafs diese Wurfmascbine aus China stammt,
unterliegt keinem Zweifel. Die Japaner haben sie übrigens, laut Aussage ihrer Ge-
schichte, zuerst im Jahre 618 aus Korea erhalten. Man schofs damit grofse Pfeile
mitunter auch Feuerpfeile, welche mit Werg und anderen brennbaren Stoffen um-
wunden und mit Harz und Schwefel bestrichen waren und auf Häuser, Fahrzeuge
und Kriegsmaschinen der Feinde geschossen wurden, wo sie stecken blieben und
zündeten. Sie erinnern uns an die ignita tela, 8idwuopa ßsky], oder falaricae, ßsXo-
ovs vöövai, jene brennenden Pfeile des Altertums, welche eine drei Fufs lange eiserne
Spitze hatten, und deren 9 Fufs langer Schaft mit brennbaren Stoffen umwickelt
war. Der in Fig. 46 Abb. n abgebildete japanische Feuerpfeil entspricht dieser Be-
schreibung.
Ein anderes kolossales Wurfgeschofs war der Pao tsclie oder Schleuderwagen
der Chinesen, womit man Steine aus den Festungen auf die Belagerer warf. Man
hatte mehrere Arten: solche, welche auf einem eigenen Gestelle mit Rädern standen,
und andere, welche auf blofsem Boden befestigt wurden. Die Einrichtung beider ist
eine und dieselbe und äufserst einfach. Ihre Wirkung beruht auf den Gesetzen eines
zweiarmigen, physischen Hebels. Eine auf einem Gestelle bewegliche Welle dient
zur Unterstützung eines Hebebaumes, an dessen langem Arme eine Schleuder zur
Aufnahme der Wurfgeschosse, und an dessen kurzem Arme dagegen 15 bis 20 Stricke
befestigt sind. An diesen konnten eine Menge Leute ziehen, um das in der Schleuder
befindliche Wurfgeschofs emporzuschnellen. Die Welle ist in der Mitte durchbohrt,
und durch das Loch läuft der Hebebaum, der aus seinem Gleichgewichte verschoben
werden kann. Es versteht sich von selbst, dafs in dem Verhältnisse, als man den
Hebelsarm der wegzuschleudernden Last verlängert und somit den Hebelsarm der
Kraft verkürzt, das Geschofs durch die Maschine um so weiter fortgeschleudert, aber
auch mehr Menschenkraft dazu erfordert wird. Zur Berechnung des Abstandes — des
gröfseren oder kleineren Bogens, den das Geschofs zu beschreiben hat, um das vor-
gesteckte Ziel zu erreichen, ist der Hebebaum in Grade geteilt. Das Gestelle, worauf
die Welle ruht, kann nach allen Richtungen gedreht werden, ohne dafs der Wagen selbst
gewendet werden mufs. Auf Fig. 47 n haben wir von einem solchen Schleuderwagen
eine Abbildung gegeben. Die Maschine ist in hohem Grade merkwürdig und hat,
ihrer Wirkung nach zu urteilen, viel Ähnlichkeit mit den Onagern der Römer.
Eine andere, noch einfachere Wurfmaschine der Chinesen war der Hi kiü, d. i.
fliegende Strohwisch. Sie bestand in einer Stange — einem Hebel, der, statt auf
einer Welle, blofs auf einem mit einer Gabel versehenen Pfahle ruhte. Am Hebelsarm
der Last war der wegzuschleudernde Gegenstand, ein brennender Strohwisch oder
Pechkranz, und am Hebelsarm der Kraft ein Strick befestigt. Diese Maschine warf
nicht weit infolge ihrer geringen Kraft (Fig. 47 lo). Sie gleicht in ihrem Mecha-
nismus dem Tolleno der Alten, der höchst wahrscheinlich auch nur als Hebel-
schleuder diente und nicht, wie man glaubt, um Mannschaften auf die Türme und
Mauern belagerter Festungen zu setzen oder einen Mann in die Höhe zu heben zur
Erspähung, was oben in den Türmen oder innerhalb der Mauern vorging. Für
diesen Zweck hatten die Alten gewifs auch ihre Maschinen, gerade wie die Japaner
und Chinesen.
Abteilung II. Volk und Staat.
Bei den beiden letztgenannten Völkern trifft man Maschinen, welche sehr gut
die Stelle eines Wachturms vertreten, wenn es sich darum handelt, die herannahenden
Feinde zu erspähen, oder ihre Stellung zu beobachten, oder zu erforschen, was in
Fig. 47. Streitwagen und Belagerungsmaschinen.
verschanzten Lagern oder belagerten Städten vorgehe. Die Konstruktion dieser Kriegs-
maschinen ist von verschiedener Art. Am vollkommensten ist der sogenannte Kuruma-
seirö, d. i. mit Rädern versehene Nestturm, den man auch Hiki seirö, Nestturm
3- Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
347
zum Ziehen und Tsuri seirö , Angelnestturm nennt. Er besteht aus zwei Masten,
die auf einem mit vier Rollen versehenen Gestelle befestigt und an ihrem oberen
Ende durch eine eiserne Querstange verbunden sind. An dieser ist ein Flaschenzug
befestigt, mittelst dessen ein viereckiger Kasten, worin sich ein oder mehrere Soldaten
befinden, in die Höhe gezogen wird. Der Käfig, 15 Fufs hoch und 4 Fufs breit,
war ehemals mit Rindshaut überzogen; jetzt ist er gewöhnlich mit Kupferplatten be-
legt und mit Lugschlitzen und Schiefsscharten versehen. Die Abbildung, welche wir
dem obenerwähnten Aufseher des Arsenals zu Jedo verdanken, befindet sich auf
Fig. 43 Abb. h.
Mit einer ähnlichen Maschine der Chinesen haben uns die Missionäre zu Peking
bekannt gemacht. Sie nennen dieselbe: Echelle ä etage, pour voir par dessus les
murailles d’une ville. Von dem Kuruma seirö der Japaner scheint sich diese dadurch
zu unterscheiden, dafs der Kasten nicht aufgezogen wird, sondern auf einem Maste
befestigt ist, an dem ein Soldat hinauf klimmen mufs. In unserer chinesischen Bilder-
fibel findet sich eine bessere Abbildung dieser Maschine, die da unter dem chinesischen
Namen Wang kö, d. i. Lugturm, aufgeführt wird. Der Wächter oben steckt bei
Annäherung des Feindes eine Fahne aus.
Zu einem ähnlichen Zwecke brauchen die Japaner noch eine andere, einfachere,
aber sinnreich ausgedachte Maschine, den Kumi age seirö oder Nestturm, um mehrere
Leute in die Höhe zu bringen. Er ist ein massives, aus Balken in Form einer drei-
eckigen Pyramide gezimmertes Gestelle, aus verschiedenen Stockwerken zusammen-
gesetzt, die wieder abgenommen und auf diese Weise leicht fortgeschafft werden
können. (Fig. 43 Abb. y). Diese turmartige Steige gehört auch zu den Sturm-
geräten und ist noch im Gebrauch.
Zum Ersteigen der Mauern bedienen sich die Japaner, nach dem Vorbilde der
Chinesen, hölzerner Steigleitern, Strickleitern und Hakenstricke. Von den Steigleitern
sind uns zwei Formen bekannt geworden, wovon die eine leicht tragbar ist und eine
ungemein scharfsinnige Einrichtung hat. Sie besteht nämlich aus 3 oder 4 etwa
3 Fufs langen Stücken, die je fünf Sprofsen enthalten und durch Scharniere verbunden
und wfieder auseinandergenommen werden können, so dafs ein Mann im Sturmmarsche
sie leicht tragen kann. Da wieder mehrere solcher Leitern durch künstliche Ver-
bindungsbeschläge vereinigt und aufeinander gesetzt werden können, so sind auf diese
Weise drei tüchtige Soldaten imstande, eine an 36 Fufs hohe Leiter eilends zum
Sturme herbeizuschaffen. Gewöhnlich findet man die Mauern der Festungen beim
Ersteigen höher, als man sie vorher geschätzt hat, und in den meisten Fällen sind
die Sturmleitern zu kurz. Diesen Fehler verbessern die japanischen Scharnierleitern,
welche man durch Zusammensetzen beliebig verlängern kann. Sie heifsen Tsugi
hasigo, d. i. Leitern zum Zusammenfügen (Fig. 43 Abb. d).
Eine andere Art hölzerner Sturmleitern heifst Kaki hasigo, Hängleiter. Sie sind
niedrig, haben blofs sieben Sprossen und sind am oberen Ende mit eisernen Haken und
Stricken versehen, um sie leicht befestigen zu können (Abb./). Es scheint, dass man
in gewissen Fällen beide Arten von Leitern miteinander verbindet.
Die Chinesen und Japaner haben auch Sturmleitern, welche, gleich jenen der
Alten, am oberen Ende zwei Räder führen, um sie an den Mauern hinauf zu rollen.
Die Strickleitern, Tsuna hasigo, weichen wenig von den unseren ab. Sie werden
meistens aus Hanf, auch aus dem Gewebe der Besenpalme (Chamaerops excelsa) ver-
fertigt. Abb. e.
348
Abteilung II. Volk und Staat.
Der Hakenstrick ist ein starker Strick, am Ende mit einer eisernen Klaue ver-
sehen. Auf dem Stricke sind längere oder kürzere Bambusstücke eingereiht, welche
einen festen Anhaltspunkt beim Aufklimmen gewähren. Sie heifsen Kaki nava. (Abb. i).
Vor der Bekanntschaft mit den Feuerwaffen waren in China und wahrscheinlich
auch in Japan eigentümliche Sturmbrücken zum Ersteigen der Mauern in Gebrauch.
Man hatte deren von verschiedener Bauart und Gröfse. Die Missionäre haben uns
Abbildungen davon gegeben, welche mit jenen der grofsen japanischen Encyklopädie
und der mehrerwähnten Bilderfibel ganz übereinstimmen. Auch auf unserer Fig. 46
befindet sich eine aus letzterem Buche entlehnte Abbildung (Abb. v), welche uns eine
deutliche Vorstellung von einer solchen Kriegsmaschine giebt. Sie ist dieselbe, welche
die Missionäre unter Nr. 47 abgebildet und mit folgenden Worten beschrieben haben:
«Echelle a monter aux nues, Test le 110111 d’une echelle qu’on emploie pour escalader
les murailles. Le bas forme une espece de chambre oü sont les gens armes. Elle
a six roues. LAchelle est double, chaqtie partie est longue de vingt pieds. Ges deux
parties entrent k une dans kautre; et lorsqu’on les developpe, eiles forment une echelle
de quarante pieds. L’endroit oü sont les gens armes est couvert d’une peau de boeuf
non tannee.» Das Auf- und Zurückschlagen der Brücke geschah mittelst starker Seile
von den unter dem Verdecke verborgenen Soldaten; am obern Ende der Schlag-
brücke befanden sich eiserne Haken, um beim Aufziehen die Mauern zu fassen oder
sich ins Gebälke einzuklammern. Diese Haken wurden, da sie auf dem Originalbilde
nicht deutlich genug zu sehen w7aren, auf unserer Abbildung leider vergessen.
Ähnlich, nur einfacher, ist die von den Missionären unter Nr. 52 angeführte
Sturmbrücke; sie hat blofs vier Räder und kein Verdeck.
Diese Kriegsmaschinen verdienen noch jetzt unsere Aufmerksamkeit, insofern sie
uns vielleicht einigen Aufschlufs über ähnliche Sturmgeräte der Griechen und Römer
geben, um so mehr, da wir von der Einrichtung der beweglichen Türme (turres
ligneae, quae rotarum et cylindrorum ope ad moenia pellebantur), der Fall- und
Schiebbrücken (sambucae et exostrae) der Alten nur sehr oberflächliche Begriffe haben.
Aus den wiederholt angeführten japanischen und chinesischen Quellen fliefsen
uns noch einige andere Mitteilungen zu über Angriffs- und Verteidigungswaffen und
Belagerungsmaschinen, welche die alten Bewohner des Reiches der Mitte gebrauchten.
Wir müssen darüber noch einiges zur Sprache bringen, da die Missionäre, die der-
selben in ihren Memoiren gedachten, nur oberflächliche und zum Teil unrichtige Mit-
teilungen überliefert haben. Dahin gehören die Räderbrücken, womit man über Gräben
und Furten setzt, und einige Vorrichtungen und Hülfsmittel gegen Wurfgeschosse und
zur Verteidigung der Mauern oder Breschen.
Die Räderbrücken waren entweder einfach, ein unsern Karren ähnliches, auf zwei
oder vier Rädern bewegliches Gerüst von verschiedener Gröfse (Mem. conc., a. a. O.,
Nr. 44), oder sie waren doppelt, und es konnte ein Teil, wie bei den Fallbrücken,
aufgezogen und herabgelassen werden (Mem. conc., Nr. 45). Man hatte deren auch
solche, welche mit einem Schutzdache versehen waren und gleich unsern Fähren mittels
über das Wasser gespannter Seile fortbewegt wurden. Der Seile wurden je zwei ge-
spannt und durch einen Windebaum straff angezogen. Auf Fig. 47 Abb. m findet sich
eine Abbildung davon, der mehrerwähnten Bilderfibel entnommen.
Gegen Wurfgeschosse gebrauchte man aufser den bereits oben beschriebenen
OOO
Räderschilden, Hürden und Blendungen noch massive Häng- und Steckschilde, die mit
3. Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
349
rohen Ochsenhäuten überzogen, oder mit Metallplatten belegt und in der Mitte mit
einer Schiefsscharte oder einem Spähschlitze versehen waren (Mem. conc., Fig. 59, 61, 66.
— Fig. 47 Abb c). Ähnliche Schirme von gröfserem Umfang wurden zur Verteidigung
der Breschen oder zur Beschützung der mit Ausbesserung der Mauer beschäftigten
Arbeiter verwendet (Fig. 47 Abb. a; Mem. conc., Nr. 65 A und B).
Mit eigenen Hängthoren schlofs man die erbrochenen Thore aufs neue (Mem.
conc., Fig. 58) und schob im äufsersten Notfälle eine auf zwei Rädern bewegliche
Bohlenwand, die mit eisernen Spiefsen besetzt war, dem eindringenden Feinde entgegen
(Fig. 47 Abb. 0). Dieser Schubkarren hiefs Tao tsche (jap.-chin. Tö sja), d. i. Schwert-
wagen. Man darf damit nicht einen ähnlichen, auch mit Lanzen bewaffneten Karren
verwechseln, den die Missionäre unter Fig. 137 als Machine en forme de char pour
porter le feil dans le camp ennemi beschrieben haben. Auch thun sie noch eines
andern Feuerwagens Erwähnung und teilen von ihm unter dem Namen Char ä huile
pour mettre le feu in Fig. 138 eine Abbildung mit; ebenso von einem Char ä garantir
du vent (Fig. 135) und einem Char volant (Fig. 139).
Von dem eigentlichen Sichelwagen der Alten (currus falcatus, appta 8pe7uavY]-
(popoc) finden wir bei den Chinesen und Japanern keine deutliche Spur, wohl aber
von den Streitwägen. Diese kommen bereits unter der Dynastie Tscheu (1077 bis
255 v. Chr.) unter dem Namen Juen schü, d. i. die ersten Soldaten, vor, waren
zweiräderig und wurden mit vier gepanzerten Pferden bespannt. Auf diesen Streit-
wägen fuhren drei geharnischte Krieger; der zur Linken führte den Bogen, der zur
Rechten den Speer, und der mittlere lenkte die Pferde. Zehn solcher Streitwägen
fuhren dem Heere voraus (Fig. 47 Abb. q). Unter der Dynastie Tsin (237 bis
209 v. Ch.) kam der Siao schü, d. i. kleinere Soldat, auf. Auch dieser Wagen, vom
vorigen wenig verschieden, ward mit vier Pferden bespannt, fafste aber nur einen
einzigen Krieger (Fig. 47 Abb. p). Zur Zeit des trojanischen Krieges fochten die
griechischen Heroen auf ähnlichen Streitwagen.
Zu den Verteidigungsmaschinen gehörten ferner noch der chinesische Mu lüi
und Ji tsch’a lui, mit eisernen Nägeln versehene Walzen von hartem Holze, welche
man den Anstürmenden entgegenrollte. Letztere hatten zwei Räder und waren an
Stricken befestigt, womit sie, nachdem sie losgelassen, wieder zurückgezogen werden
konnten (Fig. 47 Abb. Tz).
Ein furchtbares Geräte war das sogenannte eiserne Feuerbett (Fu ho tsch’ong), ein
eiserner, vierräderiger Wagen, der, an einer Kette befestigt, glühend von den Mauern
auf die Feinde herabgerollt wurde (Fig. 47 Abb. /). Ebenso warf man glühende
eiserne Platten auf die Belagerer (Abb. ff). Auf die den Mauern nahenden Feinde
wurde auch glühender Sand, siedendes Wasser oder Öl, das man in eigenen Kesseln,
Jen hö Pie siang, d. i. wandernder eiserner Feuerkessel, erhitzte, geschüttet (Abb. ff).
Auch grofse, mit dreieckigen Nägeln versehene Rahmen (Abb.ff)? glühende Kugeln und
eiserne Sterne (Abb. g) und andere dergleichen Wurfwerkzeuge, an Stricken und Ketten
befestigt, schleuderte man von der Mauer aus den andringenden Belagerern entgegen.
Alle diese Geräte und Maschinen gehören halbgesitteten Völkern der vorchrist-
lichen Zeit, den alten Bewohnern des Reiches der Mitte an; ähnliche, wo nicht die-
selben, waren, wie wir nachgewiesen, bei den Griechen und Römern im Gebrauche —
Nationen, die uns als Muster der Gesittung gelten und die wir noch heutigen Tages
als Vorbilder der Kunst und als Überlieferer der Wissenschaft verehren.
350
Abteilung II. Volk und Staat.
Wir wollen keinen Vergleich anstellen zwischen den alten Kriegsgeräten asia-
tischer Nationen und den Waffen unserer Zeit, diesen verabscheuungswürdigen
Mitteln, die der Mensch noch fortwährend ersinnt, um sie zur Vernichtung seines
eigenen Geschlechtes anzuwenden. Solche furchtbare Bilder wollen wir nicht vor
unsere Seele bringen; sie würden uns nur zu traurigen Betrachtungen führen über
den Zustand der Jetztwelt, die sich einer so hohen Stufe der Gesittung und Geistes-
bildung rühmt. Von allen diesen Emblemen des die Welt noch beherrschenden
kriegerischen Geistes das Auge wendend, wollen wir auf die Waffen und ähnliche
Werkzeuge der Urbewohner unserer Erde hinblicken, deren Ära wir nach den uns
von ihnen hinterlassenen Kunsterzeugnissen das Steinzeitalter nennen.
Blick auf die Steinwaffen der Urbewohner
der japanischen Inseln.
Die Waffen und andere schneidende Gerätschaften der Urbewohner, d. i. der
ersten rohen Bevölkerung aller bekannten Teile der Erde, waren von Stein, Knochen,
Konchylien oder hartem Holze. In den meisten, wohl in allen Ländern der Welt
Endet man Überbleibsel solcher Geräte. Sie gehören den Urahnen teils noch lebender,
teils bereits vor Jahrtausenden untergegangener, gesitteter oder halbgesitteter Völker
an. Es waren Erzeugnisse des Kunstfleifses in jener Periode, wo man die Metalle
noch nicht kannte oder nicht zu bearbeiten wufste. Mit Recht nennen daher die
Altertumsforscher diese Periode in der Entwicklung eines Volkes sein Stein-Zeitalter
und steigen mit ihm aus diesem zum Bronze- und Eisen-Zeitalter auf.
Jedes Volk, welches wir jetzt noch auf der Stufe der Halbgesittung erblicken
oder unserer europäischen Kultur zur Seite stehen sehen, durchlief in längeren oder
kürzeren Zeiträumen diese drei Perioden; und jene Völker, welche wir noch in ihrem
Urzustände, abgeschlossen in fernen Ländern entdecken, alle diese — wir nennen sie
Wilde - — treffen wir noch im Steinzeitalter ihrer Kultur an. Bei den alten Ägyptern,
bei den Voreltern der Griechen, der Etrusker und der Römer, bei den Germanen
und den gotischen Nordbewohnern und bei jenen Völkerstämmen, welche wir die
wendisch-slavischen nennen, und deren Spuren sich vom fernsten nordöstlichen Asien
her verfolgen lassen, bei den Indern, den Urbewohnern Mittelasiens, bei den alten
Mexikanern — bei allen diesen Völkern gab es eine Zeit, wo steinerne Waffen und
andere Steingeräte in allgemeinem Gebrauche waren. Noch heutigen Tages bedienen
sich solcher einige nord- und südamerikanische Völkerstämme, die noch nicht zur
Kenntnis der Bearbeitung der Metalle gelangt sind.
Die Urbewohner unter allen Himmelsstrichen haben also, wie erwähnt, ihr Haus-
geräte und Handwerkszeug, ihre Keulen und andern massiven Hiebwaffen aus Stein
gebildet. Auch zu Geschossen finden wir Steine verwendet, seltener zwar und nur
im höchsten Notfälle bei Völkern der heilsen Zone, aber um so häufiger, je mehr
die Völker dem Norden sich nähern. Hartes Palmenholz und scharfes Bambusrohr,
im Feuer gestählt, sind stark genug, den unbekleideten Leib des Feindes zu durch-
bphren oder das Wild zu töten und sich gegen mächtige, aber dünnbehaarte Raub-
tiere der Tropenwelt zu verteidigen. — Nicht so in den mehr dem Norden zuge-
kehrten Himmelsstrichen. Dort vertreten weiche Nadelhölzer und zerbrechliches
Schilfrohr die Stelle der Palmen und des Bambus, und der rohe Naturmensch schützt sich
durch Bekleidung mit Tierfellen und Fischhäuten gegen das rauhe Klima. Ein wolliges
3. Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
351
Fell oder dichtes Gefieder bedeckt das Wild, und die zur Nahrung unentbehrlichen See-
tiere sind mit einer harten Haut bekleidet. Die Bewohner solcher Gegenden nahmen
daher zu scharfen Steinen und spitzigen Knochen ihre Zuflucht und benutzten sie zu
Jagd- und Fischergeräten, zu Verteidigungs- und Angriffswaffen.
Waren sie nur zum gewöhnlichen Gebrauche bestimmt, so wählte man zu
Waffen und andern Gerätschaften jene taugliche Steinart, welche am häufigsten an
dem Wohnorte eines Volkes selbst oder, wenn sie da fehlten, in dessen Nachbarschaft
vorkamen. Nach Umständen verfertigte man indessen auch aus seltenen, oft kostbaren
Gesteinen Gegenstände, und an ihnen versuchte sich die Kindheit der Kunst. Der
Wohlhabende, der Vornehmere strebte nach ihrem Besitze und bewahrte sie sorgfältig
als einen Schatz. Oft gab man sie dem Eigentümer mit in das Grab oder hielt sie
als dauerndes Andenken des Verstorbenen hoch in Ehren. Sagen und religiöse Deu-
tungen knüpften sich mit der Zeit daran, und spätere Generationen achteten die aus
der Vorzeit erhaltenen Steinwaffen und andere seltene Geräte von Stein als Heilig-
tümer. Doch wie dauerhaft auch dergleichen heilige Reste waren, sie gingen gröfsten-
teils mit der fortschreitenden Civilisation verloren. Nur ein einziges Volk auf Erden,
und zwar ein gesittetes, bewahrt noch aus rein religiösem Gefühle seine altertüm-
lichen Steinsachen. Während in allen andern Ländern, welche von gesitteten Völkern
bewohnt werden, diese Reste tief unter dem Schutte, den die Menschheit bei ihrem
Heraustritte aus der Barbarei aus Unwissenheit oder Fanatismus darüber geworfen hat,
begraben liegen, entzieht der Japaner sie der Zerstörung. Auch zu ihm drang der
Lichtstrahl der Kultur vom benachbarten Festlande, aber mit sanfterem Tritte schritt
er über die Überreste seiner grauen Vorzeit. Obwohl auf einer hohen Stufe der Ge-
sittung stehend, blickt dieses Volk mit Ehrfurcht auf dergleichen Altertümer, nähert
sich ihnen, durchdrungen von heiligem Schauer, und macht deren Erhaltung zu einer
religiösen Pflicht — sind es doch Überbleibsel aus ihrer Geisterzeit, die Nachlassen-
schaft ihrer Karnis — der himmlischen Abkömmlinge, von denen sie selbst ihre Ab-
kunft herleiten. So finden wir noch heutzutage in den Kapellen und Kamihallen
Japans Steinwaffen und sonstige Steingeräte neben andern hoch in Ehren gehaltenen
Reliquien aufbewahrt. Sie ruhen da unter dem Schutze des Kamidienstes und werden
den Pilgern und Reisenden von den Priestern vorgezeigt. Unauslöschliche Spuren
des Eetischdienstes bezeichnen ohnehin die religiöse Seite der gemeinen Volksklasse:
nicht zu verwundern also, wenn solche Gegenstände mit Ehrerbietung betrachtet und
angestaunt wurden; aber auch nicht zu verwundern, wenn die schlauen Priester zu
wunderbaren Sagen und Legenden der Vorzeit griffen und dadurch die Aufmerksam-
keit des herbeiströmenden Volkes noch mehr zu fesseln suchten!
Wollen wir nun die Steinwaffen und andere Steinsachen, welche man in Japan
bewahrt und zuweilen noch ausgräbt, einer wissenschaftlichen Betrachtung unterziehen
und sie mit ähnlichen Gegenständen des Altertums, wie auch mit solchen, welche
man noch jetzt bei einigen Völkern im Gebrauche findet, vergleichen. Vielleicht
gelingt es uns, aus den gemeinschaftlichen Merkmalen derselben die Verwandtschaft
der Urbewohner der japanischen Inseln mit andern, längst von ihnen getrennten
Stämmen zu entdecken und ihre gemeinschaftliche älteste Pleimat aufzufinden.
Steinwaffen und anderes Steingeräte wurden in Japan und werden noch jetzt mit
anderen Überresten aus der sogenannten Kamizeit auf alten Begräbnisplätzen, in Kami-
höfen, in Höhlenwohnungen und an verschiedenen Stellen wilder Gebirgsgegenden aus-
352
Abteilung II. Volk und Staat.
gegraben. Auch am Meeresstrande, an den Ufern und Mündungen der Flüsse und an
Wildbächen will man sie, zu Tage liegend, gefunden haben. Man behauptet es zumal
von den Pfeilspitzen (Jasiri isi, d. i. Pfeilspitzen-Stein), und Fabeln und Märchen knüpfen
sich daran.
Steinerne Pfeilspitzen kommen in den archäologischen Sammlungen der Japaner
am zahlreichsten vor; in einigen Gegenden mufs eine aufserordentliche Menge der-
selben gefunden worden sein. Unsere Sammlung, welche wir gröfstenteils dem Leib-
ärzte des Sjögun Katsuragawa zu verdanken haben, zählt deren 102, und der Verfasser
der genannten japanischen Mineralogie spricht von tausend verschiedenen Arten, welche
er zu beobachten Gelegenheit hatte. Nach seiner Angabe sind die vorzüglichsten Fundorte
derselben: der Berg von Nisi Tanbaitsi, 3 Ri vom Tempel Ofu rjuzi in der Provinz
Jamato; gröfsere Exemplare kommen da selten vor; — Mifudsimura in Owari; der
Strand von Kasima in Fidatsi; Sakamoto und der Berg des Hirahige Mijözin in der
Provinz Omi; verschiedene Orte der Landschaft Mino, wo sie besonders häufig Vor-
kommen; die Provinzen Hida, Simodsuke; ferner Tsugaru, Matsumae, Sendai, Nanbu,
namentlich Sawimura; die Provinz Dewa, vorzüglich die Gegend von Akumi, Ihi mori
dsuka, das Gebirge von Akita, Honsjö und der Bezirk Dagava; in der Provinz Jetsigo
die Orte Kurotori, Kamo, Bazeömen rnura, ferner die Orte Wakinomatsi und Okino-
siro des Bezirkes Misima, und Josukura tani und der Berg des Tempels Kensjözi im
Bezirke Kuiki; die Landschaften Noto, Sado, Höki, Idsumo, Sanuki; der O'idake bei
Omura in der Provinz Hizen und einige Gegenden der Provinz Higo.
Aus dieser Aufzählung der Fundorte geht hervor, dafs die Steinpfeilspitzen am
häufigsten im nördlichen Teile der grofsen Insel Nippon gefunden wurden, dort, in
dem sogenannten Jebisu no kuni oder Lande der Wilden, dessen rohe Bevölkerung
sich erst spät und nur nach hartnäckigen Kämpfen unter das Joch der Mikadodynastie
beugte. Dafs dieser Völkerstamm derselbe war, welcher jetzt noch die Insel Jezo
und die südlichen Kurilen bewohnt, ist eine ausgemachte Sache. Der nördliche Teil
der Insel Nippon selbst führte bei den alten Geographen den Namen Jezo, während
sie die nunmehrige Insel Jezo mit dem Namen Watarisima no Jezo, d. i. die Insel
Jezo jenseits des Kanals bezeichneten. An den Bergbewohnern der Provinzen Dewa
und Mutsu (oder wie man letzteres sonst nennt, Mitsino-oku), läfst sich Ähnlichkeit in
Leibesbildung, Sitten und anderen Eigenschaften mit den Aino-Stämmen auf Jezo nicht
verkennen. Auch teilen aufgeklärte japanische Gelehrte selbst unsere Meinung und
halten die Steinpleilspitzen für Geschosse der sogenannten Jebisu, der Bewohner Jezos,
welche noch in den ersten Jahrhunderten unserer Zeit den Norden ' und nordöstlichen
Teil der Insel Nippon inne hatten.
Die Steinpfeilspitzen sind, was ihre Form, Gröfse, Steinart und Farbe anlangt,
sehr verschieden. Unser mehrerwähnter Verfasser der japanischen Mineralogie unter-
scheidet 36 verschiedene Formen. Die ausgezeichnetsten, welche wir in unserer Sammlung
besitzen, sind auf Fig. 48 abgebildet.
Ihrer Form nach lassen sich die Stein-Pfeilspitzen in gestielte und ungestielte
und die gestielten wieder in dreieckige (Nr. 1, 2, 3, 4, 5, 8, 11), rautenähnliche (Nr. 9,
10, 12, 13) und lanzettförmige (Nr. 6, 7); die ungestielten dagegen in dreieckig-herz-
förmige (Nr. 15, 16, 17, 18) und in oval-herzförmige (Nr. 14, 19, 20) einteilen. Von
diesen Grundformen giebt es mannigfache Abweichungen; so macht z. B. Nr. 11 den
Übergang von den gestielten dreieckigen zu den lanzettförmigen und Nr. 9 den Über-
3- Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
353
gang zu den rautenähnlichen. Eine einfachere Einteilung, welche andere Altertums-
forscher machen, ist, die gestielten als spiefsblattförmige und die ungestielten als herz-
förmige zu bezeichnen.
Die gröbsten japanischen Steinpfeilspitzen in unserer Sammlung sind 0,06 Meter
lang, am breitesten Durchmesser 0,024 Meter breit und 0,006 Meter dick; die kleinsten
0,02 Meter lang, 0,011 Meter breit und 0,003 Meter dick. Unser japanischer Autor
will dergleichen von 3 bis 5 Sun (0,0909 bis 0,1515 Meter) bis zu einem Sjaka
(0,303 Meter) Länge gesehen haben. Die gröfseren waren ohne Zweifel Lanzen-
oder Harpunenspitzen. Auch beschreibt er eine solche unter dem Namen Ka-
mino jari, Kami- oder Geister-Wurfspiefs. Das Exemplar, wovon er eine Abbildung
giebt, war von glänzender Farbe, wie lackiert (von Obsidian?), 7 Sun 5 Bun
(0,22725 Meter) lang und ungefähr 4 Sun (0,1212 Meter) breit?, am einen Ende zu-
gespitzt, am andern abgerundet, die Oberfläche hier und da beschädigt. Dergleichen
Steinwaffen werden laut seiner Aussage von Zeit zu Zeit am Eukurojama in Dewa
gefunden und sind im Volksmunde unter obigem Namen bekannt.
v. Siebold, Nippon I. 2. Aufl.
23
354
Abteilung II. Volk und Staat.
Von grofser ' Wichtigkeit ist es, die Art des Gesteins zu kennen, -woraus diese
Pfeilspitzen verfertigt sind. Die in unserer Sammlung befindlichen japanischen sind
von Obsidian, Hornstein, Feuerstein, Karneol, Opal, Eisenkiesel und Kieselschiefer.
Von den auf Fig. 48 abgebildeten bestehen Nr. 1 bis 3 aus Hornstein; als seltenere
Stücke finden sich darunter Exemplare von Kieselschiefer und Eisenkiesel. Nr. 4
ist von Obsidian, Nr. 5 von Kieselschiefer, Nr. 6 und 7 von Hornstein, Nr. 8 zeigt
Exemplare von allen obengenannten Gesteinen, auch eines von Karneol; Nr. 9 von
Obsidian; Nr. 10 von Opal; Nr. 11 von Hornstein, mitunter auch von Opal;
Nr. 12 und 13 von Hornstein; Nr. 14, 15, 16 von Obsidian, auch Exemplare von
Opal und Hornstein; Nr. 17 von Kieselschiefer; Nr. 18 von Hornstein; Nr. 19 und
20 von Feuerstein.
Wir haben bemerkt, dafs gewisse Formen der Pfeil- und Lanzenspitzen aus ein
und derselben Steinart bestehen, und wir halten dafür, dafs dies in irgend einem Zu-
sammenhang mit Lokalverhältnissen stehen müsse, eine Mutmafsung, die, wenn sie
sich bestätigt, zu wichtigen Folgerungen führen und über Verwandtschaft und Heimat,
über Verkehr und Kriege so mancher Völkerstämme in vorgeschichtlicher Zeit Auf-
schlufs geben und den Schleier lüften würde, der ihre frühere Geschichte in undurch-
dringliches Dunkel hüllt. Ist es schon in hohem Grade auffallend, dafs man an Pfeilspitzen,
welche in so weit voneinander entlegenen Landstrichen, wie z. B. am Ohio und in
Dänemark, in Holland (Geldern) und im Norden von Japan aufgefunden worden,
eine täuschende Ähnlichkeit in der Form entdeckt; wie wird man um so mehr erstaunen,
wenn man bei näherer Vergleichung sich überzeugt, dafs auch die Steinart, woraus
sie verfertigt worden, ein und dieselbe ist. Solche Untersuchungen liefsen sich noch
mehrere anstellen, da wir Steinpfeilspitzen aus vielen anderen Ländern der alten und
der neuen Welt besitzen. Doch vorerst genüge der Nachweis, dafs Pfeilspitzen aus Stein
ein gemeinschaftliches Eigentum der Urbevölkerung unserer ganzen Erde gewesen sind.
Dafs sie noch heutzutage nebst anderen Steinwaffen und Steingerätschaften bei einigen
Völkern im Gebrauche sind, haben wir oben bereits gesagt und unterlassen eine Auf-
zählung der wilden Stämme, die solche Geschosse führen, als zu weitläufig für unseren
gegenwärtigen Zweck.
Wir wenden uns zu den Pfeilen und Harpunen, wie wir sie noch gegenwärtig
bei den Koljuschen auf Sitcha und bei einigen anderen Stämmen auf den Aleuten
und auf der Nordküste von Amerika vorfinden und deren Anfertigung unsere be-
sondere Aufmerksamkeit verdient, weil die Wreise, wie die Spitzen mittels eines
knöchernen Schaftes an dem Pfeile oder Stiele des Wurfspiefses befestigt werden, uns
Aufschlufs über die Befestigung der Steingeschosse im Altertume giebt. Der knöcherne
Schaft hat, je nachdem er zur Aufnahme gestielter oder ungestielter Pfeilspitzen dienen
mufs, eine verschiedene Einrichtung. Zur Aufnahme einer ungestielten, oval -herz-
förmigen, aus Thonschiefer verfertigten Pfeilspitze befindet sich am oberen Ende
des 0,28 Meter langen Schaftes eine Längenspalte, worin die Pfeilspitze in auf-
rechter Stellung gleichsam eingezwängt und mit einem Kitt von Pech befestigt
wird. Der rundlich zusammengedrückte Schaft ist der Länge nach gefurcht und
an der einen Seite mit ein oder zwei scharfen Einschnitten, welche Widerhaken
bilden, versehen. Am unteren Ende hat der Schaft eine Spitze, womit er in den hölzernen
Pfeil eingelassen und befestigt wird (Nr. 23 und 25). Auf ähnliche Weise müssen alle
altertümlichen ungestielten Pfeilspitzen auf den Pfeilen befestigt gewesen sein.
3- Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
355
Eine andere Einrichtung hat der knöcherne Schaft zur Aufnahme der ge-
stielten Pfeil- oder Wurfspiefsspitzen. Er ist nicht gespalten, sondern ausgehöhlt,
so dafs der Stiel der Spitze gut hineinpafst und mit Kitt befestigt und mit Darm-
saiten umwickelt werden kann. Man vergleiche hiermit unsere Abbildungen (Nr. 22
und 24), die so deutlich sind, dafs sie uns einer weitläufigeren Beschreibung über-
heben.
Die Nach Weisung der Art und Weise, wie die steinernen Pfeil- und Wurfspiefs-
spitzen befestigt wurden, kommt uns gut zu statten, da die ursprünglichen Waffen-
geräte, woran sie befestigt waren, in Japan, wie überall, mit ihren ehemaligen Be-
sitzern längst zu Grunde gegangen sind. Ohne diesen Nachweis würde es schwer
O OOO t
gewesen sein, die eigentümliche Befestigungsart solcher Geschosse darzuthun; ja, man
könnte selbst ihre eigentliche Bestimmung — als Waffen untergegangener Völker —
in Zweifel ziehen, wenn wir nicht ähnliche Waffen, Jagd- und Fischergeräte jetzt
noch in den Händen lebender Stämme angetroffen hätten. Es sind dieses die Polar-
völker, dieselben, welche, allen neueren Beobachtungen zufolge, durch Verwandtschaft
der Sprache, Religion, Sitten und Gebräuche nicht nur unter sich, sondern auch mit
anderen, jetzt in weit vom Norden entfernten Himmelsstrichen lebenden Völkern innig
verbunden sind und welche ihre weite Bahn mit diesen Überresten ihrer rohen Kunst-
produkte bezeichnet haben. Von diesem Gesichtspunkt aus müssen wir die einander
täuschend ähnlichen nordamerikanischen, nordjapanischen und skandinavischen Stein-
pfeilspitzen betrachten und dabei erwägen, dafs die ausgewanderten Stämme der Polar-
bewohner nicht im Sturmmarsche gerade vorwärts, sondern in langsamen Schwingungen
sich fortzubewegen hatten, um nach Jahrtausenden tausend Meilen von ihrem ersten
Wohnplatz entfernte Himmelsstriche zu erreichen.
Nicht weniger allgemein als die Pfeilspitzen sind die sogenannten Donnerkeile. Wir
haben solche aus allen Erdteilen vor uns liegen. Die meisten gehören dem Altertum an und
dienten als Handwerkszeug oder Waffe, zu Keulen oder Beilen, als Streithämmer und Streit-
äxte, als welche sie hier und da noch jetzt bei lebenden Völkern Vorkommen. Sie zeugen
von dem Zustande des Kunstfleifses untergegangener oder noch lebender Stämme.
Manche sind von kostbarem Gesteine, mit bewunderungswürdigem Eleilse gearbeitet, und
solche aus späterer Zeit mit edlen Metallen beschlagen. Aus ihrer Form läfst sich mit mehr
oder weniger Sicherheit auf ihren Zweck schliefsen. Einige wurden blofs mit der
Hand gefafst, wie aus dem spindelförmig verlängerten Handgriff des rundlich zusammen-
gedrückten Keils hervorgeht; andere wurden in ein am oberen Ende einer Keule be-
findliches Loch gesteckt, und die zu diesem Zwecke verwendeten Steine sind zusammen-
gedrückt, kürzer und plumper. Die Herren Macklot und Müller haben Steinkeulen
bei den rohen Bewohnern der Südwestküste von Neu-Guinea im Gebrauche gefunden.
Einige Steine waren ungebohrt und waren in einem am oberen Ende der Keule befind-
lichen Loche befestigt. Ein Stein war gebohrt, vierstrahlig sternförmig, von Hornstein und
am oberen Ende einer mit Schnitzwerk verzierten Keule angebracht. Am häufigsten
kommen Steinkeile an hölzerne Stiele gebunden und als Zimmer- und Schlachtbeile
verwendet vor. Bei den Neuseeländern auf den Gesellschafts- und Freundschaftsinseln
hat sie Cook mit eigentümlichem Schnitzwerke verziert angetroffen; Wilson fand ähnliche
auf den Pelewinseln, von Langsdorf aufNukahiwa; und die meisten Seefahrer, welche
die Inseln des stillen Ozeans zuerst oder kurz nach deren Entdeckung besucht haben,
erwähnen ihrer. Jetzt gehören diese Werkzeuge schon unter die ethnographischen
Seltenheiten, und bald werden sie, namentlich auf den Sandwich- und Gesellschafts-
inseln, von den Enkeln der früheren Besitzer als Überreste aus dem Steinzeitalter ihrer
Voreltern angestaunt werden. Im Altertum waren die Steinkeile meistenteils bestimmt,
in Holz eingesetzt zu werden und wahrscheinlich von ähnlicher Herstellungsart, wie
die noch lebenden Stämmen angehörigen Werkzeuge; es sei, dafs sie als Zimmer-
und Streitäxte oder zu einem gottesdienstlichen Gebrauche dienten.
i
Fig. 49. Verschiedene Formen von Steinwaffen
Das auf Fig. 49 Abb. i in lji nat. Gröfse abgebildete Beil legen wir als Muster
vor. Wir verdanken es nebst einem ähnlichen unserem hohen Gönner und Freunde,
dem Fürsten Soltykoff in Petersburg. Beide sollen von den Washington-Inseln stammen.
Auf eine von der ebenerwähnten abweichende Weise an den Stiel befestigt sind die
Steinkeile, welche Cook bei den Neu-Caledoniern antraf. Hier ist der Steinkeil in
die Spalte eines mit dem kurzen Stiele einen spitzen Winkel bildenden Schnabels
eingelassen und mit Stricken befestigt.
3 Von den Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
357
In Japan findet man Steinkeile häufig in den Mineraliensammlungen dortiger
Liebhaber, und sie werden zuweilen jetzt noch mit anderen Steingeräten ausgegraben.
Auch hier nennen die Eingeborenen sie Donnerkeile, Raifu seki, oder Tengu-no ma-
sakari, Schlachtbeil des Tengu, Wächters des Himmels. Auf Fig. 49 e, f und h
sind die in unserer Sammlung befindlichen Donnerkeile von Japan abgebildet. Abb. e
ist aus grauem Feldsteinporphyr, Abb./ aus grünlich -gelbem dichten Feldstein, und
Abb. h aus einem gelblich -grauen Hornsteinporphyr verfertigt. Unsere japanischen
Keile sind meistens kegelförmig zugespitzt, und die beiden schmalen Seiten gewöhnlich
abgerundet (s. Abbildungen e und /), selten eckig (Abb. g) und nie so scharf,
wie man sie bei den skandinavischen Keilen antrifft. Sie sind auf allen Seiten glatt
geschliffen und unterscheiden sich auch dadurch von den skandinavischen Steinkeilen,
welche gewöhnlich roh zugehauen sind. Aber auch unter diesen nordischen Alter-
tümern finden sich Keile von gleicher Form, wie die unseren. Bei Pfalzdorf unweit
Kleve gefundene Donnerkeile haben mit den japanischen eine auffallende Ähnlichkeit.
Den dortigen Fandleuten gelten sie als ein Talisman gegen Donnerschlag und Vieh-
krankheiten. Bemerkenswert ist es übrigens, dafs man auf Japan noch keine gebohrten
Keile, welche man so häufig unter den skandinavischen Steinsachen gefunden, entdeckt
hat. Gebohrte Steine scheinen überhaupt einer späteren Zeit anzugehören.
An die Donnerkeile reihen wir eine andere Art alter Steinwerkzeuge, die so-
genannten Fuchshobel (Kitsuneno kanna) und die Fuchsbeile (Kitsuneno nomi),
nach dem japanischen Volksglauben, Geräte des Teufels, für dessen Symbol der Fuchs
gilt. Unter der ersten Benennung besitzt der mehrerwähnte japanische Autor ein
Exemplar, welches er im Jahre 1773 aus der Provinz Noto erhalten, wo es zu Iwa
kuruma bei Nanawo gefunden worden. Seine Abbildung gleicht unserer Abb. g auf
Fig. 49; nur ist sein Stein kürzer als der unsrige und auf einer Seite gewölbt. «Was
die Form angeht», sagt unser Autor, «unterscheiden sich diese altertümlichen Steine
nicht von dem Schab- oder Hobeleisen der Zimmerleute; sie sind schwarz und
rot, glänzen wie polierte Juwelen und sind sehr schön und selten. Aus demselben
Lande habe ich später ein Exemplar erhalten, das glänzend gelblich und rot ist. In
jenen Gegenden nennt sie der Volksmund Kitsuneno kanna. Es mögen indessen Alter-
tümer aus der Kamizeit sein. Meines Wissens bin ich allein im Besitze solcher
Stücke.» Unser Exemplar ist von dunkelgrüner, glänzender Farbe, aus dichtem Feld-
steine verfertigt. «Die Kitsuneno nomi (Fuchsbeile)», fährt unser japanischer Autor
fort, «stammen gleichfalls aus der Provinz Noto und zwar von demselben Orte w7ie
die Teufelshobel; sind aber von einer andern sehr harten Steinart. Sie haben holz-
artige Structur, sind glatt rund und vorne zugeschliffen. Auch sie gehören w7ohl der
vorgeschichtlichen Geisterzeit an.» Der Verfasser, der im alleinigen Besitze solcher
Stücke zu sein glaubt, behauptet gleichfalls, dafs sie in die Klasse der Donnerkeile
gehören, ob sie auch in Hinsicht auf Form und Steinart davon verschieden sind.
Auch steinerne Messer und andere ähnliche schneidende Werkzeuge werden •
in Japan gefunden. Einige davon aus unserer Sammlung haben wir auf Fig. 49 in
natürlicher Gröfse abgebildet. Abb. a und b zeigen uns zwei Messer und Abb. c und d
meifselförmige Werkzeuge. Die drei ersten sind von ockergelbem Holzsteine, das
vierte Stück von Feuerstein. Auch unser japanischer Archäolog beschreibt Steinmesser
unter der Benennung Seki tö (chin. Schi tao, d. i. steinerne Messer). Die eine Art
gleicht unserer Abb. b , die andere, deren Abbildung wir auf Fig. 50 Abb. k und /
J5§
Abteilung II. Volk und Staat.
wiedergeben, den Messern von Thonschiefer, welche noch heutzutage die Koljuschen
gebrauchen. «Es sind», sagt unser Autor, «Geisterstücke des Altertums, und die
Sammlung des Tempels Fugenin bewahrt davon zwei Arten, welche beide in Ja-
mato auf dem Berge Miwano jama ausgegraben wunden.» Unsere Abb. k gehört
dahin. Eine andere Art stammt vom Berge Akiwasan in Sinano und befindet sich
in der Sammlung unseres japanischen Archäologen (Abb. /), der aufser diesen noch
einige andere denkwürdige Schneidewerkzeuge von Stein beobachtete, und dessen
Mitteilung darüber wir hier als einen wichtigen Beitrag aus seinem Werke aufnehmen
wollen. «Das Seirjö töisi, d. i. Steinmesser des grünen Drachen» (Fig. 50 Abb. 5),
heifst es, «wurde von einem Altertumsfreunde aus Matsumae (auf Jezo) nach Mijako
geschickt. Der Sender hat es am Kumaisi in der Nähe von Jesasimura, Bezirk
Matsumae, ausgegraben.» Zu näherem Verständnisse des Namens erinnern wir den
Leser, dafs die japanische Mythe den Drachen mit einem Schwerte als Schweifspitze
bewaffnet. «Ein ähnliches (Abb. m) besteht aus einem aschfarbigen harten Stein, ist
5 Bun (0,01515 Meter) dick und entspricht, was die Form anlangt, der zur Seite
stehenden Abbildung. Das Exemplar befindet sich nebst andern in einer Sammlung
des Tempels Kwökokzizu Takada in Jetsigo.» Ein anderes (Abb. n) wurde auf
dem Berge von Atano in Fida ausgegraben und befindet sich in der Sammlung eines
Liebhabers zu Takajama in Hida. Die eine Seite ist scharf, die andere stumpf; das
Messer ist 8 Sun (0,2424 Meter) lang, 1 Sun 3 Bun (0,03939 Meter) breit, 8 Bun
(0,02424 Meter) dick und besteht aus sehr hartem mausfarbigem Stein» (wahrschein-
lich auch aus Schieferstein).
Ferner beschreibt unser japanischer Autor unter dem Namen Tenguno mesi-
kui, d. i. Reislöffel des Tengu, Steine, welche zwischen den Pfeilspitzen und Stein-
messern die Mitte halten und, wie uns dünkt, ursprünglich an hölzernen Griffen be-
festigt, zu Messern dienten. In unserer Sammlung befinden sich auch solche aus ocker-
gelbem Holzsteine; aber wir hielten sie für nachgemacht und gaben daher keine Ab-
bildung davon. Unser Japaner hat 28 Arten abgebildet. «Sie gehören», sagt er in
seiner Erläuterung, «zur Klasse der steinernen Pfeilspitzen und haben, was die Form
im allgemeinen angeht, unter sich viel Übereinstimmendes. In der Provinz Mino bei
Akasaka in dem Dorfe Itsibasi mura am Fufse des Berges Kinsjözan, wto sich eine
Sammlung steinerner Pfeilspitzen befindet, bewahrt man auch 20 Exemplare dieser
steinernen Löffel, die auf dem genannten Berge gefunden worden. Sie sind nicht
alle von ganz gleicher Form und Farbe, sondern teils grün, teils schwarz, teils rot
und selbst purpurfarbig, durchgängig aber ganz glatt. Sie kommen zwar an jenen
Stellen, w7o sich Donnerkeile, steinerne Pfeilspitzen und Magatama finden, vor, aber
äufserst selten, weswegen sie auch schwer zu erhalten sind. Im Lande Mino nennt
man sie Tenguno mesikui, ebenso in den Provinzen Dewa, Jetsigo und Hida, wo
sie gleichfalls gefunden werden. Die Bewohner von*Sado und Noto dagegen heifsen
sie Kitsuneno kui (Fuchs-Löffel). Ich habe mir aus den genannten sechs Provinzen
10 Stücke verschafft und sie mit den in der (Sokusekitei) Pfeilspitzensammlung zu
Itsibasimura und im Tempel Dösi des Landes Mino auf bewahrten Exemplaren ver-
glichen.»
Auf Fig. 50 haben wir noch einige andere, uns sehr merkwürdig scheinende
Steinsachen, gröfstenteils aus dem öfters genannten Buche unseres japanischen Archäo-
logen entlehnt, abgebildet. Sie gehören alle dem mythologischen Alterthum, der so-
3- Von Jen Waffen, Waffenübungen und der Kriegskunst.
genannten Geisterzeit, an und waren allem Anscheine nach Waffen oder Verzierungen
O
von Waffen. Wir nennen zuerst die Seki kentö, d. i. steinernen Säbelknöpfe, die
halbmondförmig ausgeschnitten und mit Knöpfen versehen sind. «Sie wurden», sagt
unser Archäolög, «wiewohl selten, hie und da in Jamato auf altem Boden von Karni-
ka pellen ausgegraben, und Exemplare davon, aus Jamato stammend, befinden sich in
verschiedenen Sammlungen in Jamato, Ise und Osaka. Der Inhaber der Kuriosi-
Fig. 50. Waffen aus der ältesten Zeit.
tätensammlung in Ise, Tanigava Udsi, erklärt diese Stücke für Säbelknöpfe aus der
Geisterzeit.» Das in Abb. d in natürlicher Gröfse abgebildete Stück fanden wir in
o
einer Mineraliensammlung, welche wir in Osaka gekauft. Es ist grünlich-grauer Speck-
stein. Wahrscheinlich waren die Originale der im angeführten japanischen Werke
befindlichen Abbildungen von demselben Gesteine, was höchst merkwürdig wäre, da
der Speckstein nur selten in Japan, um so häufiger aber auf dem benachbarten Fest-
lande, in Korea und China, vorkommt. Das Original zu Abb. e soll in einer Sammlung
Abteilung II. Volk und Staat.
in Ise aufbewahrt werden. Sein Fundort ist unbekannt. Abb. / wurde zu Akitsu-
kimura, Bezirk Nagusa der Provinz Kii, gefunden und wird in einer Sammlung des
Tempels Jekisjö zensi zu Karatsu in Omi bewahrt. Abb. g kommt vom Berge
Miwajama in Jamato; Abb. /; wurde in dem Weichbild der Kamihalle Nitsizengu in
Kii und Abb. i auf dem Territorium des Kamihofes des Dai mjö zin im Bezirke
Kubiki der Provinz Jetsigo ausgegraben; ersteres ist grün, letzteres mausefarbig. Diese
Säbelknöpfe sind meistenteils mit einem Loche versehen, und man trug sie mit Magatama
und anderen Kostbarkeiten an Schnüren angereiht, wie es jetzt noch die Ainos auf
Jezo mit japanischen Säbelstichblättern und anderen Seltenheiten thun.
Wir kommen zu den in Abb. o, p und q abgebildeten Steinschlägeln, deren
Umrisse wir aus dem mehrerwähnten Buche entlehnen. Von Abb./) teilt der Japaner
folgendes mit: «In der Provinz Omi,, im Bezirke Kurimoto, stand vor Alters ein
Buddhatempel Namens Sintö (Tempel der Wahrheit). Nach dessen Abbruch bildete
sich da ein Dorf, das den Namen Sintö rnura führte. Im 6. Jahre Anjei (1777) fand
man in dem Weichbilde dieses Dorfes in einer Tiefe von 5 Fufs einen chinesischen
Sarg von Stein, worin ein Stein von sehr sonderbarer Form, 1 Fufs, 7 Sun, 5 Bun
lang, in der Mitte mit einem Griffe versehen und nach beiden Enden hin dünner
zulaufend; er war sehr hart und von grünem Edelstein. Was es sei, wusste niemand
zu sagen. Allem Anscheine nach war es ein Schatzstück des alten Tempels.» Der
Verfasser meint, es sei ein Isitsutsutsui (steinerner Schlägel), dessen im alten
Nipponki in der Biographie Zinmus Erwähnung geschieht. Wie dem Verfasser ein
Mann aus Jesasimura bei Matsumae erzählte, hat man auch in der Nähe jenes Dorfes
ein solches Stück gefunden, und da dies gerade nach einem Ungewitter stattfand, es
für den Trommelschlägel des Donnergottes gehalten, und als man diesem eine Kapelle
baute, dasselbe darin verehrt. Das abgebildete Stück hat in der Mitte 5 Sun 8 Bun
(0,17574 Meter) im Umfang; der Knopf am oberen Ende mifst 3 Sun 8 Bun
(0,11514 Meter), der am unteren 4 Sun 6 Bun (0,13938 Meter) im Umfang.
Unsere einfältigen Landleute, welche in den keilförmigen Steinwaffen der Ur-
bewohner ihrer Gaue die Donnerkeile aufzufinden glaubten, welche einst ihre hundert-
jährigen Eichen zerschmetterten, würden mit der Benennung dieses schlegelförmigen
Steines in Verlegenheit gekommen sein. Die sinnigen Eingeborenen der japanischen
Inseln, welche schon der Bedeutung der Donnerkeile näher auf der Spur sind und die
keilförmigen Steine Schlachtbeile des Himmelswächters nennen, erkannten sogleich
den antiken Trommelschläger ihres Zeus, des Raiden, d. i. Donner und Blitz, den die
japanische Mythologie als einen gehörnten, grimmigen, riesenstarken menschenähnlichen
Himmelsgeist darstellt und ihn, in schwarze Wolken gehüllt, auf sich um ihn im
Kreise drehende Trommeln mit schweren Schlägeln schlagen läßt.1
1 Siehe Pantheon, pag. 143, Tab. 36, Fig. 523. 1. Auflage d. Nippon.
4. Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjögunats. :>ÜI
4. Geschichte der Entwickelung der Volkskultur und
der Entstehung und Begründung des Sjögunats.
«Lange hielten sich in Japan unter einem unbekannten Namen Gäste aus Dats,
der Tatarei, auf; sie lebten zerstreut in den Landschaften und führten, vom Fisch-
fänge sich nährend, ein rohes Leben, bis ZinmuTenwö1, ein Zeitgenosse des Stifters
des Römischen Reiches, ein Fürst, allen an Geistes- und Körpervorzügen überlegen,
unter den Seinigen ein Reich gründete.» (Engelbrecht Kämpfer. 2)
So unterbrach dieser. Held, von Süden nach Osten und Norden das japanische
Inselland durchziehend, die Ruhe dör Bewohner dieser Inseln, denen bei ihrer ge-
ringen Anzahl die üppige Vegetation und die fischreichen Küsten die Bedürfnisse eines
*<■
Naturlebens unter einem gemäfsigten Himmelsstriche in Fülle darboten. Bei einem
gastfreundschaftlichen Zusammenleben, gesichert durch wechselseitige Unterstützung
einer gröfseren oder kleineren Stammesgenossenschaft, bei einem einfachen Tausch-
handel mit Naturerzeugnissen kannte man keinen Mangel, keine Not. Ein selbstge-
fertigter Kahn, Fischergeräte, Bogen und Pfeile, Lanzen und Wurfspiefse; ein leichtes
Gewand im Sommer, Kleider von Tierfellen im Winter waren die zum Leben nötigen
Bedürfnisse. Eine Hütte schützte gegen Hitze und Regen und eine Felsenhöhle gegen
Kälte und Sturm. Das Bestreben, die Geräte am brauchbarsten und schönsten anzu-
fertigen, war die Wiege der Kunst, sie am besten und zweckmäfsigsten und zu Ehren
der Gottheit anzuwenden, war die Kindheit der Wissenschaft. In der alles erleuch-
tenden und erwärmenden Sonne und dem ihre Stelle zur Nachtzeit vertretenden Monde
und den Sternen erkannten diese Naturmenschen die höheren Wesen, die der Ge^en-
J O
stand ihrer Verehrung waren: Ama-terasu-ökami, der Himmel beleuchtende grofse
Geist und Tsuki-jo-mino-mikoto, sein durch die Nacht schauender Bruder; auch alles
Ungewöhnliche im Reiche der Natur war ihnen hehr und heilig. Ihre Religionsbegriffe
äufserten sich durch ein zaghaftes Ahnen überirdischer Wesen, guter und böser Geister,
welchen sie, wenn ihnen Gutes begegnete, dankten und ihnen Feste feierten, und wenn
sie ein Unglück traf, in Trauergewändern Versöhnungsopfer darbrachten. So müssen
wir uns die Bewohner Japans vor etwa zweitausendfünfhundert Jahren denken.
Wir wissen nicht, ob Zinmu sich aus eigener Kraft durch die Vorzüge seines
Geistes über die Seinigen erhoben hatte oder durch das Beispiel einer fremden, mehr
gesitteten Nation auf eine höhere Stufe gestiegen war. Es ist möglich, dafs seine
Ahnen oder Eltern selbst Fremdlinge gewesen sind, aber jedenfalls erschien mit ihm,
dem gefeierten Krieger, über Jamato, so heifst das alte Japan, der erste Strahl der
1 Die Mythe von Zin-mu-ten-wö (nach der neuen, allgemein üblichen Orthographie Jimmu Tenno
geschrieben) beruht, wie Aston, Bramsen und Chamberlain nachgewiesen haben, nur auf Tradition ; denn
die ältesten japanischen Geschichtswerke das Kosiki und das Nihongi, welche die Urgeschichte behandeln,
sind erst im 8. Jahrhundert n. Chr. verfafst worden. Die moderne historische Kritik bezeichnet den
Anfang des 6. Jahrhunderts n. Chr. als die älteste Periode, wo die japanische Geschichte vom wissen-
schaftlichen Standpunkt anfängt. Bemerkung zur 2. Auflage.
2 Latuerunt diu obscuro nomine e Dats, seu Tartaria hospites in Japonia et per provincias
disseminati incultam ichtyophagorum vitam vixerunt : cum Romanae gentis conditori coaevus Dsin Muu
Tei, princeps prudentia et corporis majestate ceteros antecellens monarchiam inter suos conderet.»
E. Ktempferi, Amoenitatum exoticarum Fase. II, pag. 491.
Abteilung II. Volk und Staat.
Kultur den Fischer- und Jägerfamilien, welche sich allmählich über dieses Inselreich
verbreitet hatten. Als höchst wahrscheinlich ist anzunehmen, dafs die Bevölkerung
Japans gröfstenteils vom Norden der grofsen Insel Nippon ausging. Die Kultur kam
von Süden, von der Insel Kiusiu; Sikoku, die östliche Insel, blieb am längsten im
Zustande der Rohheit. Zinmu vereinigte die verschiedenen Stämme unter seiner
Herrschaft, gab ihnen Gesetze, läuterte ihren Kultus und stellte Zeitrechnung, Sitten und
Gebräuche fest. Die Mythologie der Japaner, wie sie noch heutzutage gelehrt wird,
gründete sich auf das, was Zinmu seinem Volke von dessen himmlischen und irdischen
Voreltern überlieferte; der Kami- (Sintö-) Dienst, so wie er sich noch bis jetzt rein am
Hofe der Mikados, der Nachfolger Zinmus, erhalten hat, ist durch ihn eingesetzt,
— eine Verschmelzung der Religionsbegriffe der Ahnen dieses Fürsten mit dem
früheren Kultus seiner Unterworfenen. Viele Sitten und Gebräuche, welche noch jetzt
in Ehren gehalten werden, weisen auf jene ersten Bewohner hin und zeugen von
Einfalt, Gutmütigkeit und Redlichkeit, wie wir sie noch heute bei ihren nördlichen,
wenig gesitteten Nachbarn, den Ainos, finden. Der gelehrte Arai, Fürst von Tsikugo,
sagt: '■(Ich vergleiche die Aino auf Jezo mit unsern Japanern vor Zinmu» und
v. Krusenstern schildert uns dieses Volk also: «Einigkeit, Stille, Gutmütigkeit, Bereit-
willigkeit, Bescheidenheit, alle diese wirklich seltenen Eigenschaften, die sie keiner
verfeinerten Kultur zu verdanken haben, sondern welche nur die Gefühle ihres natür-
lichen Charakters sind, veranlassen mich, die Ainos für das beste von allen Völkern
zu halten, die ich bis jetzt kenne.»
Es ist schwer, den Standpunkt der Gesittung, auf welchem Zinmu bei Stiftung
seines Reiches stand (660 v. Chr.), und jenen, auf dem sich das japanische Volk be-
fand, als es zuerst durch Krieg und Friede mit seinen Nachbarn, den Koreanern und
Chinesen, bekannt wurde (von der Mitte des ersten bis zum Anfang des dritten Jahr-
hunderts n. Chr.), nachzuweisen und zu bestimmen.
Mehrere japanische Gelehrte sind der Meinung, dafs bereits den Voreltern Zin-
mus die Schrift bekannt gewesen sei und führen bis jetzt erhaltene Proben davon
an; auch schreiben sie diesen viele nützliche Erfindungen, sowie Kenntnis von Hand-
werken, Landbau und Landwirtschaft zu. Dessenungeachtet erscheinen die Japaner
den Chinesen, denen sie im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung bekannt
wurden, als Barbaren. Wir wollen uns hier nicht in die Streitfrage über die
alte Zivilisation Chinas einlassen, aber soviel dürfen wir annehmen, dafs die Kultur
von China um mehr als zwei Jahrtausende der von Japan vorausgegangen ist. Auch
hatte sich schon im Jahre 1240 v. Chr. Geb. auf der dem südwestlichen Teile von
Kiusiu gegenüberliegenden chinesischen Küste, an der Mündung des Hoang ho, ein
aus dem Reiche der Mitte entsprossenes Kulturvolk niedergelassen, und es bestand
bereits im Jahre 1119 v. Chr. im Norden von Korea ein nach chinesischem Vor-
bilde geordneter Staat. Es ist daher höchst wahrscheinlich, dafs Zinmus Voreltern vom
festen Lande Asiens stammen, sei es von China oder Korea, die entweder absichtlich
ausgewandert oder durch Stürme an die japanischen Küsten verschlagen worden waren.
Die südlichste Insel, das jetzige Kiusiu, welches zu Zeiten Zinmus Tsukusi hiefs, war
so in vorgeschichtlicher Zeit das Asyl schiffbrüchiger Fremdlinge geworden, die eine
höhere Gesittung mitbrachten. Aber auch nach Zinmus Eroberungszügen und der
Auswanderung seines Stammes aus dem Gebirge Fakatsiho in Hiuga auf Tsukusi
nach seinem neugegründeten Reiche in Jamato auf Nippon müssen, wie früher,
4- Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjogunats. 3Ö3
solche zufällige Ansiedelungen gesitteter Völker dort stattgehabt haben. Die Ge-
schichte erwähnt ihrer nicht, weil die im Herzen von Nippon herrschende Mikado-
Dynastie in den ersten Jahrhunderten mit den südlichen Ländern keine Verbindung
unterhielt.
Die Hindu und Chinesen wagen im Osten der alten Welt, wie die Griechen
und Römer im Westen, die Verbreiter von Sprache und Schrift, Kunst und Wissen-
schaft, Religion und Staatsformen. Unter der Regierung des Mikado Körei tenwo (290
bis 315 v. Chr. Geb.) und des chinesischen Kaisers Schi huang ti (nach japanischer
Aussprache Schi-no Kotei) aus der Dynastie derTs’in, soll der Chinese Zjoluku(Siüfu) nach
Japan gekommen und ein Arzt des berühmten Kaisers von China gewesen sein, der ihn
zum Aufsuchen eines Krautes für Unsterblichkeit nach Phung lä chan, auf Japanisch Hora'i
no Kuni, einer der drei unzugänglichen Geisterinseln, ausgesendet hatte. Dieser soll
zuerst fremde Künste und Wissenschaften nach Japan gebracht haben; die Japaner
verewigten ihn mit göttlichen Ehren und bauten ihm zu Kumano einen Tempel.
Diese abenteuerliche Sage lassen wir dahingestellt; dafs übrigens unter der Regierung
des chinesischen Kaisers Schi huang ti, namentlich in den Tagen des Unterganges
der Herrschaft Ts’in, chinesische Flüchtlinge als Kolonisten nach Japan und zwar nach
Kumano gekommen sind, beweist die unter dem erwähnten Kaiser gegossene Münze
Han-rio, welche man häufig zu Kumano ausgegraben hat und noch in Sammlungen
bewahrt. Im elften Jahre der Regierung des Mikado Sjuzin (87 v. Chr. Geb.) haben
zahlreiche Einwanderungen vom benachbarten Korea stattgehabt, und im fünfund-
sechzigsten Regierungsjahre desselben (33 Jahre v. Chr.) kam ein Gesandter aus
Mimana1 (dies ist der alte Name einer Landschaft in Korea) mit kostbaren Geschenken
nach Japan und hielt sich dort mehrere Jahre auf. Im dritten Regierungsjahre des
Mikado Suinin (27 v. Chr. Geb.) kam abermals ein Gesandter, ein Königssohn Namens
Amano Hiboko aus Sinra, gleichfalls einer Landschaft in Korea. Unter den Geschenken,
die er dem Mikado dargeboten, werden Spiegel, Edelsteine, Waffen und andere Kost-
barkeiten genannt. Der Prinz blieb und liefs sich in der Landschaft Tasima nieder.
Ein Nachkomme desselben, Namens Hiohiko, überbrachte dem Mikado (59 n. Chr.)
sogenannte « Geisterschätze », welche der Prinz aus Sinra mitgebracht hatte. Japanische
Gelehrte behaupten, es seien die Schriften des Confucius gewesen.
Aufser dem Abenteuer von Zjofuku finden sich in den zwei ersten Jahrhunderten
unserer Zeitrechnung wenige Spuren des Verkehrs mit China in den Geschichtsbüchern
beider Völker. Im siebenundfünfzigsten Jahre n. Chr. sollen sich Abgeordnete dahin
begeben haben und im einundsechzigsten ein gewisser Tatsi Mamori nach dem
«Ewigen Land» gereist sein, um die wohlriechenden Früchte (vermutlich Orangen) zu
holen, und im Jahre 193 ein Nachkomme des Kaisers Schi huang ti nach Japan ge-
kommen sein. Aber auch vom Verkehre mit Korea, vor dem ersten koreanischen
Kriege finden sich aufser den obenerwähnten Ereignissen keine Nachrichten. Aus der
Veranlassung dieses Krieges geht jedoch hervor, dafs nicht nur ein Verkehr mit dieser
Halbinsel, nämlich zwischen Sinra und dem damals noch freien Volksstamme der Ku-
maoso, der einen grofsen Teil von Kiusiu inne hatte, sondern auch eine beständige
Aufwiegelung und Unterstützung dieses kriegerischen Volksstammes von dort her statt-
1 Mimana, auf koreanisch Kara oder Imna. Vergl. Astons Übersetzung des Nihongi, Vol. I,
pag. 164. Note zur 2. Auflage.
364 Abteilung II. Volk und Staat.
gehabt hat. Wenn es auch keine geistige und sittliche Bildung war, welche auf diese
Weise die noch unabhängigen Stämme des südlichen Teiles von Japan erhalten haben, so
verschafften sie sich doch gewifs von dorther manche nützliche Kenntnisse und An-
nehmlichkeiten des geselligen Lebens. Der erste Feldzug, welchen die berühmte
Heldin Zingu nach Korea unternommen hat (201 n. Chr.), und die beiden folgenden
(249 und 262) trugen viel zur Civilisation der Japaner bei.
Aber in der Literaturgeschichte von Japan ist das Jahr 284 und 285 verewigt.
Im fünfzehnten Regierungsjahre des Mikado Ozin heifst es: «Der König von Kudara1,
koreanisch Pekche (eine ehemalige Landschaft im Südwesten von Korea), sendet seinen
Sohn Atogi mit Rossen nach Japan. Atogi legt in Japan den ersten Grund zur Kennt-
nis der chinesischen Schrift», und im sechzehnten Jahre liefst man: «Der chinesische
Philosoph Wang in (oder Wani) kommt aus Kudara an den japanischen Hof und
erteilt den ersten Unterricht in der chinesischen Literatur». Beide brachten damals
schon Bücher von Confucius und seiner Schule mit.
Der Gelehrte Wani war chinesischer Abkunft und hatte sich erst kurz vorher
in Kudara niedergelassen; sein Unterricht hatte sich dort nur auf den engen Kreis
des Hofes beschränkt. In Japan war zwar dasselbe der Fall, aber seine Lehre schlug
hier tiefere Wurzeln, und die Japaner rühmen sich mit Recht, dafs, wenn sie auch
von der benachbarten Halbinsel her den ersten litterarischen Unterricht erhalten, hätten,
derselbe doch sofort allgemeiner bei ihnen verbreitet worden sei als dort, wo die Lehre
des Confucius erst in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts, nur ein Jahrzehnt
früher als das Buddhatum, eine weitere Verbreitung erhielt. Von dieser Zeit an fand
ein lebhafter Verkehr mit Korea statt, wovon mehrere Landschaften an Japan zinsbar
waren. Diese Schutzherrschaft der Mikados veranlafste häufig kriegerische Expeditionen
dahin, welche die Erweiterung, besonders von technischen Kenntnissen und die Über-
siedelung von Handwerkern und Künstlern nach Japan zur Folge hatten. Auch aus den
nächstgelegenen Landschaften von China kamen zahlreiche Kolonisten herüber und ver-
pflanzten ihre Sitten und Gebräuche und viele nützliche Erwerbszweige auf japanischen
Boden. Ihnen verdankt man auch die Einführung des Seidenbaues (463 n. Chr.), der
dadurch, dafs man die chinesischen Einwanderer sich ausschliefslich damit beschäftigen
liefs und ihre Abgaben nur in Seide erhob, sehr gefördert wurde. Um das Jahr 540
zählte man im japanischen Reiche 7053 Familien von chinesischer Herkunft. Die
Schutzherrschaft über einige der mächtigsten Staaten Koreas, welche beständig unter-
einander und mit den angrenzenden Ländern in Fehde lagen, trug vieles bei zur Er-
haltung eines kriegerischen Geistes und zur Ausbildung in der Kriegskunst, worin die
Japaner ein Jahrtausend lang allen ihren Nachbarn überlegen blieben. Der Verkehr
mit dem Festlande förderte zugleich die Entwickelung der geistigen und sittlichen Bildung.
So kam unter andern im Jahre 513 n. Chr. ein Meister der klassischen Literatur
Chinas, Namens Tan-jo-dsi aus Kudara, nach Japan, welcher in den fünf klassischen
Büchern, japanisch Gokio, besonders bewandert gewesen sein soll.
Der Buddhaismus, dieser aus Indien stammende Gottesdienst, hatte sich bereits
im ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung nach China (58 — 75) und von da nach
Korea (372) verbreitet. Von hier und zwar aus Kudara wanderte er (552) nach
1 Nach dem Kojiki fand dieses Ereignis anno domini 367—375 statt, und wird der Prinz
Atsikisi genannt. Note zur 2. Auflage.
4- Geschichte d, Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjogunats. ^65
Japan. Der Brief des Königs von Kudara, womit er die Übersendung einer ehernen
Statue des Sjaka Buddha; eines Baldachins und religiöser Bücher an den Hof des
Mikado Kinmei begleitet hat, und der wahrscheinlich von einem Hohepriester ge-
schrieben war, mag als eine günstige Empfehlung der Lehre Buddhas, so wie diese
anfänglich in ihrer Reinheit auftrat, hier eine geeignete Stelle finden: «Diese Lehre
ist die beste von allen; was selbst einem Confucius Rätsel und Geheimnis war, wird
durch sie geoffenbart. Sie verschafft uns Glückseligkeit und Vergeltung ohne Mafs
und ohne Grenze und machte uns endlich zu einem unübertrefflichen Boddhi. Sie ist,
um ein Gleichnis zu gebrauchen, ein Schatz, der alles, wonach das menschliche Herz
trachtet, in sich fafst und alles, was uns zum Heile gereicht, leistet. Und da sie zu-
gleich der Natur unserer Seele sich so ganz anschmiegt, so hat diese wunderbare
Lehre doppelten Wert. Betet oder machet Gelübde, je nach der Stimmung des Ge-
mütes, es wird euch an nichts mangeln. — Die Lehre kam zu uns aus dem fernen
Indien. Der König von Kudara teilt sie dem Reiche des Mikados mit, auf dafs sie
verbreitet und somit erfüllt werde, was in den Büchern Buddhas geschrieben steht:
„Meine Lehre wird sich gegen Osten verbreiten“.»
Zwar erklärte sich der Mikado, obgleich er selbst der persönliche Vertreter des
Kamidienstes und auch der chinesischen Literatur und der Moraltheologie des Con-
fucius nicht abgeneigt war, nicht gegen den fremden Gottesdienst. «Es ist recht und
billig (sagte er) zu gewähren, was der Mensch im Herzen hegt und sich wünscht; lafst
daher Iname (einer seiner Minister) das Bild verehren». Andere Reichsgrofsen befürch-
teten aber durch die Verehrung eines fremden Kami die einheimischen zu erzürnen.
Bald brach auch eine Seuche aus, und die dem Buddhabilde, von Iname errichtete
Kapelle ward in Asche gelegt und die Statue in den Llufs geworfen. Erst nach
seinem zweiten Auftreten (584) fafste das Buddhatum festen Lufs. Unter der Kaiserin
Suiko (593 — 628) — hatte der neue Glaube schon einen so grofsen Anhang ge-
funden, dafs es 46 buddhistische Tempel, 816 Mönche und 566 Nonnen im
Reiche gab.
Mönche und Nonnen kamen und mit ihnen Handwerker und Künstler aller
Art von Korea herüber, und unter dem Schutze dieses Gottesdienstes breiteten
sich Künste und Wissenschaften im Reiche aus. Ls fand von nun an auch ein
lebhafter Verkehr mit China statt und japanische Priester begaben sich häufig
dahin und sogar bis nach Indien, zur gründlichen Erforschung und Erlernung
der Buddhalehre, der heiligen Schrift und Sprache. Handwerker, Künstler und Ärzte
begleiteten sie, um sich in der Lremde auszubilden. Bereits im Jahre 720 wurde am
Hofe des Mikado eine Reichschronik , das denkwürdige Geschichtsbuch Nipponki,
veröffentlicht. Ebenso war früher, 71 1, das Buch der Annalen, Kosiki, erschienen
und im Jahre 718 das Buch Lu do ki (Taikö ritzu yö), eine Topographie, Naturge-
schichte und Sagensammlung jeder Landschaft, verfafst worden. Auch war eine
Receptensammlung in 100 Bänden bekannt gemacht worden (808).
Die Dichtkunst kam bereits unter der Regierung der Mikados Tentsi und
Tenmu (662 — 686) in Aufnahme, nämlich die chinesichen Gedichte, auch unter-
hielt man sich am Hofe (Dairi) mit Reimgedichten. Die Jahrbücher sprechen
häufig von Versammlungen von Dichtern und Dichterinnen in Dairi, und bereits im
Jahre 827 wurde eine Liedersammlung (Kei koku sju) in 20 Bänden vollendet. Proben
der Poesie von hundert Dichtern und Dichterinnen, worunter solche von Mikados,
^66 Abteilung II. Volk und Staat.
ihren 'Gemahlinnen, von Prinzen und Hofleuten und auch von Priestern prangen,
finden sich im Buche von hundert Dichtern (Hjaku ninsju.) verewigt.
Man befleifsigte sich immer mehr und mehr des Studiums der chinesischen Schrift
und Litteratur. Aber sowohl die buddhistischen Geistlichen, in deren Hcänden sich
grölstenteils die Wissenschaften befanden, als auch andere strebsame Männer fühlten
das Bedürfnis einer Schrift für die in vielsilbigen Wörtern und freier Wortfügung sich
bewegende japanische Sprache. Anfänglich bediente man sich der chinesischen Schrift-
zeichen, um damit, wie in China, ganze Wörter zu bezeichnen, welche man in dem
chinesischen Han-Dialekte (Kwan won) aussprach. Hierauf suchte man eine gewisse
Anzahl solcher chinesischen Zeichen aus der Menge heraus, um damit die in den viel-
silbigen japanischen Wörtern vorkommenden Laute zu bezeichnen, und setzte in Nach-
ahmung des Dewanagari, der alten indischen Schrift, ein Syllabarium von 47 Buch-
staben zusammen, womit man die silbenreichen japanischen Wörter schrieb, wahr-
scheinlich auch die Laute buddhistischer Gebete und Götternamen bezeichnete. Für
jede Silbe des Wortes ward so ein chinesisches Schrift- oder Wortzeichen verwendet,
was das Lesen und Schreiben sehr erschwerte. Zwei Gelehrten, Kibi und Kobo ver-
dankt man eine Abkürzung dieser Lautschrift; der erstere (f 175) stellte die Syllabar-
schrift Katakana, der letztere (lebte 774 — 835) das sogenannte Hirakana zusammen.
Durch diese leichte und bis jetzt unverändert gebliebene Silbenschrift hat sich die alte
japanische Sprache rein und zugleich mit ihr eine reiche Litteratur erhalten. Auch be-
zeichnete und erklärte man damit die Aussprache der chinesischen Schriftzeichen.
Wir führen diese aus den Jahrbüchern des achten und neunten Jahrhunderts
entlehnten Einzelheiten der Fortschritte, welche schon um diese Zeit die unter dem
Geleite der Religion aus dem benachbarten Festlande nach Japan eingewanderten
Wissenschaften gemacht hatten, absichtlich an, damit sie als Mafsgabe des damaligen
Kulturzustandes im allgemeinen dienen können. Zwar trug der aus der Fremde ge-
kommene Samen am Hofe der Mikados, auf einem seit mehr als einem Jahrtausend
veredelten Boden, die besten Früchte; aber auch durch das ganze Reich hindurch, in
den immer zunehmenden Tempeln der Buddhapriester und der Diener des Kami-
dienstes1 ausgestreut und von den sich gleichfalls mehrenden Anhängern der Schule
des Confucius sorgfältig gepflegt, gedieh derselbe und pflanzte sich mit unzerstörbarer
Lebenskraft beim Volke fort. Künste und Wissenschaften waren Arm in Arm mit
ihren älteren Brüdern, dem Gewerbfleifse und religiösen Sinne, eingewandert, und diese
bahnten ihnen den Weg nach den sich allmählich erweiternden Kreisen des geselligen
Lebens, wo sie Wifsbegierde, Bedürfnis und Bequemlichkeit gleich willkommen hiefsen.
Landbau und Landwirtschaft hatten mittlerweile die früher wandernden Jäger und Fischer
an bleibenden Wohnsitzen sefshaft gemacht, und die von der Mitte des achten bis
neunten Jahrhunderts im eigenen Lande entdeckten edlen Metalle den beschwerlichen
Tauschhandel erleichtert. So waren aber auch die mächtigsten Elemente geschaffen
zur Aufregung menschlicher Leidenschaften ; und wTenn schon bis dahin die Macht der
Mikados kaum hinreichte, die meuterischen Volksstämme des Südens im Zaume zu halten,
die wilden Völker des Nordens zu bändigen und die Oberherrschaft über die Halb-
insel Korea zu behaupten, jetzt hatten diese im Herzen des Reiches noch einen ge-
fährlicheren Feind zu bekämpfen, — die Religion und die Volkskultur, die jetzt nicht
1 Unter Kamidienst ist hier, wie sonst überall, die Sintoreligion gemeint.
4- Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjogunats.
blofs von fanatischen, sondern auch herrschsüchtigen buddhistischen Priestern zu ihren
Zwecken mifsbraucht wurden. Bereits im Jahre 806 zählte man neun verschiedene
Sekten des Buddhaismus in Japan, und das Bauen von Klöstern und Tempeln hatte
so überhand genommen, dafs der Mikado Kwanmu schon im Jahre 783 ein Verbot
dagegen hatte ergehen lassen.
Anfänglich hatte die Einführung des Buddhismus beim Volke und am Elofe des
Mikado heftige Widersacher gefunden. Mönchsschlauheit wufste diese jedoch durch
Überredung zu besiegen und selbst einen Prinzen ans der Herrscherreihe der ver-
götterten Kami, Sjötoku Daizi, für sich zu gewinnen und als Hohepriester des
Buddhadienstes einzusetzen. Darauf wufsten sie die Mikados zu bewegen, ihre Kinder
zu Vorstehern grofser Tempel und Klöster zu ernennen und den höchsten buddhis-
tischen Titel Howö, d. i. Fürst des Gesetzes einzuführen.
Wunder, Götter- und Geistererscheinungen, göttliche Eingebungen und Traum-
gesichte mancherlei Art waren an der Tagesordnung ; die im Sintö so hochgeschätzten
göttlichen und vergötterten Ahnen, die alten Kamis, kamen bald hier bald dort in
buddhistischen Tempeln, unter der Hülle indischer Gottheiten zum Vorschein, während
indische Götter, in Japan wiedergeboren, in den Personen lebender Regenten, Helden
und anderer grofser Männer auftraten. Die Schlauheit dieser Mönche ging so weit, dafs
sie vorgaben, die japanische Sonnengottheit, Tensjöko-Daizin, die höchste im
Kamidienste, unter der Maske eines indischen Gottes in China angetroffen zu haben,
wo sie erschienen sei, um feindliche Anschläge von ihrem Schutzlande Japan abzu-
wenden. Sie zeigten selbst das Bild der in China auferstandenen Sonnengöttin vor
und suchten darum nach, derselben einen Tempel in Japan zu bauen. Auch waren
es buddhistische Mönche, welche einige Jahrhunderte später den Palast des Mikado
in Brand steckten, als dieser ihre Wünsche nicht befriedigte oder ihren unersättlichen
Ehrgeiz nicht genügend nährte; und dieser ging so weit, dafs manche Hohepriester
sich auch den Titel Howö anmafsten.
Wir mufsten hier dieses unvorteilhalte Bild von den Verbreitern der religiösen und
geistigen Gesittung in Japan entwerfen, damit sich der Leser den Einflufs, welchen sie
jahrhundertelang auf die politischen Ereignisse ausübten, und den thätigen Anteil, den
sie an der Umwälzung der ursprünglichen Staatseinrichtung der Mikadoherrschaft und
jedesmal bei dem Sturze der Dynastien der Sjöguns - — der Usurpatoren der Ober-
herrschaft — genommen haben, leichter erklären kann. Wir wollen es aber auch
versuchen, ein Bild aufzustellen von dem Kulturzustande selbst, in welchem sich das
japanische Volk gegen das Ende des zehnten Jahrhunderts befand, wo die Mikado-
herrschaft zu wanken begann, und wenn auch noch kein Verfall der Wissenschaft,
wohl aber eine Beschränkung derselben auf engere Kreise und eine Hemmung ihrer
allgemeinen Verbreitung stattfand. Die religiöse Aufklärung des Volkes befand
sich trotz der Bemühungen der Buddhisten noch unter dem Einflufs des alten Geister-
dienstes (Sintö). Dagegen erblickt man schon, wenn auch nur in leichten Umrissen,
die guten Eindrücke, welche die Lehre des Confucius auf die sittliche Bildung des
Volkes gemacht hatte. Wenn auch damals noch nicht die Worte des Weltweisen
zum gemeinen Volke dringen konnten, so war es das Beispiel seiner sich im ganzen
Lande verbreitenden Schüler, welches seinen wohlthätigen Einflufs auf das Volk
ausübte, in dessen Mitte jetzt diese, gleich wie früher ihr grofser Meister an den
entsitteten Höfen der Fürsten verweilten.
Abteilung II. Volk und Staat.
368
Das Reich war bereits im Jahre 828 in Landschaften und Kreise eingeteilt,
Strafsen, Kanäle, Brücken, Grenzwehren und Schlösser für den Verkehr und zur all-
gemeinen Sicherheit gebaut (802), öffentliche Magazine, Hospitäler und Apotheken
zum Besten des Volkes errichtet worden. (730, 825).
Der Hof der Mikados bestand schon mit seinen Würdenträgern und Staats-
beamten, wie sie noch heutzutage im Staatskalender figurieren; es waren Statthalter
in den acht Kreisen eingesetzt, Gerichtshöfe, Gesetzbücher, Strafenordnung eingeführt.
Ebenso Familien- und Geschlechtsnamen (684), Titel, Rangstufen (730), Hofcere-
monien (804), Kleiderordnung für Staatsdiener (805) und für Frauen (719). Die
Jugend jedes Standes wurde durch ein Gesetz zum Schulbesuch angehalten (806),
Sittenmeister, Examinatoren (728) angestellt.
Schrift und Literatur waren allgemein verbreitet, aber noch nicht Eigentum des
Volkes geworden. Es gab Lehrer der chinesischen Literatur (845), astronomische
Bücher und Kalender waren schon seit 602 aus Korea herübergebracht, und die in
China gebräuchlichen Kalender allenthalben eingeführt (861); ebenso Münzen und
Mafse. Den Kompafs kannte man bereits 543 und Wasseruhren 660; auch Wasser-
und Getreidemühlen. Die kriegerische Ausbildung hatte während der beständigen
Kriegszüge nach Korea gute Fortschritte gemacht; Bogenschiefsen (677), Ringen,
Falkenjagd (355), Pferderennen (924) fanden als ritterliche Vergnügungen statt.
Die fortwährenden Feldzüge gegen die noch rohen Urstämme im Norden und
gegen die südlichen und westlichen Völker, die beständig durch zahlreiche Einwan-
derer von der benachbarten koreanischen Halbinsel aufgewiegelt wurden, und häufige
andere, innere Unruhen, wie auch Seezüge gegen die Seeräuber, welche von 813 bis
1019 auf der Süd- und Westküste hausten, waren eine tüchtige Schule der Kriegs-
kunst, worin sich selbst Kami- und Buddhapriester übten.
Die bildenden Künste, Baukunst, Bildhauerei, Malerei, vervollkommneten sich als
unentbehrliche Hülfsmittel sinnbildlicher Ausschmückung von Kami- und Buddhatempeln
und der nach ähnlichem Stile erbauten Paläste der Mikados und anderer Reichsgrofsen ;
gleiche Fortschritte machte auch die Musik. Die Tonkunst, durch deren Macht einst
die in einer Höhle verborgene Sonnengöttin von ihren Priesterinnen hervorgelockt
wurde, blieb eine treue Gefährtin des alten Kamidienstes und ward eine thätige Ge-
hülfin bei buddhistischen Feierlichkeiten und Festen. Sitten und Gebräuche, diese
edlen Herrscher im Kreise des geselligen Lebens, waren meistens noch im einfachen
Gewände des alten Kamidienstes gekleidet. Am Hofe des Mikado waren bereits durch
den Einflufs des Sjötoku Daizi, des ersten buddhistischen Patriarchen (siehe oben),
im Hofceremoniel und mit den Staatsbeamten, wahrscheinlich im Interesse des Buddhis-
mus, Änderungen vorgenommen worden. Seit 757, wo die Lektüre des Kö-kio, der
Bücher des Confucius durchs ganze Reich anbefohlen wurde, fand am Hofe wie beim
Volke, zur Seite der strengen Beobachtung der Sitten und Gebräuche des Kamidienstes
einiges aus dem Ritual des alten Reiches der Mitte Zutritt. Auch hatten dort die
buddhistischen Priester, welche sich allmählich den Weg nach dem Hofe bis in die
nächste Umgebung des Mikado zu bahnen wufsten, wo einer Namens Dökiö sogar
auf kurze Zeit erster Minister (765 — 786), andere unentbehrliche Mitglieder des Dichter-
kränzchens und der wissenschaftlichen und artistischen Vereine daselbst geworden waren,
einige ihren Zwecken zusagende Gebräuche eingeführt.
4. Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjögunats. ^69
Volksfeste und Feierzüge zu Ehren der Kamis, als Schutzpatronen von heiligen
Orten, von Landschaften und des ganzen Reiches Nippon, waren im zehnten Jahr-
hundert schon allgemein und wurden mit vielem Aufwande und Gepränge begangen.
Sie waren Triumphzüge der Priester des alten Kamidienstes, der damals, wie noch
heutzutage, trotz der Remonstrationen der gesamten buddhistischen Geistlichkeit, der
herrschende Volksgottesdienst war. Solche religiöse Volksfeste, welche sich durch
feierliche Aufzüge auszeichneten, erhielten das Andenken an alte Sitten und Trachten
und waren gleichsam die Probeakte der dramatischen Dichtkunst, die Schule natio-
naler Begeisterung für die Jugend , die dabei eine Hauptrolle spielte. Und
so sind sie es noch heute. Ähnliche Feste und Feierzüge wurden auch von den
Buddhapriestern angestellt und gingen mit noch gröfserer Pracht und Sinnestäuschung
von den berühmten Tempeln aus, und um das Volk dabei zu gewinnen, hatte man eine
neue buddhistische Sekte gestiftet — die des Riobu Sintö — des zweischulterigen Kami-
dienstes, wo man Kamis als wiedergeborene indische Gottheiten anerkannte und in
Buddhatempeln zur Verehrung aufstellte.
Der Sinn für chinesische Literatur nahm immer mehr zu, und das Studium der
Moralphilosophie des Confucius wurde allgemein gepflegt, seitdem dasselbe vom Mi-
kado selbst anempfohlen (757) und beinahe gleichzeitig der grenzenlosen Ausbreitung
des Mönchswesens Schranken gesetzt worden war (783). Der fremde, auf dem
fruchtbaren Boden des allmählich organisierten Reiches ausgestreute Samen trug nicht
nur reichliche, sondern auch veredelte Früchte. Es entstand eine Nationalliteratur, die
Schöpferin und Verbreiterin der Wissenschaft. Im Reiche Nippon — dem Sonnen-
aufgangslande — begann es zu tagen, als mit einem Male durch ein Gesetz, welches
mit Ausnahme der Priester allen Eingebornen das Studium der chinesischen Literatur
untersagte, dem Fortschritte der Volksbildung eine Grenze gesetzt wurde. Es war dies
das Werk der buddhistischen Mönche; denn auch diese bewahrten sorgfältig die
Wissenschaften, doch nur für sich, während sie das gemeine Volk zur Unwissenheit
verdammt wissen wollten.
Der freundschaftliche Verkehr mit Korea verminderte sich durch häufige Kriege
und ward endlich ganz unterbrochen. Die kriegerischen Expeditionen nach der
Halbinsel, wobei geistige und körperliche Gewandtheit zu statten kam, verwandelten
sich in Kämpfe gegen Land- und Seeräuber; unruhigen und ehrgeizigen Köpfen
war der Weg zu Abenteuern in die Fremde abgeschlossen und den Mikados die
Gelegenheit benommen, solche auf eine ehrenvolle Weise des Landes zu ver-
weisen. Innere Unruhen w7aren eine natürliche Folge davon, aber diese und sogar
Umwälzungen des Staatsgebäudes waren auch unvermeidlich bei der immer mehr
zunehmenden Macht des Buddhismus,. wreil mit dessen Satzungen die alte Gesetz-
gebung im Widerspruche stand und dessen Priester und Laien, wie die Geschichts-
bücher bezeugen, von 1038 an mit Feuer und Schwert den Weg zu einer Priester-
herrschaft zu bahnen suchten.
Diese geschichtliche Übersicht des Beginns und des Fortschrittes der Kultur
Japans, von der Begründung des Mikadoreiches bis zum Anfänge des zwölften Jahr-
hunderts, glaubten wir ausführlicher entwerfen zu müssen, da die Ereignisse, welche
von dieser Zeit an den Verfall der Mikadoherrschaft herbeiführen, unverkennbar die
Folge fremder, auf japanischen Boden verpflanzter Ideen gewesen sind. Die Verbreiter
waren die Buddhapriester, welche, wo nicht nach der obersten Staatsgewalt selbst, doch
v. Sieb old, Nippon I. 2. Aufl. 24
370
Abteilung II. Volk und Staat.
wenigstens nach einer unumschränkten Herrschaft ihrer Kirche strebten. Im Volks-
glauben wurden verheerende Seuchen, die zufällig auftraten, als Folgen der Einführung
dieses indischen Gottesdienstes empfunden, so dafs man die kaum errichteten Buddha-
tempel wiederum in Asche legte und die fremden Götterbilder ins Wasser warf (585).
Aber schon einige Jahre später wagte es ein Minister, Murnako, die Erbauung eines
Buddhatempels, dem er den Hamen Höhiösi, d. i. Tempel der Ausbreitung des
Gesetzes, gab, dadurch zu stände zu bringen, dafs er den Mikado meuchlings aus dem
Wege räumte. Und doch bestand noch ein halbes Jahrtausend später die alte Herrscher-
dynastie, der Gottesstaat der Mikado’s, zur Seite einer neuen Religion, deren Satzungen
weit über die Fabelsagen eines Naturkultus erhaben waren und deren Glaubensboten
aus dem reichen Borne der alten Gesittung von Indien und China geschöpft hatten.
Wir sehen hier das japanische Volk bereits auf einem Standpunkt angelangt, wo es
sich seiner Volkstümlichkeit vollständig bewufst war und sich kräftig genug fühlte, für
eine Partei zu kämpfen, deren Lehren seinen eigenen Ansichten am meisten zusagten,
aber auch bei seiner Einfalt des Herzens mit gleicher Begeisterung sich teils der alten,
teils der neuen Glaubenslehre zuwandte, je nachdem es deren Vorkämpfern glücken
mochte, dasselbe für sich und ihre Ideen zu gewinnen.
Es war ein Kampf, der mehrere Jahrhunderte währte und bei dessen Beendigung
auch christliche Elemente mitkämpften. In diesem Kampfe unterlag das Buddhatum
insofern, dafs es allen politischen Einflufs verlor, aber es siegte über den alten Kami-
dienst, indem seine Sekten vom Usurpator der Mikadoherrschaft als Staatsreligion an-
erkannt wurden. Bei den höheren Volksklassen errang es sich kein Ansehen, bei den
niederen hingegen zählte es zahlreiche Anhänger. «Der Buddhadienst hat in Japan wie
in China die lebendige Strömung verloren und ist in trüber Mischung mit fremden
Elementen versumpft und zum mechanischen Formelwesen herabgesunken.»
Die Lehre des Confucius dagegen pflanzte sich stets tiefer wurzelnd auf einem
neutralen Boden fort und hat bei der siegenden Partei eine bleibende Freistätte ge-
funden und seit einem zweihundertjährigen Frieden ihr Ansehen erhalten. Sie ist die
Religion der gebildeten Volksklassen, gleichwie in China die Staatsreligion geworden.
Während des Kampfes, der nur ein Ringen nach Oberherrschaft war, und wo sich,
ohne die alte Theokratie der Mikados umzuwerfen und zu vernichten, keine absolute
Alleinherrschaft errichten liefs, treten in Zwischenräumen, wo der Umsturz der einen
oder andern Dynastie der Sjöguns (der Obergeneräle) versucht wurde, Heer-
könige auf, die durch Macht, Talent und Kriegsglück begünstigt, die bestehenden Sjögun-
dynastien stürzten und die Stifter von neuen wurden. Aus einem solchen Heerkönig-
tum, das in der Waffengenossenschaft ein mehr selbständiges Leben gestattete, hat
sich auch das Feudalsystem, welches mit dem Eroberungszuge Zinmus, der eigent-
lich auch ein Heerkönig war, schon seinen Ursprung gefunden hatte, vollkommen
entwickelt.
Dieses Feudalsystem hat sich aber unter einer Regierungsform ausgebildet, für
welche in der Jetztzeit kein Beispiel besteht, womit man dieselbe vergleichen könnte.
Ursprünglich war nämlich die Regierungsform des von Zinmu begründeten Mikado-
reiches eine theokratische. Es unterscheidet sich aber die Theokratie des Mikado von
jener anderer alter Völker, die sich aus einer patriarchalischen Staatsform entwickelt hat,
«wobei die der Patriarchie innewohnende Idee der väterlichen Gerechtigkeit und Liebe
auf den ewig waltenden, persönlich gedachten Nationalgott übertragen wird, zu dem
4- Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u d. Entstehung u. Begründung d. Sjogunats. 371
das Gesamtvolk im Verhältnis der Kindschaft steht und dessen Willen und Gebote das
Staatsoberhaupt zu vollziehen hat». Auf einem solchen Grunde ruhte der japanische
Gottesstaat nicht, sondern auf dem Boden von Mythen, welche die Beherrscher der
Menschen, die Mikados, von Erdengöttern (Dsi-zin), und diese von Himmelsgöttern
(Ten-zin) abstammen lassen und wobei diese Sagen zum Volksglauben gestempelt
wurden, indem die Herrscher sich Suberage, d. i. der Göttliche , auch später in
chinesischer Nachahmung Himmelssohn (Tenzi) oder Himmelskönig (Tenwö) nannten
und daher auch beim Volke bei Lebzeiten göttlich verehrt und nach dem Tode als
Kami, Volk und Land beschirmende himmlische Geister angebetet werden. Sie waren auch
zugleich die höchsten Würdenträger des von ihren göttlichen Ahnen ererbten Geister-
dienstes, zu denen sie nach dem Tode als vergötterte Könige der Menschen (Nin wö)
wieder zurückkehren. ZinmuTenwo, der «göttliche Krieger der «Himmelsfürst», hatte
mit seinen tapfersten Stammesverwandten oder Bundesgenossen einen Eroberungszug
nach dem Osten unternommen und sich zum Herrscher über die unterjochten Volks-
stämme aufgeworfen mit unumschränkter Gewalt und dem Rechte der Erblichkeit. Als
unbeschränkt läfst sich die Alleinherrschaft der Mikados insofern bezeichnen, dafs sie
als Himmelssöhne (Tenzi) im Auge des Volkes als auserwählte Vertreter der
höchsten göttlichen Macht erschienen. Aber das Recht der Erblichkeit gründete
sich nicht auf die Erstgeburt; Zinmu’s fünfter Sohn folgte in der Regierung. «Die
Vorzüge seines Herzens und Geistes (so liest man im Wanenkei), seine kriegerischen
Talente hatten seinen Vater bestimmt, ihm bereits in einem Alter von 14 Jahren die
Thronfolge zuzuerkennen.» In der ersten Periode der Mikadoherrschaft von Zinmu
bis zum ersten koreanischen Kriege (660 v. Chr. bis 201 n. Chr.) findet sich unter
13 Mikados auch nur ein erstgeborner Sohn als Thronfolger angeführt. Aber jedesmal
wurde die Ernennung des Erbprinzen noch während der Regierung des Vaters ver-
kündigt, um durch Veröffentlichung der Willenserklärung des regierenden Mikado
Successionskriege zu vermeiden.
Die gesetzgebende Gewalt ging vom Mikado aus, dem ein Reichsrat zur Seite
stand, dessen erster Würdenträger den Titel eines Reichskanzlers (Kwambaku) führte.
Die vollziehende Gewalt war am Hofe acht Ministern und in den Provinzen Reichs-
statthaltern anvertraut. Der Mikado hatte seine Leibwache, und ein oberster Feldherr,
der ein Mitglied des Reichsrats war, befehligte das Kriegsheer in den Kronländern und
kam im Falle der Not den Statthaltern zu Hülfe. Den Statthaltern war das nötige
Kriegsvolk untergeordnet, um in ihrem Gebiete Ordnung und Frieden zu erhalten.
Die Macht der Statthalter beruhte zwar auf den rohen Grundlagen des aus einem Heer-
königtume hervorgegangenen Feudalismus, «das Eroberungsrecht, das Kriegsdienstver-
hältnis und die Territorialgewalt»; sie war aber als Ausflufs einer ursprünglichen Gottes-
herrschaft um vieles gemildert, und ebenso waren die Unterthanen, wenn auch durch
eine Art Leibeigenschaft an den Boden und dessen Besitzer gefesselt, mehr durch einen
gottesdienstlichen Trieb und durch Pietät, als durch die Begriffe von wechselseitigen
Pflichten und Rechten den Statthaltern, den Repräsentanten ihres götterentsprossenen
Beherrschers unterthänig.
Die Züge solcher Unterwürfigkeit und Treue bezeichneten jedoch nicht allezeit
die Handlungen der Statthalter in den entfernten Provinzen und das Regiment der Generäle
als Beschützer der Kronländer. Die Mikadoherrschaft schwankte Jahrhunderte auf dem
lockeren Boden einer aus so verschiedenartigen Elementen zusammengesetzten Staatsform.
24 *
372
Abteilung II. Volk und Staat.
Von den dunklen Wolken einer drohenden Priesterherrschaft überschattet, konnte
sie sich nicht in die Regionen einer freieren Selbständigkeit erheben und sank zeitweise
wieder in das schaurige Chaos der sich bekämpfenden Heerführer zurück. Endlich
erstand unter diesen der weltberühmte Taikosama, welcher alles vor sich niederwerfend
den Grund zu einer Staatsverfassung legte, mit der er seiner Familie dauernd die
Suprematie im Reiche zu sichern hoffte. Wenn auch dieses ihm nur insofern gelang,
als er der Begründer einer Hegemonie wurde, deren Früchte nicht seiner Linie, sondern
einem andern, dem Usurpator Minamoto Ijejasu, zu gunsten kamen, so gab doch das
von Taikosama gegründete System nach den letzten gewaltsamen Erschütterungen dem
Reiche einen dauernden Frieden.
Es ist dies die gegenwärtige Sjögunherrschaft, welche auf dem alten, aber noch
immer wurzelgrünen Stamme des Gottesstaates der Mikados parasitisch wuchert
und gleichzeitig mit unlösbaren Ranken den mächtigsten Feudalstaat der Welt um-
schlungen hält. 1
Wir wollen auf jenen denkwürdigen Zeitabschnitt der Geschichte des Reiches
Nippon zurückblicken, wo sich zuerst die Herrschaft der Obergeneräle gleichsam als
Stütze der wankenden Macht der Mikados erhob und dieselbe anfänglich unter heftigen
Stürmen aufrecht erhielt. Allein diese konnte sich infolge der in der Natur des Bud-
dhismus wurzelnden und der durch Üppigkeit und Übermut entstandenen eigenen
Schwäche auf die Dauer nicht behaupten. Zuerst durch Zeitstürme gebeugt, schliefs-
lich von Grund aus vernichtet, mufste sie der Macht der Sjöguns die Regierungsgewalt
abtreten und schliefslich sich in die Errichtung eines, von den Ausländern als welt-
liches Kaisertum2 bezeichnetes, erblichen Sjögunats fügen, dessen Nachkommen jetzt
noch die Zügel der Regierung behaupten.3
Die Entwickelung dieses Vorgangs haben wir bereits oben angedeutet und ge-
sehen, dafs die inneren Unruhen, die meistenteils von buddhistischen Mönchen ange-
stiftet worden waren, schon seit dem Anfänge des elften Jahrhunderts den Thron des
Mikado erschüttert und häufige Thronwechsel veranlafst hatten.
Da nun die Thronfolger oft nur Kinder waren, der Exmikado oder die Mutter
die Regentschaft führte und diese vom Reichskanzler beherrscht wurden, der die voll-
ziehende Gewalt zugleich mit den höchsten Würdenträgern ausübte, so mafste sich
dieser nicht nur die Herrschaft an, sondern veranlafste oder unterstützte aus Herrsch-
und Parteisucht selbst Unruhen und Empörungen. Es kam sogar soweit, dafs ein
Reichskanzler (Tairano Kijomori) den Exmikado (Sirakawa) einschlofs und hohe Staats-
diener verbannte.
Durch die Duldung des Buddhismus hatten sich die Mikados als die höchsten Ver-
treter des alten Kamidienstes eine gefährliche Gegenpartei geschaffen, und es enstand in
ihrer eigenen Familie, aus der allmählich die Reichsgrofsen im Dairi und die meisten
1 (Geschrieben 1832!) Bekanntlich wurde 1868 diese Sjogun - Herrschaft gestürzt, und der
Mikado hat wieder in eigener Person die Regierung übernommen. Note z. 2. Aufl.
2 Die Bezeichnung des Sjogun (später in den Verträgen auch Taikun genannt) als weltlicher
Kaiser im Gegensätze zum Mikado als geistlicher Kaiser, die in den populären europäischen Werken
über Japan allgemein üblich war, beruht auf einer irrtümlichen staatsrechtlichen und geschichtlichen
Auffassung, deren Unrichtigkeit Ph. Fr. v. Siebold zuerst nachgewiesen hat. Note z. 2. Aufl.
3 Siehe Note 1. Der Einflufs der letzten regierenden Sjögun-Familie hat selbstverständlich mit
der Restauration der kaiserlichen Herrschaft ihr Ende erreicht. Note zur 2. Auflage.
4- Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjögunats. 37 j
im Lande verbreiteten Fürsten hervorgegangen, ein religiöse Spaltung. Der Zweig
der Heike (Geschlecht Taira) war dem alten Kamidienste treu geblieben; der der
Gensi (Geschlecht Minamoto) neigte sich nach der Seite des Buddhismus. So kam
es zu einem Kriege,1 Der einundachtzigste Mikado ( 1 1 8 1 — 1185), Antoku,
ein Kind von 4 Jahren, mufste aus Kioto flüchten, worauf der Ex-Mikado
Gosirakawa (1156—1158) die Regierung übernahm und Antokus jüngeren Bruder,
gleichfalls ein Kind, zum Mikado proklamieren liefs. In der Seeschlacht bei Amaga-
seki war Antok mit dem gröbsten Teile seines Hofstaates ein Raub der Fluten ge-
worden und somit das Geschlecht der Heike gröfstenteils zugrunde gegangen. Dessen-
ungeachtet sah sich Gosirakawa, der die Regentschaft fortführte, veranlafst, einen
seiner Generäle zur Belohnung seiner Verdienste zum Reichs-Oberbefehlshaber, Ten
kano sotsuihosi, zu ernennen, um den Thron des Mikado zu beschützen und den
noch fortdauernden Kampf der Parteien zu bezwingen. Dies war Minamoto no Jori-
tomo, der nach dem Tode des Exmikado (1192) vom neuen Mikado zum Sei-
i-tai Sjögun, d. i. oberster Feldherr gegen die Barbaren, i. e. Rebellen, ernannt
und mit einer unumschränkten weltlichen Gewalt bekleidet wurde. Unter ihm
standen alle Statthalter der Provinzen, welche er aufs neue bestätigte. Er residierte
zu Kamakura in der Provinz Sagami. So wurde Minamoto Joritomo der Gründer
der Sjögun-Herrschaft, welche sich in fünf Dynastien, vom Jahre 1186 bis heute, er-
halten hat.2
Joritomos Sohn, Joriije, der nur eine kurze Zeit regierte, beschränkte seine
Macht, indem er die Reichsangelegenheiten einem Reichsrate überliefs und sich den
Vergnügungen seines Hofes hingab. Es blieben zwar von nun an die Sjöguns den
Mikados gegenüber als eine bedeutende Militär-Staatsgewalt bestehen; der Friede im
Reiche und an beiden Höfen war jedoch dadurch noch nicht gesichert. Die Partei
der Heike war nicht ganz vernichtet worden, die Buddhamönche fuhren fort, ihr
Unwesen zu treiben, und ihr Fanatismus nährte die Flamme der Zwietracht wie früher.
Der öftere Thronwechsel der Mikados und die Regierungsfolge der Sjöguns wurden
häufig mit Blut befleckt. Die Exmikados spielten im ersten Akte der Sjögun-Herr-
schaft oft noch eine bedeutende Rolle, obgleich man sie ins Exil schickte, in Klöster
verbannte oder auf andere Weise unschädlich zu machen suchte, um den noch un-
mündigen Mikado beherrschen zu können. Anfangs blieb die Sjögun-Herrschaft erblich im
Hause der Joritomo, wurde aber später (1252) auf eine mit dem Mikado nahe verwandte
Familie, die den Beinamen Sinwo (d. i. Königs-Verwandten) führte, übertragen. Bereits
unter dem dritten Nachfolger von Joritomo, dem Sjögun Minamoto Sanetomo, hatte
sich der erste Minister, er hiefs Tokimasa, unter dem Titel Sitsken eine Selbständigkeit
in der Regierung angemafst, welche den persönlichen Einflufs seines Herrn nicht nur
schwächte, sondern, da sich diese Minister-Herrschaft in der Familie Hösjo in einer
Reihe von neun Abkömmlingen erblich erhielt (1205 bis 1333), dessen Macht
1 Nach dem japanischen Geschichtswerke «Nippongaishi» und den modernen Geschichtswerken,
wie «Nippon Rekshi» und «Dai Nippon Teikokschi» wird die oben angeführte Einwirkung des reli-
giösen Elements in den Kriegen der Heike und Gensi nicht anerkannt. Die Ursache wird auf eine
Schwächung der Autorität des Kaisers, entstanden durch Zerwürfnisse innerhalb des Kaiserlichen
Hauses, auf die Intriguen der den Thron umgebenden Familien Fujiwara u. s. w., sowie auf die A11-
mafsungen der Heeresführer und des Militäradels zurückgeführt. Anmerkung zur 2. Auflage.
2 Geschrieben vor der Restauration des Mikado im Jahre 1868. Note zur 2. Auflage.
374
Abteilung II. Volk und Staat.
lähmte. Diese Sitsken und namentlich der letzte in der Regierung, Takatoki,
waren die Hauptursache einer neuen Regierungs -Umwälzung, aus der eine zweite
Sjögun-Dynastie hervorging. — Noch müssen wir eines denkwürdigen Ereignisses
während der ersten Sjögun-Herrschaft erwähnen, welches China von Grund aus er-
schütterte und auch das Japanische Reich mit dem Untergange bedroht hat. In
der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts kamen nämlich mongolische Gesandte
von der Juen-Dynastie mit der Aufforderung zur Unterwerfung über Korea nach Japan,
welche abgewiesen und deren letzter sogar enthauptet wurde. Dieses hatte wiederholte
Einfälle Kublai kahns zur Folge, die jedoch durch die Waffengewalt der damals kriegs-
gewohnten Japaner und durch einen Orkan — unter dem Beistände der Landes-
Schutzgötter — ab gewehrt wurden. Es zeigte dabei, die Sjögun-Herrschaft gleichviel
Trotz als Macht.
Die Beherrschung der Sjöguns durch ihre ersten Minister (Sitsken), welche
sich grofse Anmafsung auch gegen die Mikados erlaubten, der Einflufs der Exmikados
auf den Hof der Mikados, wo wiederum der Kwambaku oder Reichskanzler die oberste
Macht in Händen hatte, das beständige Einmischen in Staatssachen von seiten der
Oberpriester der buddhistischen Klöster, die häufig Verwandte der beiden Höfe, oft
auch zurückgesetzte, ins Kloster gegangene Staatsdiener waren, alle diese verschiedenen
Ursachen machten den Umsturz des Staatsgebäudes unvermeidlich, der dann auch unter
dem fünfundneunzigsten Mikado und dem neunten Sjögun erfolgte.
Der Mikado Godaigo hatte mit einem seiner Söhne und mehreren Oberpriestern
buddhistischer Klöster einen Anschlag zum Sturze der Sjögun-Herrschaft entworfen
und einen Handstreich auf Kamakura, den Sitz des Sjögun, vorbereitet, was jedoch
entdeckt und die Flucht des Mikado und die Proklamierung eines neuen Thronfolgers
zur Folge hatte (1331). Es entstand ein blutiger Kampf um die Obergewalt, wobei
der Sitsken Takatoki gestürzt, das Haus Hösjo gröfstenteils vernichtet und Godaigo
wieder als Mikado eingesetzt wurde. Die Würde eines Sei-i-tai - Sjögun erteilte
dieser seinem Sohne Moritosi, und das wichtige Amt eines Reichskanzlers (Kwam-
baku) wurde aufgehoben. Der Mikado wollte selbst regieren. Aber bald entstand
wieder eine Meuterei, an deren Spitze Tokijuki, der Sohn des gestürzten Ministers
Takatoki, stand, der gegen den neuen Sjögun zu Kamakura zu Felde zog. Asi-
kaga Taka-udsi, ein tapferer General, welcher dem Mikado wieder auf den Thron
verholfen hatte, wurde dem Sjögun zu Hülfe gesendet, vernichtete die Meuterer, warf
sich aber selbst zum Sei-i-tai-Sjögun auf. Ein neuer Krieg entsteht; Taka-udsi siegt,
erobert Kioto und bemächtigte sich der Person des Mikado, der jedoch später wieder
entkam und ins Gebirge flüchtete.
Auf diese Weise begründete Asikaga Taka-udsi eine neue Sjögun-Dynastie
(1338), während sich eine Reihe Mikados (1337 bis 1394), von ihm und
seinen Nachfolgern unterstützt, auf dem Throne zu Kioto behauptete. Diese
gründeten daselbst den nördlichen Hof Hoku-tsjö oder das neue Mikado-Haus, Sinin,
und der Mikado Godaigo, der sich ins Gebirge von Josino in der Provinz Jamato
geflüchtet hatte, erhielt dort das rechtmäfsige Haus Hönin , den südlichen Hof,
Nansjö. So bestand während sechsundfünfzig Jahren eine doppelte Mikado-Herr-
schaft, wovon jede ihren Sjögun hatte, unter beständigen Parteikämpfen, bis endlich
durch einen Vertrag der Friede hergestellt wurde. Kraft dieses Vertrages blieb
der Mikado des einen Hauses auf dem Throne und zwar der nördliche Mikado, Gogomatsi,
4. Geschichte d Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjogunats.
der des alten erhielt den Titel Da-djo-ten-no, womit er von der Regierung zurücktrat,
und seinem Sohne wurde die Thronfolge zugesichert. Die Regierungsform des Reiches
Nippon war nun beinahe dieselbe wie zu Zeiten Joritomos geworden, nur mit dem
Unterschiede, dafs ein besseres Einverständnis zwischen dem Hofe des Mikado und
dem des Sjögun bestand. Ein Reichsfriede war aber nicht zustande gekommen, und die
Parteien gestürzter und erhobener Reichsgrofsen und Landesfürsten waren beständig
miteinander in Fehde, Bei der erblichen Regierungsfolge der Sjöguns stellte sich
das alte Gebrechen ein, dafs sie wieder von einem ersten Minister, der jetzt den Titel
Kwanrei führte, abhängig wurden. Diese mächtigen Staatsmänner, welche aus
einigen wenigen bevorrechteten Fürsten-Familien hervorgegangen waren, herrschten,
wie früher die Sitsken , zu Kioto und suchten sich in ihrem hohen Amte durch
Gewalt und Intriguen zu erhalten, was oft die Abdankung, sogar die Verweisung
und Ermordung des Sjögun zur Folge hatte. Auch wurde dadurch ein häufiger
Wechsel der hohen Würden an beiden Höfen veranlafst, was natürlich Mifsvergnügen
und Meutereien verursachte. Kioto wurde wiederum der Tummelpktz der Herrsch-
sucht und des Eigennutzes, wodurch der Hof des Mikado und des Sjögun in poli-
tische Ohnmacht und Armut verfiel; ja, es gab eine Zeit, wo viele Würdenträger im
Dairi die Stadt Kioto verliefsen, um in den Provinzen ihren Unterhalt zu suchen,
andere in der Residenz von Almosen lebten. Es kam sogar der Fall vor, dafs ein
Mikado nicht begraben wTerden konnte, weil es an Mitteln zu einem feierlichen
Leichenbegängnisse fehlte, ein anderer aus demselben Grunde das Krönungsfest auf-
schieben mufste, bis ein befreundeter Fürst die Kosten bestritt und dafür einen hohen
Ehrentitel erhielt.
Bei allem dem erhielt sich das Haus der Asikaga circa 230 Jahre (1338 bis
1568) und zählte eine Regierungsfolge von fünfzehn Oberfeldherren. Der Verkehr
mit China, der seit der Juen- (Mongolen-) Dynastie abgebrochen war, wurde unter
der Ming- Dynastie wieder hergestellt, und es fand seit 1403 wechselseitig Gesandt-
schaften und Verkehr statt; auch mit Korea waren wiederum Verbindungen ange-
knüpft worden.
Wie bekannt, wurde gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts Japan von den
Portugiesen entdeckt. Ein allgemeiner Landesfriede war eigentlich in diesem Reiche
nie zustande gekommen. Ein Jahrtausend hatten die Mikados zu kämpfen, um die
rohen Stämme des weit ausgebreiteten Inselrneeres zu unterjochen, und dann kämpfte
man für die Erhaltung der Dynastie und stritt sich um die Oberherrschaft. Auch
zur Zeit, w7o durch Zufall die ersten Europäer, Nanbanzin oder Süd - Barbaren,
an die Küste von Japan verschlagen worden waren, befehdeten sich einige Landes-
fürsten, und der Krieg war auch wieder in den Kronländern (Kwantö) ausgebrochen.
In der Hauptstadt Kioto war es noch ruhig; doch nur für kurze Zeit.
Die ersten Minister, die Kwanrei, waren seither meistenteils aus der fürstlichen
Familie der Hossokawa hervorgegangen, welche sehr begütert war und den gröbsten
Teil der Insel Sikoku besafs. I111 Anfang des 16. Jahrhunderts verschwand allmählich
der Reichtum dieses Hauses und somit dessen Glanz und Einflufs. Dagegen erhob
sich ein Nebenzwreig desselben, der der Mijosi, welcher seine Macht über das ganze
Reich ausbreitete und nach der Oberherrschaft, d. h. der mächtigen Stelle eines Kwan-
rei strebte. Auch scheint es, dafs die früheren Statthalter, welche zu Zeiten Joritomos
in den Provinzen regierten, ihre Macht mifsbraucht und sich zu souveränen Fürsten
37^
Abteilung II. Volk und Staat.
aufgeworfen hatten. Diese waren beständig miteinander im Zwiste, wobei gewöhnlich
das Waffenglück entschied, und der Krieg, wenn der Sjögun sich einmischte, bis in
die Kronländer verbreitet wurde.
Die Buddha-Mönche, welche Kioto mit ihren befestigten Tempelhöfen und ihren
Klöstern gleichsam eingeschlossen hielten, und denen die vielen Verwandten und
in Ungnade gefallenen Grofsen beider Höfe, die dort ihr Asyl gefunden, eine einflufs-
reiche politische und religiöse Stellung verursachten, verursachten bei jeder Gelegen-
heit Unruhen und erschienen mit dem Schwerte und der Brandfackel vor dem
Dairi und dem Palaste des Sjögun und seines ersten Ministers. So war im Jahre
1536 Kioto von den berüchtigten Mönchen des Berges Hiesan in Brand gesteckt
und die gröfste Hälfte dieser Residenzstadt vernichtet worden. Auch unter den
Buddha-Sekten hatten sich Parteien gebildet, und die von Sjöto-Zinsju sich für den
Sjögun erklärt, wofür den Priestern noch bis heutzutage gewisse Vorrechte einge-
räumt werden.
Der Krieg war bereits wiederum bis in die Kronländer verbreitet und die Haupt-
stadt bedroht; der Sjögun Josiharu hatte seine Würde niedergelegt, und sein elf-
jähriger Sohn Jositeru war zum Sei-i-tai-Sjögun ausgerufen worden (1546). Als-
bald hatte sich ein neuer Bewerber um die Stelle eines Kwanrei, Harumoto, aus
dem Hause Hossogawa, von Verwandten der Mijosi unterstützt, der Stadt be-
meistert. Diese beiden Familien stritten nun eine Zeitlang um die Obergewalt,
während die übrigen Fürsten ungehindert einen Eroberungskampf unter sich führten.
Bei ihnen galt jetzt das Recht des Stärkeren, und einige hatten sich zu Herren vieler
Provinzen gemacht und waren mächtig und gefährlich geworden. Die Macht des
Mikado war längst gebrochen, die Sjögun-Herrschaft immer machtloser, die Reichs-
regierung zügelloser geworden, die Gewalt der Kwanrei und der Sitsken unbe-
schränkter.
Jositeru, den jungen Sjögun, sah man unter dem Schutze seines Vaters Josi-
haru bald aus Kioto flüchten, bald wiederum einziehen, je nachdem es das Kriegs-
glück gestattete. Unter dem Geräusche der Waffen zum Manne gereift, scheint in
ihm der Gedanke nach einer selbständigen Herrschaft erwacht zu sein. Jositeru und
sein Vater griffen zu den Waffen gegen die oben bezeichneten Usurpatoren der Staats-
gewalt, welche mit den mächtigen Oberpriestern der Buddha -Tempel gemeinsame
Sache gemacht hatten. Der Sohn hatte sich in seinem Schlosse zu Kioto befestigt,
während der Vater das im Süden der Hauptstadt gelagerte vereinigte Heer des Kwan-
rei, des Sitsken und der Priester mehrmals angriff, aber jedesmal zurückgeschlagen
wurde; da überfiel Jositeru durch einen unerwarteten Ausfall die Sieger und trieb sie
in die Flucht. Durch Vermittlung des Mikado kam ein Friede zustande; Jositeru
behauptete sich in der Obergewalt und residierte zu Kioto (1553). Sein Vater
verschwand vom politischen Schauplatze; dagegen scheinen seine Mutter und Frau
eine einflufsreiche Rolle zu gespielt zu haben.
Zur Zeit, wo die christlichen Glaubensboten an seinen Hof zugelassen wurden
(Februar 1565), hatte der Sjögun eine erstaunliche Pracht und Macht entwickelt, und
seine Mutter und Gemahlin standen in grofsem Ansehen. Es war kurz vor seinem
Untergange. Seine beiden gedemütigten Reichsgrofsen, Mijosi Jositsugu und Mitsu-
naga Hisahide, waren zwar wieder in ihre Würden als Kanzler und Feldherr einge-
setzt und in ihre Schlösser zu Imori und Nara in der Nähe der Residenz zurück-
4. Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjögunats. ^yy
gekehrt, hatten jedoch nach einer so grofsen Niederlage das Vertrauen und ihre
Obergewalt gröfstentells verloren, und es war sogar bei der thatkräftigen Haltung des
Sjögun selbst ihre Existenz bedroht. Ersterem, aus der Familie der mächtigen Mijosi,
war es ein leichtes, den letzteren, der ihm durch die Vergiftung seines Pflegevaters
(Joritsugu), des früheren Kwan rei, zur Regierung verholfen hatte (1561), für einen
Anschlag gegen das Leben des Sjögun zu gewinnen; sie hatten die Absicht, die un-
beschränkte Herrschaft an sich zu reifsen und das Reich unter sich zu teilen. So waren
beide zu einem Hochverrate entschlossen und konnten auch auf Unterstützung von
seiten der gleichfalls in ihrer Herrschaft beschränkten Priester hoffen. Da es ihnen
nicht glückte, sich der Person des Sjögun durch List zu bemächtigen, beschlossen
sie, ihn mit bewaffneter Hand in seinem Schlosse anzugreifen. Der Sjögun suchte
sich an der Spitze seiner Getreuen tollkühn den Weg zur Flucht mit dem Schwerte
zu bahnen; schwer verwundet tötete er sich selbst und starb so als Held in der
Kraft seines Lebens, erst 30 Jahre alt. Sein Schlofs ward geplündert und ein Raub
der Flammen, seine Kinder und seine alte Mutter wurden grausam ermordet und
seine Gemahlin, welche sich in ein Kloster geflüchtet hatte, wurde verraten und ent-
hauptet.
Die beiden Empörer setzten sich in ihren Schlössern fest und boten alles auf,
sich in der obersten Gewalt zu behaupten. Dem Mikado und dem Volke kündigten
sie sich an als Befreier von der Zwangsherrschaft des übermütigen Sjögun, und um
ihr eigenes Interesse ganz in den Hintergrund treten zu lassen und dem Ehrgeiz der
Priester zu schmeicheln, gaben sie vor, den Bruder des gefallenen Sjögun, einen
Oberpriester, an dessen Stelle erheben zu wollen. Dieser hatte nämlich zwei Brüder,
welche beide buddhistische Oberpriester waren. Den jüngeren hatten sie ermorden
lassen, den älteren, Gakkei, in Gewahrsam gebracht, woraus er jedoch glücklich ent-
kommen, war nach Omi geflüchtet und sich dem Schutze des dortigen Fürsten Sasaki
Sjötei anvertraut hatte. In den Annalen von Nippon heifst es: «Er liefs sich dort
seine Haare wachsen und nahm den Namen Josiaki an». Aber hier sah er sich bald
nicht mehr sicher, da der Sohn des Fürsten in ein geheimes Verständnis mit den
Mijosi getreten war; er flüchtete nach Wakasa und von da weiter nach Jetsisen zum
Fürsten Josikage (1567).
Ota Nobunaga, Sohn des Fürsten von Ow7ari, hatte sich in den Fehden mit
seinen Nachbarn einen furchtbaren Namen gemacht und kurz zuvor das Fürstentum
Mino, die an Jetsisen grenzende Provinz, erobert. Seine Fürstentümer bildeten mit
denen von Jetsisen, Omi und Wakasa, welche mit dem Sjögun-Hause Friede hatten,
von Norden bis Süd-Osten eine starke Ringmauer um die Kronländer, die sich in der
Gewalt der Usurpatoren befanden. An diesen mächtigen, kriegsgewohnten Fürsten
wendete sich Josiaki und bat um Schutz und Beistand gegen die Empörer, deren
Haupt Mijosi Jositsugu war (August 1568).
Nobunaga versprach ihm seinen Schutz, liefs den Prinzen unter dem Geleite
der Fürsten von Kawatsi und Bizen zu sich kommen und erteilte dem Fürsten von
Omi Befehl, gegen Mijosi zu Felde zu ziehen. Da dieser nicht sofort Folge leistete,
zou er se^en ihn, eroberte und zerstörte zwei seiner Festungen, besetzte Omi und
nahm darnach Josiaki zu sich. Unter dem Befehle eines gewissen Hatadono wurden
die Usurpatoren bei Sakai geschlagen, worauf Nobunaga mit seiner Armee gegen die
Stadt Kioto zog, die ihm ihre Thore öffnete. Er bezog den die Stadt beherrschenden
37§
Abteilung II. Volk und Staat.
Tempel Kiomitsu, und sein Schützling liefs sich im Tempel Tofuksi nieder (28. des
9. Monats | Oktober] 1568).
Im folgenden Monate zog Nobunaga mit dem Prinzen nach der Provinz Setsu, um
den Mijosi hinrichten zu lassen. Dieser war jedoch diesmal entkommen. Matsunaga
Hisahide und Mijosis Verwandte unterwarfen sich, und schon am 18. desselben Monats
ward Josiaki zum Sei-i-tai-Sjögun ernannt. Nobunaga kehrte nach seinem Schlosse
Gifu zurück. Die Mijosi, welche aufs neue zu Kioto eine Meuterei veranlafsten,
wurden aus der Stadt verwiesen; Nobunaga kam zurück; er liefs dem Sjögun
ein Schlofs bauen und beorderte einen seiner Generäle, zu dessen Schutze zurück-
zubleiben.
Es war Hidejosi, der später unter dem Namen Taikosama weltberühmte Eroberer.
Auch nennt die Geschichte jetzt unter den Verbündeten Nobunagas den tapferen Ije-
jasu, der sich im Anfänge des 17. Jahrhunderts zum Begründer der noch jetzt regie-
renden Sjögun-Dynastie aufwarf.
Aufser diesen hervorragenden Persönlichkeiten, welche sich auf dem Kampf-
plätze zeigten, waren noch zwei andere mächtige Faktoren erstanden, welche einen
bedeutenden Einflufs auf den Kampf um die Oberherrschaft ausüben mufsten. Es
war in erster Linie das Christentum, welches seit der Ankunft des ersten Glaubens-
boten (Franciskus Xaverius 1548) im Süden des Reiches festen Fufs gefafst und seit
einem Jahrzehnt auch zu Kioto, dem Sitze der Erbregenten der Mikados und ihrer
Beherrscher, der Sjöguns Verbreitung gefunden und bereits viele Tausende dem Opfer-
herde des alten Kami-Dienstes und den Tempeln Buddhas abwendig gemacht hatte.
Sodann die Einführung der Feuerwaffen, dieses verhängnisvolle Mordinstrument, welches
der erste Portugiese, der den japanischen Boden betrat (1543), einem Fürsten anbot
und welches von nun an als Würgengel unter den fanatischen und herrschsüchtigen
Parteien wütete. Das Wort Fanatismus gilt aber jetzt noch nicht den Christen; diese
kannten es noch nicht in der gefährlichen Bedeutung, in der es seit dem 12. Jahr-
hundert schon die Buddha-Priester ihren Laien ausgelegt hatten. Das Christentum
befand sich noch damals in Japan in seiner unverdorbenen Kindheit, und die Satzungen
der christlichen Lehre waren mit reinen Zügen von einigen wenigen aus edlem Berufs-
eifer herbeigekommenen Lehrern tief in die Seele ihrer Schüler geschrieben worden;
damals war noch Überzeugung das Losungswort, das zu dem so mühseligen Über-
tritt aus dem Buddhismus ermutigte, und die brüderliche Liebe, welche die Neu-
geweihten beseelte. Fürstensöhne und selbst Priester waren aus innigster Überzeugung
Christen geworden, und kein von Mönchen überredeter gemeiner Haufen oder von
Fanatikern angespornte Rebellen standen sich auf dem Kampfplatze gegenüber. Den
beiden Reihen der Kämpfenden wurden Kriegsfahnen mit einem Kreuze vorgetragen,
und an den Helmen blinkte ein allgemeines Kennzeichen der Christen. Nicht aus
leidenschaftlichem Parteigeiste, sondern aus Ergebenheit, Treue und Pflicht gegen
ihre Herren leisteten sie Pleerfolge, die nicht mit dem Bluteide beschworen,
sondern mit dem Siegel des christlichen Glaubens — der Wahrheit — bekräf-
tigt war.
Das Haupt der Verschwörung, Mijosi Jositsugu, war, wie gesagt, entkommen
und hatte sich wahrscheinlich in einen Tempel oder zu Buddha-Priestern geflüchtet,
welche damals grofse Herren waren und Fürstentümer befafsen, und von denen einer,
Namens Kwösa, die starke Festung von Osaka inne hatte. Auch war Nobunaga
4. Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjogunats.
entweder zu schonend oder zu unvorsichtig gegen die Mitverschworenen verfahren.
Er selbst lag mit mehreren Fürsten, die ihm zu mächtig wurden, in Fehde und
breitete seine Länder immer mehr aus. Die Bonzen, deren Widersacher er von jeher
gewesen, hatte er aufs neue dadurch gegen sich erbittert, dafs er ihre Tempel
abbrach und aus dem Material sein Schlofs erbaute und seinen Palast mit den antiken
Kunstwerken derselben ausschmückte. Diese und die gestürzten Mijosi sparten keine
Kunstgriffe, dem von Nobunaga auf den Thron erhobenen Sjögun, der selbst vorher
ein Buddha-Priester gewesen war, Argwohn gegen seinen mächtigen Beschützer ein-
zuflöfsen. Es entstand so neuerdings eine Meuterei, an deren Spitze wiederum die
Mijosi und ihre Partei, die Buddha-Priester und Mönche, standen.
Da wir nun Nobunaga seine Waffen gegen seinen Schützling und Oberherrn
kehren und die Zügel des Reiches mit voller Faust ergreifen und bald als unbe-
schränkten Herrscher auftreten sehen werden, so wollen wir ein Bild von ihm auf-
stellen, das nicht in dem Augenblicke entworfen ist, wo aufgeregte Leidenschaft seine
Züge entstellen konnte, sondern aus jener denkwürdigen Epoche stammt, wo er dem
gestürzten Fürsten hause seinen Beistand anbot und es wieder aufrichtete. Nobunaga
war von grofser Gestalt, aber schwachem Körperbau und nicht geschaffen, die Stra-
pazen des Krieges zu ertragen. Ein fester Wille, ein lebhafter Geist und unbändiger
Ehrgeiz ersetzte seine Körperschwäche. Er war unerschrocken, tapfer, gerecht, grofs-
mütig und verabscheute Verräterei. Er besafs einen durchdringenden, lebhaften Ver-
stand und zeigte sich in Geschäften gewandt und wohl beraten. Er war zum obersten
Feldherrn wie geschaffen; ein Meister im Festungsbau und der Belagerungskunst, ent-
warf er selbst die Pläne und ordnete sein Kriegslager. Im Rate war er das einzige
Haupt, und er besprach sich nicht, um Rats zu erholen, sondern um die Gesinnungen
seiner Umgebung kennen zu lernen. Er selbst war nicht zu durchschauen. Er sah
alles, in ihm war alles verschlossen. Er war ein abgesagter Feind des buddhistischen
Mönchswesens, weil er die Priester für Betrüger und selbst lasterhafte Menschen hielt.
Dem Christentume war er nicht abgeneigt und liefs sich gerne in theologische Streit-
fragen mit den Jesuiten ein. Ein Hauptzug, der ihn' als Feldherrn bezeichnete und
seine Eroberungen krönte, war seine Entschlossenheit und die schnelle Ausführung
seiner Pläne.
Noch kurz zuvor war Josiaki selbst mit Nobunaga gegen Mijosi und den
mächtigen Buddha-Priester Kwösa zu Felde gezogen; auch hatte er ihn auf seinem
Feldzuge nach Omi und bei einem Angriffe auf den Tempelberg Hiesan begleitet,
und durch seine Vermittelung waren mehrere Fehden mit anderen Fürsten beigelegt
worden (1570). Zur Bestrafung räuberischer Einfälle in Omi, welche auf Anstiften
der Mönche von Hiesan geschehen waren, erstürmte Nobunaga den befestigten Berg,
steckte die Tempel und Klöster in Brand und liefs die Priester und Mönche sämtlich
erwürgen (1571). Diese, als sie sich rettungslos verloren sahen, baten ihn um Schonung
aus Achtung gegen die Götter, deren Schützlinge sie seien. ((Wenn dies wahr ist)),
erwiderte er, «warum fürchtet ihr mich? Ist es unwahr, dann mufs ich das Volk,
das ihr täuscht, und die durch eure Heuchelei erzürnten Götter rächen.» Nobunaga
hatte sich bei der Erhebung Josiakis auf den Sjögun-Thron eine unumschränkte Ge-
walt als Reichsregent Vorbehalten. Der neue Sjögun war von Natur aus wenig be-
gabt, sanft und friedfertig; er würde sich auch nie gegen seinen Befreier erhoben
haben, wenn ihn seine Umgebung — die Mehrzahl der Würdenträger an seinem Hofe
3§o
Abteilung II. Volk und Staat.
und sogar der neuerwählte Singen (General) waren Priester — nicht beständig auf-
gereizt hätte. Die Zerstörung des Eliesan hatte ihre Rachsucht aufs neue angefacht.
Die durch den Sjögun erfolgte Wahl eines Priesters zum General (Takeda, Fürsten
von Kai) war von Nobunaga sehr unwillig aufgenommen worden, zumal da der
vorige — der oben erwähnte Hatadono — sein tapferer und treuer Anhänger gleich-
falls auf Anstiften der Priester getötet worden war. Er machte dem Josiaki Vorwürfe
darüber und soll sogar, als dieser im geheimen Vorbereitungen zum Kriege traf, ihm
sehr friedliebend geschrieben und seinen Sohn als Unterpfand seiner Treue angeboten
haben. Das Benehmen eines sonst so trotzigen Mannes suchte man als Schwäche aus-
zulegen; der Sjögun wurde dadurch bewogen, Briefe und Geifsel zurückzusenden.
Es war eine Kriegserklärung. «Im ersten Monat 1573», heifst es in den Annalen
von Nippon, «erhebt der Sjögun Josiaki die Waffen gegen Nobunaga und befestigt
sich in der Burg Iwajama; doch dieser sendet Truppen, welche die Burg erobern.»
Der Sjögun hatte sich nicht nur mit den noch immer sehr mächtigen Priestern
und einigen anderen Fürsten, sondern sogar mit den Mördern seines Bruders, den
Kij osi und deren Mitverschworenen verbunden. Diese und der General Takeda ziehen
nun gegen Nobunaga zu Felde, müssen jedoch vor der Kriegsmacht zurückweichen, mit
welcher er gegen Kioto zieht. Das Resultat dieses Feldzuges findet sich in den er-
wähnten Annalen kurz niedergeschrieben. «Josiaki greift (im 7. Monate 1573)
Nobunaga an, wird aber geschlagen und gerät in die Hände des Siegers, der ihn
nach der Burg Wakaje in Omi in Verwahrung bringen läfst. Hierdurch erreicht
das Haus Asikaga sein Ende.» Hierzu fügt das Nipponki: «Josiaki wird als Sjögun
abgesetzt, schert sein Haupt und erhält den Namen Siösan, der später in Reio in
umgeändert wurde. Er verschwindet aus der Geschichte.
Bei seiner ersten Erhebung gegen Nobunaga (im 1. Monat 1573) war dem Sjögun
ein christlicher Fürst mit einigen Tausend Kriegern, worunter auch Christen, zu Hülfe
gekommen; ebenso befanden sich Tausende von Christen in dem Heere von Mijosi.
Man darf diesen Umstand nicht unbeachtet lassen, da Nobunaga, als er in den Besitz
der höchsten Gewalt gelangt war, die Christen dessenungeachtet begünstigte. Es läfst
sich sein Benehmen nicht wohl anders erklären als ein Beweis seiner Würdigung der
Grundsätze der damaligen Christen, welche ilnter allen Umständen ihrer Pflicht und
ihrem Worte getreu blieben. Die Jesuiten als Berichterstatter der damaligen Ereig-
nisse bewundern die Mäfsigung, womit sich Nobunaga gegen Josiaki benahm, in-
dem er alles auf bot, diesen Prinzen, der das Werkzeug der ihn beherrschenden buddhi-
stischen Priester war, vom Untergange zu retten.
In den mehrgenannten Geschichtstabellen finden war im ersten Jahre des Nengo
Tensei (1573) Tairano Nobunaga als XXVII. Sjögun eingetragen. Aber erst im
dritten Monate des folgenden Jahres hielt er seinen Einzug in Kioto, wro er zum
Sangi1 vom Mikado ernannt wurde. Inzwischen hatte er die Rebellen und einige
andere feindliche Fürsten verfolgt und gezüchtigt und die Hauptverräter hingerichtet,
unter andern auch den Sjögun-Mörder Mijosi Jositsugu und den Mönch Sagitane, der
ein Jah r zuvor ihm selbst nach dem Leben getrachtet hatte. Diesen liefs er in zwei
Stücke sägen. Hidejosi, dem er unter seinen Generälen das meiste Vertrauen
schenkte, Ijejasu und seine Söhne Nobutade, Nobuwo und Nobutaka halfen ihm
Sangi soviel wie Reichsrat.
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4. Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjogunats.
die noch im ganzen Reiche Nippon lodernde Kriegsfackel ausznlöschen und eroberten
für ihren Herrn und für sich eine Provinz nach der andern. Friede ward es aber noch nicht.
Nobunaga, der, wie wir oben gesesehen, eine Hauptrolle in der japanischen Ge-
schichte gespielt, stammte aus dem Geschlechte der Heike (Taira), jenem Zweige des
Stammes der Mikados, welcher im Jahre 1185 mit dem 81. Mikado Antoku zu Grunde
gegangen ist. Er war somit von Geburt aus ein Widersacher des Buddhatums; auf
einem Zuge durch Osaka nach Kioto war er von den Mönchen der Sekte Ikkosju be-
leidigt worden, was eine Züchtigung derselben, aber auch einen Aufstand dieser mäch-
tigen Sekte in seinem Fürstentume Owari und im ganzen Reiche veranlafste. Er zog
mit seinem Sohne Nobutada nach Owari, den Aufstand zu dämpfen, worauf er 1575
vom Mikado zum Obergeneral zur Rechten mit der Hofwürde eines Dainagon ernannt
wurde. Die Mönche der Ikkosju-Sekte stifteten fortwährend Unruhen an. La Japan
herrschte nun überall das Faustrecht.
Auf der Fasel Kiusiu brach ein Krieg der dortigen Fürsten gegen den mächtigen
Dynasten der südlichen Fandschaft Satsuma aus. Fa Jetzigo kämpfte naan um die Erb-
folge, und die Fürsten von Aki und Setsu lehnten sich auf. Nobunagas Sohn, Nobu-
tada, der ein tüchtiger Feldherr war, und seine beiden tapfersten Generäle Hidejosi
und Ijejasu waren beständig unter den Waffen, und wo es not that, erschien Nobu-
naga selbst auf dem Kampfplätze, von dem er jedesmal siegreich nach seinem Schlosse
Adsutsi in Omi zurückkehrte. Dieses Schlofs, welches er 1576 erbauen liefs und das
nur eine kleine Tagreise von der Hauptstadt entfernt war, pflegte er sein Paradies zu
nennen; es zeichnete sich durch seine reizende Fage am See Biwako, durch prächtige
Gebäude und kostbare Einrichtung aus.
Denkwürdig sind die theologischen Disputationen zwischen den Priestern der
Sekte Sjudosju und Nitsirensju, welchen er auf seinem Sanssouci persönlich bei-
wohnte, (1579) und der vertrauliche Umgang mit den Jesuiten, denen er die Errich-
tung eines Seminars für adelige Jünglinge daselbst gestattete, während er keiner bud-
dhistischen Sekte die Erbauung von Klöstern und Tempeln bei seinem Schlosse erlaubte.
Nobunaga besafs schon ein angeborenes Mifstrauen gegen die buddhistische Geistlich-
keit, aber auch die Geschichte des allmählichen Verfalles der Mikadoherrschaft und
des Sturzes der beiden, seiner Herrschaft vorhergegangenen Sjögundynastien dienten
als warnende Beispiele. Die Ereignisse seiner Zeit lieferten ihm zu deutliche Beweise
der Priesterherrschsucht und zwangen ihn, ihre Macht und ihren Einflufs mit eiserner
Hand zu beschränken. Den christlichen Glaubensboten sprach er unverhohlen seine
Meinung über die buddhistischen Priester aus und versicherte ihnen, dafs diese ihm
eingestanden hätten, «ihre Glaubensgeheimnisse seien nur Fabeln», und fragte sie, ihm
aufrichtig zu gestehen, ob sie auch alles, was sie predigten, selbst glaubten. Als Be-
weis ihrer befriedigenden Antwort mag gelten, dafs er sich den Jesuiten gegenüber
bei der obenerwähnten Genehmigung zur Errichtung eines Seminariums und einer Kirche
folgendermafsen äufserte: «Grofsen Herren habe ich es verweigert, sich einen Palast
dem meinigen gegenüber zu erbauen, aber gerne sehe ich da ein dem wahren Gotte
geweihtes Haus».
Ein solcher Schutz, den dieser mächtige Sjögun den Missionären verlieh, mufste
das Ansehen der christlichen Kirche in Japan sehr heben, und die Jesuiten hegten
sogar die Hoffnung, dafs er, ein abgesagter Feind des Buddhatums und bei dessen
Priesterschaft verhafst, sich zum christlichen Glauben bekennen werde, zumal da
Abteilung II. Volk und Staat.
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mehrere seiner besten Offiziere Christen waren, und seine Söhne, vor allen Nobutada
zum Übertritt geneigt schienen. Sie wufsten aber auch sehr gut, dafs der herrsch-
und ruhmsüchtige Eroberer einen solchen Schritt mehr aus Politik als aus Über-
zeugung thun würde, indem sie selbst von ihm sagten: «Er erkenne keinen anderen
Gott an als sein Schwert». Bei den erwähnten Disputationen soll er, nach den Be-
richten der Missionäre, als Schiedsrichter in den Streitigkeiten wegen Glaubens-
satzungen der beiden genannten buddhistischen Sekten, welche sich jahrelang darüber
angefeindet hatten, aufgetreten und die besiegte Partei aufs grausamste behandelt
haben. Es war ihm aber wahrscheinlich nur darum zu thun, den Geist der Satzungen
dieser Sekten und ihre Absichten näher kennen zu lernen.
Einem Charakter wie Nobunaga schien weder das Buddhatum noch das Christentum
zur Befriedigung seiner Leidenschaften und zur Ausführung seines Vorhabens, sich als
Alleinherrscher im Reiche Nippon aufzuwerfen, zuzusagen, und da in seinen Augen die
öffentliche Gottesverehrung aller Religionssekten nur ein Trugwerk zur Erreichung selbst-
süchtiger Zwecke war, so wollte er sich selbst ein solch mächtiges Verblendungs-
werkzeug schaffen. Er liefs einen prachtvollen Tempel erbauen und darin die als
wunderthätig berühmte Statue des Sjaka und einen mit seinem Wappen und Namen
bezeichneten Stein — - nach andern seine eigene Bildsäule — zur allgemeinen Ver-
ehrung aufstellen. Diese Selbstvergötterung wurde ihm von der buddhistischen und
christlichen Geistlichkeit sehr übel ausgelegt, und beide Parteien scheinen den wahren
Grund seiner eigenen Apotheose zur Seite des Wunderbildes des Sjaka durchschaut
zu haben. Die Errichtung eines Göttertempels, wohin er sich selbst versetzte, sollte
ihm nur zum Mafsstabe dienen, die Macht des herrschenden Gottesdienstes zu prüfen
und die Heuchler und Schmeichler kennen zu lernen. Er soll gleichzeitig eine
Suspension jedwelchen Gottesdienstes im Reiche befohlen und zeitliche Belohnungen
und himmlische Güter den Wallfahrern verheifsen haben. Bei der Eröffnung dieses
neuen Gotteshauses und bei der Enthüllung der Macht- und Wunderbildsäulen soll
die Zuströmung des Volkes aus allen Provinzen und allen Ständen nach seinem Tempel
so grofs gewesen sein, dafs die Stadt Kioto, in deren Nähe der Tempel errichtet war,
die Masse nicht fassen konnte. Man beugte sich gleich tief vor Sjakas und Nobunagas
Bildsäulen. Aber Christen waren keine erschienen!
Jetzt hatte Nobunaga die höchste Stufe seiner Lebensbahn als Feldherr und
Staatsmann erreicht. Die bedeutendsten Provinzen des Reiches waren erobert, von
ihm selbst, seinen drei Söhnen und von seinen tapfersten Generälen und Offizieren,
welche er damit belehnt hatte, beherrscht. Auch war die seit mehreren Jahren von
seinen Truppen belagerte Festung Osaka, worin sich der mächtige Mönch Kwösa
festgesetzt hatte, in seine Hände gefallen, und durch einen, bei Gelegenheit eines zu
Kioto veranstalteten grofsen Ritterfestes verübten Gewaltstreich hatte er seinem dritten
Sohne Nobutaka den Besitz der ganzen Insel Sikoku verschafft. Die Fürstentümer,
welche die Kronländer umgaben, waren allmählich unter die Oberherrschaft Nobunagas
gebracht worden. In den östlichen Provinzen des Reiches befehligte der als Feldherr
ausgezeichnete Ijejasu, der (1582) mit dem Fürstentume Suruga belehnt worden war.
Ebenso war einer seiner Günstlinge, Takigawa Katsumasu, zum Statthalter der öst-
lichen Provinz Kwantö ernannt und mit Gütern in dem eroberten Fürstentum Sinano
belehnt worden, wo auch anderen verdienstvollen Offizieren Ländereien verliehen
wurden.
4. Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjogunats. 383
Nobunaga selbst und seine beiden älteren Söhne Nobutada und Nobuwo hatten
die den Kronländern zunächst gelegenen Fürstentümer Jetsizen, Mino, Owari, Omi,
und Ise in Besitz. Sein tapferster Feldherr Hidejosi, der bereits früher (1575) mit
der Provinz Tsikuzen belehnt worden war, hatte das Fürstentum Harima, welches den
westlichen Schlüssel zu den Kronländern bildet, erhalten. Die Provinz Harima, diesen
militärisch wichtigsten Punkt, hatte Nobunaga seinem tüchtigsten Feldherrn absicht-
lich anvertraut, um von dort aus seine Macht über die westlichen Länder von Nippon
ausbreiten zu können. Dort hatte sich aber ein mächtiger Fürst, Mori Terumoto,
in den ansehnlichen Fürstentümern Nagato und Aki festgesetzt und war bereits mit
seinem Heere bis nach Bitsiu vorgedrungen, wo er Hidejosi gegenüber lagerte (Juni
1582). I11 den Kronländern selbst waren Unruhen zu befürchten, da dort die Rach-
sucht der gestürzten Reichsgrofsen und Buddhapriester noch nicht gestillt war;
auch erweckte das unverkennbare Streben Nobunagas nach unumschränkter erblicher
Alleinherrschaft bei seinen ehrgeizigen Feldherren Besorgnis, welche, wie später die
Geschichte gezeigt hat, darauf ausgingen, die Landeshoheit in ihren Fürstentümern zu
erlangen. Nicht für Nobunagas Herrschaft, sondern für ihre Selbständigkeit hatten sie
bisher gekämpft und grosse Opfer gebracht. Wenn auch die Jahrbücher von Nippon,
soweit wir diese kennen, darüber schweigen, so steht es dennoch fest, dafs der Sturz
des mächtigen, aber übermütig gewordenen Nobunaga kein Zufall war, viel weniger noch
die Folge eines unüberlegten Schrittes. Es war vielmehr die Frucht einer reifen Ver-
schwörung und das Werk schlauer Berechnung seiner Parteigänger. Selbst Hidejosi
und Ijejasu können von der Teilnahme daran nicht freigesprochen werden. Beide
waren einige Zeit zuvor an den Hof des sich selbst vergötternden Herrschers zur
Huldigung gekommen, wobei Ijejasu mit dem Günstlinge Nobunagas, dem treulosen
Aketsi, der das Haupt der Verschwörung war, sehr vertraut geworden sein soll. So-
wohl Hidejosi, wie Ijejasu, hatten kurz vorher das politische Terrain in den Kron-
ländern und in der Hauptstadt Kioto sondiert. Dort allein konnte Nobunagas Sturz
vorbereitet und zur Ausführung gebracht werden. Der günstige Moment dazu schien
gekommen: Hidejosi, vom mächtigen Fürsten Mori Terumoto in Bitsiu bedrängt,
fordert dringend Hülfe von Nobunaga; dieser eilt auch nach Kioto, nimmt seinen
Wohnsitz im Tempel Hon-nösi, sammelt die in der Stadt und Umgebung befind-
lichen Truppen und sendet an 30000 Mann unter dem Befehle seines Günstlings
Aketsi Mitsihide ab, um Hidejosi zu unterstützen. Der treulose Aketsi führt jedoch im
Einverständnis mit seinen Offizieren unter dem Vorwände eines Gegenbefehls sein
Heer nach Kioto zurück, bemächtigt sich der von Verteidigern entblöfsten Stadt und
zieht, ohne Widerstand zu begegnen, nach dem Tempel Hon-nösi, wo er bei Tages-
anbruch Nobunaga überfällt. Diesem verkündete ein Pfeilschufs, der ihn verwundete,
die Gefahr, in welcher er schwebt. An der Spitze seiner Leibwachen wirft er sich
den Verrätern entgegen und kämpft mit dem Mute der Verzweiflung. Kampfunfähig
geworden und rettungslos verloren steckt er den Tempel in Brand und durchbohrt
sich mit dem Schwerte. Sein Sohn Nobutada, der einen andern Tempel Mikakusi
bezogen hatte, eilt zwar herbei, flüchtet sich aber, wie er die Wohnung seines Vaters
in Flammen findet, nach dem Palaste Nisino-gojö, dem Sitze eines Sohnes des
Mikado, wo er sich sicher wähnte. Aber auch dieser Palast wurde von den Ver-
schworenen erstürmt, und Nobutada und seine Getreuen legten Hand an sich selbst,
um nicht lebend in die Hände der Feinde zu fallen. Anfangs schien Aketsis Ge-
384
Abteilung II. Volk und Staat.
waltstreich auf die Bevölkerung von Kioto , dem Mittelpunkte des Buddhismus, einen
günstigen Eindruck gemacht zu haben, den er durch Erlass aller Abgaben und
Steuern noch zu erhöhen suchte. Von hier aus zog Aketsi an demselben Tage nach
dem Schlosse Atsutsi, welches er samt den unermefslichen dort aufgespeicherten
Schätzen Nobunagas in seine Gewalt bekam. Er verteilte die Beute unter seine An-
bänger und kehrte darauf wieder nach Kioto zurück.
So fiel denn am 20. Juni 1582 Nobunaga, gleich grofs als Feldherr wie als
Staatsmann, in der Vollkraft seines Lebens, erst 49 Jahre alt. Mitten in seinen Er-
oberungen und im bewufsten Streben nach einer von allen weltlichen und geistlichen
Einflüssen befreiten Alleinherrschaft war er bereits Herr und Gebieter von 34 Fürsten-
tümern des Reiches geworden und begann seine Blicke schon nach dem asiatischen
Festlande, nach Korea und China zu richten. Er war ein abgesagter Feind der bud-
dhistischen Geistlichkeit, deren Heuchelei seinen Widerwillen erweckt hatte, dagegen
zeigte er sich dem Christentum zugethan, wohl infolge des guten Eindrucks, welchen
seine christlichen Unterthanen im Gegensatz zu den Anhängern der buddhistischen
Religion auf ihn gemacht hatten. Mit Nobunaga erlosch das Licht der Aufklärung, welches
einen Augenblick in Japan aufgeflackert hatte; seine Erhebung wie sein Untergang
stählte die Waffen des Despotismus, welcher bald unter seinen Nachfolgern zwar mit Mut
und Kühnheit, aber auch mit unbeugsamer Strenge und mifstrauischem Argwohn ge-
paart, das Scepter führen sollte. Während der Glanzperiode der Herrschaft Nobunagas
hatte auch die christliche Kirche ihren glorreichsten Höhepunkt in Japan erreicht.
Als bester Beweis desselben dient die weltberühmte Gesandtschaft, welche die zum
Christentum bekehrten japanischen Granden an den päpstlichen Stuhl über Lissabon
abgesandt hatten.
Aketsi versuchte, sich zu Kioto in der obersten Macht zu behaupten und seine
Herrschaft durch die Vernichtung aller Anhänger Nobunagas zu befestigen; die ab-
geschlagenen Häupter sollen einen Berg vor seinem Palaste gebildet haben. Hide-
josi aber hatte schleunigst mit Mori Terumoto Frieden geschlossen und kehrte nach
seinem Schlosse von Himeji zurück. Hierauf marschierte er gegen Kioto, wohin auch
Nobutaka, der dritte Sohn Nobunagas, mit seinen Getreuen im Anzuge war, denen
sich Takajama Ukon, Herr von Takatsuki in der Provinz Setsu, welcher Christ war,
an der Spitze von tausend auserlesenen Kriegern anschlofs. Am 1. Juli kam es bei
Jamasaki zu einem Treffen, in welchem Aketsi geschlagen, seine Truppen zerstreut
und er selbst schwer verwundet wurde. Als er verkleidet zu entfliehen versuchte,
wurde er von den Bauern erschlagen. So war in wenig Tagen Aketsis Herrschaft
wieder gestürzt worden, ein Ereignis, das zum warnenden Sprichwort im Volksmunde
geworden ist. «Aketsi no tenka mika», d. i. «Aketsis Herrschaft dauerte drei Tage».
Die Missionäre schreiben dem Takajama, den sie Ukon dono nennen, das Ver-
dienst zu, mit seinem kleinen ausgesuchten Corps den Aketsi in seiner Verschanzung
angegriffen und vernichtet zu haben. Ijejasu spielte bei dieser Gelegenheit eine
zweideutige Rolle. Obgleich er mit seinen Truppen nicht weit vom Kriegsschauplatz
zu Sakai stand, vermied er es gegen die Verräter zu Felde zu ziehen und kehrte
nach seinem Schlosse Hamamatsu in der Provinz Tötomi zurück. Angeblich hatten
ihn seine Anhänger von der Beteiligung an der Schlacht abgehalten.
Nobutaka, der dritte Sohn Nobunagas, ein tüchtiger Feldherr und warmer Freund
der Christen, hegte die Hoffnung, seinem Vater in Rang und Würden nachzufolgen.
4. Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjogunats. 385
Er sollte jedoch bald enttäuscht werden; denn Hidejosi hatte es anders beschlossen.
In Übereinstimmung mit einigen andern Führern wurde der junge Sanbosi, der Sohn des
in Kioto umgekommenen ältesten Sohnes Nobunagas, zum Nachfolger ausersehen; ob-
gleich er eigentlich nur ein Adoptivsohn Nobutadas war. Dieser wurde dem Mikado zur
Ernennung zum Sjögun vorgeschlagen, und die Vormundschaft über ihn sollte dem
zweiten Sohne Nobunagas, dem Nobuwo, übertragen und ihm die Landschaft Owari als
Lehen vom Kaiser verliehen werden. Nach dem Zeugnisse der Patres soll aber dieser
Nobuwo später wahnsinnig geworden sein und das Schlofs in Brand gesteckt haben.
Nobutaka, der von seinem Vater designierte Fürst von Sikoku, erhielt jetzt das
Fürstentum Mino. Es war nun infolge der allgemeinen Erschöpfung momentane
Ruhe im Reiche eingetreten. Es war aber kein dauernder Friede, sondern gleichsam
nur die Stille im Mittelpunkte der Bahn eines fürchterlichen Orkans.
Die Ursachen der Erschütterungen, Ehrgeiz und Herrschsucht, bestanden fort und
mufsten abermals zu einem Konflikte führen.
In der Mitte der Kronländer behauptete sich jetzt Hidejosi, der sich Kioto zum
Beobachtungsposten auserwählt hatte. I111 Vertrauen auf sein siegreiches Schwert
richtete er seinen Blick auf die Eroberung der Alleinherrschaft. Die Fackel des religiösen
Fanatismus, welche Nobunaga in den Staub getreten hatte, brannte zwar noch, aber ihre
früheren Träger hatten bis dahin es nicht gewagt, sie zu erheben, so lange noch die
Glücksschale sich zu Gunsten dieses Kronbewerbers geneigt hatte, dessen religiöse Richtung
eine dem Buddhismus entgegengesetzte Richtung verfolgt hatte. Wenn auch so
manchen Fürsten und Reichsgrofsen nach den Trümmern des Reiches Nobunagas ge-
lüstete, so war doch hauptsächlich nur ein Triumvirat, das nach der Oberherrschaft
strebte: Hidejosi, der seinen gestählten Arm scheinbar zum Schutze einer entnervten
Legitimität erhob; Nobutaka, der mit seinen Getreuen den Mörder seines Vaters ver-
nichtet hatte und rechtmäfsigen Anspruch auf die Regierungsverwaltung zu haben glaubte,
und Ijejasu, ein mächtiger Fürst und guter Feldherr, der im Hinterhalte lauerte.
Hidejosi, der inzwischen einen hohen Hofrang vom Mikado erhalten hatte und
von ihm zum zweiten General zur Rechten ernannt worden war, suchte seine An-
hänglichkeit an das Haus Nobunaga kund zu geben, indem er den Mikado bestimmte,
dem verstorbenen Nobunaga noch nachträglich den Ehrentitel eines Daisjö Daizin
(der zweite Rang erster Klasse) und den posthumen Namen Suken-in zu verleihen.
Er ordnete bei dessen Beisetzung im Tempel Daikokusi ein so feierliches Leichenbe-
gängnis an, dafs es fast mit einer Vergötterung zu vergleichen war. Aber bald nach-
her (Dezember 15 82) zog er mit einem Heere nach Mino gegen Nobutaka, der an-
geblich gegen ihn und den Regenten Nobuwo feindliche Absichten im Schilde führte.
Er kehrte jedoch, da dieser um Frieden bat, bald wieder nach Kioto zurück. Auch
Ijejasu, der sich gleich anfangs auf sein Schlofs Hamamatsu in Tötomi zurückgezogen
hatte, benützte den Aufstand in seinen Nachbarländern und bemeisterte sich der Provinz
Sinano, wodurch er in den Besitz von drei grofsen Fürstentümern im Osten der Kron-
Tänder und dicht im Rücken der beiden Söhne Nobunagas gelangte. Denkwürdig ist
der Besuch, den Hidejosi am Schlüsse dieses verhängnisvollen Jahres seinem Schütz-
linge, dem unmündigen Enkel Nobunagas und dessen Vormunde Nobuwo aut dem
Schlosse zu Atsusi machte, und die daraut vom Mikado erfolgte Ernennung des noch
unmündigen Prinzen zum Sjögun unter der Vormundschaft des blödsinnigen Nobuwo.
Dadurch hatte sich Hidejosi die Tatsächliche Oberfeldherrn-Gewalt gesichert, aber
v. Siebold, Nippon I. 2. Aufl. 2S
Abteilung II. Volk und Staat.
386
zugleich auch seine ehrgeizigen Pläne verraten. Nobutaka als Prätendent griff nun,
von seinem Freunde, Katsuje, Fürsten von Jetsizen, und seinem Neffen Morimasa
unterstützt, zu den Waffen. Bereits im Februar 1583 hatte sich Hidejosi nach
Omi begeben, welche Landschaft im Osten an Mino (Nobutakas Fürstentum) und im
Norden an Jetsizen (Jatsujes Fürstentum) grenzt und wo sich der Kriegsschauplatz er-
öffnen mufste. Im April stand er schon einem mächtigen Heere von Morimasa gegen-
über. Er übergab jedoch das Kommando seinem General Kojohide und wandte sich
selbst nach Mino gegen Nobutaka. General Kojohide wurde aber von Morimasa geschlagen
und verlor dabei sein Leben. Hidejosi sah sich daher genötigt, mit seinen Truppen zu-
rückzukehren und sich Morimasa entgegenzuwerfen, den er mit seinen sieben tüchtigsten
Generälen angriff, schlug und gefangen nahm. Nun drang er in Jetsizen ein, um
Katsjuje, der sich auf sein Schlols Gifu zurückgezogen hatte, anzugreifen. Dieser
entleibte sich. Hierauf marschierte er nach Mino gegen Nobutaka und vernichtete
diesen. So wurde auch dieser gefährliche Prätendent beseitigt. Der schlaue Ijejasu
blieb inzwischen ruhiger Zuschauer. Schon im Juni kehrte Hidejosi siegreich nach
Kioto zurück. Der Statthalter der östlichen Provinzen Takegawa Katsumoto, ein
Günstling Nobunagas, war5 gleich nach dem Sturze seines Herrn mit dem Fürsten von
Wodowara (in Sagarni) in Fehde gekommen und hatte sich von Musasi nach Owari
in das Schlofs Nagasima zurückgezogen. Bis jetzt hatte er sich noch nicht dem Hide-
josi unterworfen. Es lag jedoch im Interesse dieses, ihn für sich zu gewinnen, und so wurde
er zum Sangi, einer hohen Stelle äm Hofe des Mikado, auf Hidejosis Empfehlung ernannt.
Im südwestlichen Teile des Reiches, auf der Insel Kiusiu, war es seit der Mitte
des 16. Jahrhunderts nicht . zum Landesfrieden gekommen. Die Fürsten der neun
Provinzen dieser Insel und ihre Vasallen waren beständig in Fehde, wozu die christ-
lichen Glaubensboten und ihre Neubekehrten häufig Anlafs gaben. Ein solcher Kampf
fand eben in diesem Jahre von seiten des gefürchteten Fürsten von Hizen, eines fana-
tischen Buddhisten, der bereits den Fürsten von Bungo, einen eifrigen Anhänger der
Christen, besiegt und die Fürstentümer Buzen, Tsikugo und einen Teil von
Higo erobert halte, gegen die kleineren christlichen Fürsten von Arima und Omura
statt; diesen kam der mächtige Fürst von Satzuma zu Hülfe, obgleich er kein Christen-
freund war, aber aus Besorgnis, auch in seinen Staaten von dem ihm gefährlich
werdenden Sieger angegriffen zu werden. Es kam zu einer mörderischen Schlacht
auf der Halbinsel Simabara, wobei die Truppen von Satsuma den Ausschlag gaben,
und der Fürst von Hizen Riözosi, Takanobu das Leben verlor (24. April 1583).
Der Fürst von Satsuma, er hiefs Simadsu Josihisa, beabsichtigte das Fürstentum Tsikugo
sich anzueignen, welches aber der Fürst von Bungo, der ein Christ und der mäch-
tigste Beschützer der Christen auf Kiusiu war und dessen Eigentum es früher gewesen,
inzwischen bereits in Besitz genommen hatte. Der Fürst von Satsuma begnügte sich des-
halb, damit sich seiner verlorenen Besitzungen in Higo zu versichern und schob seinen
Feldzug gegen den Fürsten von Bungo bis zu einem günstigeren Zeitpunkte auf. Bald
sollte auch ein Zerwürfnis zwischen Hidejosi und Nobuwo, der nur dem Namen nach
die Vormundschaft über den unmündigen Sjögun führte, eintreten. Jetzt kam aber
Ijejasu dem Nobuwo zu Hülfe, schlug Hidejosis Schwiegersohn Hidetsugu und errang
grofse Vorteile über seine Gegner (April 1584). Hidejosi marschierte nach Owari,
wo es zu einem Treffen kam, in welchem der Sangi Takejama Katsumasa, der auch
auf Nobuwos Seite getreten war, geschlagen wurde. Hidejosi nahm nun die Provinz
4. Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjogunats. jgy
Mikawa ein, wo sich ihm Ijejasu entgegen warf und ihn zurücktrieb. Ijejasu zog sich hierauf
auf sein Schlofs Hamamatsu in Tötomi, und Hidejosi nach Kioto zurück. Es kam ein
vorläufiger Friede zwischen letzterem und Nobuwo zu stände (November 1584).
Hidejosi erhielt darauf vom Mikado die Hofwürde eines Dainagon (die fünfte im
Range). Doch stets rastlos, zog er nun gegen die aufständischen Mönche zu Felde
und entsandte eine Expedition nach der Insel Sikoku, um diese sich zu unterwerfen.
Im Kaufe des Jahres 1585 fanden grofse Veränderungen am Hofe des Mikado
statt, welche damit endigten, dafs man Hidejosi, der nicht wohl zum Krongeneral
(Sei-i-Sjögun) erhoben werden konnte, zum Kwanbaku oder Premierminister 'des
Mikado ernannte, wodurch er faktisch Regent des Reiches wurde (August 1585).
Der sogenannte Cambacun dono oder «Kaisen) Taikosama, dessen die Missions-
berichte des 16. Jahrhunderts so häufig erwähnen, ist daher unser Hidejosi, den die
Patres in den verschiedensten Farben schildern. Bald erscheint er ihnen als ein Be-
schützer, bald als ein Verfolger der Christen und schliefslich als der Zerstörer der
christlichen Kirche im Reiche Nippon. Im Kaufe jenes Jahres unternahm er noch einen
Feldzug nach Jetsju und Noto und unterwarf auch diese Fürstentümer seiner Herrschaft.
Aber Ijejasu, der inzwischen noch mächtiger geworden und im Besitze von acht
Fürstentümern war, dabei ein vorzüglicher Stratege und gewandter Staatsmann, stand
noch, wenn auch nicht gerade feindlich, doch kühn und trotzig dem mächtigen Hide-
josi gegenüber. Der schlaue und vorsichtige Hidejosi liefs ihn durch Nobuwo, den
Vormund des Sjögun, auffordern, nach Kioto zu kommen, was er jedoch verweigerte.
Er liefs ihn hierauf vom Mikado zum Sangi ernennen (März 1586), was er gleichfalls
ablehnte. Hidejosi übersandte ihm hierauf seine jüngste Schwester zur Gemahlin und
endlich, als auch dies Mittel ihn nicht nachgiebig machte, sandte er ihm seine alte
Mutter als Unterpfand seiner Freundschaft. Jetzt erst entschlofs sich Ijejasu nach Kioto
an den Hof des Mikado und nach Osaka zu kommen und Hidejosi in seinem Schlosse
zu besuchen. Er ward vom Mikado zum Tsunagon (der sechste Rang am Hof)
ernannt, und Hidetsugu zum Sangi (November 1586). Ijejasu kehrte darauf nach
seinem Schlosse Hamamatsu zurück und entliefs Hidejosis Mutter. Wir glauben diese
Ereimfisse umständlich erwähnen zu müssen, weil dadurch damals nicht blofs der Reichs-
friede zu stände kam, sondern weil sich auch die politische Tragweite derselben auf
einige Jahrhunderte hinaus bis auf die Jetztzeit erstreckt. Am Schlüsse dieses denk-
würdigen Jahres erhielt Hidejosi die höchste Würde am Hofe des Mikado, die des
Daisjö daizin. Er nahm den Geschlechtsnamen Tojotomi an; und von da an wird
Tojotomi Hidejosi in den Reichsannalen als XIX. Sjögun aufgeführt. Hidenobu, der
drei Jahre, von 1582—85 als XVIII. Sjögun figurierte, und sein Vormund Nobuwo
verschwinden aus der Geschichte.
Tojotomi Hidejosi war nach einigen Geschichtsschreibern von niederer Herkunft,
nach anderen der natürliche Sohn eines in Ungnade gefallenen Würdenträgers am Hofe
des Mikado. Er hatte sich vom Bedienten (Knappen) zum Krieger (Ritter) und durch
seine Verdienste zum Günstling und hervorragenden Feldherrn Nobunagas empor-
geschwungen. Er war von kleiner Statur, beleibt, aber sehr kräftig; seine Gesichtsbildung
war häfslich; er hatte keinen Bart, kleine runde Augen; man nannte ihn daher zum Spott:
«Sarutsura», Affengesicht'. Als Krieger zeichnete er sich durch Mut und Kühnheit, als
Feldherr durch Entschlossenheit und Scharfsinn, als Staatsmann durch Klugheit und Schlau-
heit, die oft in Trug und Fist entartete, aus. Leidenschaften jeder Art leiteten seine
388 Abteilung II. Volk und Staat.
Handlungen und zeichneten sie trotz seiner Selbstbeherrschung mit den grellsten
Farben. Seine Habsucht, Verschwendung, Herrschsucht, Sinnlichkeit und Grausam-
keit traten immer wieder hervor; er war ein unersättlicher Eroberer, der auf der end-
losen Bahn seiner herrschsüchtigen Pläne schliefslich zu Grunde ging, ohne seine höchsten
Ziele erreicht zu haben. Nobunaga, obgleich auch dieser den Gipfel der Macht
nicht erreicht hatte, diente ihm als Vorbild, das er noch zu übertreffen bestrebt war.
So hatte er sich die Stadt Osaka und die Festung daselbst als Residenz erkoren,
und die Anlagen übertrafen bei weitem Nobunagas berühmte Burg von Atsusi. Auch
der von ihm erbaute Tempel des Daibutsu (des grofsen Buddha) setzte die Halle,
welche Nobunaga zu seiner Selbstvergötterung errichtet hatte, vollständig in Schatten.
Alles, was Hidejosi that und schuf, war riesenhaft; es ruhte aber auch alles auf einer wohl
vorher berechneten Grundlage. Als er die letzten Expeditionen nach Kiusiu und nach
dem Osten und Norden von Nippon zum Zwecke der Besiegung seiner letzten Wider-
sacher und zur Begründung seiner Suprematie unternahm, war schon sein Eroberungs-
zug nach der koreanischen Halbinsel geplant; und während er mit Hülfe getreuer und
tapferer Christen seine eigene Herrschaft im Lande befestigte, hatte er bereits die
Zerstörung der christlichen Kirche und die Vernichtung seiner christlichen Feldherren
beschlossen. Diese Gabe politischer Voraussicht haben seine Nachfolger im Sjögunat
von ihm ererbt und sie befähigt, jahrhundertelang alle Hindernisse aus dem Wege
zu räumen, welche den Landesfrieden oder ihren Besitz stören konnten.
Wir wollen nun auf den Schauplatz, dessen Hauptpersonen wir näher kennen
gelernt haben, zurückkehren.
Ijejasu, sein Nebenbuhler, war gewonnen oder schien doch wenigstens zum Frieden
geneigt zu sein. Hidejosi konnte daher unbesorgt seine Streitkräfte zur Unterwerfung
des mächtigen Fürsten von Satsuma und einiger anderen Fürsten von Kiusiu und des
nördlichen Teiles von Nippon verwenden. Josihisa wurde besiegt und in den neun
Provinzen von Kiusiu der Friede hergestellt. Auch unterwarf sich Mori Terumoto,
Fürst von Nagatö, gegen den früher Hidejosi unter Nobunaga gekämpft hatte, des-
gleichen auch Nagawo Kagekatsu, Fürst von Jetsigo. Ersterer wurde zum Statt-
halter in den westlichen Provinzen von Nippon (von Nagato bis Setsu) ernannt,
letzterer erhielt die gleiche Würde in den nördlichen Provinzen (1587).
Der designierte Thronfolger des bereits seit 1558 regierenden Mikado Okimatsi
war im August 1586 gestorben; dieser, der eine schwere Zeit durchlebt hatte, be-
schlofs die Krone niederzulegen und sie seinem Enkel zu übertragen, welcher auch
im Jahre 1587 als CVIII. Mikado unter dem Namen Gojösei eingesetzt wurde.
Hidejosi liefs dem jungen Mikado einen so prächtigen Palast bauen, wie vorher noch
keiner bestanden hatte. Hierauf legte er die Würde eines Daijö daizin und das hohe
Staatsamt als Kambaku oder Kanzler des Reiches nieder (1591) und nahm den Titel Taiko
an. Zum Kambaku wurde Hidetsugu, sein Neffe und Adoptivsohn, bestimmt, aber erst
im Jahre 1591 in diese Würde eingesetzt, wo er auch gleichzeitig als XXX. Sjögun
in den Reichsannalen auftritt. Von nun an kennt die Geschichte Hidejosi den Helden
jener Zeit unter dem Namen Taikosama1 *. Er gab sich den Anschein, als w7olle er
dem Mikado seine frühere Macht als Alleinherrscher zurückgeben; es war ihm jedoch
1 Taiko ist der gewöhnliche Titel eines in den Ruhestand versetzten Kwanpaku oder Reichs-
kanzlers. Sama bedeutet soviel wie Herr.
4- Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjogunats. jgp
nur darum zu thun, die demselben ergebenen Reichsgrofsen für sich
zu
gewinnen,
um dem Ehrgeiz anderer Fürsten, die auch nach der obersten Gewalt gelüsteten,
Schranken zu setzen. Nachdem er Ruhe und Frieden in den östlichen Provinzen her-
gestellt und Dewa und Mutsu, die nördlichsten, unterworfen hatte, ernannte er Ijejasu
zum Statthalter der acht östlich von den Kronländern gelegenen Provinzen und be-
lohnte auch seine übrigen tapferen und getreuen Generäle mit Fändereien.
Jetzt war endlich die Ruhe, welche seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts
unaufhörlich gestört worden war, im ganzen Reiche wieder hergestellt. Es sollte je-
doch nur ein kurzer Fandesfriede herrschen.
Taikosama war nun in Wirklichkeit Alleinherrscher geworden, obgleich sein
Schwiegersohn Hidetsugu als Kambaku und Sjögun figurierte und der Mikado immer
noch nominell die höchste Stelle im Reiche innehatte.
Das Buddhatum mit seiner Priesterherrschaft hatte unter Nobunagas Regierung
einen zu harten Schlag erlitten, um sich so leicht wieder aufrichten zu können; auch
Hidejosi wufste die Gelüste der Priester, sich in Staatsangelegenheiten zu mischen, mit
eiserner Faust niederzuhalten. Das Christentum schien er zu Anfang seiner Herrschaft
gleich seinem Vorgänger Nobunaga zu begünstigen. Seine tüchtigsten Generäle und
Offiziere, der Admiral der Flotte, die Statthalter von Osaka und Sakai und mehrere
Fürsten von Kiusiu hatten nicht nur die heilige Taufe empfangen, sondern waren
auch eifrige Anhänger ihres neuen Glaubens. Die Zahl der Christen hatte sich in
jedem Jahre um Tausende vermehrt; die Fürsten von Bungo und Omüra und Arima
hatten ihre Fänder fast zu christlichen Staaten umgeschaffen und eine Gesandschaft
nach Rom an Papst Gregor XIII. entsendet. Zu Nagasaki, dem Sitze des portugie-
sischen Handels, lebten über dreifsigtausend Christen — mehr als jetzt die gesamte
Bevölkerung dieser Stadt beträgt; dort duldete man keine Buddhisten mehr. Die Ge-
sandten obengenannter drei Fürsten waren unterdessen im Triumphe durch Portugal,
Spanien, Frankreich und Italien gezogen und hatten sich vor dem päpstlichen Stuhle
niedergekniet. Mit Ehrenbezeigungen und Geschenken überhäuft und mit einem
päpstlichen Breve versehen, waren sie bereits im Mai 1587 nach Goa zurückgekehrt,
von wo sie sich im Frühjahre 1588 unter Begleitung des Veranstalters der Gesandt-
schaft, des Paters Alexander Valegnani, der vom portugiesischen Vizekönig von Indien,
Dom Eduard de Menesez bei Taikosama als Gesandter akkreditiert worden war, nach
Japan einschifften und dort am 11. Juli 1590 ankamen. Die portugiesische Gesandt-
schaft wurde am Hofe des Taikosama empfangen, was grofses Aufsehen im Reiche
Die Anhänger des Christentums betrachteten dieses als eine göttliche Fügung
erregte.
die Feinde desselben legten es als ein Trugspiel der Missionäre aus; man bezweifelte,
ob diese Gesandtschaft auch wirklich von höherem Orte ausgegangen sei. Die glück-
liche Zurückkunft der japanischen Gesandten, ihr feierlicher Einzug mit dem portu-
giesischen Gesandten in Kioto und ihre Audienz am Hofe des Hidejosi, der damals
noch Kwanbaku war, machten einen günstigen Eindruck, und die denkwürdigen Mit-
teilungen der japanischen Fürstensöhne, welche auf einer achtjährigen Reise in der
Fremde zu Männern herangereift waren, sowie ihre Kenntnisse erregten die allgemeine
Aufmerksamkeit. Die christliche Kirche hatte damals den Gipfel ihrer Macht in Japan
erstiegen. Plötzlich wie ein Fichtstrahl aus heiterem Himmel traf durch ein Edikt des
Sjögun der Bannstrahl alle im Reiche sich befindlichen christlichen Glaubensboten.
Im Erlasse selbst, der überall öffentlich verkündet wurde, sind als Hauptgründe der
390
Abteilung II. Volk und Staat.
Ausweisung der fremden Priester die Verkündigung einer der Landesreligion wider-
strebenden Glaubenssatzung und die Zerstörung der den Kamis (Sintö) und Hotokes
(buddhistischen Gottheiten) geweihten Tempel genannt; dies waren auch die Gründe,
die Hidejosi als erster Würdenträger am Hofe des Mikado und als Inhaber der obersten
Gewalt vorschützen mufste. Was auch immer die Missionäre und ihre Lobredner als
Motive seiner Handlung anführen, wir können nicht glauben, dafs es zufällige Ereig-
nisse waren, die den Regenten und Protektor des Reiches zu jenem entscheidenden
Schritte veranlafsten. Keine momentane Kombination konnte eine solche eingreifende
Mafsregel hervorrufen; es wrar vielmehr die Ausführung eines schon längst durch-
dachten Aktes der Staatsklugheit. Es war ein Schritt, welcher als notwendig erkannt
wurde, um den sonst als unvermeidlich erscheinenden Untergang der tausendjährigen
Mikado-Dynastie zu verhindern. Wir erkennen aber auch hier eine natürliche Kraft-
äufserung des instinktmäfsigen Erhaltungstriebes eines Heerkönigs. Wohl haben die
Missionäre durch ihren Bekehrungseifer und anderweitige religiöse Demonstrationen
jenen Erlafs beschleunigt, aber die Motive der Christenverfolgung wurden nicht durch
diese äufserlichen Gründe hervorgerufen, sondern lagen tiefer.
Das Christentum hatte innerhalb einer Zeit von kaum vierzig Jahren festen
Fufs auf dem japanischen Boden gefafst. Die Glaubensboten hatten den Samen nicht
auf den unfruchtbaren Grund der rohen Volksmassen ausgestreut, sondern auf das
sorgfältig gepflegte Feld der Gebildeten an den Höfen der Reichsgrofsen. In eigenen,
für die adelige Jugend errichteten Seminarien wurde die christliche Religion ge-
lehrt und beständig erfrischt und unter dem Schutze hoher Gönner zur Reife
gebracht. Es waren grofse Feldherren und Staatsmänner aus dieser Schule hervor-
gegangen; die Besten im Heere Taikos und der anderen Fürsten waren Christen,
nicht nur dem Namen nach, sondern aus voller Überzeugung. Einer der tüchtigsten
Feldherren, Ukon dono, gab den Beweis dieser Gesinnungen, indem er Verbannung
und Konfiskation seiner Güter der Abschwörung des wahren Glaubens vorzog; zu
ähnlichen Opfern waren Tausende bereit. Während der inneren Unruhen konnte
und wollte Hidejosi die Fortschritte des Christentums im Süden des Reiches, nament-
lich auf der Insel Kiusiu, einem geographisch und politisch seinem Einflüsse weniger .
zugänglichen Gebiete, nicht hemmen. Fr war mittlerweile schlau genug, aus den
tüchtigen und getreuen christlichen Generälen bei seinen Eroberungszügen Nutzen zu
ziehen. Aber im Frieden, wo er auf dem Grundstein der historischen Mikado-Suprematie
seine und seiner Nachkommen Oberherrschaft zu errichten beabsichtigte, mufste er,
wenn er nicht selbst zum Christentum übertreten wollte, die Unterminierung seiner
Hauptstütze durch die Einführung eines fremden Glaubens mit allen Mitteln verhindern.
Nur auf dem Scheiterhaufen des Christentums konnte sich die von ihm angestrebte
Oberherrschaft des Sjögunats erheben und daneben eine machtlose Mikado-Dynastie
fortbestehen.
Taikosama hatte sich jedoch getäuscht, wenn er glaubte, durch ein Machtwort
mit einem Male das Christentum ausrotten zu können. Das Beispiel von Ukondono
war zum Fosungsworte geworden, und der von den Missionären angefachte Glaubens-
eifer suchte von nun an im Märtyrertode die ewige Seligkeit im zukünftigen Feben
an der Stelle des irdischen vergänglichen Glückes. Die Kirchen wurden zwar zer-
stört, aber der Glaube bestand im stillen fort, und die Gläubigen wurden durch die
Wunderkraft der Beispiele von Beharrlichkeit und Todesverachtung gestärkt.
4. Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjögunats. 5p i
Jetzt war für Taikosama der Zeitpunkt erschienen, den bereits früher entworfenen
Plan zu einem Feldzug nach der benachbarten koreanischen Halbinsel auszuführen.
Seit dem Sturze des Sjögun-Hauses Asikaga (1573) hatte der König von Korea
(Tschaosien) allen politischen Verkehr mit Japan abgebrochen, und als ihn Taikosama
durch einen Abgeordneten zur Entsendung einer Gesandtschaft aufforderte, liefs er es
bei einem Schreiben bewenden. Auf eine wiederholte Mahnung kamen endlich im
August 1590 koreanische Gesandte nach Kioto; diese wurden mit einem Schreiben
an ihren Souverain entlassen, worin dieser aufgefordert wurde, seine Hand zur Er-
oberung von China zu bieten. Als Vasall des Kaisers von China wollte der König
auf diesen Vorschlag nicht eingehen; Taiko beschlofs daher seinen Riesenplan mit der
Unterjochung dieses Königreiches zu beginnen. Auf sein Aufgebot zog sich im Anfänge
des Jahres 1592 ein Heer von 156900 Mann beim Hafen Nagoja im Fürstentume
Hizen auf Kiusiu zusammen. Taiko begab sich persönlich dahin, um das Heer zu
organisieren. Es bestand aus neun Abteilungen. Am 20. des 4. Monats (Mai 1592)
verliefs das erste Armeekorps, 18700 Mann stark, unter dem Befehle Jositosis, des
Fürsten von Tsusima und Jukinagas, (als Augustinus Tsukamidono in der Kirchen-
geschichte erwähnt) des Reichsadmirals und Fürsten von Setsu die japanischen Häfen.
Auch befanden sich dabei die Fürsten von Arirna und Omura und das zweite und dritte
Armeecorps; das achte erhielt die Ordre, die Insel Tsusima, das neunte die Insel
Iki zu besetzen. Die bedeutendsten Generäle und Oberoffiziere des ersten Armeecorps,
das die Avantgarde bildete, waren Christen, deren sich der schlaue Taiko auf diesem
Wege zu entledigen glaubte. Es ist sehr in Zweifel zu ziehen, ob er einen so be-
denklichen, überseeischen Krieg nur aus blofser Eroberungssucht angefangen hätte,
wenn ihn nicht gleichzeitig dabei der Wunsch geleitet hätte, die gefürchteten christ-
lichen Offiziere zu beseitigen. Die Armee selbst war aus der Schule eines ununter-
brochenen Bürgerkrieges hervorgegangen, an Strapazen und Kämpfe gewöhnt, ihre
Befehlshaber waren Helden, deren Namen bereits rühmlichst in den Annalen der Reichs-
geschichte eingetragen waren. Sie verstanden zu siegen, und so war innerhalb weniger
Monate Korea erobert, die chinesischen Hülfstruppen wurden geschlagen, und schon
im August desselben Jahres waren die Japaner bis zu den Ufern des Tumenula im
Norden der Halbinsel vorgedrungen, hatten die Festung Hoinjöng erstürmt und die
Prinzen mit der königlichen Familie in ihre Gewalt bekommen. Der König selbst
hatte sich über die Grenzen seines Reiches geflüchtet. Die Japaner thaten Wunder
der Tapferkeit. Ein zweites chinesisches Hülfscorps erschien im Frühjahr (1533) und
griff mit den Koreanern vereinigt mit einer grofsen Uebermacht Jukinga an, der
sich tapfer kämpfend zurückzog, bis ihm die übrigen Armeecorps zu Hülfe kamen
und mit ihnen die Chinesen zurückschlugen, welche nun um Waflenstillstand baten.
Es wurden Gesandte unter Begleitung eines japanischen Generals nach Nogoja, dem
Hoflager Taikosamas abgeordnet, und so kam im Mai der Friede zu stände. Der
König von Korea kehrte in seine Hauptstadt zurück, und seine Söhne wurden auf
freien Fufs gesetzt; die japanischen Truppen räumten einen Teil von Korea und be-
setzten die von ihnen längs der Küste erbauten Festungen. Taiko hatte zu Anfang
des Krieges mit Korea absichtlich das Gerücht verbreiten lassen, dafs er in Person
den Feldzug leiten werde; daher hatte er auch schon im Jahre 1591 seinem Schwieger-
söhne Hidetsugu als seinen Nachfolger eingesetzt und ihm seine Würde als Kambaku
am Hofe des Mikado und auch die als Sjögun übertragen lassen. Es hatten damals
392
Abteilung II. Volk und Staat.
grofse Feierlichkeiten und Feste stattgefunden, wozu alle Fürsten und Reichsgrofsen
geladen waren. Er wrollte sich hier nicht blofs in seiner ganzen Gröfse zeigen, es
war ihm besonders darum zu thun, seine mächtigen und reichen Vasallen zu ver-
anlassen, durch Aufwand und Geschenke ihre Mittel zu erschöpfen. Seinem Nach-
folger trat er sein Selhofs zu Osaka ab und baute sich in Fuzimi, einer Stadt nahe
bei Kioto, ein neues , welches das zu Osaka und Nobunagas berühmte Burg von
Atsuki an Schönheit und Pracht übertraf. Die Stadt Fuzimi selbst, vorher ein unbe-
deutender Ort, verdankt ihm ihr Aufblühen. Die Regierung des von Taikosama er-
wählten Thronfolgers Hidetsugu sollte nicht von langer Dauer sein: Taikosama
wurde noch wider Erwartung mit einem Sohne beglückt (im 8. Monat des Jahres
Bunrok, September 1593). Es läfst sich w7ohl denken, dafs ihm jetzt dieser näher am
Herzen lag als sein Adoptivsohn, zumal da derselbe sich Fehltritte zu schulden kommen
liefs, welche ihn als Thronfolger in ein sehr ungünstiges Licht stellten; er soll nämlich
unmenschlich grausam gewesen sein.
Nach dem Friedensschlüsse kehrte Taiko von Nagoja zurück. Er hatte Hidetsugu
einladen lassen, ihm von Kioto entgegenzukommen, w7as dieser jedoch, nichts
Gutes ahnend, ablehnte. Taiko begab sich sofort nach dem Schlosse zu Osaka und
ergriff die Zügel der Regierung, ohne sich anscheinend weiter um ihn zu bekümmern.
Flidetsugu sah nun keine Möglichkeit, der Rache seines Adoptivvaters zu entgehen,
und entfloh daher nach dem Tempel Kojasan; allein dort eingeholt musste er sich
auf den Befehl Taikosamas entleiben. (August 1595.) Nach dem Zeugnisse der
Missionäre verfuhr Taiko nicht minder grausam gegen dessen unglückliche Familie
und liefs dessen Frau und Kinder sämtlich hinrichten, um die Familie gänzlich aus-
zurotten. Dies findet sich auch in den Reichsannalen bestätigt. Von dieser Zeit an
soll aber Taiko in Melancholie verfallen sein, sich auch wenig mehr mit den Reichsange-
legenheiten beschäftigt, dagegen sich Zerstreuungen, die bis zu Ausschweifungen aus-
arteten, hingegeben haben. Sein Hoflager verlegte er nach Fusimi, wo er das Schlofs
mit verschwenderischer Pracht ausbauen liefs. Hier w^ar es, w7o eine zweite Gesandt-
schaft aus Korea sowfle Gesandte aus China erschienen. Die koreanische wurde ab-
gewiesen, da Taiko einen königlichen Prinzen als Gesandten erwartet hatte, die chine-
sische angenommen. Ich will hier bemerken, dals nach dem Frieden von Nagoja
Taiko dem Kaiser von China seinen Wunsch kundgab, als souveräner Fürst des Reiches
Dai Nippon anerkannt zu werden. Jetzt überreichten ihm die Gesandten im Namen
ihres Kaisers ein goldenes Siegel und eine Königskrone, sowie Staatsgewänder und
ein Schreiben auf einer Goldplatte, worin Taiko als Vasall der Ming-Dynastie (China)
und als König von Nippon bezeichnet wurde. Diese Anmafsung des chinesischen
Kaisers war eine neue Veranlassung zum Friedensbruch (Juni 1596). Schon im März 1 597
schiffte sich ein japanisches Fleer von 130000 Mann in acht Abteilungen wfleder unter
dem Oberbefehle der Helden des ersten Feldzuges, Jukinaga und Kiomasa, ein. Sieg-
reich wde früher drangen die Japaner vor; ein chinesisches Hülfscorps von 120000 Mann
und ein zweites, das diesem folgte, wurde geschlagen. Während eines beinahe zwei-
jährigen Kampfes scheiterten alle Anstrengungen der Chinesen an der Tapferkeit und
Kriegskunst der Japaner, welche eine feste Stellung im Herzen der Halbinsel einge-
nommen hatten.
Ijejasu hatte inzwischen einen hohen Rang, den eines Naidaisi, am Hofe des
Mikado erhalten; auch w^ar er zum Tairo (zum Mitgliede des Reichsrates) ernannt worden.
4- Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjogunats. ^ p ^
Hidejosi hatte unverkennbar schon zu Anfang des Jahres 1598 die Absicht,
seinen unmündigen, kaum fünfjährigen Sohn Hidejori nach seinem Tode dem Schutze
des Ijejasu, des mächtigsten Fürsten und seines tüchtigsten Feldherrn, anzuvertrauen.
Ijejasu zeigte sich aber nicht besonders geneigt dazu, da er damals schon selbst nach
der Oberherrschaft strebte, was er auch in einer von Hidejosi berufenen Versammlung
der Landesfürsten deutlich zu erkennen gab.
Eben war Hidejosi im Begriffe, den durch ein Erdbeben zerstörten Tempel Hö-
kosi mit der Kolossalstatue des Daibutsu wieder aufrichten zu lassen, als er in eine
schwere Krankheit verfiel (5. Monat 1598).
Der sich in die Länge ziehende koreanische Krieg begann auch sein Kriegsvolk
zu erschöpfen, und unter seinen Feldherrn und Offizieren brachen Uneinigkeiten aus;
auch waren in Japan selbst allenthalben die Landesfürsten im Unfrieden mit ihren
Unterthanen. Man darf hier nicht aus dem Auge verlieren, dafs die Christenverfolgung
seit 1586 fortdauerte, dafs viele von den christlichen Generalen und Offizieren, deren
sich Taiko in Korea zu entledigen gesucht hatte, zurückgekehrt waren, und dafs der
Eifer der Glaubensboten auch den Samen von Hafs und Zwietracht ausgestreut hatte,
welcher in Fanatismus entartete. In dieser bedrängten Lage berief Hidejosi die fünf
Gouverneure (Go bugjö) und forderte sie auf, seinen unmündigen Sohn nach seinem
Tode in Schutz zu nehmen. Diese versammelten sämtliche Fürsten, welche sich
jedoch nicht bewegen liefsen, sich für die Nachfolge des Hidejori zu erklären. (Am
1 6. des 6. Monats.)
Nun wandte er sich an Ijejasu, auf dessen Zureden die Fürsten endlich zustimmten.
Unter sich selbst waren diese jedoch nicht einig, und überall im Reiche dauerten die
Unruhen an.
Im 7. Monate entbot Hidejosi aufs neue Ijejasu zu sich und legte das Schicksal
seines Sohnes in dessen Hände mit den Worten, dafs es von ihm abhinge, seinen
Sohn auf den Thron zu setzen; dieser erklärte sich jedoch unfähig dazu, und als
Hidejosi ihm bedeutete, dafs niemand im Reiche es ihm zuvorthun könne, entschuldigte
und entfernte er sich.
Auf Anraten von Isida Mitsunari und Masida Nagamori, zweier Gouverneure,
die übrigens keine aufrichtigen Freunde von ihm waren, ernannte Hidejosi fünfTairo,
drei Tsurö, fünf Gouverneure und einen gewissen Majeda Tosiije zu Beschützern
seines Sohnes. Bald darauf brachen in der Stadt Fuzimi selbst Unruhen aus, und in
den Palästen der Fürsten fing man an, sich zu rüsten. Jetzt nahm zum letzten male Hidejosi
seine Zuflucht zu Ijejasu, drückte ihm sein Bedauern aus, dafs er obengenannte
Beschützer seines Sohnes ohne seine vorhergehende Zustimmung ernannt habe,
und bat ihn, sozusagen die Stelle der göttlichen Vorsehung bei seinem Sohne zu über-
nehmen und das Reich und den Frieden zu schützen, da er an Tapferkeit und Klug-
heit alle übertreffe. Er liefs hierauf seine Feldherrn dem Ijejasu als dem Beschützer
seines Sohnes den Eid der Treue schwören. Nach etwa acht Tagen starb Taikosama
im Schlosse zu Kuzimi (am 18. des 8. Monats 1598) in einem Alter von 63 Jahren. Er
erhielt vom Mikado nach seinem Tode den Titel Toho-kuni, soll aber selbst die Be~
Stimmung getroffen haben, sein Andenken als Sin Hatsiman, den neuen «acht-Fahnen-
Geist», unter welchem Namen der Mikado Wözin als Kriegsgott verehrt wird, zu verewigen.
Während der Minderjährigkeit Hidejoris bestand die Regentschaft des Reiches aus
fünf Tairo (oder Regenten), von denen der erste Ijejasu unbeschränkte Vollmacht besafs
394
Abteilung II. Volk und Staat.
und auch den Titel Taifu führte, ferner aus drei Tsjuro und aus fünf Go bugjo. Erstere
hatten die wichtigsten Staatsangelegenheiten, die Bugjo die minder wichtigen zu be-
raten und die Tsjuro hatten für die öffentliche Ruhe und den Landfrieden zu
wachen und die Streitigkeiten unter den Fürsten zu schlichten. Mit diesen Ämtern
waren regierende, zum Teil sehr mächtige Fürsten bekleidet, und es war ihnen ein
bestimmtes Einkommen zugesichert. Um die verwickelte Zusammenstellung der Regent-
schaft und das tragische Ende des legitimen Erben des Sjögunats während eines viel-
jährigen Kampfes kennen zu lernen, wollen wir die Mitglieder des Reichsrates, aus
denen die Regentschaft bestand, einzeln auführen.
Die fünf Tairo 1 waren:
Besitzungen.
Einkommen.
Minamoto Ijejasu.
Katsusa, Musasi, Sagami
Idzu, Ujeno.
24OOOO
Koku.
Majeda Tosiije.
Kaga, Noto, Jetsizen.
IOOOOO
Koku.
Ujesugi Kagekatsu.
Mutsu (Date), Aidzu.
Dewa.
100000
Koku.
Mori Terumoto.
Aki, Suwo, Nagato,
Iwami, Bingo.
120 000
Koku.
Ukida Hideije.
Die drei Tsjuro:
Bizen (Masaka), Harima.
240000
Koku.
Nakamura Kadsuuzi.
Suruga, Mutsu.
140000
Koku.
Ikoma Tsikamasa.
Sanuki.
160000
Koku.
Horiwö Josiharu.
Tötomi.
I IO 000
Koku.
Die fünf Bugjo :
Isida Mitsunari.
Omi, Sawajama.
200000
Koku.
Masida Nagamori.
Idzumi.
200000
Koku.
Asano Nagamasa.
Kahi.
O
O
O
xh
0
01
Koku.
Nagatsuka Masaje.
Omi, Minakutsi.
50000
Koku.
Tokuzenin Geni.
Inaba.
50000
Koku.
Wir haben bereits von Taikosama eine Charakteristik gegeben; wir wollen dieser
zur Vervollständigung noch die Schilderung dieses grofsen Mannes hinzufügen, welche
wir den Mitteilungen der Missionäre verdanken, die übrigens nichts weniger als seine
Lobredner waren. «Aus der Hefe des Volkes erhob er sich zur höchsten Stufe der
Macht; gleich grofs im Frieden wie im Kriege wufste sein umfassender Geist ein neues
Staatsgebäude zu errichten, ohne das alte umzustürzen, seine mächtigen Vasallen in
Abhängigkeit zu versetzen und ihre Kriegsmacht zu seinen Eroberungen zu benützen.
Er verstand Reichsgrofse, die ihn hafsten, anhänglich zu machen und das Volk, das
ihn fürchtete, für sich zu begeistern. Er wufste zu belohnen und zu bestrafen, Ver-
dienste auszuzeichnen und dadurch seine Anhänger anzuspornen. Er geriet zwar leicht
in Aufregung, die sich bis zur Wut steigerte, doch führte ihn die Vernunft bald zur
Ruhe und Besinnung zurück. Er achtete die christliche Religion aus Überzeugung,
verfolgte aber die Glaubensboten und ihre Anhänger aus Politik. Er verachtete den
Buddhismus und errichtete dem Volksglauben einen Daibutsu, das kolossalste Buddha-
bild im Reiche ; er selbst hatte wenig Ehrfurcht vor den Göttern und wollte doch nach
1 Tairo könnte man mit Oberregenten, Tsjuro mit Unterregenten und Bugjo mit Departements-
Chef übersetzen. Note zur 2. Auflage.
4. Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjogunats.
/
seinem Tode sich selbst als einen Gott anbeten lassen. Die Reichsgrofsen, welche
sich nicht der Gefahr aussetzten, durch die Gewalt seiner Waffen vernichtet zu
werden, richtete er durch den ihnen aufgezwungenen Luxus zu Grunde. Auf seine
Staatsklugheit setzte er gröfseres Vertrauen als auf sein Waffenglück, welches er als
letztes, aber für ihn unfehlbares Mittel zur Hülfe nahm.»
Der letzte Befehl, den Iiidejosi auf dem Sterbebette gegeben, war, die Truppen
aus Korea zurückzuziehen; Ijejasu sandte den Tödo Takatoru mit dieser Ordre dahin.
Das Kriegsheer war dort in Gefahr, durch ein chinesisches Hülfscorps abgeschnitten
zu werden, zog sich jedoch dem Feinde stets die Spitze bietend, nach den längs
der Küsten angelegten Forts zurück und schiffte sich nach Nagoja ein, wo es
glücklich landete. Im Dezember 1598 erschienen die Befehlshaber am Hofe zu
Fusimi, wurden von Ijejasu und dem Regentschaftsrat ehrenvoll empfangen und
für ihre Heldenthaten belohnt. Der Feldherr Simadsu Josihisa wurde seiner grofsen
Verdienste wegen vom Mikado zum Sangi ernannt. Auf dem Schauplatze des sich
bald erhebenden Bürgerkrieges werden wir die aus dem koreanischen Feldzuge
zurückgekehrten Generale und Soldaten eine bedeutende Rolle spielen sehen. Ein
grofser Teil derselben waren Christen; sie kämpften später auf der Seite des
rechtmäfsigen Erben der Herrschaft Taikosamas; und ist es nicht zu bezweifeln, dafs,
wenn seine Partei gesiegt hätte, auch das Christentum, seinen Triumph mitgefeiert
hätte. Die zahlreichen Beweise von Mut und Tapferkeit, Ergebenheit und Treue,
welche die christlichen Offiziere und Soldaten in den beiden koreanischen Feld-
zügen an den Tag gelegt, hatten sogar das Mifstrauen Taikosamas besiegt. Unter
den Mitgliedern der für seinen Sohn eingesetzten Regentschaft sollen sich auch christ-
liche Fürsten befunden haben.
Inzwischen sehen wir zu Anfang des Jahres 1599 Ijejasu im Schlosse zu Fusimi,
wenn auch scheinbar mit den Mitgliedern der Regentschaft gemeinschaftlich regierend,
thatsächlich schon ganz die Nachfolge Hidejosis übernehmen. Schon damals verlauteten
allenthalben Besorgnisse um Hidejori, Taikos Sohn und bestimmten Nachfolger, bezüg-
lich seiner Zukunft und Sicherheit.
Isida Mitsunari, der erste der Gouverneure, hatte gleich nach dem Tode Hidejosis eine
zweideutige Rolle Ijejasu gegenüber gespielt und versuchte ihn mit einflüfsreichen
Personen und Mitgliedern der Regierung zu entzweien. Auch herrschte damals schon
unter einigen Fürsten und anderen kriegerischen Führern eine ungünstige Stimmung.
Diese wollten nur ihre eigenen Herren sein. Ijejasus Freunde wurden um ihn be-
sorgt und zogen von Kioto und aus den Provinzen nach dem Schlosse von Fusimi,
um ihn zu beschützen. Mehrere der Fürsten hatten sich zuvor im stillen durch Heiraten
miteinander verschwägert. Da diese frühere Vasallen Hidejosis waren und ohne Zu-
stimmung der von diesem für seinen Sohn eingesetzten Regentschaff eheliche Ver-
bindungen eingegangen hatten, so beklagten sich die Mitglieder der Regierung (die
Tairos und Gouverneure) bei Ijejasu, welcher sie jedoch ab wies. Durch ihren Eid
verpflichtet, erhoben sie gegen ihn eine ernsten Sprache, und es kam zu Milshellig-
keiten. Mitsunari war dabei nicht unthätig und nährte, so viel er konnte, die Flamme
der Zwietracht. Als erster Gouverneur suchte er sich den Anschein eines eifrigen
Verteidigers der Rechte Hidejoris zu geben; er strebte jedoch selbst nach der Reichs-
gewalt, und so trat er als Ijejasus heftiger Gegner auf. Er wufste übrigens viele und
mächtige alte Freunde Taikosamas für seine angeblich gute Sache zu gewinnen und
396
Abteilung II. Volk und Staat.
sie mit einem künstlichen Netze von Intriguen zu umstricken. Infolge der gesetz-
widrigen Heiraten, durch welche einige Fürsten mit Ijejasu verwandt wurden, sahen
sich die Mitglieder der Regentschaft genötigt, Ijejasu aufzufordern, von der Regent-
schaft auszuscheiden und den Vorsitz derselben niederzulegen. Er verliefs daher
Osaka und begab sich nach Fusimi in sein eigenes Palais. An sich schon mächtig,
gewann er immer mehr Anhänger und einige angesehene Fürsten, die Mitsunari
früher mit ihm entzweit hatte, schlossen sich ihm nun nach Entdeckung von dessen
Ränken um so enger wieder an. Unter diesen waren selbst einige Mitglieder der Re-
gierung, wie Majeda Tosiije.
Mitsunaris Intriguen wurden jedoch bald sichtbar, und sieben Fürsten, frühere
Feldherrn des Taiko, trugen bei dem Reichsrate (Tairö) darauf an, ihn zur Verant-
wortung zu ziehen. So sah sich Mitsunari genötigt, Osaka, wo er kurz zuvor mit
den übrigen Gouverneuren und mehreren Feldherrn Taikos, worunter auch Jukinaga,
der Held von Korea, sich befand, einen Anschlag auf Ijejasu beraten hatte, zu ver-
lassen. Er soll als Frau verkleidet in einer Damensänfte nach Fusimi geflüchtet sein.
Vier Fürsten verfolgten ihn in der Absicht, ihn zu töten. Er hatte die Kühnheit, zu
Fusimi vor Ijejasu zu erscheinen, der ihm den Rat gab, sich nach dem Schlosse Sawa-
jarna auf seine Güter in Omi zurückzuziehen. Um ihn gegen die Verfolgung der vier
Fürsten zu schützen, liefs er ihn von einer Eskorte dahin begleiten. Ijejasus Ab-
sichten waren aber auf einen gröfseren Erfolg als auf die Unschädlichmachung seines
Gegners gerichtet; er fühlte sich bereits mächtig genug, um diesem mit seinem ganzen
Anhänge in offenem Felde die Stirne zu bieten. Nur wenn er diesen mit seiner ganzen
Partei durch einen Schlag vernichtete, konnte er hoffen, sich die oberste Gewalt dauernd
zu sichern.
Die übrigen Tairos, viele Fürsten und Feldherrn zogen sich auf einige Zeit nach
ihren Fürstentümern und Besitzungen zurück. Die übrigen vier Gouverneure waren
bereits von Osaka in das Schlofs von Fusimi zurückgekehrt und beschäftigten sich
dort mit den Reichsangelegenheiten. Sie fühlten sich jedoch nicht kräftig genug, das
Staatsruder zu führen, und luden daher Ijejasu ein, das Schlofs wieder zu beziehen und
ihnen wie früher beizustehen. Im Juni 1J99 hielt er seinen Einzug und empfing
die Glückwünsche aller in Fusimi anwesenden Fürsten. Seine Macht war höher als
je gestiegen. Im September begab er sich nach Kioto an den Hof des Mikado und
zog mit einer doppelt so starken Leibwache als früher im Oktober nach Osaka, um
am Hofe des Hidejori dem Jahresfeste des neunten Monats beizuwohnen. Zum Auf-
gebot einer so starken Macht hatte das durch Mitsunari verbreitete Gerücht, dafs der
Fürst Majeda Tosinaga dort einen Angriff auf Ijejasu auszuführen beabsichtige, Ver-
anlassung gegeben. Dieser sandte jedoch seine Mutter als Unterpfand seiner Treue an Ijejasu.
Am Neujahrstage (1600) begab sich Ijejasu wieder nach Osaka und empfing im
Schlosse daselbst die Glückwünsche aller Reichsgrofsen, Fürsten und Feldherrn; er umgab
tu
sich bei diesem Anlafs mit grofsem Glanze. Nur Ujesugi Kagekatsu, der Tairo oder Mit-
glied der Regentschaft war, war nicht erschienen. Um die Mitte dieses Jah res zog
Ijejasu mit einer bedeutenden Kriegsmacht nach Jedo, der damals noch unbedeutenden
Hauptstadt seines Fürstentums Musasi. Die Bewachung des Schlosses von Fusimi ver-
traute er einigen seiner tüchtigsten Offiziere an. Die Nachricht, dafs sich Kagekatsu
gegen ihn rüste, hatte ihn zu diesem Schritte bewogen, denn die Länder dieses mäch-
tigen Fürsten grenzten an sein eigenes Fürstentum.
4- Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjogunats. 3^7
Mitsunari, der in seinem Exil im stillen verräterische Pläne schmiedete, hatte mit
Kagekatsu gemeinsame Sache gemacht und auch die Gouverneure auf seine Seite zu
ziehen gewufst. Plötzlich brach er nun aus seinem Hinterhalte hervor und zog nach
Osaka, wo sich bald viele Anhänger und die alten GeneräleTaikosamas um ihn sammelten.
Obgleich einige seiner Freunde ihm rieten, die Waffen gegen Ijejasu zu erheben,
liefs er sich nicht abschrecken. Er rechnete, da er sich den Anschein gab, für die
Sache des legitimen Erben, Hidejori, zu kämpfen, auf die Unterstützung der Fürsten
der westlichen Provinzen, der alten Freunde Taikosamas, und glaubte, sich auch auf
die Fürsten der östlichen Provinzen, welche Freunde des Kagekatsu waren, verlassen
zu können. Er berief die zu Osaka anwesenden Fürsten in das Schlofs und forderte
ihnen Geiseln für ihre Treue ab; aus den Palästen der übrigen Fürsten, welche sich
bereits an Ijejasu angeschlossen hatten, liefs er deren Frauen und Kinder durch Be-
waffnete in das Schlofs abführen.
Ijejasu, der sich damals in Simotsuke, dem östlichsten an die Fänder des Kage-
katsu angrenzenden Fürstentum befand, überraschte die Kunde von Mitsunaris Auf-
stand nicht; er befürchtete nur, dafs die Fürsten, deren Familienmitglieder als Geisel
im Schlosse zu Osaka sich befanden, jetzt nicht mehr gegen Mitsunari kämpfen würden.
Er selbst war schon fest entschlossen, sie abziehen und in ihre Fänder zurückkehren zu
lassen, als ihm ein gewisser Ji Nawomasa davon abriet und es auf sich nahm, die Gesinnung
derselben zu erforschen. Als abgesagte Feinde des herrschsüchtigen Mitsunari, dessen Plan
sie durchschauten, erklärten sich die meisten bereit, gegen ihn zu Felde zu ziehen
unter der Voraussetzung, dafs Ijejasu für die Sache des noch unmündigen Hidejori,
der an diesem Aufstande unschuldig sei, kämpfen würde. Es wurde beschlossen, zu-
erst gegen den Feind im Westen — Mitsunari und seine Verbündeten — zu ziehen
und zwar unter dem Oberbefehle von J'i Nawomasa und Honda Tadakatsu. Ijejasu
versprach zu folgen; seinem Sohne Hidejasu trug er die Verteidigung seiner Fänder
gegen Kagekatsu auf. Auch Ijejasu versicherte sich der Treue der Fürsten durch Eid
und Geiseln.
Bald standen die beiden Oberfeldherrn mit siebenundwanzig Fürsten und fünfzig-
tausend Kriegern bei Kijosu, das sieben Meilen von Ogaki, dem Schlosse Mitsunaris
in der Provinz Mino, entfernt war. Hier erwarteten sie Ijejasu, der jedoch unter dem
Vorwände von Erkrankung nicht erschien. Sie wurden ungeduldig und machten am
23. des achten Monats einen AnFill auf die Festungen von Gifu, Inugama und Ogaki
und fügten den Belagerten grofsen Schaden zu. Am 13. des neunten Monats
traf Ijejasu mit seinen Truppen zu Kijosu ein. Unterdessen hatten sich die Fürsten
im Osten von Mino für Ijejasu und die der westlichen Provinzen zu Osaka für Hide-
jori erklärt. Andere Fürsten blieben neutral in Ab Wartung der Wendung des Kriegs-
glückes. Mitsunari beschlofs, gegen die Ansicht seiner Generale, welche ihm rieten,
sich in seiner Festung zu halten, im offenen Felde Ijejasu die Spitze zu bieten im
Vertrauen auf seine Übermacht; denn sein Heer zählte 128000 Mann, das Ijejasus
nur 75000. Mitsunari hatte mit seiner Armee unter dem Oberbefehle von Ukida Hide-
ije und von zweiundzwanzig Generalen, unter denen der berühmte Jukinaga und der
tapfere Fositaka sich befanden, im Osten des grofsen Fandsees von Omi in den Ebenen
von Sekigahara Stellung genommen und sich an die nordöstliche Bergkette angelehnt,
auf deren Höhen die Truppen des Gegners aufgestellt waren. Bei Sekigahara kam
es zur Schlacht, die bis gegen Mittag unentschieden blieb. Jetzt entsteht Verrat; der
Abteilung II. Volk und Staat.
398
General Hidemoto bleibt mit der Reserve zurück, der von Ijejasu bestochene Hibeaki
fällt Tositaka in den Rücken, wird jedoch von ihm zurückgeworfen; vier andere Ge-
nerale gehen zu Hibeaki über und Tositaka, geschlagen, tötet sich auf dem Schlacht-
felde. Der Oberbefehlshaber will sich auf die Verräter werfen, wird jedoch von den
Seinigen zurückgehalten, von zwei seiner Generale verlassen und zieht sich gegen
Osaka zurück, ebenso Josihira, Fürst von Satsuma. Mitsunari und Jukinaga kämpfen
mit Verzweiflung und flüchten sich endlich, verraten und verlassen, der erstere in
das Gebirge Ibukijama, letzterer in ein Kloster; mehrere Fürsten blieben auf dem
Schlachtfelde, andere entkamen und kehrten in ihre Länder zurück. An diesem Tage
wurden vierzigtausend Köpfe dem Sieger Ijejasu zu Füfsen gelegt. Er hatte nur vier-
tausend Mann und keinen einzigen General verloren. Mitsunari wurde halbverhungert
im Gebirge gefangen genommen, und Jukinaga gleichfalls im Tempel von Kojasan ent-
deckt. Als Christ wollte letzterer sich nicht durch Leibaufschlitzen das Leben nehmen
und ergab sich. Beide wurden mit Ankokuzi Jekei, einem Buddhapriester und Rat-
geber Mitsunaris, zu Roksjogawa enthauptet und ihre Köpfe mit dem des Generals
Nagatsuka Masaije zu Sandsjo zur Schau gestellt. Aufserdem wurden noch acht An-
hänger des Mitsunari, die ihm aus dem Schlosse zu Osaka gefolgt waren, zu Awata-
gutsi gekreuzigt. Ijejasu zog hierauf in Osaka ein, wo man in grofser Bestürzung
war, empfing die Glückwünsche zu seinem Siege und belohnte seine Generale und
Krieger mit den Gütern der Besiegten. Ijejasu soll an dreifsig Fürstentümer unter sie
als Lehen verteilt haben. Taikos Sohn, Hidejori, blieben nur die verhältnismäfsig
geringen Einkünfte von 60000 Koku aus den Landschaften Setsu, Kii und Itsumi.
Den zu seiner Fahne übergegangenen Hibeaki, dem der Sieg von Sekigahara zu verdanken
war, belehnte er mit dem Fürstentum e des Oberbefehlshabers Hideije, der sich nach
Satsuma geflüchtet hatte. Derselbe starb jedoch, nachdem er geisteskrank geworden
war, bald darauf und hatte somit von seiner Belohnung keinen Genufs. So ward
«Bestrafung der Gegner und Belohnung der Freunde)) zum Wahlspruche des gewaltigen
Siegers, mit welchem er die ersten Urkunden seiner obersten Gewalt bestätigte. Die
neutral gebliebenen und alle besiegten Fürsten traten nun auf die Seite von Ijejasu,
begaben sich nach Jedo und übergaben dort Geiseln als Unterpfänder ihrer Treue. Ich
glaube, die Einzelheiten dieser denkwürdigen Schlacht anführen zu müssen, da durch
dieselbe der Grundstein des Sjögun-Hauses des Minamoto Ijejasu gelegt und der Sturz
der Dynastie des Taikosama herbeigeführt worden ist.
Wir wollen nun noch einen Blick auf die Denkschriften der Missionäre werfen
und dieselben mit unseren Mitteilungen aus japanischen Quellen vergleichen. Nach ersteren
entstand bald nach Taikos Tod bei der Regentschaft Uneinigkeit wegen Verschieden-
heit der Meinungen über die Beendigung des Krieges mit Korea. Mitsunari, unter-
stüzt von Jukinaga und anderen Fürsten, welche sich im koreanischen Kriege aus-
gezeichnet hatten, waren für, Asano Nagamasa gegen die Fortsetzung dieses Feld-
zuges. Letzterer hatte eine mächtige Partei auf seiner Seite und eine feindliche
Haltung angenommen. Ijejasu benützte diesen Zwiespalt, seine Macht zu befestigen.
Er liefs seine Truppen aus den östlichen Provinzen (Kwantö) gegen Osaka ziehen.
Ebenso zogen die Fürsten, welche zufolge der Verordnung des Taikosama ihren Sitz in
Osaka und Fusimi hatten, Truppen aus ihren Ländern an sich und rüsteten. An
beiden Orten zeigten sich kriegerische Bewegungen. Ijejasu (die Kirchengeschichte
nennt ihn Daifusama, d. i. Obervormund), der sich der Partei des Asano Na-
4. Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjogunats-
gamasa anzuschliefsen schien, wurde immer mächtiger und anmafsender. Mitsu-
nari (die Missionäre führen ihn unter dem Namen Xibunojo, auch Gibonseijo,
auf, welches Skibuno sjoju — Ceremonienmeister — dies war sein Hoftitel —
heifsen mufs) hatte den Mut, sich dessen Anmafsungen zu widersetzen und sich zu
rüsten. Von keiner Seite wagte man jedoch den Angriff. Die Missionäre schreiben
dies einer früheren Übereinkunft zu, dafs man denjenigen als einen Feind des Vater-
landes betrachten würde, der zuerst den Frieden zu stören wagte; die Ursache liegt
jedoch in dem von der Regentschaft dem Taiko geleisteten Eide. Nun erzählen die
Missionäre weiter: Daifusama (Ijejasu), der immer mehr Anhänger gewonnen, habe
Mitsunari als erstem Ruhestörer befohlen, zur Strafe sich den Leib aufzuschlitzen.
Dieser sei nach Fusimi, wo sich die übrigen Gouverneure befanden, entflohen, von
vier mit ihm alliierten Fürsten begleitet.
Dort sei es jedoch zu einem Vergleiche gekommen und somit die erste Em-
pörung ohne Blutvergiefsen beendigt worden. Die Mitglieder der Regentschaft, dieTairos
und Gouverneure, seien hierauf mit Ausnahme des Tairo Kagekatsu (Cangrasu) nach
Osaka und Fusimi zurückgekehrt. Dieser sei ein Freund Mitsunaris und ein Anhänger
des Hauses Nobunaga gewesen. Auf Ijejasus wiederholte Aufforderung, sich an den
Hof des Prinzen (Hidejori) zu Osaka zu begeben, sei er nicht erschienen. Ijejasu habe
daher beschlossen, gegen ihn zu Felde zu ziehen und sich so in die Falle locken lassen.
Denn sobald er zu Felde gezogen, hätten die von Ijejasu unterdrückten Mitglieder
der Regentschaft mit Mitsunari, Jukinaga und den anderen unzufriedenen Fürsten und
Feldherrn gemeinsame Sache gemacht, sich der Stadt Osaka bemächtigt und Ijejasu zu
wissen gethan, dafs er von der Regentschaft ausgeschlossen sei, weil er den Ver-
fügungen Taikosamas zuwider gehandelt habe und dafs er fortan in den östlichen
Provinzen (Kwantö) bleiben solle. Insgleichen hätten sie den Fürsten, welche sich
Ijejasu oder seinem Sohne angeschlossen, bedeutet, in der Residenz des jungen Prinzen
ihren Aufenthalt zu nehmen, wie Taiko es verordnet, oder Geiseln zu stellen.
Bald sei ein mächtiges Heer zusammengekommen, mit welchem die Verbündeten nach
Fusimi gezogen seien und die Besatzung, welche einen Ausfall gemacht, vernichtet
und das Schlofs zerstört hätten. Hierauf seien sie in die Provinz Ise vorgerückt
hätten drei Festungen erobert und sich nach der starken Festung Nagoja in Owari
gewandt, um Daifusama den Weg zu versperren. Dessen Bundesgenossen seien
jedoch zuvorgekommen, hätten diese Festung besetzt, seien hierauf in das Fürsten-
tum Mino eingefallen und gegen die Festung Gifu gerückt, welche Chiunangodono
Samburadono innegehabt. Hier erwähnen die Denkschriften (litterae annuae) der
Missionäre eine wichtige Persönlichkeit, welche die japanische Geschichte während
fünfzehn Jahren mit einem Schleier bedeckt hatte. In diesem verstümmelten Namen
erkennen wir Sanbosi mit seinem Hoftitel Tsjunagon wieder, den jetzt zweiundzwanzig-
jährigen Sohn Nobutadas, der im Jahre 1582 von Taiko zum Thronfolger des Nobu-
naga bestimmt, als Sohn angenommen und unter dem Namen Hidenobu zum
XXVIII. Sjögun designiert wurde und als solcher von 1582 — 1585 aufgeführt wird.
Er war rechtmäfsiger Prätendent des Sjogunats, welches Taiko (im Jahre 1586)
selbst innehatte, dann im Jahre 1591 seinem Neften und Adoptivsohn Hidetsugu
abtrat und, nachdem er diesen aus dem Wege geräumt, seinem unmündigen Sohne
Hidejori nach seinem Tode zu erhalten suchte. Wohl war Sanbosi bis jetzt aus
der Geschichte, aber nicht aus dem Gedächtnisse des nach der Herrschaft strebenden
400
Abteilung II. Volk und Staat.
Ijejasu verschwunden. Er war für beide Parteien gefährlich, um so mehr, da er nach
dem Zeugnisse der Patres Christ geworden und ein eifriger Anhänger des Christen-
tums gewesen sein soll. Gegen den Willen seines ersten Beamten liefs er sich durch
grofse Versprechungen von Mitsunari bewegen, sich ihm anzuschliefsen. Es hatten
somit die Bundesgenossen Ijejasus doppelte Ursache, ihn in seinem Schlosse anzu-
greifen, wo er, wie die Missionäre sagen, bei einem Ausfälle gefangen genommen
wurde, aber nach japanischen Quellen sich unterworfen und nach dem Tempel von
Kojasan zurückgezogen haben soll, wo er nach einigen Jahren gestorben ist. Der
Umstand, dafs Jukinaga (Dom Augustinus), den die Missionäre als einen der eifrigsten
Anhänger der christlichen Kirche bezeichnen, nach der Schlacht von Sekigahara gleich-
falls in den Tempel von Kojasan geflüchtet, scheint für Sanbosis Aufenthalt in Koja-
san und dessen frühere Bekehrung zum Christentume zu sprechen. Nach den Be-
richten der Missionäre marschierten hierauf Ijejasus Bundesgenossen gegen die Festung
Kano, welche von Mitsunaris Truppen besetzt war; Hülfstruppen von Josihida , dem
Fürsten von Satsuma, und von Nukinaga waren noch zur rechten Zeit herbei-
gekommen, um jenen den Übergang über den Flufs Odagawa, welcher die Festung
schützte, zu verwehren. Dadurch wurde soviel Zeit gewonnen, dafs sich die Armee
von Mitsunari mit jener seiner Anhänger vereinigen konnte, und so 80000 Mann dem
Feinde gegenüberstanden. Mitsunari konnte sich jedoch nicht zu einem Angriff ent-
schlief sen, obgleich die Macht des Feindes kaum 30000 Mann zählte. So stand man
sich dreifsig Tage lang unthätig gegenüber, als unerwartet Ijejasu mit seinen Truppen
erschien und im Verein mit seinen Bundesgenossen zum Kampfe anrückte. Bei Seki-
gahara auf dem linken Ufer des Odagawa kam es zur Schlacht. Als das Zeichen zum
Angriff gegeben wurde und beide Heere zusammenstiefsen, gingen viele Offiziere mit
ihrer Mannschaft zu Daifu über; der Ruf «Verrat» erscholl durch die Glieder, alles
geriet in Verwirrung, viele suchten ihre Rettung in der Flucht, und nur wenige Ge-
treue, meistens Offiziere und Vornehme, kämpften in der Umgebung des Mitsunari
Jukinaga und anderer Generale, welche in den Reihen der Feinde ihren Tod
suchten. Mitsunari und Jukinaga wurden gefangen. Fast ohne Widerstand drang
Daifus Heer siegreich in Mino vor und bemächtigte sich der festen Plätze. Mitsunaris
Bruder, der die Festung Inugama besetzt hatte, übergab diese den Flammen und sich
dem Tode.
Bald waren alle Festungen der Kronländer mit Ausnahme von Osaka in Daifus
Händen. Mori Terumoto (Morindono der Patres), der mächtigste unter den Tairos,
war als Beschützer Hidejoris und Befehlshaber des Schlosses von Osaka zurückge-
blieben. Dieser hätte die stark besetzte und hinreichend verproviantierte Festung halten
und selbst mit seinen eigenen Truppen Ijejasu so lange die Spitze bieten können, bis
sich die Treugebliebenen gesammelt hätten. Er befand sich in der stärksten Festung
des Reiches und hatte den Reichsschatz, den Prinzen, die Geiseln der Fürsten, selbst
derer, welche sich an Daifu angeschlossen hatten, in seiner Gewalt. Auf die Nach-
richt von der Niederlage Mitsunaris und seiner Anhänger schien Terumoto Mut und
Fassung verloren zu haben, verliefs die Festung und bezog sein eigenes Palais in
der Stadt, welche er Daifu öffnete und sich auf Gnade und Ungnade ergab. Er be-
siegelte seine Feigheit noch mit einer Schandthat, indem er den seinem Schutze an-
vertrauten Sohn Jukinagas hinrichten und dessen Kopf Daifu überreichen liefs, eine
Handlung, die selbst das Gemüt des Siegers empörte. Soweit die Geschichte dieses
4. Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjögunats. goi
denkwürdigen Feldzuges nach den schriftlichen Nachrichten der Glaubensboten am
Ende des sechzehnten Jahrhunderts. —
In den Geschichtstabellen von Japan «Wa nen kei», einem dem jetzt regierenden
Hause des Minamoto Ijejasu günstigen Geschichtswerke, wird diese Schilderhebung,
ursprünglich auf dem Boden der Gesetzmäfsigkeit mit Bezug auf die Thronfolge an-
geregt, mit den Worten erwähnt: «Isida Mitsunari und Konisi Jukinaga sammeln die
Truppen von den Kreisen des Gokinai, Saikaidö und Hokurokudö und erregen
einen Aufstand. Ijejasu führt persönlich gegen sie die Truppen von Kwantö, liefert
den Empörern ein Treffen bei Sekigahara und schlägt sie aufs Haupt. Terumoto und
Motoharu ergeben sich dem Sieger, Jositaka entleibt sich, und Mitsunari und Jukinaga
werden hingerichtet.»
Die Reichsgeschichte von Japan «Das Nippon wodai itsiran», dessen Veröffent-
lichung mit dem denkwürdigen Jahre 1600 aufhört, schliefst mit den schmeichlerischen
Worten der Unterthänigkeit: «Im neunten Monate des fünften Jahres von Kei (Ok-
tober 1600) führt Ijejasu Krieg gegen die Aufständischen und besiegt sie. Seit dieser
Zeit geniefst das Reich Nippon den Frieden, und der Name von Ijejasu hallt im
ganzen Lande wieder. Sein Name und der seiner Abkömmlinge ist auf immer segen-
voll, und ihr Reich wird dauern solange wie Himmel und Erde.))
Durch die Schlacht von Sekigahara war der Grundstein zur Herrschaft Ijejasus
gelegt. Es waren aber noch drei mächtige Fürsten von grofsem Gewichte in der
Wagschale des Landfriedens, nämlich Mori Terumoto (der Morindono der Patres),
Statthalter der westlichen Provinzen von Nippon und Herr von neun Fürstentümern,
der Befehlshaber der Festung Osaka, dann Nagawo Kagekatsu (Canque casu), Fürst
von Jetsigo, der im Jahre 1587 von Taikosama zum Statthalter der nördlichen Pro-
vinzen des Reiches (Hokkoku) ernannt, ein Beschützer Mitsunaris, als dessen Bundes-
genosse er eine Hauptrolle gespielt hatte. Diese beiden Fürsten unterwarfen sich; aber
der dritte, Josihida, Fürst von Satsuma, der glücklich mit einem Teile seiner Truppen
aus der Schlacht von Sekigahara entkommen war, wollte sich dem Sieger nicht
unterwerfen. Kiusiu war vom Anfänge an der Hauptsitz des Christentums; die christ-
lichen Fürsten und Soldaten bildeten den Kern der Armee in den koreanischen Feld-
zügen und Tochten auch gröfstenteils unter der Fahne des unglücklichen Jukinaga.
Dieser war Fürst von Higo, einer der bedeutendsten Landschaften von Kiusiu, und
eine Zeit lang sogar Statthalter der neun Fürstentümer, woraus diese Insel besteht.
Zur Erhaltung des Friedens und zur Begründung der Herrschaft Ijejasus war
die Unterwerfung des mächtigen Fürsten von Satsuma, der auch schon Herr seiner
Nachbarländer Hiuga und Osumi geworden, unumgänglich nötig. Der Statthalter
von Nagasaki erhielt Befehl, mit Hülfe der Fürsten von Arima und von Omura Josi-
hida zum Gehorsam zu bringen. Der Statthalter (Ximandono) war ein Christenfeind,
die beiden Fürsten eifrige Christen; die Kirchengeschichte nennt sie «zwei Säulen der
christlichen Religion».
Alle Handlungen Ijejasus, von seinem ersten Auftreten auf dem Schauplatze des
Erbfolgekrieges unter Nobunaga an, zeugen von einer unergründlichen Schlauheit,
welche man heutzutage als politische Begabung bewundern würde.
Den Reichsgesetzen zufolge mufste der Statthalter von Nagasaki, um so wichtige
Befehle gegen einen Fürsten der Insel Kiusiu zu vollziehen, mit der Würde eines
Kiusiuno tanda'i (d. i. Stellvertreter in Kiusiu) vom Mikado bekleidet sein; daher
v, Sieb old, Nippon I. 2, Aufl. 26
402
Abteilung II. Volk und Staat.
versteht es sich von selbst, dafs dieser nur ein eifriger Anhänger der Landesreligion
sein konnte, und diesem teilte man christliche Hülfstruppen zu, um gegen einen
Christenfeind zu kämpfen, und dies zwar unter dem Befehle zweier Fürsten, die es
aus christlichen Grundsätzen vermieden hatten, an der Schilderhebung gegen Ijejasu
teilzunehmen, weil sie ihm als Regenten (während der Unmündigkeit Hidejoris) Treue
geschworen hatten. Jetzt mufsten diese pflichtgetreuen Männer wider ihren Willen
sowohl mit ihren Religionsfeinden als gegen dieselben zu Felde ziehen, um so Hafs
und Rache auf sich zu laden.
Bald wurde der Fürst von Satsuma zum Gehorsam gebracht, und wenn es auch
dem siegreich an den Hof des Ijejasu zurückkehrenden Statthalter von Nagasaki nicht
glückte, die beiden Fürsten in Ungnade zu bringen, so veranlafste er doch ein Edikt,
vermöge dessen die Ausübung der christlichen Religion auf Kiusiu verboten wurde,
wenn dieses auch aus Besorgnis vor einem allgemeinen Aufstande der Christen später
widerrufen wurde. Es genügte vorerst, die Christen in Furcht zu setzen und streng
zu überwachen, w^as vor allem im Fürstentume Higo, wo sich an hunderttausend
Christen befanden, nötig war. Der mit diesem Lande nach Jukinagas Tod aufs neue
belehnte Fürst konnte natürlich kein Freund der Christen sein. Die Ausrottung der
Christen war fester Beschlufs, zu dessen Ausführung sich bald Veranlassung fand. Ijejasu,
der, da sein Schlofs zu Fusimi zerstört worden war, zu Kioto Hof hielt, empfing dort
die Huldigung aller Reichsgrofsen (1602), und vom Mikado wurde ihm der Titel Kubo,
eine alte militärische Würde, welcher soviel als erster Ritter des Reiches bedeutet, feier-
lich verliehen. Von nun an tritt Ijejasu in der Kirchengeschichte als Kubosama auf.
Mit dem Mikado suchte der schlaue Staatsmann, ähnlich wie seiner Zeit Taikosama
in gutem Verständnisse zu bleiben und den Anschein zu gewinnen, seinen Pflichten
als Vormund des anerkannten Nachfolgers im Sjögunat (Hidejori) getreu nachzukommen
und diesen zu beschützen. Auch suchte er das Andenken an Taiko zu Kioto durch
glänzende Feste an dem Jahrestage desselben zu verherrlichen. Im dritten Monat des
Jahres 1603 wurde der Kubo Ijejasu vom Mikado zum Sjögun ernannt und im folgenden
Monat Hidejori mit der Hofwürde eines Naidaizin bekleidet.
In den Reichsannalen erscheint- nun Minamoto Ijejasu als XXXII. Sjögun. Im
siebenten Monat begab sich der Sjögun in einem glänzenden Aufzuge nach Osaka, wo
er Hidejori, der in dem von seinem Vater erbauten Schlosse gleich einem Staatsge-
fangenen lebte, besuchte und dessen Vermählung mit seiner Enkelin, der Tochter
seines Sohnes Hidetada, vollzog; es wurden grofse Feste veranstaltet, um durch ver-
schwenderischen Aufwand die Schätze des Prinzen zu erschöpfen.
Im vierten Monat des Jahres 1605 wurde dem Hidejori vom Mikado die Hofwürde
eines Udaizin erteilt, aber auch gleichzeitig Ijejasus Sohn Hidetada zum Sei-i-Sjögun
ernannt. Er erscheint in den Reichsannalen als XXXIII. Sjögun. Hidetada kam mit
seinen Vasallen und zahlreichen Leibwachen, an 7000 Mann, nach Fusimi und zog von
da nach Kioto, um dem Mikado für die erhaltene Sjögun würde seinen Dank abzu-
statten und ihm zu huldigen. Dort versammelten sich auch alle Fürsten und Grofsen
des Reiches, um ihrem neuen Gebieter den Tribut ihrer Unterwerfung zu zollen. Es
fanden Feierlichkeiten mit vorher nie gesehener Pracht statt, wobei sich der neue Sei-
i-Sjögun durch Leutseligkeit auszeichnete.
Der Kubo Ijejasu (die japanischen Geschichtsschreiber nennen ihn von nun an
Zen Sjögun, d. i. vormaliger Sjögun) gab (im fünften Monat 1605) Hidejori durch die
4- Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjögunats. 403
legitime Gemahlin seines Vaters, die Prinzessin Kitano-mondokoro, den Wunsch zu
erkennen, er möchte nach Jedo kommen. Seine Mutter Jodogimi (diese war eine
Beifrau Taikos) liefs ihn aber nicht ziehen, aus Besorgnis, es möchte ihm dort ein
Unglück zustofsen. Nach den Berichten der Missionäre soll Hidejori von Ijejasu sogar
den Befehl erhalten haben, nach Kioto zu kommen, seine Mutter jedoch, eine verständige
und mutige Frau, die nie von seiner Seite wich, soll erklärt haben, ihrem Sohne
und sich eher den Tod zu geben, als ihn dort erscheinen zu lassen.
Ijejasu, Herr von mehreren Provinzen, hatte diese inzwischen an seinen Sohn
abgetreten; er erbaute ihm zu Jedo in der Provinz Musasi ein prächtiges Schlofs (1606)
und verlegte seinen Hof nach Futsiu in der Provinz Suruga. Schon seit Jahren Statt-
halter von den östlichen Provinzen (Kwantö) hatte Ijejasu ungeheure Schätze aufgehäuft.
Nach der Ankunft der Portugiesen in Japan war allmählich der Handel
mit China in die Hände dieser Seefahrer übergegangen und seit dem Kriege
mit Korea aller Verkehr zwischen Japan und China abgebrochen. Nun erschien im
Jahre 1607 eine chinesische Gesandtschaft, welche ihren Weg über Korea genommen
hatte und wahrscheinlich von koreanischen Gesandten begleitet wurde. Infolge dieser
Gesandtschaft, welche jedoch mehr von kommerzieller als politischer Art gewesen zu
sein scheint, wurde den Chinesen der Handel in Nagasaki gestattet.
Bald erschienen noch andere Bewerber um Handelsfreiheit im Japanischen Reiche.
Bereits im Frühling des Jahres 1600 war ein holländisches Schiff mit einer schwachen
und wehrlosen Bemannung an die japanische Küste in der Landschaft Bungo verschlagen
worden. Das Schiff wurde mit Beschlag belegt, und der Steuermann Adamz, da
der Kapitän Sandifort krank darniederlag, dem Kubo vorgeführt, worauf das Schiff
nach Sakai und sodann nach der Bai von Jedo gebracht wurde. Dieser Zufall hatte
einen folgenreichen Einflufs auf die Geschichte der Europäer in Japan. Adamz, der
sich die Gunst Ijejasus erwarb, gab nicht nur die Veranlassung zur Begründung des
niederländischen und englischen Handels in diesem Reiche; seine Enthüllungen des
politischen und religiösen Zustandes von Portugal und Spanien, sowie der herrsch-
süchtigen Bestrebungen beider Länder in fremden Weltteilen, wobei die nach Freihandel
strebenden Holländer und Engländer in einem vorteilhaften Lichte hervortraten, waren
die Hauptursache für die Mafsregeln, welche gegen die christlichen Ausländer und
ihre zahlreichen Glaubensgenossen im Reiche eingeführt wurden. Diese Mafsregeln
wurden durch wechselseitige Verläumdungen, die aus Religionshafs und Gewinn-
sucht hervorgingen und den Argwohn des mifstrauischen Usurpators noch mehr
wreckten, geschärft und mit beispielloser Strenge durchgeführt.
Diese oben angeführte Begebenheit, die sich gerade in dem denkwürdigen Jahre
der Umwälzung der obersten Staatsgewalt (1600) vollzog und den Grundstein des
niederländischen Handels in Japan legte, hat viel zur Begründung der Dynastie des
Minamoto Ijejasu und der Erhaltung seines Hauses bis auf den heutigen Tag beige-
tragen. Durch die Berührung mit freiheitsliebenden, aufgeklärten, Seehandel treibenden
Völkern, die zwar auch Eroberer waren, jedoch nicht mit geheimen Waffen auf Er-
oberungen ausgingen, wurde gleichzeitig auch der Bannstrahl gegen die christlichen
Glaubensboten hervorgerufen, welche durch ihre ungestüme Bekehrungssucht und ihre
Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes seit einem halben Jahrhundert
den Argwohn der Heerkönige erregt hatten. Die unerschütterliche Beharrlichkeit der
Neubekehrten, die Stählung ihres Glaubens durch die Macht seiner Wahrheit und
404
Abteilung II. Volk und Staat.
Liebe konnte nicht als Äquivalent für die selbstsüchtigen Absichten der Portugiesen
dienen. Die neuen Bewerber um Handelsverbindungen waren um so willkommener,
da der Handelsverkehr mit China, dem sittenverwandten Nachbarlande, durch die
Vermittlung der Europäer unterhalten werden mufste; denn bis zum Jahre 1607 war,
wie wir gesehen, den Chinesen die Schiffahrt nach Japan untersagt und befand sich
ausschliefslich in den Händen der Portugiesen. Der Pafs, welchen der Kubo Ijejasu
den Niederländern, die zuerst im Jahre 1609 an seinem Hofe zu Futsiu in Suruga
erschienen, ausfertigen liefs, und den im Jahre 16 11 sein Sohn, der Sjögun Hidetada,
erneuerte, sowie der mit Grofsbritannien im Jahre 1613 geschlossene Handelstraktat
sind Urkunden, welche fast gleichzeitig mit dem Verbote des christlichen Gottesdienstes
ausgefertigt worden sind. Sie bilden die besten Belege zur Handelspolitik und Staats-
maxime des Minamoto Ijejasu und seines Nachfolgers.
Es herrschte nun eine schwüle Stille in der vor kurzem so stürmischen politi-
schen Atmosphäre, und es schwebten düstere Wolken am Horizonte des Japanischen
Reiches, denn zwei Parteien standen sich drohend gegenüber, und nur durch die
Vernichtung der einen war die Erhaltung der andern denkbar. Auf diese Weise konnte
der Friede, sei es nun auf rechtliche oder gewaltsame Weise zustande kommen.
Ein durch Parteigeist entzweites Feudalreich kann nur durch einen Gewaltstreich
aus seiner Zerklüftung befreit werden. Im Westen von Nippon, im Schlosse von
Osaka, entwickelte sich der jugendliche Hidejori unter der Obhut seiner klugen Mutter
frühzeitig zum Manne, er wurde in der Kriegskunst durch die alten Generale seines
Vaters ausgebildet. Er verhielt sich aber ruhig, denn er und seine Anhänger bedurften
der Ruhe, um sich zu sammeln. Im Osten des Reiches, zu Jedo und zu Suruga, be-
festigten Vater und Sohn gemeinschaftlich das neu errichtete Sjögun-Haus. Es fehlte
ihnen nicht an Macht, Thatkraft und Klugheit; aber dem neuen Staatsgebäude mangelte
der Boden der Gesetzmäfsigkeit.
Im Jahre 1610 liefs Ijejasu an Hidejori den Befehl ergehen, der Bestimmung
seines Vaters Taikosama gemäfs den Tempel Hökozi wieder aufzubauen. Dieser
begann mit dem Bau und liefs zur Bestreitung der Kosten eines der goldenen Pferde
einschmelzen, die sein Vater seiner Zeit hatte anfertigen lassen.
Als im dritten Monate des folgenden Jahres Ijejasu nach Kioto kam, entbot er
Hidejori zu sich, welchem Befehle sich jedoch dessen Mutter Jodogimi widersetzte.
Aber seitens der Fürstin Kitano-mondokoro, die als legitime Gemahlin seines Vaters
auch mitzusprechen hatte, wurden dem Hidejori dringende Vorstellungen gemacht, der
Aufforderung des Kubo zu folgen. Dieser Ansicht trat auch sein Oberhofmeister Katagiri
Katsumoto bei. Von zwei Generalen, Kijomasa und Asano, begleitet, zog endlich Hide-
jori am 28. des dritten Monats nach Kioto, um Ijejasu seine Aufwartung zu machen.
Dieser war von zahlreichen Generalen und Fürsten umgeben. Hidejori hatte nur
seine beiden Generale zur Seite. Er besuchte hierauf die Fürstin Kitano-mondokoro,
welche in Kioto wohnte, und begab sich auch nach der den Manen seines
Vaters geheiligten Kapelle (der Mija des Tojokuni-dai-mijözin) , worauf er nach
Fusimi und von da auf dem Flusse Jodogawa nach seinem Schlosse zu Osaka
zurückkehrte. Zu Hause angekommen, brach Kiomasa, der Held von Korea, in
Thränen aus und beklagte, dafs er nicht im stände sei, die von Taikosama empfangenen
Wohlthaten seinem Sohne genügend zu vergelten, denn er ahnte bereits, dafs er un-
rettbar verloren sei. Einen Monat später starb dieser treue Freund und bald darauf auch
4- Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjogunats. 405
Asano. Hidejori war nun seiner besten Stützen beraubt. Im folgenden Jahre ge-
bot der Kubo dem Hidejori, das Einkommen des Katagiri und des O110 Haruna-
ga (der Geliebten seiner Mutter) um 5000 Kok zu erhöhen. Damals war Hide-
jori der Obhut des Katagiri Katsumoto und Kimura Sigenari und den Befehls-
habern von sieben Heeresabteilungen anvertraut. — Im Jahre 1614 zeigte sich
ein Komet am östlichen Horizonte, den man als ein Vorzeichen von Unglück deutete.
Der Tempel Hökozi war in vier Monaten vollendet. Hidejori liels nun eine grofse
Glocke giefsen und beauftragte den Priester Seikan, eine auf dieselbe einzuprägende
Inschrift zu verfertigen. Im fünften Monate sandte er Katagiri nach Suruga, um Ijejasu
die Vollendung des Tempels anzuzeigen. Ijejasu zeigte sich sehr freundlich und er-
widerte, dals er persönlich erscheinen und Hidejori seinen Glückwunsch zur Vollen-
dung dieses Werkes darbringen werde. Katagiri gab er die Tochter seines treuen
Dieners Honda Masazumi zur Frau, und beglückt kehrte dieser zurück. Der Priester
bestimmte nun, am dritten des achten Monats die Eröffnung des Tempels mit einem
grofsen Feste zu feiern.
Der hohe Adel (Kuge) am Hofe des Mikado und das Volk sah mit
Ungeduld der Enthüllung und Einweihung dieses Prachttempels entgegen. Da
erscheint plötzlich ein Abgesandter von Ijejasu an Katagiri mit dem Befehle, das Fest
aufzuschieben. Aus der Abschrift der Glockeninschrift habe er ersehen, dafs die
seinen Namen bezeichnenden chinesischen Schriftzeichen in einer Weise aus-
gedrückt wären, welche in geheimnisvoller Deutung sich als einen Fluch auf
ihn selbst auslegen lasse. Der Kubo sei darüber sehr erzürnt. Ganz erstaunt
erklärte Katagiri, dafs Hidejori davon nichts wisse, indem er die Inschrift durch
einen Priester habe verfassen lassen und dieselbe, als sie fertig gewesen, dem Graveur
übergeben habe. Er selbst aber verstehe wenig die chinesische Schrift. Er ersuche
unterthänigst, dafs Ijejasu das Fest doch möge feiern lassen, da er besorge, dafs bei der
grofsen Volksmasse, die sich bereits versammelt hätte, die Abbestellung desselben
srofses Aufsehen erregen würde. Gleich nach dem Feste wolle er die Inschrift weg-
nehmen lassen und sich jeder beliebigen Strafe unterziehen. Der Abgesandte, er hiefs
Sige Katsu, begnügte sich mit dieser Entschuldigung nicht. Das Fest durfte nicht
gefeiert werden, was eine grofse Unruhe unter dem Volke zur Folge hatte. In den
Reichsannalen (Wa nen ki) lesen wir nur die wenigen Worte: «Die grofse Glocke
des Daibutstempels wird gegossen)). «Aufstand in Osaka; die Ordnung wird wieder
hergestellt.» Und im folgenden Jahre (1615) heifst es kurzweg: «Ijejasu erobert
das Schlofs von Osaka und stürzt das Sjögun-Haus Töjotomi».
Wir treten nun in eine denkwürdige Zeit der Reichsgeschichte von Japan, zu
deren richtigen Auffassung wir alle diese Einzelheiten aus den uns zugänglichen japa-
nischen Quellen gesammelt haben. Über den Sturz Hidejoris wufsten wir bis jetzt nur,
was uns in Bruchstücken aus den Denkschriften der Missionäre und den Tagebüchern
der niederländischen Gesandten jener Zeit bekannt geworden ist. Wir wollen aber
versuchen, den weiteren Hergang und das Ende des Kampfes um die Oberherrschaft
nach japanischen Quellen zu erörtern.
Katagiri sandte den Priester Seikan, der die Inschritt der Glocke verfertigt, nach
Suruga, um Hidejoris Unschuld zu beweisen. Er selbst folgte mit seinem jüngsten
Bruder und Ono Harunaga. Ijejasu empfing den Priester und befahl ihm, sich nach
Kioto zu begeben und die fragliche Inschrift von den Priestern der fünf Tempel
1
Abteilung II. Volk und Staat.
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(Gosan) untersuchen und beurteilen zu lassen. Die meisten dieser Schriftgelehrten
stimmten darin überein, dafs die Stelle der Inschrift einen Fluch enthalte.
Katagiri und Ono waren zu Manko, der letzten Poststation von Futsiu, dem
Hoflager des Kubo, zurückgeblieben. Im fünften Monate liefs der Kubo den Ono
nach Osaka zurückreisen und rief darauf Katagiri allein zu sich und stellte eine strenge
Untersuchung über den Hergang der Sache an, die diesem viel zu schaffen machte.
Als Hidejoris Mutter (Jodogimi) von Ono vernahm, dafs er und sein Begleiter beim
Kubo nicht vorgelassen worden seien, beschlofs sie eine Nonne Namens Sjöjei und
eine andere treue Dienerin, Okura, nach Suruga zu senden. Diese mufsten nun schnell
die Glockeninschrift studieren, um den Kubo von Hidejoris Unschuld zu überzeugen. ■
Ijejasu empfing diese unerwartet freundlich, und sie fanden es ganz unnötig, ihre Auf-
klärung über die fatale Inschrift zu geben. Er liefs sie nach Jedo bringen, damit sie
dort seine Frau, die jüngste Schwester Jodogimis, besuchten. Nach ihrer Zurückkunft
baten sie den Kubo um eine schriftliche Erklärung seiner Befriedigung, die er jedoch
verweigerte mit der Bemerkung, dafs seine mündlichen Mitteilungen genügen würden.
Kaum waren beide abgereist, so liefs der Kubo den Katagiri zu sich entbieten und
ihm durch Honda Tadakatsu und einen Priester, Tenkai, eröffnen, dafs der Argwohn,
der beim Kubo über das Benehmen Hidejoris entstanden, schwer zu beseitigen sei, und er
sagen sollte, auf welche Weise der Prinz seine Unschuld beweisen wolle. Auf Katagiris
Frage, wie nach ihrer Meinung sein Prinz den Kubo von seiner Unschuld überzeugen
könne, schwiegen sie. Katagiri gab hierauf seine Absicht zu erkennen, sich nach dem
Hofe des Sjögun zu begeben, worauf ihm der Kubo bedeuten liefs, dafs sein Sohn,
der Sjögun, dieselbe Ansicht mit ihm teile; er solle nur wieder nach Osaka zurück-
kehren und diese bedenkliche Sache reiflich überlegen. So verliefs Katagiri den Hof
des Kubo. Zu Tsutsijama, einige Tagereisen von Osaka, traf er die beiden Frauen
an, die ihm erzählten, wie freundlich sie vom Kubo seien empfangen worden, und
versicherten ihm, dafs nichts Böses zu besorgen sei. Ganz erstaunt hierüber ver-
sicherte Katagiri, das Gegenteil erfahren zu haben, indem man es ihm sehr schwer
gemacht habe, Hidejoris Unschuld zu beweisen, und dafs er nur drei Wege wisse,
auf denen der Friede erhalten werden könne. Das beste Mittel sei, Hidejoris Mutter
(Jodogimi) gleichsam als Geisel mit ihrer jüngsten Schwester, der Gemahlin des Sjögun,
in Jedo zusammenwohnen zu lassen; das zweite, wenn Hidejori selbst, dem früheren
Wunsche des Kubo zufolge, in Jedo residieren, und das letzte Mittel, wenn
er das Schlofs zu Osaka verlassen und seinen Hof an irgend einen andern Ort ver-
legen würde. Beide schwiegen in dem Glauben, Katagiri suche seinen Herrn, den
Prinzen, zu hintergehen; sie schrieben insgeheim nach Osaka, dafs ihm nicht zu trauen
wäre. Dieser, nichts Böses ahnend, nahm seinen Weg über Kioto, um dort einen
gewissen Hakura Katsusige in dieser Angelegenheit zu Rate zu ziehen.
Die Eröffnungen der beiden Frauen empörten Jodogimi. «Und bin ich auch)),
rief sie aus, «nur die Beifrau Taikos, so bin ich doch die Mutter Hidejoris ; wie kann
ich mich Kwantö (das östliche Land, früher unter Ijejasus Statthalterschaft) unter-
werfen und mich entehren lassen; lieber wTill ich hier im Schlosse mit Hidejori
sterben. Ich will, dafs Katagiri gestraft werde und sollte daraus ein Krieg mit Kwantö
entstehen. Ono Harunaga und Oda Nagamasa stimmten ihr bei. Ersterer war der
Sohn ihrer Pflegemutter und lebte mit Jodogimi in aufserehelichem Verhältnisse,
letzterer ihr Oheim (ein Bruder ihres Vaters Asai Nagamasa, — ihre Mutter war die
4- Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjogunats. 407
jüngste Schwester des Nobunaga). Der Rat dieser beiden Günstlinge fand jedesmal
Gehör, wodurch häufig Unfriede im Schlosse veranlafst wurde. Als Katagiri zu Hidejori
kam, setzte er ihm die Schwierigkeiten auseinander, welche obwalteten, den Argwohn des
Kubo zu beseitigen und stellte ihm die drei obenerwähnten Mittel als die einzigen
zur Erhaltung des Friedens vor. Hidejori teilte die bedenkliche Sachlage seiner Mutter
mit, welche Katagiri wissen liefs, dafs sie ihn über diese Angelegenheit zu sprechen
wünsche. An dem bestimmten Tage bereit, im Hofkleide nach dem Schlosse zu
gehen, entdeckte ihm einer seiner Diener, dafs Jodogimi ihn für einen Verräter hielt,
und er im Schlosse ermordet werden würde. Unter Wehrufen beklagte er seinen
Herrn, den Prinzen, dafs er sich durch den schlechten Rat seiner Umgebung ver-
blenden liefse, wodurch sein Sturz bald würde herbeigeführt werden. Er schützte
Krankheit vor und erschien ungeachtet wiederholter Aufforderung nicht. Katagiri
Katsumoto war erster Gouverneur des Prinzen und Intendant (Oberaufseher) des
Schlosses: er war mit allem bekannt, und selbst ein Teil der Kriegsmacht stand ihm
zu Gebote. Jodogimi und ihre Günstlinge boten alles auf,- ihn aus dem Wege zu
schaffen, während die Gegenpartei dem Katagiri sogar den Vorschlag machte, sich
des Schlosses zu bemächtigen und selbständig zum Wohle des Prinzen zu handeln.
Niemand fand sich, der gegen Katagiri handelnd aufzutreten wagte; er selbst aber
wollte sich nicht gegen seinen Herrn, den Prinzen, auflehnen. Er bat um Erlaubnis,
sich nach seinem Lande zurückziehen zu dürfen, legte seine Amtsinsignien und die
Schlüssel der acht Tliore des Schlosses in die Hände seines Herrn nieder und stellte
Geiseln für seine Treue. Die sieben Generale begleiteten ihn bis an den Jodogawa,
tranken Abschied und gaben ihm die Geiseln zurück. Er begab sich nach seinem
Lande auf das Schlofs Iwaragi. So verlor der Prinz seinen treuesten und tapfersten
Diener (am 1. des zehnten Monats).
Hidejori hielt nun mit seinen Generalen einen Kriegsrat. Harunaga drang dar-
auf, augenblicklich zum Kriege zu rüsten, da alle Fürsten den Krieg wünschten,
namentlich könne man auf die der westlichen Länder rechnen, welche alles seinem
Vater, Taiko, zu verdanken hätten. Der Krieg wurde beschlossen und Kriegs-
material angeschafft. Hidejori liefs einen Aufruf ergehen, und bald fanden sich
Hunderte tapferer Offiziere und Krieger ein, welche sich nach der Schlacht bei Seki-
gahara allenthalben zerstreut hatten. In zehn Tagen waren im Schlosse an fünfzig-
tausend Kriegsleute versammelt. Aber die meisten waren aus Elend und Armut diesem
Aufruf gefolgt. Unter ihnen befand sich kein General oder Offizier, der Besitzer eines
Landes oder eines Gutes gewesen wäre. Hidejori schickte nun Briefe an die einzelnen
regierenden Fürsten und rief sie zu Hülfe.
Diese sandten jedoch Boten mit den Briefen an Ijejasu. Dieses geschah gegen
alle Erwartung; um aber sein Heer nicht zu entmutigen, liefs Hidejori bekannt
machen, dafs sich die westlichen Fürsten jetzt noch neutral halten würden, um dem
östlichen Heere, wenn es vor Osaka erschien, in den Rücken zu fallen. Auch dies-
mal war wieder die Frage, ob man einen Feldzug eröffnen oder im Schlosse, wo
man jahrelang dem gesamten Reichsheere die Spitze bieten könnte, bleiben und
den Feind abwarten solle. Der kühne Plan, sich unverzüglich des Schlosses von
Fusimi zu bemächtigen, des Schlüssels zu der Hauptstadt Kioto, und diese Stadt, die
Residenz des Mikado und strategisch wichtige Eingangspforte der östlichen und west-
lichen Heerstrafse, zu besetzen und von da einen Aufruf an die westlichen Fürsten
408
Abteilung II. Volk und Staat.
ergehen zu lassen, wurde als Wagestück verworfen. Man schritt nun zur Verstärkung
der Festung; aber gegen den Willen der sieben Generale liefs Harunaga noch sehr
ausgedehnte Aufsen werke anlegen.
Auf das Aufgebot des Kubo und des Sjögun griffen viele Fürsten zu den Waffen
und brachen gegen Osaka auf. Unter den Generalen, die auf Befehl des Sjögun in
Jedo zurückgeblieben waren, befand sich Hukusima Masanari, der sich aber mit seinem
Vetter nach Osaka begab und die Partei des Hidejori ergriff, während sein Sohn an
der Spitze seiner Truppen der Fahne des Sjögun folgte. Bald rückte das Heer von
Osten gegen Osaka, an 500000 Mann stark, und umzingelte das Schlofs von allen
Seiten. Nochmals versuchte Harunaga durch Abgesandte die Generale, welche
unter Taiko gedient hatten, für sich zu gewinnen; diese nahmen jedoch seine Boten
gefangen und übergaben sie dem Ijejasu, welcher nun einen Brief nach dem Schlosse
sandte, worin er Friedensanträge machte; Hidejori aber wiefs sie zurück. Jetzt suchte
der Kubo durch die glänzendsten Versprechungen mehrere Befehlshaber der Besatzung
zum Übertritt zu bewegen; alle Versuche und Versprechungen waren jedoch ver-
geblich. Es that sich eine bewunderungswürdige Anhänglichkeit, Treue und Ent-
schlossenheit der Generale des Prinzen kund.
Angriffe der Belagerer und Ausfälle der Besatzung erfolgten mit abwechselndem
Glücke. Die Geschichte hat uns eine ausführliche Beschreibung der Belagerung und
zahlreicher dabei vorgekommener Heldenthaten getreu auf bewahrt, die den Stoff zu
einer zweiten Iliade liefern könnten. Auch besitzt man noch die Pläne der Festung,
der Aufsenwerke und der Positionen der Besatzung und der Belagerer mit genauer
Angabe der Namen der Befehlshaber und der Truppenzahl der verschiedenen Heeres-
abteilungen.
Alle denkwürdige strategische Ereignisse und ritterliche Thaten umständlich zu
erzählen, ist hier nicht der Ort. Es kämpften auf beiden Seiten Männer, die in
langwierigen Bürgerkriegen und in den beiden koreanischen Feldzügen zu Helden ge-
worden und Jünglinge, die durch die grofsartigen Beispiele von Ehrgefühl und An-
hänglichkeit mit Mannesmut und Thatkraft erfüllt worden waren. Bald zeigte sich
aber der Fehler, den Harunaga durch die Ausdehnung der Aufsenwerke und die An-
legung von mehreren detachierten Forts begangen hatte. Man sah sich genötigt,
bei der grofsen Überlegenheit der Belagerer diese allmählich aufzugeben und wo-
möglich zu zerstören. Im zwölften Monate nahmen die Belagerer von drei der
äufseren Festungen Besitz, wurden aber bei ihren Angriffen auf das Schlofs selbst
mit Verlust zurückgeschlagen. Auch durch Verrat suchten sie sich der Festung zu
bemächtigen und waren bereits durch an Pfeile gebundene Briefe mit dem mit der
Verteidigung des südlichen Teiles betrauten Generale zu einem Einverständnisse ge-
langt, nach welchem an einem bestimmten Tage auf ein durch eine Fahne gegebenes
Signal die Thore geöffnet werden sollten, als der Verrat des Generals — er hiefs
Mitsuaki — entdeckt wurde. Seitens der Belagerten liefs man aber die als Signal
geltende Fahne aufziehen, wodurch die Belagerer getäuscht, einen Angriff machten,
aber mit grofsem Verluste zurückgeschlagen wurden. Auch versuchten sie durch
unterirdische Gänge in die Festung zu gelangen, was man jedoch durch Gegenminen
vereitelte. Die Belagerer fingen nun an, ruhiger zu werden, schossen nur des Nachts
Feuerwaffen ab und erhoben Kriegsgeschrei.
O o
Mehrmals versuchte jetzt Ijejasu durch Briefe, welche er an Ota Nagasama
4. Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjogunats. ^09
sandte, Friedensunterhandlungen anzuknüpfen. Er liefs den Belagerten die Wahl einer
der drei folgenden Bedingungen: Die Aufsenwerke der Festung zu schleifen und die
Gräben aufzufüllen; die zweite war, Hidejori solle das Schlofs verlassen und seinen
Hof nach der Landschaft Jamatö verlegen, und die dritte, er solle seine Mutter Jodo-
o'imi als Geisel stellen.
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Hidejori schien diesena Vorschlag nicht abgeneigt zu sein; sobald es aber ruch-
bar wurde, dafs Friedensunterhandlungen vor sich gingen, zeigte sich allenthalben im
Heere Mutlosigkeit. Fr liefs daher durch Harunaga verkünden, dafs er, wenn auch
der Friede zu stände käme, seine Krieger sicherlich für ihre treuen Dienste belohnen
würde. Dies nahm Ijejasu sehr übel auf und brach die Friedensunterhandlungen ab.
Gleich darauf machten einige Generale einen nächtlichen Ausfall, überfielen die
Truppenabteilung von Owa, töteten deren Befehlshaber und kehrten siegreich nach
dem Schlosse zurück.
Damals waren alle Fürsten des Reiches unter dem Befehle des Sjögun versammelt, nur
Simadsu Josihira, Fürst von Satsuma, fehlte. Nun eröftnete Ijejasu aufs neue Friedens-
unterhandlungen und suchte Jodogimi durch ihre jüngste Schwester zu gewinnen;
auch liefs er insgeheim den Befehlshabern Anerbietungen zur Unterwerfung machen.
Als nun Jodogimi und ihre beiden Günstlinge Hidejori zum Frieden rieten, hielt er
mit den sieben Generalen und mehreren der neuen Befehlshaber seines Heeres einen
Kriegsrat. Ein Teil war der Meinung, dafs man die Festung noch jahrelang halten
könne, die anderen bezweifelten dies, da man bei der allmählichen Abnahme
der Verteidiger unmöglich eine so ausgedehnte Festung gegen eine so grofse Über-
macht der Feinde lange halten könne. Es kam der Friede zu stände unter der Be-
dingung, dafs Hidejori seine Krieger entlasse und dafs die Aufsenwerke des Schlosses
geschleift und mit dem Material die Gräben ausgefüllt würden. Der Friedensschlufs
wurde mit einem Bluteide von seiten Hidejoris und Ijejasus bekräftigt. Ijejasu liefs
sogleich durch hunderttausend Mann die Aufsenwerke schleifen und die Festungs-
gräben ausfüllen.
Man begnügte sich jedoch nicht mit der Ausfüllung der äufseren Gräben, sondern
traf Anstalten, auch die inneren Festungsgräben auszufüllen. Harunaga machte Ein-
wendungen dagegen, wurde jedoch überall abgewiesen und konnte auch beim Kubo
zu Kioto, zu welchem er sich begab, kein Gehör finden. Mit Frühlingsanfang waren
alle Festungswerke geschleift und alle Gräben geebnet; es blieb nur das eigentliche
Schlofs stehen. Schon am 1. des ersten Monats begaben sich der Kubo und Sjögun nach
ihren östlichen Ländern.
Jodogimi, die Mutter des Prinzen, welche gewissermafsen das Regiment im Schlosse
führte, lebte unbesorgt mit ihren Günstlingen und machte grofsen Aufwand, sodafs infolge
ihrer Verschwendung der Sold der Generale und Offiziere nicht gehörig bezahlt
werden konnte, was Unzufriedenheit und Klagen zur Folge hatte. Jodogimi wandte
sich daher wiederholt an den Sjögun um Geldunterstützung, jedoch ohne Erfolg. Dies
erhöhte das Mifsvergnügen der Krieger, welche bei dem Prinzen und seiner Mutter
unaufhörlich darauf drangen, mit dem Sjögun aufs neue Krieg anzufangen, indem sie
behaupteten, dafs jetzt, wo sie sich so tapfer gegen die gesamte Macht des Reiches
gehalten hätten, gewifs die meisten Fürsten der Fahne Hidejoris folgen würden. Kaum
hatte sich dieser zu einem neuen Kriege verstanden, so waren schon 12000 Mann
unter den Waffen. Während man aber zu keinem Beschlüsse über den Kriegsplan kommen
410
Abteilung II. Volk und Staat.
konnte, rief der General Jukimura plötzlich aus: «Man mufs den Feind angreifen und
nicht sich verteidigen. Es giebt kein anderes Mittel, als sich sofort Kiotos zu be-
mächtigen, den Mikado in die Mitte zu nehmen und von da aus das Reich zu regieren.»
Diesem Vorschläge traten Harunaga und andere Günstlinge Jodogimis nicht bei. Die
sieben Generale waren übrigens der Meinung, mit den beiden Armeen des Kubo und
des Sjögun im offenen Felde den Kampf aufzunehmen, da diese sonst jedenfalls die
Festung von der Südseite angreifen würden, wo sie durch die Schleifung der Aufsen-
werke unhaltbar sei. Man suchte hierauf die Befestigungswerke möglichst zu ver-
stärken.
Von all diesen Vorgängen war der Kubo bald unterrichtet, und schon im An-
fang des vierten Monats hatten die Fürsten den Befehl erhalten, gegen Osaka zu ziehen.
Am 9. des vierten Monats befand sich der Kubo zu Owari, wo er der Vermählung
seines jüngsten Sohnes beiwohnte; dort befand sich auch Jodogimis jüngste Schwester
(Namens Sjökö), welche diese kurz zuvor in ihrer Geldverlegenheit an ihn geschickt
hatte; diese sandte er nun nach Osaka und liefs Hidejori Friedensunterhandlungen
anbieten, im Falle er sein Kriegsheer auflösen würde. Er selbst begab sich nach
Kioto, und als er da von der Sjökö vernahm, dafs Hidejori nicht geneigt sei zu
antworten, schickte er ihm aufs neue eine Botschaft, welche gleichfalls unbeantwortet
blieb. Der Sjögun war in Eilmärschen von Jedo in Fusimi (in dreizehn Tagen) mit
seinen Truppen angekommen.
Der Krieg war nun unvermeidlich; das Losungswort Hidejoris und seiner Ge-
nerale war: «Sieg oder Tod!» Er übernahm den Oberbefehl seines Heeres, das er
in drei Abteilungen verteilte. Man beschlofs, dem Feinde im offenen Felde die Spitze
zu bieten und ein grofser Teil seines Heeres nahm Aufstehung an drei verschiedenen
Punkten, welche ein günstiges Terrain zur Verteidigung gegen die grofse Übermacht
des Feindes boten.
Mototsugu, der mit 15000 Mann sich am weitesten vorwärts gewagt hatte, suchte
der Kubo zum Übertritt zu bewegen, indem er ihm das Fürstentum Harima anbieten liefs.
Seine Antwort war: «Die Fahne des Schwächeren mit der des Stärkeren zu ver-
tauschen, ist Feigheit. Ich will aber dem Kubo den Gefallen thun, heute auf dem
Schlachtfelde zu sterben; denn wenn ich falle, wird auch der Sturz meines Prinzen
folgen.»
Es begann eine mörderische Schlacht, und seine Krieger wurden vernichtet
bis auf dreizehn Reiter, welche er auf einer Anhöhe um sich sammelte, auf die an-
stürmenden Feinde stürzte und den Heldentod fand. Die übrigen Generale und Truppen
Hidejoris thaten Wunder der Tapferkeit, sahen sich jedoch genötigt, sich am Abende
nach der Festung zurückzuziehen. Die Verluste auf beiden Seiten waren grofs,
Hidejori und seine Generale falsten den Entschlufs, mit vereinter Kraft am folgenden
Tage den Feind anzugreifen. Dieser Tag mufste über ihr Los entscheiden. Es war
besprochen, dafs Hidejori mit seinen Garden im entscheidenden Augenblicke aus dem
Schlosse hervorbrechen und sich dem Feinde entgegenwerfen sollte. Das Schlacht-
feld war nahe bei der Festung in der Gegend von Sjaüsi jama. Der Kubo Ijejasu
befehligte den linken Flügel, sein Sohn, der Sjögun, den rechten. Wir müssen die
Einzelheiten übergehen, um nicht unsere Reichsgeschichte in eine Kriegsgeschichte zu
verwandeln. Der Sieg neigte sich schon auf die Seite der Generale Hidejoris, als
eine klug erdachte List des Kubo Verlegenheit im Schlosse und Verwirrung unter den
4. Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjögunats.
aufserhalb der Festung in den Kampf verwickelten Truppen hervorbrachte. Dieser
liefs nämlich im kritischen Augenblicke einen durch den Sohn Harunagas, den er als
Geisel zurückbehalten hatte, geschriebenen Brief an dessen Vater, der Befehlshaber des
Schlosses und Flügeladjutant des Hidejori war, überbringen des Inhalts: «Lasse Hide-
jori nicht das Schlofs verlassen! Im Schlosse besteht eine Verschwörung; man wird
ihm sogleich von da aus in den Rücken fallen.)) Harunaga eilte eben nach dem
Schlosse, um Hidejori zum Angriffe zu rufen. Der Prinz kam ihm am Sakura-Thor
im roten Harnische zu Pferde mit seinen kampflustigen Garden entgegen; in diesem
Augenblicke empfing Harunaga den fatalen Brief seines Sohnes. Er liefs den Prinzen
aus Besorgnis nicht heraus und eilte nach der Wahlstatt, um bei dem General Juki-
mara sich Rats zu erholen. Dort focht man verzweifelt, der Ankunft Hidejoris
harrend. Gleichzeitig hatte dieser seinen sechzehnjährigen Sohn zu Harunaga ent-
sendet, um mit dem Prinzen eilig zu Hülle zu kommen. War es aus Besorgnis, die
Schlacht zu verlieren, oder aus List, — mitten im Kampfe liefs Ijejasu dem Hidejori
Friedensverhandlungen anbieten. Jetzt rief Jodogimi den Prinzen, Harunaga und
einige andere Offiziere, die aufserhalb des Thores Posten gefafst hatten, zu sich ins
Schlofs, um sich mit ihnen über den Friedensantrag zu beraten. Als man diese vom
Schlachtfelde aus mit ihren Feldzeichen nach dem Schlosse eilen sah, glaubte man,
dafs dort ein Aufstand ausgebrochen sei; Schrecken verbreitet sich durch die Reihen
der im Kampfe begriffenen Krieger, auf die jetzt der Feind mit vereinter Macht sich
stürzte. Es entstand Verwirrung, und teils im Kampfe, teils auf der Flucht fielen an
fünfzehntausend Mann. Im Augenblicke, wo der Prinz Harunaga und die Offiziere am
Schlofsthore empfing, kam auch Jukimaras Sohn, um Hidejori zu Hülfe zu rufen;
aber gleichzeitig stürzten auch scharenweise die zurückweichenden Truppen nach dem
Thore. Der Prinz wollte sich mit seinen Garden dem Feinde entgegenwerfen,
Harunaga aber hielt ihn zurück und bewog ihn, sich nach dem Palaste zurück-
zuziehen. Bald stürmte der Feind die Thore, während im Palaste Harunagas Feuer
ausbrach, welches rasch um sich griff; auch im inneren Schlosse brach Feuer aus.
Der Prinz flüchtete mit seiner Mutter und einigen seiner Generale nach dem Schlofs-
turme, während seine übrigen getreuen Generale in und aufserhalb des Schlosses den
Heldentod fanden. Da der Brand auch den Turm bedrohte, sah sich der Prinz ge-
genötigt, in ein Magazin im Schlofsgarten zu fliehen. Er war entschlossen, sich zu
töten. Unterdessen liefs Harunaga der Gemahlin des Prinzen, Tochter des Sjögun,
unter dem Schutze ihres väterlichen Wappens (Awo'i) durch das Kriegsgetümmel den
Weg zu ihrem Vater und Grofsvater (Ijejasu) bahnen, damit sie diese um Rettung
ihres Mannes und dessen Mutter anflehe. Entrüstet rief ihr der Vater zu: «Warum
stirbst du nicht mit deinem Manne?» Ijejasu dagegen erklärte sich dazu bereit, jene
zu beschützen, «eingedenk der ihm vom Taiko erwiesenen Wohlthaten». Der Prinz
harrte die Nacht im Magazine, das von vier Generalen des Sjögun bewacht wurde.
Am nächsten Morgen liefs ihm der Kubo sagen, dafs er seiner Mutter ein Einkommen
von zehntausend Koku (etwa iooooo Gulden) zusichern und ihm den Tempel von
Koja zum Aufenthalte anweisen wolle. Der Prinz nahm dies Anerbieten an und ver-
langte Sänften, um sich mit seiner Mutter zu dem Kubo zu begeben, da er sich
schäme, sich offen den Kriegsleuten zu zeigen. Ji Nawotaka, der kommandierende
General, erklärte nur für seine Mutter eine Sänfte zu haben, der Prinz müsse zu
Pferde sich hinbegeben. Da der Prinz zu antworten zögerte, liefs er mit den Worten,
412
Abteilung II.
Volk und Staat.
«der Gnadenfache ein Ende machen zu wollen», zweimal auf das Magazin feuern.
Dem Prinzen war dies das Signal zum Tode; er tötete sich durch Leibaufschlitzen,
und seine Mutter, ihren mit dem Tode ringenden Sohn umarmend, liefs sich von
ihrem treuen Diener erstechen. Harunaga, ihr Geliebter, und die übrigen Generäle
und Offiziere, ihre Mütter und Frauen samt den Kammerfrauen übergaben sich eben-
falls dem Tode, das Magazin den Flammen. Der sechzehnjährige Sohn Jukimaras,
den sein Vater vom Schlachtfelde aus nach dem Schlosse gesandt hatte, um Hidejori
zu Hülfe zu rufen, und dem sein Vater, als er nicht' von dessen Seite weichen wrollte,
mit den Worten zu gehen befahl: «Komme oder stirb mit dem Prinzen», harrte
24 Stunden lang ohne Essen und Trinken im Magazine und entleibte sich, als er
dieses in Flammen aufgehen sah. Ji Nawotaka erstattete über den Hergang Bericht
an den Kubo und bat, seine eigenmächtige Handlung zu bestrafen. Dieser nickte
blofs mit dem Kopfe. Schon nachmittags traf er daher Anstalt, nach Kioto zu gehen
und bemerkte dabei kaltlächelnd, «nach einer so heifsen Schlacht würde es wohl
regnen». Der Sjögun liefs von vier Generalen die Thore des Schlosses besetzen,
das Schlofs und das Schlachtfeld reinigen, die Leichen begraben und dem Kriegs-
gotte Opfer darbringen. Am neunten zog er siegreich mit seinem Heere nach
Fusimi ab.
Die Fürsten hatten den Befehl erhalten, die Flüchtlinge aufzufangen; so wurde
auch der Sohn Hidejoris, ein Knabe von acht Jahren, der mit seinem Gouverneur sich
zu Noninbasi verborgen hatte, verraten, ergriffen und mit diesem enthauptet. Auch
wurde seine kleine Schwester gefangen genommen. Ebenso wurden noch einige
andere Hofbeamte und Generale gefangen, enthauptet und Harnagas jüngster Bruder
gekreuzigt; sein älterer Bruder und andere entleibten sich, nur wenige konnten sich
retten. Auch Harunagas Sohn, der den falschen Brief zu schreiben gezwungen worden
war, mufste sich durch Leibaufschneiden töten. Zweiundsiebenzig Offiziere und sechs-
hundert Soldaten wurden gleichfalls mit dem Tode bestraft.
Der aus dem Brand gerettete Schatz betrug 28000 Goldstücke und 240000 rio
Silber (nach dem alten Kurse etwa Millionen Gulden). Von den goldenen Pferden,
wovon jedes den Wert von 3000 Oban hatte (etwa 600000 Gulden), erhielt Ji Nawo-
taka und Tödo Takatora jeder zwei Stücke zur Belohnung. Der Fürst Matsudaira
Tadotomo erhielt Osaka und für die Verheerung seiner Güter eine Entschädigung von
hunderttausend Koku (eine Million Gulden). Am 15. des sechsten Monats begab sich
der Kubo nach dem Hofe des Mikado, erstattete Bericht über den Ablauf dieser
wichtigen Begebenheiten und bot ein Geschenk von tausend rio Silber (10000 Gulden)
an. Am 28. hatte der Sjögun mit dem Kubo eine Zusammenkunft auf dem Schlosse
Nidsjö, um sich über die Belohnung und Bestrafung der Fürsten und Feldherren zu
beraten. Einige erhielten Erhöhung ihres Ranges, andere Vermehrung ihres Ein-
kommens, mehrere wurden aufs neue mit Ländern belehnt und einige ihrer Güter
verlustig erklärt. Am 11. des sechsten Schaltmonats zog der Sjögun mit den sämt-
lichen Fürsten nach Kioto, um am Hofe des Mikado seine Aufwartung zu machen
und bot zehntausend rio Silber (100000 Gulden) zum Geschenke an. Mit Hülfe
einiger Gelehrten verfafste der Kubo dreizehn neue Gesetzartikel mit Berücksichtigung
der fünfzig alten bereits im Jahre 1232 erlassenen Gesetze und führte in gemeinschaft-
licher Beratung mit dem Reichskanzler (Kambaku) die durch langwierige Kriege aufser
acht gekommenen Regulativen des Hofes des Mikado und andere Vorschriften wieder
4- Geschichte d. Entwickelung d. Volkskultur u. d. Entstehung u. Begründung d. Sjögunats. j T j
ein.1 Diese neuen Gesetze wurden am 7. des siebenten Monats 1615 den im Schlosse
zu Fusimi versammelten Reichsfürsten durch den Sjögun verkündet. Er reiste darauf
nach jedo ab, wo er am 4. des achten Monats eintraf. An demselben Tage
begab sich der Kubo vom Schlosse Nitsjö nach seiner Residenz in Suruga. Man ging
soweit, den Mikado zu bewegen, den Befehl zum Abbruch der dem vergötterten
Taiko geheiligten Tempel bis auf zwei kleine Kapellen anzuordnen.
Nachdem nun Ruhe und Ordnung im Reiche hergestellt war, erteilte der Sjögun
den Reichsfürsten den Befehl, ihre Festungen zu schleifen und verordnete, dafs alle
drei Jahre durch einen von ihm abgesandten Kommissär jedes Fürstentum besucht
und von dem Zustande desselben ihm Bericht erstattet werden sollte. Auch wurden
bezüglich der Kostüme des Reichsritterstandes (Buke) Neuerungen eingeführt, und am
Neujahrstage des zweiten Jahres von Genwa (1616) machten die Fürsten in ihrer
neuen Tracht den beiden Sjöguns (dem Kubo und Sjögun) ihre Aufwartung.
Infolge einer am 21. des ersten Monats abgehaltenen Jagd erkrankte der Kubo.
Sein Sohn, der Sjögun, begab sich zu ihm und pflegte ihn; alle Fürsten besuchten
ihn , und der Mikado liefs (im dritten Monat) ihm die Erhebung zur höchsten
Hofwürde, der eines Daisjo-daizin, durch eine Gesandtschaft kundthun. Er verliefs
das Krankenbett, und empfing die Gesandten im Hofkostüme und liefs sie von seinem
Sohne festlich bewirten. Im vierten Monate verschlimmerte sich seine Krankheit; er
berief am 14. sämtliche Fürsten des Reiches und sprach zu ihnen: «Ich werde bald
sterben; ich habe die Ordnung im Reiche hergestellt, und mein Sohn, der Sjögun,
führt seit geraumer Zeit die Regierung. Ich kann daher unbesorgt von hinnen gehen.
Sollte aber der Sjögun von den Reichsgesetzen abweichen, so mufs einer der Fürsten
an seine Stelle treten, und da das Reich nicht einem einzig und allein gehört, so
tragt untereinander keinen Neid und Hafs.» Hierauf liefs er sie in ihre Fänder
ziehen. Seinem Sohne, dem Sjögun, legte er ans Herz, die Gesetze des Reiches
gut zu beobachten, da ihn sonst die Fürsten seinem Ausspruche gemäfs entsetzen
würden. Seine übrigen drei Söhne ermahnte er, dem Sjögun treu zu dienen.
Seine letzten Worte sprach er zu seinem Enkel, dem mutmafslichen Thron-
folger: «Als künftiger Regent halte wohl im Auge, dafs man nur mit Menschlichkeit
das Reich regieren kann». An diesem Tage (17. des vierten Monats 1616) starb
Minamoto Ijejasu im Alter von fünfundsiebenzig Jahren. Er wurde im Tempel
von Kunösan beigesetzt und auf Befehl des Mikado ihm daselbst von seinem Sohne
Josinobu eine Kapelle erbaut, und er als Dai gongen vergöttert. Seinem letzten
Willen zufolge wurden seine Überreste im folgenden Jahre nach Nikko gebracht, wo
ihm der Sjögun einen prächtigen Tempel stiftete, dem ein Verwandter des Kaiser-
lichen Hauses als Oberpriester vorsteht.
Hidetada war bereits im Jahre 1605 zum Sjögun ernannt worden; er soll ein
verständiger Mann und von festem Charakter gewesen sein. Er trat auch gleich nach
dem Tode seines Vaters mit Entschiedenheit und Würde auf. Seine Generale waren
der Meinung, den Tod Ijejasus noch geheim halten zu müssen; er dagegen liefs noch
in der Nacht die Hoftrauer ansagen und darauf die sämtlichen Reichsfürsten berufen,
that ihnen den Tod seines Vaters kund und erklärte ihnen feierlich, dafs es ihnen
1 Diese Gesetze bestimmten die relative Stellung des Mikados und die Machtbefugnisse des
Sjöguns und bilden die Grundlage der damaligen Reichsverfassung. Note zur 2. Auflage.
4i4
Abteilung II. Volk und Staat.
jetzt freistände, das Reich selbst zu regieren, dafs er jedoch, da er einmal zum Sjögun er-
nannt sei, sein Recht mit den Waffen behaupten würde. Als alle betroffen schwiegen,
erhob sich Date Masamune, Fürst von Mutsu, und erklärte, er hoffe, dafs keiner ihm
dies Recht bestreiten werde; sollte es jedoch einer wagen, so würde er für das Recht
des Sjögun kämpfen. Einstimmig huldigten die Fürsten Hidetada.
Im Jahre 1619 versetzte der Sjögun den Fürsten von Kii nach Aki und gab
dieses Fürstentum seinem Bruder Josinobu; seine übrigen beiden Brüder (der älteste
hieis Josinawo, der jüngste Josifusa) waren bereits im Besitze der Fürstentümer Owari
und Mito. Von dieser Zeit an wurden diese drei Fürsten die Gosanke, d. i. die drei
hohen Häuser, genannt. Und heute noch sind sie die drei Kurfürsten, welche unter
sich bei Mangel eines Thronfolgers den Sjögun wählen.
So erhob und behauptete sich das Haus des Minamoto Ijejasu bis auf die Jetzt-
zeit1 in einer Reihenfolge von vierzehn Sjöguns.
1 Obiger Schlufs wurde von Ph. Fr. v. Siebold während seines zweiten Aufenthalts in Jedo im
Jahre 1861 geschrieben. Sieben Jahre darauf erfolgte die Restauration der Kaiserlichen Monarchie,
welche dem Sjögunat und dem Feudalstaat ein Ende machte und einen nie geahnten Aufschwung des
Reiches zur Folge hatte. Note zur 2. Auflage.
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Genealogische Tafel der Sjogune.
5- Beiträge zur Kenntnis der japanischen Rechtspflege.
415
5. Beiträge zur Kenntnis der japanischen
Rechtspflege.
Von den Strafen.
In China hat man acht Klassen von sogenannten privilegierten Personen, welchen
hinsichtlich der Bestrafung wegen Verbrechen oder Vergehen eine bevorzugte Stellung
eingeräumt ist. Auch in Japan geben Stand und Geburt gewisse Vorrechte. Diese
begründen jedoch keinen Anspruch auf eine persönliche Berücksichtigung seitens des
Landesherrn und somit tritt auch keine Milderung der Strafe oder gar Begnadigung
ein, wie dies in China der Fall ist.
In Japan bedingen solche Vorrechte ein ganz von dem gewöhnlichen Rechts-
gange abweichendes Verfahren und gestatten dem Verbrecher das über ihm schwebende
Todesurteil selbst an seiner Person zu vollziehen und zwar auf eine Weise, die uns
von keinem Volke der Welt bekannt ist, nämlich durch das Leibaufschlitzen.
Ein solches Vorrecht ist in Japan dem Adel, dem Kriegerstand und überhaupt
den Personen von Stand und Geburt eingeräumt.
In folgendem werden daher vorerst die Strafen bei der gemeinen Volksklasse
in Betracht kommen.
Von der Todesstrafe.
Die einfache Todesstrafe wird durch Hinrichten mit dem Schwerte vollzogen,
geschieht also durch Enthauptung; als Verschärfung derselben findet Kreuzigung, Ver-
brennen und Absägen des Kopfes statt. Jede dieser Strafen kann noch erschwert
werden, indem vor der Hinrichtung, während derselben oder nach derselben noch be-
sondere Proceduren stattfinden.
Die Enthauptung wie überhaupt jede Hinrichtung gemeiner Sträflinge wird in
Gegenwart dazu beorderter Gerichtspersonen durch Leute aus der verachtetsten Volks-
klasse von den sogenannten Jetta vollzogen. Siehe Fig. 51. Der Verurteilte kniet
auf dem Boden, zwei Henkersknechte halten ihn an beiden Armen fest und ein Dritter
schlägt ihm mit einem langen Säbel von rückwärts den Kopf ab.
Zuweilen geschieht es auch, dafs der Sträfling, wenn er sich sträubt, gefesselt
und zu Boden geworfen wird, wo ihm dann sozusagen der Kopf abgeschnitten wird.
Von der Kreuzigung giebt es zwei Arten. Die eine und zwar die ungewöhn-
lichste wird Sakaharitsuke genannt, was wörtlich umgekehrt ans Kreuz heften lieifst.
Diese Form besteht darin, dafs der Delinquent mit den Beinen nach oben an ein
Kreuz gebunden wird, so mit dem Kopfe senkrecht nach unten hängt. Der Körper
wird darauf von zwei Seiten mit Lanzen übers Kreuz durchstochen. Die andere Art
heifst schlechthin Haritsuke; der dazu Verurteilte wird in aufrechter Stellung ebenfalls
mit Stricken an den Händen und Füfsen ans Kreuz gebunden und von den Seiten
kreuzweise durchbohrt. Der Gekreuzigte bleibt gewöhnlich hängen, bis er abfällt.
Das Verbrennen, Hiaburi, wörtlich «durch Feuer braten», geschieht nicht auf
einem Scheiterhaufen, sondern der Delinquent wird an einem Pfahle befestigt und
mittels eines rund um ihn angelegten Feuers erst erstickt und nachher verbrannt. —
qiü Abteilung II. Volk und Staat.
Am Brandpfahle wird zum warnenden Beispiele eine Tafel aufgehängt, auf welcher
der Name des Hingerichteten und die Beschreibung seines Verbrechens zu lesen ist.
Eine der fürchterlichsten Todesstrafen ist die des Takenokohiki, d. i. «Absagen
des Kopfes mit einer Bambussäge». Diese Strafe ist noch in einigen Landschaften
üblich, wird aber auch dort nur in extremen Fällen angewandt, wo sonst die Kreuzigung
mit Aufhängen an den Füfsen angewandt würde. Bei diesem Verfahren wird der
Verbrecher nämlich auf einem Marktplatze oder einer belebten Strafsenkreuzung in
die Erde eingegraben und ihm darauf an beiden Seiten des Halses ein Einschnitt ge-
macht und daran die Bambussäge so befestigt, dafs dieselbe sich an der Wunde hin-
und herziehen läfst. Der Verbrecher bleibt in diesem Zustande sieben volle Tage der
Sonnenhitze ausgesetzt, während jeder Vorübergehende angehalten wird, Hand anzu-
legen und einen Zug an der Bambussäge zu thun. Sollte der Delinquent nach Ver-
lauf dieser Zeit noch am Leben sein, so wird er ausgegraben und enthauptet.
Diese Strafe wdrd bei Fürsten- und Vatermördern angewandt. 1
Als Verschärfung der Todesstrafe besteht ferner das sogenannte Hikimawasi, d. i.
der öffentliche Umzug des Delinquenten vor seiner Hinrichtung. — Der Betreffende
wird dabei in einen wreifsen Kittel gekleidet und mit einer Tafel behängen, worauf
sein Name und der Inhalt des Urteils verzeichnet sind. In diesem Aufzuge wird
er auf einem schlechten Lastpferde angebunden, öffentlich nach dem Richtplatze ge-
schleppt und hingerichtet. Ferner gilt als Verschärfung der Todesstrafe das Gokumon,
d. i. Ausstellung des abgeschlagenen Kopfes. Es wird nämlich der Kopf des Hin-
gerichteten auf einen Pfahl gesteckt und 5 — 10 Tage lang ausgestellt. Auf der einen
Seite desselben ist eine weifse Flagge angebracht, auf welcher das Verbrechen be-
schrieben ist. Auf der anderen Seite sind Picken und andere bei der Hinrich-
tung gebräuchliche Waffen aufgepflanzt. Siehe Fig. 51. Soldaten und Gerichts-
diener halten dabei beständig Wache. Auch Zerstückelung des Rumpfes wird als eine
Verschärfung der Todesstrafe betrachtet. Übrigens geschieht dieses häufig genug,
zumal in Jedo, wo der Leichnam gemeiner Verbrecher von jungen Kriegshelden in
Stücke gehauen wird, um ihre Säbel zu probieren oder eine Probe ihrer Kraft ab-
zulegen.
Von den Freiheitsstrafen.
Dahin gehört die Verbannung nach einer Insel oder nach einer mehr oder
weniger entlegenen Provinz. Ferner die Verweisung vom Geburts- oder Wohnorte
und die Gefängnisstrafe.
Die Verbannung findet gegenwärtig gewöhnlich nach einer der für diesen Zweck
bestimmten Inseln statt, daher diese auch mit dem Namen Entö-Inseln, d. h. Ver-
bannungsinseln belegt werden. Die Verbannung heilst Tsuihö, im Falle wo der Ver-
bannte am Verbannungsorte zu Zwangsarbeiten verurteilt ist. Nur höchst selten findet
eine Zurückberufung von einem solchen Verbannungsorte statt. Die Inseln Hatsisjö,
Sado, Oki, Goto, sowie die Kurilen sind die gewöhnlichsten Verbannungsorte. Erstere
1 In den letzten Jahrhunderten wurde diese Strafe in Wirklichkeit wohl kaum vollzogen. Nach
den Strafvorschriften, welche inzwischen bekannt geworden sind, scheint es sich blofs um eine schein-
bare Absägung gehandelt zu haben. Der Delinquent wurde sofort getötet und die mit Blut befleckte
Holzsäge als Abschreckungsmittel neben dem Kadaver ausgestellt. Bemerk, zur 2. Aufl.
5. Beiträge zur Kenntnis der japanischen Rechtspflege.
4T7
Inseln für Vornehme und für politische Vergehen. Die Zurückberufung von einer
entfernten Verbannung findet, wie gesagt, höchst selten statt und niemals eher als
nach Verlauf von fünf Jahren. Eine allgemeine Begnadigung bei Gelegenheit grofser
Festlichkeiten am Hofe des Sjögun und bei glücklichen Staatsereignissen giebt dazu
manchmal Veranlassung. Eine leichtere Art der Verbannung ist die Ausweisung aus
einer Provinz mit einem angewiesenen Wohnsitz an einem anderen Orte. Hier ge-
niefst der Sträfling zwar seine Freiheit, er steht jedoch unter polizeilicher Aufsicht.
Früher gab es zu diesem Zwecke besondere Fandschaften: die Fandschaften von
Jetsizen und Aki galten als nicht zu entfernte Verbannungsdistrikte und für eine
mittlere Verbannung wurden die Fandschaften Sinano und Ijo gewählt, während
die Fandschaften Idsu, Awa, Hitatsi und Tosa, sowie die Inseln Sado und Oki schon
als entfernt liegende Verbannungsorte gelten.
Die Ausweisung von dem Wohnorte bezieht sich in grofsen Städten gewöhnlich
auf einen gewissen Radius um dieselben, nach Strafsen (Matsi) berechnet. Aufserhalb
der Städte wird diese Ausweisung auf eine gewisse Anzahl von Meilen (Ri) bestimmt.
Die Haft findet blofs während der Untersuchung statt und kennt man davon
mehrere Gattungen. Der leichtere Grad derselben wird mit dem Namen Heimon be-
zeichnet, wörtlich Verschlufs der Hausthüre.
In dieser milden Form des Hausarrestes kann jedoch die von demselben be-
troffene Persönlichkeit im geheimen ausgehen. Das Hauptthor des Hauses bleibt
verschlossen und wird gerichtlich versiegelt. Bei einem schweren Hausarrest, den
man Osikome nennt, darf die damit belegte Person die Wohnung nicht verlassen.
Er hat Hausarrest im strengsten Sinne und ist derselbe gehalten, sein Kopfhaar und
Bart wachsen zu lassen, in ähnlicher Weise wie dieses sonst bei der Trauer geschieht.
Der Gefangene hat ja auch eine Art Trauer durchzumachen. In ein öffentliches Ge-
fängnis kommen blofs gemeine Verbrecher in Kriminalsachen während der Unter-
suchung. Sie werden dort entweder einzeln oder zusammen in kleinen oft sehr un-
bequemen käfigartigen Behältern eingeschlossen und sorgfältig bewacht. Einzelne* Zellen
sind zuweilen mit hölzernen Nägeln am Boden und mit anderen Vorrichtungen zur
Verschärfung der Strafe versehen und sozusagen wahre Folterkammern. In diese
Räume kommen übrigens nur Missethäter, um sie durch die dort auszustehenden
Qualen zum Geständnisse zu zwingen. Man hat auch tragbare Käfige aus Metall-
geflecht, welche dazu dienen, die Gefangenen hin und her zu transportieren. Die
Gefängnisstrafe wird bei Verbrechern aus dem gemeinen Volke gewöhnlich nicht an-
gewandt. Jedoch im Falle, wo der Beschuldigte aller Wahrscheinlichkeit nach schuldig
ist, aber dennoch nicht eingesteht, was zu seiner Überführung nötig ist, werden diese
extremen Mittel angewandt und er auch in längerer Haft behalten, um das Begehen
neuer Verbrechen zu vermeiden. In solchen Fällen tritt bei gemeinen Deuten auch
lebenslängliche Gefangenschaft ein.
Von den Feibesstrafen.
Zur Zeit der Regierung des Mikado Monmu (698 n. Chr.), wo das chinesische
Strafgesetzbuch der Sui-Dynastie in Japan eingeführt wurde, galt auch hier die in
China so allgemeine Bestrafung mit Bambusschlägen. Seit den letzten Jahrhunderten
sind jedoch Stockschläge in Japan abgeschafft.
v. Siebold, Nippon I. i, Aufl.
27
4 1 8
Abteilung II. Volk und Staat.
Als eine empfindliche Leibesstrafe kann aber auch das Fesseln der Hände
mittelst eigentümlicher Handschellen gelten, zumal da diese Strafe auf kürzere oder
längere Zeit angewandt und bis auf io Tage ausgedehnt wird. Die Fesseln werden
einen um den andern Tag nachgesehen.
In Bildertafeln wird auch der in China gebräuchlichen Halsblöcke, Halseisen und
der Fufsblöcke erwähnt. Ein öffentlicher Gebrauch wird von diesen Werkzeugen aber
in Japan nicht gemacht, möglicherweise können sie hie und da in Gefängnissen an-
gewendet werden.
Von den Ehrenstrafen.
Als Symbol der Ehrenstrafen besteht in Japan ein dem Brandmarken ähnliches
Verfahren. Man nennt es Iresumi, was wörtlich «Tusche eintragen» heifst. Es be-
steht in der Tättowierung gewisser Zeichen in die Haut des Delinquenten. Gewöhn-
lich sind es breite schwarze Streifen, welche an einem der Arme desselben angebracht
werden, bald im Vorder- bald im Oberarm, je nach Verschiedenheit des Ortes und
der Landschaft, wo die Strafe vollzogen wird. Selten besteht das Zeichen aus einem
Buchstaben, wie z. B. das chinesische Schriftzeichen Ho, der in der Landschaft Aki
gebräuchlich ist. Ein anderes chinesisches Zeichen wird in der Landschaft Ki
auf dem Oberarm, und in der Landschaft Tamba sogar mitten auf der Stirne des
Verbrechers angebracht. Übrigens scheint das Tättowieren nicht überall im Reiche
gebräuchlich und hauptsächlich in den Reichsstädten und im Gebiete des Sjögun ange-
wandt zu werden. Die uns bekannt gewordenen Zeichen sind Fig. 51 mitgeteilt.
Auch Individuen der Jettaklasse findet man zuweilen mit diesen Abzeichen ge-
brandmarkt. Wahrscheinlich sind es ehemalige Sträflinge, wrelche unter dieser ver-
achteten Volksklasse ihren Aufenthalt genommen haben. Dieses Brandmarken wird
bei gewöhnlichem Diebstahl, welcher den Wert von 10 Coban nicht übersteigt, bei
der ersten Verurteilung gewöhnlich appliziert.
Das öffentliche Ausstellen auf einem Kreuzwege oder auf einem Marktplatze ver-
tritt in Japan die Stelle des Prangers. Es wird Sarasi genannt und der Sträfling ge-
wöhnlich sieben Tage lang mit auf den Rücken gebundenen Händen und mit einer
Tafel auf der Brust, welche seinen Namen und die Art des Verbrechens kund thut,
ausgestellt.
Die Ehrlosigkeit besteht in dem Verlust der Ehre und der von dieser abhängigen
Rechte. Zu diesem Kapitel gehört auch die gerichtliche Beschlagnahmung einer Leiche
und Verweigerung eines ehrlichen Begräbnisses. Solche Leute werden zur Klasse der
Hinin degradiert. Priestern, welche sich Unzuchtsverbrechen schuldig gemacht haben
und ebenso Personen, welche sich gegenseitig das Leben zu nehmen versucht haben,
werden auf diese Weise zu Hinin degradiert. Das geltende Strafgesetz enthält übrigens
höchst eigentümliche Bestimmungen, wie z. B. eine verheiratete Frau, welche durch
einen Priester entehrt wird, selbst im Falle erwiesener Notzucht strafbar wird. Es
wird ihr der Kopf kahl geschoren und sie darauf in ein Kloster gebracht. Nicht
minder fremd kommt uns die Bestrafung einer Verlobten vor, die sich von einem
anderen verführen läfst. Eine solche wird nämlich aus ihrem väterlichen Hause aus-
gestofsen und vom Gerichte in ein Bordell verwiesen.
Unter den Ehrenstrafen ist noch die Suspension und der Verlust von Würden
und Ämtern zu erwähnen, eine Strafe, welche bei der grofsen Verantwortlichkeit der
5. Beiträge zur Kenntnis der japanischen Rechtspflege.
419
Staatsdiener ziemlich häufig in Japan stattfindet. Auch die sogenannten demütigenden
und beschämenden Strafen kommen vor und bestehen in einem seitens der Obrigkeit
zu erteilenden Verweise. Auch die Verurteilung zur Leistung einer Abbitte findet
nicht selten Anwendung.
Von den Vermögensstrafen.
Die aus Übereilung und Nachlässigkeit unabsichtlich begangenen Vergehen (wohl
zu bemerken im Auge der japanischen Rechtspflege) werden mit einer Geldbufse
bestraft u. z. nach dem Münzwert von 5 — 20 Silber-Mei und darüber. Auch Kon-
fiskation des Eigentums findet häufig statt: so giebt es drei Arten von Konfiskationen,
nämlich eine totale, eine temporäre und eine halbe Konfiskation. Die beiden ersten
Arten sind durch ihre Benennung hinlänglich bezeichnet. Die halbe Konfiskation, auf
japanisch Hanketssjö genannt, besteht darin, dafs das Eigentum des Betreibenden
gerichtlich veräufsert wird und von dem Erlöse die eine Hälfte dem Gerichte verfällt
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und die andere dem Verurteilten zurückgegeben wird.
Vollziehung der Todesstrafe beim hohen und niederen Adel.
Dieselbe geschieht durch gezwungene Selbstentleibung mittelst Leibaufschlitzen
in der Gegenwart von offiziellen Zeugen oder durch Hinrichtung mit dem Schwerte.
Im ersten Falle erhält der Verbrecher, wenn er ein Vasall oder Unterthan des
Sjögun ist, von diesem selbst, oder, wenn er Unterthan eines regierenden Landes-
fürsten ist, von letzterem unter dem Geremoniell eines gewöhnlichen Geschenkes
einen kleinen Säbel zugeschickt, der ihm in Gegenwart eines Metsuke (Mitglied des
Censorates) und einiger Gerichtspersonen überreicht wird. Gewöhnlich wird dem
Verurteilten vorher ein Wink gegeben, was ihm bevorsteht, so dafs er darauf vorbe-
reitet ist. Er empfängt nun in einem besondern, für diese Ceremonie vorgeschriebenen
Staatsgewande die Deputation mit dem verhängnisvollen Säbel, vernimmt darauf die
Verkündigung seines Urteils und schreitet sofort in Gegenwart des obenerwähnten
Amtspersonals zur Ausführung des Selbstmordes. In den Fällen, w7o es sich um einen
regierenden Fürsten handelt, der auf diese Weise zum Tode verurteilt ist, ge-
schieht der Selbstmord im Beisein seines Hofstaates. Die Handlung selbst wird durch
einen kunstgerechten Schnitt in den Unterleib eröffnet und darauf dem Unglücklichen
gewöhnlich von einem hinter ihm stehenden Freunde oder Diener mit einem langen
Schwerte der Kopf abgehauen. Diese Enthauptung findet auch in den Fällen statt,
wo der Verurteilte sich aufser stände fühlt, das Leibaufschlitzen an sich selbst
vorzunebmen, oder in dem seltenen Falle, w7o er sich weigern sollte, dasselbe zu voll-
ziehen. Die Geschichte kennt übrigens kaum ein Beispiel, dafs ein japanischer
Staatsbeamter oder Ritter sich der Ausübung des gezwungenen Selbstmordes ent-
zogen hat.
Der Akt des gezwungenen Leibaufschlitzens findet auch häufig in einem bud-
dhistischen Tempel statt, wohin der Verurteilte, wenn er bereits als Gefangner be-
trachtet ward, in einem mit einem Drahtgitter versehenen I ragsessel gebracht wird.
Der Tempel ist von aufsen mit weifsen Blenden behängen und innen ein Sitzplatz
von etwa zwei Meter im Viereck hergerichtet, welcher mit Strohmatten und einem
weifsen Tuche bedeckt und manchmal an den vier Ecken mit Blumen geschmückt ist.
27*
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Abteilung II. Volk und Staat.
Hier läfst sich der Unglückliche nieder, in seine Staatsgewänder gekleidet, welche
gewöhnlich aus einem weifsen Unterkleid und einem Mantel (Haori) von unge-
bleichtem Hanf nach Art der Trauerkleider bestehen.
Auf den Knieen empfängt er das verhängnisvolle Geschenk des Säbels und
öffnet sich durch einen kurzen Schnitt seitwärts den Unterleib. Als Zeichen von
besonderem Mute gilt es, wenn er sich darauf noch die Kehle durchbohrt. Für
Leute geringeren Standes soll in Jedo sogar ein besonderes Lokal zur Vollziehung
des Leibaufschlitzens eingerichtet sein. Manchmal findet vor der Vollziehung des
Selbstmordes ein Trinkgelage statt, wrobei die Freunde und Verwandten von dem
Verurteilten Abschied nehmen. Es gehört faktisch mit zur guten Erziehung eines
Japaners der Adels- oder Militärklasse, sich kunstgerecht und mit Anstand den Leib
aufzuschneiden. In der Garderobe jedes Adeligen und bei Personen höheren Ranges
findet sich auch das obenerwähnte Staats- oder Todeskleid enthalten auf bewahrt.
5. Beiträge zur Kenntnis der japanischen Rechtspflege.
421
Die Hinrichtung mit dem Schwerte findet bei den vornehmen Japanern auf
eine zweifache Weise statt. Entweder findet die Enthauptnng gleichzeitig bei der
feierlichen Überreichung eines Fächers statt, welcher ihm zugeschickt wird, wobei dem
Delinquenten bei der Empfangnahme des Fächers mit vorgestrecktem Halse der Kopf
vom Rumpfe getrennt wird, oder es findet die Enthauptung auf ähnliche Weise statt
wie bei den gemeinen Verbrechern, in welchem Falle sodann der Delinquent ge-
fesselt ist. Die erstere Form der Todesstrafe wird nur bei schweren Verbrechern voll-
zogen. Die Ceremonie ist ähnlich wie bei der Überreichung des Säbels, nur wird
in diesem Falle dem Verurteilten blofs ein Fächer überreicht, welcher auf einem er-
habenen Präsentierteller vor ihn hingestellt wird. Der Verurteilte, welcher in der ge-
wöhnlichen Haltung knieend auf den Matten sich befindet, mufs diesen Fächer mit
einer Verbeugung als Zeichen seines Dankes empfangen und mit emporgehobenen
Händen erheben. In diesem Moment schlägt ihm ein Soldat von rückwärts das
Haupt ab.
Die Enthauptung nach vorhergegangener Fesselung wird bei den Vornehmen
selten angewendet und innerhalb eines Jahrhunderts sollen nur wenige Fälle vorge-
kommen sein, wo die Vollziehung der Todesstrafe in dieser Weise vor sich ge-
gangen ist.
Die anderweitigen Strafen beim Adelsstände sind Gefängnis und zwar lebens-
länglich. Damit werden aber blofs Fürsten, Vasallen des Sjögun und andere Reichs-
grolse bestraft; meistenteils tritt diese Strafe bei der Begnadigung nach erfolgter Ver-
urteilung zum Tode ein. Der Gefangene steht nachher unter strenger Aufsicht und
unter der Verantwortlichkeit des Fürsten, in dessen Land er gefangen gehalten wird.
Auch diese Strafe findet selten Anwendung.
Verbannung und Auspeitschung.
Vasallen und Unterthanen des Sjögun werden häufig mit Verbannung bestraft.
Die Vornehmen werden nach den Inseln Hatsisjo und Oki, die Leute geringeren
Standes nach der Insel Sado und den Goto-Inseln verschickt.
Die Auspeitschung aus dem Schlosse oder dem Palaste ist eine sonderbare
Strafe, welche stets mit Degradation verbunden ist. Sie wird nur an Offizieren und
Soldaten des Sjögun oder der Landesfürsten vollstreckt wegen Feigheit und anderer
militärischer Vergehen. Der Verurteilte wird in einem feierlichen Zuge bis an das
Burgthor geführt (in Jedo bis an das Brückenthor Tokiwabasi). Hier werden ihm
seine Standesabzeichen, wie z. B. das Wappen, abgerissen, und seine zwei Säbel
werden mit Stroh umwunden und in den Schlofsgraben geworfen, der Entehrte wird
darauf mit einem Strohseil umgürtet und unter Stockschlägen zum I höre hinaus-
gejagt — also ausgepeitscht.
Ferner kommen beim Adel und bei der Militärklasse bei gewissen Vergehen
die bereits obenerwähnten Ehren- und Vermögensstrafen, wie Absetzung, Ent-
lassung, Entziehung des Gehaltes, auch Geldstrafe und sogar Konfiskation des Ver-
mögens in Anwendung.
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Übersichtstabelle der politischen Einteilung des Japanischen Reichs zur Zeit des Sjögunats.
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